Antirassistische Praxis
Heute treffen wir uns hier, um mit einer bunten, lauten Demonstration gegen
Rassismus und Fremdbestimmung anzustänkern. Das ist wichtig. Aber auch
zu wenig. Denn es bleibt ein Event ... mit all seinen Beschränkungen:
Die staatliche Abschiemaschinerie, rassistische Diskurse und alltägliche
Diskrimierungen gegen Nicht-Deutsche, MigrantInnen und Unangepasste laufen
weiter. Mir ist es zu wenig, am Wochende gegen Nazis und Fremdenfeindlichkeit
zu demonstrieren. Mir ist es zu wenig, sich mit dem Label Antirassismus zu
schmücken, während ich den beschissenen Zuständen ansonsten
ziemlich hilflos gegenüberstehe. Daher ein paar Gedanken dazu, was eine
umfassande antirassistischer Praxis sein könnte, die über Solidaritätsbekundungen
hinaus geht und auch den Alltag nicht vergisst. Hintergrund dafür sind
Debatten zu kreativem Widerstand und Organisierung von unten, denen ich mich
zugehörig fühle.
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Antirassismus und Herrschaftskritik verbinden!
Antirassismus ist für mich immer ein Teil des Kampfes für eine
freie Gesellschaft. Ich habe insgesamt ein Problem damit, dass Menschen unterdrückt,
normiert und diskriminiert werden. Ich träume von einer Welt ohne Grenzen,
ohne Einteilung in Nationen, ohne Herrschaftstrukturen. Aus meiner Sicht
ist es daher falsch, Herrschaftskritik und Antirassismus zu trennen.
Es ist falsch, gegen Rassismus mehr Gesetze und härtere Strafverfolgung
zu fordern. Wer höhere Strafen für Nazis fordert, fordert den Ausbau
staatlicher Apparate - und stärkt damit genau die Stellen, welche die
tödliche Abschiebepraxis Tag für Tag in die Tat umsetzen. Selbst
wenn damit punktuelle Verbesserungen einher gehen, wird Herrschaft an anderer
Stelle gestärkt. Das trotzdem zu fordern bedeutet, Rassismus von anderen
Unterdrückungssverhältnissen abzukoppeln, Herrschaft auszublenden
... und den Umstand, dass diese nie neutral ist. Solange es Abschiebeknäste,
Polizei und Repressionsorgane gibt, werden diese in der Tendenz auch genutzt
werden. Herrschaft selber ist nicht die Lösung, sondern das Problem!
Antirassismus braucht daher Herrschaftskritik und sollte immer in Verbindung
mit anderen Teilbereichskämpfen gedacht werden. Leider fehlt diese Verbindung
häufig, wie ein aktuelles Beispiel zeigt. Nächstes Wochenende stehen
Wahlen an. Wieder gibt es massenweise Aufrufe linker Gruppen, Stoiber zu
verhindern. Obwohl bekannt ist, dass die Verschärfung von Sicherheitsgesetzen,
Kriege und rassistische Rasterfahndungen unter der rot-grünen Regierung
zustande kamen ... doch kurz vor der Wahl verfallen viele in die Logik kleinerer
Übel. All diese Wahlaufrufe verwechseln Widerstand mit der Abgabe der
Stimme, ohne zu sehen, dass damit die Ohnmacht der Menschen nur fest geschrieben
wird. So richtig ich das Ziel finde, Stoiber zu stoppen, so falsch ist die
Fixierung auf Wahlen:
Das Problem sind nicht rechte PolitikerInnen bzw. Parteien, sondern die unzähligen
Menschen, die einer rassistischen Politik zustimmen, sie stillschweigend
dulden oder als einzige Aktion das Kreuz dagegen propagieren. Das Problem
sind rassistische Diskurse, die jeden Winkel von Gesellschaft durchziehen
und sich in den Köpfen fast aller Menschen niederschlagen. Wahlen helfen
dagegen nicht .... Rassismus ist nicht abwählbar. Davon abgesehen ist
es nicht gerade umsichtig, da MigrantInnen wie Kinder und entmündigte
Menschen überhaupt nicht wählen dürfen. Wichtig ist der Widerstand
vieler auf den Straßen, die direkte Intervention gegen rassistisches
Verhalten. Wichtig sind direkte Aktionen und der Eingriff in gesellschaftliche
Debatten mit dem Ziel, emanzipatorische Prozesse in Gang zu setzen. |
Antirassismus im Alltag
Antirassismus muß nicht auf Events beschränkt sein. Gerade unser
Alltag bietet viele Möglichkeiten, sich rassistischen Verhältnissen
zu widersetzen. Nicht nur deshalb, weil der Alltag zum Leben dazugehört
und sich die Frage stellt, warum wir gerade da, wo wir den größten
Gestaltungsspielraum haben, auf emanzipatorische Ziele verzichten sollten.
Den Alltag zum Ort von kreativem Widerstand und visionärer Debatte zu
machen ist vor allem deshalb schlau, weil er immer und überall vorhanden
ist. Die Diskriminierung nach Geschlecht, Hautfarbe, Alter oder Leistungsfähigkeit,
die willenlose Ergebenheit gegenüber Autoritäten und Institutionen,
die totale Konkurrenz bis in jedes Spiel hinein - all das begegnet uns immer
und überall. So grauselig das ist, es ist auch die Chance, Widerstand
zu leben, direkte Aktion zur Alltagsgestaltung zu machen und so auszubrechen
aus der permanenten Ohnmacht, aus dem Ausgeliefertsein gegenüber Zuständen,
die wir sonst nur zu besonderen Events angreifen ... wie andere Weihnachten
feiern.
Widerstand im Alltag ersetzt die großen, breit öffentlich angelegten
Aktionen nicht, sondern ist eine eigene Aktionsform. Und sie hat viele Facetten:
Jede Herrschafts - bis Gewaltausübung zwischen Menschen kann und sollte
Ort der direkten Intervention sein - nicht auf andere warten, nicht denken
„das könnte ja auch ...“ und nicht die Polizei rufen, wenn es auch direkt
geht. Das bedeutet konkret: Bei rassistischen Kontrollen durch BGS-Beamte
In Bahnhöfen und anderswo ... nicht mehr wegsehen und weiter gehen,
sondern dazu stellen, Nachfragen an die BGSlerInnen richten. Oder einfach
auf die Situation aufmerksam machen, laut sagen: „Hier sehen sie staatlichen
Rassismus“ und um Unterstützung bitten. Zu zweit gibt es bereits mehr
Möglichkeiten ... verstecktes Theater, Überidentifizierung, das
Verteilen kleiner Handzettel usw. Gleiches gilt für alle anderen Situationen,
in denen uns Rassismus begegnet ... in Form rassistischer Stammtischparolen,
Anmachen oder der Bevormundung von Nicht-Deutschen.
Das ist sicher nicht einfach, da wir alle mehr oder weniger Ängste und
Zurichtungen mit uns bringen, die auch mir oft im Wege stehen. Deshalb bedarf
es der Vorbereitung, am besten des Trainings und Gruppenstrukturen, die uns
mit unseren Ängsten auffangen. Und dieser Versuch ist ungemein wichtig:
Überall wo Menschen im Alltag direkt intervenieren eröffnet sich
die Chance zur Thematisierung von Rassismus, Diskussionen und kleine Prozesse
... manchmal sogar mit ‚handfesten‘ Erfolgen: Vor zwei Wochen verhinderte
ein Fluggast in Berlin-Tegel die gewaltsame Abschiebung eines jungen Mannes.
Der Abschiebehäftling sollte in Begleitung des BGS mit einem Linienflug
der ungarischen Fluggesellschaft MALEV von Berlin via Budapest abgeschoben
werden. Der Fluggast, der das Vorhaben bemerkte, weigerte sich hartnäckig
seinen Platz in der Maschine einzunehmen und blieb im Gang stehen. Nach längerem
und heftigem Wortwechsel entschied der Flugkapitän daraufhin weder den
Fluggast, noch den Abschiebehäftling, mitfliegen zu lassen. |
Antirassistischer Widerstand
Antirassisismus muß nicht auf Events beschränkt sein. Es ist sehr
wohl möglich, erfolgreich Sand ins Getriebe der Abschiebemaschinerie
zu streuen - auch wenn das System als solches weiter besteht. Dafür
gibt es Beispiele ... hier ein bemerkenswertes aus Italien: Ende Januar stürmte
eine Gruppe von etwa 100 entschlossenen Menschen Abschiebeknast in Bologna,
der so eben fertig gestellt wurde. Bei hellichtem Tag wurde der Knast von
unvermummt agierenden Menschen Stück für Stück demontiert.
Dieser Knast war gedacht, um Menschen bis zur Abschiebung zu internieren,
deren einziges „Vergehen“ darin besteht, keine Papiere zu haben.
Nun gibt es in Italien eine ganz andere Widerstandskultur und mehr Erfahrungen
mit direkten Aktionen. Aber auch in der BRD gibt es Beispiele für entschlossenen
antirassistischen Widerstand mit Erfolg: Anfang des Jahres verhinderten in
Bremen 120 Menschen durch geschickte Blockaden und weitere Aktionen vorläufig
die Abschiebung einer kurdischen Familie. In Bremen sind mehr als fünfhundert
staatenlose Kurdinnen und Kurden aus dem Libanon seit mehr als zwei Jahren
akut von Abschiebung bedroht. Seit gut 10, einige sogar schon seit 15 Jahren
leben sie als Flüchtlinge in Bremen. Die meisten sind als Kinder und
Jugendliche dort aufgewachsen, gehen zur Schule, machen ihre Lehre oder Ausbildung.
Dies, während ihre Eltern durch die Asylgesetzgebung und das bis heute
währende faktische Arbeitsverbot auf den Bittstellerstatus verdammt
sind: zum Nichtstun, zur organisierten Langeweile, zum ausgegrenzten Fremden.
Trotz vieler Aktionen stand irgendwann der Abschiebtermin für die erste
Familie vor der Tür ... ab 6.00 Uhr morgens sollten sie sich zum "Abtransport"
bereithalten, wobei ein Sohn der Familie bereits Montag früh von der
Polizei in Abschiebehaft gesteckt wurde. Doch die Sondergruppe des Ausländeramtes
Bremen, die Polizei und PolitikerInnen hatten die Rechnung ohne eine Gruppe
von FrühausteherInnen gemacht. Pünktlich um 5.30 Uhr versammelten
sich über 120 SchülerInnen, AntirassistInnen, AntifaschistInnen
und viele andere vor dem Haus der Familie Z. in der Bremer Neustadt. Die
mit Holzpaletten, Tannenbäumen und anderem Spermüll ausgestatteten
FrühaufsteherInnen blockierten die Strasse und die Strassenbahnschienen
mit zwei Barrikaden. Dann wurde ein fester Menschenblock vor den Eingängen
des Einfamilienhauses gebildet, Ketten gemacht, Transparente zum Schutz gehalten
und Pink-Silver-AktivistInnen begannen, zwischen den Barrikaden, künstlerisch
radikale Performance darzubieten. Mit Megaphondurchsagen und Flugblättern
wurden NachbarInnen und der langsam einsetzende Berufsverkehr (ausnahmsweise
nur zu Fuß - Strasse war ja dicht) über die Aktion informiert
und aufgefordert, sich der Blockade anzuschliessen. Die Resonanz war gut,
einige Menschen blieben stehen, unterhielten sich mit den AktivistInnen und
zeigten ihre Solidarität. Die Bremer Polizei war von den Aktivitäten
überrascht worden.
Entgegen vieler Erwartungen ließen größere Polizeieinheiten
auf sich warten. Das tat der Stimmung vor Ort allerdings keinen Abbruch,
es wurden weiter Parolen gerufen und Tee geschlürft, der von netten
Menschen an die Blockade herangetragen wurde. Gegen 8.00 Uhr etwa setzten
sich dann 20 müde aussehende Bullen ihre Helme auf, schlenderten zu
den Barrikaden und begannen mit der Unterstützung von den Bremer Entsorgungsbetrieben
die Barris abzubauen. Pink-Silver erschwerte ihnen diese Arbeit gehörig.
Nach getaner Arbeit setzten die Bullen ihre Helme wieder ab und verkrümmelten
sich in ihre Autos - ihnen war nur wichtig das der Verkehr wieder läuft!
Über das Megaphon wurde kurze Zeit später verkündet, daß
die Ausländerbehörde und die Polizei gegenüber der Presse
versichert hätten, heute fände keine Abschiebung mehr statt. Somit
konnte die Blockade des Wohnhauses der Familie Z. dann beendet werden, wobei
es zu keiner Zeit ein Beinbruch gewesen wäre, hätte die Polizei
die Blockade vorm Haus aufgelöst und den Innenbereich gestürmt
- die Familie war nämlich gar nicht anwesend.
Natürlich kann dadurch die staatliche Abschiebemaschinerie nicht ausgeschaltet
werden - dazu wären erheblich breitere Proteste und mehr Bewegung erforderlich.
Aber es deutet zumindest an, dass Widerstand möglich ist, dass Entschlossenheit,
Übung und Kreativität einen Ausweg aus der Ohnmächtigkeit
schaffen können. Diese Beispiele stehen am Ende meiner Rede, weil sie
mir Mut machen, sich Rassismus zu widersetzen ... und natürlich hoffe
ich, dass sich dieser Mut auch auf andere, auf euch überträgt!
Und auch wenn Rassismus hier den Schwerpunkt bildete, ist das Gesagte auf
alle anderen Bereiche übertragbar, wo Menschen sich gegen Herrschaft
wehren. Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, die Entmündigung von
Kindern und psychatrisierten Menschen, rassistische Klischees - überall
sind es ähnliche Logiken, die Menschen unterschiedliche Wertigkeiten
zuschreiben und benutzt werden, um Hierarchien zu rechtfertigen. Überall
besteht die Notwendigkeit, Herrschaft anzugreifen ...
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