Redebeitrag zu Antirassismus im Alltag
(14.9.2002 auf der Demo in Gießen)

Siehe auch: Bericht der Demo

Antirassistische Praxis

Heute treffen wir uns hier, um mit einer bunten, lauten Demonstration gegen Rassismus und Fremdbestimmung anzustänkern. Das ist wichtig. Aber auch zu wenig. Denn es bleibt ein Event ... mit all seinen Beschränkungen: Die staatliche Abschiemaschinerie, rassistische Diskurse und alltägliche Diskrimierungen gegen Nicht-Deutsche, MigrantInnen und Unangepasste laufen weiter. Mir ist es zu wenig, am Wochende gegen Nazis und Fremdenfeindlichkeit zu demonstrieren. Mir ist es zu wenig, sich mit dem Label Antirassismus zu schmücken, während ich den beschissenen Zuständen ansonsten ziemlich hilflos gegenüberstehe. Daher ein paar Gedanken dazu, was eine umfassande antirassistischer Praxis sein könnte, die über Solidaritätsbekundungen hinaus geht und auch den Alltag nicht vergisst. Hintergrund dafür sind Debatten zu kreativem Widerstand und Organisierung von unten, denen ich mich zugehörig fühle.

Antirassismus und Herrschaftskritik verbinden!

Antirassismus ist für mich immer ein Teil des Kampfes für eine freie Gesellschaft. Ich habe insgesamt ein Problem damit, dass Menschen unterdrückt, normiert und diskriminiert werden. Ich träume von einer Welt ohne Grenzen, ohne Einteilung in Nationen, ohne Herrschaftstrukturen. Aus meiner Sicht ist es daher falsch, Herrschaftskritik und Antirassismus zu trennen.
Es ist falsch, gegen Rassismus mehr Gesetze und härtere Strafverfolgung zu fordern. Wer höhere Strafen für Nazis fordert, fordert den Ausbau staatlicher Apparate - und stärkt damit genau die Stellen, welche die tödliche Abschiebepraxis Tag für Tag in die Tat umsetzen. Selbst wenn damit punktuelle Verbesserungen einher gehen, wird Herrschaft an anderer Stelle gestärkt. Das trotzdem zu fordern bedeutet, Rassismus von anderen Unterdrückungssverhältnissen abzukoppeln, Herrschaft auszublenden ... und den Umstand, dass diese nie neutral ist. Solange es Abschiebeknäste, Polizei und Repressionsorgane gibt, werden diese in der Tendenz auch genutzt werden. Herrschaft selber ist nicht die Lösung, sondern das Problem!
Antirassismus braucht daher Herrschaftskritik und sollte immer in Verbindung mit anderen Teilbereichskämpfen gedacht werden. Leider fehlt diese Verbindung häufig, wie ein aktuelles Beispiel zeigt. Nächstes Wochenende stehen Wahlen an. Wieder gibt es massenweise Aufrufe linker Gruppen, Stoiber zu verhindern. Obwohl bekannt ist, dass die Verschärfung von Sicherheitsgesetzen, Kriege und rassistische Rasterfahndungen unter der rot-grünen Regierung zustande kamen ... doch kurz vor der Wahl verfallen viele in die Logik kleinerer Übel. All diese Wahlaufrufe verwechseln Widerstand mit der Abgabe der Stimme, ohne zu sehen, dass damit die Ohnmacht der Menschen nur fest geschrieben wird. So richtig ich das Ziel finde, Stoiber zu stoppen, so falsch ist die Fixierung auf Wahlen:
Das Problem sind nicht rechte PolitikerInnen bzw. Parteien, sondern die unzähligen Menschen, die einer rassistischen Politik zustimmen, sie stillschweigend dulden oder als einzige Aktion das Kreuz dagegen propagieren. Das Problem sind rassistische Diskurse, die jeden Winkel von Gesellschaft durchziehen und sich in den Köpfen fast aller Menschen niederschlagen. Wahlen helfen dagegen nicht .... Rassismus ist nicht abwählbar. Davon abgesehen ist es nicht gerade umsichtig, da MigrantInnen wie Kinder und entmündigte Menschen überhaupt nicht wählen dürfen. Wichtig ist der Widerstand vieler auf den Straßen, die direkte Intervention gegen rassistisches Verhalten. Wichtig sind direkte Aktionen und der Eingriff in gesellschaftliche Debatten mit dem Ziel, emanzipatorische Prozesse in Gang zu setzen.

Antirassismus im Alltag

Antirassismus muß nicht auf Events beschränkt sein. Gerade unser Alltag bietet viele Möglichkeiten, sich rassistischen Verhältnissen zu widersetzen. Nicht nur deshalb, weil der Alltag zum Leben dazugehört und sich die Frage stellt, warum wir gerade da, wo wir den größten Gestaltungsspielraum haben, auf emanzipatorische Ziele verzichten sollten. Den Alltag zum Ort von kreativem Widerstand und visionärer Debatte zu machen ist vor allem deshalb schlau, weil er immer und überall vorhanden ist. Die Diskriminierung nach Geschlecht, Hautfarbe, Alter oder Leistungsfähigkeit, die willenlose Ergebenheit gegenüber Autoritäten und Institutionen, die totale Konkurrenz bis in jedes Spiel hinein - all das begegnet uns immer und überall. So grauselig das ist, es ist auch die Chance, Widerstand zu leben, direkte Aktion zur Alltagsgestaltung zu machen und so auszubrechen aus der permanenten Ohnmacht, aus dem Ausgeliefertsein gegenüber Zuständen, die wir sonst nur zu besonderen Events angreifen ... wie andere Weihnachten feiern.
Widerstand im Alltag ersetzt die großen, breit öffentlich angelegten Aktionen nicht, sondern ist eine eigene Aktionsform. Und sie hat viele Facetten: Jede Herrschafts - bis Gewaltausübung zwischen Menschen kann und sollte Ort der direkten Intervention sein - nicht auf andere warten, nicht denken „das könnte ja auch ...“ und nicht die Polizei rufen, wenn es auch direkt geht. Das bedeutet konkret: Bei rassistischen Kontrollen durch BGS-Beamte In Bahnhöfen und anderswo ... nicht mehr wegsehen und weiter gehen, sondern dazu stellen, Nachfragen an die BGSlerInnen richten. Oder einfach auf die Situation aufmerksam machen, laut sagen: „Hier sehen sie staatlichen Rassismus“ und um Unterstützung bitten. Zu zweit gibt es bereits mehr Möglichkeiten ... verstecktes Theater, Überidentifizierung, das Verteilen kleiner Handzettel usw. Gleiches gilt für alle anderen Situationen, in denen uns Rassismus begegnet ... in Form rassistischer Stammtischparolen, Anmachen oder der Bevormundung von Nicht-Deutschen.
Das ist sicher nicht einfach, da wir alle mehr oder weniger Ängste und Zurichtungen mit uns bringen, die auch mir oft im Wege stehen. Deshalb bedarf  es der Vorbereitung, am besten des Trainings und Gruppenstrukturen, die uns mit unseren Ängsten auffangen. Und dieser Versuch ist ungemein wichtig:
Überall wo Menschen im Alltag direkt intervenieren eröffnet sich die Chance zur Thematisierung von Rassismus, Diskussionen und kleine Prozesse ... manchmal sogar mit ‚handfesten‘ Erfolgen: Vor zwei Wochen verhinderte ein Fluggast in Berlin-Tegel die gewaltsame Abschiebung eines jungen Mannes. Der Abschiebehäftling sollte in Begleitung des BGS mit einem Linienflug der ungarischen Fluggesellschaft MALEV von Berlin via Budapest abgeschoben werden. Der Fluggast, der das Vorhaben bemerkte, weigerte sich hartnäckig seinen Platz in der Maschine einzunehmen und blieb im Gang stehen. Nach längerem und heftigem Wortwechsel entschied der Flugkapitän daraufhin weder den Fluggast, noch den Abschiebehäftling, mitfliegen zu lassen.

Antirassistischer Widerstand

Antirassisismus muß nicht auf Events beschränkt sein. Es ist sehr wohl möglich, erfolgreich Sand ins Getriebe der Abschiebemaschinerie zu streuen - auch wenn das System als solches weiter besteht. Dafür gibt es Beispiele ... hier ein bemerkenswertes aus Italien: Ende Januar stürmte eine Gruppe von etwa 100 entschlossenen Menschen Abschiebeknast in Bologna, der so eben fertig gestellt wurde. Bei hellichtem Tag wurde der Knast von unvermummt agierenden Menschen Stück für Stück demontiert. Dieser Knast war gedacht, um Menschen bis zur Abschiebung zu internieren, deren einziges „Vergehen“ darin besteht, keine Papiere zu haben.
Nun gibt es in Italien eine ganz andere Widerstandskultur und mehr Erfahrungen mit direkten Aktionen. Aber auch in der BRD gibt es Beispiele für entschlossenen antirassistischen Widerstand mit Erfolg: Anfang des Jahres verhinderten in Bremen 120 Menschen durch geschickte Blockaden und weitere Aktionen vorläufig die Abschiebung einer kurdischen Familie. In Bremen sind mehr als fünfhundert staatenlose Kurdinnen und Kurden aus dem Libanon seit mehr als zwei Jahren akut von Abschiebung bedroht. Seit gut 10, einige sogar schon seit 15 Jahren leben sie als Flüchtlinge in Bremen. Die meisten sind als Kinder und Jugendliche dort aufgewachsen, gehen zur Schule, machen ihre Lehre oder Ausbildung. Dies, während ihre Eltern durch die Asylgesetzgebung und das bis heute währende faktische Arbeitsverbot auf den Bittstellerstatus verdammt sind: zum Nichtstun, zur organisierten Langeweile, zum ausgegrenzten Fremden.
Trotz vieler Aktionen stand irgendwann der Abschiebtermin für die erste Familie vor der Tür ... ab 6.00 Uhr morgens sollten sie sich zum "Abtransport" bereithalten, wobei ein Sohn der Familie bereits Montag früh von der Polizei in Abschiebehaft gesteckt wurde. Doch die Sondergruppe des Ausländeramtes Bremen, die Polizei und PolitikerInnen hatten die Rechnung ohne eine Gruppe von FrühausteherInnen gemacht. Pünktlich um 5.30 Uhr versammelten sich über 120 SchülerInnen, AntirassistInnen, AntifaschistInnen und viele andere vor dem Haus der Familie Z. in der Bremer Neustadt. Die mit Holzpaletten, Tannenbäumen und anderem Spermüll ausgestatteten FrühaufsteherInnen blockierten die Strasse und die Strassenbahnschienen mit zwei Barrikaden. Dann wurde ein fester Menschenblock vor den Eingängen des Einfamilienhauses gebildet, Ketten gemacht, Transparente zum Schutz gehalten und Pink-Silver-AktivistInnen begannen, zwischen den Barrikaden, künstlerisch radikale Performance darzubieten. Mit Megaphondurchsagen und Flugblättern wurden NachbarInnen und der langsam einsetzende Berufsverkehr (ausnahmsweise nur zu Fuß - Strasse war ja dicht) über die Aktion informiert und aufgefordert, sich der Blockade anzuschliessen. Die Resonanz war gut, einige Menschen blieben stehen, unterhielten sich mit den AktivistInnen und zeigten ihre Solidarität. Die Bremer Polizei war von den Aktivitäten überrascht worden.
Entgegen vieler Erwartungen ließen größere Polizeieinheiten auf sich warten. Das tat der Stimmung vor Ort allerdings keinen Abbruch, es wurden weiter Parolen gerufen und Tee geschlürft, der von netten Menschen an die Blockade herangetragen wurde. Gegen 8.00 Uhr etwa setzten sich dann 20 müde aussehende Bullen ihre Helme auf, schlenderten zu den Barrikaden und begannen mit der Unterstützung von den Bremer Entsorgungsbetrieben die Barris abzubauen. Pink-Silver erschwerte ihnen diese Arbeit gehörig. Nach getaner Arbeit setzten die Bullen ihre Helme wieder ab und verkrümmelten sich in ihre Autos - ihnen war nur wichtig das der Verkehr wieder läuft! Über das Megaphon wurde kurze Zeit später verkündet, daß die Ausländerbehörde und die Polizei gegenüber der Presse versichert hätten, heute fände keine Abschiebung mehr statt. Somit konnte die Blockade des Wohnhauses der Familie Z. dann beendet werden, wobei es zu keiner Zeit ein Beinbruch gewesen wäre, hätte die Polizei die Blockade vorm Haus aufgelöst und den Innenbereich gestürmt - die Familie war nämlich gar nicht anwesend.
Natürlich kann dadurch die staatliche Abschiebemaschinerie nicht ausgeschaltet werden - dazu wären erheblich breitere Proteste und mehr Bewegung erforderlich. Aber es deutet zumindest an, dass Widerstand möglich ist, dass Entschlossenheit, Übung und Kreativität einen Ausweg aus der Ohnmächtigkeit schaffen können. Diese Beispiele stehen am Ende meiner Rede, weil sie mir Mut machen, sich Rassismus zu widersetzen ... und natürlich hoffe ich, dass sich dieser Mut auch auf andere, auf euch überträgt! Und auch wenn Rassismus hier den Schwerpunkt bildete, ist das Gesagte auf alle anderen Bereiche übertragbar, wo Menschen sich gegen Herrschaft wehren. Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, die Entmündigung von Kindern und psychatrisierten Menschen, rassistische Klischees - überall sind es ähnliche Logiken, die Menschen unterschiedliche Wertigkeiten zuschreiben und benutzt werden, um Hierarchien zu rechtfertigen. Überall besteht die Notwendigkeit, Herrschaft anzugreifen ...

Laßt uns handlungsfähig werden gegen Rassismus! an jeder Stelle ...
Laßt uns Alternativen zu Fremdbestimmung und Kategorisierung von Menschen aufbauen!
Für eine Welt ohne Rassismus, Nationen und Herrschaft!

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