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Freiwirtschaft und Zins

Zitate ++ Günter Hannich ++ Kritiktext ++ Gesellianer bei Attac und anderen ++ Texte zu Gesell ++ Links und Materialien

Zitate

Aus: Herrmann Block in CGW-Rundbrief März 2001 ... im Vorwort besonders zum Lesen empfohlen
Wo ist eigentlich links und rechts?
... Menschen, die unter dem linken Terror ihr Leben (ca. 50 Mill.), ihr Hab und Gut oder ihre Freiheit verloren haben, sind nicht weniger wert als diejenigen, dieses Schicksal durch rechten Terror erleiden mussten. ... Ist der linkslastige Mensch wirklich so viel besser als der rechtslastige? ... Töten heißt auch den Geist, die Seele, die Liebe, den Glauben u.ä. zu zerstören. Gefahren für die Menschheit gingen und gehen auch von sog. "linken Tendenzen" aus, z.B. ist es dieser politischen Denkweise zu verdanken, dass gute und lebenwichtige Begriffe wie z.B. Ordnung, Disziplin, Zucht, Pflichtgefühl, Opferbereitschaft usw., weil "rechtslastig" in den sechziger Jahre durch eine von der damaligen SPD-Regierung engesetzten Kommission bewusst und systematisch aus allen neuen Schulbüchern entfernt wurden ...

Aus dem Rundbrief der freiwirtschaflichen CGW, Ausgabe Juni 2002 (S. 8)
Über das Netzwerk zur demokratischen Kontrolle der Finanzmärkte sind die CGW zudem Gründungsmitglied von Attac-Deutschland. Wir setzen Hoffnung in diese globalisierungskritische Bewegung. Attac versteht sich als Bildungsbewegung mit Aktionscharakter und Expertise. ... Unsere Reformvorstellungen wurden bislang nicht einbezogen. Doch finden sich in den örtlichen und regionalen Attac-Gruppen vermutlich auch dafür offene Gesprächspartner/innen. Deswegen sind alls CGW-Mitglieder aufgefordert, sich in solchen Gruppen je nach erspürbarem Interesse einzubringen.

Aus Thomas Seltmann, "Wirtschaftswachstum kontra Klima kontra Wachstum" in: Humanwirtschaft Okt. 2002 (S. 52)
... "Wirtschaftswachtum". Was ist das eigentlich? Dazu sollte als erstes geklärt weren, dass es zwei verschiedene Arten von Wachstum gibt: ein natürliches und ein tödliches. Natürliches Wachstum kennen wir von den Pflanzen, Tieren und Menschen: Als Kinder wachsen wir anfangs sehr schnell und dann immer langsamer, bis wir die "erwachsene" Größe erreicht haben. Bei Flora und Fauna ist es genau so: Es gibt keine Bäume, die in den Himmel wachsen, und es gibt keine Maikäfer, die so groß wie Schildkröten sind.
Anders das tödliche Wachstum. Zwei Stichworte sagen schon genug: Atombombe und Krebs.

Aus "Silvio Gesell: Marx der Anarchisten?" im Libell, 13.11.2003, Zeitschrift der Grünen Liga Brandenburg (S. 8+10)
Dass der "Mehrwert" (Marx), der Geld-, Kapital- und Bodenzins, ...

Der Freiwirtschaftstheoretiker Helmut Creutz kann seine Texte an vielen Orten absetzen. Darüber freut sich die freiwirtschaftliche Zeitung r-evolution (April/Mai 2004, S. 21)
Ein Artikel mit dem Titel "Wachstum, Wachstum ... über alles!" ist in der Februar-Ausgabe der Zeitschrift "Sozialismus" erschienen. Helmut Creutz beantwortet die Frage "Welche Rolle spielt das Geld?" - und das nicht nur den Sozialisten, sondern auch in den Zeitschriften "Contraste", "Solarbrief" und auf der Internetseite von ATTAC!

Zur Humanwirtschaftspartei und Zeitung "Humanwirtschaft" in Leserbriefen von Hans-Joachim Werner im CGW-Rundbrief 4/2004, einer anderen Freiwirtschaftsgruppe (S. 8 f.)
Bis heute fehlt eine eindeutige Distanzierung von der nationalen Politik der Partei und ihres ehemaligen Chefredakteurs Hans Schumann. ... Der jetzige Chefredakteur veröffentlichte sein Buch in einem Verlag, der rechtsnationales Gedankengut verbreitet ... Umbenennungen und inhaltliche Reduktionen auf reine Wirtschaftsthemen lösen das Problem der Partei nicht.

Freiwirtschaft = entfesselte Marktwirtschaft?

Aus Helmut Creutz, "Befreit uns vom Kapitalismus!" in: CGW-Rundbrief Juni 2009 (S. 16)
Es geht also nicht um eine ,Rettung des Kapitalismus', sondern um dessen Unterordnung unter die Marktkräfte und damit um die Befreiung der Marktwirtschaft vom Kapitalismus!"

Günter Hannich

Viel-Autor, z.T. in eigenen Umfeld und der eigenen Propaganda als Star-Autor bezeichnet, Wirtschaftsberater, z.T. Auftritte im Fernsehen als Experte, von 2004 bis 2005 Chefredakteur der Zeitschrift „Humanwirtschaft“, dem publizistischen Organ der Humanwirtschaftspartei.

Hannich vertritt sogenannten "natürliche Ordnungen" - zum einen eben die natürliche Wirtschaftsordnung, wie sich Freiwirtschaft ja immer verklärt, aber zum anderen das auch in anderen gesellschaftlichen Fragen, z.B. dem Geschlechterverhältnis. Aus seinem Buch "Der Marionettenstaat" (Kopp-Verlag in Würzburg, S. 83 f.)

Die ursprüngliche natürliche Rollenverteilung
Die Lebensumstände der Steinzeit waren extrem hart. Damit die Menschen überhaupt überleben konnten, mußten sie sich äußerst effektiv organisieren. Jede Ineffizienz konnte die Auslöschung des eigenen Stammes bedeuten. Wenn die Organisationsform der Menschen damals nicht sehr erfolgreich gewesen wäre, dann würde es die Menschheit heute gar nicht mehr geben. Ein zentraler Punkt der Effizienz war die Rollenverteilung der Geschlechter. Die ursprüngliche Rollenverteilung orientierte sich dabei zwangsläufig an den biologischen Gegebenheiten. Frauen sind körperlich weniger leistungsfähig und schwächer als der Mann. Da sie zudem die Kinder bekamen und in der Aufzucht der Kleinen auch begabter waren als die Männer, erhielten sie von selbst die Aufgabe, sich um das Wohl der Gemeinschaft zu kümmern, oder kurz: sich um das Steinzeitdorf im Innern zu sorgen. Aus dem gleichen Grund erhielten die Männer die Aufgaben, die ihrer biologischen Prägung am besten entsprach: Jagd und Verteidigung des eigenen Stammes - oder kurz: alles, was es außerhalb des Steinzeitdorfs zu erledigen gab. Da Männer besser strategisch und zukunftsorientiert planen können, während Frauen mehr soziale Netzwerke knüpfen und am Bestehenden festhalten, übemahmen Männer die Planungen außerhalb der Gemeinschaft, während Frauen sich um die sozialen Dinge innerhalb der Gemeinschaft kümmerten. Das alles hatte nichts mit »Unterdrückung« eines Geschlechtes oder damit zu tun, daß einer minderwertiger als der andere angesehen worden wäre. Es entsprach einfach der unter den widrigen Umständen bestmöglichen Organisationsform. Keiner war auf den anderen neidisch oder hegte einen Hass gegen das andere Geschlecht. Auch wäre nie eine Steinzeitfrau auf den Gedanken gekommen, plötzlich die viel gefährlichere und oft tödliche Arbeit der Männer zu übernehmen und eine »Karriere« als Jägerin zu starten. Weil diese Rollenverteilung so effizient war und auch heute noch in vielen Ländern ist, hat sie viele Jahrhunderttausende so fortbestanden. Jede abrupte Änderung in dieser Rollenverteilung muß, da der Mensch von der Psyche her darauf ausgerichtet ist, zu Problemen führen.
Durch diese Rollenverteilung hat sich auch über die Jahrhunderttausende die Denkweise der Geschlechter den Aufgaben angepaßt. Die Denkweise, von Mann und Frau unterscheiden sich dabei grundlegend. Wie sich mit der Computertomographie eindeutig nachweisen ließ, nutzen die unterschiedlichen Geschlechter völlig verschiedene Hirnbereiche bei ihren Aktionen. Die Resultate sind, daß Männer zu logisch-rationalem Denken neigen und Frauen von der Hirnstruktur eher emotional denken. Frauen brauchten bei ihrer Tätigkeit der Nahrungssuche und der Kinderbetreuung auch beispielsweise kein räumliches Vorstellungsvermögen, weswegen dieses heute bei den Frauen wesentlich schwächer ausgeprägt ist im Gegensatz zum Mann, der darauf als Jäger angewiesen war. Demgegenüber haben Frauen wieder bessere sprachliche Fähigkeiten, was beim Zusammenhalt der Frauengruppe nötig war, jedoch beim Mann als stillem Jäger nicht benötigt wurde. Aus diesen Gegensätzen folgen völlig unterschiedliche Begabungen und Aufgabenschwerpunkte für das Leben. So sind beispielsweise wegen des eingeschränkten räumlichen Sehens kaum gute weibliche Piloten denkbar. Auch alle Gleichstellungsversuche können diese angeborenen, genetischen Unterschiede nicht aufheben, sondern führen nur zu Problemen.
Daß die alten Steinzeit-Denkmuster intakt sind und wirken, wird nicht zuletzt daran deutlich, daß sich Frauen instinktiv immer noch einen Mann suchen, der späteren Kindern eine gute Entwicklungsmöglichkeit bietet, der also eine sichere materielle Perspektive bieten kann.
Frauen waren auch keineswegs in der Geschichte »unterdrückt«, sondern hatten seit jeher die privilegierte Position. So mußten sie nicht in den Krieg ziehen, konnten als erste vom sinkenden Schiff oder mußten auch keine schwere Männerarbeit verrichten, um nur einige Beispiele zu nennen. Die alte Rollenverteilung ist dabei keineswegs Vergangenheit, sondern entsteht sofort wieder, wenn die Lebensumstände sich verschlechtern.

Die »einsame Insel« als Gedankenbeispiel
Angenommen, zehn Männer und zehn Frauen würden auf eine einsame Insel ohne Hilfsmittel verschlagen. Dann würde sich innerhalb kurzer Zeit genau die Rollenverteilung herausbilden, die wir seit der Steinzeit hatten. Das hat nichts mit »Unterdrückung« oder »Emanzipation« zu tun, sondern einfach damit, daß Männer und Frauen unterschiedliche Fähigkeiten haben und diese im Überlebenskampf optimal eingesetzt und die Aufgaben entsprechend verteilt werden müssen.
Das heißt aber auch: Unsere heutige emanzipierte und durch den Feminismus veränderte Welt ist eine reine »Schönwetter-Welt«, die überhaupt nur so lange existieren kann, solange die Verhältnisse einigermaßen stabil bleiben. In der Menschheitsgeschichte ist dies jedoch eine absolute Ausnahmeerscheinung, und angesichts der wirtschaftlichen und politischen Instabilitäten unseres Systems wird sich dies auch sehr bald wieder ändern. Der Feminismus hat also zu einer künstlichen, der natürlichen Entwicklung entgegengesetzten Rollenverteilung geführt. Wie wir weiter sehen werden, geht und ging es dabei auch weniger um eine gerechtere oder zweckmäßigere Aufgabenverteilung, sondern mehr um die Durchsetzung einer Ideologie.

Die krude Wirtschaftstheorie der FreiwirtschaftlerInnen führt zu bemerkenswerten Wahrnehmungen. Da ja nur der Zins das Problem ist und alle sonstigen Faktoren wie Monopole, Kapitalbesitz, Ausbeutung und Abhängigkeiten entweder nicht bestehen oder kein Problem sind, werden diese auch negiert. So behauptet Hannich im gleichen Buch (S. 146), dass Unternehmer und Arbeitsnehmer in einer sehr ähnlichen Lage wären und kaum Geld hätten, weil die Banken über den Zins alles einstreichen. Soso - Bill Gates ein armer Mann? Auszug:

Die klassische Aufspaltung der Gesellschaft besteht in der zwischen Unternehmer und Arbeitnehmer. Vergessen wird bei diesem Streit, daß sich beide nur um die Brotkrumen streiten und die eigentlich großen Summen als Zinsgewinn an die kreditgebende Bank gehen. Dabei würde sich in einem stabilen System alles durch Angebot und Nachfrage nahezu von selbst regeln.

Damit nicht genug. In seinem Buch "Börsenkrach und Weltwirtschaftskrise" soll - laut Untertitel - "Der Weg in den 3. Weltkrieg" beschrieben werden, hervorgehend aus einem großen Börsencrash. Doch im Buch finden sich ganz andere Thesen, z.B. Passagen zum natürlichen Gegner Russland, die in "Mein Kampf" nicht hätten klarer stehen können, oder absurde Zahlenspiele zur vermeintlichen Überbevölkerung. Aus dem Buch (Kopp-Verlag in Würzburg):

Als Schlußfolgerung daraus ergibt sich, daß ein Atomkrieg führbar ist und keineswegs den »Weltuntergang« bedeuten würde. Der nächste Weltkrieg wird auch deshalb mit Nuklearwaffen geführt werden, weil damit konventionelle Munition gespart werden kann: Für eine Artillerie-Atomgranate mit einer Sprengkraft von 20 000 Tonnen TNT müßten einige Güterzüge voll konventioneller Munition herbeigeschafft werden, was dem Angreifer im Gefechtsfall schwerfallen würde. Die russische Gefechtstaktik sieht deshalb einen ausgiebigen Einsatz taktischer Atomwaffen vor. Jede Division verfügt darum über eigene Kernwaffen. Da Rußland im nächsten Weltkrieg wegen der geographischen Nähe voraussichtlich unser Gegner sein wird, ist es interessant, sich mit der russischen Kriegstaktik einmal etwas näher zu beschäftigen.
Dann folgen Beschreibungen über die angriffsorientierte, schlagkräftige und atomar ausgerichtete russische Armee. Das Buch ist 2006 erschienen!

Die Weltbevölkerung wächst alle zwei Sekunden um fünf Menschen. Die gegenwärtige durchschnittliche Geburtenrate liegt bei drei Kindern pro Frau. Ändert sich dieser Wert nicht, so berechneten UNO-Experten in ihrem schlimmsten Szenario, werden im Jahr 2150 rund 296 Milliarden Menschen die Erde bevölkern. (S. 241)

Selbst warnende Stimmen vor vermeintlicher Überbevölkerung gehen von maximal 9 bis 12 Milliarden Menschen und dann folgendem Stillstand der Mengenzunahme aus.

Und das Leistungsprinzip darf nicht fehlen - in dieser Frage sind Freiwirtschaftler extreme Liberale (S. 67 f.):

Jedes Lebewesen hat einen Selbsterhaltungstrieb, wovon sich der Eigennutz letztlich ableitet. In der Wirtschaft spielt dieser Trieb die Hauptmotivation: Sieht das Individuum keinen Lohn für seine Anstrengungen, so fehlt die Motivation zur Arbeit und die Leistung sinkt. Im Kapitalismus wird dem Leistungsprinzip durchaus Rechnung getragen, da der einzelne letztlich nur die Wahl hat, entweder im System maximale Leistung zu erbringen oder langfristig zugrundezugehen. Ganz anders ist dies im Staatssozialismus oder Kommunismus: Hier fehlt der Leistungsanreiz völlig, da jede Gewinnausschüttung normiert ist und ein tüchtiger Arbeiter nicht wesentlich mehr erhält als ein fauler. Das führt dazu, dass sich die Arbeitskraft am schwächsten oder faulsten orientiert.

Beide Bücher zeichnet aus, dass sie ihr Thema verfehlen. Im "Marionettenstaat" findet sich über die Machtverhältnisse im Staat schlicht gar nichts, stattdessen umfasst allein das Kapitel über die armen Männer und die unterdrückenden Frauen 56 der 135 Seiten ein. Und wer im Buch zum Börsenkrach Gründe für den Ausbruch eines Krieges sucht, wird lange blättern. Außer den bösen Russen sind keine zu finden. Die sind aber nicht nur ein Mythos des Autors, sondern entstanden bekanntlich auch nicht aus einem Börsencrash. So lassen sich die Bücher uneingeschränkt empfehlen: Als überzeugende Fundgrube für alle, die den kruden Theorien der Freiwirtschaft immer noch etwas abgewinnen können.

Christliche FreiwirtschaftlerInnen

Ehrliche Worte vom Chef der Christen für gerechte Wirtschaftsordnung (CGW), Roland Geitmann, im Leitartikel, Rundbrief 1/2008 (S. 2)
Es wäre deshalb zu überlegen, ob sich unsere Arbeitsgemeinschaft nicht insofern erweitern sollte, in dem sie sich vielleicht umbenennt in: Christen für eine Ordnung der Gerechtigkeit oder Christen für das Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit.

Kritiken

Kritik an Freiwirtschaft-Theorie, in: antifa-rundschau Nr. 41/2001
Dass Zins ein Versprechen auf zukünftigen realen Profit aus der privaten Aneignung des Mehrwerts aus gesellschaftlicher Produktion ist, wollen die Gesellianer vernebeln. Die Grundlage diese privaten Aneignung ist das Privateigentum an Produktionsmitteln, das die Freiwirte aber nicht antasten sondern schrankenlos walten lassen wollen.
Es geht den "Freiwirten" als nicht um eine sozial gerechtere Gesellschaftsordnung, wie sie vorgeben, sondern um die Durchsetzung eines, durch keine staatlichen Maßnahmen mehr eingeschränkten Kapitalismus. ...
Auch der neue Vorsitzende der FSU, der "Umweltschützer" Hermann Benjes, stellt keine Ausnahme dar. Im Juni des Jahres 1999 trat Benjes mit einem Vortrag über die "Folgen der Zinswirtschaft" im bayrischen "Kurzentrum Schliersee" auf. Geworben wurde für diese Veranstaltung mit "Doppelbild-Projektion" u.a. in der neofaschistischen Zeitschrift "Nation & Europa". Die angegebene Kontaktadresse für diese Veranstaltung verweist auf die "Buchhandlung Krämer" im nehe gelegenen Ort Miesbach. Der Inhaber Michael Krämer war Aktivist der mittlerweile verbotenen neofaschistischen "Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei" (FAP) ...

P.M. 2000: Subcoma, Paranoia City in Zürich (S. 152f.)
Das Geld ist ein Ausdruck sozialer Tauschverhältnisse. Wenn es Ausbeutung gibt, dann gibt es auch Zins, nicht umgekehrt. Zins is strukturelle Gewalt. Das Gewaltmonopol des Staates im Dienste der Arbeitsmaschine "überzeugt" uns davon, Zinsknechte zu bleiben, nicht eine blosse Bankmechanik. Ohne Polizei gibt es keine Banken. Das Experimentieren mit Komplementärwährungen wird uns nicht aus der Zange von Staat und Kapital herausführen.

Im Original: Freiwirtschaft - eine Alternative? ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Text in der Contraste von Jörg Bergstedt, Red. Umweltschutz von unten
In den letzten Ausgaben der Contraste hat der Gedanke der Zinsabschaffung im speziellen oder der Freiwirtschaft im allgemeinen wieder stärker Fuß gefasst. Das ist wenig überraschend - in Zeiten größerer Not setzen sich populistische Gesellschaftsanalysen einfacher durch. Verkürzungen, Verfälschungen, Verschwörungstheorien und ähnliches ersetzen komplexere Analysen von Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnissen. Einfache Lösungsmodelle gewinnen AnhängerInnen - ähnlich dem Mechanismus religiöser Leitbilder nehmen sie die Menschen ein, die kraftlos nach einem Strohhalm ringen. Die Idee der Abschaffung des Zins leuchtet dabei ähnlich wie die genauso absurde Tobin Tax von Attac oder andere ideologische Heilsbringer der Marke Agenda 21, internationaler Staatsgerichtshof und mehr. Doch neben der religiösen Aufladung als Rettungsweg haben all diese Vorschläge noch einiges gemeinsam: Die Werbung für sie ist eine Mischung aus Lügen, Verdrehungen und ökonomischen Fehlanalysen. Im folgenden soll die Theorie der Freiwirtschaft in kurzen Thesen widerlegt werden.
Als "dritten Weg" (u.a. der frühere Titel der Zeitung der inzwischen ebenfalls umbenannten Freisozialen Union) verkauft sich die Freiwirtschaft. Sie begründet sich auf die Wirtschaftstheorien von Silvio Gesell. Der hatte ein umfassendes Wirtschaftskonzept geschrieben, in dem die Abschaffung des Zinses, der festgeschriebene Wertverlust des Geldes ("Schwund") sowie eine Umverteilung von Eigentum, gleichzeitig aber auch eine Befreiung der Wirtschaft von allen Reglementierungen gefordert wird. Schon diese Theorien sind alles andere als eine Alternative zum Kapitalismus. Zudem lohnt auch ein Blick auf weitere Schriften von Gesell und aktuellen Umtrieben vieler FreiwirtschaftlerInnen - rassistische und rechte Positionen vielerorts.

Gesell - einer der ersten Neoliberalen
Schon der Name "Freiwirtschaft" täuscht nicht. Wirtschaft muß frei sein, fordert Gesell. Und "Umsatz, Umsatz, Umsatz". Wirtschaftswachstum ist denn auch eines der wichtigsten Argumente, die Gesell für seine Vorschläge einbringt. Das würde auch heute noch gelten. Anders als die Annahme der FreiwirtschaftlerInnen, bei einem Wegfall des Zinses würde das schädliche Wirtschaftswachstum unterbleiben, ist eher das Gegenteil zu erwarten - und Gesell selbst wußte und wollte das auch. Das ständige Ringen um Profit ist nicht primär durch den Zinsdruck, sondern durch das Streben nach Mehrung des Kapitals und der Macht hervorgerufen. "Dass Zins ein Versprechen auf zukünftigen realen Profit aus der privaten Aneignung des Mehrwerts aus gesellschaftlicher Produktion ist, wollen die Gesellianer vernebeln. Die Grundlage diese privaten Aneignung ist das Privateigentum an Produktionsmitteln, das die Freiwirte aber nicht antasten sondern schrankenlos walten lassen wollen.
Es geht den "Freiwirten" als nicht um eine sozial gerechtere Gesellschaftsordnung, wie sie vorgeben, sondern um die Durchsetzung eines, durch keine staatlichen Maßnahmen mehr eingeschränkten Kapitalismus" (antifa-rundschau Nr. 41/2001). Denn "das Geld ist ein Ausdruck sozialer Tauschverhältnisse. Wenn es Ausbeutung gibt, dann gibt es auch Zins, nicht umgekehrt. Zins is strukturelle Gewalt. Das Gewaltmonopol des Staates im Dienste der Arbeitsmaschine ‚überzeugt' uns davon, Zinsknechte zu bleiben, nicht eine blosse Bankmechanik. Ohne Polizei gibt es keine Banken. Das Experimentieren mit Komplementärwährungen wird uns nicht aus der Zange von Staat und Kapital herausführen" (P.M. 2000: Subcoma, Paranoia City in Zürich, Seite 152f.).
Die Logik von Verwertung kann folglich nicht durch Detailmaßnahmen am Geldverkehr behoben werden - weder durch eine Abschaffung des Zinses noch durch die Tobin Tax. Das sind alles nur Detailveränderungen am Rande des ökonomischen Geschehens. Den Kern von Verwertungslogik und -zwang, Profitorientierung und Kapitalakkumulation sowie Herrschaft und Kontrolle berühren sie nicht. Freiwirtschaft und Attac sind sich ideologisch nahe, wenn auch ihre konkrete Hauptforderung nicht die gleiche ist. Das erkennen auch die FreiwirtschaftlerInnen: "Über das Netzwerk zur demokratischen Kontrolle der Finanzmärkte sind die CGW zudem Gründungsmitglied von Attac-Deutschland. Wir setzen Hoffnung in diese globalisierungskritische Bewegung. Attac versteht sich als Bildungsbewegung mit Aktionscharakter und Expertise. ... Unsere Reformvorstellungen wurden bislang nicht einbezogen. Doch finden sich in den örtlichen und regionalen Attac-Gruppen vermutlich auch dafür offene Gesprächspartner/innen. Deswegen sind alls CGW-Mitglieder aufgefordert, sich in solchen Gruppen je nach erspürbarem Interesse einzubringen" (aus dem Rundbrief der freiwirtschaflichen CGW, Ausgabe Juni 2002, S. 8). Nähe aber haben solche verkürzten Analysen der Wirtschaft nicht nur untereinander, sondern auch zu rechten Ideologien. Auch dort wird das Finanzkapital für analytisch abtrennbar gehalten, wird das raffende dem schaffenden Kapital gegenübergestellt werden und soll das raffende, spekulative Geschehen durch Sondermaßnahmen in Schach gehalten werden. Abgesehen von den Gefahren solchen Denkens in Hinblick auf darauf aufbauenen Nationalismus und Antisemitismus ist die Analyse schlicht falsch: Spekulative und Investitionssphäre sind nicht trennbar, sondern Teil eines komplexen System der Ökonomie, die die Mehrung des Profits und ständige Verwertung von Ressourcen, Arbeits- und Denkkraft des Menschen, Kapital, Wissen bis neuerdings hin zu Genen, Luft und Gesundheit anstrebt.
Ganz nebenbei ist einiges in der vorgebrachten Zinstheorie auch im Detail falsch, denn die Summation der Zinsen in den verschiedenen Herstellungsstufen einer Ware, eines Gebäudes u.ä. ist mathematisch sinnlos. Schließlich könnte ein Beteiligter, der einen Kredit aufnimmt, damit die anderen bezahlen, die folglich keinen Kredit nehmen müssten. Dass alle an der Produktion einer Ware Beteiligten nacheinander ihren Betrag als Kredit nehmen, wäre nur dann richtig, wenn alle ihre Bank bescheissen und das Geld nicht zum Einkauf des Vorproduktes nutzen, sondern für ihren Urlaub auf Mallorca.

Freiwirtschaft - Eingangstür für rechte Ideologie
Fast überall in Freiwirtschaftskreisen finden sich persönliche Kontakte und inhaltliche Bezüge zu rechten Kreisen, z.B. zum Collegium Humanum, zum Weltbund zum Schutze des Lebens usw. In ihren verschiedenen Zeitschriften kommt das unterschiedlich stark rüber. Von der softeren Fraktion der Christen für eine gerechte Wirtschaftsordnung (CGW), dem Verlag und der Zeitschrift für Sozialökonomie (von Werner Onken) bis zur deutlichen rechten Freisozialen Union (FSU) mit ihrer Zeitung "Der Dritte Weg" reichen inhaltliche und personelle Schnittstellen. Die Chefideologen sind überall zu finden - Vielreferent Helmut Creutz oder der rechte Ideologe ("Nationalrevolutionär") Günter Bartsch. Eingang finden FreiwirtschaftlerInnen vor allem in der Debatte um alternative Ökonomie, zum einen als Referenten bei den entpolitisierten Umweltorganisationen oder bei der damals auch rechtesorientierten ÖDP (Gesell-Fan Hermann Benjes war dort Spitzen-Funktionär), zum anderen in verschiedenen Tauschringen sowie neuerdings massiv bei "Mehr Demokratie". Offen für rechte, rassistische und biologistische Positionen war schon Gesell selbst - Distanzierungen von seinen Positionen sind Mangelware bei heute aktiven FreiwirtschaftlerInnen: "Wie bei allen Lebewesen, so hängt auch das Gedeihen des Menschen in erster Linie davon ab, daß die Auslese nach den Naturgesetzen sich vollzieht ... auch kann in dieser amerikanischen Rassenpolitik der schwarze Bestandteil, können die Neger eines Tages die Oberhand gewinnen ... So kämen die Frauen wieder zu ihrem Wahlrecht, und zwar nicht zum wesenlosen politischen Wahlrecht, sondern zum großen Zuchtwahlrecht." (Aus "Die natürliche Wirtschaftsordnung"). Doch nicht nur Distanzierungen von den rechten und neoliberalen Positionen Gesells sucht mensch vergebens, auch aktuelle Positionen haben rechten Ideologien Raum, selbst in den gemäßigten Zeitungen und Rundbriefen der CGW (Christen für gerechte Wirtschaftsordnung), in der Helmut Creutz wichtigster Autor ist. In der Ausgabe März 2001 findet sich ein Vorwort von Herrmann Block zu "Wo ist eigentlich links und rechts?" Darin schreibt er: "Gefahren für die Menschheit gingen und gehen auch von sog. "linken Tendenzen" aus, z.B. ist es dieser politischen Denkweise zu verdanken, dass gute und lebenwichtige Begriffe wie z.B. Ordnung, Disziplin, Zucht, Pflichtgefühl, Opferbereitschaft usw., weil "rechtslastig" in den sechziger Jahre durch eine von der damaligen SPD-Regierung engesetzten Kommission bewusst und systematisch aus allen neuen Schulbüchern entfernt wurden".

Weitergehende Informationen
  • Bergstedt, Jörg (1998): Agenda, Expo, Sponsoring - Recherchen im Naturschutzfilz, IKO-Verlag, Frankfurt
  • Bergstedt, Jörg (2001): Reich oder rechts, IKO-Verlag Frankfurt
  • Bergstedt, Jörg (2002): Nachhaltig, modern, staatstreu?, Buchreihe aus der Projektwerkstatt in Saasen
    (alle bisherigen Materialien beziehbar über www.aktionsversand.de.vu)
  • Ditfurth, Jutta: Entspannt in die Barbarei (Konkret Literatur Verlag)
  • Geden, Oliver (2000): Rechte Ökologie, Elefantenpress-Verlag, Berlin

Wegen dieses Textes hat die Contraste-Redaktion eine Art Zensur über den Autor verhängt. Während die Beiträge der teilweise rechtslastigen Freiwirtschaftler wie z.B. Helmut Creutz unkritisiert blieben, wurde der obige Kritikartikel von der Redaktion scharf attackiert und dann beschlossen, dass der Autor künftig nur noch Texte schreiben darf, die ein anderes Redaktionsmitglied vorher durchsieht.

Im Original: Zinsen sind schlimm. Ohne Zinsen auch! ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Absurder Artikel in "Stimme&Gegenstimme" Nr. 4/2014: Plötzlich ist das Fehlen des Zinses die böse Verschwörung

Freiwirtschaftsdenken in anderen politischen Bewegungen

Attac

Die Freiwirtschaftler diskutieren von Beginn an über Attac und auch dort mit. Einerseits sind sie Attac sehr ähnlich mit der extrem verkürzten Kapitalismuskritik, allerdings stehen die Freiwirtschaftler auf die Abschaffung des Zinses, während Attac glaubt, mit einer Devisenspekulationssteuer die Welt retten zu können.

Streit um Freiwirtschaft bei Attac
Dokumentiert im Memorandum "Wege zu einer Alternativen Weltwirtschaftsordnung (AWWO)", Positionen in Attac Deutschland (Dritter Entwurf, September 2004, S. 14 f.)
Position Freigeldtheorie: Die kapitalistische Komponente unseres Wirtschaftssystems basiert auf dem Zins als Anreiz zur langfristigen Anlage von Geldvermögen. Geld ist per se kein gerechtes Tauschmittel. Der Wert von Gütern ist zeitabhängig: bei Knappheit hoch, bei Überfluss oder Alterung niedrig. Dies gilt noch extremer bezüglich Arbeitskraft. Der Geldbesitzer ist demgegenüber hoch privilegiert. Den Unternehmen kann Geld langfristig als Kredit gegen Bezahlung von Zinsen für Investitionen zur Verfügung gestellt werden. Dank dieser Investitionen vermehrt sich das Kapital, die allgemeine Produktivität und damit der Wohlstand. Mit zunehmender Vermehrung und Verfügbarkeit des Kapitals sinkt jedoch der Zins, auch weil Unternehmen bei weitgehender Marktsättigung in den Industrieländern keine hohen Kreditzinsen mehr bezahlen können. Die seit den 1970er Jahren ständig über den - noch stärker zurückgehenden - realen BIP-Wachstumsraten liegenden Zinssätze tragen wesentlich zu einer Umverteilung des Reichtums bei: von der Arbeit zum Besitz, national und zwischen den Staaten (Nord vs. Süd). Damit wachsen die Geldbestände schneller als die allgemeine Wirtschaft. Immer größere Kapitalakkumulationen suchen nach Renditemöglichkeiten und erzwingen die Privatisierung öffentlicher Bereiche. Diese Situation war in der Vergangenheit immer der Ausgangspunkt für Kolonialisierung und Krieg, für Währungs- und Verschuldungskrisen. Somit ist unser der- zeitiges Zinssystem die entscheidende Ursache für die weltweite Neoliberalisierung, für steigende Rüstungsaufgaben und systemimmanente Kriege, die ca. alle 70 Jahre die angehäuften Vermögen (und damit verbundenen Staatsschulden) wieder reduzieren. Für eine gerechtere Geldwirtschaft muss daher der Zins letztlich gegen Null sinken.
Position Kapitalismuskritik: Der Kapitalismus basiert auf konkurrenzgetriebener Profitsteigerung und Kapitalakkumulation; Der Zins ist nur ein Ausdruck der Verwertungsinteressen des Kapitals, er ist real bestimmt und deshalb keine eigenständige Triebkraft: "Der Kapitalismus ist wie das berühmte Fahrrad, das immer in Schwung bleiben muss, wenn es nicht fallen soll, und die Konzerne stehen in Konkurrenz zueinander, um zu sehen, wer am kräftigsten in die Pedale treten kann, bevor er gegen die Wand fährt". Diese Bewegung des Kapitalismus hat historisch eine enorme Steigerung der Produktivkräfte erreicht und zu einem Überfluss an materiellen Gütern geführt. Heute ist der Kapitalismus jedoch mehr und mehr destruktiv: Immer größere Kapitalakkumulationen suchen weltweit nach Renditemöglichkeiten und erzwingen die Privatisierung öffentlicher Bereiche. Die sozialen Ungleichheiten verschärfen sich immer stärker (s.o.), es gibt eine strukturelle Sockel-Erwerbsarbeitslosigkeit - immer weniger Menschen und Regionen können mit den Weltmarktanforderungen, die über die globalisierten Finanzmärkte blitzschnell in jede Weltregion vermittelt werden, mithalten. Die Individuen werden durch den Rhythmus des Turbokapitalismus entwurzelt und vereinzelt.

Im Original: Kritik an Attac von Freiwirtschaftler ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Artikel aus der Humanwirtschaft Nov. 2004 (S. 33 ff) mit
Uwe Timm
ATTAC bleibt uns Problemlösungen schuldig
Ignacio Ramonet, Chefredakteur der Pariser Monatszeitung "Le Monde Diplomatique" schrieb im Dezember 1997 einen Artikel gegen die Macht der Märkte. Zu seinen Forderungen gehörte die Entwaffnung der Finanzmärkte, die er mit der Einführung der Tobin-Steuer erreichen will. Der US-Ökonom James Tobin hat bereits 1972 vorgeschlagen, eine geringe Steuer auf alle Transaktionen auf den Devisenmärkten zu erheben.
Hinter dem Kürzel ATTAC steht: Vereinigung zur Besteuerung der Fnanztransaktionen im Interesse der BürgerInnen. In einer relativ kurzen Zeit wurde ATTAC zu einem Sammelbecken der Enttäuschten, der Verbitterten, Engagierten, die die Weit verbessern wollen und so finden sich auch Linke, Rechte, Nationalisten etc. in trauter Gemeinsamkeit. Mittlerweile umfasst die Organisation in Deutschland 15 000 Mitglieder, weltweit 90 000 in 50 Ländern, es beteiligen sich rund 100 Professoren und Wissenschaftler und 9 hauptamtliche Mitarbeiter sind im ATTAC-Bundesbüro beschäftigt, um die Aktivitäten von ATTAC zu koordinieren.


Untaugliche Devisentransaktionssteuer
Der US Ökonom James Tobin hatte vorgeschlagen, auf alte Devisentransaktionen ein Prozent Steuer zu erheben ? später hat er diese Forderung wieder verworfen. Weit alle Investoren zweimal umtauschen müssten, würden ihnen durch die TobinSteuer zwei Prozent des Anlagevermögens verloren gehen.
Optimistisch rechnet ATTAC mit einer Einnahme von 100 Milliarden Dollar jährlich. Verschwiegen wird dabei, dass die Kontrolle der weltweit durchgeführten Transaktionen eine ungeheure Bürokratie erfordert.
Da die Tobin-Steuer nachteilige Auswirkungen auf den Finanzmarkt besitzt, was sich insbesondere für Länder der Dritten Welt und Entwicklungsländer ungünstig auswirken könnte, sollen nur die reinen Devisenspekulationen verhindert werden. Dabei wird übersehen, dass es keine klaren Unterscheidungen zwischen den nützlichen und den weniger nützlichen Spekulationen und Investitionen gibt. Ergebnis dieser Steuer wäre auch, dass Spekulanten, die eine Steuer zahlen, zur Absicherung ihrer Risiken Unternehmen
und Investoren belasten, also an den erhöhten Kosten beteiligen würden. Diese wären dann kaum noch bereit, Kapital in arme und risikoreiche Regionen zu investieren. Berücksichtigt man, dass im letzten Jahrzehnt die Entwicktungsländer mehr als ein Viertel alter ausländischen Direktinvestitionen erhielten, wird sich dieser Anteil verringern. Es wäre aber mehr als verhängnisvoll, ausgerechnet den armen Ländern die Kreditbeschaffung zu erschweren und sie außerdem noch zu zwingen, Kapital mit höheren Zinsen zu bedienen. Der Protest von ATTAC richtet sich gegen die weltweit wachsende soziale Ungleichheit und damit gegen eine Globalisierung, die sich nur an mächtigen Wirtschaftsinteressen orientiert. Eine Aussage, die auch durch Wiederholungen nicht wahrer wird.
Der Grundirrtum von ATTAC besteht darin, dass nicht die Globalisierung die Welt ins Elend stürzt - das Gegenteil ist der Fall: Verlierer sind jene Länder und Staaten, die sich in Isolation befinden, sich an einem freien Markt nicht beteiligen, Handel und Wandet verhindern. Soziale, wirtschaftliche und politische Probleme etwa im Sudan, in Nord?Korea, aber auch in Ägypten, im Iran etc. lassen sich nicht mit einer Spekulationssteuer lösen. In diesen Staaten sind die politischen Verhältnisse, Diktaturen, Militärregierungen, religiöser Fundamentalismus der Grund, weshalb Investoren sich fernhalten und damit notwendige Investitionen unterbleiben.
Es ist eine beliebte These anzunehmen, dass für die Armut in der Dritten Welt die Einbindung in den Welthandel verantwortlich sei, was aber schlicht nie stimmte. Länder wie Hongkong, Taiwan, Südkorea, Singapur waren sehr arm, aber sie setzten auf den freien Handel und gehören heute zu den wirtschaftlich starken Staaten der Welt. Was nicht heißt, dass in diesen Ländern bereits Verhältnisse herrschen, wie wir sie anstreben oder die wir unter Emanzipation verstehen. Aber dort, wo man auf Autarkie setzt, etwa Kuba, Nordkorea oder Indien, herrschen Armut und Hunger.
In den Entwicklungsländern litten bis 1970 960 Millionen Menschen an Unterernährung, bis 1996 sank diese Zahl auf 790 Millionen. Vor dreißig Jahren litten in den Entwicklungsländern 37 Prozent an Hunger, heute sind es noch immer 18 Prozent. ATTAC behauptet fälschlich, dass ein dynamischer Markt und internationales Kapital eine Bedrohung für die Demokratie bedeuten. Diese Globalisierungsgegner wollen mehr Staatsmacht, mehr Bürokratie, also genau das, was die Menschenrechte und die Mündigkeit der Bürger gefährdet.
Sicher, es gibt erhebliche soziale Probleme, Arbeitslosigkeit, aber zumindest was die BRD betrifft, handelt es sich um hausgemachte Depressionen, nicht um die Auswirkungen der Globalisierung.
Es gibt, bedingt durch ein staatliches Geldmonopol, ein garantiertes Monopolgeld, bei dem der von den Kreditnehmern zu zahlende Zins keinem Wettbewerb unterliegt. Aufgrund dessen gibt es durchaus Reiche, die reicher und Arme, die nicht reicher werden, aber damit bleibt die Tatsache bestehen, dass die absolute Armut in den letzten 50 Jahren mehr abnahm, als in den 500 Jahren davor. 1975 lebten beispielsweise sechs von zehn Asiaten in einer absoluten Armut, heute gilt dies fürweniger als zwei von zehn. Im Jahre 1947 reichte die Produktion in Westdeutschland aus, um jedem Deutschen alle fünf Jahre einen Teller, alle zehn Jahre ein paar Schuhe, alte 50 Jahre einen Anzug zuzuleiten. Für einen Facharbeiter, selbst für einen Arbeitslosen, erhöhte sich in den vergangenen Jahrzehnten das Reateinkommen und damit auch der Lebensstandard. Von einer generellen Armut kann daher kaum die Rede sein.

Keine Alternativen?
Besonders in Frankreich wird ATTAC auch von linksextremistischen Gruppen unterstützt -"Trotzkisten" - so wird verständlich, warum ATTAC vehement eine Verstaatlichung von Gesellschaft und Wirtschaft vertritt.
So heißt es: "Mit der Reform der Gesetzlichen Krankenversicherung droht eine Zwei-Klassen-Medizin und die Ersetzung eines auf Umverteilung basierenden Systems durch die Orientierung an privaten Profitinteressen. Weil Menschen an ihrer Gesundheit interessiert sind, sie von einem Arzt und auch im Krankenhaus als Kunde behandelt werden wollen, nehmen sie zahlreiche Zusatzversicherungen in Anspruch. Leistungen, die staatliche Versicherungen nicht bieten.
Rund 90% der Bevölkerung sind pflichtversichert, aber trotzdem besteht das Bedürfnis nach einem erweiterten Versicherungsschutz und nicht wenige vertrauen sich einem Heilpraktiker an - bezahlt allein vom Patienten. Schlimmer noch, viele Bürger machen eine Kur in Polen, kaufen ihren Zahnersatz in Prag oder suchen Heilung in einer privaten Klinik. Zwei-Klassen-Medizin ist also ein rein populistisches Schlagwort, ohne jeden Inhalt. Unbenommen würde ATTAC bleiben, soziale Versicherungen mit einer noch optimaleren Leistung anzubieten, aber darüber findet sich nichts in den ATTAC-Propagandaschriften.

Ungerechte Steuerpolitik
Ein weiteres Beispiel der Gedankenlosigkeit. Gefordert wird eine solidarische Steuerpolitik, bei der jeder entsprechend seines wirtschaftlichen Leistungsvermögens besteuert wird. Besteuert werden die Bürger bei jedem Kauf, bei jeder in Anspruch genommenen Dienstleistung, nämlich in Deutschland mit 16 Prozent Umsatzsteuer. Kauft sich Moritz einen AUDI 8 V zahlt er erheblich mehr Steuern als ein Bürger, der sich mit einem VW Golf begnügt. Max, dieser Trottet, hat sich das Wissen und Können erworben, um in seiner Profession Leistungen zu erbringen, von denen sich andere fernhalten, aber er soll deshalb auch mehr Steuern zahlen?
In Deutschland beträgt die Kapitalsteuer 38 Prozent und mit dieser Steuer werden die Unternehmen belastet. Aber es ist wie mit den Zinsen, Steuern müssen erwirtschaftet werden, finden sich in den Preisen wieder.
Die ATTAC Kampagne "Stopp Steuerflucht" findet den Beifall alter Finanzminister und dürfte diese ermuntern, unverantwortlich weiter zu wirtschaften, schlicht: über das Geld der Bürger nach Gutdünken zu verfügen. Klartext, auch den Aktivisten von ATTAC fehlt offenbar die Kenntnis des Unterschieds zwischen Steuern und den Abgaben für sozial-öffentliche Investitionen.

Entmündigender Staat
Nach der klassischen Staatslehre, übernommen von den Monarchen, den Königen und den Kaisern, kann der Staat "Steuern" ohne jede Gegenleistung erheben, braucht nicht zu begründen und nachzuweisen, für weiche Zwecke das Geld der Bürger Verwendung findet. Noch schlimmer, der Staat kann auch Schulden machen, die BRD steht mit 1,4 Billionen in der Kreide, aber im Gegensatz zu jedem Unternehmen kann man den Staat nicht zur Rechenschaft ziehen und die verantwortlichen Politiker stehen außerhalb jeder Verantwortung.
Sie können abgewählt werden, richtig, aber dann finden sie sich als teurer Staatspensionär in einem Luxushotel in Miami wieder. In Hamburg setzten sich Ärzte, Krankenschwestern und Pflegepersonal im Interesse der Patienten für den Verkauf der Landeskrankenhäuser ein. Der Grund: Staatliche Verwaltungen arbeiten nicht effizient, notwendige Modernisierungen finden nicht statt, Krankenkassen zahlen überhöhte Preise. (1) Nicht jede Privatisierung bedeutet per se eine Verschlechterung, oftmals ist das Gegenteil der Fall.

Fehlende Lösungsvorschläge
Vorschläge füreine Geldreform, dienendes Geld, eine stabile Währung, Geldfreiheit oder auch für eine Bodenreform in dem Sinne, dass alte Bürger einen Anspruch auf die Bodenrente besitzen, finden sich im ATTAC Programm nicht.
Bei der von dem US-Ökonomen James Tobin vorgeschlagenen Steuer auf alte Devisentransaktionen handelt es sich nicht um eine realistische Alternative zur Lösung von sozialen Fragen und Problemen.
Frei nach Kurt Tucholsky lässt sich sagen: Wählen wir ATTAC, dann tun wir etwas für die Revolution, könrien uns aber darauf verlassen, dass sie mit ATTAC nicht kommt.
(1) ich war als Betreuer für einen psychisch kranken Menschen verantwortlich und musste zur Kenntnis nehmen, dass die "Betreuung" und Unterbringung in einem Hamburger Krankenhaus alles andere als human war und die Kosten - täglich über 500 Mark - dazu in keiner Relation standen. In einem privaten Heim lagen die Kosten bei 15.000 täglich - bei optimaler Betreuung in einem Einbettzimmer und nicht mit 10 und mehr Menschen in einem Raum.

Uwe Timm
geb. 1932, unabhängiger Publizist. Mitherausgeber der Zeitschrift ESPERO. Zahlreiche Buch? und Zeitschriftenveröffentlichungen, u. a. Freiburg, 1985; Ökologie und Freiheit, Berlin, 1991; Max Stirner, Ein Ärgernis?, Bern, 1997; Was ist eigentlich Faschismus?, Hamburg, 2001; Gesammelte Schriften.
Treuhänder des Verlages der Mackay Gesellschaft von 1977 bis 1984. Konstrukteur und langjährig freigestellter Betriebsrat in einem großen Industrieunternehmen.

Text von Ralf Becker, Quelle:CGW-Rundbrief 3/05 (S. 7)
Geld ohne Zins - Lösung oder Holzweg?
Bericht vom Streitgespräch Ralf Becker - Alexander Recht (Attac Köln) auf dem Evang. Kirchentag in Hannover
Das Streitgespräch war vom Attac Bundesverband innerhalb der Projektleitung der DEKT-Werkstatt Sozial Leben angesetzt worden, nachdem dort Attac-Kokreis-Mitglied Lena Bröckl unserem Ansatz Antisemitismus unterstellt hatte.
Alexander Recht hat im Gespräch recht bald ausdrücklich und einvernehmlich bestätigt, dass wir und unser Ansatz nicht antisemitisch sind. Wir verträten nur den falschen Weg und ihn und alle nerve, dass wir in der Zinsfrage die Lösung aller Probleme sähen. Insofern ein glatter Punktgewinn für uns, der hoffentlich ermöglicht, dass wir beim nächsten DEKT auch ins offizielle Programm auf der Messe kommen können.
Ich habe vertreten, dass Marx ja in seiner Analyse durchaus Recht habe und insbesondere im 3. Band aber auch sagt, dass viele Unternehmer eigentlich wie die Arbeitnehmer den Kapitalisten gegenüberstehen, also die Fokussierung auf die Eigentumsfrage (wie von Alexander Recht und einigen Attacisten vertreten) insofern nicht der geeignetste Ansatzpunkt für gesellschaftliche Veränderungen sei.
Das Auditorium (ca. 20 Personen, darunter einige explizite Linke) stimmte mir zu, dass mit den Klassenkampf-Modellen heute kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist - die Linke sei es auch selbst schuld, dass sie heute nicht mehr gefragt sei hinsichtlich Lösungsmodellen. Altvater habe gegenüber Klaus Popp auf der letztjährigen Sommerakademie alt ausgesehen und wir müssten nach neuen Ansätzen Ausschau halten.
Entscheidend schien mir zu sein, dass ich zwar die Zinsfrage als wesentlichen Ausgangspunkt für entscheidende Veränderungen benannte, jedoch ebenso die Tobin-Steuer, eine Börsen-Spekulationssteuer und natürlich auch weitere Instrumente (neben dem Thema Bodeneigentum) als notwendig bezeichnete. In diesem Rahmen konnte ich, glaube ich, überzeugen, dass unser Ansatz chancenreich ist, Menschen von rechts bis links zu Veränderungen zu bewegen.
Haben die Menschen einmal akzeptiert, dass sie langfristig mit einem Zins nahe Null leben wollen/sollen, ist es dann nicht mehr so weit zur Diskussion über die Sinnhaftigkeit von Gewinn-Anreizen sowie Boden-Eigentum etc. überhaupt.
Inwieweit Alexander Recht nun schnell seinen bisherigen Widerstand aufgibt, da sind leider gleichwohl Zweifel angebracht. Die Zuhörer lobten am Ende ausdrücklich das qualitative Niveau unserer Auseinandersetzung und Johannes Beisiegel (Christ, Norddt. Sozialforum, in sehr engem Kontakt mit Werner Rätz, Lena Bröckl, Sven Giegold und anderen Attac-Kokreis-Mitgliedern) und andere Zuhörer werden versuchen, unserer Message bei Attac mehr Gehör als bisher zu verschaffen.
In jedem Fall könnten wir als CGW meiner Meinung nach unsere Akzeptanz noch wesentlich erhöhen, wenn wir zusätzlich zu unseren bisherigen Themen z.B. die Tobin-Steuer und eine Börsen-Spekulationssteuer ins Programm (und die Internet-Präsenz) aufnehmen würden. Allein diese kleine Öffnung würde bewirken, dass wir nicht mehr in eine Ecke gestellt werden können. Das könnte meiner Einschätzung nach ein entscheidender Schritt zu unserem bevorstehenden Durchbruch sein, den wir selbst in der Hand haben.
Demokratie-Fanblock und Gutmenschen

Aus Daniela Dahn: "Wehe dem Sieger" (S. 279, zitiert in CGW-Rundbrief Juni 2009, S. 13)
Den Sinn des biblischen Zinsverbotes neu zu bedenken würde auch bedeuten, Visionen aus der Humanwirtschaftslehre zu prüfen. Wäre die Zinslogik des Kapitals gebrochen, ließe sich Wachstum verwandeln vom Umsatz in Umsetzen.

Die Linke

Der Kreisverband Bergstraße der Partei "Die Linke" lobt neben Oskar Lafontaine und seinem Umfeld auch die Freiwirtschaft - so sind die alle mit ihren rechts-links-populistischen Sprüchen nicht allein ...


Oben: Literaturempfehlungen (auch "Der Marionettenstaat" war auf der Seite zu finden). Unten: Zitateseite

Freiwirtschaft und andere Verbände

Die eigentlich recht kritische Jugendumweltzeitung "Kritische Masse" bringt in ihrer 55. Ausgabe im Juli 2005 einen Schwerpunkt zum Thema "Geld". Darin wird sehr naiv die Theorie der Freiwirtschaft verbreitet ohne jegliche Kritik. Selbst die Gesell'sche Lehre vom notwendigen Wirtschaftsaufschwung wird übernommen - und die Redaktion blickte offenbar nicht, was sie da schrieb. Der auch in rechten Kreisen agierende Helmut Creutz wird positiv und ohne weitere Informationen als "Experte" bezeichnet. Weitere Auszüge von Seite 10 ff.:
Jeder von uns arbeitet jedes Jahr über vier Monate nur für Zinsen ... Hier tickt eine Zeitbombe! ... das eigentliche Problem ist nicht die ungleiche Verteilung, sondern das sich selbst beschleunigende Auftürmen der immer grösseren Schuldenberge den den Zinseszinseffekt. Und der verläuft nicht linear, sondern exponentiell ... so funktioniert die Atombombe. Und so breitet sich auch Krebs aus! ... Heute reicht das Wirtschaftswachstum nicht mehr aus, um die steigenden Zinslasten zu schultern. Deshalb fehlt jetzt überall das Geld! ... jetzt versteht Ihr vielleicht besser, wie die Arbeitslosigkeit entsteht ... Was spricht eigentlich dagegen, die Prinzipien der öffentlichen Ordnung und die Logik des freien Wettbewerbs auch für das Geld einzuführen? ... Die fortschreitende Konzentration von immer mehr Kapital in wenigen Händen würde gestoppt ...
Halten wir mal folgendes fest: Viele der aktuellen und akuten Kriesenerscheinungen - auch die Probleme bei der krankenversicherung und Rentenversicherung, die zunehmende Armut von Familien mit Kindern, die Ausbeutung der Natur und vieles andere mehr - alle diese furchtbaren Entwicklungen haben einen gemeinsamen Nenner: Es ist der Mechanismus des Zinseszinses, der uns alle wie eine tickende Zeitbombe bedroht. Es ist höchste Zeit, dass wir diese Bombe endlich entschärfen!

Mehr Demokratie und Freiwirtschaft

Schon seit langem gibt es viele Überschneidungen zwischen Freiwirtschaftsfunktionären und dem Verein Mehr Demokratie e.V. Roland Geitmann und Thomas Mayer sind in beiden Organisationen aktiv.

Aus dem Programm der Jahrestagung 2007 von Mehr Demokratie e.V. (auch dabei: Anthroposophie-Funktionäre)
Lässt sich das Geldwesen demokratieverträglich gestalten? Prof. Dr. Roland Geitmann, Kehl ...
Möglichkeiten bürgerschaftlicher Einflussnahme bei staatlichen und privaten kommunalen Einrichtungen. N.N., GLS-Bank ...
Wirtschaftliche Ungleichheit und ihre Auswirkungen auf die Einflussnahme-Chancen in der Demokratie. Dr. Christoph Strawe, Sozialimpulse, Stuttgart
Ohne eine Neubestimmung des Geldwesens bleibt die Demokratie Spielball der Wirtschaft. Johannes Stüttgen, Unternehmen für Kunst und Wirtschaft erweitert, Düsseldorf

Im Original: Pro Marktwirtschaft ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Auf die Kritik, dass die Reduzierung auf Zinsabschaffung eine verkürzte Kritik ist, erschien eine interessante Antwort von Josef Hüwe im CGW-Rundbrief 4/05 (S. 7), in der die Förderung der Marktwirtschaft als Ziel genannt und die Zinsabschaffung relativ wird - da bliebe dann kaum noch was übrig ... der Text:
Zinskritik falsch verstanden?
Eine Antwort auf Uli Frank: Die Zinskritik täuscht ein Patentrezept vor, Rundbrief 05/3
Uli Frank versteht unter Zinskritik offenbar pauschal eine wörtlich zu nehmende Forderung einer Abschaffung des Zinses, wenn er zum Beispiel schreibt: "Das kann nicht über Abschaffungsszenarien von oben geschehen..." (S. 24, rechte Spalte).
Reformen im Sinne der Freiwirtschaftstheorie zum Beispiel, die Schaffung besserer marktwirtschaftlicher Rahmenbedingungen, würden aber keine völlige Abschaffung des Zinses ergeben, sondern eine Minimierung der Zinsgewinne, im günstigsten Falle bis auf null, im Falle neuer Erfindungen und neuer Kapitalarten auch immer mal wieder vorübergehend nur bis auf einen niedrigen positiven Wert. Andere geringe Zinsbestandteile, wie Bankgebühren und Risikoprämien, wären ohnehin weiterhin zu zahlen. Auch bliebe die Kapitallenkungsfunktion des Zinses erhalten.
Die Schaffung von "WERT" durch Zins wäre nicht völlig ausgeschlossen, nur in weit geringerem Umfang als bisher möglich, im Rahmen wahrer Marktverhältnisse und nicht, wie heute, primär aufgrund von Privilegien, d.h. einer Vormachtstellung des Finanzkapitals, das dem realen Markt und jeglicher sozialer Verantwortung entzogen werden kann, wenn Zinsen und Renditen als "zu niedrig" angesehen werden.
Um systemwidrige Manipulationen an Wertbestandteilen handelt es sich im Falle der freiwirtschaftlichen Reformen nicht, sondem "nur" um Gewährleistung marktgerechter Zinsen unter (heute eben nicht gegebenen) fairen Rahmenbedingungen, um ordnungspolitische Korrekturen. Nicht die Geldumlaufgebühren selbst, wie sie nach der Freiwirtschaftstheorie vorgesehen sind, bewirken ein Sinken des Zinsniveaus, sondern Marktverhältnisse - im Zuge ständiger Kapitalvermehrung und zunehmender Bedarfsdeckung.
Was die Bodenzinsen (Bodenrenten) betrifft, die Frank allerdings nicht anspricht, so werden auch sie nicht abgeschafft. Sie fließen in Form von Pachterlösen dem Staat zu, der sie zum Beispiel gleichmäßig auf alle Staatsbürger verteilen soll.
(Ob man in den freiwirtschaftlichen Reformen eine Überwindung oder lediglich eine Zähmung des Kapitalismus sieht oder eine Marktwirtschaft ohne Kapitalismus, ist letztlich unwichtig - ein müßiger, auf unterschiedlichen Kapitalismusdefinitionen beruhender Streit.)
Leider haben die Nationalstaaten im Zuge der Globalisierung jegliche Kontrolle des Finanzkapitals aus der Hand gegeben und diesem damit unter völliger Missachtung des Gleichheitsgrundsatzes weit mehr Freiheit gewährt als sie der Produktionsfaktor Arbeit ausüben kann: Unternehmer und Arbeiter können nicht einfach so mir nichts dir nichts die nationalen Standorte wechseln.
Immerhin hat sich die Europäische Union im Vertrag von Maastricht die Einführung von Kapitalverkehrskontrollen vorbehalten. Es gibt also durchaus noch eine Instanz, die zumindest auf europäischer Ebene eine politische Lösung im Sinne freiwirtschaftlicher Reformen durchsetzen und kontrollieren könnte, solange nicht eine weltweit geltende Rahmenrechtsordnung geschaffen wird, die der globalen Wirtschaft ein menschliches Gesicht verleiht, was schon vor Jahren UN-Präsident Kofi Annan gefordert hat.
Nichts gegen Bemühungen um eine Neugestaltung der gesellschaftlichen Grundstruktur, um eine neue Struktur jenseits der Geldlogik. Dabei sollte aber nicht vergessen werden: Wesentlich schneller als die Menschen im allgemeinen ein entsprechendes Umdenken leisten können, dürfte das heutige Wirtschaften unter der Vorherrschaft des Finanzkapitals die Menschheit in katastrophale Verhältnisse stürzen. Daher sollte alles versucht werden, Vorschläge zur Zähmung des Kapitalismus, zur Verbesserung der marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen, zu verbreiten und durchzusetzen, womit nicht gesagt sein soll, dass es sich bei den freiwirtschaftlichen Reformen um ein Allheilmittel handelt.

Texte über Gesell

Die hier abgedruckten Texte sind Dokumente, die interessante Informationen enthalten, stammen nicht aus dem Umfeld der Projektwerkstatt, sondern werden hier nur dokumentiert.

Im Original: Text von Josef Hüwe ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Entspricht Silvio Gesells "Natürliche Wirtschaftsordnung" der Theorie des Sozialdarwinismus?

Silvio Gesells sozialreformerisches Konzept
"Die natürliche Wirtschaftsordnung" (NWO) wird hin und wieder - meistens von Gegnern des marktwirtschaftlichen Wettbewerbs - als sozialdarwinistisch bezeichnet. Dabei dient Sozialdarwinismus häufig ohne nähere Erläuterungen als Schlagwort. Was ist unter jenem Begriff zu verstehen? Erklärungen verschiedener Nachschlagewerke lassen sich wie folgt zusammenfassen.
Sozialdarwinismus ist ein Sammelbegriff für die an Darwins Evolutionstheorie orientierte sozialwissenschaftliche Theorie, die naturgesetzliche Prinzipien des biologischen Darwinismus - wie Auslese, Kampf ums Dasein, Anpassung an die Umwelt und Vererbbarkeit erlernter Fähigkeiten - auf den sozialen Bereich überträgt. Dementsprechend werden sozialgeschichtliche Entwicklungen als Auslese- und Anpassungsprozesse verstanden, in denen durch konflikthafte Auseinandersetzungen soziale Hierarchien entstehen, die von den sozial Tüchtigen (Eliten) dominiert werden. Die "natürliche" Ungleichheit der Menschen erzwingt in dieser Sichtweise die Differenzierung zwischen den im Sinne der Evolution "Tauglichen" (Herrschenden) und den "weniger Tauglichen" (Untergeordneten).
Der Sozialdarwinismus rechtfertigt bestehende Ungleichheiten, Diskriminierungen und Ungerechtigkeiten als naturgesetzlich entstanden und lehnt jede staatliche Korrektur des status quo, des gegenwärtigen Zustandes, aufs schärfste ab.1
Der menschlichen Rasse drohe Degeneration, wenn dem Kampf ums Dasein und der durch ihn bewirkten natürlichen Auslese Hemmnisse bereitet werden. Das Rassenwohl fordere ein Gewährenlassen der natürlichen Auslese (A. Ploetz). "Der Kampf muß hart sein" (Haeckel). Daß die konstitutionell Schwachen, Kranken, Untüchtigen in der Ausjätemaschine der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zuchtwahl zugrunde gehen, sei ein eugenisch wohltätiger Prozeß.2 Extreme Sozialdarwinisten forderten die "Opferung" des Individuums für das Ganze der Rasse bzw. des Volkes oder des Staates.3 Sozialdarwinistische Vorstellungen bildeten eine zentrale Grundlage des Rassismus und Antisemitismus.4
Eine amerikanische Variante übertrug die Analogie von biologischem Überlebenskampf und gesellschaftlichen Konflikten auf die Mechanismen der ökonomischen und sozialen Selektion der "kapitalistischen Wettbewerbsgesellschaft". Jene werden als Naturgesetze aufgefasst.5

Zur Kritik am Sozialdarwinismus
Gegen die Theorie des Sozialdarwinismus werden mehrere Einwände erhoben. Zum Beispiel: Biologen kritisieren die Übertragung biologischer Termini auf den nicht-biologischen Teil der Humansphäre (Erkenntnis, Ethik). Und aus philosophischer Sicht ergibt sich der Einwand, dass nicht "die Welt" angeschaut wird, sondern aufgrund einer verengten Optik nur ein schmaler Ausschnitt von ihr.6
Darwin war an der Umdeutung seiner Erkenntnisse in die Gesellschaftstheorie, den Sozialdarwinismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts, nicht beteiligt. Höchstwahrscheinlich wäre er ihr nicht gefolgt. Im fünften Kapitel seines Buches "Abstammung des Menschen" schreibt er zum Beispiel: "Die Hilfe, die wir dem Hilflosen schuldig zu sein glauben, entspringt hauptsächlich dem Instinkt der Sympathie, die ursprünglich als Nebenform des sozialen Instinkts auftrat, aber in der schon früher angedeuteten Weise allmählich feiner und weitherziger wurde. Jetzt können wir die Sympathie nicht mehr unterdrücken, selbst wenn unsere Überlegungen es verlangten, ohne dass dadurch unsere edelste Natur an Wert verlöre."
Von diesen Gedanken Darwins ist es nur ein kleiner Schritt bis zu den in jüngster Zeit aufgekommenen Zweifeln am genetischen Egoismus. Der Biologe Thomas Weber zum Beispiel weist in seinem Buch "Darwin und die Anstifter" (Dumont 2001) hin auf viele Beispiele für Kooperation und Gemeinschaften, die auf einem hohen Maß an Solidarität beruhen.
Kritik an Darwin und an der Theorie des Sozialdarwinismus ist jedoch nicht Thema dieses Beitrags. Sie hat die Verbreitung des Schlagworts "sozialdarwinistisch" und eine gewisse Beliebtheit dieses Aspektes bei der Bewertung von Wirtschafts- und Gesellschaftsystemen bisher ohnehin nicht verhindern können.

Sozialdarwinismus bei Gesell?
Zustimmende Äußerungen zu Darwins Lehre sowie einige von Gesell benutzte Vokabeln und offenbarte Gedankengänge wecken Assoziationen in Richtung Sozialdarwinismus.7 Im Vorwort der 3. Auflage der NWO ist die Rede von "Auslese nach den Naturgesetzen", von "natürlicher Auslese", vom "Zuchtwahlrecht der Frau", und von einer Wirtschaftsordnung, in der dem "Tüchtigsten die Führung zufällt".8
So mancher Leser mag schon, von einigen Sätzen jenes Vorworts abgestoßen, das Buch gleich beiseite gelegt und sein ablehnendes Urteil gefällt haben: Sozialdarwinismus. Hat man jedoch das Gesamtkonzept kennen gelernt und sich näher über die Theorie des Sozialdarwinismus informiert, stellt sich die Frage, ob ihr die NWO entspricht, ob diese den Forderungen von Sozialdarwinisten genügen könnte.
Wie Werner Onken im Vorwort zu Band 7 der Gesammelten Werke Gesells berichtet, stand Gesell in persönlicher Verbindung mit Darwins Mitarbeiter A.R. Wallace, der sich ebenfalls "mit den beiden großen Menschheitsfragen nach dem Umgang mit Geld und Boden beschäftigte..., der als Präsident der englischen Landverstaatlichungsgesellschaft ähnliche Gedanken verfocht wie die Physiokraten." Von Darwin habe Gesell unbesehen Begriffe wie "Zuchtwahl" und "Hochzucht" übernommen. Lassen sie auf Rassismus schließen?

Gesell - ein Rassist?
Der ausgesprochene Kosmopolit hat wiederholt der Gleichberechtigung aller Menschen das Wort geredet und eine Bevorzugung bestimmter Rassen oder Völker verurteilt: "Der Erde, der Erdkugel gegenüber sollen alle Menschen gleichberechtigt sein,...ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der Bildung und körperlichen Verfassung." 9 Und Gesell möchte die Rechte der einzelnen Menschen gegenüber den Rechten der Völker erweitert sehen. Gedanken einer Herrschaft von Rassen über Rassen lagen ihm völlig fern. Staatliche Rassenpolitik lehnte er ausdrücklich ab.10 Es soll jedem selbst überlassen sein, ob er sich mit Menschen anderer Rassen verbindet.11 Und wenn er zum Beispiel schreibt, "Die Völker, Staaten, Rassen, Sprachgemeinschaften, religiösen Verbände, wirtschaftliche Körperschaften, die auch nur im geringsten den Freilandbegriff einzuengen suchen, werden geächtet, in Bann getan und für vogelfrei erklärt"12, dann sind derartige Formulierungen keinesfalls wörtlich und tierisch ernst zu nehmen, sondern als typisch für Gesells unakademische, bisweilen saloppe Ausdrucksweise. Der Soziologe Franz Oppenheimer hat richtig "jenen absichtlich volkstümlich derben, ironischen Stil" Gesells verstanden.13
Und das den Frauen zugesprochene "Zuchtwahlrecht"? Wer zuckt bei diesem Begriff nicht zusammen! Er meint zunächst einmal die aufgrund wirtschaftlicher Unabhängigkeit gegebene Freiheit der Frau, sich ihren Partner nach Kriterien auszusuchen, die nicht von finanzieller Abhängigkeit oder Not diktiert sind, also nichts anderes als das, was heute jeder emanzipierten, finanziell auf eigenen Füßen stehenden Frau möglich ist und für sie wohl als selbstverständlich gilt. Dahinter steht gewiss Gesells Wunsch, die Frauen möchten nur mit gesunden, tüchtigen Männern Nachkommen zeugen, doch will gerade er nicht in die Freiheit des einzelnen Menschen eingreifen. Sein Wunsch wird nirgendwo als Befehl formuliert. Es liegt ihm völlig fern, den Menschen zu purem Zuchtmaterial zu degradieren und dessen Würde einem biologischen "Wohl" des Volkes oder des Staates zu opfern. Würde und Wohl jedes einzelnen Menschen sind ihm ein höchstes Anliegen. "Hochzucht" meint nicht die Züchtung bestimmter Menschenrassen, sondern Gesundung der gesamten Menschheit. Das ist zu verstehen im Sinne der "Emporbildung der Menschennatur" (Johann Heinrich Pestalozzi), wie Werner Onken in dem oben erwähnten Vorwort schreibt.
Rassist war der deutsch-argentinische Kaufmann gewiss nicht.

Hilfe für die Schwachen
Gesell erwartet für Kranke und Schwache Hilfe und uneigennützige Taten seitens der Tüchtigen und Gesunden. In dem oben erwähnten Vorwort zur NWO schreibt Gesell, dass sich die vorgesehene Wirtschaftsordnung in keiner Weise den höheren, arterhaltenden Trieben in den Weg stelle. "Im Gegenteil, sie liefert dem Menschen nicht nur die Gelegenheit zu uneigennützigen Taten, sondern auch die Mittel dazu. Sie stärkt diese Triebe durch die Möglichkeit, sie zu üben. Hingegen in einer Wirtschaft, wo jeder seinen in Not geratenen Freund an die Versicherungsgesellschaft verweist, wo man die kranken Familienangehörigen ins Siechenhaus schickt, wo der Staat jede persönliche Hilfsleistung überflüssig macht, da müssen, scheint mir, zarte und wertvolle Triebe verkümmern." Und im nächsten Absatz heißt es:
"Hierbei wollen wir zur Beruhigung der menschenfreundlichen Leser uns noch erinnern, daß Gemeinsinn und Opferfreudigkeit dort am besten gedeihen, wo mit Erfolg gearbeitet wird. Opferfreudigkeit ist eine Nebenerscheinung persönlichen Kraft- und Sicherheitsgefühls, das dort aufkommt, wo der Mensch auf seine Arme bauen kann."14
Denkt so jemand, der einen erbarmungslosen sozialdarwinistischen Kampf im Hinterkopf hat? Gesell betont, dass der Wettbewerb in seiner NWO keinesfalls die grausamen Folgen habe, wie sie in der Natur zu beobachten seien.15

Korrektur des status quo
Gesell ist - im Unterschied zu sozialdarwinistischen Vorstellungen - keinesfalls der Auffassung, bestehende gesellschaftliche Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten seien unumgänglich und dürften nicht korrigiert werden. Er sieht Privilegien, Monopole, ordnungspolitische Fehler, insbesondere im Bodenrecht und in der traditionellen Geldordnung. Darauf gründen gegenleistungslose Einkommen, Zinsen und Bodenrenten. Fairer freier Wettbewerb wird dadurch von vornherein verhindert. Eine Minderheit gelangt auf Kosten der Mehrheit zu immer größerem Reichtum. In der NWO wären jene Störfaktoren beseitigt. Eine Bodenrechtsreform und eine Geldreform bringen entscheidende Verbesserungen der marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen, so dass es nahezu nur noch Arbeitseinkommen gibt. Vollbeschäftigung wird höchstmögliche Löhne und niedrigstmögliche Preise gewährleisten. Die Zahl der wirtschaftlich Benachteiligten wird stark reduziert. Eine große Mehrheit, bisher dem Geldkapital Frondienste leistend, wird von den Reformen profitieren, ihre Fähigkeiten besser entwickeln und erfolgreicher einsetzen können. So wird auf ganz anderem Wege als sich Sozialdarwinisten das vorgestellt haben, die Entwicklung der Menschheit entscheidend gefördert, nicht durch Zugrundegehenlassen der Schwachen, sondern durch Korrektur des Status quo. Die Treppe sozialer Hierarchien wird zusammengedrückt, der Grad der Ungleichheit wesentlich verkleinert, die Zahl der Schwachen reduziert.
Und was spräche gegen caritative und öffentliche soziale Einrichtungen, wenn selbst in der NWO, in der die Zahl der Bedürftigen stark zurückgehen würde, private Hilfe nicht ausreichen sollte? Vertreter des Sozialdarwinismus jedoch lehnen jegliche staatliche Maßnahmen, auch gegen Rassendiskriminierungen und Kinderarbeit, ab.16

Chancengleichheit
"Wettbewerb identifiziert die besseren Lösungen", so hat es einmal jemand formuliert. Zentralverwaltungswirtschaften schaffen dies nicht. Wer jeglichen Wettbewerb ablehnt, sollte sich darüber im Klaren sein, dass er damit Stillstand und gar Rückschritt befürwortet. Höherentwicklung bliebe aus, sowohl die wirtschaftlicher Produktivität als auch die der Individuen - geistig, kulturell und im Selbstwertgefühl. Wer möglichst alle Schwierigkeiten im Leben meidet, bleibt stehen oder entwickelt sich gar zurück. Der Mensch fördert hingegen seine Entwicklung, wenn er im Wettbewerb seine Kräfte erfahren, sich behaupten kann. Natürliche Ungleichheiten - Begabung, Fähigkeiten, Fleiß - lassen sich nicht beseitigen. Daher ist Chancengleichheit wesentliche Voraussetzung für fairen freien Wettbewerb. Gesell möchte allen "die gleiche Ausrüstung" dafür geben, durch Beseitigung struktureller Ungleichheiten.17 Und das geschieht vor allem mit einer Boden- und Geldreform, durch die Machtgebilde und Privilegien aufgelöst werden.18 Jeder kann dann Beschäftigung und sein Auskommen finden. Und die natürlichen Unterschiede ergeben bei weitem nicht jene krassen Einkommensdifferenzen wie bisher aufgrund gegenleistungsloser Einkommen. Die Position des Produktionsfaktors Arbeit wird gestärkt. Bei minimalen Kapitalkosten können sich weit mehr tüchtige Arbeiter selbständig machen. Insgesamt würde sozialökonomisch erheblich mehr erreicht als vordem mit staatsinterventionistischen, staatssozialistischen und wohlfahrtsstaatlichen Maßnahmen.

Herrschaft der Tüchtigen?
Wie ist Gesells Äußerung zu verstehen, dem Tüchtigsten werde die Führung zufallen? Auch diese Formulierung kann leicht missverstanden werden. Gesell strebt eine herrschaftsfreie Gesellschaft an: Niemand soll über andere herrschen, also auch nicht der Taugliche über weniger Taugliche. Dementsprechend spricht Gesell an derselben Stelle von einer Wirtschaftsordnung, in der "jedes Vorrecht aufgehoben ist." Durch die Brille des heutigen deutschen Grundgesetzes gesehen: Es geht um die Gleichberechtigung der freien Entfaltung der Persönlichkeit, um die gleiche Freiheit für alle. Gleichheit (auch der Startchancen) ist als eine Voraussetzung der Freiheit für alle zu verstehen.19 In der realexistierenden Marktwirtschaft können weniger Tüchtige aufgrund von Privilegien und Monopolen gegenüber den Tüchtigen wirtschaftlich durchaus erfolgreicher sein. In der NWO werden auch Tüchtige nicht mehr an ihrer Entfaltung gehindert. Sie werden im allgemeinen wirtschaftlich erfolgreicher sein. Werden sie sich aber deshalb, wie Gesell glaubt, stärker fortpflanzen?

Auslese nach den Naturgesetzen?
"Die Auslese durch den freien, von keinerlei Vorrechten mehr gefälschten Wettstreit wird in der Natürlichen Wirtschaftsordnung vollständig von der persönlichen Arbeitsleistung geleitet, wird also zu einem Sichauswirken der Eigenschaften des einzelnen Menschen. Denn die Arbeit ist die einzige Waffe des gesitteten Menschen in seinem "Kampfe ums Dasein". Durch immer bessere, höhere Leistungen sucht sich der Mensch im Wettbewerb zu behaupten. Von diesen Leistungen hängt es allein ab, ob und wann er eine Familie gründen, wie er die Kinderpflege üben, die Fortpflanzung seiner Eigenschaften sichern kann."
Gesell meint, dass die wirtschaftlich Schwächeren wegen geringerer Einkommen weniger Kinder zeugen werden: "Entsprechend ihrer geringeren Leistungen stoßen sie bei der Familiengründung, bei der Kinderpflege auf größere Hemmungen, die sich in eine geringere Nachkommenschaft umsetzen müssen." Und es steht für ihn "außerhalb jeden Zweifels", dass der freie Wettbewerb den Tüchtigen begünstige und seine stärkere Fortpflanzung zur Folge habe.20 Eine solche Entwicklung muss aber keinesfalls zwangsläufig so eintreten, bedenkt man den hohen Grad an Freiheit, die Gesell jedem Menschen zugesteht.
Hängt die Zahl der Kinder einer Familie so sehr von der finanziellen Lage der Eltern ab? Wenn der ideell-menschliche Wunsch nach Kindern und Familie stark ist, werden Geringerverdienende durchaus einen niedrigeren Lebensstandard hinnehmen wollen. Zur Hilfe kommt ihnen eventuell Unterstützung seitens der Tüchtigen - jedenfalls erwartet das Gesell (siehe oben). Und werden andere aufgrund höherer Einkommen unbedingt mehr Kinder in die Welt setzen? Wenn bei ihnen der Wunsch nach Kindern und Familie nicht ausgeprägt ist und/oder sie nicht bereit sind, sich in verschiedener Hinsicht einzuschränken und die Mühen der Erziehung auf sich zu nehmen, wird auch die bessere finanzielle Lage nicht entscheidend sein für die Zahl der Nachkommen.
Und welche "Garantie" bietet das "Zuchtwahlrecht" der Frau? Spielen bei der Partnerwahl nicht noch andere Kriterien eine Rolle als optimale Gesundheit und Intelligenzquotienten der Männer, zum Beispiel die Liebe? Gesell wünscht sich zwar, langfristig mögen immer weniger Ungesunde und Schwache zur Welt kommen, aber Erhaltung und Fortpflanzung des Krankhaften lässt sich im freiheitlichen Klima der NWO nicht verhindern. Und die ärztliche Kunst, die Möglichkeit, Kranken und konstitutionell Schwachen das Leben zu verlängern, hat er selbstverständlich befürwortet, wenn er sie auch andererseits als die "Hochzucht" des Menschen verlangsamend bezeichnet21 - eine Feststellung zwar im Sinne des Sozialdarwinismus, aber auf dem hohen sozialökonomischen Niveau der NWO ist es nun mal nichts mit "natürlicher Auslese" im Sinne des Sozialdarwinismus. (Vgl. oben unter "Beseitigung des status quo"!)
Respekt vor der Freiheit und Würde des Menschen haben Gesells Gesamtkonzept geprägt und nicht ein sozialdarwinistischer Forderungskatalog. Was sollen Vertreter des Sozialdarwinismus von folgenden Gedanken halten?
"Der Mensch ist das Maß aller Dinge, darum auch Maß seiner Wirtschaft...Damit der Mensch gedeihe, muß es ihm möglich gemacht sein, sich in allen Lagen so zu geben, wie er ist. Der Mensch soll sein, nicht scheinen. Er muß immer erhobenen Hauptes durchs Leben gehen können und stets die lautere Wahrheit sagen dürfen, ohne dass ihm daraus Ungemach und Schande erwachsen. Die Wahrhaftigkeit soll kein Vorrecht der Helden bleiben."22

Zu Gesells Soziologie
Anstoß erregt auch immer wieder die Betonung des Eigennutzes, in dem Gesell den Hauptantriebsmotor des Wirtschaftens sieht. Ein schrankenloser Egoismus ist damit aber nicht gemeint: "Auch sei hier noch bemerkt, dass Eigennutz nicht mit Selbstsucht verwechselt w erden darf. Der Kurzsichtige ist selbstsüchtig, der Weitsichtige wird in der Regel bald einsehen, dass im Gedeihen des Ganzen der eigene Nutz am besten verankert ist."23 Hier ist die Basis für Gesells Soziologie zu sehen, worauf bereits Benedikt Uhlemayr in seiner Schrift "Silvio Gesell" (1931) hingewiesen hat. Gesell hat das Gedeihen des einzelnen und des Ganzen im Blick. Wettbewerb und das Waltenlassen natürlicher Prinzipien haben dort ihre Grenzen, wo das Gedeihen des Ganzen und der Individuen gefährdet ist. Die entscheidenden, unverzichtbaren Rahmenbedingungen werden mit einer Bodenrechts- und Geldreform geschaffen. Wie künftige freie Gesellschaften weiteres im Einzelnen regeln, muss ihnen überlassen bleiben. Es lassen sich ohnehin nicht sämtliche gesellschaftlichen Probleme im Modell so abbilden, dass alle Möglichkeiten ihrer Bewältigung für die Zukunft erklärt werden können. Wie viel oder wie wenig Staat künftige Generationen brauchen, ist nicht vorherzusehen. Deshalb wäre es müßig, hier auch die Träume des späten Gesell von einem nahezu völligen Abbau des Staates zu diskutieren.

Scheinthema Sozialdarwinismus
Gesell vergleicht seine NWO mit der Manchester-Schule, die auf dem richtigen Wege gewesen sei. Sie glaubte, das Gesetz von Angebot und Nachfrage würde alle in der Wirtschaft wirkenden Kräfte jeweils selbsttätig mit einander ins Gleichgewicht bringen. Der Sozialreformer kritisiert aber an den Manchester-Leuten zu Recht, dass sie die Wirkungen der primären Monopole, der Geld- und Bodenmonopole, übersehen haben, die das Erreichen eines Gleichgewichtzustandes verhindern. Jenen wiederum zustimmend schreibt Gesell: "...und auch, was man von Darwin her später in diese Lehre hineintrug, war richtig."24 Damit wird ein kultureller Entwicklungs- und Ausleseprozess möglich, wie ihn sich der angelsächsische Liberalismus vorstellte:
"Institutionelle Neuerungen entstehen durch spontanes Handeln der Menschen und treten in Konkurrenz zu bisherigen Lösungen, wobei sich diejenigen durchsetzen, die am zweckdienlichsten sind. Das so aus dem selbstinteressierten und autonomen Handeln der Menschen entstehende Ordnungsgefüge konstituiert eine für alle Gesellschaftsmitglieder akzeptable Ordnung und gewährleistet die individuelle (politische und ökonomische) Freiheit." Dazu "soll der Staat eine für alle Menschen unterschiedslose verbindliche Rechtsordnung errichten...".25
Aus jener Zustimmung Gesells und seiner hier und da verdächtigen Wortwahl lässt sich kein sozialdarwinistischer Strick drehen. Die vorgesehenen Reformen stellen eine so gravierende Änderung der bisherigen Zustände und Bedingungen dar, dass allein schon aus diesem Grunde von Sozialdarwinismus nicht gesprochen werden kann. Vertreter sozialdarwinistischer Theorien könnten sagen: Gesell gebraucht starke Worte, aber nichts dahinter. Seine NWO müssen sie ablehnen.
Die von Gesell benutzten argwöhnischenVokabeln entpuppen sich im Rahmen seines Gesamtkonzeptes als harmlos, sie sind nicht in echt-sozialdarwinistischem Sinne, nicht in unhumaner Absicht, gemeint. Der Begriff Sozialdarwinismus findet sich in Gesells Publikationen nicht. Offenbar waren ihm die schlimmen Theorien, der Missbrauch, den man mit Darwins Lehre getrieben hat, nicht bekannt. Sozialdarwinismus offenbart sich in Verbindung mit Gesell und seiner NWO als ein Scheinthema.

Anmerkungen:
  1. Bis hier nach
    - Brockhaus Enzyklopädie Bd. 20, 1993, S. 251.
    - Herder Staatslexikon Recht Wirtschaft Gesellschaft Bd. 1, 1985, S. 1165.
    - Meyers Enzyklopädisches Lexikon Bd. 22, 1989, S. 151/152.
    - Lexikon der Soziologie. Westdeutscher Verlag Opladen. 1978, S. 705.
    - G. Endruweit/G. Trommsdorf, Wörterbuch der Soziologie. Bd. 3, 1989.
  2. Herders Staatslexikon Bd. 2, 1958, S. 550.
  3. Vgl. Anm. 2, S. 550.
  4. Vgl. Anm. 1, Brockhaus S. 521.
  5. Vgl. Anm. 1, Brockhaus S. 251.
  6. Vgl. Anm. 2, S. 1165/1166. Ferner: Handwörterbuch der Sozialwissenschaften Bd. 2, 1959, S. 549: Soziologischer Darwinismus und seine Gegner.
  7. Bei den diversen diesbezüglichen Veröffentlichungen, auf die hier nicht weiter eingegangen wird, die einen besonderen ausführlichen Beitrag erforderlich machen würden, ist zu unterscheiden zwischen denen, die um sachliche Erörterung bemüht sind und solchen, die offensichtlich in diffamierender Absicht geschrieben sind, von Autoren, denen die NWO Gesells von vornherein nicht ins ideologische Weltbild passt. Die Kritiken berücksichtigen durchweg das Gesamtkonzept Gesells nicht oder nur zum Teil.
  8. Silvio Gesell, Die Natürliche Wirtschaftsordnung, 1949, S. 12-24.
  9. Vgl. Anm. 8, S. 85 u. 92. Ferner: Gesell, Gesammelte Werke Bd. 14, S. 209.
  10. Vgl. Anm. 8, S. 85.
  11. Gesell, Gesammelte Werke Bd. 14, S. 209.
  12. Vgl. Anm. 8, S. 92.
  13. Franz Oppenheimer, Freiland - Freigeld. Kritik der Geld- und Krisentheorie Silvio Gesells. In: Zeitschrift für schweizerische Statistik und Volkswirtschaft, 1935 III, S. 337.
  14. Vgl. Anm. 8, S. 13/14 u. 17.
  15. Siehe auch oben den Abschnitt "Zur Kritik am Sozialdarwinismus".
  16. Vgl. Anm. 1, Herder Staatslexikon Bd. 1, S. 1165.
  17. Vgl. Anm. 8, S. 12-20.
  18. Ob der heutigen Übermacht internationaler Konzerne und der weltweiten Ausbeutung und Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen allein mit einer Boden- und Geldreform beizukommen wäre, muss bezweifelt werden.
  19. Dieter Suhr, Gleiche Freiheit. Allgemeine Grundlagen und Reziprozitätsdefizite in der Geldwirtschaft. 1988. S. 6/7.
  20. Vgl. Anm. 8, S. 17.
  21. Vgl. Anm. 8, S. 17.
  22. Vgl. Anm. 8, S. 12.
  23. Vgl. Anm. 8, S. 14.
  24. Vgl. Anm. 8, S. 14.
  25. Gabler Wirtschaftslexikon Bd. 4, 1988, S. 122: Zum angelsächsischen Liberalismus.

Vorurteile gegen Gesell und die Freiwirtschaftstheorie
  aufgrund der NS-Parole "Brechung der Zinsknechtschaft".

Von Josef Hüwe

"Abschaffung des arbeits- und mühelosen Einkommens, Brechung der Zinsknechtschaft", so heißt es im Punkt 11 des Grundsätzlichen Programms der NSDAP vom 24.2.1920. In demselben Jahr erschien "Das Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft des Geldes" von dem NS-Vordenker Gottfried Feder (1883-1941). Diese müsse beim Leihkapital einsetzen. "Der Leihzinsgedanke ist die teuflische Erfindung des Großleihkapitals." (1)
In seinem Buch "Der deutsche Staat auf nationaler und sozialer Grundlage" (3. Aufl. 1924) erklärt Feder: "Unter Zinsknechtschaft ist zu verstehen die zinspflichtige Verschuldung von Staat und Volk gegenüber den überstaatlichen Geldmächten." An anderer Stelle spricht er von der "Zinsknechtschaft des jüdischen Weltwucherkapitals". (2)
Zentraler Punkt des Federschen Lösungsvorschlags ist die "Finanzierung aller großen öffentlichen Aufgaben - Ausbau der Wasserkräfte, Verkehrswege - unter Vermeidung des Anleiheweges durch Ausgabe zinsloser Staatskassengutscheine." (3) Zu den öffentlichen Aufgaben zählte er später auch die Rüstungsproduktion. Feder hat jedoch keinerlei Vorschläge gemacht für zinslose Verschuldungen innerhalb des privaten Sektors, der Staatsbürger untereinander, und einen Abbau des Zinses dafür auch gar nicht gefordert. (3a)
Adolf Hitler war von Feder sogleich sehr angetan, als er ihm im Jahre 1919 begegnete: "Zum ersten Mal in meinem Leben vernahm ich eine prinzipielle Auseinandersetzung mit dem internationalen Börsen- und Leihkapital." (4) Feder hat auf das Programm der NSDAP wesentlichen Einfluß gehabt. Er wurde ihr führender Wirtschaftstheoretiker.

Silvio Gesell (1862-1930)
Unbelastet durch einen Glauben an Verschwörungstheorien sah Gesell in der Hortbarkeit des Geldes, in dessen Überlegenheit gegenüber den Waren, die Ursache des Zinses und einen entscheidenden Hinderungsgrund dafür, daß Sachkapital- und Geldkapitalzinsen im Zuge einer Wirtschaftsblüte nicht gegen null sinken. Vielmehr häufen sich "durch das System der Zinsen die Capitalien unnatürlich soweit an, daß die Schulden, die diesen Capitalien entsprechen, trotz des besten Willens und angestrengtester Arbeit nicht mehr verzinst werden können und den Bankrott der Schuldner zur Folge haben." (5)
Mit seinem Hauptwerk "Die natürliche Wirtschaftsordnung" (NWO)(6) hat der deutsch-argentinische Kaufmann eine Lehre von der Eigengesetzlichkeit des Wirtschaftswesens vorgelegt, ein Gesamtkonzept, in dem er die Ungerechtigkeit der Einkommensverteilung, die Ausbeutung der Arbeit und die Ursachen von Wirtschaftskrisen in Verbindung mit dem Prinzip von Zins und Zinseszins aufzeigt. Seine Lösungsvorschläge sind mit den Begriffen Freiland, Freigeld, Freihandel und Festwährung umschrieben. Zum Beispiel soll mittels einer Umlaufsicherung des Geldes, durch Erhebung von Gebühren auf Liquiditätsspeicherung (Hortung), diese verhindert werden und das Zinsniveau bei stetiger Kapitalvermehrung und zunehmender Bedarfsdeckung (Sättigung) auf null sinken können, ausgenommen die Zinsbestandteile Bankgebühren und Risikoprämien. Somit würden die Arbeiter, zu denen auch der arbeitende Unternehmer zu zählen ist, den vollen Arbeitsertrag erhalten. Auch J.M. Keynes hat später die Auffassung vertreten, die relative Kapitalknappheit könne allmählich überwunden werden, so daß Kapital keinen Zins mehr abwerfen würde.(7) (Voraussetzung wäre heute allerdings, daß die Nachfrage nach Kapital nicht mehr laufend künstlich gesteigert würde durch wachsende Staatsverschuldung und Subventionspolitik.) Gesell strebte also mit entsprechenden Rahmenbedingungen eine rein marktwirtschaftliche Lösung des Zinsproblems an und keinen Dirigismus, kein willkürliches Eingreifen des Staates in das Wirtschaftsgeschehen selbst, vorbei an realen Marktverhältnissen.

Feder von Gesell "beseelt"?
Bei oberflächlicher Betrachtung der Gesellschen Forderung nach Abbau des Zinses stellt sich leicht die Assoziation "NS-Parole Brechung der Zinsknechtschaft" ein. Daraus werden dann häufig voreilige Schlußfolgerungen gezogen und Vorurteile konstruiert. Carl Amery zum Beispiel meinte, Feder sei von Gesell "beseelt" gewesen. (8) Einen Nachweis für diese Behauptung ist Amery schuldig geblieben. Derartige Annahmen werden oft nachgeplappert und um weitere angereichert, wie Faschismus und Rassismus, oder um seltsame Blüten von Küchenlogik: Kritik am Zins sei Zeichen von Antisemitismus, weil die Juden im Mittelalter als Zinsnehmer "par excellence" gegolten hätten!

Feder, die NSDAP und Gesell
Was ist dran an der Behauptung, Feder sei von Gesell "beseelt" gewesen? Sind sich die beiden überhaupt jemals begegnet? Ja, in den Tagen, als Gesell Finanzminister in der Münchener Räterepublik war (April 1919). Am Rande einer vom "Vortrupp" veranstalteten Versammlung trafen an einem Abend im Restaurant "Ceres" in München zusammen: Gesell, sein Mitarbeiter Dr. Christen, Feder und dessen Mitstreiter Bothmer und Dietrich Eckart. Letzterer, ein Freund und Mitarbeiter Hitlers, hat darüber berichtet, und zwar mit sehr abfälligen Worten und mit häßlichen antisemitischen Ausfällen gegen Dr. Christen. (9) Eckart fügt seinen Ausführungen hinzu: "Überhaupt, was haben diese beiden Finanzgenies, er und Gesell, für leeres Stroh gedroschen an diesem Abend! Die aschgraueste Theorie, ohne einen Funken lebendigen Geistes, Worte, nichts als Worte!"

Wie reagierten Feder und die NSDAP in der Folgezeit auf Gesells Reformvorschläge?

Für einen Einfluß Gesells auf Feders "Brechung der Zinsknechtschaft" und umgekehrt gibt es keinerlei Anzeichen, geschweige denn, dass Feder von Gesell "beseelt" gewesen wäre.

Kritik seitens der Freiwirtschaftler
Vertreter der Freiwirtschaftslehre übten ihrerseits scharfe Kritik an Feders Vorstellungen und am Wirtschaftsprogramm der Nationalsozialisten. Einige der Hauptkritikpunkte waren: Verkennung der Ursache des Zinses, das Fehlen einer Kapitaltheorie, einseitige, negative Bewertung des Leihkapitals, diesbezüglich personenbezogenes Feindbild (Juden!), Verstaatlichung des Kredits, der Börsen und Banken, Außerachtlassung des Währungsproblems.
So kam zum Beispiel Dr. B. Uhlemayr 1923 in einem längeren Beitrag zu dem Schluß: "Das Wirtschaftsprogramm der Nationalsozialisten ist dilettantenhaft und deshalb gefährlich. Vom Standpunkt der freiwirtschaftlichen Erkenntnis aus muß es auf das schärfste bekämpft werden. Ein Pakt mit dem Nationalsozialismus ist für uns unmöglich..." (10)
In demselben Jahr bezeichnete der Freiwirtschaftler Otto Maaß Feders "Brechung der Zinsknechtschaft" sogar nur als eine "leere Redensart". (11) Ein solches Urteil mag zwar den Bemühungen Feders nicht ganz gerecht werden, regt aber dazu an, zeitlich einen Bogen zu schlagen zu der Feststellung Erich Fromms Anfang der vierziger Jahre, Hitler habe sein Versprechen, die Zinsknechtschaft zu brechen, nie eingelöst. (12) Zehn Jahre früher hatte schon der Kommunist Ernst Niekisch den Hitlerschen "Sozialismus" als "ein Taschenspielerkunststück der kapitalistischen Ordnung" bezeichnet. Hitler habe den Unterschied zwischen raffendem und schaffendem Kapital gemacht, "wobei es am Ende keinen reichen Mann mehr gab, dem es verwehrt worden wäre, sich dem schaffenden Kapital zuzurechnen." (13)
Auch Karl Walker, ein führender Wirtschaftstheoretiker der Freiwirtschaftsbewegung, hat noch kurz vor der Machtergreifung den Nazis, speziell auch Feder, gravierende geldtheoretische Defizite und Ratlosigkeit in der Währungsfrage vorgehalten. (14) In Gesells Veröffentlichungen sind Feder und die NSDAP kein Thema.

Gesellianer einflußlos und Feder kaltgestellt
Feder erhielt nach der Machtergreifung Hitlers keine wirklichen Machtbefugnisse. Er wurde auf den relativ unbedeutenden Posten eines Staatssekretärs für die Wirtschaft abgeschoben. "Die Steuern und der Zinsfuß waren genauso drückend wie früher, von der 'Brechung der Zinsknechtschaft', die Feder - jetzt Staatssekretär - seinerzeit versprochen hatte, konnte keine Rede sein." (15) Hjalmar Schacht setzte als Wirtschaftsminister im Jahre 1934 Feders Entlassung durch. Er konnte ihm das Schlagwort "Brechung der Zinsknechtschaft" nicht vergeben.(16) Die von Schacht eingeleiteten Maßnahmen zur Wiederbelebung der Wirtschaft beruhten allerdings zum Teil auch auf Ideen des NS-Vordenkers. (17)
Gesell aber und die Freiwirtschaftstheorie waren nicht nur bei Feder auf Ablehnung gestoßen. Gesell war für Hitler ein "rotes Tuch", wie SA-Stabschef Röhm bemerkt haben soll. (18) Der Freiwirtschaftsbund wurde bald nach Hitlers Machtergreifung verboten. (18a)
Die Freiwirtschaftsbewegung ist ohne Einfluß auf den Nationalsozialismus geblieben. Weder wurde die Zinsproblematik noch die Bodenfrage noch das Währungsproblem gelöst. Die Wirtschafts- und Geldpolitik des Hitlerregimes hat schließlich Deutschland die zweite große Inflation beschert, die 1948 eine Währungsreform erforderlich machte.

NWO und NS-Ideologie unvereinbar
Gesells Geisteshaltung und sein Gesamtkonzept waren a priori unvereinbar mit der Nazi-Ideologie. Er war Kosmopolit, dachte weder nationalistisch noch autoritär. (Gesell hat auch eine internationale Währungseinheit vorgeschlagen.) Die Gleichberechtigung aller Menschen war für ihn selbstverständlich, und er hatte keine Rassenvorurteile. Von seiner Wirtschaftsordnung erhoffte er sich eine Höherentwicklung der Menschen. Ein Gesellscher Sozialdarwinismus - auch ein immer wieder erhobener Vorwurf - kann davon aber nicht abgeleitet werden. Durch Gesells hier und da sozialdarwinistisch klingendes Vokabular sollte man sich nicht darüber hinwegtäuschen lassen, daß sein Gesamtkonzept den Vorstellungen des Sozialdarwinismus nicht entspricht. (19)
Und statt antisemitischer findet man bei Gesell eher prosemitische Äußerungen. Zum Beispiel: "Die Judenhetzerei ist eine colossale Ungerechtigkeit und eine Folge einer ungerechten Einrichtung, eine Folge des heutigen Münzwesens." ..."Die Münzreform schützt die Juden nicht allein vor jeder weiteren Verfolgung, sondern sie sichert auch der deutschen Wissenschaft und Gesetzgebung die Mitwirkung jüdischen Scharfsinnes." (20) (Der Begriff Münze meint hier selbstverständlich auch das Papiergeld. Der Verf.)
Die Kritik Gesells an der traditionellen Geldordnung und an den negativen Auswirkungen von Zins und Zinseszins ist keinesfalls antisemitisch gemeint. Auch der bisweilen zu hörende Faschismusvorwurf trifft völlig daneben. Zahlreiche Mitbürger verschließen heute noch vor der Zinsfrage die Augen, weil sie meinen, sie würden andernfalls der NS-Parole "Brechung der Zinsknechtschaft" folgen. So steht noch heute so mancher unter dem Einfluß der NS-Lügenpropaganda und hat insofern die Vergangenheit noch nicht bewältigt. Trotz der Unvereinbarkeit von Gesells NWO und der NS-Ideologie und trotz der unüberbrückbaren Divergenzen zwischen Feder und Gesell haben etliche Vertreter freiwirtschaftlicher Reformvorschläge Hoffnungen auf Hitler gesetzt und versucht, Einfluß auf das Wirtschaftsprogramm der NSDAP zu nehmen, allerdings ohne Erfolg.(21) Ein derartiges Fehlverhalten und der entsprechende Mißbrauch von Gesells Reformvorschlägen kann aber selbstverständlich weder diesem noch der Freiwirtschaftsbewegung insgesamt angelastet werden.

Feders Vordenker
Bleibt noch die Frage zu beantworten: Von wem war Feder "beseelt", wenn nicht von Gesell? Darüber hat der Wiener Wirtschaftswissenschaftler Gerhard Senft Nachforschungen angestellt.(22) Feder selbst gibt in seinem Buch "Der deutsche Staat auf nationaler und sozialer Grundlage" einen Hinweis auf die Quellen, aus denen er schöpft. Wie Senft herausgefunden hat, waren es insbesondere die Publikationen von zwei Geldreformern der bis zur Jahrhundertwende nicht unbedeutenden Wiener Schule, Wenzel Schober und Prof. Josef Schlesinger, zwei schlimmen Antisemiten. Schlesinger wurde 1899 von Karl Kraus in der Zeitschrift "Die Fackel" als Plagiator Houston Stewart Chamberlains entlarvt, der als einer der wesentlichen Vorläufer des Nationalsozialismus gilt.
Auf die teils dubiosen geldtheoretischen und geldpolitischen Ansichten jener Wiener Geldreformer ist hier nicht weiter einzugehen. Gesell hatte mit ihnen jedenfalls nichts zu tun. Er machte damals in Argentinien als selbständiger Kaufmann aufgrund von Beobachtungen der Preisbewegungen ganz allein und ideologiefrei seine eigene Entdeckung der besonderen Eigenschaften des traditionellen Geldes und der darauf beruhenden diversen negativen Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft.
Laut Senft läßt sich "klar nachvollziehbar aufbereiten, daß nicht nur der extreme Antisemitismus der NSDAP, sondern auch die Kernteile ihres Wirtschaftsprogramms Importartikel aus dem Wien der Jahrhundertwende gewesen sind."

Anmerkungen:
  1. Gottfried Feder: Das Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft des Geldes. 1920, S. 5.
  2. Gottfried Feder: Der deutsche Staat auf nationaler und sozialer Grundlage. 1935, S. 37.
  3. Wie Anm. 2, S. 43.
    3a) So auch Feders Biograph Arthur Herrmann in seinem Buch: Gottfried Feder. Der Mann und sein Werk. 1933, S. 36.
  4. Adolf Hitler: Mein Kampf. 1939, S. 229.
  5. Silvio Gesell: Die Reformation im Münzwesen als Brücke zum socialen Staat. 1891. In: Gesell/Gesammelte Werke Bd. 1, 1988, S. 41.
  6. Erste Auflage unter dem Titel: Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld. 1916.
  7. J.M. Keynes: Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes. 1936, S. 317.
  8. Carl Amery: Die philosophischen Grundlagen und Konvergenzen der Alternativbewegung. In: Lüdtke/Dinné (Hg.): Die Grünen - Personen, Projekte, Programme. Stuttgart 1980, S. 13.
  9. Dietrich Eckart in "Auf gutdeutsch - Wochenschrift für Ordnung und Recht." 1. Jg. 1919, Nr. 19/20, S. 300-302. Eckart war Chefredakteur des Völkischen Beobachters.
  10. Dr. B. Uhlemayr: Das Wirtschaftsprogramm der NSDAP. In: Die Freiwirtschaft durch Freiland und Freigeld. Hefte Juni und Juli 1923. Sonderdruck S. 2f.
  11. Otto Maaß: Die Brechung der Zinsknechtschaft durch G. Feder. In: Wie Anm. 10, S. 13.
  12. Erich Fromm: Die Furcht vor der Freiheit. 1941. 2. Aufl. 1983, S. 191.
  13. Ernst Niekisch: Hitler - ein deutsches Verhängnis. 1932, S. 17 u. 25.
  14. Karl Walker: Das Problem unserer Zeit und seine Meisterung. 3. Aufl. 1932.
  15. Charles Bloch: Die SA und die Krise des NS-Regimes 1934.1970, S. 51 u. 90.
  16. Wie Anm. 15, S. 141/142.
  17. G. Stolper: Deutsche Wirtschaft 1870-1940. 1950.
  18. Will Noebe: Geheime Mächte. 1965, S. 102.
    18a) Hans-Joachim Werner: Geschichte der Freiwirtschaftsbewegung.1990(1989) S. 90/91.
  19. Josef Hüwe: Entspricht das Konzept der "Natürlichen Wirtschaftsordnung" SilvioGesells den Vorstellungen von Sozialdarwinisten? In: DER DRITTE WEG, 9/1994.
  20. Silvio Gesell: Nervus rerum - Fortsetzung zur Reformation im Münzwesen. 1891.In: Gesell/Gesammelte Werke Bd. 1, 1988, S. 140/141.
  21. Hans-Joachim Werner: Geschichte der Freiwirtschaftsbewegung. 1990 (1989). Günter Bartsch: Die NWO-Bewegung Silvio Gesells. 1994. Günter Bartsch und Werner Onken: Natürliche Wirtschaftsordnung unter dem Hakenkreuz. Anpassung und Widerstand. 1996.
  22. Gerhard Senft: Vom "Volksgeld" zum "Mefo-Wechsel". Über Ursprung und Wesen der nationalsozialistischen Geld- und Finanzpolitik. In: Zeitschrift für Sozialökononomie, 85. Folge, Juni 1990

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