Vereinnahmung

Siehe auch: Global Governance +++ Anbiederung +++ Pro Staat +++ Lobbyarbeit +++ NGO-Ziele
Alternativen: Projekt HierarchNIE! +++ Organisierung von unten
Beispiele: Attac +++ Wahlalternative +++ Welt- und Europ. Sozialforum +++ Sozialforen allgemein
Sozial-/Hartz-IV-Proteste

Was ist instrumentelle Herrschaft?

Auszug aus dem Faltblatt "Mythos Attac" (Instrumentelle Herrschaft am Beispiel Attac)
Instrumentelle Herrschaft
Attac hat keine ausgeprägte Hierarchie. Die Verbindungen von zentralen Gremien und den Basis- und Arbeitsgruppen sind locker. Dadurch entsteht eine hohe Vielfalt unterschiedlicher Aktionsformen, Strukturen und Inhalte vor Ort. Das Spektrum reicht von anarchisch geprägten Gruppen über die mehrheitliche Orientierung auf reformistische Korrekturen des Bestehenden in einer neokeynesianisch bis traditionell-sozialdemokratischen Weise bis hin zu rechten, z.B. nationalistischen oder freiwirtschaftlichen Strömungen. Der modernen Strategie instrumenteller Herrschaft kommt diese Vielfalt entgegen, denn sie suggeriert eine große Breite und hohe Verankerung in verschiedenen politischen Gruppen. Attac wirkt wie der Dachverband aller Bewegungen und wird medial inzwischen zu fast allen Themen als Sprachrohr von Bewegung inszeniert. Die hohe Unterschiedlichkeit der Basis ist für die Vereinnahmung durch die zentralen Gremien und Sprecher gegenüber der Presse günstig, intern dagegen gleichgültig. Da zwischen Basis und zentralen Gremien wenig Verbindungspunkte bestehen, kann denen, die für das gesamte Attac nach außen auftreten, schlicht egal sein, wer an der Basis was denkt und tut. Die, die Attac vertreten, sagen das, was sie für richtig halten. Meist gibt es für die Positionen von Attac keine Abstimmungsprozesse im Verband. Was Attac ist, denkt, tut und fordert, bestimmen Sven Giegold, Peter Wahl und wenige andere mit ihren Interviews, Presseerklärungen und Reden. Attac ist ein mediales Konstrukt plus angeschlossener Basis. Die Attac-Sprecher reden im Namen aller, ohne dass diese überhaupt dazu befragt werden. Sie werden instrumentalisiert - als Personen, ihre Aktionen und die Bilder, die sie liefern.
Dieses Prinzip dehnt Attac auf die konkreten Kampagnen, auf Bündnisse und Aktionen aus. Immer wieder tritt das Phänomen neu auf: Viele Menschen engagieren sich auf ihre Weise, aber nur wenige verkünden über die Medien, warum das geschieht und welche politischen Forderungen damit erhoben werden.

Beispiele:

  • Intern: Der Koordinierungskreis bzw. einige prominente Ko-Kreis-Mitglieder vertreten nach außen, was Attac ist und fordert. Die Mitglieder und aktiven Gruppen erfahren aus der Zeitung davon. Es wird aber immer als "Attac" oder "wir" gesprochen, d.h. alle Mitglieder und Aktiven werden vereinnahmt. Die Forderung nach einer "anderen Welt" wird dann gefüllt: Tobin Tax und Schuldenerlaß sollen reichen. Sven Giegold fordert einen Kapitalismus wie in Skandinavien oder bekennt sich z.B. am 1. Mai 2004 als Hauptredner beim DGB in Fulda zur freien Marktwirtschaft. Aufgrund seiner Medienmacht wird das, was er sagt, als Meinung von Attac wahrgenommen.
  • Proteste in Seattle und Genua: Die Aktionen in den Städten waren breit getragen, widerständig und mit unterschiedlichen Forderungen versehen. Die Tobin Tax kam dort gar nicht oder selten vor. Erst einige Jahre nach Seattle oder nach den Protesten von Genua wurden sie von Attac und den Attac-nahen Medien als Demonstrationen für eine Tobin-Tax "verkauft" und damit die vielen Gruppen für die politischen Forderungen von Attac vereinnahmt.
  • Sozialforen: In der Charta des Weltsozialforums, die auch vom Europäischen Sozialforum und den meisten regionalen Sozialforen anerkannt wird, ist eindeutig festgelegt, dass die Sozialforen offene und horizontal organisierte Räume sind. Niemand darf für sie sprechen, es werden keine gemeinsamen Beschlüsse gefaßt. Attac und einigen weiteren organisierten Verbänden ist diese Charta gleichgültig. Nach jedem Sozialforum präsentieren sie Beschlüsse und Kampagnen, die angeblich dort gefaßt worden sein sollen. Auf dem Weltsozialforum werden Pressekonferenzen mit Bodyguards gegen Basisgruppen abgeschirmt, damit Attac & Co. - oft zusammen mit Regierungsvertretern - gegenüber der Öffentlichkeit verkünden können, welche Ziele das Sozialforum hat (www.projektwerkstatt.de/sozialforum).

    Auszug ais einem Referat zu offenen Räumen auf dem Strategiekongress des Berliner Sozialforums (.rtf)
    Aus Bewegungen bilden sich Führungscliquen heraus, offene oder informelle Kader bestimmen das politische Erscheinungsbild. Sicherlich, auf den ersten Blick scheint eine Bewegung im Vergleich zum Raum ein wesentlich effektvolleres Instrument der politisches Intervention zu sein. Aber das wird erkauft mit einem Homogenisierungs- und Hierarchisierungsprozess nach innen. Besonders dann, wenn die Bewegung politische Aufmerksamkeit durch die Medien oder gar den Gegner erfährt. Und nicht zuletzt eröffnet eine Bewegung den politischen Selbstdarstellern, den Machthungrigen unter uns große Chancen; was wiederum Gegenreaktionen auslösen kann, die alles blockieren.

Beispiele für Vereinnahmung

Auszüge aus dem Faltblatt "Mythos Attac"

Proteste gegen Agenda 2010, Hartz IV usw. ... vereinnahmt, kanalisiert, populistisch aufgeladen
Eigentlich geht es um den Kampf gegen neue soziale Regelungen und Gesetze. Und eigentlich sind die Betroffenen Arbeitslose, SozialhilfeempfängerInnen oder soziale Gruppen. Doch die Demonstrationen sind fast überall beherrscht von Apparaten verschiedener Gruppen. Als die Montagsdemos Ende Sommer 2004 in Mode kamen, versuchten viele Organisationen, diese für sich und ihre Forderungen zu instrumentalisieren. Da der DGB (wie üblich) die Entwicklung verschlief, entstand wieder der Raum für Attac und, neu hinzugekommen als hochorganisierter Apparat, die Wahlalternative Arbeit & soziale Gerechtigkeit (siehe oben). Viele Demonstrationen sind von diesen beherrscht, auf Bundesebene werden fast nur FunktionärInnen dieser beiden Gruppen zum Thema interviewt. Die Pressemitteilungen von Attac tauchen regelmäßig nach dem Montag in den Medien auf. Eine Besonderheit entstand aber dadurch, dass eine weitere Gruppe, die mit Attac und Wahlalternative nicht kooperationsbereit war, den gleichen Versuch unternahm - die MLPD. Seitdem tobt in vielen Städten der Streit, ab und zu auch mit Fäusten ausgetragen. Bundesweite Koordinierungstreffen werden eingeladen, aber immer getrennt entsprechend den vereinnahmenden Apparaten, die zu ihren Treffen laden, diese als Treffen aller verschleiern und der anderen Seite Verrat und Fälschung vorwerfen. Die Mechanismen von Vereinnahmung treten durch diesen Streit deutlich hervor. Beide Seiten behaupten, im Namen der überwältigen Mehrheit zu sprechen und die eigentlichen Montagsdemos zu vertreten. Die Betroffenen und politische Ziele sind dabei längst in den Hintergrund geraten. Kein Wunder auch, dass Demonstrationen die Hauptaktionsform sind - kaum eine andere Protestform läßt sich so gut steuern und für die eigenen Interessen nutzen.
Die Proteste gegen den Sozialabbau bieten ohnehin viel Anschauung zum Thema "Vereinnahmung". Die Dominanz vieler ASTAs und politischer Hochschulgruppen bei den Uni-Streiks im Herbst 2003 oder die Machtübernahme von Attac & Umfeld zur Sozialabbau-Demo am 1.11.2003 in Berlin bzw. dann vom DGB am 3.4.2004 in Berlin waren Sternstunden instrumenteller Herrschaft. Wie bei etlichen Hartz-Demos sorgen Bodyguards an Bühnen und Mikrofonen dafür, dass nur die "Richtigen" sprechen können.

  • www.projektwerkstatt.de/aes/sozialproteste.html

    Sozialforum in Deutschland und regionale Sozialforen
    Seit über zwei Jahren läuft der Gründungsprozess für ein Sozialforum in Deutschland - zäh und langsam. Nach mehreren Verschiebungen ist nun für Sommer 2005 das erste Sozialforum angesetzt. Es soll in Erfurt stattfinden. Bemerkenswert ist der Streit zwischen zwei Strömungen. Die eine will die Charta des Weltsozialforums umsetzen und einen offenen Raum organisieren. Die andere will ein Sozialforum mit fester Struktur und Außenvertretung. Der letztgenannten gehören alle VertreterInnen von Verbänden an, z.B Gewerkschaften und Attac. Deren Ziel ist es, mit einem Sozialforum eine weitere Plattform zu besitzen, in deren Namen sie sprechen und ihre Forderungen nach außen tragen können.
    Beim bundesweiten Vorbereitungstreffen am 17./18.7.2004 in Frankfurt wurden alle wichtigen Posten mit VertreterInnen des Sozialforum-als-Organisation-Flügels besetzt.

Neue "Linkspartei" (Wahlalternative Arbeit & Soziale Gerechtigkeit)
Der bisherige Werdegang der neuen Partei "Wahlalternative Arbeit & Soziale Gerechtigkeit" kopiert die Strategie von Attac, entwickelt diese aber noch weiter bzw. kann die Erfahrungen von Attac nutzen:

  • Sowohl die Wahlalternative wie auch die ASG, die im Juni 2004 verbunden wurden, wurden von Beginn an durch wenige Personen nach außen vertreten, die kraft ihrer bisherigen Funktionen, Mitgliedschaften oder ihrer Rolle im Gründungsprozeß eine dominante Stellung hatten. Das ähnelt dem Werdegang von Attac, verläuft nur viel schneller.
  • Die Positionen der neuen Partei werden, wie bei Attac auch, durch die führende Köpfe über die Medien verbreitet. Die neokeynesianische Ideologien tragenden Medien geben der neuen Partei sehr breiten Raum.
  • In verschiedenen Medien wird dem Streit um die Partei breiter Raum gewidmet. Das gibt der Partei (und z.Zt. auch gezielt dieser einzigen) zusätzliche Wichtigkeit. Wie bei Attac bringt auch die Kritik das Objekt der Kritik in den Mittelpunkt.
  • Bereits in der ersten Phase wurden Spitzenämter geschaffen und besetzt. Die Basis organisierte sich um die schon bestehende Spitze herum. Kraft ihrer medialen Zentralität ist diese Spitze kaum demokratisch kontrollierbar.
  • Die neue Partei verkauft sich selbst als Breite der Bewegung, obwohl bei näherer Betrachtung gestandene FunktionärInnen mit wenig Erfahrung "auf der Straße" die Partei dominieren.
  • Die Programmatik der Partei ist von Beginn an staatsnah, minimalreformistisch und setzt auf Kontrolle statt Emanzipation. So werden im Entwurf eines Gründungsprogramms die Vollbeschäftigung, Stärkung der Inlandsnachfrage, staatsfinanzierter Aufschwung, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Aufrechterhaltung der Einkommensunterschiede auch beim Arbeitslosengeld als Ziele formuliert, d.h. ein müder Abklatsch alter, gescheiterter Politikformen, die mit Selbstbestimmung ebenso wenig zu tun haben wie sie neuere Debatten in der Bewegung (Aneignung, Dekonstruktion des Arbeitsmythos usw.) aufnehmen. Mit Forderungen wie dem Einfrieren der Militärausgaben oder der Ablehnung von NATO-Einsätzen "out of area" liegt die Partei eher auf Linie der Bundesregierung als in der Nähe sozialer Bewegung. Die Grünen begannen weitaus radikaler ...
  • All diese Abläufe sind noch schneller und präziser als in der Entwicklung von Attac - und unvergleichbar rasanter als die Etablierung der Grünen vor über 20 Jahren.

Die Reaktionen von Attac auf die Partei sind bemerkenswert. Während die Führung von Attac das Projekt weitgehend geschlossen ablehnt, sympathisieren viele Basismitglieder und -gruppen mit den Parteigründungen. So sitzt im zentralen Gremium der Partei kein Attac-Bundesfunktionär, sondern mit Sabine Lösing eine Basis-Aktivistin aus Göttingen. Das ist kein Zufall: Die Attac-Eliten nehmen die neue Partei als Konkurrenz wahr, denn die Partei wird in ähnlicher, wahrscheinlich sogar in überlegener Art soziale Bewegung instrumentalisieren und sich selbst als Sprachrohr von Bewegung inszenieren. Damit löst die Partei Attac in dieser bisherigen Rolle ab, Attac wird stark an Bedeutung verlieren zugunsten der neuen Partei. Die Basisgruppen von Attac empfinden das nicht als Schwäche, da sie ohnehin bisher nicht viel zu sagen hatten.

Ähnliche Effekte gab es auch schon bei der neuen Partei "Regenbogen" (Hamburg)

Weitere Beispiele

Im Namen aller Menschen ...
Auszug aus dem Konzept für einen Weltzukunftsrat (Quelle: www.weltzukunftsrat.de) ... mehr hier!
Unsere Welt braucht eine starke Stimme, die für unsere Werte als Weltbürger und für die Interessen des Planeten spricht.
Der Welt-Zukunftsrat wird als Stimme der globalen Vernunft, die sich für gemeinsame menschliche Werte und Traditionen einsetzt ... Unser Ziel ist ein globaler Rat der Weisen, der Pioniere und Vorreiter auf verschiedenen Gebieten sowie engagierter junger Menschen, die für unsere gemeinsamen Werte als Bürger dieser Erde und für die Rechte zukünftiger Generationen sprechen. ... Die Mitglieder der ersten Jahre sollen nach einem breiten Konsultationsprozess ausgesucht werden, mit Hilfe der schon an dieser Initiative beteiligten Organisationen wie EarthAction, Friends of the Earth, B.A.U.M. usw.. Zu einem späteren Zeitpunkt wird es sicher möglich sein, Mitglieder des Rates direkt zu wählen.
Die Legitimität des Rates wird sich aus der Qualität seiner Vorschläge und seiner Zusammenarbeit mit demokratisch gewählten Parlamentsmitgliedern ergeben, deren Unterstützung für die Umsetzung erforderlich sein wird.
Der Rat wird eine Exekutive wählen, die sich mit Notfallsituationen befasst.

Befehle, Stellvertretertum und Vereinnahmung der Demonstration am 6.11.2004 in Nürnberg (zur Bundesagentur für Arbeit)
Auszüge aus der "Einladung zu den Pressekonferenzen" der Gruppe "organisierte autonomie (oa)"

Als OrganisatorInnen der bundesweiten Großdemonstration zur Bundesagentur für Arbeit am 6. November 2004 bieten wir Ihnen verschiedene Pressetermine an, sich über die Inhalte und Hintergründe der Demonstration zu informieren. ... Es sprechen: Sozialforum Nürnberg für die Gesamtdemo, Aktionsgemeinschaft Nürnberger Arbeitsloser (ANA) für Basisinitiativen und Betroffene, organisierte autonomie (oa) für den antikapitalistischen Block. ... Anwesend: VerteterInnen des Sozialforums Nürnberg für die Gesamtdemo und VertreterInnen der organisierten autonomie (oa) für den antikapitalistisch en Block ...
Auszug aus der 4. Infomitteilung vom 2.11.2004 der Gruppe "organisierte autonomie (oa)"
Der antikapitalistische Block wird ziemlich weit vorne laufen. Er muß geschlossen gehen (10er-Ketten), Seitentransparente sind erlaubt.

Zu Hoppetosse +++ projektwerkstatt.de +++ Direct Action. Zum Anfang.