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Direct Action: Widerstand im Alltag
Direkte Intervention

Auf dieser Seite: Praktische Anwendung ++ Robuste Methoden ++ Beispiel ++ Hilfen ++ Zitate ++ Links

Direkte Intervention meint ein unmittelbares Eingreifen, wenn andere diskriminiert oder - auf welche Weise auch immer – eingeschränkt werden. Damit ist weniger Gewalt, sondern ein sich Sich-Positionieren zu den Vorgängen gemeint, dass auch auf andere wirkt und diese ermutigt, nicht wegzuschauen. Ziele sind die Beendigung oder zumindest Offenlegung einer Unterdrückungssituation bis hin zum Anstoß einer Reflektion über das eigene Verhalten bei den kritisierten Personen. An dieser Stelle sind einige Ideen gesammelt, wie mit konkreten, sich oft wiederholenden Situationen umgegangen werden könnte. Weitere können gerne hinzukommen (oder eingetragen werden auf das Alltagswiderstands-Wiki).

Szenarios und Beispiele für Eingriffsmöglichkeiten

Personen- oder Fahrkartenkontrollen

Ausweiskontrollen nach rassistischem Schema in Bahnhöfen oder Zügen, Polizeiattacken in der Öffentlichkeit oder Fahrkartenkontrollen in öffentlichen Verkehrsmitteln sind häufig anzutreffende Unterdrückungssituationen. Handlungsmöglichkeiten könnten sein:

Diskriminierung und Anmache aufgrund von Herkunft, Alter oder Geschlecht

'Robuste' Methoden

Nicht alle Situationen lassen sich über Kommunikation, verstecktes Theater oder Ablenkungsmanöver klären. Bei einer bestimmten ‚Qualität’ von Übergriff (z.B. offene Schlägerei) ist das unmittelbare Ziel, gewaltförmiges Verhalten zu beenden. Dann kann auch begrenzte Gewalt sinnvoll sein. Ziele dabei sollten immer sein, die Gewaltsituation aufzulösen und der kommunikativen Intervention Nachdruck zu verleihen. Wer eine bereits entwaffnete Person in Überzahl krankenhausreif prügelt, übt damit selbst Gewalt „von oben“, d.h. handelt aus einer Herrschaftsposition. Wichtig ist, das eigene Verhalten immer zu reflektieren und nicht leichtfertig zu Gewalt zu greifen. Oft genügt es, selbstsicher und offensiv aufzutreten, um Diskriminierung und Gewalt zu stoppen, weil die Täterinnen es nicht mögen, aus ihrer Anonymität gerissen zu werden.

Beispiel

Auf dem Anti-G8-Camp 2006 entwickelte sich ein absurder Zwist zwischen Israel-Fans und -Gegnerinnen, ausgelöst durch Transparente (und deren Entfernung), die zum Teil sehr platte politische Forderungen aufwiesen. Der Konflikt wurde sehr mackerig ausgetragen. Dabei bahnte sich irgendwann eine Schlägerei zwischen Menschen an, die sich den unterschiedlichen Lagern zuordneten. Spontan griffen Außenstehende mit einer neuen Aktionsform ein, die für direkte Intervention im Alltag gut geeignet ist - das „Covern“, d.h. eine Situation, die kritisiert wird, daneben mit absurden Bezügen nachahmen: Drei Menschen inszenierten spontan ein Wortgefecht und eine "Schlägerei" darum ob Mickey Mouse, Donald oder Dagobert Duck cooler seien. Mit interessanter Wirkung: Das Restgeschehen ‚fror’ ein, die Aufmerksamkeit der Israel-Fans und -Gegnerinnen, bereits vermittelnden Menschen sowie zahlreicher Zuschauerinnen richtete sich auf das Theater. Und viele verstanden die Bezüge ...

Hilfreiche Methoden

Nachstellen konkreter Situationen per Rollenspiel, Theater der Unterdrückten oder Improvisationstheater inklusive gemeinsamer Reflektion kann helfen, sich auf Direkte Interventionen lebhaft vorzubereiten. Eine besonders ‚lustige’ und dynamische Methode: Ein paar Leute spielen eine Theaterszene, die anderen stehen locker um sie herum. Wer eine Idee hat, um mit der Situation umzugehen, kann das Geschehen anhalten (und gegebenenfalls zurück spulen) und sich einwechseln. Positive Wirkungen der Methode könnten sein:

Text aus "Alltag in den Widerstand" bringen (A5-Broschüre; Bestellen oder downloaden

Zitate zu Direkter Intervention

Direkte und soziale Intervention im Vorlauf der Gewalt

Wenn alles Beschriebene geschehen ist, wird trotzdem noch gewaltförmiges Verhalten bleiben. Die Menge ist deutlich reduziert - wie stark, ist reine Spekulation. Aber die Aussicht der Verringerung reicht als Begründung, diese herrschaftsfreie Gesellschaft zu wollen. Dennoch bleiben Möglichkeiten, auch die verbleibende, also nicht durch gesellschaftliche Rahmenbedingungen verursachte Gewalt zu stoppen, ohne wiederum Herrschaft und Strafe aufzubauen, denn diese würde wieder alles verschlimmern.

Das stärkste Mittel der Intervention ist die direkte Kommunikation der Menschen untereinander. Dieses gilt zum einen in der Debatte über Gewalt, Diskriminierung und Herrschaft insgesamt, zum anderen aber auch im Umgang mit potentiellen TäterInnen. Die allgemeine Debatte erhöht ständig die Sensibilität für die Anbahnung von Gewalt, um eine Intervention nach Möglichkeit schon im Vorfeld zu ermöglichen. Tatsächlich haben fast alle Gewalttaten einen deutlichen Vorlauf, z.B. Schlägereien den verbalen Streit, Morde die langsame Eskalation von Wut und Hass sowie Vergewaltigungen vorausgehende Grenzüberschreitungen, die vom Umfeld übersehen oder geduldet werden. Der Vergewaltiger, der ein ihm unbekanntes Opfer in den Busch zieht, ist ebenso die Ausnahme wie der Mörder, der willkürlich ihm unbekannte Personen mordet. Ausnahmen in beiden Fällen gibt es nur beim Militär12. Fast alle Gewalt geschieht unter Bekannten oder zumindest nicht innerhalb anonymer Situationen. Daher besteht immer die Möglichkeit, mittels direkter Intervention eine weitere Eskalation zu verhindern - in der Regel vor der Anwendung von Gewalt und meist auch noch vor starken Übergriffen. Die soziale Intervention thematisiert das. Intervention setzt Übung und Reflexion voraus, zudem Sensibilität für die Situationen. Die Menschen interessieren sich füreinander und mischen sich in ihre Angelegenheiten ein, wenn sie herrschafts-﷓ oder gar gewaltförmiges Verhalten zu entdecken meinen. Der Irrtum ist eingeschlossen, aber auch den schafft die direkte Kommunikation eher aus dem Weg als formalisierte Verfahrensweisen.

Wenn Menschen sich immer wieder direkt ansprechen und hinterfragen, sinkt die Menge der tatsächlichen Gewalttaten weiter. Die direkte Kommunikation hat dabei nicht nur die Chance, einen konkreten Prozess zu stoppen, sondern auch eine grundlegenden Veränderung bei der angesprochenen bzw. auch weiteren beteiligten Personen zu erreichen. Kommunikation führt zu Reflexion und eigenem Hinterfragen. Wenn im Vorfeld oder nach einem Übergriff die/der TäterIn von vielen anderen Menschen angesprochen und eine klärende, hinterfragende, kritische bis harte Debatte erbeten oder eingefordert wird, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich Verhalten ändert, ungleich höher als bei Strafe.

Die Unterscheidung zwischen direkter und sozialer Intervention ist fließend. Mit den beiden Begriffen soll deutlich gemacht werden, dass beide Prozesse eine Rolle spielen - zum einen das direkte Einmischen in der Situation und gegenüber den direkt Beteiligten, zum anderen die allgemeine Auseinandersetzung mit Gewalt und Dominanz, das Training von Intervention und das Drängen hin zu nicht herrschaftsförmigen Verhaltensweisen überall, u.a. dort, wo gewaltförmiges Verhalten noch auftritt. Soziale Intervention umfasst auch das Thematisieren allgemein herrschaftsförmiger Verhältnisse oder gewaltfördernder Rahmenbedingungen, auch wenn kein konkreter Fall von Gewalt aufgetreten ist oder sich anbahnt. Beide Formen, die direkte und die soziale Intervention verändern eine Gesellschaft und konkrete Situation hin zu einer Abnahme von Herrschaft und Gewalt.

Direkte und soziale Intervention nach der Gewalt

Gegenüber der von Gewalt durchzogenen, autoritär aufgeladenen Jetztzeit wird durch die beschriebenen Mechanismen ein großer Teil gewaltförmigen Verhaltens aus der Gesellschaft verschwinden. Aber dennoch: Übrig bleibt eine schwer abschätzbare Menge an Gewalt, die trotz Intervention im Vorfeld oder spontan bzw. mit einer unbemerkten Vorphase stattfindet. Jedoch stellt die verbleibende Gewalt nicht das Gesamte in Frage, denn die Verminderung von Gewalt ist als Grund ausreichend. Jede Gewalt ist aber inakzeptabel, schafft Opfer und TäterInnen - erstere mit ihren daraus folgenden Belastungen und Ängsten, letztere oft ebenfalls mit psychischen Folgen. Nötig ist aber der Umgang mit der verbleibenden Gewaltförmigkeit - und zwar erneut mit dem Ziel, Wiederholungen zu verhindern und die Gewalt weiter zu verringern. Kommunikation ist die einzige Chance für diesen weiteren Prozess.

Direkte Intervention ist die unmittelbarste Reaktion auf das Geschehen. Die Betroffenen und andere Menschen bauen eine direkte Gesprächsebene auf, vor allem zum Opfer, zu den TäterInnen und eventuell solchen, die nicht gehandelt haben. Zielsetzung der Kommunikation mit TäterInnen ist die Reflexion und die deutliche Distanzierung von der Anwendung der Gewalt und Unterwerfung - selbst wenn sie Motive hat, die verständlich wirken, z.B. Stress, Hass oder Frustration. Besondere Aufmerksamkeit bedarf dabei die herrschaftsförmige Gewalt, d.h. die Gewalt, die zwecks Herstellung oder Aufrechterhaltung eines nicht gleichberechtigten Verhältnisses ausgeübt wird. Herrschaftsausübung oder der Versuch dazu sollte immer direkte Intervention der Umstehenden hervorrufen. Wer als TäterIn mehrfach kommunikativ angesprochen wird, ist deutlich eher geneigt, das eigene Verhalten zu hinterfragen und eventuell zu ändern wie in Folge von Strafe.

Soziale Intervention thematisiert im Gegensatz zur beschriebenen direkten Intervention die Rahmenbedingungen, die Gewalt und Herrschaft fördernden Strukturen, Nichtverhalten bei Umstehenden usw. und kann zusätzlich wichtig sein.

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