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Gratis-Essen
Essen umsonst organisieren, praktische Gratisökonomie und Aktionsmöglichkeiten

Quellen ++ Kooperativen ++ Wege kombinieren ++ Aktionen ++ Containern und Strafe ++ Der Reader zum Thema ++ Links

introduction

Zum Kapitalismus gehört auch die Überproduktion. Täglich werden Unmengen gut erhaltener Nahrungsmittel weg geworfen oder vernichtet, weil es sich "rechnet", der Verwertungslogik entspricht - während gleichzeitig in vielen Teilen der Welt Hunger vorherrscht. Unter diesen Verhältnissen ist es daher möglich, ohne Geld einen Überfluss an Essen zu organisieren. Die Beschaffung von Nahrungsmitteln ist einer der Bereiche, in dem sehr schnell eine Gratisökonomie umgesetzt werden kann und die Kosten gegen Null tendieren ... so entsteht ein Teilrahmen, in der Verknappung überwunden ist und alle nach ihren Bedürfnissen nehmen können. Aber auch in anderen Lebensbereichen (Mobilität, Energie, Wasser etc.) sind ähnliche Prozesse denkbar. Dabei geht es uns um mehr als eine abweichende Alltagspraxis, sondern die Verbindung von "Widerstand und Vision" - Formen der Selbstorganisierung und Gratisökonomie können immer auch Reibungsflächen mit der Normalität sein: Mit direkten Aktionen können die Auswirkungen von Herrschaft und Verwertung, die Ursachen von Hunger sowie die Gegenbilder und praktischen Versuche aufgezeigt werden, ohne Markt und Staat zu leben ... bis hin zur Diskussion über Visionen herrschaftsfreier Gesellschaft ist alles möglich.

Es gibt eine ganze Reihe von Methoden, um Gratis-Essen zu organisieren. Viele lassen sich gut miteinander kombinieren - "die Mischung macht's". In Der Praxis hat sich gezeigt, dass gerade der Mix verschiedener Elemente erfolgsversprechend ist, um tragfähige Alternativen im Alltag aufzubauen, die weniger Zwänge und Abhängigkeiten beinhalten. Am besten funktioniert es da, wo Menschen kooperative Strukturen bilden und in gegenseitige Hilfe einen gemeinsamen Reichtum schaffen ... und das muss ja nicht beim essen aufhören - dazu aber später mehr. Die im folgenden zusammen getragenen Ideen sind dabei nur eine Momentaufnahme des Wissens aus verschieden Zusammenhängen, die schon eine ganze Weile versuchen, Abhängigkeiten vom Markt zurück zu drängen. Sicher gibt es noch ganz andere Möglichkeiten. Ihr seid also herzlich aufgerufen, euch an der Weiterentwicklung zu beteiligen!

Wege zu Essen und Wohlstand

Auf den Spuren der Wegwerfgesellschaft

Das gezielte und organisierte Sammeln all dessen, was aufgrund der Verwertungslogik oder dem puren Überfluss zu Abfall gemacht wird, schafft eine breite Grundlage für selbstorganisierte Nahrung. Und das ist gar nicht schwer. Hilfreich ist auf jeden Fall, einen Blick dafür zu entwickeln, wann und wo Nahrungsmittel aus der Verwertung raus fallen oder weg geworfen werden. Der Container hinterm Laden ist naheliegend - aber auch bei Mega-Buffets anlässlich von Partys bleibt häufig einiges übrig.

Bild mit Conatiner-BeuteContainern und Container-Kooperativen

Containern meint das Leben von den Resten des Zwischenhandels. Die Abfallcontainer der Supermärkte dokumentieren immer wieder, wie verschwenderisch ein marktförmiges Wirtschaften ist. Was aus Gründen der Preisstabilität weg muss oder nicht mehr der gewollten Optik entspricht, fliegt raus. Darunter befinden sich ständig massenhaft Lebensmittel, die gut genießbar sind - oft ist allein ihre Verpackung beschädigt oder das Verfallsdatum steht dicht bevor usw. (Foto: Ergebnis eines - guten - Container-Ausflugs rund um die Projektwerkstatt).
In vielen Städten suchen deshalb Menschen auf eigene Faust oder in kleinen Gruppen die Container in Hinterhöfen und Einfahrten von Supermärkten regelmäßig durch - vor allem am Samstagabend, wenn viele Geschäfte vor dem Wochenende die Regale ausgeräumt haben. Viele finden dann mal viel von dem einen, mal viel von dem anderen Produkt (von Gemüse, Obst bis hin zu Joghurts). Für einen selbstorganisierten Alltag ist das nur begrenzt interessant, denn meist ist eher wenig, aber dafür von vielen Produkten gefragt. In Wien hat sich z.B. deshalb das "Geob", das "Gemüse- und Obstkollektiv", gegründet. Viele Menschen haben sich die Straßenzüge und Stadtteile aufgeteilt. Sie bringen ihre "Beute" dann an einem Platz zusammen - und aus dem nun sehr vielfältig zusammengesetzten Berg nehmen sich alle heraus, was sie brauchen.

Ein paar Tipps für die Praxis: Container sind - wenn überhaupt abgeschlossen - in der Regel mit billigen Schlössern gesichert, bei denen es ausreicht, einen dreikantigen Stift mit einer Zange zu bewegen, die mensch immer dabei haben sollte, ebenso wie Taschenlampe und Haushaltshandschuhe (das Wühlen kann mitunter eklig sein). Schlau ist es, den Ort ohne offensichtliche Veränderungen zu hinterlassen - ansonsten könnten sich die LadenbetreiberInnen zu mehr Sicherheitsvorkehrungen genötigt fühlen. Gute Erfahrungen gibt es mit Brotfirmen, wo teilweise mehrere Container prall gefüllt sind mit verschiedensten Brotsorten, Brötchen und Gebäck.

In Ludwigsburg reagierte eine Container-Gruppe kreativ auf Sicherheitsschlösser, indem sie ein eigenes Schloss montierte mit dem Hinweis: "Wenn eures weg ist, nehmen wir unseres auch weg." Es hat funktioniert ...

Reste von Läden, Märkten und Großhandel schnorren

Die offene Alternative zum Containern, bei dem in Läden direkt nach Resten oder Produkten mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum ("MHD-Ware") gefragt wird. Trotz guter Erfahrungen gehört dazu natürlich Mut zum Schnorren, das in dieser Gesellschaft verpönt ist und vielen das unangenehme Gefühl vermittelt, als BittstellerIn zu agieren. Die Überwindung lohnt sich - in einigen Städten versorgen sich z.B. mehrere WGs fast nur über Reste von Markt und Bäckereien.
Für das Schnorren besonders geeignet sind kleinere Läden, Märkte und Großhandel. Bei Wochenmärkten bietet sich an, kurz vor deren Ende vorbei zu schauen. Auch bei Bäckereien oder der örtlichen Pizzeria stehen die Chancen nicht schlecht. Bio-Läden geben öfter MHD-Ware heraus (z.B. Hülsenfrüchte). Als Einstieg ist denkbar, für ein soziales Projekt (z.B. Gratis-Volxküche, Food Not Bombs) oder ein Seminar anzufragen. Beim Naturkost- oder konventionellem Großhandel gibt es am Wochenende oft Massen eines bestimmten Gemüses oder Produkts. Da dessen Ware an den Zwischenhandel weiter verkauft wird, sind Produkte auch kurz vor Ablauf des Haltbarkeitsdatum unverkäuflich.
Immer wieder lassen sich Bio-Läden, Märkte oder Großhandel für dauerhaften Lösungen gewinnen, manchmal sind Spendenquittungen (können z.B. Vereine ausstellen) ein zusätzlicher Anreiz. Wo bereits ein gutes Verhältnis besteht, sind auch gezielte Spenden-Anfragen möglich. In manchen Städten gibt es die Tafel, welche Reste von Läden bekommt und diese an Bedürftige weiter gibt.
Auf diese Weise lässt sich ein Netz sicherer Quellen aufbauen - viele Gruppen und Leute sich zusammen tun, die dann abwechselnd die Orte besuchen oder abfahren. Wichtig ist auch hier, die Verteilung und Weiterverarbeitung zu Brotaufstrichen usw. zu organisieren, da Gemüse sonst z.B. schnell vergammelt.

Tipp: Um Insiderwissen vorzubeugen ist es schlau, Listen mit guten Orten zum Containern oder Schnorren und Erfahrungen (Was gibt es dort? Welche Mengen?) zu erstellen, die informell weiter gegeben werden. Veröffentlichung im Netz sind weniger sinnvoll, da die Quellen damit versiegen dürften, Container abgesichert werden usw.

Tafeln

Gibt's inzwischen ziemlich viele - und sind recht unterschiedlich. Die einen verlangen jedes Mal Geld oder die Vorlage einer Hartz-IV-Bescheinigung ... für Gratisleben gar nicht so einfach. Andere sind unbürokratischer und wieder andere kooperieren sogar mit Gratisnetzwerken (Tausch von Produkten, Weitergabe der Reste usw.).

Buchtipp Stefan Selke: Fast ganz unten
(2008, Westfälisches Dampfboot in Münster, 231 S.)
Ein tiefer Einblick in die Entstehungsgeschichte und den Alltag der Tafeln - jeder Umschlagplätze für Lebensmittel, die im Supermarkt nicht mehr verkauft werden und nun, statt im Container zu landen, an Bedürftige verteilt werden. Das Buch schildert die Abläufe vom Laden bis zur Verteilung an Menschen, den Dienst und die Mitarbeit vieler sozial engagierter Menschen, Konflikte und geweckte Begehrlichkeiten. Thematisiert wird auch der Konflikt zwischen kapitalistischem Wirtschaften und der Hilfe für dessen Opfer. Was fehlt, sind Konkurrenzen, denn viele Tafeln fügen den Kontrollen an Arbeits- und Sozialamt eine weitere hinzu, in dem sie Bedürftigkeit objektivieren wollen. Ob bzw. wieweit Tafeln die Ausputzer der Profitlogik oder ob sie ein Baustein zu mehr Unabhängigkeit und angstfreiem leben sind, hängt von der Organisierungsform der Tafeln selbst ab. Gratisökonomien wie Umsonstläden oder Container-Coops hadern vielerorts mit den formalisierten Abläufen der Tafelausgabe.

Spendenanfragen

Naturkost-Firmen lassen sich immer wieder für kleine Spenden gewinnen - das reicht sicher nicht für den Alltag, aber ist ein willkommener "Luxus". Dafür am besten geeignet sind telefonische Anfragen, aber auch ein Massenfax an verschiedene Firmen bringt manchmal Ergebnisse ... praktisch ist, einen Bezug zu aktuellen Projekten (Sommercamp, Hoffeste, Kochkurse, Anti-Gentech-Seminar oder Genfeldbesetzung) herzustellen. Berichte entsprechender Veranstaltungen erhöhen die Chance auf nochmalige Spenden.

Zocken

Zutaten, Brotaufstriche oder teure Nahrungsmittel, die selten containert oder geschnorrt werden können, lassen sich auch auf Klaubasis organisieren. Als Ziel sollten große Ketten bevorzugt werden, denen dass eh nicht schadet (und wenn, ist das nicht tragisch). Ein, zwei Teile zu zocken ist eigentlich nicht schwer. Wichtig ist dabei, auf Kameras und Detektive zu achten. Es gibt viele Tricks, die diesen Text sprengen würden und die erfahrene ZockerInnen sicher weiter erzählen - wesentlich ist es, mit der Zeit die nötige Coolness zu entwickeln, nicht aufzufallen. Denkbar sind auch Klau-Sessions vieler Leute (senkt das persönliche Risiko), die einen längerfristigen Zusammenhang bilden - und sich gegenseitig helfen, wenn mal wer erwischt wird (z.B. über eine gemeinsame Soli-Kasse oder ähnliche Strukturen).

Sammeln

Wer aufmerksam durch die Gegend wandert, trifft in der passenden Jahreszeit auf Beeren, freistehende Pflaumenbäume, Pilze (genaue Kenntnis gefragt!) usw., die oft in großer Anzahl zu finden sind. Auch NachbarInnen oder FreundInnen mit größeren Garten freuen sich darüber, wenn Leute etwas mit den Unmengen von Äpfeln, Quitten oder anderem Obst anzufangen wissen. Praktisch ist auch hier, wenn sich KleingärtnerInnen oder SammlerInnen vernetzten und einen gemeinsamen Reichtum herstellen.

Eigenanbau

Damit gemeint ist nicht etwa die krampfige Total-Selbstversorgung gemeint, sondern der intelligente Anbau von Pflanzen im "eigenen" Garten, die hohen Ertrag mit pflegeleichtem Umgang verbinden. Dazu gehören Obstbäume aller Art, Beeren (als Grundlage für Marmeladen) oder Nüsse. Aber auch Kräuter und Gemüsebeete können eine nette Sache sein, sind aber zeitintensiver aufgrund der Notwendigkeit, sich um die Pflege und z.B. den Schutz vor Schnecken zu kümmern.

Selbermachen

Die Eigenherstellung von Marmelade, eingemachtes Obst oder Gemüse (Bohnen, Möhren, Gurken usw.) oder Brotaufstrichen lohnt sich. Wer z.B. mehrere Stiegen eines Gemüses vom Großhandel bekommen, wird schnell darauf zurück greifen, um diese haltbar zu machen. Dabei können mit relativ geringem Aufwand größeren Mengen verarbeitet werden - das ist nicht nur billiger, sondern schmeckt auch besser: Mit einer Runde von drei, vier Leuten reicht ein halber Tag, um Pflaumen, Äpfel o.ä. zu sammeln und daraus 30-40 Gläser Marmelade zu machen. Mit mehreren solcher Sessions entsteht schnell ein Reichtum an coolen Produkten für den Winter. Einkochverfahren sind sehr einfach - es gibt gute Kochbücher nur zu diesem Thema. Ähnliches gilt für die Eigenproduktion vegetarisch-veganer Brotaufstriche ... über Bücher und Internet sind viele Rezepte verfügbar. Und wer keine Lust auf containertes Brot hat, kann natürlich auch selber Brot backen, was gar nicht so schwer ist.

Kooperationen

Brotaufstrich-Kooperation

Der Brotaufstrich steht hier als Beispiel für noch viele andere Möglichkeiten. Die dahinterstehende Idee ist, dass nicht immer alle alles in kleinen Mengen selbst besorgen oder herstellen müssen, sondern reihum immer wieder Menschen größere Mengen von etwas herstellen (was nur wenig mehr Aufwand ist als eine kleine Menge desselben) und dann an andere weitergeben - nach Möglichkeit einfach geschenkt, denn Umsonstökonomie ist die einzige Form, in der Menschen gleiche Möglichkeiten haben, also nicht mehr zählt, wie viel Geld wer hat.
Variante 1: Gemeinsam herstellen. Menschen aus Marburg und Fronhausen treffen sich regelmäßig, um gemeinsam selber Brotaufstriche herzustellen. Das ist lecker, günstiger und macht Spaß. Weitere MitstreiterInnen sind auch hier erwünscht!
Variante 2: Kochplan und Verschenken, d.h. es gibt einen Kalender, wer welche Woche Brotaufstriche herstellt und dann immer einige Gläser für die anderen Beteiligten zu einem verabredeten Treffpunkt mitbringt.

Grenzen

Auch wer all diese Ideen verbindet, wird wahrscheinlich an der ein oder anderen Stelle zukaufen müssen (oder eben noch erfinderischer werden). Dazu gehören am ehesten Grundnahrungsmittel (Margarine, Fett, Zucker, Nudeln, Zwiebeln usw.), die ständig verfügbar sein sollten oder besonderen Vorlieben entsprechen. Auch hier kann gespart werden ...

Food-Coops

Gemeinsam einkaufen ist sicherlich nur ein kleiner Anfang, sich den Zwängen profitorientierter Märkte zu entziehen. Weiterhin wird mit Geld bezahlt, Reichtumsunterschiede bleiben erhalten und als Quellen sind in der Regel Lebensmittelzwischenhandel oder landwirtschaftliche Betriebe im Vordergrund, die auch sonst ihre Produkte marktförmig vertreiben. Dennoch kann das gemeinsame Einkaufen einige Vorteile bringen:

Zudem ist es möglich, politische Öffentlichkeitsarbeit mit dem Bezug von Lebensmitteln oder auch anderen Produkten (Sammeleinkauf von Kleidung, Büromaterialien usw.) zu verbinden. Ausflüge zu Höfen, Feste und Vorträge sind ebenso sinnvoll wie Pressearbeit oder Infostände, Straßentheater und mehr.
Gemeinsamer Lebensmitteleinkauf bleibt eine Geldsache. Sie überwindet damit nicht Reichtumsunterschiede. Ökologische Lebensmittel bleiben für viele auch bei gemeinsamem Einkauf unerschwinglich. Daher sollten gerade Food-Coops überlegen, ob sie nicht einige Schritte mehr tun, um auch ein soziales Projekt zu werden, das unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten zwischen Menschen überwindet.

Food-Coops in und um Hessen (bundesweite Liste)

Solidarische Landwirtschaft

Das wäre ein Schritt mehr: Raus aus dem Markt, direkte Erzeugung von Lebensmitteln durch landwirtschaftliche Höfe für konkrete Menschen mit ihren konkreten Bedürfnissen.

getting complex

Schluss mit Konkurrenz und Vereinzelung: Kooperativen und Gratis-Netzwerke

Wenig visionär ist es, wenn Menschen nicht mehr um Arbeitsplätze, sondern um Container, Spenden usw. konkurrieren, d.h. die Konkurrenzlogik erhalten bleibt. Alle vorgestellten Ansätze sind Kooperative. Kooperativen sind Strukturen, die einen Rahmen dafür schaffen, dass Menschen sich nicht mehr als Konkurrenten begegnen, sondern einen gemeinsamen Reichtum herstellen, von der alle mehr haben. Praktisch bedeutet dass, Kommunikationsstrukturen zu schaffen (Mailinglisten, Adressenlisten, Infozeitung usw.) und Vereinbarungen zum Austausch von Nahrungsmitteln zu organisieren. Container-Kooperative, Brotaufstrich-Kollektiv ... alles ist möglich. Die Weiterentwicklung sind Netzwerke, die verschiedene Kooperativen ohne zentrale Struktur verbinden. Wichtig dafür ist eine intensive Kommunikation zwischen den Gruppen und beteiligten Personen.

Alles für alle: Gratisökonomie

Eigentum schafft Möglichkeiten zur Verknappung, ungleiches Einkommen drängt ärmere Leute in Abhängigkeiten usw. Auch wo getauscht wird, haben die Vorteile, die mehr können als andere oder besonders gefragte Fertigkeiten haben. Alle diese Formen schaffen Hierarchien und Schieflagen zwischen Menschen. Konsequent ist daher nur die Überwindung von Eigentum, Bezahlung und Tauschlogik - die Gratisökonomie!
In der Praxis könnte das so aussehen: Es gibt keinen Plan, alle tragen das dazu bei, worauf sie Lust haben - ob containerte Joghurts, selbstgemachtes Brot oder geschnorrtem Gemüse. Und all das steht allen offen. Auch mit wenigen Leuten lässt sich so schnell eine teilweise Umsonst- bzw. Gratisökonomie aufbauen, wo nicht mehr verrechnet oder getauscht wird. Alle nehmen sich einfach das, was sie brauchen ... egal, ob mensch gerade hochproduktiv ist, depressiv oder stinkfaul. Damit sind die beteiligten Menschen zumindest in diesem Punkt relativ gleichberechtigt ... Geld oder ungleiches Einkommen spielen hier keine Rolle mehr. Eine Keimform herrschaftsfreier Ökonomie, die einen spürbar anderen Alltag mit sich bringt. Nahrungsmittel sind dabei hoffentlich nur der Auftakt. Umso mehr sich daran beteiligen, desto vielfältiger sind die entstehenden Möglichkeiten und desto eher können sich tatsächliche Alternativen zum Kapitalismus heraus bilden, die nicht als Nische angelegt sind.

Wider der Einnischung: Öffentlichkeitsarbeit und direkte Aktionen

Selbstorganisierung im Alltag ist immer sinnvoll, aber nur dann ein nach außen wirkendes Projekt, wenn es Schnittstellen zum Widerständigen gibt. Ansonsten droht die Gefahr der Nische, dem alternativen Umgang mit Herrschaft und Verwertung, die gar nicht mehr überwunden werden sollen. Gratis-Netzwerke, Umsonst-Läden oder Container-Koops können sich als Reibungsflächen zur Normalität zu begreifen und mit direkten Aktionen gezielt in öffentliche Debatten eingreifen, Diskussionen anstoßen und für konkrete Projekte werben. Dafür steht wie immer eine breite Palette unterschiedlichster Aktionsformen zur Verfügung - Theater, Subversion, Sabotage usw. Hier ein paar Beispiele ...
Brot-Aktion
Einen ganzen Anhänger containertes Brot (oder anderes Überflussprodukt) in der Innenstadt auskippen. Dazu Transpis ("Werft weg was euch keinen Profit verschafft") und Infoflyer, welche den inhaltlichen Bezug klar machen, über Kapitalismus und Alternativen informieren.

Verstecktes Theater

Eine Gruppe geht in einen Supermarkt, allerdings nicht als Zusammenhang erkennbar. Sie stellen sich an der Kasse an - mit Abständen zwischen ihnen, so dass weitere Menschen einbezogen werden. Der vorderste Wagen ist voll von Produkten des Alltagsbedarf. Die Person (oder zwei) am Wagen schieben an die Kasse und sagen dann laut und deutlich so etwas wie: "Wir haben kein Geld, brauchen aber ja auch was zu essen. Wir wollen das so mitnehmen, ok?". Und dann langsam weiterschieben. Wahrscheinlich entbrennt sofort eine Debatte. Dabei können die weiteren AktivistInnen aus der Gruppe verschiedene Rollen spielen (Unterstützung, Provokation, Pöbeln, Kompromissvorschläge usw.), die nicht von allein durch spontan mitdiskutierende Menschen vorhanden sind. Meist ist sehr schnell eine Utopiediskussion zur Umsonstökonomie möglich, wenn z.B. Menschen formulieren "Wenn das alle machen würden ..." - "Ja, wäre doch toll".

Entwertungsaktionen

Barcodes untauglich machen oder Aufkleber mit Beschriftung wie "Heute umsonst - ohnehin ist ein Leben ohne ständige Bewertung und Preise viel schöner" oder ähnlich in Geschäften auf Produkten und Preisauszeichnungsflächen kleben.

Öffentliches Gratis-Essen, Food Not Bombs

Umsonst-Essen in der FußgängerInnenzone oder sogar in Restaurant, Supermärkten, Kaufhäusern u.ä. kurzzeitig Flächen "besetzen" und dort Umsonstökonomie umsetzen.

Preisverleihungen nutzen

Ökologiosch-soziale Projekte wie Food Coops oder Umsonstläden haben gute Chancen bei Wettbewerben um innovative, nachhaltige Projekte. Entpolitisiert und isoliert haben die gesellschaftlichen Eliten nichts gegen solche Nischen. Preisverleihungen können aber auch als Plattform für politische Reden, Theater oder provokative Aktionen genutzt werden. Bei der Preisverleihung für den Umsonstladen Berlin-Mitte zerrissen die AktivistInnen das ausgehändigte Geld beim Vortragen einer Rede gegen ökonomische Abhängigkeiten, Geldfixierung und zum Erhalt von unkommerziellen Freiräumen. Das löste einigen Wirbel aus und erzeugte Raum zu vielen kleinen Gesprächen.

Bei allen öffentlichen Aktionen ist die Vermittlung wichtig - also immer dabei reden, rundherum auch Menschen haben, die nicht direkt mitmachen, sondern Gespräche führen können. Flugblätter, Zeitungen, Aufkleber bis hin zu Megaphon oder Transparent sind wichtig. Normale Pressearbeit oder subversive (gefälschte Beschimpfungen von Firmen oder Parteien, Wirtschaftsverbänden u.ä.) können das Ganze ergängen.
Direct-Action-Ideen im Internet: www.direct-action.de.vu.


Eine Zuschrift aus einer Stadt im Norden ...

... wir containern auch ;-)
und das seit Jahren teilweise sehr erfolgreich (z.B. beim Baumarkt), leider gibt es immer mehr Konkurrenz (andere Leute die Containern und die Tafel, die ja die besten Sachen bekommt, bleibt aber immer noch viel übrig).
Von Bäckern können wir jederzeit brot und Brötchen in riesigen Mengen bekommen (geben immer kleines Trinkgeld) Zusätzlich versorgen wir Seminare desöfteren durch Schnorren vom Mark (funktioniert super... die Leute kennen mich schon und geben mir selbst Dinge kostenlos wenn ich etwas kaufen möchte).
- auch wenn das Containern oder Schnorren nicht politisch ist so ändert es mindestens das Verhalten der TeilnehmerInnen (zumindest nach meinen empirischen Erfahrungen über viele Jahre). So kauften wir früher teures Ökofutter und die Leute haben damit rumgeasst die geschnorreten und containerten Sachen werden dagegen häufig nach ende der Seminare noch verwertet (Marmeladegekocht oder Käse hergestellt). Die Sachen werden definitiv anders (höher) geachtet! Selbst bei einem Seminar mit recht hohem Standart (Übernachtung in der Jugendherberge und Vollverpflegung) haben wir den Versuch gestartet und den TeilnehmerInnen 2 Euro für die Verpflegung gegeben und sie mussten damit den ganzen Tag über die Runden kommen. Am ende haben alle das als besonders gelungene Erfahrung gelobt!
- Viele Jahre behaupteten unsere ausländischen Freiwilligen immer containern und Schnorren würde nur in Deutschland fuktionieren. letztes Jahr war aber ein Freiwilliger aus D in Bulgarien und siehe da es fuktionierte dort auch super und er hat dort ein „Foot not Bombs“ Projekt gestartet (das ist doch auch politisch!).

Müll essen kann zu Strafanzeigen führen - oder doch nicht?

Containern kann zu Strafprozessen führen. In Frage kommen Diebstahl und Hausfriedensbruch. Letzteres ist es, wenn Mauern oder Zäune überwunden oder Gitterkäfige geöffnet werden. Subversive Kreativität allerdings kann helfen. Wenn z.B. ein Schild dort hängt mit einer Aufschrift wie "Zutritt auf eigene Gefahr" oder "Kein Durchgang außer zur Entnahme genießbarer Lebensmittel", dann schafft das eine Erlaubnis (sollte ein_e Hausrechtsinhaber_in allerdings kommen und jemensch wegschicken, wäre Nicht-Gehen wiederum Hausfriedensbruch - aber das dürfte ja an Supermarktcontainern eher selten sein.

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