Sein. Schein. Wirklichkeit
Who is who im deutschsprachigen Anarchismus?
Syndikalisten ++ Gewaltfreie ++ Einzelgruppen ++ Direct Action ++ Primitivismus ++ Lifestyle ++ Ohne A-Label ++ Formen ++ Links
Ein Text im Buch "Anarchie. Träume, Kampf und Krampf im deutschen Anarchismus" (Gliederung)
Who is who im deutschsprachigen Anarchismus?
Bevor es losgeht, gleich eine Relativierung: Selbst wer die SPD, Greenpeace oder EADS beschreibt, muss - um nicht ein mehrbändiges Werk zu produzieren - vereinfachen. Dargestellt werden die hegemonialen Kreise einer Partei, eines Verbandes oder einer Firma, während Abweichungen im Unterbau in den Beschreibungen verlorengehen. Insofern ist jeder Versuch, eine große und komplexe Struktur in Worte zu fassen, mit Vereinfachungen verbunden.
Das gilt umso mehr, wenn ein Zusammenhang stark zersplittert ist und durchschlagskräftige Hierarchien fehlen. So ist es mit den anarchistischen Gruppen und Strömungen im deutschsprachigen Raum. Überregional sichtbar sind nur sehr wenige. Diese bedienen sich nur geringerer Machtressourcen zur Steuerung von Basisgruppen und AkteurInnen, sondern erzeugen ihre relative Dominanz aus der Vereinnahmung. Sie verfügen in der Regel über überlegene Außendarstellungsmöglichkeiten und inszenieren sich damit selbst als Sprachrohr von Bewegungen, die mit den für sie Sprechenden kaum vernetzt sind oder diese nicht einmal kennen.
Nur eines eint alle AnarchistInnen im deutschsprachigen Raum: Sie leben in einer Region der Welt, in der bereits staatkritische Positionen unter Generalverdacht des Revolutionären oder gar des Terrorismus stehen. Stattdessen treten politische Organisationen für mehr Regulierung, Überwachung und Stärkung von Regierungen ein. Bei ihnen gilt das bestehende Staatssystem als Inbegriff des Guten - selbst dann, wenn sie ziemlich offensichtlich seine Opfer sind. "Demokratisch" ist erstrebenswert, "undemokratisch" ein Schimpfwort. Unter solchem Paradigma des Guten in demokratischen Bomben, Strafen oder Abschiebungen haben es anarchistische Ideen von Grund auf schwer. Die Folge: Anarchistische Strömungen im deutschsprachigen Raum sind klein und wirken kaum über ihren eigenen Tellerrand hinaus - mit Ausnahme einzelner, medial aufbereiteter Aktionen z.B. militanter Gruppen oder der, unter Verrat vieler anarchistischer Ideen, bis tief ins bürgerliche Lager hinein mobilisierenden großen Bewegungsagenturen. Als dauerhafter Prozess oder längerfristiges Projekte fristen sie ein Schattendasein. Sie haben nur die Wahl, sich als grundlegende Opposition außerhalb jeglichen gesellschaftlichen Mainstreams zu stellen, oder selbst mit dem Diskurs des demokratischen Guten mitzuschwimmen. Zweiteres ist weit verbreitet. Die meisten AnarchistInnen beziehen sich in Theorie und Praxis positiv auf die Demokratie bis hin zu der Behauptung, Anarchie sei die höchste Entwicklungsstufe der Demokratie. Der Wunsch, im Mainstream mitschwimmen und an seinen Pfründen partizipieren zu können, treibt diese seltsamen Blüten.
Im Folgenden sollen erkennbare, anarchistische Strömungen beschrieben werden. Zwecks Übersichtlichkeit werden etliche "Schubladen" aus ihnen gebildet. Zwei davon haben solche Zusammenschlüsse selbst gebildet und agieren unter einheitlichen Labeln. Diese umfassen zumindest den Großteil der zu der jeweiligen Art von Anarchismus gehörigen AkteurInnen. Die anderen Einheiten sollen hier etwas künstlich gebildet werden. Sie verfügen über keinen gemeinsamen Organisationsaufbau und ihre Teile sind mitunter nicht einmal miteinander vernetzt. Das ist aber nicht nur Zufall, sondern zum Teil gewollt und so bereits eines der Unterscheidungsmerkmale. Während einige AnarchistInnen verbindliche Organisationsstrukturen befürworten und sogar für einen effizienten Kampf um gesellschaftliche Veränderungen für notwendig erachten, lehnen andere genau das ab und verweisen auf die Vorteile einer hohen Autonomie der Einzelteile (die dann allerdings praktisch oft in Isolierung voneinander mündet).
Die Kritik an Theorie und Praxis des Anarchismus im deutschsprachigen Raum soll in diesen ersten Beschreibungen noch nicht konkret erfolgen. Stattdessen werden die bestehenden Organisationen und Strömungen mit ihrem Verhältnis zu zentralen Fragen des Anarchismus benannt in einer Form, die einen ersten Überblick bietet. Erst in den weiteren Kapiteln folgt dann eine Analyse von Positionen und Praxis, vor allem in Hinblick auf den emanzipatorischen Gehalt anarchistischer Organisierung. Das geschieht dann nicht mehr aufgeteilt in die verschiedenen Ausrichtungen des Anarchismus.
ArbeiterInnenkampf und Syndikalismus
Einen der - zumindest bei genauerem Hinschauen - sichtbaren Teile des deutschsprachigen Anarchismus bilden die AnarchosyndikalistInnen. In Deutschland bilden sie unter anderem die als Gewerkschaft auftretenden Freie ArbeiterInnen Union (FAU), die Mitglied in einem internationalen Verband (IAA) ist.
Im Original: Definition Anarcho-Syndikalismus ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus dem FAU-Text "Was ist Anarchosyndikalismus?"
Der Syndikalismus (von Syndikat=Gewerkschaft) entstand als Reaktion auf den zunehmenden Reformismus der sozialistischen Parteien und Gewerkschaften Ende des letzten Jahrhunderts. Unter dem Einfluss des Anarchismus entwickelte sich innerhalb des Syndikalismus eine Gewerkschaftsbewegung mit gesamtgesellschaftlicher Perspektive (FAUD) und nannte sich fortan Anarcho-Syndikalismus. Der Anarcho-Syndikalismus verbindet den Kampf für den Sozialismus mit der antistaatlichen, auf Selbstverwaltung gegründeten Gesellschaftskonzeption des Anarchismus.
Die Anarcho-SyndikalistInnen lehnen die Organisation ihrer Interessen in zentralistisch aufgebauten Parteien und Organisationen ab. Gegen Stellvertreterpolitik und Parlamentarismus setzen sie die Selbstorganisation der Arbeitenden in autonomen, unabhängigen Gruppen, die miteinander auf lokaler, regionaler und überregionaler Ebene zusammengeschlossen sind. Zur Durchsetzung ihrer Ziele und Forderungen dienen ihnen die Mittel der Direkten Aktion. (z.B. Besetzungen, Boykotts, Streiks usw.) Sie lehnen im Gegensatz dazu "indirekte" Maßnahmen wie die parlamentarische Betätigung ab. Das Ziel des Anarcho-Syndikalismus ist die herrschaftsfreie, auf Selbstorganisation aufgebaute und auf Selbstverwaltung gegründete Gesellschaft.
Anarcho-SyndikalistInnen kämpfen für die Verbesserung der derzeitigen Arbeits- und Lebensbedingungen. Sie bleiben jedoch nicht dabei stehen, sondern arbeiten für die Errichtung einer libertären und klassenlosen Gesellschaft. Dazu gehört auch die Aneignung der Fähigkeiten einmal Fabriken, Dienstleistungsbetriebe und Landwirtschaft durch die Selbstverwaltung der dort Beschäftigten übernehmen zu können. Unter anderem hierin besteht die Kreativität des Anarcho-Syndikalismus und hierdurch löst er auch die problematische Frage des Übergangs von einer libertären Revolution zur herrschaftsfreien Gesellschaft.
Wikipedia zu Anarcho-Syndikalismus
Der Begriff Anarchosyndikalismus bezeichnet die Organisierung von Lohnabhängigen basierend auf den Prinzipien von Selbstbestimmung, Selbstorganisation und Solidarität. Ideengeschichtlich stellt der Anarchosyndikalismus eine Ergänzung des Anarchismus um den revolutionären Syndikalismus dar.
Das Hauptziel des Anarchosyndikalismus ist die revolutionäre Überwindung des Staates und der kapitalistischen Gesellschaft durch die unmittelbare Übernahme der Produktionsmittel in gewerkschaftlicher Selbstorganisation. Durch diesen Akt soll die klassen- und staatenlose Kollektivordnung entstehen. Um dieses Ziel zu verwirklichen, ist der Anarchosyndikalismus bestrebt, die Arbeiterklasse in allen gesellschaftlichen Lebensbereichen zu organisieren und so eine wirksame Gegenmacht zu Staat und Kapital zu bilden. Der Begriff Arbeiterklasse umfasst dabei nicht nur lohnabhängig Beschäftigte (Arbeiter und Angestellte), sondern auch andere gesellschaftliche Gruppen wie z.B. Arbeitslose, Hausfrauen bzw. -männer oder Schülerinnen und Schüler, also Gruppen, die direkt oder indirekt am gesamtgesellschaftlichen Produktionsprozess beteiligt sind.
Hauptaktionsfelder des Anarchosyndikalismus sind der Klassenkampf im Betrieb mit den Mitteln der direkten Aktion, möglichst breitenwirksame Agitation für seine Ziele und Aspekte der Kultur- und Jugendarbeit. Der Anarchosyndikalismus ist dabei stets bemüht, die Lebensbedingungen der Menschen konkret zu verbessern: Er fordert mehr Lohn, kürzere Arbeitszeiten, Gleichberechtigung und ein würdevolles Leben für alle Menschen. Sein endgültiges Ziel bleibt jedoch die soziale Revolution, weswegen reformistische Tendenzen von der Mehrheit der Anarchosyndikalisten strikt abgelehnt werden.
Aus Schmidt, Manfred G. (1995): Wörterbuch zur Politik, Kröner Verlag in Stuttgart
Anarcho-Syndikalismus, Bezeichnung für eine Allianz von Anarchismus und Syndikalismus, eine vor allem in romanischem Ländern verbreitete Spielart des Anarchismus, die insb. die Abschaffung staatlicher und klassengebundener Herrschaft und die Übernahme der Produktionsmittel durch Arbeiter-Assoziationen, insb. Gewerkschaften, zum Ziel hat, hinsichtlich der Kampfmittel vor allein auf direkte Aktion mittels Streik, Boykott und Fabrikbesetzung setzt und die parteipolitisch geleitete Konfliktführung nach Art der klassischen Arbeiterbewegung und marxistisch-leninistischer Parteien strikt ablehnt.
Rudolf Rocker: Anarchismus und Anarcho-Syndikalismus
Für die Arbeiter ist der Generalstreik die logische Folge des modernen industriellen Systems, dessen Leidtragende sie heute sind; zugleich bietet er ihnen die stärkste Waffe im Kampf für ihre soziale Befreiung.
Die Definitionen beinhalten neben Qualitätsmerkmalen bereits einige Selbstbeschränkungen wie die Schwerpunktsetzung auf ArbeiterInnen und Arbeitskämpfe. Das zeigt sich auch in der Praxis und wirft verschiedene Frage auf: Steckt hinter der Schwerpunktsetzung eine Einteilung in wichtigere und weniger wichtigere Bevölkerungsgruppen, die einem egalitären Gesellschaftsbild widersprechen würde? Vergibt, wer sich nur auf Kämpfe um Arbeitsbedingungen konzentriert, nicht viele Handlungsoptionen in anderen gesellschaftlichen Feldern? Rekonstruiert die Idee des Klassenkampfes gesellschaftliche Schubladen, die einer Befreiung und Selbstentfaltung entgegenstehen?
Das Klassenmodell ist inzwischen sehr unzulänglich geworden. Selbst innerhalb der Arbeitswelt haben sich sehr vielfältige Bezüge entwickelt. Immer weniger Menschen sind ausschließlich LohnempfängerInnen. Von den großen Konzernen liegen nur noch wenige im Besitz einzelner KapitalistInnen. Die meisten Führungspersonen sind formal Angestellte der Banken, Industrien oder Holdings, in denen sie sich - meist für horrende Gehälter - im Dienste der ständigen Produktivitätssteigerung und deshalb im Dauerkonflikt mit den Interessen der Beschäftigten verausgaben, bis zum Herzinfarkt. Herrschafts- und selbst die Produktionsverhältnisse sind wesentlich komplizierter als die Einteilung in wenige Klassen suggeriert (siehe die Beschreibung von Herrschaftsformen in "Freie Menschen in freien Vereinbarungen"). Folglich müssen auch die Strategien der Befreiung diese vielfältigen Unterdrückungsformen widerspiegeln und den AkteurInnen an ihren unterschiedlichen Orten und mit verschiedenen Handlungsoptionen eine Perspektive der Widerständigkeit bieten.
Völlig ist diese Erkenntnis an den anarchosyndikalistischen Lagern auch nicht vorbeigegangen. So gibt es Kampagnen und praktische Soli-Arbeit für MigrantInnen und mit der Gründung von Bildungssyndikaten eine Anerkenntnis, dass nicht nur Arbeit zählt. Allerdings bricht alles nur recht langsam auf. Diese Trägheit ist auch Folge der Binnenstrukturen, die streng basisdemokratisch organisiert sind. Entscheidungen verlaufen nach festen Regeln. Alle Gremien sollen stets der Basis gegenüber rechenschaftspflichtig sein. Das soll ermöglichen, dass diese kontrolliert oder sogar abgerufen werden können. Doch das blendet die Kraft der informellen Hierarchien aus. Gremien neigen zur Verselbständigung, weil sie es selbst sind, die mit Berichten über ihre Arbeit die Wahrnehmung derselben steuern. In der FAU ist dieses Problem noch übersichtlich, weil die Organisation sehr klein ist. Innerhalb der Prinzipien von Basisdemokratie kann Rotation solchen Verfestigungen informeller Macht entgegenwirken. Das geschieht in der FAU auch - und bildet einen wichtigen Unterschied zur zweiten, an Namen und Labeln erkennbaren Strömung des deutschsprachigen Anarchismus, den Graswurzelgruppen. Denn dort dominieren seit vielen Jahre die immer gleichen Personen das Geschehen.
Zu den zentralen Säulen emanzipatorischer Organisierung, der Förderung horizontaler Kommunikation und freier Kooperation, haben FAUistas (wie sich die FAU-Mitwirkenden selbst nennen) die schon beschriebene, streng verregelte Basisdemokratie als Weg festgelegt, in der - ebenfalls durch feste Regeln - formale und informelle Hierarchien bekämpft werden sollen. Das aber bremst die freie Entwicklung von Kommunikation und Kooperation teilweise aus.
Die FAU bzw. ihr internationaler Zusammenschluss sind nicht die einzige Gruppierung im Anarchosyndikalismus. Interne Machtkämpfe haben die internationale Vernetzung mehrfach gespalten. In Deutschland existieren einige unabhängige Gruppen, die sich als anarcho-syndikalistisch verstehen, aber nicht zur FAU gehören. Ein kurzer Steckbrief des deutschen Anarchosyndikalismus könnte ungefähr so lauten:
- Politische Schwerpunkte: Beteiligung an betrieblichen Auseinandersetzungen. Gewerkschafts-ähnlich unter Kritik der bestehenden Einheitsgewerkschaften.
- Highlights: Unterstützung der Firmenübernahme und Produktion des "Strike-Bike".
- Medien: Direkte Aktion. Verlage in der Hand von AnarchosyndikalistInnen wie Syndikat A oder Edition AV.
- Stärken: Offen für viele Aktionsformen. Formalisierte Kontrolle zentraler Gremien und Projekte.
- Probleme: Starre Basisdemokratie. Praktisch mehr Appell (Streik) als direkte Aktion (Aneignung). Starke Labelorientierung und kollektive Identität.
- Theorie: Starker Bezug auf Sozialanarchismus, z.T. als libertäter Kommunismus. Mangelnde Auseinandersetzung mit modernen Herrschaftsanalysen. Festhalten an alten Theorien des Klasseskampfes.
- Kommunikation, freie Vereinbarung und Kooperation: Vor allem über verregelte, basisdemokratie Vorgänge. Starke Verregelung hemmt freie Vereinbarungen. Starke Grenzziehung Innen-Außen, viel Verbandsbezug.
Graswurzelanarchismus und gewaltfreie Aktion
Der Graswurzelanarchismus verfügt über keine eigenständige Struktur, kaum Projekte, die einen Zusammenhang schaffen, und nur in bescheidenem Maße über eine eigene Theoriebildung, z.B. über Vorträge und Veröffentlichungen von Einzelpersonen. Stattdessen tritt er vor allem durch seine Aktionen nach außen, die - auch durch viele Verknüpfungen mit finanziell leistungsfähigen und in etlichen Medien gut vertretenenen Teilen des BildungsbürgerInnentum - erhebliche Bekanntheit erreichen: .ausgestrahlt, X1000malquer oder Großblockaden bei Politikgipfeln a la G8. Dass deren OrganisatorInnen mit dem Anarchismus sympathisieren oder sich sogar für AnarchistInnen halten, nehmen die vielen, meist gut situierten und rechtsstaatsgläubigen Mitmachenden beim Händchenhalten zwischen Atomkraftwerken oder Märschen in 5-Finger-Taktik wohl kaum wahr. Es wäre sicherlich die Frage, ob da viel Anarchie drin ist, nur weil sie mitunter draufsteht. Nominell aber verstehen sich viele derer, die im Kern die Fäden ziehen, also solche, oder haben zumindest radikale, als Anarchie empfundene Jugendjahre hinter sich.
Im Original: Graswurzel-anarchistische Verbalradikalität ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus dem Selbstverständnis der "Graswurzelrevolution"
Im Gegensatz zu anderen Oppositionsströmungen stört es die AnarchistInnen nicht, daß sie keinen Anteil am geschäftigen Treiben der offiziellen Gesellschaft und des Staates haben. Damit verzichten sie auf taktisch günstige Positionen, auf Legitimation, aber sie wissen warum: das Ziel, von einem radikalisierten Freiheitsbegriff ausgehend, die Herrschaft anzugreifen, soll nicht unklar werden. Schließlich sind die Erfahrungen mit Reformbewegungen, die schließlich nicht etwa ihre Ziele verwirklichen konnten, sondern sich in die angeblich bekämpften Strukturen als GegnerInnen integrierten und im entscheidenden Moment halfen, die Ziele des Staates auch gegen Opposition durchzusetzen, Warnung genug gegenüber der Annahme, man könne jede Struktur benutzen, um ganz andere Ziele zu verfolgen. ...
Nur eine starke gewaltfrei-anarchistische Bewegung wird in der Lage sein, solche Forderungen aufzuwerfen. Bei Bündnissen mit bürgerlichen und autoritär-sozialistischen Gruppen besteht die Gefahr, daß dadurch die anarchistische Bewegung instrumentalisiert und von ihren Zielen abgedrängt wird. Organisationsstrukturen und Politikverständnis solcher Gruppen befinden sich in prinzipiellem Widerspruch zu unseren Konzeptionen.
Sichtbarste, offen unter Anarchie firmierende Projekte sind die Monatszeitung "Graswurzelrevolution" (GWR) und die in gleichnamigen Verlag erscheinenden Bücher. Mitunter veröffentlich die GWR eine Liste von Basiskontakten. Kriterien für die Aufnahme bestehen aber nicht - nicht einmal das sonst in der GWR alles überprägende Bekenntnis zur Gewaltfreiheit wird den dort benannten Gruppen abverlangt. So stellt die Liste nicht die Basis der gewaltfreien AktivistInnen dar, ist allerdings schon eine Sammlung von mit aktivistischen und anarchistischen Ideen sympathisierenden Gruppen.
Bundesweit existiert zudem das Netzwerk
Z.U.G.A.Be mit den Wortbestandteilen "ziviler Ungehorsam", "gewaltfreie Aktion" und "Bewegung". Es gab dem einem Namen, was bereits existierte - nämlich ein intensiver taktischer und personeller Austausch zwischen den großen Kampagnennetzwerken X1000malquer, Gendreck weg und anderen. Hinzu kommen die modernen Bewegungsagenturen .ausgestrahlt und Campact mit ihrem Background an Förderstrukturen, insbesondere der Bewegungsstiftung. Miteinander verbunden waren diese immer, nicht zuletzt durch einige zentrale Personen, die gleichzeitig bei mehreren der Kampagnen mitwirkten.
Die Kampagnennetzwerke kümmern sich nicht um anarchistische Theorien oder Themen. Eine gute Theorie fehlt der Gewaltfreiheit gänzlich. Stattdessen stehen einzelne Aktionen zu zugespitzten Themen auf dem Programm. Sie werden als eigener Erfolg dargestellt - was sie aber oft nicht sind. In der Definition im Buch "Gewaltfreie Aktion" auf Seite 159 steht: "Die anonyme Sabotage ist keine Form der gewaltfreien Aktion" . Darin steckt eine Absage an Handlungen, die sowohl beim Castorprotest wie auch in der Kyritzer Heide oder bei Stuttgart 21 immer wieder vorkamen. Trotzdem werden die drei Kampagnen als Erfolge gewaltfreier Aktion abgefeiert.
Vorgekaute Abläufe dominieren die Art der Durchführung. Die "Instant"-Aktionen sind ein Angebot für Menschen, die nicht selbst denken und planen wollen, und am maximalen Spendenaufkommen, das erzielt werden soll. Seit einigen Jahren verläuft das sehr erfolgreich - die Hauptamtlichenzahlen steigen genauso wie die TeilnehmerInnen der Instantaktionen. Mit Anarchie oder auch nur einem emanzipatorischen Verständnis haben solche Aktionen nichts zu tun, denn sie führen nicht zu einer Selbstermächtigung der Menschen, sondern machen sie zu Statisten in einem Schauspiel, auf das sie keinen Einfluss haben.
Anders sieht es bei der Zeitung "Graswurzelrevolution", dem Verlag und Teilen nahestehender Netzwerke aus. Sie bezeichnen sich selbst als AnarchistInnen, doch schon in Kleinen zeigt sich, dass die hehren Ansprüch im politischen Alltag wenig Bedeutung haben. Sei es die massive Zensur in der Zeitung "Graswurzelrevolution", deren Chefredakteur eigentlich rotieren soll, aber schon seit Langem immer die gleiche Person ist. Seien es die Bezugsgruppensysteme bei Aktionen mit ihren SprecherInnenräten, die bei näherem Hinsehen vor allem als Kommandostrukturen für außerhalb dieser bestehender, intransparenter Machtgremien fungieren. Oder seien es die großen "Instant"aktionen, d.h. bis ins kleinste vorgekaute Menschenketten, Blockaden oder Märsche, bei denen die Einzelnen nur noch als Rädchen im System wirken. Sie verkommen zum telegenen Hintergrundbild der ohne Basislegitimation wirkenden SprecherInnen bei Medienkontakten oder Reden auf Demonstrationen.
Wer sich die verschiedenen Gruppen näher anschaut, nimmt Ähnlichkeiten in den Strukturen, Strategien und etliche immer wieder auftauchende Führungspersonen wahr.
Kommunikation und Kooperation entwickeln sich in einer Mischung aus formal-basisdemokratischer Struktur bei den durchorganisierten Aktivitäten, extrem ausgeprägten informellen Hierarchien und einer hohen Freiheit für alle Basisgruppen, sich nach ihren eigenen Überzeugungen zu strukturieren. Allerdings haben sie bei übergeordneten Vorgänge kaum Einfluss. Horizontale Kommunikation und Kooperation, d.h. die direkte Kontaktaufnahme und Absprache zwischen Teilgruppen und Personen sind innerhalb der großen Organisierungen weder erwünscht noch mangels Kontakten einfach möglich. Die informelle Hierarchie propagiert das Pyramidenmodell von Bezugsgruppen und SprecherInnenrat als alternativlos und sichert sich damit die Kontrolle aller Abläufe. Diese Hierarchie war und ist gewollt, Jochen Stay forderte für jede Aktion des zivilen Ungehorsams einen "Kern" an Personen, die "quasi FullTime", also wie Hauptamtliche arbeiten und "durch klares Auftreten" die Aktion prägen sollten. EinE TeilnehmerIn sollte sich hingegen auf die Rolle des Mitmachens, z.B. also "der oder die einzelne BlockiererIn sich wirklich aufs Blockieren konzentrieren".
Auch die als Markenzeichen hoch gehaltene Basisdemokratie dient oftmals nicht der gleichberechtigten Beteiligung vieler Menschen, sondern eher der Verschleierung von Machtspielchen. Die jeweiligen Eliten bedienen sich gezielt ihrer Methoden, um eigene Interessen durchzusetzen. Per Dauerveto lassen sich unerwünschte AutorInnen aus "anarchistischen" Zeitungen draußen halten - so in der GWR. An anderer Stelle, nämlich dem Wendlandcamp 2010, richtete sich ein Veto aus den Chefetagen gegen einen Workshop, der eigenständige Handlungsmethoden vermitteln sollte. Das war kein Einzelfall in der immwährenden Strategie, Menschen uneigenständig zu halten, um sie zum Mitmachen bei den großen Instant-Aktionen zu verleiten. Campact und .ausgestrahlt als moderne Bewegungsagenturen haben diese Konzepte auf die Spitze getrieben. Veto-Machtspielchen können sich auch gegen andere Strömungen richten. So verhinderte X1000malquer mit eigenem Veto vor "Erfindung" des Streckenkonzeptes beim Castorprotest eine gemeinsame Aktionsabsprache, um dann mittels schlichter Macht des Faktischen (also einer klassischen Form der Gewalt) die optimale Aktionsfläche für sich durchzusetzen. Ohnehin werden Basisdemokratie und Konsens genau so lange hochgehalten, wie sie den Eliten nützen. Sonst wird schon mal "die Entscheidungsfindung nach dem Konsensprinzip selten konsequent vollzogen" und Zustimmung durch "Klatschen im Stile der staatssozialistischen Akklamation" erzeugt. Die notwendige Rotation der SprecherInnenposten wurde im Gefecht aufgegeben und der ganze Aufbau mehr für Ansagen der informellen Führungsgruppen genutzt, d.h. "Moderation und Informationsweitergabe zusammenfielen" - wie es in eigenen Berichten aus gewaltfreien Aktionen zu lesen ist.
Genau diese von Dominanzen durchzogene Basisdemokratie gilt noch
als Propaganda einer vermeintlich gelebten anderen Gesellschaftspraxis und bildet so den Brückenschlag zur Anarchie. Weil sich die Strömungen der gewaltfreien GraswurzlerInnen als BasisdemokratInnen bezeichnen, suggerieren sie vor allem für sich selbst, die Idee der Anarchie zu verfolgen. Offen benennen sie das z.B. in der Graswurzelrevolution. So kommentierte Horst Blume in der Ausgabe März 2011 über eine Podiumsdiskussion in Münster, dass es dort zu einem Schlagabtausch zwischen "einem Anarchisten und KommunistInnen" gekommen sei (S. 2). Gemeint war als Anarchist der GWR-Chefredakteur Bernd Drücke. Was der aussagte, stand auch im Artikel: "Mit Bakunin- und Malatesta-Zitaten unterstrich er die Notwendigkeit der Freiheit im Sozialismus und betonte Basisdemokratie und die Gewaltfreiheit als Mittel bei der Durchsetzung politischer Ziele". Deutlicher kann das Bekenntnis zu diesen zwei Säulen kaum ausfallen - zumal in der eigenen Zeitung.
Allerdings wird der Bezug auf die Anarchie so versteckt, dass die wichtigste Zielgruppe, nämlich das gut situierte BildungsbürgerInnentum, davon kaum oder nichts mitbekommt. Das ist für die GraswurzlerInnen auch wichtig, denn kaum irgendwo sind Rechtsstaatfetisch und Anarchiehass so intensiv vertreten, wie unter denen, die im Namen von .ausgestrahlt, X1000malquer oder anderen Händchen halten oder ihnen Überweisungsträger ausfüllen.
Die Basisdemokratie der GraswurzelanarchistInnen verschleiert also interne, mitunter sogar krasse Hierarchien. Sie ist ein praktisches Mittel, um sich innere Opposition oder Kritik vom Hals zu schaffen. Mit dieser taktischen Einstellung zu den Prinzipien der Basisdemokratie stellen sie in Deutschland das Gegenmodell zur FAU dar. Hier eine abgehobene Führungsgruppe, mehr und mehr hauptamtlich organisiert, die ohne Legitimation im Namen der von ihnen selbst zusammengetriebenen Massen sprechen - dort eine Fast-Gewerkschaft mit hochverregelten Entscheidungsprozessen, die zwar die Organisation mitunter erstarren lässt, aber informellen Hierarchien wirksamer entgegenwirkt als der beeindruckend unkritische Umgang mit Führungsfiguren in den Graswurzel-Zusammenhängen.
- Politische Schwerpunkte: Massenkompatible Themen wie Anti-Atom, Frieden/Krieg und Gentechnik.
- Highlights: Große Events wie Menschenketten, Demonstrationen, symbolische Feldbefreiungen oder Entzäunungen.
- Medien: Graswurzelrevolution und Verlag. Mobilisierungszeitungen für große Aktionen. Starke Schnittstellen zu bildungsbürgerlichen Kreisen und deren Medien (FR, SZ, taz usw., staatlicher Rundfunk).
- Stärken: Flexibel, da ohne formalen Kern. Viele Basisgruppen ohne festes Label. Formloser Einstieg für Außenstehende möglich. Legalität wird nicht als qualitativer Wert betrachtet - verbal zumindest.
- Probleme: Dogmatische Beschränkung der Aktionsformen. Vereinnahmung der Aktivitäten durch wenige Personen, die als SprecherInnen auftreten. Instantaktionen, bei denen die Teilnehmenden so reinen ErfüllungsgehilfInnen der VordenkerInnen gemacht werden.
- Theorie: Gewaltfreiheit und Basisdemokratie ersetzen als Dogmen eine intensive Herrschaftsanalyse. Keine erkennbare Abgrenzung gegenüber bildungsbürgerlichen Zielen wie "Stärke des Rechts" oder Förderung der Demokratie. Nostalgische Interesse für alte Experimente und VertreterInnen der anarchistischer Theorien.
- Kommunikation, freie Vereinbarung und Kooperation: Eine Debatte um horizontale Selbstorganisierung findet nicht statt. Solche Vorgänge werden auch nicht unterstützt. Neigung zu gemeinsamen Verpflichtungserklärungen, Konsensen aller usw. beschneiden innere Vielfalt und damit auch freie Vereinbarungen.
Konsens und Basisdemokratie, die als Organisationsstruktur und Entscheidungssystem tatsächlichen Hierarchien den Boden bereiten, werden durch die Gewaltfreiheit als reines Bekenntnis mit diffusem Inhalt mit einem Scheinideal gefüllt. Das dient der Identitätsstiftung und Abgrenzung nach außen. Eine kritische Würdigung der Ideologie von Gewaltfreiheit findet sich in einem gesonderten Kapitel.
Im Original: Gewaltfreiheit - aus dem Mund von Gewaltfreien ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Nie gegen Menschen, nie gegen das (Rechts-)System
Aus Ulrike Laubenthal/ Reiner Steinweg: "Kernpunkte der Gewaltfreien Aktion und wo in diesem Band mehr darüber steht", in: Ulrike Laubenthal/Reiner Steinweg (2011): "Gewaltfreie Aktion", Brandes&Apsel (S. 12ff.)
Gewaltfreie Aktion oder Gütekraft-Aktion als grundsätzliche Alternative zu passivem Erleiden oder gewaltsamen Änderungsversuchen ist mit »Verzicht auf die Anwendung von Gewalt« nur sehr unzureichend beschrieben. ...
Gewaltfreie Aktionen wenden sich gegen erlebtes oder geplantes Unrecht bzw. gegen Entscheidungen und Maßnahmen, die die Lebensqualität, die Unversehrtheit oder/und die Freiheit vieler Menschen beeinträchtigen oder stark bedrohen. Ihr Ziel ist zunächst die Dramatisierung von bis dahin wenig beachteten Konflikten und darüber die Veränderung politischer Verhältnisse oder Entscheidungen, sie richten sich niemals gegen die Personen, die diese Verhältnisse herbeigeführt haben oder unterstützen. ... Das Ziel ist nicht, den Gegner zu vernichten oder zu demütigen. Er soll nach und nach gewonnen und überzeugt werden. ...
Gewaltfreie Aktionen beruhen auf dem Widerstandsrecht gegen Unrecht und gegen Gesetze, die das Unrecht stützen, selbst wenn sie in repräsentativen Demokratien formal korrekt zustande gekommen sind. Die Wahrnehmung dieses Rechts zielt niemals darauf ab, die Rechtsordnung an sich anzugreifen oder zu beseitigen, sondern im Gegenteil, ihr auch in solchen Punkten zur Geltung zu verhelfen, in denen sie von den jeweils Mächtigen oder von Mehrheiten verletzt und ein »Leben in Fülle für alle« verhindert wird. ...
Gewaltfreien Aktionen liegt ein tiefer Glaube an die Zukunft zugrunde und die Gewissheit, dass die Zuflucht zur Gewalt letztlich immer zu gesellschaftlichen Rückschritten führt. ...
Das Verhalten gewaltfreier Aktivistlnnen ist von Wahrheitsliebe, Offenheit, geistiger Streitbarkeit und zugleich von der Einsicht geprägt, dass dem Bösen mit Gewalt nicht beizukommen ist. Aus Respekt vor der Freiheit des Menschen sind sie überzeugt, dass sie Leiden nur sich selbst, nicht aber dem Gegner aufbürden dürfen, und dass gerade auch ihm gegenüber Großmut und Wohlwollen geboten ist. Der gewaltfrei Handelnde fühlt sich mit dem Gegner als entfremdetem Menschen solidarisch und ist daher stets zum Dialog mit ihm bereit. Selbst wenn der Gegner droht, wird er als Mensch gesehen. Auch für ihn gelten die Menschenrechte. ...
Gewaltfreie Aktivistlnnen sind nicht nur im sichtbaren Verhalten, sondern auch innerlich, im Denken und Fühlen bemüht, sich nicht zu Gewalttätigkeit hinreißen zu lassen und Kritik stets durch konstruktives Denken und Verhalten zu ergänzen. Sie wissen, dass jede Beimischung von Gewalt, und sei es auch nur in geringer Dosis, die Tür zur gewalttätigen Eskalation öffnet. ...
Die Mittel der gewaltfreien Aktionen entsprechen diesen Grundhaltungen: Die AktivistInnen versuchen, das Gewissen der GegnerInnen, jedes und jeder einzelnen, und derer, die sie stützen oder tolerieren, anzusprechen. Dies geschieht selbstbewusst, aber nicht feindlich, sondern wohlwollend und auf eine Weise, die den Gegnerlnnen zeigt, dass man ihnen Einsicht und entsprechendes Handeln zutraut. Das setzt eine vorangehende seelische Selbstreinigung der Aktivistinnen oder Formen gemeinschaftlicher Vergewisserung der eigenen Werte voraus ...
Letztlich geht es darum, zu einem Dialog zu kommen. ...
Verstärkend wirkt, wenn eigene persönliche Nachteile klaglos in Kauf genommen und die Aktionsvorhaben offen angekündigt werden. Der Gegner wird weder getäuscht noch überrumpelt, und seine Schwächen werden nicht ausgenutzt. ... Es wird sorgfältig vermieden, dem Gegner einen Gesichtsverlust zuzufügen, weil dies die Schwelle zum unbeschränkten Verlangen nach Zerstörung um jeden Preis ist.
Behauptungen über gewaltfreie Dominanz in großen Kampagnen
Aus Roland Vogt: "Die Farben des Atomwiderstands", in: Ulrike Laubenthal/Reiner Steinweg (2011): "Gewaltfreie Aktion", Brandes&Apsel (S. 80)
Das Geheimnis des Erfolgs wird wohl im Zusammnwirken all dieser Faktoren liegen oder, anders gesagt: in der Fähigkeit der Widerstandsbewegung, alle verfügbaren Register gewaltfreien Handelns zu ziehen.
Aus Jens Magerl: "Die Farben des Atomwiderstands", in: Ulrike Laubenthal/Reiner Steinweg (2011): "Gewaltfreie Aktion", Brandes&Apsel (S. 89)
Inzwischen ist Gewaltfreiheit im Wendland zum Standard geworden. Auch auswärtige Gruppen, die Gewalt nicht grundsätzlich ablehnen, haben erkannt, dass im Wendland Gewaltfreiheit einfach effektiver ist. Deshalb halten sie sich hier an eine »strategische Gewaltfreiheit«. ...
Einigkeit besteht darüber, dass wir nicht gegen die Polizei kämpfen, sondern für ein wichtiges Anliegen mit weitreichenden politischen Auswirkungen. Die Polizei ist dabei (fast) uninteressant.
Theorie und Praxis der vorgeschriebenen Basisdemokratie
Aus Joachim Heilmann/Matthias Hollerbach/Jörg Rohwedder: "SprecherInnenrat: Am Misthaufen bei der roten Fahne", in: Ulrike Laubenthal/Reiner Steinweg (2011): "Gewaltfreie Aktion", Brandes&Apsel (S. 113ff.)
Durch diese basisdemokratische Organisations- und Entscheidungsstruktur waren viele Menschen in für die Gesamtgruppe relevante Fragen, Probleme und Entscheidungen eingebunden. Sie konnten ihre Meinungen in überschaubarem und vertrautem Kreis äußern, hatten die reale Möglichkeit, auf die Aktion Einfluss zu nehmen, und identifizierten sich entsprechend stark mit »ihrer« Aktion. ...
In der Bezugsgruppenbildung wurde den Leuten das SprecherInnenrats- und das Konsensprinzip erklärt. Nach der »reinen Lehre« darf der Rat nicht entscheiden, er vermittelt lediglich die Entscheidungen der Gruppe und ermöglicht so ein gemeinsames Handeln. Ebenfalls blockiert nach der »reinen Lehre« ein Veto den Konsens und damit des Handeln der Gruppe. Während der Aktion gab es Situationen, in denen der Rat entschied, ohne dass eine Diskussion mit den Bezugsgruppen stattgefunden hatte. Auch die Minderheitenmeinungen oder abweichende Ideen hatten nicht immer die Chance, gehört zu werden. Zum Teil begründet sich dies in der stark wachsenden Größe der Räte und zum Teil in der Moderation. So wurde die Entscheidungsfindung nach dem Konsensprinzip selten konsequent vollzogen. Teilnehmende, denen dieses basisdemokratische Prinzip fremd war, forderten in strittigen Situationen immer wieder die Mehrheitsentscheidung durch Abstimmung. In einer schwierigen Situation wurde die Entscheidung des Rates (nicht der Gruppen!) durch spontanes Klatschen im Stile der staatssozialistischen Akklamation hergestellt. Dabei blieb kein Raum für die Bedenken einzelner, weil sofort mit anderen Punkten fortgesetzt wurde. ...
Personen, die regelmäßig zum Rat kommen, kennen die Abläufe, entscheiden schneller, welche Frage in den Rat gehört und welche in die Gruppe. Das war der Grund für die ModeratorInnen, relativ früh bei »X-tausendmal quer« den Gruppen vorzuschlagen, auf die Rotation zu verzichten. Aus den schriftlichen Rückmeldungen ist zu ersehen, dass dies eine umstrittene Entscheidung war. ...
Eine wichtige Informationsquelle für den SprecherInnenrat waren neben dem Infobauwagen die PolizeisprecherInnen. Sie hatten direkten Zugang zur jeweiligen Einsatzleitung. Der Draht war also kurz und damit auch gefährlich. Geübte Polizeitaktiker, wie sie in der Einsatzleitung zu finden sind, wissen, wie sie Information und Desinformation streuen. So kündigte die Einsatzleitung in der Nacht zum Mittwoch an, sie würde mit der Räumung von der Ostseite der B 191 beginnen. Die Räumung solle um 23.00 Uhr erfolgen. Die Aussage erhielten die Polizeisprecherlnnen um ca. 22.30 Uhr und teilten sie über den Rat den Leuten auf der B 191 mit. Die bereiteten sich auf die Räumung vor und saßen die ganze Nacht auf gepackten Sachen. Die PolizeisprecherInnen hatten die Information weder bestätigt noch widerrufen. ...
Zu kritisieren bleibt, dass die ModeratorInnen oft auch InformationsträgerInnen waren, also Moderation und Informationsweitergabe zusammenfielen.
Was Gewaltfreiheit ist - und was sie ablehnt
Aus Theodor Ebert: "Lexikalisches Stichwort: Gewaltfreie Aktion", in: Ulrike Laubenthal/Reiner Steinweg (2011): "Gewaltfreie Aktion", Brandes&Apsel (S. 159ff.)
Definition
Die gewaltfreie (direkte) Aktion ist eine traditionsreiche Methode der Konfliktbearbeitung. Zu ihr greifen Kontrahenten in Situationen, in denen es schwierig oder fast aussichtslos scheint, durch demokratische Verfahren einen Konsens über Gerechtigkeit und die dafür erforderlichen Wandlungen herzustellen. Die gewaltfreie Aktion hat das Ziel, einen Konflikt so zu dramatisieren, dass sein Vorhandensein und die Unzulänglichkeit der herrschenden Konfliktregelungsmechanismen nicht länger ignoriert werden können. Das Ziel der gewaltfreien Aktion ist es, in Diktaturen oder Formaldemokratien die psychischen und die sozialen Bedingungen zu schaffen, unter denen erneut oder erstmals über Verhandlungen und demokratische Abstimmungen die Konflikte dauerhaft oder vorläufig geregelt werden können.
Die gewaltfreien Aktionen unterscheiden sich von gewaltsamen dadurch, dass ihre Protagonisten bei ihren dramatisierenden Maßnahmen die politischen Gegner und Unbeteiligte nicht verletzen, weder physisch noch psychisch. Lassen sich Sachbeschädigungen im Zuge der Aktionen nicht vermeiden, so wird - neben der Begrenzung dieser Sachbeschädigungen - darauf geachtet, dass die Akteure persönlich die Verantwortung für ihre Aktionen übernehmen. Die anonyme Sabotage ist keine Form der gewaltfreien Aktion. ...
Wirkung der gewaltfreien Aktion
... Straßenkämpfermanieren, die sogenannte Notwehr und Täuschung, werden abgelehnt, weil sie bei den Trägern der Aktion, ihren Gegnern und den Beobachtern unerwünschte Reaktionen auslösen.
Die von Frantz Fanon behauptete emanzipatorische Wirkung der Gewaltanwendung wird bestritten, da die systematische Gewaltanwendung seitens einer Befreiungsorganisation innerhalb dieser zu hierarchischen Strukturen führt und zur Untergrundarbeit und zur Einübung in ein immer waches Misstrauen zwingt, so dass nach Abschluss der Kampfhandlungen diktatorische und nicht demokratische Strukturen vorhanden sind. Gewaltanwendung wird ferner abgelehnt, weil sie in der Regel zur Eskalation der Gewalt und zur Steigerung der Opferzahlen führt.
In einem gewaltfreien Verhalten wird keine Garantie für einen Repressionsverzicht des Gegners gesehen; man rechnet jedoch damit, dass insgesamt die Opfer eines Befreiungskampfes geringer sind, wenn selbst auf extrem gewaltsame Repression immer gewaltfrei geantwortet und so dem Gegner keine zusätzliche Legitimation für Unterdrückungsmaßnahmen geboten wird. Der indische Unabhängigkeitskampf mit gewaltfreien Methoden kostete, einschließlich der englischen Reaktion auf vereinzelte indische Gewaltakte, etwa 8.000 Menschenleben; der algerische Unabhängigkeitskrieg etwa 150.000 bis 200.000 Tote bei einer dreißigmal kleineren Bevölkerung.
Schließlich werden Gewaltmethoden abgelehnt, weil man in den Gegnern unfreie, sich selbst entfremdete Menschen sieht. Das gewaltfreie Verhalten soll die Solidarität mit dem Gegner als menschlichem Wesen zum Ausdruck bringen. Die Überzeugungskraft einer gewaltfreien Aktion hängt jedoch nicht allein von der Leidens- und Opferbereitschaft ihrer Träger, sondern auch davon ab, dass die von ihnen angebotene Alternative zu dem bestehenden ungerechten System mit hoher Wahrscheinlichkeit den angegebenen Zwecken dient und wirklich funktionsfähig ist.
Zum Experimentieren mit den angebotenen neuen Strukturen können die Herrschenden meist erst dann gebracht werden, wenn durch die gewaltfreien Aktionen das dominierende System am Funktionieren gehindert und das neue System durch Rolleninnovation und Rollenusurpation teilweise schon praktiziert wird.
Das Auftreten von gewaltfreien Akteuren hat auch zur Entwicklung und Auffächerung von Repressionsmaßnahmen und zu einer gewissen Anpassung an die gewaltlosen Methoden geführt. Es gibt Fälle, in denen die Polizei sich mit den gewaltfreien Akteuren auf Spielregeln im Umgang mit zivilem Ungehorsam bzw. mit Ordnungswidrigkeiten einigt, also z.B. gegen Sitzproteste nicht Schlagstöcke, Wasserwerfer und Pfefferspray einsetzt, sondern die Sitzenden wegträgt, eventuell erkennungsdienstlich behandelt und zur Anzeige bringt oder auch nicht.
Stays Thesen: Klare Einteilung in Oben und Unten
Jochen Stay: "Fünf Thesen zu den Erfolgsbedingungen eines massenhaften Zivilen Ungehorsams", in: Ulrike Laubenthal/Reiner Steinweg (2011): "Gewaltfreie Aktion", Brandes&Apsel (S. 205f.)
1. Die jeweilige Kampagne Zivilen Ungehorsams wird getragen von einem Kreis von Aktivistlnnen, die sich mit ihrer ganzen Kraft und quasi FullTime über Jahre für die Umsetzung ihrer Vision einsetzen.
2. Es wird eine konkrete Form Zivilen Ungehorsams gefunden, die von ihren Konsequenzen nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig Folgen hat. Die begrenzte Regelverletzung und die Bereitschaft zum Tragen der Folgen öffentlicher Aufmerksamkeit führen dazu, dass viele bereit sind, diesen Schritt zum Zivilen Ungehorsam zu wagen, weil die juristischen und körperlichen Folgen überschaubar sind. Ziviler Ungehorsam kann sehr radikal und weitgehend sein. Wer aber erreichen will, dass die Regierung durch massenhaften Entzug von Loyalität unter Druck gerät, der/die muss eine Form Zivilen Ungehorsam finden, an der sich möglichst viele Menschen beteiligen. Die persönlichen Folgen müssen also überschaubau sein.
3. Die Aktionen entwickeln sich zu einer Mischung aus effektiver Behinderung der Maschinerie und Ritual. Rituale sind nichts Negatives, so lange sie mit Leben gefüllt sind. Die Ritualisierung von Aktionsformen führt zwar oft zu einer Abschwächung des Konfliktes, weil die Polizei weiß, was passieren wird. Sie ermöglicht aber auch den eher Ängstlichen die Teilnahme, weil sie besser überblicken können, was auf sie zukommt. Wenn es gelingt, den sehr unterschiedlichen Bedürfnissen im Aufbau einer Kampagne Rechnung zu tragen, kann sie viele Menschen erreichen und mit einbeziehen.
4. Die Mobilisierung zu den Aktionen ist nicht unverbindlich, sondern wird über Selbstverpflichtungs-Erklärungen letztlich sehr persönlich und verbindlich geführt. Dies ist ein oftmals stark unterschätzter Faktor. Es ist ein großer Unterschied, ob ich mit Flugblättern und Plakaten unverbindlich zu einer Aktion einlade, oder ob ich durch das Angebot einer Selbstverpflichtungs-Erklärung viele Menschen dazu bringe, sehr gründlich darüber nachzudenken und zu entscheiden, ob sie sich an einer Aktion beteiligen wollen. Diejenigen, die unverbindlich mobilisiert werden, kann ich schwer erreichen, weil ich sie nicht kenne. Wer eine Selbstverpflichtung unterschrieben hat, ist mit Adresse bekannt und kann mit weiteren Informationen versorgt werden, um gut auf die Aktion vorbereitet zu sein oder noch weitere Menschen zu mobilisieren. Manche steigen auch in die organisatorische Arbeit ein und auch nach einer Aktion sind alle noch erreichbar. Außerdem kann die Zahl der »Anmeldungen« auch verwendet werden, um politischen Druck zu machen. Und schließlich erleichtert es die organisatorische Planung, wenn klar ist, wie viele Menschen sich an den Aktionen beteiligen.
5. Die jeweiligen AktivistInnen haben die Möglichkeit, sich gründlich vorzubereiten. Und es wird viel Aufwand betrieben, damit die organisatorischen Rahmenbedingungen so gut sind, dass der oder die einzelne BlockiererIn sich wirklich aufs Blockieren konzentrieren kann. Angebote, sich vor einer Aktion Zivilen Ungehorsams mit einem Training vorzubereiten, werden meist nur von einer Minderheit der AktivistInnen genutzt. Trotzdem entsteht so ein gut vorbereiteter Kern, der die Qualität der Aktionen durch klares Auftreten und gut funktionierende Gruppen steigert. Wenn dann noch dafür gesorgt ist, dass die BlockiererInnen mit allem Notwendigen versorgt werden (Informationen, Sitzunterlagen, Essen, warme Getränke, juristische Unterstützung, Abholservice bei Ingewahrsamnahme usw.) und sich somit voll auf das Geschehen der Aktion konzentrieren können, dann steigert auch dies die Intensität des Widerstandes.
Hetzen gegen Militanz
Renate Wanie: "Neun Thesen für die Weiterarbeit nach Straßburg", in: Ulrike Laubenthal/Reiner Steinweg (2011): "Gewaltfreie Aktion", Brandes&Apsel (S. 254f.)
1 . Die Zeit der Formelkompromisse ist nach Straßburg vorbei. Die Friedensbewegung ist gewaltfrei oder sie ist nicht. Ziviler Ungehorsam ist eine gewaltfreie Strategie und kein Slogan, hinter dem sich RandaliererInnen verbergen können.
2. Randale ist keine Politik, Randale ist Randale. Gesellschaftliche Veränderungen in Richtung Emanzipation und Freiheit werden in hochentwickelten Gesellschaften nicht über Gewalteskalationen herbeigeführt.
3. Gewaltfreiheit greift den staatlichen Gegner nicht dort an, wo er am stärksten ist - beim Monopol der Gewalt. Sondern dort, wo er am schwächsten ist: bei der Legitimation seiner kriegerischen Aktivitäten.
4. Gewaltrituale wie in Straßburg seitens der Polizei und seitens der RandaliererInnen sind Ausdruck eines männlich-chauvinistischen Handelns. Die Friedens- und Antikriegsbewegung muss diese patriarchal‑militaristischen Handlungen überwinden und offen kritisieren.
5. Die Kritik an RandaliererInnen aus Demonstrationen heraus spaltet die Friedensbewegung nicht. Steine werfen spaltet die Friedens- und Antikriegsbewegung. Wer Gewalt zulässt, zerstört die Glaubwürdigkeit der Bewegung und erleichtert ProvokateurInnen der Polizei, ihr friedloses Handwerk zu betreiben.
6. Die Friedensbewegung wird nicht erfolgreich durch Gewalt, sondern durch kreative und beharrliche Kritik an Gewalt und Gewaltorganisationen wie der NATO.
7. Heiligendamm hat neue gewaltfreie Aktionsformen auf der grünen Wiese hervorgebracht. Nach Straßburg ist über neue kreative gewaltfreie Aktionsformen innerhalb von Städten nachzudenken, die auch über Blockaden hinausgehen.
8. Gewaltfreie Aktionen wie auch Großdemonstrationen brauchen Vorbereitung. Dort, wo gewaltfreie Aktionen vorbereitet wurden, wie z.B. für »Heiligendamm« oder im Bündnis NATO-ZU für Straßburg, haben sie funktioniert und zu Teilerfolgen beigetragen. Wir brauchen mehr und verbindlichere Vorbereitungen.
9. Mobilisierungen für große internationale Events zeigen ihren Erfolg immer auch darin, Menschen für den Montag danach zu gewinnen. Die Qualität von großen Events bemisst sich darin, wie viel mehr Menschen in den nächsten Monaten aktiv werden. Hier war Straßburg ein Rückschlag.
Wolfgang Sternstein, im Buch "Gewaltfreie Aktion" als "einer der ältesten deutschen Theoretiker und engagiertesten Aktivisten der Gewaltfreien Aktion" (S. 96) hochgejubelt ...
Buchvorstellung
Ulrike Laubenthal/Reiner Steinweg
Gewaltfreie Aktion
(2011, Brandes&Apsel in Frankfurt, 287 S.)
Fast alle, die Rang und Namen haben in gewaltfreien Bewegungen des deutschsprachigen Raumes tragen hier ihre Sichtweise zusammen. Seite für Seite wird spürbar, wie verbissen sich die AkteurInnen an den Strohhalm "Gewaltfreiheit" klammern. Der schafft Identität, schweißt zusammen und führt zu aggressiven Distanzierungen von allem, was nicht dazu gehört. Eine gute Theorie der Gewaltfreiheit ist dabei im gesamten Buch nicht benannt. Stattdessen werden alle möglichen erfolgreichen Kampagnen als eigener Erfolg dargestellt - was sie aber nie waren. Denn in der Definition auf Seite 159 "Die anonyme Sabotage ist keine Form der gewaltfreien Aktion" steckt eine Absage an Handlungen, die sowohl beim Castorprotest wie auch in der Kyritzer Heide oder bei Stuttgart 21 immer wieder vorkamen. Das Buch lohnt aber das Lesen - um im Original nachzulesen, wie dogmatisch, fast religiös die Gewaltfreiheit in der Praxis aussieht, verbunden mit internen Hierarchien und zentraler Steuerung, wie sie in den Texten der Führungsfunktionäre Jochen Stay und Jörg Rohwedder als Ziel vorgegeben werden.
Interessant sind noch zwei Blicke - einer zurück und einer voran. In beiden ist zu erkennen, welche Wirkungen das Fehlen an politischer Theorie und strategischer Organisierungsdebatte haben. Die modernen Bewegungsagenturen wie Campact, .ausgestrahlt und die als materiell-informelle Basis im Hintergrund die Strippen ziehende Bewegungsstiftung sind Schöpfungen von Menschen, die sich einst als AnarchistInnen fühlten und darstellten. Eine zentrale Rolle bei der Herkunft spielte die alte unabhängige Jugendumweltbewegung um 1990, die sich positiv auf die Anarchie bezog, aus der heraus aber fast nur bürgerliche Karrieren bestiegen wurden.
Ganz neu, nämlich erst Ende 2011entstanden auch im deutschsprachigen Raum Occupy-Camps, -Aktionen und -Gruppen. Sie definieren sich als dogmatisch gewaltfrei und basisdemokratisch, zeigen aber (noch) nicht den Hang, beides als Ideologie auch gegenüber Anderen dominant durchzusetzen und mit ihnen Ausgrenzungen zu legitimieren. Da das Gemisch der Beteiligten keine Zuordnung möglich macht, gibt es zu "Occupy" einen Absatz am Ende dieser Übersicht verschiedener Strömungen.
Libertäre Basisgruppen und Einzelpersonen ohne ständige (Groß-)Gruppe
Neben den beiden genannten, großen Strömungen gibt es Gruppen und EinzelaktivistInnen, die sich anarchistisch oder libertär nennen und mit einem solchen Anspruch auch politisch arbeiten, aber keiner festen, größeren Vernetzung angehören. Das muss nicht aus Überzeugung geschehen, vielmehr hat es neben FAU und den gewaltfreien Gruppen weitere Gründungsversuche anarchistischer Förderationen gegeben, die allerdings mangels Masse oder Aktivität scheiterten bzw. ein unbedeutendes Dasein fristen - auch weil althergebrachte Organisierungsansätze mit festem Namen, Label und Eintritts- bzw. Ausschlusskriterien angewendet werden sollten. Das aber war mit vielen der auf Autonomie achtenden Gruppen nicht zu machen. Übrig geblieben ist vor allem ein eher informeller Austausch zwischen libertären Basisgruppen schwerpunktmäßig im Südwesten des deutschsprachigen Raumes, die auch gemeinsame Aktionen durchführen, zu solchen mobilisieren und sich koordinieren.
Wie viele Einzelinitiativen mit anarchistischem bzw. libertären Anspruch es gibt, ist kaum abzuschätzen. Viele bleiben in ihrer Wirkung örtlich, thematisch oder von der Arbeitsform beschränkt, können dort allerdings durchaus einen hohen inhaltlichen Anspruch und nach außen wirksame Aktionen entwickeln, wie die Libertären Harburg, die "Libelle" in Leipzig, Redaktionsgruppen in freien Radios, kleine Zeitungsredaktionen, Kochgruppen oder MedienaktivistInnen zeigen. Manche Gruppen treten hingegen gar nicht nach außen, sondern verharren als lokal organisierte Theoriezirkel mehr oder weniger in selbstgewählter Privatheit.
Durch die nur geringen Kontakte und Vernetzungen spielt auch die Debatte um Formen von Kommunikation und Kooperation keine besondere Rolle. Kontakte sind sporadisch, z.T. eher zufällig und einzelfallbezogen.
Ähnlichkeiten mit den beschriebenen Gruppen zeigen libertär orientierte, autonome Gruppen, Infoläden, manche Hausprojekte, Wagenplätze oder überwiegend kulturell genutzte Treffpunkte, in denen die anarchistische Ausrichtung zumindest über Symbole und Parolen sichtbar wird. Das gleiche gilt für KünstlerInnen, vor allem Musikgruppen von "Rotzfrecher Asphaltkultur", anderen LiedermacherInnen bis zu kreischenden Punkbands. Die Unterschiedlichkeit der AkteurInnen und Gruppen ist sehr hoch bei deutlichen Ähnlichkeiten in der Betonung von Autonomie, Selbstorganisierung, Unabhängigkeit und einen ausgeprägten Hass auf Autoritäten - wenn all das auch oft nur Lippenbekenntnisse sind und in der Lebenspraxis der Beteiligten nur begrenzt wiederzuerkennen ist.
- Ein genauerer Steckbrief ist wegen der geringen Zahl von Vernetzungen bei gleichzeitiger Unübersichtlichkeit der verstreuten Einzelgruppen und -personen nicht möglich. Die fehlende Organisierungsfähigkeit und Vernetzung stellt aber auf jeden Fall ein zentrales Problem dieser Kreise dar.
Autonome
Eine größere, in den vergangenen Jahrzehnte phasenweise sogar recht handlungsprägende Strömung innerhalb herrschaftskritischer, politische Bewegung sind die sogenannten "Autonomen". Eine genaue Beschreibung fällt ähnlich schwierig wie für die AnarchistInnen, weil das Zerrbild des "Autonomen" mindestens ebenso intensiv durch Bildzeitung, bürgerliche Medien und die ständigen Hetzmeldungen aus Polizei oder Innenministerien geprägt wird wie das der Anarchie als Inbegriff von Chaos und Verderben. Die Hetzer legitimieren damit immer autoritärere Gesetze, Überwachung und Polizeigewalt. Allerdings trifft die Hetze der Autoritätsgläubigen auf eine seltsame Entsprechung innerhalb vieler Gruppen, die dem Erwartungsbild mental voll entsprechen und intern einen Militanzfetisch aufbauen, der eine Umkehrung der ebenfalls fetischisierten Gewaltfreiheit bei entsprechenden Gruppen darstellt. Durch Kleidung, Sprüche, Symbole, ein ständiges Spekulieren über die eigene politische Verfolgtheit und - allerdings auffällig selten - auch Handlungen inszenieren sich viele als gefährlich und revolutionär. Sie schaffen damit eine Gruppenidentität. Typischerweise bricht diese Attitüde am 1. Mai auch als Straßenkampfdesign auf. Sonst sind die großen Mobilisierungen autonomer Gruppen eher auf den antifaschistischen Bereich fokussiert und hier kaum mit libertären Ideen verbunden - oftmals sogar mit dem genauen Gegenteil, wenn Demonstrations- oder Parteiverbote, härtere Strafen oder mehr Polizeigewalt gefordert werden.
Wegen des ausgeprägten Hasses der bürgerlichen Mitte auf die "Autonomen" und deren Anspruch, sich in Leben und Protestform nicht auf die Spielregeln der Herrschenden einzulassen (wie es NGOs und fast alle politischen Strömungen im deutschsprachigen Raum sonst freiwillig tun - vom Vereins- bis zum Versammlungsrecht), haben Autonome in der bürgerlichen Öffentlichkeitsarbeit einen festen Platz. Als Inbegriff des Bedrohlichen füllen sie nicht nur Zeitungen und Magazine, sondern auch die regelmäßigen Verfassungsschutzberichte. Umfangreicher als in Eigenbeschreibungen lassen sich diese als "Definition" der Autonomen und Beschreibung ihrer Größe nutzen. Denn willkürlich ist deren Zusammenfassung zu einer einheitlichen Gruppe ohnehin.
Immerhin sind verbindende Strukturen erkennbar - angefangen von Szenezeitschriften a la "Interim" über Bücher und Buchreihen einschlägiger Verlage (z.B. Unrast oder Assoziation A) bis zu Kongressen, eigenen Blöcken auf Demonstrationen oder Konzeptpapieren. Seit einigen Jahren kommen Autonome in wenigen großen Städten zu sogenannten "Vollversammlungen" zusammen. Deren Ergebnisse werden z.B. auf Indymedia (www.de.indymedia.org) veröffentlicht.
Zudem lässt ein typischer Kleidungsstil mit der dominierenden Farbe schwarz eine - mit Abweichungen im Detail versehene - Zuordnung von Personen sowohl insgesamt zu autonomen Spektren wie auch, z.B. durch bestimmte Accessoires an Kleidung oder Haaren, zu Teilspektren wie Punkautonomen u.ä. zu. Das schafft umgekehrt auch erkennbar eine Art kollektive Identität, ohne allerdings jemals zu klären, ein wie großer Teil der sogenannten "Autonomen" es ist, der auf eine solche Schaffung identitärer Codes steht. Denn eigentlich verhält sich die über Kleidung und Verhaltensweisen geschaffene und ausgedrückte kollektive Identität widersprüchlich zu der Idee von Autonomie.
Es gibt aus dem Spektrum der "Autonomen", verfasst in kleinen Gruppen oder von Einzelpersonen, etliche bemerkenswerte Beiträge zur Idee von Herrschaftsfreiheit und herrschaftsfreier Selbstorganisierung. Da viele "Autonome" wenig Lust auf theoretische Analyse haben und eine oft große Kluft zwischen politischer Aktion und Organisierung einerseits und dem eigenen Leben andererseits besteht, ist zu befürchen, dass all diese Gedanken wenig Breitenwirkung haben, sondern eher einsame Rufe in der Wüste des identitär-symbolischen Daseins oder Aktivismus sind.
Im Original: Autonomie Theorie ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Thesen zur Autonomen Bewegung (1981)
Aus: Der Stand der Bewegung, Lesebuch zum Autonomie-Kongreß 1995
Wir kämpfen für uns, andere kämpfen auch für sich, und gemeinsam sind wir stärker. Wir führen keine Stellvertreterkriege, es läuft über "eigene Teilnahme", Politik der 1. Person. Wir kämpfen für keine Ideologien, nicht fürs Proletariat oder fürs Volk, sondern für ein selbstbestimmtes Leben in allen Bereichen, wohl wissend, daß wir nur frei sein können, wenn alle anderen auch frei sind!
Keinen Dialog mit der Macht! Wir stellen nur Forderungen, auf die die Macht entweder eingehen kann oder auch nicht. ...
Wir haben alle einen "diffusen Anarchismus" im Kopf, sind aber keine traditionellen Anarchisten. Teile von uns sehen den kommunismus/ Marxismus als eine Herrschafts- und Ordnungsideologie; er will den Staat, wir aber nicht. Andere meinen, daß es einen eigentlichen Kommunismus gibt, der nur immer wieder verfälscht worden ist. Einig sind wir darüber, daß alle aufgrund der Erfahrungen mit K-Gruppen, DDR, etc. große Schwierigkeiten mit dem Begriff Kommunismus haben.
Keine Macht für niemand! Auch keine "Arbeitermacht" oder "Volksmacht" oder "Gegenmacht", sondern Keine Macht für Niemand!
Mit der Alternativszene haben wir inhaltlich nichts zu tun, sind aber bereit, die Strukturen und technischen Mittel der Alternativszene zu benutzen. Uns ist klar, daß der Kapitalismus hier einen neuen Nebenzyklus von Kapital und Arbeit schafft, sowohl als Beschäftigungsfeld für arbeitslose Jugendliche, als auch als Experimentiertfeld zur Lösung anstehender sozialer Spannungen und wirtschaftlicher Probleme.
Uneinig sind wir uns darüber, ob wir´ne Revolte sind oder`ne Revolution wollen. Ein paar wollen´ne permanente Revolution, der Rest meint, das könne man dann gleich eine permanente Revolte nennen. Revolution ist für sie ein Fixpunkt, ab dem dann angeblich das Reich der Freiheit da ist. Und das gibt's ihrer Meinung nach nicht. Freiheit ist vielmehr der kurze Moment, in dem der Pflasterstein die Hand verläßt, bis zu dem Moment, wo er auftrifft. Einig sind wir uns darüber, daß wir zuerst nur zerstören wollen, kaputt machen, uns nicht positiv formulieren.
Wir haben keine Organisierung an sich. Unsere Organisationsformen sind alle mehr oder weniger spontan. Besetzerrat, Telefonkette, Autonomen-Plenum, und viele viele kleine Gruppen, die sich entweder kurzfristig zusammensetzen, um irgendwelche actions zu machen auf Demos zusammen sind, etc. und langfristigere Gruppen, die Sachen wie radikal, Radio Utopia oder irgendwelche ganz illegale actions machen. Es gibt keinerlei festere Strukturen wie Parteien etc., auch keinerlei Hierarchie. Die Bewegung hat z.B. bis heute noch keinen einzigen Exponenten hervorgebracht wie z.B. Negri, Dutschke, Cohn-Bendit, etc...
Thesen zur Autonomie in unserer Bewegung
Aus der "radikal" Nr.98, 9/1981
Wir müssen uns autonome Bereiche des Lebens erkämpfen, und wir müssen sie verteidigen. Aber wir können sie nicht verteidigen, ohne sie auszuweiten und ohne zu anderen Bereichen überzugehen. Die bürgerliche Gesellschaft ist ein Ganzes, das seinen totalitären Anspruch auf alle Teilbereiche ausdehnt. Überall stossen wir auf die Gesetze und Zwänge, die der kapitalistischen Logik entspringen, so daß unsere Autonomie im Bestehenden stets nur eine relative sein kann. Und der Zusammenhang, der vom Kapital durchwalteten Lebensbereiche, verweist von einem auf die notwendige Veränderung in allen anderen Bereichen des Systems. So können wir nur bedingt qualitativ anders zusammen wohnen, wenn die alten Zwänge der Arbeit, Schule etc. fortbestehen.
Es gilt, das Ganze der bürgerlichen Gesellschaft zu zerschlagen. Aber unsere Strategie ist nicht totalisierend. Wir müssen Teile aus dem Zwangszusammenhang heraussprengen, wobei die besonderen Bedingugen nicht vereinheitlichenden Forderungen geopfert werden dürfen. Die erkämpfte relative Autonomie gibt es nur im Konkreten, d. h. Partikularen. ...
Überall, wo Entfremdung und Unterdrückung erfahren werden, kann man sich durch Formen direkter Aktion auflehnen. Die Produktionssphähre hat keinen Vorrang vor den Reproduktionsbereichen.
Wir kennen keine "politische Ebene" die von unserem alltäglichen Leben getrennt wäre. Autonomie; d. h. Selbstbestimmung unseres Lebens. Also werden wir das Schicksal unserer lebendigen Bedürfnisse keiner institutionellen Ebene anvertrauen, auf der andere "für uns" entscheiden. Das parlamentarische Spektakel gehört für uns zum Fernsehprogramm. Unsere Lebensweise hat unmittelbar politischen Charakter insofern wir uns der herrschenden Ordnung widersetzen.
Unsere Lebens- und Widerstandsformen sind antiinstitutionell. Soweit wir Beratungsorgane brauchen ( z. B. Besetzerrat ), werden sie nicht mit "Amtsträgern" bestückt und sie haben auch keine Zwangsgewalt gegen Einzelne. Autonomie: d.h. auch Autonomie des Individuums. Wir sind keine homogene Einheit; unsere Gemeinsamkeit unterschlägt nicht die heterogene Vielfalt. Wir sind Chaoten!
Soweit es uns gelingt, eigene Lebenszusammenhänge herzustellen, brauchen wir keine Partei oder politische Organisation. Denn jene sichern die Kontinuität, die einzelne Aktionen verbindet, so daß Erfahrungs- und Lernprozesse gemacht werden können.
Wir sind weder eine Klasse noch eine "Randgruppe". Es gibt Schichten, in denen die Unerträglichkeit dieser Gesellschaft leichter erkannt und stärker empfunden wird als in anderen. Aber das Handeln ist an keine Schichtenzugehörigkeit gebunden.
Die Verschiedenheit der Ausdrucksformen unserer Bewegung bedeutet eine produktive Ungleichzeitigkeit, eine Gleichzeitigkeit von Verschiedenem. Wir lernen voneinander; und das System wird auf verschiedenen Ebenen zersetzt. Aber es gibt auch die hemmende Ungleichzeitigkeit - die unseres Bewußtseins, Empfindens und Handelns zu dem der "Massen".
Denn Autonomie: d. h. sich loslösen von den herrschenden Normen und damit auch von der Mehrheit der Bevölkerung, die noch ins System integriert ist. Autonomie bedeutet Andersheit.
Thesen zur Autonomie (aus: Interim, Februar 2011)
1. Der Kern der Autonomie ist die Leidenschaft für die Freiheit, die Freiheit der einzelnen Individuen, der Anderen und die gemeinsame Freiheit; die Sehnsucht nach einem Leben in Selbstbestimmung; der Traum von einer freien, gleichberechtigten, herrschaftslosen und solidarischen Gesellschaft. Deshalb bietet Autonomie auch kein fertiges Konzept einer künftigen Gesellschaft, obwohl sie die revolutionäre Überwindung der jetzigen will. Sie ist mehr der Versuch gelebter Annäherung an eine Idee als umfassende Theorie, auch wenn sie keineswegs auf den Kopf gefallen ist und die theoretische Auseinandersetzung nicht scheut.
2. Das vorrangige Merkmal, nachdem die Autonomie gegenwärtige und künftige Verhältnisse, Strukturen und Gesellschaften beurteilt, ist das der Selbstbestimmung. Sie weiß, dass Freiheit als Bedingung der Selbstbestimmung nur existiert, wo Menschen die Kontrolle über ihre eigenes Leben, ihre unmittelbare Umgebung und ihre elementaren Lebensgrundlagen haben. Sie weiß auch, dass Freiheit in Gemeinschaft, nur möglich ist, wenn die Freiheit Aller gleichermaßen geachtet wird. Keine_r ist besser qualifiziert zu entscheiden, wie gelebt werden sollte, als die Einzelnen selbst; keine_r sollte darüber abstimmen dürfen, was Andere mit ihrer Zeit und ihren Potentialen anfangen. Diese Rechte für sich selbst zu beanspruchen und in anderen zu respektieren, bedeutet, Autonomie zu leben und sich diese immer weiter zu erschließen.
3. Autonomie sollte nicht mit absoluter Unabhängigkeit verwechselt werden. Keine_r befindet sich außerhalb von sozialen und gesellschaftlichen Verflechtungen, als soziale Wesen leben wir in einem Netz von Bindungen und sind zur Verwirklichung unserer Bedürfnisse ebenso wie zur Bewältigung unseres Alltags auf andere angewiesen. Es geht nicht darum, alle sozialen Abhängigkeiten zu zerschlagen. Vielmehr stellt sich die Frage, ob die Beziehungen und Verhältnisse, in denen wir existieren, fremd- oder selbstbestimmt zustande kommen und gestaltet werden, ob ihnen das Streben nach Emanzipation innewohnt und ob es uns allein oder mit anderen möglich ist, aus ihnen auszutreten, um neue und andere Beziehungen und Verhältnisse einzugehen. Selbstbestimmte Beziehungen existieren auch dann, wenn einzelne auf Teile ihrer Selbstbestimmung freiwillig verzichten.
4. Die Autonomie wartet mit der Verwirklichung ihrer Sehnsüchte nicht bis nach der Revolution, sie beginnt damit hier und jetzt! Dazu treiben sie weder "revolutionäre Ungeduld" noch "Voluntarismus" (die Überzeugung, dass Wollen und Wünschen genügten, um das Sein zu verändern), sie weiß sehr wohl, dass es kein richtiges Leben im Falschen gibt und die Revolution nicht über Nacht entstehen wird. Aber sie weiß auch, dass die Emanzipation, die sie will, gar nicht beginnen wird, wenn sie nicht heute beginnt und dass die Verwandlungen, die sie sucht, nur zustande kommen werden, wenn wir an die Grenzen des Möglichen gehen und Expeditionen in die unkartierten Gefilde des scheinbar Unmöglichen wagen.
5. Für Ihre Experimente in Selbstbestimmung und Emanzipation, Ihre Expeditionen jenseits der Grenzen des scheinbar Möglichen schafft sich die Autonomie temporäre' autonome Zonen, Freiräume, in denen die umgebenden Gesetze der Herrschaft aufgehoben sind und Begegnungen entlang neuer, selbst und kollektiv geschaffener Regeln stattfinden können. Solche temporären autonomen Zonen können in Raum und Zeit lokalisierbar wie auch nichtörtlich sein. Es kann sich um konkrete sowie virtuelle Räume handeln. Sie können auch in der kollektiven Begegnung von Individuen unabhängig von Orten entstehen. In ihnen beginnt die Autonomie, ihr Recht auf selbstbestimmtes Leben im Hier und Jetzt zu praktizieren.
6. Zugleich gibt sich die Autonomie keinen Illusionen hin, komplexe Macht- und Herrschaftsstrukturen durch die Schaffung einzelner Freiräume sprengen zu können. In einem Meer der Fremdbestimmung wird es immer eine Frage der Zeit bleiben, ehe selbstbestimmte Freiräume wieder überspült werden, bleibt jede autonome Zone eben eine temporäre. Erst wenn Viele sich an verschiedenen Orten zur gleichen Zeit gemeinsam erheben, um statt der bestehenden Strukturen neue zu schaffen, deren Zweck es ist, die Selbstbestimmung Aller zu ermöglichen und zu bewahren, erst wenn viele entschlossen sind, die neuen Strukturen gegen die alten zu behaupten und jene niederzuringen, kann Autonomie zum gesellschaftlichen Prinzip werden. Dieser revoluti onäre Prozess kann erst beginnen, wenn die Idee der Autonomie eine breite gesellschaftliche Resonanz gefunden hat, das heißt, wenn es gelingt, immer mehr Menschen für diese Idee zu begeistern. ...
8. Autonomie handelt in der ersten Person, tritt nicht stellvertretend für andere in Erscheinung, hegt keine Erwartung an andere, ihre Belange für sie zu richten. Sie handelt unmittelbar, nach dem Prinzip der direkten Aktion und ermuntert andere dazu, es ebenso zu tun. Den Gedanken individueller Professionalisierung lehnt sie ab, dem setzt sie das Streben nach kollektiver Selbstermächtigung entgegen. Sie besteht auf der Idee, dass alle zu allem befähigt werden können, es sinnvoll ist, wenn viele statt wenige über Fertigkeiten und Wissen verfügen. Spezialisierung ist etwas für Insekten. In gemeinsamen Kämpfen mit anderen sucht sie nicht das Bündnis mit Institutionen, Funktionär_innen von Verbänden, Parteien und Gewerkschaften, sie strebt überhaupt kein Bündnis an, sondern die Zusammenkunft von Betroffenen und ihren Kompliz_innen/Verbündeten auf der Grundlage freier Vereinbarungen, um ihre Kämpfe gemeinsam selbstorganisiert zu gestalten. ...
11. Autonomie will mehr als die bloße Veränderung der politischen und ökonomischen Strukturen. Sie will die radikale Verwandlung des gesamten Lebens, des gesellschaftlichen und des persönlichen. Sie weiß, dass das Leben weit mehr zu bieten hat, als die Berechenbarkeit der vorgegebenen Alltagswirklichkeit uns glauben machen will. Weiß, dass eine andere Welt nicht nur möglich ist, sondern dass sie bereits existiert, zwischen und hinter dem, was wir Realität nennen. Weiß es aus jenen Momenten wahren, unverfälschten Lebens, in denen die Realität verblasst und jene andere Welt sichtbar wird, in greifbare Nähe rückt, in denen wir sie betreten können für Augenblicke, für Stunden, manchmal sogar Tage. All jene Augenblicke, in denen wir gleichsam berauscht und fassungslos feststellen: "Wir tun es, tun es wirklich - und es könnte immer so sein!". Die Autonomie sucht ständig neue Wege zu jener verborgenen Weit hinter der "Realität', getrieben von der Sehnsucht, eines Tages ganz und gar in sie einzutauchen.
12. Die Freiheit, für die sie kämpft, ist die immer umfangreichere Möglichkeit der Einzelnen, sich selbst zu verwirklichen, sich als Individuen zu verfestigen. Dieses zügellose Verlangen, dieses maßlose Streben lässt sich weder in einer Kommune von einigen dutzend "befreiter" Quadratmeter einschließen, noch sich mit zwei, drei Beziehungen zufriedenstellen, die etwas weniger beschissen und autoritär sind. ...
14. Autonomie weiß, dass Herrschaft kein Zentrum hat, von dem aus alles gelenkt würde. Sie betreibt keine Hierarchisierung der verschiedenen Unterdrückungsverhältnisse. Herrschaft durchdringt soziale Verhältnisse auf allen Ebenen und reproduziert sich dort. Auch in den "privatesten" Beziehungen zwischen Menschen, bei jenen, die meinen, von Herrschaft frei zu sein und auch in sogenannten Freiräumen. Deshalb bekämpft Autonomie Herrschaftsstrukturen nicht nur, wo sie im Außen als Zwang und Fremdbestimmung in Erscheinung treten, sondern kämpft zugleich darum, sie in sich selbst aufzuheben. Sie sucht nach neuen, herrschaftsfreien Wegen des Miteinanders, die sie ständig reflektieren, korrigieren und verbessern will. Sie weiß um die Einheit von Weg und Ziel, weiß, dass der Weg weit ist, ihr Ziel aber die individuelle und soziale Emanzipation bleibt, die Selbstbefreiung Aller von Zwang und Bevormundung. ...
18. Autonome Einzelpersonen und Gruppen können kooperieren, ohne sich auf eine gemeinsame Agenda zu einigen, solange die Beteiligung aller für alle bereichernd ist. Gruppen, die auf diese Weise kooperieren, können Konflikte und Widersprüche in sich bergen (ebenso wie wir alle als Individuen) und von ihren Teilnehmerinnen dennoch als motivierend, stärkend und (selbst)ermächtigend erlebt werden. Überlassen wir es den Militärs, unter, einer einzigen Flagge zu krepieren!
19. Autonomie ist das Gegenteil von Zentralismus, Kaderdenken, Avantgardepolitik, Autoritarismus, dem Stellvertreter_innenprinzip und den damit einhergehenden Ideologien wie z.B. Leninismus, Maoismus, Sozialdemokratismus etc. Sie entsteht auch aus der Erkenntnis, dass selbstbestimmte Kämpfe nur unabhängig von institutionalisierten Apparaten wie Parteien und Gewerkschaften etc. (und im Zweifelsfall gegen sie) und unter dem Verzicht auf Führung entstehen können.
20. Auch gegenüber nichthierarchischen Organisationen und ihrer Tendenz zur Institutionalisierung, zur Selbstbezogenheit und zur Konzentration auf das Eigeninteresse ist Autonomie mindestens misstrauisch eingestellt. Dennoch ist sie keineswegs organisierungsfeindlich - um sich zu organisieren, benötigt sie nur keine Organisation, weder Logo, noch Namen, noch Statut. Autonome Organisierung beruht auf libertären Prinzipien, d.h. auf der freien, nichthierarchischen, horizontalen Vereinigung. Sie bevorzugt die Vollversammlung, in der jeder für sich selbst sprechen kann. Wo diese nicht möglich ist, bedient sie sich der temporären Delegation mit imperativem Mandat'. Den libertären Organisierungsprinzipien fügt sie die Erkenntnis hinzu, dass Organisierung nur solange notwendig ist, wie sie einen von ihr selbst unabhängigen Zweck erfüllt, ansonsten ist sie überflüssig. Organisierung als Selbstzweck ist der Beginn der Bürokratie, sie nimmt uns die Luft zum Atmen, reißen wir sie ein!
- Politische Schwerpunkte: Basisgruppen mit Mischung aus Aktion, Infoveranstaltungen und Gruppentreffen. Einmischung auch in lokale Themen und Mobilisierungen. Autonome Gruppen sind regelmäßig vor allem im Antifaschismus aktiv.
- Highlights: Gemeinsame, wenn auch kleine Kampagnen z.B. der Gruppen in Baden-Württemberg zur Bundestagswahl. Autonome Mobilisierungen (1. Mai, Anti-Nazidemos).
- Medien: Lokale Zeitungen, z.B. Feierabend in Leipzig, ZECK in Hamburg, Swing im Rhein-Main-Gebiet.
- Stärken: Unabhängigkeit, aber trotzdem eine gewisse Verbindlichkeit in den Basisgruppen.
- Probleme: Die Einzelgruppen sind bis auf wenige Ausnahmen kaum vernetzt und haben nur geringe Interventionsfähigkeit in gesellschaftliche Abläufe. Auf überregionaler Ebene gibt es inzwischen - wie die modernen Bewegungsagenturen bei gewaltfreien Gruppen - hochorganisierte Führungsgruppen, die fertig vorbereitete "Instant"aktionen für Autonome anbieten und damit auch hier das Vakuum der Orientierungslosigkeit füllen (z.B. IL, Aktionen "Block G8" oder "Castor?Schottern!"). Weit verbreitet sind ein inhaltsleerer Militanzfetisch, Mackerei und informeller Machtgruppen.
- Theorie: Zu großen Teilen Beschränkung auf Antifaschismus als Thema. In breiter aufgestellten Gruppen oft noch die Kritik an Arbeit und Sozialpolitik, dann Ähnlichkeiten mit anarcho-syndikalistischen Gruppen.
- Kommunikation, freie Vereinbarung und Kooperation: Eine Debatte um horizontale Selbstorganisierung findet zwischen den losen Einzelgruppen und -personen kaum statt. In autonomen Zusammenhängen gilt die selbstorganisierte Kooperation zumindest verbal viel und führt neben einigen Theoriedebatten über die Organisierung zu einer Ablehnung aller zentralen Gremien. Das wird in der Regel auch recht konsequent so gehandhabt. In einigen Städten und Regionen gibt es Vernetzungen mit gemeinsamen Absprachen.
Direct-Action und kreativer Widerstand mit emanzipatorischen Zielen
Ganz ohne irgendwelche Gruppennamen, und daher hier nur unter diesem beschreibenden Titel zusammengefasst, agieren weitere Kreise, in denen libertäre Ideen eine wichtige Rolle spielen. Sie geraten vor allem über spektakuläre Aktionen immer wieder in der Öffentlichkeit. Eine gemeinsame Theorie- oder Zieldebatte findet nicht statt, was eine der Schwächen darstellt. Viele Beteiligte haben wenig bis gar keine theoretische Fundierung und verschwinden deshalb schnell wieder aus den Aktivenkreisen.
Mit Selbstbezeichnungen wie "Vollzeitaktivstin" (Zitat der als Buchautorin und aus Filmen bekannte Hanna Poddig) und "Berufsrevolutionär" (Aktivist und Buchautor Jörg Bergstedt als Berufsangabe in einem Strafprozess) oder KünstlerInnennamen wie "Eichhörnchen" Kletteraktivistin Cécile Lecomte) zeigen Einige auch nach außen an, dass die Aktion im Mittelpunkt ihres Lebens steht. Viele dieser unabhängigen AktivistInnen stehen anarchistischen Ideen sehr nahe. Sie stecken hinter Besetzungen von Tiermastanlagen oder Genversuchsfelder, Blockaden des Castors, Kommunikationsguerilla, Kletteraktionen oder Kleinstsabotage, ohne dabei auf Hauptamtlichenapparate zurückzugreifen oder sich fest an Verbände zu binden. Sie verzichten bewusst auf gemeinsame Label, hierarchische Organisierung und SprecherInnen, die sich als Stimme nach außen inszenieren. Anders als bei den gewaltfreien Aktionsgruppen und ihren Bewegungsagenturen bilden sie für jede Aktion personell neu zusammengesetzte Aktionsgruppen.
Schon die Aktion und ihre Durchführung ist ein wichtiges Ausdrucksmerkmal einer libertären Gesinnung. Statt zentraler Planung oder Vorgabe wird "Direct Action" so definiert, dass sich die AkteurInnen selbst viel Aktions-Knowhow aneignen, um dann eigenständig und nur in freier Kooperation bzw. gegenseitiger Hilfe statt zentraler Vorgabe aktiv zu werden. Das gilt für den gesamten Aktionsablauf einschließlich des offensiven Umgangs mit Polizei und Justiz. Das aus diesen Kreisen heraus geschaffene Selbst- und LaienverteidigerInnen-Netzwerk ist ein typisches Beispiel für diese Idee der Selbstermächtigung aller Beteiligten, die als Ausdruck eines emanzipatorischen Widerstandes verstanden wird. Bei der Laien- und Selbstverteidigung wird versucht, die aktiven Menschen auch vor Gericht noch in der Hauptrolle zu sehen und sie nicht der oft deutlichen Bevormundung durch AnwältInnen oder Rechtshilfegruppen, verbunden mit einer unterwürfigen, Regeln akzeptierenden Strategie vor Gericht, zu überlassen.
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Definition auf www.direct-action.de.vu
"Direct Action" ist eine Form kreativen Widerstandes, die wir als Teil gesellschaftlicher Intervention gegen Herrschaft und Verwertung sowie als Eröffnung von Diskussionen um visionäre, emanzipatorische Gesellschaftsformen verstehen. Sie versteht sich als gleichberechtigter Teil zu anderen kreativ-emanzipatorischen Handungsstrategien wie Gegenöffentlichkeit, Freiräume und Aneignung, versucht aber, Erstarrungen in den Aktionsformen und -strategien zu überwinden, z.B. die Wirkungslosigkeit vieler vereinheitlichender Aktionsformen (Latschdemo, Lichterkette ...) oder das Gegeneinander aufgrund verschiedener Aktions- und Ausdrucksformen.
"Direkte Aktion" ist mehr als nur mal hier eine Blockade oder da ein Steinwurf. Sie ist eine Methode, ein Aktionskonzept und eine Idee für eine Politikform, die nicht mehr nur Einzelnes angreift - aber auch mehr will als schwächliche Miniveränderungen innerhalb von umweltzerstörenden und menschenverachtenden Verwertungs- und Herrschaftsstrukturen. Direkte Aktion will die Köpfe erreichen. Und den Kopf benutzen. Das erste Ziel einer direkten Aktion ist die Schaffung eines "Erregungskorridors" in der Gesellschaft: Aufmerksamkeit, Irritation, Freude oder Wut sind alles solche Formen. Wie das erreicht werden kann, ist vielfältig: Kommunikationsguerilla, verdecktes Theater, Blockade von Castor-Zügen, Sabotage, Internet-Hacken usw. Wo die Erregung entsteht, ist dann Platz für politische Positionen und Visionen. Aber auch deren Vermittlung will durchdacht sein, d.h. Ideen für kreative Vermittlungsformen sind nötig. Direkte Aktion ist alles drei: Die kreative, direkte Aktion, der entstehende Erregungskorridor und die politischen Positionen/Visionen. Die Qualität entsteht auch durch Übung: In Workshops und Trainings kann über direkte Aktionen geredet und an konkreten Beispielen geübt werden, wie Langeweile und Wirkungslosigkeit politischer Arbeit überwunden werden kann.
Wichtig sind nicht wenige CheckerInnen irgendwo, die Mailinglisten, Internetseiten und wenige Bundestreffen als Ersatz für tatsächliche Handlungsfähigkeit aufrechterhalten, sondern eine breite Handlungsfähigkeit (Aktionen, Widerstand, politische Positionen und Visionen, Intervention und Widerstand im Alltag) überall.
Ulrike Meinhof
Protest ist, wenn ich sage Das und Das passt mir nicht. Widerstand ist wenn ich dafür sorge, dass Das und Das nicht mehr passiert.
Viele der unabhängigen AktivistInnen haben sich mit anarchistischen Theorien oder zumindest der Kritik von Herrschaft auseinandergesetzt. Überregional sichtbar sind ökoanarchistische Projekte wie die Zeitung "grünes blatt" (früher auch: "Ö-Punkte") oder die Debatte um "Umweltschutz von unten", einige Projektwerkstätten (von denen es Mitte der 90er Jahre einmal ca. 50 gab), der Verlag SeitenHieb mit seinen Veröffentlichungen oder die Methodensammlung zum Dominanzabbau in politischen Gruppen und Bildungsarbeit namens "HierarchNIE!". Praktischer Widerstand und inhaltlich intensive Arbeiten schließlich sich dabei nicht aus, wie die Recherche zu den Gentechnik-Seilschaften oder die Debatte um Klimaschutz von unten zeigen. Allerdings ist das die Ausnahme, weil viele AktivistInnen sich auf die Aktion und die Aneignung des Knowhows für diese beschränkten - wenn überhaupt. Oft stellen eher Abenteuer oder Coolness-Faktor besetzter Felder und Baustellen, die gelungene Castorblockade oder andere Aktionevents einen kleinen Höhepunkt in der tristen gesellschaftlichen Normalität dar. Aneignung von Fähigkeiten oder theoretischen Hintergrundwissen unterbleiben. Solche Menschen sind oft nur wenige Monate, selten länger als zwei Jahre dabei und schaffen dann weitgehend bruchlos den Wiederausstieg in ein bürgerlich-angepasstes Leben.
Die Ergebnisse kreativer Entwicklung von Aktionsformen sind gut dokumentiert, vor allem in thematischen Readern, Heften und CDs mit vielen Tipps sowie im Internet (www.direct-action.de.vu). Große Massenmobilisierungen gelingen in diesen Kreisen selten, dafür erreichen die kleinen Runden mit ihrer Aktionen bemerkenswerte Aufmerksamkeiten. Hauptvernetzungstreffen war jahrelang der ehemalige Jugendumweltkongress, später als "Jukss" mehr ein AktivistInnen- als ein klassisches Öko-Treffen. Einige Sommercamps und die Attac-Aktionsakademie sind weitere Orte von Vernetzung und Training.
Selbstorganisierte Kommunikation und Kooperation finden nur einzelfallweise im Zuge von Aktionen statt. Ansonsten dominieren Cliquen, die zeitlich befristet existieren und aus denen die Beteiligten mit dem Zerfall der Clique auch ganz als selbstorganisierten politischen Zusammenhängen verschwinden. Der bislang letzte gemeinsame Versuch von Austausch, gegenseitiger Unterstützung und gemeinsamer Aneignung von Knowhow war das aus dem Expo2000-Widerstand entstandene Hoppetosse-Netzwerk, von dem keine praktisch handelnden Reste mehr übrig sind. Theorien und Konzepte, die in diesen Zusammenhängen auftauchen, stammen von Einzelpersonen und haben kaum Wirkung.
- Politische Schwerpunkte: Direkte Aktion mit inhaltlicher Vermittlung. Die Benennung von Herrschaftsformen und Utopien im Zuge der Aktionen z.B. gegen Gentechnik, Atom, Krieg oder Fleischproduktion sind typisch.
- Highlights: Besetzungen und Sabotageaktionen. Kreativ-offensiver Umgang mit Repression. Trainings und viele Schriften mit praktischen Aktionsanleitungen.
- Medien: SeitenHieb-Verlag. Grünes Blatt. Internet. Lokale Schriften.
- Stärken: Unabhängigkeit und Vielfalt. Hohes Aktions-Knowhow. Keine Label oder übergreifenden kollektiven Identitäten. Hoher Anspruch an emanzipatorische Politikinhalte und selbstorganisierte Strukturen einschließlich weitgehender Unabhängigkeit von Geldflüssen und Verbandsapparaten.
- Probleme: Schlecht vernetzt. Oft eher un- als selbstorganisiert. Fehlende kontinuierliche Projekt- und Basisarbeit. Für viele nur eine kurze Phase im Leben, durchlebt in Cliquen, wechselnden Beziehungen und ohne Aneignung von Theorie und Selbstorganisierungspraxis. Nur wenig dauerhafte Infrastruktur, um deren Aufrechterhaltung sich auch nur Wenige kümmern.
- Theorie: Starke Unterschiede zwischen den Beteiligten. Individualanarchismus im Vordergrund. Die offene Organisierung macht ein zeitweises Mitwirken ohne Kontakt zu Theoriedebatten und Eigenfortbildung möglich. Oft viel Aktion bei wenig inhaltlichem Background.
- Kommunikation, freie Vereinbarung und Kooperation: Eine Debatte um horizontale Selbstorganisierung findet zwar statt, erreicht aber die vor allem in Cliquen organisierten AktivistInnen ebenso selten wie überhaupt das Ringen um Theorien und Methoden der Organisierung. Zur Schwäche wird die hohe Unverbindlichkeit, freie Vereinbarungen werden oft als lose Vereinbarungen nicht wichtig genommen und kaum eingehalten. Statt Kooperation selbstorganisierter Individuen neigen viele zur Bildung isolierter Minigruppen oder zur Vereinzelung in "Ich-AGs" perfektioniertem und permanenten Widerstands.
Anarcho-Primitivismus und verwandte Richtungen
Aus der Kombination ökologischer, manchmal auch nur tierrechtlicher Ziele mit Ablehnung von Herrschaft entstanden und entstehen anarchistische Strömungen, die Zivilisation oder Teile davon als Ursache für Herrschaft und Unterdrückung zwischen Menschen untereinander und zwischen Mensch und Natur (bzw. Tieren) begreifen. Im deutschsprachigen Raum sind solche Strömungen aber, nach einem kurzen Höhenflug in den 90er Jahren, wieder weitgehend verschwunden. Stärker sind sie in anderen Teilen der Erde, vor allem im anglo-amerikanischen Raum. Eine der ersten, sich anarchistisch definierenden und mit entschlossenen Aktionen in die Öffentlichkeit tretenden Gruppen dieser Art war Earth first! Ihre Zivilisationskritik verband sich mit Entmündigungen des Menschen und einer Sympathie für Zwänge, die Menschen in ihre Ideologien bringen sollten. Das brachte Earth first! den Ruf ein, antiemanzipatorisch oder sogar rechter Gesinnung zu sein.
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Auf Anarchopedia
Anarcho-Primitivismus (lat. primitivus "einfach") bezeichnet die anarchistische Kritik an den Ursprüngen und Auswüchsen der Zivilisation. Primitivist_Innen sehen in der neolithischen Revolution von der Jäger_Innen-Sammler_Innen-Gesellschaft zur agrikulturellen Sesshaftigkeit den Ursprung sozialer Zwänge, Spaltung und Entfremdung. Sie treten ein für eine Rückkehr zu nicht-ziviliserter Lebensweise durch Deindustrialisierung, Aufgabe der Arbeitsteilung oder Spezialisierung und Verbannung jeglicher Technologie. Es gibt jedoch viele nicht explizit anarchistische Formen des Primitivismus und nicht alle Vertreter_Innen dieser Ideologie sehen den Ursprung ziviliserter Problematika im selben Phänomen.
Die Gedankenwelt des Anarchoprimitivismus konnte extreme Auswüchse haben. So fand der Chef der Freunde der Naturvölker, Hartmut Heller, "daß das Weltjudentum eine riesige Gefahr für die ganze Welt darstellt" und es "keinen klaren Unterschied zwischen der Tierwelt und dem nackten Affen" gäbe. Heller war glühender Anhänger von Vernichtungsideologien z.B. der Roten Khmer, sah Homosexualität als "Perversität" und Migration als "globaler Mischmasch".
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Aus verschiedenen Mails von Heller (Fehler im Original)
... gibt es keinen klaren Unterschied zwischen der Tierwelt und dem nackten Affen.
... auch die konsequente Linke in Deutschland hatte begriffen, daß das Weltjudentum eine riesige Gefahr für die ganze Welt darstellt.
Fortschritt und Entwicklung sind gemeinsame bösartige Werte der Nazi-Demokraten wie der US-orientierten Demokratenwelt, die ich ablehne und bekämpfe ... wenn ich in diesem Sinne Nazi bin, dann wünschte ich mir viele viele Nazis.
Die nachfolgenden Demokratien nach der Hitlerdemokratie - das versuche ich immer wieder aufzuzeigen - sind sehr viel bösartiger ...
Wichtig ist, daß die Natur - Wildtiere, Wildpflanzen, wilde Menschen - nicht zerstört wird ...
... Perversität "homosexuell" ...
Naturschutz muß sich gegen den ausbeuterischen und zerstörerischen Zivilisationsmenschen richten und den Naturvolkmenschen in den Schutz völlig integrieren, da dieser Teil der Natur ist.
... klassischen Naturschutzansatz ...: Künstliche Gebiete schaffen, in denen wilde Tiere und Pflanzen, nicht aber wilde Menschen leben dürfen.
... globaler Mischmasch ... (auf Migration und Zivilisation usw. bezogen)
Gedanken zur Reise in das Verwaltungsgebilde Kambodscha
Ziel meiner Reise in das Staatsgebilde Kambodscha zu Ende 2001 war es, Spuren der dortigen einstigen Urbevoelkerung, die der negritoiden Rasse angehoerten, zu finden. Konkrete Hinweise habe ich keine gefunden, und wegen der Minengefahr bin ich auch nicht in die Kadamumberge dem einstigen Lebensraum der Pearr, unter denen negritoide Zuege zu finden waren, vorgedrungen.
Ich hatte daher die Gelegenheit, mich mit den nun nicht mehr taetigen roten Khmer zu befassen, die, wie ich festfellte, offenbar unter der armen und der bauerlichen Gesellschaft in Kambodscha trotz aller massiven gegenpropaganda erhebliche Spmpathie besitzen.
Pol Pot und die roten Khmer hatten Vorstellungen und Ziele, die meinen sehr nahe sind.
Sie wollten zurueck zur ausbeutungsfreien Lebensweise, so wie sie ueber Jahrmillionen Menschengeschichte herrschte und auch heute noch vereinzelt unter Naturvoelkern besteht.
Die roten Khmer ware, ebenso wie ich es bin, Feinde der Industrie-und Geldgesellschaft.
1. Sie brachten den parasitaeren Stadtmoloch Pnom Phen zu Fall, indem sie die Einwohnerzahl von mehreren hunderttausend auf unter 30000 reduzierten.
2. Sie erreichten, dass Menschen wieder nur das essen sollten, was sie selbst auch wirklich anbauten und produzierten.
3. Sie vernichteten die Grossindustrie.
4. Sie schafften schiesslich das Geld ab, sodass wieder gerechterer Tauschhandel stattfinden konnte.
5. Sie vernichteten viele der Kloester, Gefaengnisse fuer Kinder-Moenche auf Lebenszeit.
6. Sie liessen das Strassensystem verkommen. Damit verhinderten sie eine Beherrschung, auch die durch sie selbst.
7. Sie demolierten den beruehmten antiken Tempelkomplex Angkor Wat, Symbol und Beweis einer brutalen hierarchischen und naturverachtenden Ausbeutergesellschaft.
Die Durchsetzung dieser Ziele, und dies auch noch in einer sehr kurzen Zeitspanne, brachte selbstverstaendlich ganz gewaltigen Widerstand unter den Anhaengern der zivilisiertn Welt hervor. Insbesondere kam der Widerstand von den Industriezentren der Erde, vor allem aus der US-Killergesellschaft. Von den jetzt ueber 6 Milliarden Menschen duerften mindestens 5 Milliarden schul-und mediengeschaedigt sein und wuerden alle Brutalitaet einzusetzen bereit sein, die friedlichen kleinen Kulturen und der Natur gegenueber aeussertst zerstoererischen domestizierten Welt zu verteidigen.
So waren die roten Khmer gezwungen gewesen, diese Parasiten zu beseitigen. Nun sind die uebriggebliebenen Parasiten wieder zurückgekehrt und können ihr unheilvolles Handwerk weitermachen. Sie sind zurueckgekehrt mit Heerscharen von Missionaren, zumeist aus US-Amerika, die wie die Schmeissfliegen ueber die buddhistische Bevölkerung herfallen. Auch Heerscharen von Entwicklungsagenten sind wiedergekommen, um Strassen und andere Übel an der Natur zu bauen.
Die Masche der US-Killergesellschaft ist es, die ihnen nicht genehmen Systeme so weit als moeglich zu diffamieren, sei es durch Berichte über tatsächlich vorgekommene oder erfundene Vorkommnisse. Einige Beispiele von vielen seien die Diffamierung der deutschen Hitler-Demokratie, die der weitgehend anarchistischen Lebensweise in Somalia, die der angeblichen Toetung von Kleinkindern im Irak, um die US-Killergesellschaft kriegswillig zu stimmen, oder die permanente Diffamierung der Politik Fidel Castros.
In Kambodscha gehören die Killing-Felder zu dem, was touristisch und politisch ausgeschlachtet wird, um das Regime der roten Khmer zu diffamieren. Doch: um wieviel hoeher waeren wohl die Berge der Knochenvon den millionen getoeteter Ureinwohner Nordamerikas? Um wieviel hoeher waeren die Leichenberge der mindestens 800000 durch US-Terror ermordeten Papuas in Westpapua oder die der Millionen ermordeten Hutu? Um wieviel hoeher waeren die Leichenberge der durch Terror der Welthandelsorganisation verursachten mindestens 40 Millionen Hungertotenalljaehrlich, wueden sie auf einen Haufen gestapelt werden?
Es ist zutiefst bedauerlich und beschämend, dass die antiimperialistischen Gesellschaftsschichten in Europa und weltweit den roten Khmer so sehr wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatten. Dadurch ist es den Parasiten gelungen, die Erfolge rückgängig zu machen und ihre brutale und zerstörerische macht zurückzuerlangen.
Übrigens, Naturvölker, sind sehr rassistisch, ich auch. Das habe ich in Lüneburg an einem Beispiel klarzumachen versucht. Indianer, Yanomami zum Beispiel, handeln mitunter bis heute noch so: wenn eine ihrer Frauen mit einem Ethno-Europäer, z.B. einem Brasilianer, sexuelle Kontakte hat und vielleicht auch noch von ihm ein Kind bekommt, dann bringen sie Frau und Kind um. Ich denke, daß die Sesselpupser unter Euch Mode-Anarchos dies vehement verurteilen würden, wie es ja auch die Sesselpupser in Lüneburg getan haben. Wir Freunde der Naturvölker, anarchistischer Naturvölker, sollten unsere Freunde in all ihrer andersartigkeit respektieren.
So extrem wie Hartmut Heller treten AnarchoprimitivistInnen selten auf. Viele kritisieren nur Teile technischer Entwicklungen. Meist fehlt ihnen eine brauchbare Theorie zu Herrschaft und Technik, so dass sie ihre Auffassungen an konkreten Alltagsbezügen ausrichten, z.B. der Ablehnung jeder Tierhaltung und -nutzung.
Einige haben das Bevölkerungswachstum zu ihrem Thema gemacht. Hier entstehen intensive Überschneidungen zu rechten Ideologien und bürgerlichen Positionen. Bei allen richtet sich die Kritik einseitig gegen die Zahl der Menschen und nicht die Art z.B. des Wirtschaftens. So wird suggeriert, dass die Menge der Menschen Hunger, Klimaerwärmung oder Rohstoffverbrauch hervorruft statt der hochvermachteten Verteilungsvorgänge und der vom Profitstreben geprägten Form industrieller Produktion.
Seltsame Widersprüche rufen auch viele ZivilisationskritikerInnen hervor, die mit Handy, Auto und Laptop eher Cyborgs als edlen Wilden ähneln. Technikkritik und Anarchie sind so eher ein Lifestyle denn eine theoriegestützte Überzeugung.
Da die zivilisationsablehnenden Strömungen im deutschsprachigen Raum nur kleine, aber sehr unterschiedliche und zudem meist zeitlich begrenzte Erscheinungen sind, ist eine einheitliche Darstellung nicht möglich.
Anarchie als Lebensabschnittsgefährlichkeit: Lifestyle und modisches Protestdesign
Anarchie ist aber nicht nur eine gesellschaftliche Theorie, sondern auch ein Lebensgefühl, d.h. eine Ausdrucksform persönlicher Befindlichkeit. Das kann als Habitus, ausgedrückt in Sprache, Kleidung, Parolen ausfallen, ebenso können Musik, Drogen oder Formen des Zusammenlebens prägend sein. Beides ist verbindbar, aber politisches Engagement ist für diesen gefühlten Anarchismus - manche nennen ihn "Bauchanarchismus" - nicht notwendig. Das gilt auch für die Frage der Selbstorganisierung im Alltag. Die Ablehnung der Gesellschaft geht überraschend wenig einher mit dem Versuch, sich unabhängig oder zumindest ohne die platten Zwänge ökonomischer Verwertung zu organisieren. Im Gegenteil stellt sich die Beziehung zur Gesellschaft ähnlich dar wie vorher zur eigenen "Mami" (als Funktionsperson gemeint, zunächst mit dem versorgenden Elternteil identisch). So entsteht Protest gegen das, was als eigener reproduktiver Hintergrund hingenommen oder sogar eingefordert wird. Während vordergründig die Ablehnung der Autorität dominiert, herrscht verdeckt eine hohe Akzeptanz versorgender Fremdbestimmung. So wie Mami für Kleidung sorgt, das Haus nutzbar und den Kühlschrank voll hält, fallen Staatskritik und eigene Abhängigkeit von externen Strukturen im Leben vieler Mode-Anarch@s zusammen. Eine Aneignung selbstorganisierter Überlebensfähigkeit findet ebenso selten statt wie die Entwicklung eines Willens, das Leben selbst zu gestalten und sich zu entfalten. Das weist den Weg zurück in die Normalität, denn ohne entsprechendes Knowhow und einer Selbstorganisierung als Alltagseinstellung ist das gegengesellschaftliche Leben viel zu anstrengend, um die ein- oder zweijährige Sturm-und-Drang-Phase der jeweiligen Biographie zu überleben.
Aus Gordon, Uri (2010): "Hier und jetzt", Nautilus in Hamburg (S. 44 ff.)
»Die 1990er Jahre wimmeln von selbstgebastelten Anarchistinnen und Anarchisten, die, einmal abgesehen von ihrer blühenden Radikalrhetorik, einen Anarcho-Individualimus im Stile evangelikaler Sekten pflegen, den ich als Lifestyle-Anarchismus bezeichnen möchte. Dessen Überbetonung des Ego und seiner Einzigartigkeit sowie von polymorphen Widerstandsformen untergraben stetig den sozialistischen Charakter der libertären Tradition ... Ein Ad-hoc-Abenteurertum, persönliche Aufschneiderei, eine Aversion gegen jegliche Theorie sind den antirationalen postmodernen Neigungen merkwürdig verwandt. Theoretische Verworrenheit wird als Pluralismus ebenso zelebriert wie eine im Grunde apolitische, gegen jede Organisation gewendete Hingabe an die Imagination, wobei sich alles um Begehren, Ekstase und eine selbstverliebte Beschäftigung mit dem eigenen alltäglichen Leben dreht ...
Innerhalb der mit anarchistischer Symbolik aufgeladenen Protestsymbolik spielen popkulturelle Bezüge eine herausragende Rolle - allen voran Musik, aber auch Kleidung, weitere äußere Erscheinungsmerkmale, mitunter sogar bestimmte Modemarken der Szene, Drogen und ein gefühltes "Lebe wild und gefährlich" im Alltag.
Aus Gordon, Uri (2010): "Hier und jetzt", Nautilus in Hamburg (S. 41 ff.)
David Graeber beschreibt diese Spaltung als eine zwischen einer minoritären Strömung sektiererischer anarchistischer Gruppen, »die sich mit einem großen A schreiben« und sich strikt an einer Ideologie oder einem politischen Programm orientieren, und andererseits der mehrheitlichen Strömung, die sich von solchen ideologischen Festschreibungen distanziert, den Anarchisten, die sich mit einem kleinen a schreiben. Diese schätzt er als die aktuell bedeutenderen in ihrer Dynamik ein. ...
Die sogenannten »großgeschriebenen« Anarchisten sind unübersehbar Teil der dezentralen Netzwerke der breiteren Bewegung, doch enger sind sie in ihrer Arbeit mit der traditionellen anarchistischen Kultur der anarchistischen Bewegung verbunden, wie sie sich vor dem Zweiten Weltkrieg herausgebildet hat. In dieser politischen Kultur organisiert man sich typischerweise in Gruppen mit einer bestimmten Struktur, mit Positionen, in die man gewählt wird etc., und nicht als Individuen oder informelle Gruppen. Entscheidungen werden überwiegend gefällt, indem diskutiert und dann abgestimmt wird, und weniger im Konsens. ...
Denn zwischen beiden »Schulen« bestehen durchaus solidarische Bande und Kooperationen, in manchen lokalen Milieus bis hin zu kontinuierlicher und selbstverständlicher Zusammenarbeit. ...
- Politische Schwerpunkte: Beschränkung auf parolenhafte Aussagen, einzelfallweise Beteiligung an Massenaktionen.
- Highlights: Subkulturelle Events.
- Stärken: Keine verallgemeinerbaren vorhanden. Unberechenbar, aber oft zu träge für gut organisierte, spontane Aktion.
- Probleme: Identitäre Allüren voller Symbole, Kleidermarken und Verhaltenscodes. Geringer Organisierungsgrad. Wenig Aneignung von Lebens- und Aktions-Knowhow, daher anfällig für Rückfall in vorgegebene Wege.
- Theorie: In der Regel frei von theoretischer Auseinandersetzung. Mitunter exisierten oberflächliche, verbalradikale Bezüge auf Individualanarchismus.
- Kommunikation, freie Vereinbarung und Kooperation: Aus der Reduzierung anarchistischer Orientierung auf reine Wohlfühlcodes folgt kein Interesse an Konzepten und Organisierungsfragen.
Fallbeispiel "Occupy"
Im Herbst 2011 entstand überraschend eine besondere Ausdruckformen spontaner Empörung, die als "Occupy"-Bewegung bekannt gewordenen Zeltlager vor Banken oder in Regierungsvierteln. Was zunächst als ungewöhnlich engagierte und direkte Form des Widerstandes wirkte, entpuppte sich als harm-, ziel- und methodenlose Ansammlung von Menschen, die an das Gute von oben und an die Kraft des guten Willens glaubten, der als einziger strategischer roter Faden im Campen, Kochen und Plenieren zu erkennen war.
Die Occupy-Camps in Deutschland boten ein bizarres Abbild des Zeitalters von Instantaktionen und Bevormundung seitens der Bewegungsagenturen und NGO-Vorstände. Denn die Wirksamkeit aller politischen Aktivitäten wurde immer stärker gemindert durch das fast völlige Fehlen von politischer Theorie, Alltags- und Aktions-Know-How in Kampagnen und Projekten.
Beteiligte und AugenzeugInnen der Occupy-Aktionen im englischsprachigen Raum berichteten von bemerkenswerten Unterschieden zur Situation in Deutschland. Vor allem in den USA würde deutlich mehr Entschlossenheit herrschen, die Herrschaft der Banken nicht nur folkloristisch zu begleiten.
Was mensch den Occupy-Aktiven zugute halten muss:
Sie rangen nie um Hegemonie in politischer Bewegung, d.h. weder bei den von ihnen unterstützten kapitalismuskritischen Demonstrationen noch in der öffentlichen Debatte.
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Aus einem Interview mit Jan Umsonst nach dem Occupy-Vernetzungstreffen in Frankfurt, in: Junge Welt, 23.1.2012 (S. 3)
Occupy ist ein Hort der Selbstorganisation. Darum fragt uns nicht nach Forderungen, denn wir wollen keine stellen. Das führt zu nichts. Wir wollen beginnen, das Leben selber zu verändern und demokratischer zu gestalten.
Aus einem Interview mit Alexis Passadikis (Attac-Koordinierungsrat und Pressesprecher Klimacamp, d.h. einer der Mitverursacher der bewegungsweit wachsenden Unmündigkeit in Organisierung und Protest), in: Junge Welt, 27.1.2012 (S. 8)
Die Occupy-Gruppen haben einen vorpolitischen Unmut ohne festgelegte Position und sind in dieser Hinsicht unerfahren. Bislang hat sich aus diesen Gruppen noch nicht tatsächlich ein politischer Akteur formiert. Demzufolge gibt es weder einen klaren Grundkonsens noch eine politische Verortung.
Inhaltsleere und Orientierungslosigkeit
Aus einem Interview mit dem Frankfurter Occupy-Aktivisten, Jörg Aufderheide, in: Junge Welt, 31.12.2011
Jörg Aufderheide, 33 Jahre, ist seit 15. Oktober Campbewohner der »Occupy«-Bewegung in Frankfurt am Main am Gebäude der Europäischen Zentralbank (EZB). Er ist Erziehungswissenschaftler, arbeitet derzeit bei der Firma Zero Projekt, die Hausmeisterdienste anbietet und ihn mit Bezahlung freistellt. Unabhängig davon – wie er betont – ist er Mitglied im Kreisvorstand der Linkspartei in Offenbach. ...
Schlafen Sie tatsächlich jeden Tag im Camp?
Nur einmal die Woche nicht, da schlafe ich bei meiner Freundin. Das hat sie zur Auflage gemacht, damit unsere Beziehung nicht unter meinem Engagement leidet. ...
Die Bewegung ist pluralistisch. Natürlich gibt es Menschen, die sagen, wir wollen eine wirklich soziale Marktwirtschaft; wir wollen das kapitalistische System erhalten, auch die Banken dürfen machen, was sie wollen, solange die Manager sich nicht exponentiell Geld in die eigenen Taschen stopfen. Es gibt andererseits auch die, die das ganze System am liebsten sofort abschaffen und zurück zur Pferdekutsche wollen. Die ganze Bandbreite gibt es, dazwischen tummeln sich alle möglichen Leute. Wir alle haben nur eins wirklich gemeinsam: Wir haben gemerkt, daß etwas nicht stimmt und eine Veränderung stattfinden muß. Da gilt das buddhistische Sprichwort »Der Weg ist das Ziel«. ...
Wir streben eine neue Gesellschaftsordnung an, in der Mensch, Tier und Natur sich glücklicher entfalten können. Das klingt jetzt spirituell?
Fast schon esoterisch…
Ich bin in dieser Hinsicht auch erstaunt über mich selber, denn ich komme aus einer sehr linken und revolutionären Ecke, und habe oft Probleme mit der Staatsgewalt gehabt, zum Beispiel bei Demonstrationen gegen Neonazis. Und ich habe eigentlich keine Lust, mich mit Behörden auf deren Niveau auseinanderzusetzen, aber das erstaunliche ist, daß sie plötzlich fast zu unseren Freunden gehören. Ich habe bisher immer gedacht, daß eine Revolution nur so stattfinden könnte, daß wir Panzer stürmen und uns die Straße gewaltsam zurückerobern. Aber in allen Ämtern, ob bei der Polizei oder beim Stromkonzern Mainova, überall sitzen Menschen, die ganz ähnlich denken wie wir.
Kann es sein, daß die Obrigkeiten entschieden haben, die Leute vom Camp zu umarmen und auf diese Weise zu befrieden? Damit es aus deren Warte so aussehen muß, als ob es keinen Gegner mehr gibt und die Bewegung im Camp sich auf eine Art Gruppendynamik reduziert?
Ja, aber genau das wollen wir doch erreichen, daß sie uns umarmen. Wir wollen ja die 99 Prozent sein. ...
Wir müssen für Sicherheit und Gewaltfreiheit sorgen, auf diese Weise können wir gut mit dem Polizeipräsidium und der Stadt Frankfurt auskommen. Das hatte ich bisher noch nicht so erlebt. Wenn wir gegen Neonazis in Dresden protestiert hatten, kam die Polizei als Gegner. Im »Occupy«-Camp kommt sie morgens vorbei, klopft uns auf die Schulter und fragt, ob wir eine ruhige Nacht gehabt haben. ...
Und was ist mit Ihren Zielen, nach denen oft gefragt wird? Gibt es konkrete Forderungen?
Wir werden sehr spezifische Thesen entwickeln. Die Anti-Neonazi-Gruppe arbeitet, genauso wie viele andere Workshops. Je mehr mitarbeiten, desto besser. Es reicht nicht zu demonstrieren. Was wir umstürzen wollen, ist zu groß, um dies sofort zu bewältigen. Das kann Jahre dauern. Wenn bei unseren Versammlungen drei Leute mit etwas nicht einverstanden sind, muß weiter diskutiert werden, bis eine Lösung gefunden wird, die alle gut finden. Das geht eben alles nicht so schnell, und wir wollen alle mitnehmen. Wir hatten beispielsweise hitzige Diskussionen, inwieweit wir uns in das System einklinken, wenn wir einen Förderverein gründen. Das ist wichtig, damit wir juristisch abgesichert sind, z.B. damit nicht nur eine Person haftet, wenn wir eine Demo anmelden oder die Mahnwache vor der EZB. Man stelle sich vor, die Diskothek unter der EZB würde durch unser Verschulden mit Wasser vollaufen, dann würde der einzelne Anmelder haften. Wir wollen ja schließlich so lange hier bleiben, bis eine Veränderung stattfindet, die uns allen gefällt. Aber damit die Mächtigen sich überhaupt mit uns auseinandersetzen, müssen wir erst die komplette Taunusanlage belegen – nicht nur den Platz vor der EZB. So viele Leute auf die Beine zu bringen, wird uns vermutlich erst im Frühling gelingen. Ich glaube, dann werden sich viele mal eine Woche Urlaub nehmen, und sich beteiligen. Jetzt überwintern wir und halten den Protest aufrecht.
Debatten und Ringen um Herrschaftsfreiheit ohne A-Label
Der klassische Anarchismus überlebt heute überwiegend in Organisierungsstrukturen, die Anarchie im Titel führen, tatsächlich aber basisdemokratisch strukturiert sind und recht alten Theorien der Herrschaftsfreiheit anhängen. Dazu gehörten die gewaltfreien Aktionsgruppen um die Graswurzelrevolution, die FAU und andere anarchistische Förderationen. Doch Herrschaftskritik und Utopiediskussionen sind nicht nur Sache der mit Anarchielabel behangenen Kreise. Ganz im Gegenteil finden seit vielen Jahren die vorwärtstreibenden Debatten um herrschaftsfreie Gesellschaft, Wirtschaft, Organisierung, Kommunikation oder Technik in einer Vielzahl teilweise miteinander verwobener, aber zu großen Teilen namen- oder mindestens labellosen Netzwerken statt, die mit dem Begriff "Anarchie" wenig am Hut haben. Beispiele für solche Theorieentwicklung, Diskussionen und kleine Versuche der Anwendung sind:
- Die Bücher und Debatten um Freie Kooperation, die phasenweise von der PDS (heute: Die Linke) aufgegriffen, inzwischen weitgehend auch in diese eingemeindet und dabei stark ihrer Inhalte beraubt wurden. Besonders bekannt sind die Werke von Christoph Spehr, vor allem "Die Aliens sind unter uns" und "Gleicher als andere". Spehr wurde später Linke-Landessprecher in Bremen, auch sein damaliges Umfeld der Debatte tummelte sich zu großen Teilen in Parteifunktionen.
- Diskussionen um Open Source, freie Gesellschaft und freies Wissen, angestoßen im Umfeld der freien Softwareentwicklung. Als Modell galt immer die Entwicklung des freien Betriebssystems Linux. Zwar sind viele weitere Computerprogramme auf diese Art entstanden und längst konkurrenzfähig gegenüber der marktwirtschaftlichen Software von Microsoft & Co., aber ein Übersprung in andere gesellschaftliche Verhältnisse ist bislang nicht gelungen.
- Experimente mit horizontalen Organisierungen, Treffen, offenen Räumen, Entscheidungsfindung von unten oder kreativen Methoden in der Bildungsarbeit. Die umfangreichste Methodensammlung ist der HierarchNIE!-Reader. Experimentierfelder für diese Ideen waren der jährliche "Jukss" (ehemals: Jugendumweltkongress) und sind Projektwerkstätten bzw. andere sogenannte "offene Räume".
Hinzu kommen Basisgruppen, die sich als explizit herrschaftskritisch bezeichnen, für herrschaftsfreie Utopien eintreten und - das allerdings bereits deutlich seltener - mit kreativen, direkten Aktionen für solche auch kämpfen. Ein Beispiel ist die Gruppe Schöner Leben aus Göttingen.
Zu den bevorzugten Themen dieser Diskussionen gehört die Debatte um freie Kooperation und horizontale Kommunikation. Sie findet ihren Schwerpunkt und auch eine erkennbare Überhöhung in der Nutzung des Internets. Dort werden ständig neue Entwicklungen präsentiert und ausprobiert, während viele der AkteurInnen in ihrem praktischen Leben in einer beeindruckend biederen Normalität verharren. Zu praktischen Protestformen außerhalb der Computerwelt und einer Umsetzung von Alternativen im Lebensalltag reicht es selten.
- Politische Schwerpunkte: Debatten auf Kongressen und im Internet.
- Highlights: Größere Kongresse, Internetdebatten und Veröffentlichungen rund um die freie Software und unter dem Stichwort "Oekonux".
- Stärken: In der Regel keine Label und kollektiven Identitäten. Unabhängige Diskussion.
- Probleme: Oft fehlt die Praxisorientierung.
- Theorie: Intensive Theoriedebatte, die meist in abgehobenen Bahnen verläuft. Sie hat mit dem Leben der Debattierenden ebenso wenig zu tun wie mit ihrer politischen Praxis.
- Kommunikation, freie Vereinbarung und Kooperation: Neue Formen von horizontaler Diskussion, Informationsaustausch und Streitkultur sowie freier Kooperation sind wichtiger Gegenstand der Debatte - ausprobiert aber weitgehend nur im virtuellen Raum. Viele dort organisierte Kooperationen, z.B. die Organisierung von Konferenzen oder die Arbeit an Texten über das Internet funktionieren ähnlich gut wie die Entwicklung der freien Software. Hier wirkt sich aber auch die grundsätzlich höhere Zuverlässigkeit marxistischer und, durch längere Lebenspraxis, älterer Personen aus. Ein Teil der Gruppen nutzt bestehende Organisationen und Kongresse, z.B. der Bundeskoordination Internationalismus (BUKO).
Erscheinungsformen anarchistischer Strömungen
Unabhängig von der konkreten Orientierung zeigen sich Herrschaftskritik und anarchistische Ideen in einer Vielzahl von Ausdrucksformen - allerdings immer nur recht versprengt, da die Gesamt"szene" klein und kaum vernetzt ist. Das Gedankengut sickert von dort als ständiger Tröpfchenfluss in die Gesellschaft oder politische Bewegungen. Herrschafts- und insbesondere hierarchiekritische Impulse beeinflussen immer wieder Diskurse ohne genau lokalisierbare Effekte.
Verbindliche Organisationen, Netzwerke und Basisgruppen
Große Verbände gibt es im deutschsprachigen Raum gar nicht. Mitgliederzahlen von einigen Hundert sind schon ungewöhnlich hoch. Gemessen an ihrer Kleinheit erreichen Aktionen und Mobilisierung zum Teile erhebliche Effekte. Massen lassen sich bislang aber nur aus dem gewaltfreien Spektrum wegen derer intensiven Vermischung mit bürgerlichen Kreisen und Ideen erreichen - allerdings auf Kosten inhaltlicher Qualität und Klarheit.
Typisch sind lose Basisgruppen, mitunter sogar ständig wechselnde Projektzusammenhänge und brüchige Netzwerke. Es gibt kaum gemeinsame Strukturen wie Aktionsplattformen, gemeinsam verwaltete Aktionsmittel oder Kommunikationswege. Meist beschränkt sich ihre Reichweite auf mehr oder weniger abgeschlossene Netzwerke oder informelle Zusammenhänge.
Treffpunkte und Events
Angesichts ihrer Kleinheit sind herrschaftskritische Gruppen überdurchschnittlich stark an öffentlichen Aktionen beteiligt - sei es der Protest gegen den Castor oder allgemein die Atomkraft, gegen Felder mit gentechnisch veränderten Pflanzen, Truppenübungsplätze oder die großen Treffen der Mächtigen, ob nun G8, IWF oder WTO. Während große Latschdemos und Menschenketten, die in den letzten Jahren wieder in Mode kamen, kaum Möglichkeiten des Austausches, der gemeinsamen Planung und Vernetzung bieten, schaffen mehrtägige Proteste mit ihren Camps phasenweise gute Chancen dazu.
Zudem gibt oder gab es Kongresse (z.B. CCC, Jukss, BUKO) und Camps, auf denen Ideen diskutiert, Projekte geplant und Aktionsknowhow vermittelt wird, die emanzipatorischen Ideen entsprechen. Nach einem Höhenflug rund um die Gipfelproteste 2011 bis 2007 haben die klassischen Sommercamps aber wieder an Bedeutung verloren. Das größte Treffen unabhängiger AktivistInnen, der über Silvester stattfindende Jukss, fand 2009/10 letztmals statt. Hier ist der Wechsel von Massenaktionen mit zumindest teilweise gemeinsamer Vorbereitung zu den modernen Instantaktionen aus hauptamtlich geführten Bewegungsagenturen deutlich spürbar. Letztere brauchen keine Camps und Kongresse zum Austausch, sondern nur die Strategietreffen ihrer Führungspersonen und Hauptamtlichenstäbe.
Experimente und Keimzellen
Wie in jeder politischen Szene gibt es eine - allerdings nur kleinräumige - Kultur des Ausprobierens. Da die Idee der Herrschaftsfreiheit nicht nur für den gesamtgesellschaftlichen Rahmen gilt, sondern auch für die kleinen Ritzen des Alltags, liegt anarchistisches Experimentieren dort, im doppelten Wortsinn, besonders nahe. Daran gemessen ist die Zahl solcher Versuche allerdings bemerkenswert gering. Die meisten Menschen mit herrschaftskritischen bzw. anarchistischen Überzeugungen verbringen den größten Teil ihres Lebens weitgehend widerstandslos in völlig normalen, d.h. herrschaftsförmigen, oft zudem an Profit- und Verwertungsinteressen orientierten Verhältnissen - sei es an der Arbeit, in ihrer Wohnung, Familie, Verwandtschaft oder Vereinen.
Wo dann doch einmal Experimente gestartet werden, entpuppen sich diese schnell als halbherzig oder werden bei Krisen in den scheinbar sicheren Hafen bürgerlicher Normalität zurückgeführt. Ehemals besetzte Häuser, alternative Betriebe und die schnell einer Etablierung unterworfenen Organisationen und Parteien zeichnen davon eine abschreckende Geschichte. Gelernt wird daraus so gut wie nichts. Immer wieder starten neue Projekte mit erschreckender Naivität, vertrauen auf ein unreflektiertes "Uns kann das nicht passieren" oder setzen sich gar nicht mit der Geschichte anderer Projekte oder theoretischen Zielen auseinander.
Der Wille, von der herrschaftsformigen Normalität abzuweichen, ist dennoch vielerorts spürbar - wenn auch nur als verbalradikaler Rest. Vielerorts existieren Positionspapieren zu Herrschaftsfragen, nach außen wird auf die Besonderheiten hingewiesen, aber im Inneren mit dem eigenen Anspruch, der ja eigentlich noch besteht, aber sich so wenig umsetzt, gehadert. In den Alltag schleicht sich Routine ein, die immer stärkere Orientierung an äußeren Zwängen und Normen (z.B. als Betrieb profitabel zu arbeiten, als Hausprojekt auf Zahlungsfähigkeit der BewohnerInnen zu achten usw.) wird verdrängt.
Hinzu kommen Experimente, die eher unfreiwillig Modellcharakter für egalitäre oder offene Organisierungsstrukturen erhalten. Prägnantes Beispiel sind die Elektrizitätswerke Schönau, die mangels politischer Unterstützung auf einen BürgerInnenentscheid setzen mussten, um das Ziel eines Stromnetzkaufes zu erreichen. Die Folge war eine hohe BürgerInnenbeteiligung an der Energieversorgung - eigentlich also ein perfektes Vorbild für alle, die gegen Privatisierung kämpfen. Interessanterweise aber hat das Experiment, obwohl sogar wirtschaftlich recht erfolgreich, wenig Nachahmung gefunden. Das zeigt, wie stark politische Bewegung im deutschsprachigen Raum an der Normalität orientiert ist und versucht, sich mit den jeweiligen Zielen innerhalb der bestehenden Herrschafts- und Wirtschaftsverhältnisse zu etablieren.
Betriebe, Verlage und mehr Projekte
"Small is beautyful" war für viele der Projekte ein Leitspruch, die sich ganz oder auch als verlverwalteter Betrieb organisierten. Der Wille, die Sache gleichberechtigt selbst in der Hand zu haben, setzte der Größe eine Obergrenze. Problematisch erwiesen sich schnell alle Versuche, in der sogenannten freien, vor allem aber unerbittlichen Marktwirtschaft zu überleben. Noch stärker an den eigenen Idealen zerrt das Bestreben, Menschen aus dem Betrieb heraus mit einem Lohn auszustatten, der ihnen das Überleben in der geldorientierten Normalität absichert. Experimente eines bewussten und kreativen Umgangs mit den Folgen der Ausrichtung auf Geschäfte mit Gewinn sind bislang selten erfolgreich gewesen. Gänzlich scheitert der Versuch, mit scheinbar alternativen Organisationsstrukturen die Probleme von Wert- und Profitorientierung aufzufangen. Das bekannteste Beispiel ist der bis heute anhaltende Hype um Genossenschaften, die bei näherer Betrachtung nicht einmal von der Struktur her eine Enthierarchisierung bieten - in der Praxis stellen viele Genossenschaften ohnehin nichts anderes dar als gewinnorientierte Firmen unter vielen anderen. Das Gerede um die Vorteile von Genossenschaften verdeckt seit Jahrzehnten diese bittere Erkenntnis. Ihre Eigenständigkeit und experimentelle Strukturen konnten nur einige solcher Projekte halten, die nie dem Ziel der Gewinnerwirtschaftung dienten, sondern immer nur Mittel zum Zweck waren, um politische Ideen oder eigene Träume voranzubringen. Es kommt eben nicht auf die rechtliche Form als solcher an, sondern auf die tatsächliche Praxis - und einer darauf zielenden formalen Absicherung.
Entscheidungsmodelle: Räte, Konsens, Basisdemokratie und mehr
Ein Kennzeichen anarchistischer, libertärer oder herrschaftskritischer Zusammenhänge (die Begriffe bezeichnen ähnliche Ansprüche) ist das Ringen um Entscheidungsmodelle. Dahinter steht die Überzeugung, in ihnen offenbare sich die Herrschaftsförmigkeit einer Struktur. Bereits das ist fragwürdig, denn vieles an Dominanzen, Ungleichheiten und Zurichtungen findet außerhalb der formalen Entscheidungsfindungen statt. Sie schlägt auf undurchsichtige Art auf diese durch, wenn Menschen ihre Entscheidungen an diesen außerhalb des konkreten Entscheidungsprozesses geformten Erwartungshaltungen und Überzeugungen orientieren.
Prägend in der gesamten deutschsprachigen Szene anarchistischer oder dem nahestehender Gruppen sind basisdemokratische Entscheidungsmodelle. Die Theorie besagt, dass Gleichberechtigung in Abstimmungen entsteht, wenn alle Menschen gleiche Rechte in der Abstimmung haben. Deshalb soll möglichst alles an der Basis entschieden werden. Die Stimme des Einzelnen wird oft zusätzlich aufgewertet, in dem nach Konsens entschieden wird, d.h. alle Menschen müssen einem Vorschlag zustimmen oder sich dem zumindest nicht per Veto entgegenstellen. Der Theorie nach sind so alle Menschen gleich wichtig, niemand kann übergangen werden. Die Praxis sieht jedoch deutlich anders aus. Ähnlich der sich seit vielen Jahren hinziehenden Vorliebe für Genossenschaften als Betriebsform ist die Basisdemokratie ein formaler Rahmen, der Hierarchien nicht per se überwindet. Es ist recht einfach, schon in der Theorie der Basisdemokratie vieles grundsätzlich mit der Idee von Anarchie und Herrschaftsfreiheit unvereinbare Aspekte zu entdecken. Die Praxis der Anwendung schafft dann weitere Gründe, Basisdemokratie äußerst kritisch zu sehen - das wird in einem gesonderten Kapitel näher beleuchtet.
Ein zusätzliches Problem entsteht, wenn Entscheidungen auf einer Ebene getroffen werden sollen, wo Treffen aller nicht mehr möglich oder nicht mehr sinnvoll sind. BasisdemokratInnen versuchen dann, über Rätebildung und imperative Mandate eine Eigendynamik übergeordneter Gremien zu verhindern. Ihrer Theorie nach gelingt das auch - in der Praxis sieht es auch hier anders aus. Das wäre bei näherem Hinterfragen der auch schon von der Theorie zu erwarten angesichts der Ausblendungen vor allem informeller Herrschaftsformen.
Gerangel um Einfluss, Pfründe und Aufmerksamkeit
Gänzlich im Gegensatz zu den hehren Zielen von Anarchie und Herrschaftsfreiheit steht die weit verbreitete Konkurrenz zwischen verschiedenen Gruppen und Strömungen. Der Kampf um Mitglieder, Medienaufmerksamkeit und vor allem das Geld spendenbereiter BürgerInnen tobt auf einem absurden Niveau. Kontonummern sind wichtiger als Inhalte, der eigene Name oder das Label ebenfalls. Ausgrenzungsspiele sind Alltag - und bei medienträchtigen Aktionen und Themen läuft ein erbitterter Kampf um die Vereinnahmung der Menschen, die draußen auf der Straße Protest zeigen. BewegungsführerInnen umgeben sich mit Supportgruppen erfahrener, oft hauptamtlicher PR-Leute und inszenieren sich professionell als SprecherInnen von Menschen, die nicht einmal davon wissen, dass gerade ungefragt in ihrem Namen gesprochen wird, während sie per Schienenblockade den Atomzug aufhalten oder ein Armeegelände entzäunen wollen. Der Kampf um den Posten als Sprachrohr ist lukrativ: Namen sind Nachrichten - und wer sein Label in die Kameras oder auf die gut gelesenen Zeitungsseiten bringt, erntet Zugriffe auf Internetseiten, Spenden und Beitritte. So ist der Alltag von BewegungsführerInnen regelmäßig vor allem von der Sorge um eigene und Verbandsegoismen geprägt - durchaus gepaart mit einer harten Ellbogenmentalität gegenüber konkurrierenden Gruppen oder solchen Strömungen, die sich dem ewigen Primat der Label und Spendenwerbung entgegenstellen.
Schmutzige Tricks sind im Hegemonialkampf an der Tagesordnung: Einzelfragen, die nur für bestimmte Kontexte von Bedeutung sind, werden zu Bruchpunkten, an denen sich alles entscheidet oder trennt (z.B. die Gewaltfrage). Gleichzeitig herrscht eine bemerkenswerte Akzeptanz oder Gleichgültigkeit gegenüber marktwirtschaftlichen Formen der eigenen Organisierung oder Hierarchien. Das stärkt den Verdacht eines taktischen Umgangs mit Grundsätzen: Wichtig ist, was im internen Machtkampf nützlich ist. Das scheinbar so edle Credo "Der Weg muss dem Ziel entsprechen" wird ausgegeben, um AbweichlerInnen im Zaum zu halten und eigene Vorstellungen durchzusetzen.
Zum nächsten Text über die Theorien des Anarchismus, dem ersten im nächsten Kapitel "Theorien, Lücken und blinde Flecken"
Links
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Gruppen und Organisationen
- Wo gibt es Gruppen? Eine Karte mit Links zu A-Gruppen in Deutschland
- FAU/IAA
- LÖPA Berlin
- Internationale der Anarchistischen Föderationen (IFA)
- Internationale ArbeiterInnen-Assoziation (IAA)
Anarchie-Seiten im Internet
- Systempunkte: Sammlung anarchistischer Positionen udn Nachrichten
- GeroldFlock.de
