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Die Völker des kleines M@nnes
Anarchie, Kollektiv und kollektive Identität

Was heißt Kollektiv? ++ Steigerungen ++ Anarchie pro Kollektivität ++ Anarchie als Kollektiv ++ Kritik ++ Links

Ein Text im Buch "Anarchie. Träume, Kampf und Krampf im deutschen Anarchismus" (Gliederung)

Kommen wir zum nächsten Thema - und jetzt wird es deutlich verfahrener. Denn im Umgang mit Kollektivität und Identität sind anarchistische Strömungen wesentlich stärker selbst in herrschaftsförmigem Gedankengut gefangen oder reproduzieren mangels eigener Analyse munter solche Herrschaftsformen. Um das zu begreifen, ist zunächst einmal zu klären, was Kollektivität ist und wodurch es sich z.B. von Kooperation oder Kommunikation unterscheidet. Das ist wichtig, um Missverständnisse zu vermeiden - schließlich soll hier Kollektivität als Gefahr und kollektive Identität als Beherrschungsform behandelt werden.

Kollektiv ist ein Zusammenhang von Menschen, der mehr ist als die Summe der Einzelnen und auch mehr als die Kooperation der Einzelnen, die ja dank besserer Handlungsmöglichkeiten, gegenseitiger Hilfe und Ergänzung von Fähigkeiten auch bereits über die reine Summe der Beteiligten hinausgeht.
Kollektivität macht aus der Summe eine Art eigener Person. Das Kollektiv handelt nicht mehr nur in Form der Einzelnen, sondern selbst. Dabei kommt es nicht darauf an, ob das bei näherem Hinsehen tatsächlich stimmt oder es doch weiterhin Einzelne sind, die handeln. Entscheidend ist, dass es so wirkt, dass das Kollektiv handelt und dieses auch bei den Mitgliedern des Kollektivs so empfunden wird. Das "Wir" entwickelt sich im Kollektiv von der reinen Beschreibung ("Wir spielen Fussball") zur eigenen Persönlichkeit ("Wir sind der FC X"). Diese kann handeln und als Rechtsperson Verträge unterschreiben, Eigentum bilden usw. - jedenfalls im zur Zeit existierenden kapitalistischen Rechtsstaat.
Eine weitere Stufe erlangt das Kollektiv mit einer Identität, die dem Kollektiv zugedacht wird. Sie beschreibt Wesensmerkmale des Kollektivs und trennt damit zwischen Innen und Außen. Sie ist - wie das Kollektiv selbst - immer damit verbunden, auch gedacht zu werden von den Mitgliedern des Kollektivs (allen, den meisten oder den prägenden). Die größte kollektive Einheit ist zur Zeit das Volk als originäre Bevölkerung einer Nation oder nach ähnlichen Kriterien, z.B. Regionen, abgegrenzt. "Die Schweizer" sind mehr als das Nebeneinander von Millionen Menschen, mit unterschiedlicher Sprache und noch vielen weiteren Unterschieden. Die Schweiz als Ganze ist handlungsfähig, tritt als Akteur im globalen Maßstab auf und schuf sich eine Identität, die mehr darstellt als die Grenzkontrolle an einer eher zufälligen Linie durch die Landschaft. Immerhin ist diese Identität nicht mit einem derart übersteigerten Gefühl der Rassenüberlegenheit verbunden, wie das "die" Deutschen schon einige Male drauf hatten und daraus einen - blutig umgesetzten - Anspruch auf Vernichtung vermeintlich Minderwertiger ableiteten. "Die" Schweiz diskutiert "nur" über Begrenzung und "Wegweisung" (=Abschiebung) von Nicht-SchweizerInnen.

Es fällt nicht schwer, derart absurde Kollektivitäten und Identitäten abzulehnen. Das ist in anarchistischen Kreisen auch durchgehend der Fall. Nationen und Staaten werden dort regelmäßig abgelehnt, wenn mensch von skurrilen Randerscheinungen rechtsextremer Szenen wie den NationalanarchistInnen absieht, die aber offensichtlich eher mit dem revolutionären Pathos der Anarchie kokettieren als irgendwas begriffen zu haben, was Herrschaftsfreiheit bedeuten könnte.
Schwieriger wird es mit anderen Kollektiven und kollektiven Identitäten. Hier tun sich vielerlei Überraschungen auf, wie angesehen Kollektivät ist, wenn sie nicht mit den bösen Kategorien wie Nation oder Religion verbunden wird. Oft wirkt es so: individuell = schlecht, kollektiv = gut.

Stowasser, Horst (2007): "Anarchie!", Nautilus in Hamburg (S. 489 ff., gesamtes Kapitel als .rtf)
Zum Beispiel das Dogma des Kollektivismus. Der Glaube, kollektives Arbeiten, kollektive Entscheidungen und kollektives Leben seien in jedem Falle gut und stünden für die libertäre Lebenseinstellung schlechthin, ist in der heutigen Anarchobewegung hartnäckig verbreitet. All das ist natürlich höherer Blödsinn, denn Kollektive können ebenso gut schlechte Arbeit leisten, dumme Entscheidungen treffen oder das Leben zur Hölle machen. Die Tatsache, dass in unseren Gesellschaften das soziale Zusammenwirken von Menschen mittels Hierarchie und Vereinzelung denkbar schlecht organisiert ist, hat dazu geführt, dass der Anarchismus kollektive Modelle entwickelte, die möglicherweise besser sind. Das bedeutet aber nicht, dass auf einmal alles kollektiv zu geschehen habe. Praktische Kollektivmodelle können hervorragende Lösungen bieten, dogmatische Kollektivideologie aber ist das Ende von Freiheit und Vielfalt. Formalisiertes Kollektivhandeln führt leicht zum Tod individueller Kreativität und würgt jede Art persönlichen Genies ab. Heraus kommt das graue Einheits-Mittelmaß. Wer aber hat denn gesagt, dass man sich entscheiden müsse zwischen entweder kollektiv oder individuell? Das kann nur der kleine monokausale Virus im Hinterkopf gewesen sein!

Egal was, Hauptsache Einheit und/oder Kollektiv

Kollektivität wird in vielen anarchistischen Kreisen per se als wertvoll angesehen. Diese kann sogar mit sehr deutlichen Kennzeichen gemeinsamer Identität versehen sein und gilt immer noch als anarchistisch. Die FAU mit ihrer Tendenz zu einheitlichen Marschformationen und Fahnenmeeren auf Demonstrationen ist ein beeindruckendes Beispiel solcher Orientierung. Selbst bei internen Treffen wird im Versammlungsort mitunter eine Fahne gehisst.
Andere Gruppen verzichten zwar auf derart aggressive Inszenierung von Kollektivität, benutzen aber ihren Gruppennamen auch zur Darstellung einer gemeinsamen Sprache nach außen. Die Gruppe erhält damit eigene Persönlichkeit und erhebt sich über die Individuen in ihr.
Im Spektrum der gewaltfreien Gruppen findet sich zwar ebenfalls eine offensive Außendarstellung, diese begründet sich aber weniger auf Kollektivität als auf bürgerlich-wirtschaftliche Überlegungen. Dort wird Markenimage erzeugt, um Spendengelder und Aufmerksamkeitsanteile in den Medien zu akquirieren. Die Organisierung von Gruppen- und "Wir"-Gefühl dient dort eher der internen Disziplinierung. So sind Selbstverpflichungserklärungen, gegenseitige Verhaltensversprechen und Konsense ein weit verbreitetes Mittel, um Individualität zugunsten einer Einheitlichkeit der Gesamtgruppe zu reduzieren. Es ist geradezu das Kennzeichen der großen Massenaktionen, aber auch kleinerer Aktivitäten von X-tausendmalquer, .ausgestrahlt, Campact oder Gendreck-weg, die beteiligten Menschen auf eine einzige, durch- und vorgeplante Vorgehensweise einzuschwören. Abweichungen oder eigenständiges Denken in der Aktion sind nicht gern gesehen und werden nicht nur über die Selbstverpflichungen, sondern auch schnell über massiven, durch die Führungskreise erzeugten Gruppendruck erzeugt ("das gefährdet uns alle" usw.).
Eindeutig der Identitätsbildung dient auch die dogmatische Festlegung auf absolute Gewaltfreiheit. Sie folgt nicht aus einem Auseinandersetzungsprozess der Beteiligten über unterschiedliche Aktionskonzepte. Die Frage, was an den Handlungen von Beate Klarsfeld und Georg Elser denn falsch gewesen sei, wird regelmäßig mit der erstaunten Gegenfrage "Wer ist das?" beantwortet und zeigt so, dass dem Bekenntnis gegen Gewalt kein Meinungsfindungsprozess vorweg ging. Stattdessen es ist eine - durchaus dem religiösen Gebrauch dieses Begriff ähnliche - Verkündung, der die Beteiligten sich unterzuordnen haben. Sie tun das meist auch, weil sie die propagandistisch gut aufgereiteten Scheinargumente (z.B. "der Weg muss dem Ziel entsprechen" oder "durch Gewalt lässt sich keine Gewaltfreiheit erreichen") überzeugend finden und nicht hinterfragen. Dem Verlangen nach garantierter Gewaltfreiheit folgt dann der Wille zu klaren Abgrenzung gegenüber anderen, was die Bildung des identitätsstiftenden Innen und Außen stärkt.
Fast identisch, nur mit umgekehrten Vorzeichen, verläuft die Bildung identitärer Kollektive in vielen der - zumindest verbalradikal - auf Kampf und Militanz stehenden Gruppen. Sie erzeugen Innen und Außen durch Abgrenzung von den "Weicheiern", die angeblich nur die Begleitfolklore zur Herrschaft oder schlicht zu feige sind, mal ordentlich draufzuhauen. Slogans, Kleidung, Plakate, Aufkleber und Songtexte z.B. punkautonomer Musikgruppen triefen von einem Militanzfetisch, der eher Ohnmachtsgefühlte kompensiert als praktische Handlungsanleitungen gibt. Denn tatsächlich sind militante Aktionen im deutschsprachigen Raum extrem selten und dazu noch mehrheitlich spontane Wutausbrüche aufgrund unbefriedigender Aktionsverläufe oder Partys, deren Vermittlungsqualität schon mangels Vorbereitung und strategischer Überlegung sehr zu wünschen übrig lässt. Für ein starkes "Wir"-Gefühl in Abgrenzung zu den vermeintlichen Luschen anderer Gruppen reicht es aber - und so entsteht die absurde Situation, dass sich Militante und Gewaltfreie geradzu brauchen, um ihren inneren Zusammenhalt über den sinnstiftenden Gegenpart zu stärken.
Schließlich gibt es sogar in den Kreisen Kollektivität, die ohne Label und irgendeine Art von Überbau agieren. Weit verbreitet sind Cliquen, deren Zusammenhalt stark über Zuneigung, erotische Abenteuer und die sehr ähnlichen Biographien von BildungsbürgerInnen-Kindern in einer Phase der Zweifel an der Gerechtigkeit der Welt. Nur in wenigen Fällen führen politische Neigungen zur Abgrenzung vom Umfeld und damit zur Bildung eines verstärkten inneren Zusammenhaltes. Meist ähneln die Cliquen Familien: Zusammenhalt als Selbstzweck. Solche Mischungen aus mangelnder Individualität, sich aufeinander beziehen und politischer Aktion als soziales Erlebnis sind vor allem bei jüngeren Personen häufig. Prägend sind sie für den (verbal-)radikale Veganismus, dessen Fixierung auf ein, dann dogmatisch ausgelegtes Hauptthema bestens geeignet ist, in Abwehrkämpfen gegenüber den "FleischfresserInnen" oder KonsumentInnen des "weißen Blutes" eine Innen und Außen definierende Grenze um die eigene Gruppe oder Szene zu ziehen.

Unabhängig davon, auf welche Weise kollektive Identität entsteht - sie ich eine Form der Beherrschung. Denn sie macht gleicher als nötig und als tatsächlich Gleichheit besteht. Das geschieht durch Überhöhung des identitätsstiftenden Merkmals, wodurch gleichzeitig andere Unterschiede zwischen den beteiligten Persönlichkeiten in den Hintergrund gedrängt werden. In identitären Kollektiven, also solchen Gruppen mit Gruppenpersönlichkeit, die auf (eingebildeten) Merkmalen beruht, besteht weniger oder gar keine Neigung, die innere Vielfalt zu fördern und auf freie Kooperation zu setzen. Typisch ist, dass die Gruppe - zumindest nominell - immer oder sehr oft als Ganzes handelt statt für jeden Einzelfall neu zu schauen, welche Runde von Interessierten sich einem Thema oder einer Aktivität widmet.

Für die Idee der Anarchie ist das Begreifen dessen, was Grundlage eines Kollektivs ist, wie Identität entsteht und was davon in den eigenen Zusammenhängen akzeptabel und was gefährlich sein könnte, von außerordentlicher Bedeutung. Die skeptische Analyse aller Kollektivität fällt zusammen mit der Kritik der Demokratie. Denn der „Demos“ als Kernbestandteil der Demokratie ist ein solches identitäres Kollektiv, ein "Wir" mit notwendigerweise klarer Abgrenzung des Innen und Außen. Das gilt in jeder Spielart der Demokratie, also auch der in anarchistischen Kreisen überraschend oft befürworteten direkten oder Basisdemokratie. Demokratie ist die Herrschaft des "demos", also des Kollektiv, über die Einzelnen - und damit eine klar anti-anarchistische Gesellschaftsform.
Der "demos" findet sich auf unterschiedlichen Ebenen, in großen gesellschaftlichen Sphären als Völker, Klassen und Nationen, aber ebenso in den vielen Subräumen als WGs und Parteien, Belegschaften und Fußballmannschaften. Überall dort bilden sich diese nicht klar definierbaren, aber dennoch in den Köpfen der Beteiligten existenten kollektiven Einheiten. Irgendwo um sie herum befindet sich die Grenze zu denen, die nicht dazu gehören.
Dieser „Demos“ ist immer ein Herrschaftsgebilde – ob er nun basisdemokratisch oder als Führerstaat organisiert ist. Nicht dass die Unterschiede zwischen diesen hier negiert werden sollen, aber ein Kern bleibt immer: Diese seltsame Definition dessen, wer zur Schicksals- oder Abstimmungsgemeinschaft dazugehört und wer nicht. Zwei Klassen – innen und außen – tun sich zwangsläufig auf. Noch verschärft: Wie überhaupt die Grenze gezogen wird, ist fast immer unklar. Sie ist einfach da bzw. setzt sich diskursiv durch. Das ist in Deutschland so: Wer ist deutsch? Wer gehört zu diesen, die da in einer Bundeskanzlerin ihre Vertretung haben? Wo ist die Schicksalsgemeinschaft zwischen einem jugendlichen Nazischläger und einem der letzten lebenden Ex-KZ-Gefangenen? Aber es ist auch so in jeder WG. Scheinbar logisch gehört zu ihr, wer dort ein Zimmer hat. Draußen ist, wer keines hat. Aber warum ist die Person privilegiert, die für ein Zimmer Geld bezahlt, aber seltener da ist wie Freund/Freundin eines/r Anderen? Was ist mit der Nachbarin, die von der zu diskutierenden Fete mehr betroffen sein wird als WG-Mitglied Gerd, der an dem Tag in der Ukraine unterwegs ist? Nein – es geht nicht, ein klares Kriterium zu definieren, was eigentlich der „Demos“ ist, der da „kratein“ ausüben soll. Jedes Kollektiv basiert auf der Definition von Innen und Außen. Hinter solcher Grenzziehung steckt immer ein Machtakt. Irgendjemand, eine Einzelperson oder eine Gruppe, muss über die Definitionsmacht des Zugehörens zu einem Kollektiv verfügen. Sonst gäbe es keines.

Formen des "demos"
Was hat was?
Das Innen („Demos“)
Inszenierung des „Demos“
Wo ist das Außen?
Mechanismus der Steuerung
Wer definiert und repräsentiert?
Nation und Staat
Volk Wahlen (Variante und Ergänzung: Volksabstimmungen, Umfragen) Andere Länder, je nach Bedarf wird das Außen auch im Innen entworfen (z.B. AusländerInnen, Juden, FaulenzerInnen, Kriminelle ...) Delegation und formale Herrschaft Repräsentanten (PolitikerInnen, Prominente) und Kampagnen („Du bist Deutschland“, „Sommermärchen“ usw.)
Moderne Demokratien
Bürgerschaft wie Staat/Nation wie Staat/Nation Diskursmacht und Kontrolle Funktionseliten plus RepräsentantInnen
Religion/ Glaubensgemeinschaft
Gott und seine Schäfchen (Psalm 23) Gottesdienst, Kreuzzüge, Glaubensfeste Anders- oder Ungläubige Verkündungsmonopole zum angeblichen Willen der höheren Macht VerkünderInnen von Gottes Wort oder anderen Weisheiten
Verein und Partei
Mitglieder Versammlung, Jubiläum, Vereinsfest Nichtmitglieder, konkurrierende Verbände/Parteien Wie ein Staat im Kleinen SprecherInnen, Vorstand, PräsidentIn
Kommune, WG
Die dort Wohnenden Plenum, WG-Abend, Haustürschlüssel NachbarInnen, HausbesitzerInnen, potentiell alle Anderen Hausrecht Oft niemand, manchmal MietvertragsnehmerIn
Rätesysteme
Basis Bezugsgruppen und SprecherInnenrat Bei bisherigen Versuchen im Kleinen: Die, die so nicht agieren wollen oder – bei Konsensprinzip – die außerhalb des Konsens bzw. die KonsensgegnerInnen Diskursmacht und Kontrolle von Koordinierung und Kommunikation Funktionseliten (PressesprecherIn, Moderation u.ä.)

Ist das Kollektiv konstruiert, erlangt es Handlungsmacht, d.h. es agiert als eigene Persönlichkeit neben oder meist sogar über den Individuen. Diese treten in ihrer Bedeutung stark oder komplett zurück. Das Subjekt wechselt, es abstrahiert sich von den Einzelnen hin zum Kollektiv.

Aus Bergstedt, Jörg (2006), „Demokratie. Die Herrschaft des Volkes. Eine Abrechnung“, SeitenHieb-Verlag Reiskirchen (S. 40)
Basis der Demokratie ist ... nicht nur die Erfindung des Volkes, sondern zudem diese gedankliche Erschaffung als Kollektivsubjekt, d.h. als handlungsfähige Masse (Subjekt) in seiner Gesamtheit (Kollektiv, Gemeinwille).

Darin liegt auch ein entscheidender Unterschied zwischen Kollektiv und Kooperation. In einer Kooperation bleiben die Einzelnen die Subjekte des Handeln. Sie treten als Personen auf, agieren und entscheiden als Personen. Erklärungen, Meinungen und politische Positionen erfolgen im Namen der Person - und, wenn mehrere eine gemeinsame Meinung formulieren, als Runde dieser Personen. Es gibt kein Subjekt außer den Menschen selbst. Ein "Wir" existiert nur als beschreibendes Wort, dass tatsächliche, gemeinsame Handlungen oder Positionen im konkreten Fall darstellt. Kollektiv schafft eine Metaebene. Wer zum Kollektiv gehört, geht als Einzelperson ganz oder teilweise unter. Das "Wir" bekommt eine Eigenständigkeit. Wenn das Kollektiv handelt oder nach außen tritt, muss die/der Einzelne nicht mehr dabei sein. Ja - er/sie muss nicht einmal davon wissen.

Die Merkmale des „Demos“ im Überblick

Durch bestimmte Ritualisierungen der Entscheidungsfindung oder Verkündung der identitätsstiftenden Gemeinsamkeiten kann die anti-emanzipatorische Wirkung des „Demos“ verstärkt werden. Hierzu zählen spritiuelle Beschwörungen gemeinsamer Eigenschaften (kosmische Quellen, Götter, Karma ...), Selbstverpflichtungserklärungen und Konsensfindungen.

Erscheinungsformen und Steigerungen

Konsens als vermeintliche Ausprägungsform des Gemeinsamen

Konsensabstimmungen sind nicht nur eine Form der Entscheidungsfindung, sondern immer auch ein Ritual der Erzeugung von "Wir"-Gefühl. Das beginnt bereits mit der Betonung der Wichtigkeit von Einstimmigkeit, bei der sich allerdings etliche Widersprüchlichkeiten zeigen. So wird das Vetorecht, das Einzelnen erlaubt, eine Entscheidung zu blockieren, zwar einerseits als zentraler Baustein geehrt, weil so - anders als in Mehrheitsabstimmungen - nicht einfach Einzelne übergangen werden können. Gleichzeitig ist der Gebrauch des Vetorechts aber der 'worst case' für die so heilige Einmütigkeit. Folglich wechseln sich Bewerbung des Vetorechts und massiver Druck gegen Personen, die es tatsächlich anwenden, ab. Außerdem stimmt die Theorie nicht. Das Vetorecht stärkt nicht die Einzelnen, sondern nur diejenigen, die Neues oder Änderungen verhindern wollen. Wer als EinzelneR mit neuen Vorschlägen kommt, ist durch das Vetorecht erheblich behindert, weil es notwendig wird, alle von einem Vorschlag zu überzeugen oder zumindest vom Veto abzuhalten, um selbst agieren zu können. Insofern ist das Vetorecht ein strukturkonservatives Mittel, das hilft, eine bestehende Ordnung aufrechtzuerhalten und gegenüber Veränderungen zu verteidigen. Das hilft meist den formal oder informell Mächtigen in einem Zusammenhang, weil die bestehende Ordnung und Ausrichtung die von ihnen geprägte ist.
Wegen dieser Stärkung des Bestehenden können Konsensrituale Identität schaffen, denn in ihnen manifestiert sich die bestehende Ordnung, d.h. Konsensverfahren fördern die Wahrnehmung des "Wir" und vermeintlicher gemeinsamer Werte und Deutungen.

Kollektive der Natürlichkeit: Stämme, Gleichgewichte ...

Jedes identitäre Kollektiv braucht Merkmale, die eine Unterscheidbarkeit zum Außen zumindest suggerieren, damit sich unter den Beteiligten ein Zugehörigkeitsgefühl einstellt. Dieses kann in der Praxis durch Rituale, Mitgliedsausweise u.ä. vermittelt oder aus Tradition, externen Quellen oder höherer Gewalt vorgegeben sein. Manche AnarchistInnen nehmen biologistische, natürliche oder spirituelle Ursprünge kollektiver Identität an, z.B. bioregionale Sonderheiten oder Abstammungsidentitäten in Stämmen und Völkern. Statt der Befreiung der Individuen aus den vielfältigen Umklammerungen u.a. auch genau durch solche schicksalhaften Vereinnahmungen werden dann plötzlich Stämme oder Völker zum Ort oder sogar Ziel der Befreiung.

Aus Bookchin, Murray (1981): "Hierarchie und Herrschaft", Karin Kramer Verlag in Berlin (S. 31)
Die Algonkians der nordamerikanischen Wälder haben die Vorstellung, daß der Biber, genau wie sie, ein Stammesleben führt: in eigenen Behausungen und in verständnisvoller Kooperation im Sinne des gemeinsamen Wohles. So verfügen auch Tiere über eine "Magie", haben ihre Totemahnen und werden von Manitu inspiriert, dessen Geist den gesamten Kosmos belebt. Deshalb müssen auch die Tiere besänftigt und versöhnt werden, andernfalls könnten sie den Menschen ihre Häute und ihr Fleisch verweigern. Eine kooperative Gesinnung, Bedingung des Uberlebens organischer Gemeinschaften, bestimmt völlig die Sichtweise von Natur und das Wechselspiel zwischen Natur und Gesellschaft. Der Zerfall dieser in sich geschlossenen, organischen Gemeinschaften, die auf Verwandtschaftsverhältnisse und geschlechtsspezifische Arbeitsteilung gegründet waren, in hierarchische und schließlich in Klassengesellschaften untergrub allmählich die Einheit von gesellschaftlicher und natürlicher Ordnung.

Gleiches gilt für bestimmte gesellschaftliche Zustände, die nicht mehr durch die freie Vereinbarung, sondern aus natürlichen oder anderen externen, z.B. spirituellen Vorgaben abgeleitet werden. Ökologische Gleichgewichte werden dann als Vorbild für die menschliche Gesellschaft beschworen, obwohl sie nicht einmal in der sehr dynamischen, wandlungs- und entwicklungsfähigen Natur so vorkommen. Damit soll nicht einer Skepsis gegenüber Naturwissenschaft das Wort geredet, allerdings dessen soziale Funktion begrenzt werden. Sie dient als Auf- und Erklärung, aber nicht als Quelle von Vorgaben.
Die bizarren Streitereien um die Fragen, ob der Mensch ein Herden-, Rudel-, Hordentier oder eher Einzelgänger ist, ob er als Fleisch-, Pflanzen- oder Allesfresser zu gelten hat oder welchem Zweck wohl die Sexualität dient, mögen anregende Informationen liefern, taugen aber nicht als vorweggenommene Entscheidung, wie Menschen zu leben haben. Das bleibt ihre Entscheidung - autonom oder, zusammen, in freier Vereinbarung.

Bezugspunkt Volk?

Das am häufigsten angerufene und auch als existent angenommene Kollektiv ist das Volk. Ob in Diktaturen, in der Demokratie oder bei AnarchistInnen: Das Volk scheint überall als reales Subjekt akzeptiert. Doch schon was "Volk" überhaupt sein soll, wird nirgends geklärt. Umso intensiver dient es als legitimatorische Größe im Hintergrund, als großer Ideen- und Auftraggeber irdischer Ordnungen und gesellschaftlicher Handlungen. Bei näherer Betrachtung entpuppen sich diese aber eher als profane Wünsche einzelner Menschen, meist der Eliten bzw. MachthaberInnen im Kollektiv. Der Bezug auf das Volk schafft, ähnlich dem früher behaupteten, göttlichen Ursprung gebieterischer Vorgaben, einen legitimatorischen Hintergrund von Herrschaftsausübung - und es schafft gleichzeitig das Kollektiv, dem viele der Anordnungen dienen. Konkrete können so hinter scheinbar allgemeinen Interessen versteckt werden.
Das sich auch anarchistische Ideen und Aufträge auf dieses mit Macht aufgeladene Konstrukt "Volk" beziehen, mag erschrecken, zeigt aber die fehlende Herrschaftsanalyse von Kollektivität sehr deutlich. Das mag bei alten TheoretikerInnen noch als Stand der damaligen Debatte akzeptabel sein, ist aber enttäuschend, wenn es auch heute noch kritiklos übernommen oder sogar neu formuliert wird.

Im Original: Das tolle Volk soll siegen! ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Bakunin über eine anarchistische Avantgarde (zitiert auf www.anarchismus.at):
Das Volk schenkt ihnen Leben ...
Hat das Volk erst einm
al triumphiert und sich nach freiheitlichen Prinzipien organisiert ...

Aus Mühsam, Erich (1933): "Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat", Nachdruck bei Syndikat A und im Internet
... an der Stelle der bevorrechtigten Minderheit der Besitzenden jedes Landes die zum Volk geeinte Gesamtheit in allen Ländern.
Weiteres Zitat, auch in: Grosche, Monika (2003): "Anarchismus und Revolution", Syndikat A in Moers
Es ist in aller Eindeutigkeit so, daß wo Gesellschaft besteht, für den Staat kein Raum ist; wo aber der Staat ist, er ihr nicht erlaubt, ein Volk zu bilden, sie statt dessen in Klassen trennt und dadurch hindert, Gesellschaft zu sein.
Bei Mühsam:
... eine auf Gleichberechtigung und Gegenseitigkeit aufgebaute Gemeinschaft ist in den Grenzen der räumlichen Verbundenheit der Menschen Volk, als allgemeine Lebensform der Menschheit betrachtet, Gesellschaft. ...
Staat ist nichts anderes, kann nichts anderes sein als zentralisierter Ausführungsdienst einer vom Volk gelösten Klasse zur Beherrschung des entrechteten und zur beherrschten Klasse erniedrigten Volkes.

Forderungen für eine anarchistische Praxis bei AnarchistInnen
Für die Phase des Kampfes sind sie durch revolutionäre Volksarmeen und -patrouillen ohne hierarchische Struktur zu ersetzen.

Widersprüchlichkeit bei Bakunin: Ja zur Masse, gleichzeitig aber Verweis auf Verschiedenartigkeit
Aus Bakunin, Michail: "Sozialismus und Freiheit"
In einer sozialen Revolution, die einer politischen Revolution in allem diametral entgegengesetzt ist, zählen die Aktionen von Individuen fast gar nicht, während die spontane Aktion der Massen alles bedeutet. Was Individuen zu tun in der Lage sind, beschränkt sich darauf, Vorstellungen zu erläutern, zu propagieren und auszuarbeiten, die dem Masseninstinkt entsprechen, und, was mehr ist, ihre endlosen Bemühungen der revolutionären Organisation der natürlichen Macht der Massen zu widmen – aber nicht mehr als das; der Rest kann und muß vom Volke selbst getan werden. ...
... es gibt keine Kombination von klugen Köpfen, die so gewaltig wäre, all die unendliche Vielfalt und Verschiedenartigkeit realer Interessen, Sehnsüchte, Willensäußerungen und Bedürfnisse zu umfassen, die in ihrer Totalität den kollektiven Willen des Volkes konstituieren; es gibt keinen Intellekt, der in der Lage wäre, eine soziale Organisationsform zu erfinden, die es möglich machte, alle und jeden zufriedenzustellen. ...
Es ist offensichtlich, daß die Menschheit erst, wenn der Staat aufgehört hat zu bestehen, ihre Freiheit erlangen wird, und die wahren Interessen der Gesellschaft und aller Gruppen, aller lokalen Organisationen und aller Individuen, die diese Organisationen konstituieren, werden erst dann ihre wahre Befriedigung finden.

Bakunin, zitiert in: Grosche, Monika (2003): "Anarchismus und Revolution", Syndikat A in Moers (S. 42 ff.)
Die Volksmassen sind zu Opfern stets bereit, bilden eine Macht und sind deshalb so brutal, wild und entschlossen, Heldentaten zu vollbringen (...), weil sie, die wenig oder gar nichts besitzen, nicht vom Besitzstreben verdorben sind. ... Die besten Männer der bürgerlichen Welt von Geburt und nicht aus Überzeugung und Ehrgeiz, können nur unter einer Bedingung nützlich sein, daß sie im Volk aufgehen, in der Sache, die nur das Volk betrifft.

Aus: Arschinoff, Peter A. (1923): "Geschichte der Machno-Bewegung", Nachdruck bei Unrast, Münster (S. 247)
Der Anarchismus ist keine Mystik, keine Unterhaltung über das Schöne, kein Schrei der Verzweiflung. Er ist vor allen Dingen dadurch groß, daß er sich in den Dienst der geknechteten Menschheit stellt. Er trägt die Wahrheit der Massen, ihren Heroismus, ihre Willensimpulse in sich und ist im gegebenen Augenblick die einzige soziale Lehre, auf die sich die Massen in ihrem Kampf vertrauensvoll stützen können. Um aber dieses Vertrauen zu rechtfertigen, genügt es noch nicht, daß der Anarchismus eine große Idee ist, die Anarchisten aber deren platonische Verkünder. Die Anarchisten müssen ständige Teilnehmer, Schwarzarbeiter der revolutionären Massenbewegung sein, dann wird diese Bewegung die ganze Fülle der anarchistischen Ideale entfalten. Nichts wird einem umsonst zugeteilt, ein jedes Werk fordert hartnäckiges Bemühen und Opfer. Der Anarchismus muß die Einheit des Willens und die Einheit des Handels, eine genaue Vorstellung seiner historischen Aufgaben erwerben. Der Anarchismus muß in die Massen eintauchen, mit ihnen verschmelzen.

Immerhin: Verglichen mit anderen politischen Strömungen beziehen sich AnarchistInnen seltener oder distanzierter auf kollektive Subjekte bzw. das Volk als gesellschaftliche Basis. Demokratische oder marxistische VordenkerInnen sind da in der Regel skrupelloser oder unreflektierter. Anarchistische Kritik gab es früher und gibt es heute, wenn auch erschreckend selten.

Im Original: Kritik des Festhaltens am Volksbegriff ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Bookchin, Murray (1992): "Die Neugestaltung der Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 173, mehr Auszüge)
Mehr noch: das revolutionäre Projekt muß seinen Ausgangspunkt von einem grundlegenden libertären Gebot nehmen: jedes normale menschliche Wesen ist fähig, die Belange der Gesellschaft und insbesondere der Gemeinschaft, welcher er oder sie angehört, zu regeln.
Dieses Gebot wirft jakobinischen Abstraktionen wie "das Volk" und marxistischen Abstraktionen wie "das Proletariat" den Fehdehandschuh hin mit der Forderung, die reale Gesellschaft müsse von realen, lebendigen Menschen "bevölkert" sein, die frei über ihr eigenes Schicksal und das ihrer Gesellschaft bestimmen können.

Aus Cantzen, Rolf (1995): "Weniger Staat - mehr Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau
Eine Integration in die staatlich organisierte Gesellschaft halten auch - oder gerade - Demokraten für eine Bürgerpflicht, die gegebenenfalls von der Staatsgewalt auch gegen den Willen der Betroffenen durchgesetzt wird. Man denke an die Wehr- oder Schulpflicht. Die so oft gegenüber dem »Kommunismus« hervorgehobenen Freiheiten meinen keinesfalls die individuelle Selbstbestimmung. ...
Goldman gelangte so zu einer Massenverachtung und zu einer entschiedenen Ablehnung des „Märchens von der Tugend der Mehrheit“: »jawohl, Autorität, Zwang und Abhängigkeit beruhen auf der Masse, aber nie die Freiheit, nie die freie Entfaltung des Individuums, nie die Geburt einer freien Gesellschaft ... das Volk als kompakte Masse... hat die Stimme des Menschen unterdrückt, den Geist des Menschen unterjocht, den Leib des Menschen gefesselt. Als Masse ist sein Ziel immer gewesen, das Leben gleichförmig, grau und eintönig wie die Wüste zu machen. Als Masse wird es immer der Vernichter der Individualität, der freien Initiative, der Originalität sein.« (1972, 190f.)
Goldman hofft nicht auf Veränderungen, die von der Masse oder von demokratischen Mehrheiten ausgehen, sondern setzt ihr Vertrauen auf »intelligente Minoritäten« und freie Individuen: »Die Zivilisation ist ein ständiger Kampf des Individuums oder von Gruppen von Individuen gegen... die Mehrheit, die durch den Staat und die Staatsverehrung unterdrückt und hypnotisiert wird.« (1977, 65) Die Kritik an der Masse und an der »Mehrheits-Demokratie« vieler Anarchisten ist also durchaus elitär - elitär allerdings nicht im Sinne eines Herrschaftsanspruchs einer Elite über die Mehrheit, sondern im Sinne einer Selbstbehauptung und Weigerung, die Vertretung ihres Anspruchs auf individuelle Selbstbestimmung Mehrheitsentscheidungen zu überlassen. ... (S. 144 ff.)
Vorausschauend kritisiert Kropotkin um die Jahrhundertwende den Sozialstaat als Mitverursacher an der Zerstörung traditioneller Formen (»gesellschaftlicher«) gegenseitiger sozialer Hilfe und konkreter Gemeinschaftlichkeit: »Der Staat allein und die Staatskirche dürfen sich um öffentliche Angelegenheiten kümmern, während die Untertanen lose Haufen von Individuen vorstellen müssen, die keine besondere Verbindung untereinander haben und verpflichtet sind, sich jederzeit, wenn sie eine gemeinsame Not empfinden, an die Regierung zu wenden.« (1975, 208) ... (S. 170)

Aus Le Guin, Ursula K. (1974), "Planet der Habenichtse", Wilhelm Heyne Verlag in München (S. 9 f.)
Da sie Mitglieder einer Gemeinschaft waren und nicht Elemente einer Masse, waren sie auch nicht von Kollektivgefühlen beherrscht; es gab so viele verschiedene Gefühle hier, wie es Menschen gab.

Andererseits finden sich auch AnarchistInnen, die dem Konstrukt "Volk" noch eine gefährliche Weiterung mitgeben. Das Volk wird bei ihnen zum sozialen Organismus. Dieses auf den ersten Blick vor allem der Beschreibung einer vermeintlichen Harmonie und Kooperation zwischen den Beteiligten dienende Bild ist tatsächlich eine böse Legitimation nicht nur der Konstruktion von Volk als zusammenhängende, aber nach außen klar abgegrenzte Schicksalsgemeinschaft, sondern zudem eine mit fester interner Rollenverteilung. Denn die Bestandteile in einem Organismus suchen sich ihre Funktion und ihren Ort ja nicht selbstbestimmt, sondern entwickeln sich zu Organen, Zellen oder Blutkörperchen nach einem festen Plan, der zudem auch vorsieht, dass einige Teile die anderen in ihren Handlungen steuern.

Im Original: Sozialer Organismus ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Grosche, Monika (2003): "Anarchismus und Revolution", Syndikat A in Moers (S. 18)
Die anarchistische Gesellschaft baut sich im Räteprinzip basisdemokratisch - "von unten nach oben" - auf. Auf der Grundlage von Gleichberechtigung und Freiwilligkeit bilden Gesellschaft und Individuum einen untrennbaren Organismus.
In diesem Organismus wird sowohl dem natürlichen Freiheitswillen, als auch dem Bedürfnis nach Geselligkeit des Menschen entsprochen, er bildet die einzig wirkliche Form des demokratischen Zusammenlebens.

Aus Mühsam, Erich (1933): "Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat", Nachdruck bei Syndikat A und im Internet, zitiert auch in: Grosche, Monika (2003): "Anarchismus und Revolution", Syndikat A in Moers
Gesellschaft und Mensch ist demnach als einheitlicher Organismus zu begreifen, und jeder Fehler in der Wechselbeziehung der Menschen zu einander muß sich als gesellschaftlicher Schaden, jeder Mangel in der gesellschaftlichen Ordnung als Krankheitserscheinung im sozialen Getriebe und somit als Benachteiligung von Individuen in Erscheinung setzen. Diese Untrennbarkeit eines Ganzen von seinen Gliedern, dieses Ineinanderverstricktsein der Teile, deren jedes ein Organismus mit den Eigenschaften des Ganzen ist, dieses Miteinander- und Durcheinander-Bestehen des Einzelnen und des Gesamten ist das Merkmal des organischen Seins in der Welt und jeder Verbindung in der Natur.

Dann folgert Mühsam aus der Beschreibung der Gesellschaft als Organismus mit vorgegebenen Funktionen genau das Gegenteil, nämlich Gleichberechtigung und Vielfalt - alles ist also ziemlich wirr:
Der kommunistische Anarchismus will diese natürliche Verbindung von Persönlichkeit und Gesellschaft mit Gleichberechtigung, gegenseitiger Unterstützung und Selbstverantwortlichkeit aller Einzelnen im Bewußtsein der Gesamtverbindlichkeit und gemeinsamen Verantwortung fürs Ganze wieder zur Lebensform auch der Menschheit werden lassen. Dazu erforderlich ist aber die vollständige Neugestaltung der Organisationsgrundsätze im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verkehr.

Kein Glied tanzt aus der Reihe ... Gesellschaft wie ein Computer oder Ameisenstaat
Aus Rocker, Rudolf (1979, Nachdruck von 1923): "Über das Wesen des Föderalismus im Gegensatz zum Zentralismus", Verlag Freie Gesellschaft in Frankfurt (S. 13)
Die föderalistische Organisationsform ist dem menschlichen Organismus vergleichbar. Der menschliche Körper ist sozusagen ein Bund einzelner Glieder, von denen jedes seine besondere und selbständige Funktion erfüllt. Das harmonische Zusammenarbeiten von Herz, Leber, Gehirnzellen, Nerven und aller anderen Organe ist die erste Vorbedingung für das Leben und Gedeihen des Gesamtorganismus. Kein Glied tanzt aus der Reihe, alle erfüllen ihren besonderen Zweck. Überall finden wir die größte Selbständigkeit in der Ausübung jeder besonderen Funktion und in derselben Zeit die natürliche Gebundenheit aller Organe im Rahmen des Ganzen. Der Magen streitet nicht mit der Leber, das Herz nicht mit der Lunge, und wenn ja einmal ein solcher Fall eintritt, so findet er seine Erklärung in krankhaften Störungen, die entweder bald wieder behoben werden oder früher oder später zum Absterben des Gesamtorganismus führen müssen. Jedes Organ existiert zwar für sich, aber gleichzeitig und in noch viel höherem Maße für die Gesamtheit, aus der es seine Lebenskräfte zieht. Und darum sind seine besonderen Funktionen nicht bloß durch seine individuelle Existenz, sondern auch durch die Existenz des Ganzen bestimmt und dieser angemessen.

Ähnlich wirken Bilder, in denen menschliche Gesellschaft mit Tiergemeinschaften verglichen wird und ebenfalls eine durch äußere Bedingungen klar vorgegebene Rollenverteilung besteht.

Im Original: Föderalismus: Vielfalt und Organismus ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Mühsam, Erich (1933): "Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat", Nachdruck bei Syndikat A und im Internet (mehr Auszüge)
Wie der Wald aus Bäumen besteht ... und wie in diesem Werden und Vergehen und in der wechselseitigen Kraftübertragung der einzelnen Bäume das Leben des Waldes als Zusammenfassung zu einem Ganzen wiederum völlig den Charakter eines lebenden, sterbenden, sich stets von neuem schaffenden individuellen Wesens erhält, so ist jede Gemeinschaft ein Organismus aus Organismen, ein Bund von Bünden, eine zur Einheit gewordene Vielheit von Einheiten. ... (S. 17 f.)
Föderalismus ist Organisation durch natürliche Ordnung; Zentralismus ist Ersatz der Ordnung durch Überordnung und Anordnung.
Die föderalistische Organisation entspricht den Forderungen der Gerechtigkeit, der Gegenseitigkeit, der Gleichheit, der gemeinsamen Selbstverantwortung, der Gemeinschaft aus Einzelnen. Die zentralistische Organisation entspricht den Bedürfnissen der Macht, der Obrigkeit, der Ausbeutung, des Klassenzwiespalts, der Bevorzugten. Föderalismus ist Ausdruck der Gesellschaft; Zentralismus ist Ausdruck des Staates.
Staat und Gesellschaft nämlich ist zweierlei. Weder ist die Gesellschaft eine Zusammenballung aller verschiedenen Organisationen und Verbindungen, innerhalb deren die Menschen ihre gemeinschaftlichen Angelegenheiten ordnen und unter denen der Staat neben anderen Einrichtungsformen besteht, noch ist der Staat von etlichen Möglichkeiten eine der Organisationsarten, in denen sich die Gesellschaft verkörpern kann. Es ist in aller Eindeutigkeit so, daß wo Gesellschaft besteht, für den Staat kein Raum ist, wo aber der Staat ist, er als Pfahl im Fleische der Gesellschaft steckt, ihr nicht erlaubt, Volk zu bilden und gemeinschaftlich ein- und auszuatmen, sie statt dessen in Klassen trennt und dadurch verhindert, Gesellschaft zu sein. Ein zentralisiertes Gebilde kann nicht zugleich ein föderalistisches Gebilde sein. Ein obrigkeitlich zugerichtetes Verwaltungewesen ist Regierung, Bürokratie, Befehlsgewalt, und dies ist das Merkmal des Staates; eine auf Gleichberechtigung und Gegenseitigkeit aufgebaute Gemeinschaft ist in den Grenzen der räumlichen Verbundenheit der Menschen Volk, als allgemeine Lebensform der Menschheit betrachtet, Gesellschaft. Staat und Gesellschaft sind gegensätzliche Begriffe; eins schließt das andere aus.
Vom Klassenstaat reden, heißt von hölzernem Holz reden. Staat ist nichts anderes, kann nichts anderes sein als zentralisierter Ausführungsdienst einer vom Volk gelösten Klasse zur Beherrschung des entrechteten und zur beherrschten Klasse erniedrigten Volkes.
(S. 19)
Region als Kollektivsubjekt

Ein ebenfalls oft benanntes Kriterium kollektiver Identität ist regionale Spezifität. Klimatische und landschaftliche Eigenarten, Traditionen, Sprache und Ernährungsgewohnheiten, mitunter auch ortsspezifische "Energiefelder" sollen Menschen in einer jeweils typischen Form prägen.
Nun ist unbestritten, dass die soziale Zurichtung Menschen stark formt und diese in unterschiedlichen Regionen auch unterschiedlich ausfallen kann. Daraus aber eine naturgesetzlichähnliche Vorgabe zu konstruieren und diese dann auch noch zu befürworten als Basis einer besseren Gesellschaft, ist mindestens dreifach absurd. Denn freie Menschen in freien Vereinbarungen gibt es nur dort, wo die Beteiligten sich frei entscheiden können, welchen Orientierungen sie sich anschließen und welche sie lieber verlassen oder verändern wollen. Das spricht nicht gegen regionale Sonderheiten, aber gegen jede Ableitung, dass wäre für die Menschen dann auch das für sie Passende. Zudem ist die Mobilität und Migration von Menschen so hoch, dass zumindest heute die Betonung regionaler Identität die Anpassung vieler Zugezogener einfordert, und nicht den Erhalt von etwas. Schließlich lässt sich schnell feststellen, dass in allen Regionen die Unterschiede zwischen Arm und Reich, Privilegierten und Anderen sowie zwischen Metropole und Peripherie größer sind als zwischen den Regionen. Trotzdem genießen Ideen wie die des Bioregionalismus in anarchistischen Kreisen erhebliche Sympathien, wenn auch weniger im deutschsprachigen Raum. Die wichtigsten Quellentexte des Bioregionalismus stammen aus dem angloamerikanischen Raum.

Aus Gordon, Uri (2010): "Hier und jetzt", Nautilus in Hamburg (S. 227 ff.)
In vielen Regionen der Welt ist jedoch die Idee einer kollektiven, an den Ort gebundenen Identität, die auf der Gemeinsamkeit von Kultur, Sprache und Geist basiert, fragwürdig geworden, wenn Jahrhunderte des Kolonialismus und der Immigration multikulturelle Bevölkerungen hervorgebracht haben, die in dieser Hinsicht wenig gemeinsam haben. Können Anarchisten eine andere Art von Zugehörigkeit oder Zusammengehörigkeit definieren, die auch mit ihren allgemeinen politischen Vorstellung übereinstimmt? Die Idee des Bioregionalismus scheint hier einen alternativen Ansatz zu bieten. Bioregionalismus ist eine Form, lokale Identität zu denken, die in der radikalen Umweltbewegung Verbreitung gefunden hat und die sich weder an ethnischen noch an politischen Kategorien orientiert, sondern an den natürlichen und kulturellen Besonderheiten eines Ortes. Eine Bioregion wird im allgemeinen als ein zusammenhängendes geographisches Gebiet definiert, das sich durch spezifische natürliche Gegebenheiten der Formationen, des Bodens, der Gewässer, der Pflanzen- und der Tierwelt auszeichnet, sowie auch der menschlichen Siedlungsformen und kulturellen Eigentümlichkeiten, die sich in der Auseinandersetzung mit der lokalen Natur entwickelt haben. Daher ist die Bioregion auch ein Terrain des Bewusstseins ...
Die bioregionale Herangehensweise fördert also das ökologische Bewusstsein, die Wiederherstellung natürlicher Umgebungen, die Möglichkeiten lokaler Selbstversorgung und ähnliches, doch - potenziell zumindest - bietet sie auch eine überzeugende Alternative sowohl zu nationalistischen als auch zu »volkstümlichen« Identitätsansätzen. Eine Identität, die auf der Verbindung zur Region beruht, hat keinerlei essenzialistische Züge - stellt keine Forderungen an die persönlichen und kollektiven Identitäten, die sich in und neben ihr entfalten können. ...
Schließlich ist Bioregionalismus nicht nur mit Krieg und Besatzung unvereinbar, sondern auch mit dem Kapitalismus, mit rassistischer und religiöser Verlogenheit, mit der Konsumgesellschaft, dem Patriarchat und verschiedenen anderen wesentlichen Kennzeichen der hierarchisch strukturierten Gesellschaft.

Kurze Transportwege, direkte und damit vor allem lokale bis regionale Wirtschaftskreisläufe, mehr gemeinsame Ökonomien, freie Kooperation und gegenseitige Hilfe sind aus vielerlei Gründen sinnvoll. Daraus erwachsen aber nur direktere Beziehungen über tendenziell kürzere Entfernungen, nicht jedoch abgrenzbare Bioregionen. Denn die Person, die an der Nordgrenze einer vermeintlichen Bioregion lebt oder wirkt, hat es zu Menschen an der Südgrenze der benachbarten Region dichter als zum Südrand der "eigenen" Bioregion. Ein Geflecht freier Menschen in freien Vereinbarungen kennt keine Grenzen und damit auch keine Bioregionen.

Klasse

Komplizierter wird es mit der Klasse. Diese Kategorie, die bei MarxistInnen eine große Rolle spielt, wird auch von vielen AnarchistInnen genutzt als Erklärungsgrundlage gesellschaftlicher Verhältnisse, Abgrenzung von Personengruppen und Zuweisung revolutionären Subjektstatus. Es trifft daher auf erhebliche Gegenwehr, Klassen als bloße Konstrukte oder gar legitimatorischen Hintergrund eigener Führungsansprüche abzulehnen. Das Festhalten an der Ktaegorie Klasse beruht darauf, dass sie als "objektive" Struktur der Gesellschaft angenommen werden und daher nicht in Frage gestellt werden können. Diese "objektive" Struktur bestehe unabhängig davon, ob sich die ArbeiterInnen auch selbst als Klasse definieren oder nicht.
Praktisch aber stellt das eine Ähnlichkeit zur Kategorie von Volk dar, die ja auch über scheinbare Objektivitäten (Abstammung, Sprache, Kultur u.ä.) definiert und herbeigeredet wird - und es für die Existenz der "Deutschen" schlicht egal sei, ob sich die Deutschen auch als Deutsche fühlen oder fühlen wollen.
Für die Klasse wird als "objektiver" Sachzusammenhang der unterschiedliche Zugang zu Produktionsmitteln benannt. Die einen hätten den (KapitalistInnen), die anderen nicht. Letztere müssten deshalb ihre Arbeitskraft verkaufen - wobei in moderneren Theorien immerhin z.B. im Haushalt tätige Personen (also hauptsächlich Frauen) hineingedacht werden, die ja ebenfalls ohne Besitz eigenen Kapitals mit ihrer Arbeitskraft das Überleben sichern, wenn auch nochmal eine Stufe stärker in Abhängigkeit, nämlich (im Idealbild des Patriarchats) als Zuarbeit für die männliche Arbeitskraft.
Doch all diese Bilder hinken gewaltig. Zum einen sind - zumindest heute - gerade die großen Konzerne längst keine Personengesellschaften mehr, sondern verrechtlichtes Kapital. Die DrahtzieherInnen sind Angestellte der Konzerne - ihre horrenden Gehälter (weit oberhalb dessen, was für die meisten früheren KapitalbesitzerInnen typisch war) ändern nichts an ihrer "objektiven" Stellung zum Kapital. Sie sind nicht dessen BesitzerInnen. Das Kapital hat sich verselbständigt, formal ist es oft Streubesitz, mitunter sogar unter den ArbeiterInnen - was eine Klasseneinteilung nach diesem Kriterium spätestens völlig ad absurdum führt. Doch das hat wenig Bedeutung. Alle, auch die TopmanagerInnen, sind Getriebene des ewigen Zwangs zur Verwertung aller Werte, der Akkumulation von Kapital und der Erzeugung immer neuer Profite. Sie sind nicht DienerInnen einer Klasse von KapitalistInnen, sondern der Gesetze des Kapitalismus, die keiner HerrscherInnen mehr bedürfen, sondern nur noch williger VollstreckerInnen.

Aus dem Memorandum zur linken Programmdebatte, in: Junge Welt, 19.10.2010 (S. 10)
Am Anfang steht der Lohnarbeiter als Eigentümer der Arbeitskraft, die er dem Eigentümer von Kapital verkaufen oder vermieten muß, um leben zu können. Ihnen gegenüber steht der Kapitalist, der Besitzer der Produktionsmittel, der die Produktion organisiert und sich die Ergebnisse der Produktion aneignet. Am Ende dieses Prozesses steht der Lohnarbeiter so da wie zu Beginn des Produktionsprozesses: als Eigentümer bloßer Arbeitskraft. Der Kapitalist aber hat sich bereichert. Dieser Kreislauf wiederholt sich immer wieder. Ebenso wie das angelegte und verwendete Kapital sich wieder herstellt, reproduziert sich auch das Verhältnis zwischen Arbeitenden und Aneignenden. Wichtiger Ausgangspunkt von Klassenbewußsein der Lohnarbeiter ist die Erkenntnis, daß sie den gesellschaftlichen Reichtum schaffen, den sich andere aneignen.

Mit der Absage an Klassen soll nicht behauptet werden, dass die Menschen im ökonomischen Sinne gleich oder auch nur gleichberechtigt wären. Wer in der Rolle als willigeR VollstreckerIn der wirtschaftlichen Zwänge wieviel Macht über andere ausübt, sich wieviel des entstehenden Mehrwerts und Eigentums einstreichen kann und wieviel Einfluss auf die Abläufe hat, ist nicht zufällig oder nur dem Fleiße der Beteiligten folgend. Personale Verhältnisse spielen weiterhin eine Rolle, z.B. die Vererbung von Betrieben und Reichtümern. Allerdings hat das beträchtlich an Bedeutung verloren - und tut dieses weiterhin, zumindest im Vergleich zur neuen herrschenden "Klasse", den Funktionseliten, die mittels ihrer Positionen, Netzwerke und Handlungsmöglichkeiten das Geschehen steuern.

AnarchistInnen pro Kollektiv

Trotz der offensichtlichen Herrschaftsförmigkeit kollektiver Organisierung hängen viele AnarchistInnen dieser Idee an oder verklären sie sogar zum integralen Bestandteil des Anarchismus. Dabei treten, auch in den anarchistischen Texten selbst, die Widersprüchlichkeiten zutage, wenn einerseits Autonomie der Einzelnen und andererseits der Vorrang des Kollektivs gepredigt wird.

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Aus Johann Bauer, "Direkte gewaltfreie Aktion ...", in: Friedensforum 2/2008 (S. 39)
Es spielt auch eine Rolle, dass die Motive noch Mitte der 60er Jahre stark individualistisch und existenzialistisch waren: Der Einzelne gegen die Maschine, das vereinnahmende Kollektiv, den Totalitarismus. Kriegsdienstverweigerung war - wie oppositionelle Orientierung überhaupt - eine moralische Entscheidung, Gewissensentscheidung. Nun wurde gerade das Kollektiv entdeckt. "Masse" wurde allmählich vom Skeptizismus der Kulturkritik befreit zu einem positiven Bezugspunkt.
Auch die "Gegenmacht" braucht Massen, auch dies hatte sich durch die großen Kampagnen etwa der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung gezeigt, die Solidarisierung mit den wenigen, die zuerst gegen die Segregation in den Südstaaten der USA gehandelt hatten, hatte Erfolge bewirkt und überhaupt erst eine "Bewegung" entstehen lassen. Durch den Einfluss der vietnamesischen Revolution und der chinesischen Kulturrevolution wurde der "Massen"-Begriff geradezu mit göttlichen Qualitäten aufgeladen: Unbesiegbarkeit, Unsterblichkeit, Allmacht, ein reißender Strom, der hinwegfegt, was reaktionär ist und sich "dem Fortschritt in den Weg stellt".


Gleichzeitig aber: Kritik an Einheit (gleicher Text, S. 42)
Die Kehrseite der "Einheits"-Parolen war immer, dass die Abweichler ausgeschlossen wurden, dass alle, die die Minimalkonsense überschreiten wollten, als "Spalter" ausgegrenzt wurden. Die paradoxe Wahrheit der "Einheit" ist gerade Ausgrenzung und Spaltung. Das wurde in den Sekten der 70er Jahre einmal mehr bewiesen. Schon in der Arbeiterbewegung waren "Einheitsfront"-Taktik oft genug demagogische Manöver schärfster Polemik und "Volksfront"-Konzepte antirevolutionär. Solidarität schließt Kritik nicht aus, Dialog setzt sogar voraus, dass die Grenzen klar und deutlich sind. Jeder hat das Recht, andere überzeugen zu wollen, niemand hat das Recht, andere zu manipulieren oder zu zwingen. Deshalb sind oft auch die Diskussionen lebendig, solange es nicht darum geht, Vollversammlungen zu dominieren und zu majorisieren, die ständige Betonung der Einheit riecht nach Verwaltung.


Entwurf für eine "Anarchistische Plattform" (Quelle ...)
Die zentralen Ideen dieser Tradition, mit denen wir übereinstimmen, betonen die Notwendigkeit für anarchistische Organisationen:
Ideologische Einigkeit.
Taktische Einigkeit
Kollektive Aktion und Disziplin
Föderalismus
zu entwickeln.
Anarchismus wird entstehen durch den Klassenkampf zwischen der breiten Mehrheit der Gesellschaft (der Arbeiterklasse) und der kleinen Minderheit, die die Gesellschaft gegenwärtig beherrscht. Eine erfolgreiche Revolution setzt voraus, dass anarchistische Ideen innerhalb der Arbeiterklasse die führenden Ideen werden. Dies wird nicht spontan geschehen. Unsere Rolle ist es, ihnen dazu zu verhelfen.

Und nur eine Spalte daneben: Pro Einheitlichkeit
Aus Wolfgang Hertle, "Plädoyer für zivilen Ungehorsam ", in: Friedensforum 2/2008 (S. 42)
Meist führen aber endlose Grundsatzdiskussionen eher zu Ermüdung statt zu Einigkeit für eine kraftvolle Praxis gewaltfreien Widerstandes. Überzeugender wirken auf die aktuelle und konkrete Situation bezogene Argumente, z.B. dass Akzeptanz des Protestes u.a. vom einheitlichen und eindeutigen Verhalten abhängt. Im Larzac-Widerstand waren nicht alte in der landesweiten Unterstützerbewegung Aktiven von vorneherein und prinzipiell auf Gewaltfreiheit festgelegt. Aber das heterogene Bündnis hielt sich solange an die von den betroffenen Bauern geforderte Grundlinie, als sie erfolgreich war, d.h. nicht zuletzt den Widerstand gegenüber der Öffentlichkeit als den moralischen Sieger wirken ließ. Nach zehn Jahren war das Ziel des Widerstandes durch die pragmatisch zustande gekommene Einigkeit erreicht.

Forderungen für eine anarchistische Praxis bei AnarchistInnen (Quelle)
... alle Beschlüsse werden kollektiv gefasst und ausgeübt ...

Kollektiver Arbeitsprozess
Aus Bakunin, Michail: "Sozialismus und Freiheit"
Genau an diesem Punkt trennen sich die Sozialisten oder revolutionären Kollektivisten von den autoritären Kommunisten, den Anhängern der absoluten Initiative des Staates. Das Ziel beider ist dasselbe: beide Parteien wünschen die Schaffung einer neuen sozialen Ordnung, die ausschließlich auf kollektiver Arbeit gegründet sein soll, und zwar unter ökonomischen Bedingungen, die für alle gleich sind – d.h. unter den Bedingungen kollektiven Besitzes der Produktionsmittel.

Der Schritt von der Befürwortung identitärer Kollektive zur Bejahung der Demokratie als Herrschaft bis zum guten Kollektiv "Volk" ist dann nur noch ein kleiner ...

AnarchistInnen als Kollektiv: Wir und die anderen

Neben der Akzeptanz oder Befürwortung kollektiver Identitäten erschaffen anarchistische Gruppen diese auch selbst. AnarchistInnen treten überwiegend sehr stark als einheitliche Gruppen auf, erkennbar durch ähnliche Kleidung, Symbole, Sprache, Parolen, Label und sogar Fahnen. Offenbar besteht ein erhebliches Interesse an der Gleichförmigkeit, die eine Form der Distanzierung von anderen Teilen der Gesellschaft ist - vergleichbar mit der Punkkultur, die in ihrem Willen nach Abgrenzung eine besonders identitäre, gleichförmige und mit vielen Verhaltenscodes durchzogene Kultur schuf. Auf Demonstrationen formieren sich AnarchistInnen in abgegrenzten Blöcken oder beteiligen an solchen, z.B. im durch Medienberichterstattung legendär gewordenen "black bloc". Statt einem Ausdruck von Vielfalt und emanzipatorischen Ideen wird eine strenge, einheitliche und eigene Identität gebildet, um sich vom Rest der Welt oder dem Rest der Demo zu unterscheiden. Innen und Außen haben hier bizarr eindeutige Züge.

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Aus Gordon, Uri (2010): "Hier und jetzt", Nautilus in Hamburg (S. 26)
Anarchismus ... ist ein Zusammenhang, in dem viele politisch sehr aktive Subjekte »wir« sagen und darunter weitgehend dasselbe verstehen können - eine kollektive Identität, die sich auf einem gefestigten gemeinsamen Weg des Denkens und Tuns herausgebildet hat.

Fahnen, Logos und Spaltungen: Vereinsmeierei (Quelle des folgenden Absatzes):
Entsprechend der Definition des Anarchismus als "herrschaftsfrei" wird von vielen Anarchisten grundsätzlich die Berechtigung von Symbolen, Flaggen oder auch Hymnen (z.B. von Nationalstaaten u.a.) kritisiert und der "Respekt" in Form von Achtungserweisen vor ihnen verweigert. Aus diesem Grund wird von manchen auch eine entsprechende Symbolik, die stellvertretend für den Anarchismus oder eine Teilbewegung des Anarchismus stehen soll, abgelehnt. Trotz der Kritik an Symbolen aus den eigenen Reihen wurden schon immer auch von Anarchisten und anarchistischen Gruppen Symbole verwendet. Peter Kropotkin, der Begründer der Theorie des Kommunistischen Anarchismus im 19. Jahrhundert, propagierte die rote Flagge als gemeinsames Symbol mit dem Sozialismus und Kommunismus. Darüber hinaus entwickelten sich im 19. und 20. Jahrhundert weitere eigene Symbole. Die bekanntesten sind heute das eingekreiste A, sowie eine einfache schwarze Flagge. Das Schwarz zeigt kein Herrschafts-Symbol an, und wird somit als Negation der Herrschaft angesehen. Die anarchosyndikalistische Bewegung verwendet oft die Farben schwarz und rot zusammen, in der Fahne diagonal schwarz-rot bzw. rot-schwarz in zwei gleich große entsprechend gefärbte Dreiecke geteilt. Diese Symbolik taucht auch in einem ähnlich gestalteten rot-schwarzen fünfzackigen Stern auf.
Sprache und kulturelle Ausdrucksformen

Für viele deutschsprachige AnarchistInnen sind Sprache und kulturelle Ausdrucksformen sogar hauptsächlich identitätsstiftend, also nach innen und kaum als tatsächliche gesellschaftliche Intervention gedacht. Selbst bei den wenigen öffentlichen Handlungen stellt sich angesichts der Ausführung die Frage, ob hier mehr Binnen- als Außenwirkung erzeugt werden soll. Das gilt sowohl für die scharf abgegrenzten Demonstrationsblöcke wie auch für das clandestine Anbringen von Graffities, Aufklebern oder Plakaten. Das Ritual der anarchisch geprägten Tätigkeit steigert das Zugehörigkeitsgefühl und, wenn gemeinsam ausgeführt, auch den Zusammenhalt.

Im Original: Sprache ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Bookchin, Murray (1992): "Die Neugestaltung der Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (, mehr Auszüge)
Es fällt auf, wie wenig diese organische, im wesentlichen schriftlose oder "Stammes"-Gesellschaft herrschaftsorientiert war - nicht nur in der Struktur ihre Institutionen, sondern schon in der Sprache. Stimmen die linguistischen Analysen von Anthropologen wie Dorothy Lee, dann kannten bestimmte indianische Stämme, z.B. die Wintus von der Pazifikküste, keine Transitivverben wie "haben", "nehmen" oder "besitzen", die eine Macht über Menschen oder Dinge ausdrücken. So "ging" beispielsweise eine Mutter mit ihrem Kind in den Schatten, ein Häuptling "stand" bei seinem Volk und ganz allgemein "lebten" die Menschen mit Gegenständen, anstatt sie zu "besitzen". ... (S. 36)
Dies zeigte sich, als euroamerikanische "Erzieher" Hopi-Kindern Wettkampfspiele beizubringen versuchten und es enorme Schwierigkeiten bereitete, die Kinder dazu zu bewegen, das Punkteverhältnis festzuhalten. Die Hopi-Sitte duldet, als für die Solidarität der Gemeinschaft schädlich, keine Rivalitäten und Selbstdarstellungen. (S. 54)

Allerdings können Sprache und kulturelle Ausdrucksformen auch praktizierte soziale Gestaltung sein und nicht nur Abgrenzungsritual, wie es im deutschsprachigen vorrangig scheint. Aus anderen Teilen der Welt lassen sich aus Gesellschaften, bei denen weniger Hierarchien angenommen werden, auch in Bezug auf Sprache und Symbolik Details beschreiben, die zeigen, dass die Praxis sozialer Zurichtung durchaus sehr anders aussehen kann.

Im Original: Kritik an A-Identitätsgehabe ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Selbst in der Graswurzelrevolution, ein auf Eigenlabel und Abgrenzung orientiertes Magazin im gewaltfreien Spektrum, fand sich eine Kritik an der Orientierung auf Codes und Symbole der Abgrenzung
Aus Webin, Teodor: "Die militante Identität", in: Graswurzelrevolution 10/2007 (S. 18)
Die pubertäre Rebellion, die sich nicht nur gegen das Elternhaus, sondern auch gegen die spießige Gesellschaft richtete, ist verständlich. Anders aber als pubertierende Jugendliche ist die linke Subkultur nie erwachsen geworden.
Sie hat nicht gelernt, Verständnis oder Toleranz aufzubringen, für den Großteil der Gesellschaft, zu der sie doch gehört. Ein integratives Projekt, das Sozialismus als Alternative für alle nicht nur benannte, sondern auch lebte, hat sie nicht geschaffen. Sie beharrt darauf, ,anders' zu sein.
Selbst ihre fortschrittlichsten Projekte, Kommunen, Genossenschaften usw., waren reserviert für jene, die ihre (sub)kulturellen Codes verstanden, Die Linke war und ist - auch jene Teile, die sich als anarchistisch verstehen - exklusiv.
Spätestens deutlich wurde das mit den Autonomen der 1980er und frühen 1990er Jahre: Wer den kulturellen Code nicht voll und ganz erfüllte, war ,Spitzel' oder wenigstens ,Spießer'. Mir selber ist der Fall eines engagierten Alt-Autonomen bekannt, der, nach Berufsausbildung und entsprechend ,spießig' gekleidet, Anfang der 1990er Jahre aus einem Infoladen rausflog, weil dort keine ,Spitzel' erwünscht seien.
Man wollte unter sich bleiben, pflegte seine Subkultur und kultivierte den schwarzen Kapuzenpulli und ähnliche Codes. Dass die sogenannte soziale Frage in diesem Kulturkuddelmuddel restlos unterging, ist kein Wunder. Denn jene, die sich diese notwendig stellen wollten, waren jene, die den Codes kaum entsprachen, die Kultur nicht verstanden und sie sich manchmal einfach nicht.
Überall: Konsens- und Basisdemokratie als anarchistische Entscheidungsmodelle

Es ist also schnell erkennbar: AnarchistInnen neigen immer wieder zur Bildung identitärer Blöcke, Symboliken und Strukturen. Sie übertreffen mitunter marxistische und demokratische Gruppen in diesem Gehabe, obwohl diese das Kollektive (Arbeiterklasse/Proletariat bzw. Volk) sogar in ihrer Ideologie verankert haben. Die Faszination des "black block" auf Demonstrationen, die ständige Neigung zur Bildung einheitlicher Marschformationen, die Überbetonung des Militärischen in der Geschichte der Anarchie (Machno, Kolonne Durruti) und das stolze Herumtragen einheitlicher Fahnen zeigen eine Lust auf Gemeinschaft, in der die Einzelnen untergehen wie in der Konzeption von Klasse oder Volk. So zeigen sich AnarchistInnen als systemkompatibel zur Demokratie und anderen kollektivistischen Gesellschaftsmodelle. Nicht besser ergeht es den Menschen in der Binnenstruktur: Plena und Konsens dominieren über Vielfalt und horizontale Kooperation.

Es spricht einiges dafür, dass der Hang zu identitären Kollektiven und die dafür erforderlichen Mechanismen aus einer Schwäche folgt, die gerade Menschen mit emanzipatorischen Ideen, also auch anarchistische Menschen trifft. Ihnen ist nämlich überwiegend klar, dass die großen künstlichen Kollektive nichts anderes sind als Erfindungen und Ersatzorientierungen. Sie rauben dem Menschen seine Würde und seine Eigenartigkeit. Er ist zur Freiheit befähigt und hineingeboren in eine Welt, in der er den sozialen Zwangsbezügen entwachsen kann (siehe zur Natur des Menschen in "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen). Doch die "Furcht vor der Freiheit" (Erich Fromm) mündet immer wieder in die Sehnsucht nach Geborgenheit, die auch in klaren Rahmenbedingungen und Gruppengefügen bestehen kann.
Konsense sind solche Regeln. Sie bieten Halt und Orientierung. Was Konsens ist, ist unhinterfragbar, weil jeder Zweifel den Konsens beendet. Anders als bei anderen Regeln ist jeder Konsens ein Paradox, weil er bereits die Sichtweise integriert, dass mensch selbst den Konsens akzeptiert. Denn wäre es nicht so, wäre es ja kein Konsens. Konsens sagt aus, dass die mit dem Konsens konfrontierte Person selbst in diesen bereits integriert ist. Gerade deshalb bieten Konsense ein besonderes Gefühl von Geborgenheit.
Das Plenum dient als Projektionsfläche für ungeklärte Fragen. Statt sich selbst als hinausgeworfenes Wesen und Subjekt des Geschehens zu begreifen, können Unklarheiten verschoben und verdrängt werden. Mit "wird im nächsten Plenum besprochen" ist der Mensch raus aus der Rolle, es selbst zu klären. Zwar tut sich dann erstmal nichts, aber die Aussicht auf das gefühlt höhere Niveau des Plenums schafft das Gefühl, dass das eigene Nichthandeln in Ordnung ist. Auch das suggeriert Geborgenheit - in der Gemeinschaft der Alltagsgleichgültigen.
Zur Zeit neigen AnarchistInnen zu Formen der Entscheidungsfindung im Kollektiv. Die meisten neigen zu Plena und Konsens. KritikerInnen des Konsens sind selten und dann wiederum meist AnhängerInnen von Mehrheitsabstimmung in direkt-demokratischen Entscheidungsabläufen oder in Form gestufter Räte. Kaum jemand stellt die Frage: Warum überhaupt Entscheidungen aller für alle? Ist Anarchie nicht die Welt, in der viele Welten Platz haben? Das würde auch in den gesellschaftlichen Subräumen gelten: immer offen, vielfältig, bunt und als Kooperation bis Nebeneinander unterschiedlicher Ausrichtungen ohne Zwang zur Bildung von Einheit.

Im Original: Konsens schafft Kollektiv ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Konsens = freie Vereinbarung? Kollektive Entscheidung muss sein ...
Aus einem Text über die Zapatistas in der Jugendzeitung "Utopia", Ausgabe Nr. 1 / Herbst 2007 (S. 4, Download über www.jugendzeitung.net)*
Entscheidungen werden im Konsens mittels der „freien Vereinbarung“ getroffen. ...
Kollektive Entscheidungen sind zwar notwendig, Menschen werden aber nie in der Lage sein, alle Entscheidungen zwecksrational zu treffen, weshalb es immer Meinungsverschiedenheiten geben wird.

*Hinweis: Die "Jugendzeitung" erschien damals in gleicher Machart, mit gleichen Positionen und gleichem V.i.S.d.P. wie die Graswurzelrevolution - und als deren Beilage.

Entscheidend sind die Entscheidungsregeln ... aber über die darf nur im Konsens entschieden werden!
Aus Stehn, Jan: "Anarchismus und Recht" in der sich als anarchistisch bezeichnenden GWR, Nr. 216, Februar 1997
Gegen eine naive Vorstellung vom Anarchismus, die meint, daß jede/r über alles mitentscheiden müsse, finde ich ausreichend, wenn die Entscheidungsregeln von allen Beteiligten getragen werden. Beispielsweise sind Mehrheitsentscheidungen keineswegs "unanarchistisch", solange ein Konsens darüber besteht, daß diese Entscheidungsregel für bestimmte Fragen angewendet werden soll. 
Im Original: Straßen aus Zucker - kein Text tanz aus der Reihe ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Verlauf eines Emailwechsels mit der Redaktion - zunächst der Anfang, eine Anfrage per Mail am 3.11.2012
Hallo,
wie Euch vielleicht bekannt, laufen zur Zeit etliche Veranstaltungen und Seminare zum Thema "Freie Menschen in freien Vereinbarungen: Theorie der Herrschaftsfreiheit". Das Grundgerüst bildet eine sich fortentwickelnde Sammlung von Thesen zu vier Bereichen:
- Kritik der Demokratie
- Formen, in denen Herrschaft wirkt
- "Grundsätze", auf denen eine herrschaftsfreie Gesellschaft beruhen muss (das ist der Kern und umfangreichste Bereich)
- Thesen über den Weg zur Herrschaftsfreiheit
Das Ganze ist Theorieentwicklung, d.h. es geht nicht um Auswertung vorhandener Texte, neue Synopsen bestehender Theorien, sondern die Entwicklung neuer Gedanken (selbstverständlich in Kontext und in Auswertung des schon Bestehenden).
So - nun zur Frage: Hättet Ihr Lust, die in einer nächsten Ausgabe (oder auch zweigeteilt als Reihe) zu veröffentlichen?


Am Folgetag die Antwort:
das hört sich sehr nett an. Leider dürfte die SaZ als Publikationsort nicht klappen. Das kommt so: Wir diskutieren ja jeden Text im Kollektiv sehr lange, dh jede Person, die einen Text schreibt, muss auch zusagen die Ausgabe über im Kollektiv zu sein. Damit am Ende wirklich alle hinter dem Text stehen können.
Aber wenn die Texte fertig sind, könntest Du die ja einfach auf Eure Seite stellen und uns einen Link schicken. Und wir könnten die dann in Facebook bewerben, nachdem wir sie im Kollektiv diskutiert haben.
Oder aber an die Jungle oder so schicken?


Und erneute Nachfrage:
danke für die Antwort. Puhhhh ... ich muss aber gestehen, dass mich der Text ziemlich vom Hocker haut. Aber gut - ist Eure Entscheidung. Es übersteigt allerdings mein ohnehin vorhandenes Misstrauen gegen politische Gruppen. Welch eine Mischung aus basisdemokratischem Konsenskult, der Einheit statt Unterschiedlichkeit, Vielfalt und Debatte schafft, Facebook und Jungle - und selbst ein Link noch im Konsens? Welch ein selbstreferentieller Brei ...
Naja. Aber wie gesagt - ist Eure Entscheidung. Mein politisches Engagement sieht da ganz anders aus. Und Chancen, dass die Thesen zur Theorie der Herrschaftsfreiheit bei Euch "durchgehen", gibt es dann wohl nicht.
Euch alles Gute und Gruß aus der bunten Projektwerkstatt ohne Einheitsmeinung

Die Antwort:
echt, du findest debatte und argumente generell herrschaft. puh, da wollen wir dann wirklich was verschiedenes.

Und nochmal zurück:
Huch, was für ein Stil. Lesen hilft: Ich habe den Zwang, sich immer einigen zu müssen (also die Ausblendung von Untersciedlichkeit und allein die Darstellung des Konsensualen) als Herrschaft bezeichnet. Nicht Debatte und Argumente. Aber macht nichts - ich hatte nicht wirklich erwartet, dass meine Mail analysiert wird. Draufhalten ist einfacher. Schade drum ...

Anarchistische Kritik des Kollektiven

Doch einheitlich ist die Meinung nicht. Es gibt AnarchistInnen, die kollektive Identitäten kritisieren. Interessanterweise stammt das sogar aus der Felder von SozialanarchistInnen. Das spricht dafür, dass Sozial- und Individualanarchismus kein grundsätzlicher Gegensatz sind, sondern es auf die Art der sozialen Interaktion ankommt. Stellt diese die Vielfalt der Beteiligten in den Mittelpunkt, belässt Autonomie und begreift nichts als abgeschlossenes Kollektiv, sondern immer als offene Kooperation - eine Welt, in der viele Welten Platz haben -, dann ist individuelle Eigenart und intensive soziale Vernetzung kein Widerspruch.

Es gibt aber auch Kritik, Kollektive als Eigenzweck, Subjekt oder Ziel von Befreiung zu sehen. Denn Emanzipation ist der Blick durch die Augen des einzelnen Menschen und eine Politik zugunsten der Menschen und ihrer freier Zusammenschlüsse. Das ist eine ganz andere Sichtweise und Politik wie eine für die Menschheit insgesamt oder für deren Subräume als ganze Kollektive.

Im Original: Gegen konstruierte Einheiten ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Bookchin, Murray (1992): "Die Neugestaltung der Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (S. 10, mehr Auszüge)
Stattdessen, so wie wir vage Begriffe wie "Menschheit" oder zoologische Wörter wie Homo sapiens benutzen, die riesige Unterschiede bis hin zu erbitterten Antagonismen verdecken, welche zwischen privilegierten Weißen und Menschen anderer Hautfarbe bestehen, zwischen Männern und Frauen, Reichen und Armen, Unterdrückern und Unterdrückten - gerade so benutzen wir vage Begriffe wie "Gesellschaft“ oder "Zivilisation", die in sich ebenso solche enormen Unterschiede, nämlich zwischen freien, nicht-hierarchischen, klassen- und staatenlosen Gesellschaften zum einen, und andererseits graduell unterschiedlich hierarchisch, klassengeschichtet, staatlich und autoritär gestalteten Gesellschaften verbergen. Somit wird eine sozial orientierte Ökologie letztlich durch Zoologie ersetzt. Über alles hinwegfegende "Naturgesetze", abgeleitet von Populationsschwankungen bei Tieren, sollen zur Erklärung widerstreitender ökonomischer und sozialer Interessen unter den Menschen herhalten.
Einfach nur "Gesellschaft" gegen "Natur", "Menschheit" gegen die "Biosphäre", und "Vernunft", "Technik" und "Wissenschaft" gegen weniger entwickelte, oft primitive Formen menschlicher Interaktion mit der natürlichen Welt auszuspielen, hindert uns daran, die hochkomplexen Unterschiede und Spaltungen innerhalb der Gesellschaft zu untersuchen, was zur Bestimmung unserer Probleme und deren Lösungen so notwendig wäre.
Aber selbst widersprüchlich (S. 29 und 37):
Solange die Gesellschaft nicht von einer vereinten Menschheit wiedererobert wird, die ihre gesamte kollektive Weisheit, ihre kulturellen Errungenschaften, technologischen Innovationen, wissenschaftlichen Erkenntnisse und angeborene Kreativität zu ihrem eigenen Besten und zum Nutzen der natürlichen Welt einsetzt, erwachsen alle ökologischen Probleme aus sozialen Problemen. ...
Wie genauere Studien bestimmter Ureinwohnergemeinschaften ergeben, kann ein starkes Kollektiv das Individuum weitaus mehr unterstützen als eine "freie Markt"-Gesellschaft, die einem egoistischen, aber verarmten Selbst huldigt.

Wilk, Michael (1999): "Macht, Herrschaft, Emanzipation", Trotzdem Verlag in Grafenau (S. 66)
Anarchistisches Ziel ist das Aufbrechen der inneren Hermetik der Menschen und das Aufheben der Deckungsgleichheit von System und Individuum ...

Aus Diefenbacher, Hans (Hrsg., 1996): "Anarchismus", Primus Verlag in Darmstadt (S. 25)
"Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person als auch in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst", heißt es bei Kant: Hier gebietet die Vernunft die Unterwerfung der Person unter das meta-individuelle Ideal einer moralisch qualifizierten "Menschheit". Stirner versucht, in seinem Hauptwerk sowohl dem Liberalismus in allen seinen Erscheinungsformen einerseits als auch dem Sozialismus beziehungsweise dem Kommunismus andererseits nachzuweisen, diese Unterordnung mit neuen Argumenten zu propagieren, und damit die Person, den Einzelnen seiner Eigenheit zu berauben, ihn um sein Eigen-tum zu bringen. ...
"Man meint wieder, die Gesellschaft gebe was wir brauchen, und wir seien ihr deshalb verpflichtet, seien ihr alles schuldig. Man bleibt dabei, einem 'höchsten Geber alles Guten' dienen zu wollen. Daß die Gesellschaft gar kein Ich ist, das geben, verleihen oder gewähren könnte, sondern ein Instrument oder Mittel aus dem wir Nutzen ziehen mögen, daß wir keine gesellschaftlichen Pflichten, sondern lediglich Interessen haben, zu deren Verfolgung uns die Gesellschaft dienen müsse, daß wir der Gesellschaft kein Opfer schuldig sind, sondern, opfern wir etwas, es uns opfern: daran denken die Sozialen nicht, weil sie - als Liberale - im religiösen Prinzip gefangen sitzen und eifrig trachten nach einer, wie es der Staat bisher war, - heiligen Gesellschaft! Die Gesellschaft, von der wir alles haben, ist eine neue Herrin, ein neuer Spuk, ein neues 'höchstes Wesen', das uns in Dienst und Pflicht nimmt!"
(Stirner)

Verycken, Laurent (1994): Formen der Wirklichkeit. Auf den Spuren der Abstraktion. Penzberg: GrundRiss-Verlag
Anarchismus ist die Weigerung das Allgemeine zu denken. [...] Vernünftig ist es, der Individualität der Dinge gerecht zu werden. Keine Wissenschaft, keine Politik, keine Moral und keine Religion nimmt uns die eigene Entscheidung ab.

Bakunin: Sozialismus und Freiheit. Aus: Achim v. Borries / Ingeborg Brandies: Anarchismus. Theorie, Kritik, Utopie. Joseph Melzer Verlag, Frankfurt 1970
Denn es gibt tatsächlich keinen Geist, (...) es gibt keine Kombination von klugen Köpfen, die so gewaltig wäre, all die unendliche Vielfalt und Verschiedenartigkeit realer Interessen, Sehnsüchte, Willensäußerungen und Bedürfnisse zu umfassen, die in ihrer Totalität den kollektiven Willen des Volkes konstituieren.

Michail A. Bakunin (1873): Staatlichkeit und Anarchie (S. 564-565)
Auf dieser Fiktion einer Pseudovolksvertretung und auf dem wirklichen Faktum, daß die Volksmassen von einer kleinen Handvoll Privilegierter regiert werden. Gewählter oder sogar nicht Gewählter durch die Menge des Volkes, das man zu den Wahlen zusammengetrieben hat, und das nie weiß, wozu und wen es wählt; auf diesem vermeintlichen und abstrakten Ausdruck dessen, was angeblich das ganze Volk denkt und will, wovon aber das lebendige, reale Volk auch nicht die geringste Vorstellung hat, darauf basiert in gleicher Weise die Theorie der Staatlichkeit und die Theorie der sogenannten revolutionären Diktatur.

Gustav Landauer: Anarchismus - Sozialismus. In: Der Sozialist, 7.9.1895
Um unsre Angelegenheit vernünftig und gerecht zu ordnen, werden wir nur selten die ganze Menschheit bemühen müssen, wir bedürfen keines Menschenparlaments und keiner Weltbehörde.

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