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Organisierung Einblicke in die Praxis Sein&Schein Reform und Revolution
Demokratiekritik

Strategien und Vorschläge zur Organisierung
Ohne Konsens- und Basisdemokratie, Kollektiv-Identitäten, Hierarchien und ständige schwarze Flaggen

Grundsätze++ Organisierung praktisch ++ Entscheiden? ++ Keine Label ++ Organisierung von unten

Der folgende Text ist ein Abschnitt im Kapitel zu Perspektiven des Anarchismus (Gliederung des Gesamtwerkes)

Grundsätze herrschaftsfreier Organisierung

Die Frage nach dem Abbau von Hierarchien, der Förderung von Kreativität, Selbstentfaltung und gleichberichtigtem Zugang zu allen gemeinsamen Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten gilt für alle: Betriebe, Gruppen, Teilnehmende bei Aktionen, Projekte und Experimente. Die Binnenstruktur ist selbst gesellschaftlicher Subraum und damit potentieller Ort der Verwirklichung anarchistischer Idee. Genau deshalb, weil Emanzipation kein Versprechen nur für begrenzte Teile des Lebens darstellt, ist es wichtig, auch in jeder Binnenstruktur um die Idee freier Menschen in freien Vereinbarungen zu ringen.
Nicht das Dogma, dass die Mittel dem Zweck entsprechen müssen, bildet den ideellen Kern emanzipatorischer Organisierung, sondern die Überzeugung, dass die gesamte Gesellschaft einschließlich ihrer Subräume Tätigkeitsfeld von Befreiung und Selbstentfaltung sein sollen. Warum sollen ausgerechnet die eigenen Strukturen, in denen die Veränderungsmöglichkeit und damit die Chance zur Veränderung so nahe liegt, von diesem Ziel ausgenommen werden?

Auf der Suche nach Halt

Colin Ward, Anarchismus als Organisationstheorie (Quelle)
Der Mensch ist von Kindheiten auf die Vorstellung hin erzogen worden, daß er eine Autorität außerhalb seiner selbst zu akzeptieren hat - Mutter sagt, Vater sagt, der Lehrer sagt, die Kirche sagt, der Chef sagt, der Ministerpräsident sagt, die Experten sagen, der Erzbischof sagt, Gott sagt -; er hat so ausgiebig die Stimme der Autorität vernommen, daß er sich keine Alternative mehr vorstellen kann. Die Gesellschaft muß organisiert sein, sagt er, wie soll das ohne Autorität geschehen? Denn ohne Autorität hätten wir doch Anarchie!

Kein Gott, kein Staat, keine höhere Moral, keine Gesetze und keine Regeln - in einer solchen Welt wäre der Mensch auf sich und die von ihm selbst organisierten oder mitgetragenen Vereinbarungen angewiesen. Es gäbe keinen künstlichen, äußeren Halt mehr. Der Mensch wäre hinausgeworfen in die Welt, stände auf sich und auf die von ihm aktiv (mit) organisierten und aufgebauten Kooperationen, Orte der Kommunikation und der sozialen Interaktion. Die heutige Welt ist davon weit entfernt. Die Kanäle des Lebens sind vorgegeben, Kooperation entsteht nicht auf freier Vereinbarung, sondern innerhalb festgesetzter Regeln und Rahmenbedingungen für Begegnung in sozialen Klassen und Seilschaften.

Anarchie beginnt mit der Akzeptanz des Losgelöstsein. Menschen sind hinausgeworfen in die Welt. Sie ordnen sich nicht von Natur aus in spezifische Gruppenstrukturen wie beispielsweise Herden oder Schwärme ein. Vielmehr lösen sie sich Zug und Zug aus den am Lebensanfang intensiven Bindungen und organisieren sich dann ihr soziales Umfeld selbst - wenn mensch sie lässt. Kooperation und Selbstentfaltung sind dabei ein- und derselbe Prozess, weil jede freie Zusammenarbeit und Vereinbarung auf dem Willen basiert, sich selbst im Leben zu entwickeln und die Handlungsmöglichkeiten auszudehnen.

Anarchistische Organisierung darf keine Ersatz-Geborgenheit bieten, also die Menschen nicht in fremde Orientierungen, Identifikationscodes oder feste Moralvorstellungen führen. Sonst wird sie zum Teil der Maschinerie von Einsortierung in vorgegebene Schablonen, die unsere Gesellschaft zur Zeit weitgehend prägt. Täte sie das, würde sie nicht befreien, sondern Bevormundung und Unselbständigkeit erträglicher gestalten - also genau das Programm bieten, was in den modernen Gesellschaften abläuft: Freiheit als Schein unter einem Berg von Abhängigkeiten und Entzug der Fähigkeit zur Selbstentfaltung.

Immer zeitlich beschränkt

Nichts ist Selbstzweck. Nur die Menschen selbst und ihre freien Zusammenschlüsse sind die AkteurInnen in einer anarchistischen Welt. Daher kann es auch nichts geben außer den Menschen. Nichts existiert ohne die stets neue Legitimation durch den Willen der Beteiligten. Organisatorischer Überbau erledigt sich, wenn der Wille der Menschen, die ihn geschaffen haben, erlahmt oder der Zweck erfüllt ist. Kein Zusammenschluss existiert als Selbstzweck. Wann er beginnt und wann er endet, bestimmen die Beteiligten. Ein jeder Zusammenschluss ist beendet, wenn niemand mehr da ist, der ihn aufrechterhält.
Da kein Zusammenschluss als eigene Persönlichkeit auftritt (so wie heute Vereine, Firmen, Parteien, Staaten usw.), lebt alles aus der Beteiligung der Menschen - und ist zuende, wenn es diese nicht mehr gibt.

Im Original: Organisation und Selbstzweck ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Colin Ward, Anarchismus als Organisationstheorie (Quelle: Graswurzelrevolution # 216, Februar 1997)
Organisationen neigen dazu, auch dann weiterzubestehen, wenn sie gar keine Funktion mehr haben oder ihre früheren Funktionen überlebt haben. Zeitlich begrenzt sollen sie eben deshalb sein, weil die permanente Existenz einer der Faktoren ist, die die Arterien einer Organisation verkalken läßt, indem sie das Interesse am eigenen Überleben und damit die Tendenz fest begründet, eher den Interessen der Funktionäre als der Ausübung der scheinbaren Funktionen zu dienen.

Aus Diefenbacher, Hans (Hrsg., 1996): "Anarchismus", Primus Verlag in Darmstadt (S. 91)
Anarchismus ist die Haltung der permanenten Erzeugung, Um- und Neuschaffung der (sozialen) Welt. Die Ethik als das wesentliche Gebiet des Anarchismus macht die Welt zum Charakter- und Willensproblem".

Aus Ilija Trojanow, "Freiheit, Skepsis, Totenkopf" in: "Anarchistische Welten" (2012, Nautilus in Hamburg, S. 7)
An diesen Definitionen ist erkennbar, dass Anarchie nicht der Endzustand einer historisch folgerichtigen Entwicklung ist, keine anzustrebende statische Form von Gesellschaft, sondem sich allein als permanentes Werden verwirklichen kann. Die häufig geäußerte Kritik an seiner ideologischen Unschärfe und amorphen theoretischen Gestalt übersieht, dass sich der Anarchismus niemals zu einem festen System fügen kann, weil es innerhalb eines starren Systems keine wirkliche Befreiung des Denkens geben kann.
Offene Systeme

Anarchie ist Unbestimmtheit: Ich gehe in einen sozialen Raum und habe keine Sicherheit. Ich weiß das. Es ist anders als in den heute dominierenden (basis-)demokratischen Systemen, wo Polizei oder Konsense eine Geborgenheit vorgaukeln und eine Orientierung verordnen. Ich weiß nicht, was geschieht, aber ich bin vorbereitet - und viele andere auch. Statt sich auf kollektive Entscheidungen oder Gesamtheiten zu verlassen, sind die Menschen selbst die AkteurInnen, die aus der Situation heraus entscheiden und agieren. Ich bin aufmerksam, die anderen auch. Weil die Gewißheit fehlt und das auch klar ist.
Es gibt keine Sicherheit vor SexistInnen oder RassistInnen, vor Gewalt oder Unterwerfung anderer Art. Die gibt es nie. In einem anarchischen Raum weiß ich das. Antiterrorgesetze oder Plenumsbeschlüsse können auch nicht vor Übergriffen schützen - nur oft glauben das viele. Das schafft die Möglichkeit, sich hinter ihnen zu verstecken und dann als AkteurIn zu verschwinden. Das macht sie gefährlich, denn übergriffsfreie Räume entstehen weder durch Kontrolle noch durch anschließende Sanktion, sondern durch die Aufmerksamkeit und Interventionsbereitschaft der Vielen.

Im Original: Gruppe und Gruppenzwang ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Wilk, Michael (1999): "Macht, Herrschaft, Emanzipation", Trotzdem Verlag in Grafenau
Von der "Emanzipation", geschweige denn Befreiung einer Gruppe zu sprechen, ist damit solange unsinnig, solange nicht die individuelle Erfahrung von Emanzipation auch innerhalb einer Gruppendynamik spürbar wird. Oder schärfer formuliert: Befreiung muß auch heißen, sich von der Gruppe befreien zu können. ... (S. 50)
Was sich so banal anhört ist evident: Nachvollziehbarerweise ist es ein gewaltiger Unterschied, ob jemand nur mit einem aufklärerischen Appell konfrontiert und dann allein gelassen wird, oder ob das Angebot der persönlichen Kontaktaufnahme eine Rückkopplungsmöglichkeit - und damit eine wesentlich günstigere Ausgangsbedingung für die Einleitung eines Emanzipations-Prozesses schafft. Dafür ist Öffentlich- und Ernsthaftigkeit denen gegenüber notwendig, die sich durch uns angesprochen fühlen oder uns ansprechen, weil sie Partner und Kooperation in einer Auseinandersetzung suchen. Eine Offenheit, die sich schlecht mit einer oft zu Tage tretenden Arroganz auf unserer Seite verträgt; einer Haltung, die auch Folge eigener Unsicherheit und eines uns aufwertenden Abgrenzungsbedürfnisses ist. Solche Abgrenzungstendenzen sind zwar verständlich und teilweise auch notwendig, um den Zusammenhalt einer Struktur sicherzustellen, aber wir müssen auch in der Lage sein, diese in Frage zu stellen, zu öffnen und Aufnahmebereitschaft zu zeigen, sonst sind unsere Strukturen starr, abweisend und in Bezug auf Emanzipations-Prozesse kontraproduktiv. (S. 59 f.)

Die Organisierung offener Räume und Systeme ist anspruchsvoll - eben weil Schein-Klarheiten fehlen. Es gibt also keine vermeintlich eindeutigen Lösungen, sondern alles ist ein ständiger Prozess. Das ist ehrlicher, weil Sicherheit und Klarheit nicht suggeriert wird, es ist aber auch emanzipatorischer, weil nun die Menschen den gesamten Ablauf, alle Beziehungen und Verhältnisse der Binnenstruktur prägen. Hausrecht, Hausordnungen und vieles mehr gehören auf den Müllhaufen, den Emanzipation und Anarchie hinter sich lassen müssen, wenn sie den Menschen in den Mittelpunkt stellen wollen.

Emanzipatorische Organisierung praktisch

Dynamisch, offen und die Beteiligten nicht in fremdbestimmte Identitäten drängend - so muss Organisierungskultur aussehen, will sie emanzipatorische Ziele verfolgen. Doch was heißt das praktisch? Die oft vorhandene Skepsis, dass angesichts der tief verankerten, sozialen Zurichtungen (mensch denke nur an die oft intensiv in Denken und Verhalten eingebrannten Rollen patriarchaler Verhältnisse zwischen Männern und Frauen) und fehlender Übung in freier Kooperation, horizontaler Kommunikation und Konfliktaustragung in kontrollfreien Räumen ein übles Faustrecht ausbrechen könnte, ist berechtigt. Das reine Weglassen formaler Zwänge, von Regeln und Kontrolle sowie der Appell, doch gut zueinander zu sein, wird nicht reichen. Es bedarf der aktiven Förderung von gleichberechtigter Kommunikation, Transparenz und Zugang zu Ressourcen, freier Kooperation und produktivem Streit.

Keine Privilegien, dafür eine horizontale Kommunikation

Herrschaftsfrei wäre nur, wenn alle Menschen auf gleicher Ebene zueinander stehen. Jedes Privileg würde die Kommunikation in eine Schieflage bringen. Wenn sich zwei Menschen begegnen, aber nur eine Kontrollrechte oder Zugang zu bestimmten Handlungsmöglichkeiten hat, die Passwörter kennt, den Schlüssel verwaltet oder Insiderwissen hortet, kommen schnell Rollenverteilungen zwischen BittstellerInnen und GönnerIn auf - zumindest unbewusst als ständige Drohkulisse auch hinter solcher Kommunikation, die auf den ersten Blick frei und gleichberechtigt wirkt.

Die Menschen in einem Planungsprozess, einer Diskussion, im Vorfeld einer Vereinbarung, Kooperation oder gar Abstimmung müssen also horizontal zu einander stehen. Es darf keine entscheidungsfähigen Räte oder sonst privilegierten Gremien im Hintergrund geben, deren Votum wichtiger ist, in dem aber nur einige der Vielen mitwirken oder unterschiedlich gute Kontakte dorthin bestehen. Noch schlimmer wären Pyramiden von Gremien, deren Spitze nicht mehr erreichbar erscheint.
Zudem darf es keine Stellvertretung und Vereinnahmungsmöglichkeiten geben. Wären in einer großen Runde Menschen einige privilegiert, das Ergebnis später nach draußen zu tragen, so gäbe ihnen das mehr Macht. Sie definieren durch Bekanntgabe des Ergebnisses später, was herausgekommen ist. Denn jede Vereinbarung und Abstimmung ist interpretierbar. Wer die offizielle Interpretation vornehmen darf, hat gegenüber den anderen einen Vorsprung.

Statt irgendwelcher Gremien mit besonderen Befugnissen bedarf es auch auf koordinierenden Ebenen, z.B. bei überregionaler Kooperation, der Vereinbarungsorte und aktiven Kooperationsanbahnung. Konkrete Vorschläge finden sich in der Textsammlung "Freie Menschen in Freien Vereinbarungen" und im Buch "Autonomie&Kooperation".

Ein bestechendes Beispiel, wie konsequente Horizontalität gestaltet werden kann, bietet das Losen. Wenn - trotz intensiver Versuch in horizontaler Kommunikation - keine Einigung möglich ist, aber eine allgemeine Entscheidung her muss (z.B. in welcher Farbe eine Wand gestrichen oder ob das einzig vorhandene Megafon vorne oder hinter in der Demonstration eingesetzt wird), empfiehlt sich das Losen. Es fegt alle Privilegien vom Tisch, niemand ist hinterher Schuld und schon das Wissen darum, dass bei Nicht-Einigung gelost wird, könnte die Neigung zu einer gleichberechtigten Diskussionskultur fördern. Denn was sollen Machtspiele bis Formen der Bestechung ("wenn Du dafür stimmst, mache ich ...") dann noch bringen?
Ähnliches gilt für Pöstchen: Wenn sie sich nicht vermeiden lassen, aber eine Einigung nicht gelingt (z.B. wer jetzt eine Verhandlung führt oder etwas übergibt), dann: Losen. Das ist im Übrigen gar nicht so absurd, wie es in dieser wahlgeilen Gesellschaft erscheint: In der attischen Demokratie des früheren Griechenlands, die als Vorbild heutiger Staatsformen so hochgelobt wird, wurden Ämter regelmäßig per Los vergeben. Das wird im Geschichtsunterricht natürlich konsequent veschwiegen ...

Transparenz und gleicher Zugang zu Wissen

Informationen und Wissen müssen frei zugänglich sein. Das gilt vor allem praktisch und reicht von der Frage, dass alle auch tatsächlich an die Information herankommen (also RollstuhlfahrerInnen auch an die Bücher im 5. Stock und InternetuserInnen ohne Passwort an Dateien und Netz). Immer gehört auch die Information, wo was zu finden ist, zu den wichtigen Voraussetzungen des gleichberechtigen Zugangs zu Informationen. Wer sich das im globalen Maßstab überlegt, wird schnell erkennen, welch eine gewaltige Aufgabe und Umschichtung von Ressourcen notwendig ist, um überall auf der Welt dieses Ziel zu erreichen. Es wäre sogar zum Vorteil der bereits Privilegierten, denn bei Wissen einschließlich technischer Erfindungen ist es so, dass sich dieses um so schneller und besser vermehrt, je mehr Menschen auf das Wissen zugreifen, es anwenden und weiterentwickeln können. Es ist die Perversität der bisherigen Geschichte verschiedener Herrschaftsepochen bis zum aktuell prägenden Kapitalismus, dass in viele Zonen der Welt Technik und Wissen nur kommt, wenn es zur Ausbeutung von Arbeitskraft und Rohstoffen dient - nicht aber weils es den Menschen dient.
Auch in den reichen Ländern der Welt werden z.B. Bibliotheken geschlossen und damit Menschen vom Zugang zu Wissen abgeklemmt. Dieser Trend muss umgedreht werden.

Patente, Lizenzen und Copyright blockieren die offene Fluktuation des Wissens ebenfalls. Ständig sterben Millionen auf der Welt, noch mehr darben in Not, weil irgendwelche Leute ihr Wissen zu Geld machen wollen - angetrieben durch ein System, in dem künstlicher Mangel der Vielen zu Reichtum von Wenigen wird.

Viel Wissen existiert in den Köpfen von Menschen - vor allem die Erfahrungen für den Alltag und das konkrete Leben. Handwerkliches Knowhow, Sprachen, kultur- und naturwissenschaftliche Anwendungen schlummern im Denken der Menschen und werden, wenn überhaupt, nur ganz wenigen anderen, z.B. Verwandten zugänglich. Doch dieses Wissen ist wertvoller, für Selbstentfaltung und Organisierung im Leben mitunter deutlich wichtiger als das starre Lehrbuchwissen der Schulen und Universitäten.
Es müssen Formen gefunden werden, wie Wissen besser weitergegeben werden kann. Die Welt braucht - überall verteilt - Lernorte, in denen Neugierige auf Wissende stoßen, um sich zur Weitergabe des Wissens frei zu vereinbaren. Nicht Stunden- und Lehrpläne dürfen die Welt des Lernens dominieren, sondern Neugierde und freie Lerngruppen. Jede Küche, jedes Kinderzimmer, jede Werkstatt und jeder PC dieser Welt können zum Labor des Lernens werden, wenn die Menschen einander suchen und nicht nur dem Staat oder der auf Profite schielenden Industrie überlassen, was sie wann lernen. Oft genug ist das Ergebnis dieses erzwungenen Lernens ohnehin, dass jede Lust auf Wissensaneignung versiegt und damit der Selbstentfaltung eine wichtige Basis entzogen wird. Jeder Versuch der Befreiung kämpft mit den Folgen. Viele konkrete Projekte hadern amit, dass Menschen nicht mehr lernen wollen, sondern auch in anarchistischen Projekten nach Instantlösungen für die vermeintliche Befreiung suchen.

Gleicher Zugang zu allen Ressourcen

Nicht nur Wissen ist eine Ressource, sondern auch alle Sachwerte. Wenn Menschen unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten aufgrund ihrer materiellen Ausstattung haben, gibt es zwischen ihnen keine Gleichberechtigung. Weretwas Notwendiges kaufen kann, ist in einer anderer Lage als eine Person, der das dazu nötige Geld fehlt. Letztere muss anders verhandeln, ist auf Kooperation angewiesen - erstere nicht oder zumindest nicht so sehr. Dieser Unterschied muss verschwinden, sollen Kooperationen und Kommunikation gleichberechtigt sein.

Von besonderer Bedeutung sind alle Produktionsmittel, also solche Geräte, aber auch Flächen, Räume, Pläne usw., in und mit denen etwas produziert werden kann. Ihr Besitz ist nicht nur Privileg als solches, sondern vervielfacht sich durch die Fähigkeit, mit dem Produktionsmittel immer wieder Sachwerte herstellen zu können, die dann denjenigen zusätzlichen Besitz schaffen, die über die Produktionsmittel verfügen.

Zugänge und Methoden müssen von allen gleichermaßen durchschaubar, hinterfragbar und veränderbar sein. Eine Übertragung der Prinzipien von Open Source in die nicht-digitale Welt ist nötig: Alle müssen alles nutzen, etwas hinzufügen, austauschen und weiterentwickeln können.

Kommunikations- und Kooperationsanbahnung

Selbstentfaltung und freie Vereinbarung leben von Kommunikation und Kooperation. Doch die entstehen nicht immer von selbst. Menschen sind unterschiedlich offen, redselig, kontaktfreudig oder streitbar. Es bringt daher große Vorteile, wenn im sozialen Miteinander von Menschen Orte entstehen, die Austausch und Miteinander fördern. Schon heute stehen dafür Gruppenmethoden bereit wie Open Space und andere. Es wird aber viele Möglichkeiten mehr geben. Wo Emanzipation zum Ziel wird, entwickeln Menschen die dafür förderlichen Techniken. Innovationen für soziale Prozesse dürften zu den wichtigsten Neuerungsfeldern in herrschaftsfreien Gesellschaften oder Subräumen gehören.

Im Original: Infrastruktur des Austausches ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Wilk, Michael (1999): "Macht, Herrschaft, Emanzipation", Trotzdem Verlag in Grafenau (S. 59)
Selbstverwaltete Betriebe und Zentren unterliegen bekanntermaßen ebenso wie Soziale Bewegungen spezifischen Integrations- und Anpassungsmechanismen, die dazu geführt haben, daß eine Vielzahl "alternativer" Projekte auch nur noch die Ebenen des banalen Massenkonsums befriedigen und jeden weiteren Anspruch verloren haben. Glücklich die Kommune oder Region, die noch Projekte aufweist, die flankierend neuen Auseinandersetzungen zur Seite stehen und die ein Klima erzeugen, in dem Diskussion über und Widerstand gegen unmenschliche Verhältnisse begünstigt werden. Die Wichtigkeit einer solchen Struktur in Bezug auf die alltägliche Lebenssituation der Menschen, die Kommunikation, das Gefühl von Eingebundenheit, ist kaum zu überschätzen. Was für die Region und für Stadtteile gilt, daß eine bestimmte soziale Infrastruktur Auseinandersetzung, Kommunikation und Austausch begünstigen, und angstfördernder Isolation entgegenwirken können, gilt auch im Kleinen.
Kein Recht, keine Regeln und keine Sanktionsgewalt

Zu alledem passen keine festen Regeln und Gremien, die entscheiden, kontrollieren oder sanktionieren. Denn wo Kommunikation und Kooperation ständig und intensiv fließen, würden alle formalen Abstufungen nur stören. Sie schaffen einerseits eine ständige Alternative zur horizontalen Gestaltung sozialer Interaktion einschließlich der Austragung von Konflikten. Wer sich ihrer bedient, kann auf die direkte Kommunikation verzichten. Zum anderen stellen sie immer Privilegien dar. Denn wer einem Gremium mit Sanktionsgewalt angehört, steht in einer anderen Stellung als die Person ohne ein solches Amt. Daran ändern Wahlen nichts, denn auch eine mit Mehrheit oder sogar im Konsens bestimmte Person ist in der privilegierten Stellung - zumal in Konflikten, die bei der Wahl dieser Person noch gar nicht absehbar waren.

Im Original: No control!... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Stehn, Jan: "Anarchismus und Recht" (Quelle)
Gefahr erwächst dort, wo Menschen sich durch Gewalt und Betrug systematisch Vorteile und Macht auf Kosten anderer verschaffen wollen. Wird das geduldet, breitet sich das Unrecht aus - denn auch der Gutwillige wird in dieses egoistische Treiben um Macht und Vorteile hineingezogen, um selber nicht unter die Räder zu kommen. Mit dieser Gefahr rechtfertigt sich heute der (demokratische) Staat. Er sei notwendig, um die Freiheitsrechte seiner BürgerInnen zu schützen. Im Unterschied zum Anarchismus verteidigt der Staat die Freiheit mit Mitteln, die der Freiheit widersprechen: Mit (Staats-) Gewalt soll Gewaltfreiheit in der Gesellschaft hergestellt, mit Gefängnissen die Freiheit geschützt, mit Zwangsbesteuerung ein solidarischer Ausgleich geschaffen werden. Der Staat stellt sich außerhalb der Freiheitsrechte, die er zu garantieren verspricht. Die Folge: Der Staat selber ist Bedrohung und Gefahr für die Freiheit.
Der Gedanke, daß Menschen, die die Freiheit anderer verletzen und mißachten, selber keinen Anspruch mehr auf ihre Freiheitsrechte haben, hat eine überzeugende Logik. Viele AnarchistInnen werden etwa einem Faschisten kaum Freiheitsrechte zuerkennen wollen. Ich bin da allerdings anderer Meinung. Wenn wir anderen Menschen ihr Selbstbestimmungsrecht aberkennen, dann stellen wir uns über sie – was der Idee des Anarchismus widerspricht. Wir haben das Recht, unsere Freiheitsrechte zu verteidigen und ungerechte Macht anderer zurückzuweisen. Aber das anarchistische Recht legitimiert niemanden, die Freiheitsrechte anderer zu verletzen. Strafjustiz ist unvereinbar mit dem Anarchismus.

Regel meint hier im übrigen etwas anders als Vereinbarung. Denn immer wieder werden sich Gruppen, um handlungsfähigkeit zu sein, auf bestimmte Vorgehensweisen einigen müssen. Diese gelten dann, solange die Gruppe zum die Vereinbarungen betreffenden Punkt agiert - oder bis eine Person zur Überzeugung kommt, dass die Vereinbarungen keinen Sinn mehr macht, ihr ein Irrtum zugrunde lag und dieses anspricht.
Ein Zwang, sich zu einigen, kann horizontale Kommunikation blockieren. Es ist daher sinnvoll, Gruppenstrukturen immer so zu organisieren, dass Unterschiedlichkeit in ihnen möglich ist, also z.B. eine Person mit abweichender Meinung auch phasenweise einfach beiseite stehen kann.

Konfliktkultur: Streit ist eine Produktivkraft

Streit als das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Auffassungen oder Interessen bei begrenzten Ressourcen oder auf andere Art hervorgerufener Unfähigkeit, Vielfalt und Unterschiedlichkeit einfach zuzulassen, wird in allen Gesellschaftsformen vorkommen. Es kommt auf die Frage des Umgangs an. Horizontale Konfliktaustragung bedeutet, dass Streit ohne Privilegien geführt wird, d.h. nicht eine oder wenige Streitparteien über bessere Möglichkeiten der Durchsetzung, der Beeinflussung Dritter oder des Zugang zu Hintergrundinformationen verfügen. Stattdessen sollte Streit aufdecken, auf welche - möglicherweise unterschiedlichen - Informationen sich welche Auffassungen stützen, wer um was fürchtet usw.

Prägend für solchen Streit ist der Verzicht auf eine Entscheidung. Eine Diskussion, bei der am Ende z.B. abgestimmt wird, folgt ganz anderen Gesetzmäßigkeiten als eine, bei der klar ist, dass hinterher alle weiterhin ihre eigene Auffassung behalten und umsetzen können. Erscheint es im Laufe der Debatte ausnahmsweise nicht möglich, diese Offenheit beizubehalten (z.B. weil sich zwei unterschiedliche Lösungswege ausschließen), so fördert die Aussicht, bei Nichteinigung zu losen, die gleichberechtigte Debatte. Denn es ist in diesem Fall nicht mehr gewinnbringend, Menschen auf seine Seite zu ziehen oder, bei Konsensverfahren, mögliche Vetos durch frühzeitiges Mobben oder Ausgrenzen der vetoverdächtigen Person(en) zu verhindern.

Es gibt für Streitdebatten zwischen Menschen, die sich direkt begegnen (können), bereits einige erprobte Methoden, z.B. die Fish Bowl als Alternative zur eher auf Sieg und Niederlage orientierten Podiumsdiskussion. Es ist bemerkenswert, wie selten solche Hilfsmittel auch in anarchistischen Kreisen angewandt werden. Viel soziale Innovation ist nötig, denn Konflikte führen fast immer zur Reorganisierung herrschaftsförmiger Strukturen oder, falls diese im Hintergrund schon vorhanden sind, zu deren Nutzung.
Interessant wird die Entwicklung Streitmethoden in Medien und Internet sein. Schließlich stellen sie einen immer größeren Teil der Debattenkultur dar.

Die Herrschaftsbrille aufgesetzt: Verhältnisse und Beziehungen durchleuchten

Immer und überall gilt: Skeptisch sein. Keine Methode ist so gut, dass sie den aufmerksamen und analytischen Blick auf das Geschehen ersetzt. Wo sind die versteckten Hierarchien? Wo besteht keine Gleichberechtigung in der Ausgangsposition oder im Zugang zu Handlungsmöglichkeiten und Wissen? Wo schleichen sich Rollenzuschreibungen, kollektive Identitäten oder Stellvertretung ein? Keine Gruppe, kein Betrieb und keine Kooperation ist davor grundsätzlich gefeit. Es bedarf immer des genauen Hinsehens und der Reflexion des eigenen Handelns - allein und zusammen mit anderen.
Das zu üben, macht auch deshalb Sinn, weil kein Herrschaftssystem so verschleierbar ist, dass es mit einem skeptischen Blick nicht enttarnbar wäre. Wer herrschaftsförmige Verhältnisse und Beziehungen überwinden will, muss sie entdecken. Der geübte Blick hilft daher auf dem Weg der Befreiung.

(Keine) Entscheidungsfindung in der Praxis

Die meisten Entscheidungsprozesse weisen mehrere Probleme auf:

Gegenmodell ist das Prinzip einer Welt, in der viele Welten Platz haben - heruntergebrochen auch in alle Subräume der Gesellschaft. Ausnahmen bilden die temporären Zweckgemeinschaften, also Runden von Menschen, die für ein bestimmtes Projekt zusammenkommen, dieses durchführen oder sich darüber beraten wollen. Gelingt ihnen eine Einigung, bedarf es keiner inneren Vielfaltsorganisierung mehr. Das aber bezieht sich nur auf den jeweiligen Punkt und längstens für die Zeit bis zur Umsetzung des Geplanten. Kommt es im Verlauf der Umsetzung zu Meinungsverschiedenheit, muss wieder neu geprüft werden, ob eine Einigung oder die Organisierung von Vielfalt im Gesamten möglich ist. Ansonsten können konkret handelnde Zweckkooperationen auf Zeit gemeinsame Entscheidungen treffen. Voraussetzung ist, dass alle dieses so wollen. Das gilt z.B. für Aktionsgruppen, die sich zu einem bestimmten Zweck versammelt haben und nun über das konkrete Vorgehen für diese eine Aktivität entscheiden.
Eine über das konkrete Vorhaben hinausgehende Einheit ist damit nicht begründet. Das anders zu handhaben, wäre gefährlich, da es immer Menschen gibt, die Ängste haben, sich zu äußern und sich deshalb einem Gang der Dinge widerspruchslos unterwerfen.

Für alle dauerhaften Organisierungen sowie die Kooperationen zwischen ihnen gilt allerdings, dass eine freie Entfaltung der Persönlichkeiten, die in ihnen wirken oder - im Falle von Kooperationen zwischen Zusammenschlüssen oder Bündnissen - indirekt betroffen bzw. mit gemeint sind, nur gewährleistet werden kann, wenn in den Strukturen Unterschiedlichkeit mindestens zugelassen, besser gefördert wird. Denn die durch soziale Zurichtung, Persönlichkeitsmerkmale und Ausgangsbedingungen noch vorhandenen, nicht gleichen Mitwirkungsfähigkeiten und -möglichkeiten würden sich zu einer Hierarchie entwickeln.

Als Fallbeispiel sei das an politischer Organisierung mit und ohne Entscheidungsgremien aufgezeigt. Üblich sind Gremien, die Entscheidungen fällen oder zumindest so vorbereiten, dass das weitere Prozedere der Bestätigung oder Abwandlung mit nachfolgender Bestätigung dient. Klassisch sind Bündnisse und Dachverbände. Erstere bestehen nach ihrer Logik für einen bestimmten Zweck oder nur ein einzelnes Projekt, können also zeitlich befristet sein. Letztere bilden formale Überbauten, deren Zweck sich wie bei einem Verein durch immer neue Geschehnisse und Vorhaben wandelt.
In solchen Strukturen werden Entscheidungen getroffen, die Bündnisse oder Dachverbände zu handelnden Subjekten machen. Sie haben Namen, oft sogar ein Label, SprecherInnen, manchmal sogar Vorsitzende oder gar Präsidenten. Diese reden im Namen des Ganzen - Stellvertretung und Vereinnahmen kommen als Herrschaftsmomente hinzu. Die Tendenz ist deutlich darauf abgestellt, größtmögliche Geschlossenheit zu erzeugen oder zumindest in der Öffentlichkeit zu suggerieren. Mehrheiten und die Führung eines Bündnisses oder Dachverbandes haben kein Interesse, Ressourcen für abweichende Positionen bereitzustellen. Daher stehen die Schaffung von Einheit und nicht von Vielfalt im Mittelpunkt.

Ähnlich ist es in einem System von Basisgruppen (oft Bezugsgruppen genannt) und den koordinierenden (SprecherInnen-)Räten. Zwar ist, wenn diese basisdemokratisch ausgelegt sind, formal keine Beschlussfassung in den Räten möglich. Zum einen ist das aber reine Theorie, denn die informelle Macht der Koordinierenden ist meist hoch genug, um Akzeptanz für vorgeschlagene Lösungen in den Basisbezügen durchzusetzen. Zum anderen bliebe selbst beim besten Willen, informelle Machtausübung von oben zu vermeiden, eine zur Gleichheit formende Kraft prägend. Denn die SprecherInnenräte können nur das Gemeinsame ausloten, während die Vielfalt nur dann wachsen könnte, wenn die Menschen mit abweichenden und ungewöhnlichen Ideen direkt in Kontakt kämen. Das aber verhindert ein Rätesystem, in dem es nur die Durchschnitts- oder dominante Meinung in die nächsthöhere Ebene trägt, wo dann ein erneuter Druck zur Angleichung besteht.

Eine Welt, in der viele Welten Platz haben, bedürfte einer Organisierungskultur, die bewusst und aktiv Vielfalt schafft. Dafür bedarf es einer Kommunikation, die alle Ideen aufzeigt, damit sich die jeweils daran Interessierten direkt treffen können. Methoden könnten z.B. sein:

Was vielen nicht klar ist: Das alles ist nicht so exotisch, wie es klingt. Selbst im deutschsprachigen Raum, dieser von den Organisierungsansätzen und Protestformen besonders langweiligen, von Apparaten und Hierarchien gekennzeichneten Region, gibt es funktionierende Modelle - auch im großen Maßstab. Das berühmteste Beispiel ist das Streckenkonzept des Castorprotestes. Es ist aus einem Agreement verschiedener Strömungen entstanden, die jahrelang um die Hegomonie rangen, aber sich nicht besiegen konnten (was durchaus ihr Ziel war). Um den ewigen Kampf z.B. zwischen Militanten und Gewaltfreien zu beenden, entstand die Idee, sich die Kilometer entlang der Straßen- und Schienenstrecke aufzuteilen. Fortan suchten sich alle ein Stück der Strecke, um dort ihre Form von Widerstand zu leben. Es gab hierarchische und dogmatische Organisationen auf den einen Metern, chaotische bis zufällige Aktionszusammenhänge an andern. Insgesamt wuchs aus genau dieser Entscheidung die besondere Kraft - und nur noch selten kam es zu Hegemonialkämpfen um die besten Standorte (bei denen auffiel, dass die Führungsriegen der besonders offensiv mit Etiketten wie "gewaltfrei", "friedlich" oder "basisdemokratisch" auftretenden Großbündnisse die spitzesten Ellbogen ausfuhren).
Im Castorprotest gibt es - zumindest formal - keine Einheit, keine SprecherInnen des Ganzen, kein übergreifendes Bündnis mit Verbindlichkeitscharakter. Dass dieser Zustand zwar bemerkenswert erfolgreich ist, aber den hegemonialen Gruppen der verschiedenen Strömungen nicht gefällt, war immer wieder zu sehen, wenn es um die Frage der Organisierungskultur weiterer Großaktionen ging. Ob beim G8-Gipfel in Rostock oder anderen Anlässen, immer versuchen die Bewegungseliten, Konzepte von Geschlossenheit und einheitlichen Aktionsabläufen durchzusetzen. Leider mit Erfolg und immer auch unter Beteiligung von anarchistischen Strömungen wie den Gewaltfreien, die ohnehin durch das Umfeld der GWR und der Verden-Wendländischen Bewegungsagenturen stark zentralisiert agieren, aber inzwischen auch weiteren autonom-anarchistischen Strömungen mit deren immer gleichen Köpfen z.B. aus Berlin, Bremen und Wiesbaden.

International boten das Sozialforum von Porte Alegre und der Widerstand 1999 gegen die WTO in Seattle gute Anschauung für die Schlagkraft von Konzepten der Vielfalt, in denen Kooperation die zentrale Steuerung ersetzt. In Groß Britannien haben Direct-Action-Gruppen viele Jahre lang solche Aktionsformen verfolgt und damit z.B. in London bemerkenswerte Wirkungen in der Stadt erzeugt.

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Aus Mühsam, Erich (1933): "Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat", Nachdruck bei Syndikat A und im Internet
Die von unten aufgebaute Organisation führt Personen zu Bünden zusammen, oft die gleichen Personen zu verschiedenartiger Verbündung. Man organisiert sich unter dem Gesichtspunkt der unmittelbaren Zusammengehörigkeit nach Gesinnung, Aufgaben und Örtlichkeit. Die Gesinnungsgenossen, die zu gemeinsamer Tätigkeit Verbundenen, die in Häusern, Straßen, Gemeinden, Städten auf gleichmäßige Bedingungen Angewiesenen, halten bei völliger Selbständigkeit in allen Entschlüssen gute Fühlung zu Bünden ähnlicher Beschaffenheit. Es findet dauernde gemeinsame Beratung in betrieblichen, beruflichen, weltanschaulichen Dingen statt, der Grundsatz der gegenseitigen Unterstützung ist für alle gemeinschaftlichen Maßnahmen verbindlich, ohne der Selbstverantwortung jeder Persönlichkeit und jeder Gruppe Abbruch zu tun. Es entsteht ein netzartiges Gewebe bis ins Einzelglied selbständiger, einander wechselseitig durchwirkender Arbeits-, Gesinnungs- und Nachbarsbünde, deren Einfluß- und Raumgebiet von Hof zu Hof, von Dorf zu Dorf, von Bezirk zu Bezirk, von Provinz zu Provinz, von Land zu Land, oder auch von Werkstatt zu Werkstatt, von Betrieb zu Betrieb, von Industrie zu Industrie, kurz in jeder wirtschaftlichen und geistigen Beziehung von Mensch zu Volk und Gesellschaft ausgreift und in lebendiger Gemeinschaft alle Beteiligten allen anderen Beteiligten kameradschaftlich zuteilt. Die anarchistische Organisation hat stets so auszusehen, daß sie im Kleinen das Bild der erstrebten freiheitlichen Gesellschaftsorganisation vorführt.

Anarchie - bitte ohne Label und kollektive Identitäten

Jede kollektive, identitäre Einheit, die nicht mehr die Vielfalt der sich selbst organisierenden Menschen abbildet, sondern einen selbst handlungsfähigen Überbau bildet, stellt eine Art von Beherrschung dar, weil in der Verselbständigung der Metatstruktur zumindest eine Vereinnahmung, meist aber auch eine Entmündigung und Stellvertretung der Einzelnen existiert. Freie Menschen in freien Vereinbarungen sind hingegen selbst organisiert ohne fremdbestimmte Label oder Identitäten.

Im Original: Kein kollektives Subjekt ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Mühsam, Erich (1933): "Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat", Nachdruck bei Syndikat A und im Internet
Anarchismus ist die Lehre von der Freiheit als Grundlage der menschlichen Gesellschaft. Anarchie, zu deutsch: ohne Herrschaft, ohne Obrigkeit, ohne Staat, bezeichnet somit den von den Anarchisten erstrebten Zustand der gesellschaftlichen Ordnung, nämlich die Freiheit jedes einzelnen durch die allgemeine Freiheit. In dieser Zielsetzung, in nichts anderem, besteht die Verbundenheit aller Anarchisten untereinander, besteht die grundsätzliche Unterscheidung des Anarchismus von allen andern Gesellschaftslehren und Menschheitsbekenntnissen.

Aus Bakunin, Michail: "Marxismus - Freiheit - Staat"
Außerdem ist der Staat ähnlich wie die Kirche schon von Natur aus ein großer Opferer lebendiger Wesen. Er ist ein Willkürwesen, in dessen Herzen alle positiven, lebendigen, individuellen und lokalen Interessen der Bevölkerung sich begegnen, zusammenstoßen, einander wechselseitig zerstören und absorbiert werden in jener Abstraktion, die man das Allgemeininteresse, das Allgemeinwohl, die allgemeine Sicherheit zu nennen pflegt, und wo alle realen Einzelwillen einander aufheben in jener anderen Abstraktion, die den Namen Wille des Volkes trägt. Daraus folgt, daß dieser sog. Wille des Volkes niemals etwas anderes ist als die Opferung und die Negation aller realen Einzelwillen der Bevölkerung; gerade so wie das sogenannte Allgemeinwohl nichts anderes ist als die Opferung ihrer Interessen. Aber damit diese alles verschlingende Abstraktion sich Millionen von Menschen aufzwingen konnte, mußte sie von irgendeinem wirklichen Wesen, irgendeiner lebendigen Kraft getragen und repräsentiert werden. Nun, dieses Wesen, diese Kraft hat immer existiert. In der Kirche ist es die Geistlichkeit und im Staat – die herrschende Klasse.

Aus Ilija Trojanow, "Freiheit, Skepsis, Totenkopf" in: "Anarchistische Welten" (2012, Nautilus in Hamburg, S. 9)
Anarchistinnen und Anarchisten besitzen kein Parteibuch, folgen nicht vorgeschriebenen Linien, glauben an keine Dogmen. Der Anarchismus besitzt kein abgeschlossenes Programm, er ist ein Work in progress.

Dennoch finden sich bei heutigen AnarchistInnen (wie in der sonstigen Gesellschaft auch) jede Menge identitärer Gruppen. Als mit Anarchie verbindbar gelten verbandliche Label, identitäre Fahnen und Logos, der Bioregionalismus oder die als natürliche Zusammenlebensform halluzinierten Stämme bis hin zu nationalen Befreiungsbewegungen.
Die Zustimmung verdanken sie auch dem Mangel an klaren und überzeugenden Strategien anarchistischer Organisierung. Es ist daher nötig, eine Kultur gleichberechtigter Kommunikation und freier Kooperation zu schaffen, um die Sehnsüchte nach Geborgenheit, die der inneren Leere entspringen, auf emanzipatorische Art zu erfüllen.

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Aus Cantzen, Rolf (1995): "Weniger Staat - mehr Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau
Die voneinander abweichenden Gesellschaftsalternativen oder Perspektiven werden lediglich als Vorschlag verstanden, als eine Möglichkeit neben anderen, wie eine anarchistische Gesellschaft aussehen könnte. Anarchisten wollen eine unbeschränkt »offene« Gesellschaft, Freiraum für verschiedene Lebensformen. Herrschaftslosigkeit bedeutet, daß keine Gesellschaftsform zwangsweise durchgesetzt werden darf, auch keine anarchistische. Anarchie ist demnach als ein Gesellschaftszustand zu verstehen, in dem eine Vielfalt von Lebensweisen, unterschiedlichen Produktions- und (herrschaftsfreien) Eigentumsformen nebeneinander Platz haben, koexistieren und kooperieren können. ... (S. 31)
Nach anarchistischer Auffassung sind multiforme Wirtschaftsgemeinden die Voraussetzung für gesellschaftliche und individuelle Freiheiten. ...
(S. 32, Zitat des Anarchisten Souchy) ...
Die föderativen Strukturen bilden sich auf der Grundlage kleiner Einheiten und ermöglichen eine Restrukturierung von Gesellschaft: »Gesellschaft ist eine Gesellschaft von Gesellschaften von Gesellschaften; ein Bund von Bünden von Bünden; ein Gemeinwesen von Gemeinschaften von Gemeinden; eine Republik von Republiken von Republiken.« ... (S. 79, Zitate von Gustav Landauer)
Aus dieser Hervorhebung einer möglichen Vielfalt von Organisationsformen innerhalb einer anarchistischen Gesellschaft ist der Schluß zu ziehen, daß mit einer libertären Perspektive keine geschlossene, einheitlich strukturierte Gesellschaft angestrebt werden kann. So ist es vorstellbar, daß kleine genossenschaftliche Handwerksbetriebe oder Dienstleistungserbringer, die sich vernetzen und über Tauschbanken kooperieren, sich in freien Vereinbarungen verpflichten, sich gegenseitig und zu einem zuvor vereinbarten Preis mit Produkten und Dienstleistungen zu versorgen. ... (S. 132)

Aus Douglas Post Park, "Timbuktu und die selbstorganisierten ... " in: "Anarchistische Welten" (2012, Nautilus in Hamburg)
Das Prinzip ist als Selbstorganisation bekannt. Vielfach in der wissenschaftlichen Literatur und Forschung der letzten beiden Jahrzehnte behandelt, ist Selbstorganisation eines der Konzepte, die erklären, wie sich ein komplexes System organisch strukturieren kann. Spezifisch auf die menschliche Gesellschaft bezogen, geht es bei Selbstorganisation um Prozesse der Machtteilung, bei denen Wissen, Entscheidungsfindung und Einfluss horizontal unter vielfältigen Gruppen gestreut werden. Eine zentrale Autorität existiert nicht, vielmehr entsteht durch Netzwerke gesellschaftlicher Interaktion ein dezentralisiertes und sich selbst heilendes System, indem heiliges und technischen Wissen geschützt wird, durch welches jede spezialisierte Gruppe wiederum ihre besonderen und einzigartigen Funktionen innerhalb der breiteren gesellschaftlichen Matrix bewahrt.
Zum Beispiel verfügt keine einzelne Gruppe über das vollständige Wissen des gesamten gesellschaftlichen Systems, sondem das Teilwissen, das in seiner Gesamtheit wesentlich für das Funktionieren der Gesellschaft ist, ist zwischen vielfältigen Gruppen aufgeteilt. Gesellschaftliche Gruppen teilen nur ein bestimmtes Wissen mit anderen spezifischen Gruppen, wodurch ein Maß an Überlappung und Redundanz geschaffen wird.
(S. 41)

Zusammenschau: Organisierung von unten

Anarchistische Organisierung, ob nun im Rahmen der Alltagsorganisierung, in Kultur oder politischem Kampf, in Produktion, Kommunikation oder Konfliktaustragung ist folglich der radikale Verzicht auf jede Form zentraler Steuerung und inszenierter Einheit. Basis ist die Autonomie der Teile, also der Menschen und ihrer freien Zusammenschlüsse als AkteurInnen. Das Netz zwischen ihnen strickt sich aus freien Vereinbarungen, Kooperation, Austausch, produktivem Streit usw. Ziel ist ein Rahmen, in dem viele Aktivitäten Platz haben.

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Aus Ratsch, Ulrich: "Vom guten und vom bösen Menschen", in: Diefenbacher, Hans (Hrsg., 1996): "Anarchismus", Primus Verlag in Darmstadt (S. 53)
Die Schweizer Uhrmacher arbeiteten damals nicht in Fabriken, sondern überwiegend in Heimarbeit. Sie waren, darauf wies Kropotkin hin, weniger an die Einordnung in ein hierarchisches System mit Anweisungen "von oben" und der Ausführung zugewiesener Arbeiten gewöhnt. Sie organisierten ihren Arbeitsablauf selbst und - so Kropotkin - entwickelten mehr geistige Freiheit und Beweglichkeit als die typischen Fabrikarbeiter. Deshalb gab es in dieser Sektion der Arbeiterbewegung keine straffe Kaderorganisation und keine Führer, obwohl es herausragende Köpfe gab, Einzelpersonen, die durch besonderen Eifer oder durch Ideenreichtum hervorstachen. In Genf hatte Kropotkin kurz zuvor erlebt, wie die Führer der dortigen Bewegung die Bauarbeiter manipulierten und daran hinderten, in einen Streik zu treten, nur um sicherzustellen, daß ein Rechtsanwalt, der sich der Bewegung angeschlossen hatte, Aussichten bei der nächsten Bürgerwahl hatte. Diesen Betrug vor Augen, fand Kropotkin die Organisation der jurassischen Uhrmacher erheblich sympathischer. Ähnliche Erfahrungen machte er kurz darauf in Belgien, wo er wiederum den Gegensatz zwischen zentralisierter politischer Agitation in Brüssel und unabhängiger, individualistischer Aktion unter den Tuchmachern in Verviers beobachtete. "Diese Tuchmacher gehörten zu den sympathischsten Bevölkerungsklassen, die ich in Westeuropa angetroffen habe" (MR 11, 92).

Aus Fuchs, Christian (2001) Soziale Selbstorganisation im informationsgesellschaftlichen Kapitalismus, Libri Books on Demand, Norderstedt (Quelle)
Es kann gesagt werden, daß der Anarchismus i.A. von kleinen organisatorischen Einheiten ausgeht, in denen basisdemokratische Entscheidungen getroffen werden. Dabei ist es eine Streitfrage, ob ein Konsens erzielt werden sollte oder ob Mehrheitsabstimmungen über Entwürfe, an deren Ausarbeitung alle Betroffenen beteiligt waren, stattfinden sollten. Mehrheitsbeschlüsse erhöhen den Exklusionsgrad demokratischer Prozesse, da der Mehrheitswille verbindlich gilt und der Wille der Minderheit unberücksichtigt bleibt. Der Selbstorganisationsgrad sinkt dadurch also und soziale Informationen, die in dem Sinn inklusiv sind, daß jedeR dieselbe Möglichkeit der Gestaltung und Mitbestimmung hat, bekommen einen zusätzlichen, nämlich exklusiven Charakter. In einer anarchistischen Entscheidungsstruktur mit Mehrheitsprinzip haben Entscheidungen einen inklusiv-exklusiven Charakter: Die Exklusion besteht im Mehrheitsprinzip, die Inklusion in dem hohen Maß der Beteiligung aller Betroffenen. Konsensentscheidungen wären also die Idealform, um inklusive soziale Informationen zu etablieren. ...
Allgemein kann festgehalten werden, daß anarchistische Entscheidungsmodelle, die sich durch Dezentralität, Basisdemokratie, kleinere organisatorische Einheiten, Rätemodelle, den Föderationsgedanken und die Selbstbestimmung Betroffener charakterisieren lassen, der Vorstellung von sozialer Selbstorganisation näher kommen als etablierte repräsentativ- und direktdemokratische (Volksentscheid, Volksbegehren, Volksinitiative usw.) Modelle und Elemente, da sie die Etablierung inklusiver sozialer Informationen zu einem wesentlichen Bestandteil ihres Ansatzes machen. Es geht dabei um die Vorstellung, daß Betroffene die Entscheidungsprozesse, als deren Ergebnisse soziale Informationsstrukturen entstehen, selbst bestimmen und gestalten können und daß sie unter veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auch die Fähigkeiten entwickeln können, dies in der Praxis durchzuführen. Es wird von anarchistischer Seite argumentiert, daß der bestehende Gesetzes- und Staatsfetisch sowie die kapitalistischen Verhältnisse dazu beitragen, daß unter den herrschenden Bedingungen eine radikale Basisdemokratie, wie sie der Anarchismus befürwortet, für die Menschen nur schwer vorstellbar ist.

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