Wie kann es weitergehen?
Konkrete Vorschläge und neue Ansätze
für die praktische Anarchie
Anarchistischer Alltag ++ Anarchie zeigen ++ Organisierung ++ Aktion ++ Utopien ++ Hoffnungen ++ Links
Ein Text im Buch "Anarchie. Träume, Kampf und Krampf im deutschen Anarchismus" (Gliederung)
Von der Strategie zur praktischen Umsetzung: Wie kann gelebte Anarchie schon heute im Alltag, in der politischen Auseinandersetzung und als Kooperation in einer komplexen, aber so ganz anders gepolten Gesellschaft aussehen? Fraglos: Ein vollständiges Bild wird sich hier nicht entwerfen lassen, denn aus der Idee von Emanzipation folgt ja, dass es keine schematischen Entwürfe geben kann, sondern es gerade das Kennzeichen herrschaftskritischer Praxis ist, immer die konkrete Lage und die Wünsche bzw. Bedürfnisse der Beteiligten zu beobachten, abzuwägen und daraus die Ideen für praktisches Handeln abzuleiten. Dem folgt zudem eine ständige Reflexion der Wirkungen, die das eigene Handeln verursacht, und der neugierige Blick auf alles, was sich sonst noch tut. Es gilt, die konkreten Verhältnisse zu umzugestalten, dass sich Menschen aus Bevormundungen, Zwangsverhältnissen und Hierarchien lösen können, um sich nach ihrer Eigenart und in freier Kooperation selbst zu entfalten. Dafür reicht weder der reine Protest gegen die bestehenden äußeren Zwänge und herrschenden Diskurse noch der bloße Versuch, irgendwo kleine Inseln der Glückseligkeit zu schaffen in der Illusion, diese ließen sich von den herrschaftsförmigen Einflüssen frei halten, die von Außen und durch die Zurichtung der Beteiligten in jeden Winkel der Welt geschleppt werden.
Anarchie für alle: Herrschaftsfreies Leben und Überleben im Alltag
Der Alltag ist das unmittelbarste Lebensumfeld aller Menschen. Gemeint ist damit das, was immer wieder, oft standardisiert die eigene Lebenspraxis darstellt. Für die einen findet das vornehmlich in den eigenen vier Wänden statt, andere sind in Schule, Ausbildung, Beruf oder auf der Straße unterwegs. Hinzu kommen Besuche, Treffen mit Verwandten und Bekannten, Gänge zu Ämtern, die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln, das Surfen oder Chatten im Internet, Aktivitäten in Vereinen, beim Sport oder anderen anderen Orten, die routinemäßig aufgesucht werden bzw. immer wieder kehren. Überall dort reproduziert sich die Herrschaftsförmigkeit der Gesellschaft. Gesetze und Normen strahlen in die Orte, Menschen tragen ihre sozialen Zurichtungen mit sich herum, Privilegien und Hierarchien wirken sich aus.
Warum sollte mensch für eine herrschaftsfreie Gesellschaft nur dann kämpfen, wenn explizit dazu aufgerufen wird? Also in einer seltsamen Einteilung von politischem und sonstigen Leben? Zumal das sehr uneffizient wäre, denn die - durchaus nützlichen und wichtigen - organisierten Politaktionen bedeuten einen wesentlich höheren Aufwand als das Handeln im Alltag. Denn der Alltag, der ist ohnehin da. An- und Abfahrtswege entfallen. Wer den Alltag zur Aktionsfläche macht, erweitert die eigenen Handlungsmöglichkeiten erheblich. Zudem ist der Alltag oft deutlich kommunikativer als z.B. große Demos oder Veranstaltungen, wo Kommunikation eher als frontaler Redeschwall herüberkommt - und oft nur die ohnehin Überzeugten erreicht.
Auf der anderen Seite schafft das Handeln im Alltag besondere Herausforderungen. Denn hier herrscht "Norm"alität. Es fehlt die künstlich geschaffene Situation politischer Aktion, in dem der Sonderstatus besondere Freiheitsrechte schaffen kann - sei es, da aber nur geringfügig erweitert, über das Versammlungsrecht, oder über die Freiheit der Kunst. Stark erweitern lässt sich die Handlungsfreiheit in konkreten Situationen, wenn eine Aktion ohnehin heimlich und im illegalen, aber nicht überwachten Raum abläuft.
Im Original: Handeln und reflektieren ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Versuch und bewusstes Scheitern
Aus Meretz, Stefan: "Den Kampfhund bändigen", in: Freitag, 18.6.2004 (S. 5)
Eine andere Praxis setzt voraus, die eigene Eingebundenheit zu erkennen. Das Falsche ist nicht das Andere, ich bin es auch, es geht durch mich hindurch. Jede Handlung reproduziert das Ganze. Und hier beginnt die Alternative: Das Spielfeld verlassen, die Spielregeln außer Kraft setzen, nicht mehr mitspielen - wo immer es geht. Es geht nicht immer, aber sehr oft.
Geht es nicht, dann ist das Falsche bei vollem Bewusstsein zu tun und nicht als das Richtige zu verbrämen. Denn es sind immer zwei Schritte: wahrnehmen und handeln. Geht das Zweite nicht, geht immer das Erste. Keine Selbstzensur, das Wahrnehmen, Empfinden und Erkennen nicht umdefinieren, sondern mit Bewusstsein klarmachen: "Ich müsste widersprechen, aber ich halte Klappe, weil ich sonst rausfliege. Aber Es ist falsch."
Handeln und Reflektieren (fragend voran ...)
Aus Meretz, Stefan: "Den Kampfhund bändigen", in: Freitag, 18.6.2004 (S. 5)
Ich plädiere für eine wahrnehmende Distanz zum eigenen Tun, für einen Überblick über Handlungsmöglichkeiten. Für das alltägliche Handeln ist es ein Unterschied, ob ich mich von der Entfremdungslogik aufsagen lasse, sie verinnerliche und wieder hinaustrage und Andere damit unter den gleichen Druck setzen, unter dem ich stehe. Oder, ob ich distanziert und ohne moralischen Zeigefinger auf mein eigenes Tun schaue, um es genau noch solchen quasi-automatischen Wiedergaben fremder Sachzwänge abzusuchen - auf das ich es beim nächsten Mal vielliecht lassen kann oder wenigstens nicht mehr als "richtig" oder "gerecht" rechtfertigen muss, vor mir und anderen.
Angriff ohne Utopie und Inhalt?
Aus "Einige Notizen zu aufständischem Anarchismus"
Wir haben kein Rezept für eine ideale Gesellschaft oder liefern das Bild einer Utopie für den allgemeinen Konsum. Die meisten AnarchistInnen der Geschichte, ausgeneommen derer die glaubten daß die Gesellschaft sich zu dem Punkt hinentwickeln würde an dem sie den Staat zurücklässt, waren aufständische AnarchistInnen. Einfach gesagt bedeutet dies, daß der Staat nicht einfach dahinschwinden wird. Vielmehr müssen wir AnarchistInnen angreifen, denn warten ist eine Niederlage; was wir brauchen ist eine offene Meuterei und das Verbreiten von Subversion unter den Ausgebeuteten und Ausgeschlossenen. Anarchismus ist deshalb hauptsächlich eine Praxis und konzentriert sich auf die Organisaiton des Angriffs.
Wilk, Michael (1999): "Macht, Herrschaft, Emanzipation", Trotzdem Verlag in Grafenau (S. 66)
Es geht damit auch um die Verweigerung vorauseilenden Gehorsams, um die Sabotage freiwilliger Unterwerfung im Alltag. Unter dem Aspekt, daß es die AlItagskonditionierung ist, die Menschen unterwürfig macht, die Anpassungsverhalten täglich einübt und zementiert.
Weil der Alltag das ständige Lebensumfeld der Menschen bildet, sind die Handlungsmöglichkeiten unendlich vielfältig. Andererseits sind sie immer mit direkten Auswirkungen auf das eigene Leben verbunden, denn dieses findet untrennbar im gleichen Alltagsgeschehen statt, welches aus den Handlungsrahmen schafft. Das ist nicht nur Chance, sondern auch eine zusätzliche Hürde. Wer politischen Protest als Ausnahmefall ins eigene Leben fügt, kann das so organisieren, dass sich sonst nichts ändert - ja, es ist möglich, politisches Engagement im sonstigen Leben völlig zu verstecken oder sogar unbekannt zu lassen. Ob Beziehung, Familie, Ausbildung, Arbeitsplatz, Nachbarschaft und mehr: Es kann alles völlig getrennt sein von einem in der Freizeit als Hobby, Abendtreffen und sporadischen Wochenendausflug gestalteten politischen Engagement.
Widerstand im Alltag heißt, sich dort einzumischen, bei Bedarf entgegenzustemmen oder Alternativen zu entwickeln, wo das eigene Leben ständig spielt. Damit hat jede Handlung auch Auswirkungen darauf, wird zum Gesprächsthema im Alltag, zum Segment des Umgangs mit anderen Menschen. Es verlangt mehr Mut, im Alltag aktiv zu sein als in den getrennten Sphären organisierter Politevents, die als Einmal-Inszenierung vorübergehen wie ein Urlaub oder Theaterbesuch - allerdings auch in ihrer Wirkung begrenzt bleiben auf den symbolischen Ausdruck. Die Einmischung in den eigenen Alltag oder aus ihm heraus kann verschiedene Facetten annehmen.
Aktion und direkte Intervention: Das ständige Einmischen
Die ständige Nähe des Alltags zum eigenen Leben ist Hemmnis und großer Vorteil zugleich. Hemmnis, weil wir unseren Protest nicht in einen Bereich verlagern können, der sonst mit unserem Leben nichts zu tun hat. Vorteil, weil der Alltag immer da ist und sehr viele Handlungsmöglichkeiten bietet. Zudem ist der Alltag - anders als der politisch-administrative Raum - ein Ort, in dem wir oft sogar richtigen Einfluss auf die Abläufe haben.
Eine Möglichkeit der Einmischung ist der politische Protest, also alle Formen von Aktionen, die gerade im Kleinen wirken können. Fast alles, was an Aktionsmethoden auch bei organisierten Protesten außerhalb des Alltag angewendet werden kann, hat hier auch eine Chance - wenn auch in kleinerem Format: Verstecktes Theater, Plakate, Sabotage, Kommunikationsguerilla, Flugblätter, offene Briefe usw.
Alltag ist aber auch der Ort, in dem Diskriminierung, Ausbeutung, Mobbing, Ungleichberechtigungen, Privilegien und alle anderen Formen von Unterdrückungsverhältnissen einen unmittelbaren Ausdruck erhalten. Praktisch ist das ständig der Fall, denn Herrschaft durchzieht die Gesellschaft bis in den letzten Winkel. Patriarchale Logiken, Zweigeschlechtlichkeit, Rassismus, Erziehung und Kinderdiskriminierung oder rechte Ideologien prägen den Alltag. Wer aufmerksam durch den Tag wandelt, wird viele Situationen entdecken, die Einmischung nötig machen, um Unterdrückungsverhältnisse aufzudecken, anzuprangern und - wenn eine passende Handlungsidee kommt - anzugreifen. Wer die Umgebung intensiv „abscannt“, d.h. beobachtet, hinterfragt und auf offensichtliche oder versteckte Herrschaftsförmigkeiten hin analysiert, bemerkt Tausende Stellen, an denen kleine Zeichen gegen das genormte Dasein hinterlassen werden können. Diese grundsätzliche Aufmerksamkeit ist einer der wichtigsten „Ausrüstungsgegenstände“ für den Widerstand im Alltag. Dazu kommt, sich gezielt Aktionstechniken anzueignen, um diese situationsbezogen einsetzen zu können – zum Beispiel um mittels verstecktem Theater in Kommunikation eingreifen zu können. Daneben lohnt es sich, immer auch so ausgerüstet zu sein, dass dir viele Handlungsmöglichkeiten offen stehen. Also immer eine Direct Action-Tasche dabei zu haben bzw. im Rucksack ein Fach für Aktionsmaterialien. Ein paar Dinge, die dazu gehören könnten:
- Edding: Unverzichtbar für spontane Veränderungen auf Plakaten, Toiletten, Behörden usw. Stifte aus Plastik werden von Metalldetektoren (oft an Eingängen von Polizeistationen, Gerichten ...) nicht bemerkt.
- Konfetti: Autoritätspersonen oder MackerInnen können durch Konfetti ein wenig „dekonstruiert“ werden.
- Parfüm: Es kratzt an ihrer Autorität und dürfte peinlich wirken, wenn BGS-BeamtInnen oder PolizistInnen „plötzlich“ anfangen nach Rosenblüten zu „duften“.
- Leere Plakate: Sind in Kombination mit Edding immer gut, um spontan auf Situationen reagieren zu können, z.B. um bei einer rassistischen Kontrolle im Bahnhof den BeamtInnen zu folgen mit gehobenen Plakat (Aufschrift: „Hier findet eine rassistische Kontrolle statt“).
- Mars-TV Transparent: Ein als Fernsehbildschirm ausgeschnittenes Transparent verschafft euch die Möglichkeit, in jeder Situation zur Mars-TV Reportage-Einheit zu mutieren und Ereignisse aus der Sicht von Wesen aufzugreifen, welche keine Herrschaft kennen. Denkbare Situationen: Bei Fahrkartenkontrollen interviewt ihr Fahrgäste und Kontrollettis, was der Sinn vom Bezahlen ist, ob die Züge dadurch schneller fahren, was der gigantische Kontrollaufwand bringt usw.
- Aufklebis: Immer ein paar Aufklebis dabei haben, um sexistische Magazine zu kommentieren, Produkte zu entwerten („Dieses Produkt ist entwertet – alles für alle statt Eigentum“), Lichtschalter ("... ausschalten") oder Klotasten ("... runterspülen") als Fläche für Slogans nutzen zu können. Leere Briefetiketten in Verbindung mit einem Stift sind zudem für unvorhergesehene Ereignisse gut.
- Kleber: Sekundenkleber kann Schlösser unbrauchbar machen, Türen ganz verschießen (in Türrahmen schmieren) oder auch anderes stoppen (Tasten, Knöpfe ... nix geht mehr). Klebeband dient zum Plakatieren, aber auch z.B. um Bewegungsmelder, Lichtschranken usw. unauffällig zu blockieren. Vor Videokameras können lustige Bildchen, Straßendreck u.ä. gehängt werden. Achtung: Auf Fingerabdrücke auf dem Klebeband achten!
- Achter-Vierkantschlüssel: Das Allround-Werkzeug, um in Zügen und Bahnhöfen an Sprechanlagen zu gelangen, Türen zu öffnen oder zu schließen, Klappen im Zug zu öffnen (z.B. um was zu verstecken) usw. - auch praktisch für Lebensmittelcontainer ... siehe Selbstorga-Seiten.
oder wahlweise Mehrfach-Innen-Schlüssel (Vierkant, Dreikant ...) - siehe Beispiel auf Abbildung rechts. - Einleger: Zettel für Zeitungen oder Bücher, die sich kritisch mit den Inhalten auseinander setzen oder über Möglichkeiten informieren, ohne Geld und Eigentum zu leben.
- Flugblätter: Da Begegnung mit rassistischen Kontrollen oder Erziehungsattacken gegenüber Kindern so alltäglich ist, macht es Sinn, immer ein paar Flugblätter mit thematischen Bezug mitzuschleppen.
- Kreide: Optimal um Wege und Straßen mit Sprüchen zu verschönern oder auf Herrschaftsdurchgriffe in der Öffentlichkeit zu reagieren. So können Polizeifahrzeuge kommentiert oder einzelne PolizistInnen mit Spruchblasen auf dem Boden bestückt werden.
- Ereigniskarte „Sie kommen aus dem Gefängnis frei“: Hilft zwar nicht garantiert gegen Festnahmen, ist aber lustig.
- TV B Gone: Klein, unauffällig und nur für spezielle Orte einsetzbar ist der Infrarotstrahler am Schlüsselring. In ihm sind viele Frequenzen der Ein-/Ausschaltimpulse für Fernsehgeräte gespeichert. Richtet mensch nun das Gerät auf solche und drückt den einzigen Knopf, den das Gerät hat, so dauert es meist ein paar Sekunden - und dann ist der Fernseher aus. Oder an. Das bietet interessante Chancen, z.B. auf Wahlpartys, im Unterricht oder wo auch immer das Aus des Fernsehgaffens erwünscht sein kann. Wer sich auf der anderen Seite keinen Breitbild-Plasma-Bildschirm leisten kann oder will, aber doch mal Interesse an einem Film hat, kann sein Sofa vor ein TV-Geschäft schieben und dann durch die Scheibe den schönsten der dortigen Fernseher anvisieren. Bislang ist das Gerät nur in den USA erhältlich, aber Briefe von dort kommen auch hier an. Mehr unter www.tvbgone.com. Verkauf in Deutschland über FoeBuD.
- Kleidung: Ein T-Shirt mit einem gut verständlichen und ebenso lesbarem Spruch kann bereits ausreichen, um in der U-Bahn oder anderswo in der Öffentlichkeit angesprochen zu werden und in politische Debatten einzusteigen
- Trillerpfeife, Alarmstift u.ä.: Zum Lärmmachen überall. Die Alarmstifte sind kleine, batteriebetriebene, extrem schrill-laute Sirenen. Sie sollen z.B. Angreifer in der Nacht abschrecken. Aus ihnen wird ein Stift gezogen oder eine Taste gedrückt und das Ding irgendwo hingeworfen. Es kann nicht ausgeschaltet werden. Wenn es also bei einer Veranstaltung irgendwo oben auf einem Gerüst oder ein einem Ablauf landet, wo niemand so schnell rankommt, ist es vorbei mit dem Labern, Feiern, Heldengedanken oder was auch immer grad läuft.
- Namensschild: An Hemdtasche oder anderswo befestigt, gibt so ein transparenter Visitenkartenhalter schnell ein förmliches Aussehen. Am besten gleich mit vielen Karten füllen und immer die passende nach vorne holen - je nach Lage: Sicherheitsdienst, Presse, Umsonstfahren (wenn mensch es offensichtlich macht, ist es keine Straftat!), Kontrolletti ... oder was mensch auch immer mal kurz sein will.
(Quelle: Direct-Action-Kalender 2006, ergänzt)
Im Alltag können einem Menschen begegnen, die einem bekannt sind und auch weiterhin zum eigenen sozialen Umfeld gehören - in der NachbarInnenschaft, am Arbeitsplatz, in Vereinen und Gruppen. Das erfordert ein besonderes Vorgehen, um hier nicht dauerhaft Kommunikationsmöglichkeiten zu beschneiden. Eher das Gegenteil wäre anzustreben: Neue Gesprächsthemen eröffnen, direkten Kontakt suchen.
Alltag sind aber auch die anonymen Verhältnisse im Supermarkt, in der U-Bahn oder im Bus, an der FußgängerInnenampel usw. Es sind oft hochkommunikative Räume, in denen Aktionsformen passend sind, die direkte Ansprache und Diskussion ermöglichen. Solche Methoden sind besonders wertvoll, da Kommunikation der entscheidende Zugang zu Diskursen und allem, was an Normierungen, Wertungen und Vorurteilen in den Köpfen schwirrt. Mit den großen Politaktionen der Wochenende lässt sich das regelmäßig nicht erreichen. Diese wirken eher über Medien und auf die repräsentative Politik - aber weniger auf die vielen Menschen überall. Deshalb ist es eine Schwäche politischer Bewegung, auf solche zentralen Events plus begleitender Appelle an die Herrschenden zu setzen. Emanzipatorische Veränderung muss einerseits die Macht aus Parlamenten und Konzernen zu den Menschen ziehen, andererseits aber auch den Alltag und die direkte Kommunikation als Handlungsebene erobern. Sonst bleibt alles Begleitfolklore zum weiteren Durchmarsch insitutioneller und diskursiver Herrschaftsverhältnisse und -beziehungen.
- Download der Broschüre "Widerstand im Alltag" (PDF)
Raus aus den Zwängen: Selbstbefreiung im Alltag
Die relative Beliebtheit von außerhalb der eigenen Alltagsbeziehungen liegender Politevents gegenüber der Einmischung im Alltag wird zusätzlich gesteigert dadurch, dass durch Aktionen an fernen Orten und innerhalb großer Gruppen die eigenen Überlebensbezüge und -quellen nicht gefährdet werden. Wer Händchenhalten auf dem Elbdeich spielt, riskiert keinen Verlust des Arbeitsplatzes. Und wer vorgefertige Emails an den digitalen Papierkorb der Bundeskanzlerin schicken lässt, muss sich dafür wohl kaum in der NachbarInnenschaft verantworten.
Anders sieht das aus bei Aktionen im eigenen Alltag und direkter Intervention. Wer gegen einen sexuellen Übergriff auf einer Party vorgeht, läuft Gefahr, zumindest kritische Blicke vieler in ihrer Feierlaune gestörten Partygäste zu ernten. Das kann, wer eine Unterschrift gegen Genitalverstümmelung in einem fernen Land leistet, nicht passieren (höchstens die standardmäßige eigene Belästigung durch die Spendeneinwerbeabteilungen der unterschriftensammelnden Organisationen).
Einmischung im Alltag geschieht immer als konkrete Person und oft in nicht-anonymen und nur temporären Bezügen. Schon allein das, um politische Handlungsfähigkeit zu erreichen, ist ein Grund, über die eigene Einbindung in Zwänge nachzudenken. Zentraler aber ist der Wert unabhängiger Entscheidungsfähigkeit (Autonomie) noch für das Leben selbst. Denn wenn Selbstentfaltung ein wichtiges Ziel des Lebens ist, bedeutet die Befreiung von allen normierenden und bestimmtes Verhalten erzwingenden Einflüssen eine wichtige, befreiende Voraussetzung, diese auch Wirklichkeit werden zu lassen.
- Abbau von Hierarchien
Jede Einbindung in Hierarchien schafft Handlungszwänge, da das eigene Verhalten durch andere bestimmt werden kann. Ob Familie, Wohngemeinschaft, Firma, Verein oder was auch immer: Formale Gleichberechtigung ist eine wichtige Voraussetzung für die Selbstentfaltung aller Beteiligten. Sie ist nicht alles, aber ein wichtiger Baustein.
Es wäre Sache anarchistischer Aktivität, überall Vorschläge für Dominanzabbau und gleichberechtigtes Miteinander einzubringen, Methoden zu entwickeln und vorzuschlagen. Eine Sammlung schon bestehender und anwendbarer Ideen findet sich unter www.hierarchnie.de.vu oder im HierarchNIE!-Reader. - Ökonomische Unabhängigkeit und Selbstorganisierung
Im Kapitalismus schafft der Zwang zum Verkauf der eigenen Arbeitskraft ständig Abhängigkeitsverhältnisse. Es besteht, zumindest für NichteigentümerInnen an Produktionsmitteln, aber auch für die meisten derer, die solche besitze, der Zwang, zwecks eigenen Überlebens für etwas zu schuften, was außerhalb des eigenen Willens liegt. Es wird entweder durch den sogenannten "Arbeitgeber" diktiert oder, bei Selbständigen und FreiberuflerInnen, sehr stark durch die Verkaufbarkeit der eigenen Tätigkeiten oder Fähigkeiten. Da der Mensch nicht auf eine gewisse materielle Reproduktion verzichten kann und zusätzlich zur Selbstentfaltung seiner Möglichkeiten und Wünsche oft weitere materielle Ressourcen benötigt, kommt er nicht umhin, für deren Beschaffung tätig zu werden. Von Bedeutung ist, ob die Art auf freiem Willen und freien Vereinbarungen aller Beteiligten beruht oder die Kooperation erzwungen ist.
Eine wesentliche Voraussetzung ist die Fähigkeit zur Selbstorganisierung. Wenn Menschen keine Alternative haben zum Verkauf ihrer Arbeitskraft, um sich mit dem dabei verdienten Geld ihr Überleben zu sichern, werden sie dazu neigen, Arbeitsplätze zu suchen und sich ausbeuten zu lassen. Es ist daher wichtig, diese Abhängigkeiten abzubauen - sei es durch ein bedingungsloses Grundeinkommen, durch Selbsthilfegruppen, Umverteilung und/oder effiziente Nutzung gesellschaftlicher Versorgungsnischen. Sie alle sind nicht mehr als Zwischenschritte zu einer Gesellschaft, in der alles allen zugänglich ist. Aber als diese Zwischenschritte können sich durch partielle Befreiungen den Kampf für mehr beflügeln.
AnarchistInnen können und sollten neben entsprechenden politischen Forderungen Selbstorganisierungs-Netzwerke für das Überleben im Alltag initiieren. Diese können auch über den beschriebenen Rahmen hinausgehen und zu selbstverwalteten Betrieben oder Wohnhäusern führen. - Kommunikation und freie Kooperation
Eine herrschaftsfreie Welt muss eine kommunikative Welt sein. Denn die direkte soziale Interaktion mit vielen, oft komplexen Absprachevorgängen ersetzt die hierarchische Kommandostruktur, die heute eine Gesellschaft organisiert, zusammenhält und auch aufrecht erhält. Solche Kommunikation kann ebenso wie die Anbahnung von Kooperation auch heute schon gefördert werden durch direkte Begegnung, Wandzeitungen, lokale Radios, eigene Mitteilungsblätter usw. - sowohl in Betrieben wie auch in Gruppen, Häuserblocks, Wohnvierteln und Dörfern, an kulturellen Treffpunkten oder in Sportstätten. Kein Ort muss ausgespart bleiben.
Wer Anarchie will, kann hier loslegen und solche Kommunikationsstränge verwirklichen. - Gleicher Zugang zu allen Ressourcen
Reichtumsunterschiede schaffen Privilegien. Daher ist der gleichberechtigte Zugang zu den vorhandenen Ressourcen eine wichtige Forderung und eine Handlungsmöglichkeit für die Praxis. In der Utopie wird das mit dem Ende des Eigentums verbunden sind. Im Hier & Jetzt können kleine Projekte und Experimente das große Ziel im Kleinen teil-verwirklichen und bewerben. Beispiele für bereits bestehende Beispiele sind Umsonstläden, NutzerInnengemeinschaften (Geräte, Bücher usw. werden gemeinsam genutzt), offene Räume, Aktionsplattformen (z.B. Projektwerkstätten), Selbsthilfewerkstätten und ähnliche Einrichtungen, Häuser und Flächen, die ohne Hausrecht für alle offen sind, ebenso auch Produktionsstätten, die nicht nur Sache kleiner EigentümerInnenkreise sind, sondern von vielen, auch Interessierten und Betroffenen der Umgebung, betrieben werden.
AnarchistInnen könnten hier viel mehr Initiativen starten und das konkrete Projekte mit der Benennung von weiterreichenden Utopien verbinden, z.B. über Ausstellungen, Gespräche, Informationsschriften, Veranstaltungen und Aktionen.
Anarchie zeigen: Überzeugen durch Vorleben?
Jede Handlung, jede Aktion und jedes Projekt kann zu mehr werden, wenn es dafür genutzt wird, weitergehende Utopien zu vermitteln. Zudem kann es die Wirkung des Konkreten verbessern, wenn die dahinterstehende und über das kleine Experiment hinausgehende Idee sichtbar wird. Zwar mag das zunächst auch einige Menschen abschrecken (wer ist angesichts der heutigen Hetze schon gern anarchisch?), aber da müssen emanzipatorische Ideen und IdeengeberInnen durch. Herrschaftsfreiheit, unter welchem der vielen Begriffe auch immer benannt oder umschrieben, muss aus den dunklen Ecken gesellschaftlicher Subkulturen, temporärer Protestphasen des Lebens oder bürgerlicher Hetze zu einer gegenkulturellen Offensive, zu einem erstrebenswerten Ideal und zur hinter den Aktionen der Befreiung und Selbstorganisierung stehenden Hoffnung erweckt werden.
Sie ist keine Idee für wohlige Sonntagsreden klein- und bildungsbürgerlicher Kreise, die mit verklärtem Blick die bessere Welt einfordern, um in ihrem sonstigen Leben zu denen zu zählen, die aus teil-privilegierter Stellung heraus genau das Gegenteil mit abzusichern helfen.
"Anarchie ist machbar, Herr Nachbar" (zwecks besseren Reimens in männlichem Sprachstil) lautet ein beliebter Spruch, den AnarchistInnen aber lieber vor sich hinbrabbeln, wenn sie unter sich sind, oder klammheimlich den NachbarInnen auf die Hauswand sprühen, um auch die letzte Chance zur Debatte um Herrschaftsfreiheit zu zertrümmern.
Aus Gordon, Uri (2010): "Hier und jetzt", Nautilus in Hamburg (S. 64 f.)
Die wirksamste Art anarchistischer Propaganda wird immer die Schaffung und die Demonstration anarchistischer gesellschaftlicher Beziehungen sein - eben die Praxis der vorwegnehmenden Politik. Es fällt Leuten viel leichter, die Vorstellung eines Lebens ohne Chefs oder Führer anzunehmen, wenn sie es erleben und nicht nur Argumente dafür lesen oder hören, auch wenn sie eine solche Erfahrung nur in einem begrenzten Maßstab machen können.
Wenn schon Emanzipation und ihre radikalste Form, die Anarchie, als Gegenkultur verstanden werden, liegt es nahe, auch den ganzen Bereich, der originär als Kultur verstanden wird, ins Blickfeld zu nehmen. Schrift, Bild, Ton, Inszenierung und vieles mehr vermitteln gesellschaftliche Auffassungen. Sie sind regelmäßig utopischer und mutiger als realpolitische Forderungen oder die Verzagtheit praktischer Alltagsgestaltung. Andererseits ist auch Kultur in vielen Zwängen gefangen, und ihre Befreiung aus diesen hin zu einer selbstbestimmten und selbstorganisierten Form wäre von Bedeutung.
Dennoch ist interessant, wie hoch der Anteil von Musikgruppen, MalerInnen, SchriftstellerInnen und mehr ist, die sich - oft träumerisch - sehr positiv auf Ideen der Herrschaftsfreiheit und Gleichberechtigung beziehen, während die Realität in einem gigantischen Korsett von Zwängen und Hierarchien versinkt. Einschließlich der Form künstlerischer Präsentation, die oft genug sehr direkt den in ihr vermittelten Inhalten stark widerspricht.
Es gibt praktisch keine anarchistische oder wenigstens emanzipatorische Inhalte vertretende und solche Ideale praktizierende KünstlerInnenszene, auch wenn die Inhalte ihrer Kunst dem oft entsprechen.
Aus Gordon, Uri (2010): "Hier und jetzt", Nautilus in Hamburg (S. 67)
Eine solche Herangehensweise begreift Anarchie als Kultur, als gelebte Realität, die überall in unterschiedlichen Gewändern auftaucht, sich unterschiedlichen kulturellen Klimata anpasst und um ihrer selbst willen verbreitet und entwickelt werden soll, unabhängig davon, ob wir der Auffassung sind, dass es die Vorherrschende gesellschaftliche Form werden wird.
Keine Eintagsfliege: Selbstorganisiertes Leben
Anarchie im Alltag ist also dreierlei:
- Direkte Aktion in Form der Einmischung, Veränderung oder Sabotage bestehender Verhältnisse oder unterdrückender Handlungen.
- Aufbau bzw. Steigerung unabhängiger Lebensverhältnisse, d.h. der Befreiung aus materiellen und sonstigen Zwängen, Aufbau gleichberechtigter Formen des Zusammenlebens, unabhängiger und freier Kommunikation und Kooperation.
- Werben für die konkreten Projekte und Versuche, aber auch immer, am besten damit verbunden, für die visionäre Idee einer herrschaftsfreien Welt.
Kleine und große Schritte, gerne auch mal - wenn es die Situation zulässt - ein großer Wurf, wenn z.B. eine Fabrik übernommen, ein Dorf oder Wohnviertel selbstverwaltet oder per praktischer Aktion die Unterdrückungsmaschinerie gestoppt werden kann, sind immer gut. Damit sich die Veränderungen auch zu einer Gegenkultur entwickeln können, bedarf es aber mehr als Strohfeuer. Solange Protest und Selbstorganisierung nur die Nebenrolle in einem ansonsten von Abhängigkeiten und Zwängen durchzogenen Alltag sind, werden sie irgendwann gestrichen werden aus dem Tagesplan der von den fremdbestimmten Anforderungen überforderten Menschen. Es muss daher gelingen, den selbstorganisierten Alltag, sei des die materielle Reproduktion, die Kommunikation und Kooperation mit dem Umfeld oder die Einmischung in Form von Intervention und Aktion, zu einem Kontinuum zu machen. Das meint nicht starre Formen, sondern dass es mehr wird als die vereinzelten Ausnahmen im ansonsten abhängigen Leben.
Aus Wilk, Michael (1999): "Macht, Herrschaft, Emanzipation", Trotzdem Verlag in Grafenau (S. 61)
Die Crux sozialer "Ein-Punkte-Bewegungen" (Anti-AKW, Anti-Startbahn etc.) ist unter anderem, daß es oftmals nicht gelingt eine dauerhafte und grundsätzliche Auseinandersetzung mit Macht und Herrschaftsstrukturen herbeizuführen, weil die Beschäftigung an der Oberfläche gesellschaftlichen Erscheinens bleibt. Nicht nur verlorene Konflikte. sondern sogar erfolgreich abgeschlossene Auseinandersetzungen, die sich quasi nur an dem gesellschaftlichen Symptom abarbeiten, führen zum Rückfall der Beteiligten ins "rein Private", sobald der Aktualkonflikt beendet erscheint.
Anarchie für Gruppen: Organisierung ohne Hierarchien
Menschen bilden regelmäßig Zusammenhänge, sei es der Kommunikation wegen, eines sozialen Miteinanders, dem gemeinsamen Erreichen von Zielen, zur Verwaltung von Besitz und unzähligen anderen Zwecken. Eine jede solcher Gruppen stellt einen gesellschaftlichen Subraum dar. Immer entstehen Strukturen, ungeschriebene Gesetze durchziehen das Verhalten in der Gruppe und die Kommunikation, mehr oder weniger fest umfließt eine Grenze das Innere der Gruppe und trennt sie vom Drumherum. Wenn Emanzipation die Befreiung aus allen Zwängen, Zurichtungen usw. ist, dann gilt sie genauso für die eigenen Organisierungen. Es ist daher von großer Bedeutung, die Ideen der Emanzipation zur Geltung zu verschaffen auch und gerade an den Orten, die wir selbst gestalten.
Einschub hier: Extraseite zu Organisierungsfragen
Anarchie für Betriebe: Produktion und Verteilung
Betrachten wir einen weiteren wichtigen Bereich des gesellschaftlichen Leben. Wo kommen die Brötchen her? So könnte salopp die Frage lauten, mit der die Debatte um die materielle Reproduktion gestellt wird, oft auch mit den Begriffen Ökonomie oder Wirtschaft begrifflich gefasst. Doch das wäre zu allgemein. Denn aus emanzipatorischer Sicht, die ja den Menschen und dem, was ihm nützt, in den Mittelpunkt stellt, sind die heute zentralen Sektoren im Wirtschaftsleben überflüssig, während andere unterdrückt werden, die eigentlich wichtig wären. Denn ökonomische Tätigkeit im Kapitalismus dient der Erzielung und Steigerung von Profit, dem Aufbau wirtschaftlicher Macht und der Akkumulation von Produktionsmitteln. Alles, was Erschaffen wird, dient nur dazu, in Wert gesetzt zu werden, um daraus neue Möglichkeiten zu ziehen, wieder Werte zu schaffen oder Produktionsmittel zu akkumulieren. Die Bedürfnisse oder Ideen der Menschen spielen dabei nur insofern eine Rolle, als deren Befriedigung ein Weg sind, Profite zu erzielen. Würden Firmen mit dem Verkauf von Nahrungsmitteln keinen Gewinn erzielen können, gäbe es unter den herrschenden Bedingungen gar keinen Antrieb, das Verhungern der Massen zu verhindern. In diesem Sinne ist das herrschende Wirtschaftssystem unmenschlich. Wie aber sähe eines aus, dass den Menschen dient?
Umfangreiche Vorschläge dazu sind in verschiedenen Debatten rund um freie Produktionsformen (Oekonux, Keimformen, NutzerInnengemeinschaften, freie Software usw.) gemacht worden. Eine Übersicht bietet der Reader "Herrschaftsfrei wirtschaften". Etliche dieser Texte sind auf der Utopie-CD zusammengestellt worden (Downloadliste online).
Gesonderte Abhandlungen finden sich in der Textsammlung "Freie Menschen in freien Vereinbarungen" und als Kapitel im Buch "Autonomie&Kooperation".
Insofern bedarf es hier nur einiger sehr konkreter Vorschläge für Betriebe und wirtschaftliche Tätigkeit, die anarchistischen Ideen folgen sollen.
Selbstverwaltung: Produktionsmittel in freien Vereinbarungen
Ein wichtiger Gesichtspunkt sind die Produktionsmittel, also alles, was wiederum zum Herstellen materieller Güter nötig ist: Boden, Maschinen, Gebäude. Von der Systematik her sind auch technisches Wissen und Software zur Steuerung von Produktionsabläufen hier einzusortieren, wenngleich sie einfacher zu vervielfältigen sind und daher keiner besonderen Regelungen der Verfügbarkeit bedürfen, wenn auf ihnen keine Beschränkungen wie Patente liegen.
Maschinen und erst recht Böden sind aber nicht beliebig vervielfältigbar. Es kann daher zu Konkurrenzen führen, wenn verschiedene Menschen Nutzungsansprüche erheben und nicht genügend Produktionsmittel vorhanden sind, dass alle jederzeit darauf zugreifen können.
Sinn, darüber zu diskutieren, wie der Zugriff zu gestalten ist, besteht nur dann, wenn überhaupt die Menschen über die Produktionsmittel verfügen. Das ist also Grundvoraussetzung, dass Böden, Produktionsmaschinen usw. dem Eigentum privater Firmen ebenso entrissen werden wie dem Staat, der nur in abstrusesten Ideen eine Sache der Menschen ist, tatsächlich aber über diesen schwebt und sie mit Mittel der Macht in sich einverleibt. Was nötig ist, ist also keine Verstaatlichung, sondern eine Vergesellschaftung von Produktionsmitteln - aber in dem Sinne, dass es die Menschen sind, die dann in freier Vereinbarung den Umgang mit ihnen regeln.
Zur Zeit sind die Produktionsmittel fest in der Hand der jeweiligen EigentümerInnen. Es ist auch weitgehend alles verteilt. Eine anarchistische Produktionsweise würde daher zum Nischendasein bestimmt - es sei denn, die AkteurInnen eignen sich von der bestehenden materiellen Ausstattung, den Produktionsmitteln, Böden und Gebäuden einen ausreichenden Anteil an, der eine andere Produktionsweise auch in größerem Umfang zulässt.
Im Original: Aneignung der Handlungsspielräume ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Meretz, Stefan: "Den Kampfhund bändigen", in: Freitag, 18.6.2004 (S. 5)
Aneignung kann zweierlei bedeuten. Zunächst einfach "Wegnahme": angefangen vom Mundraub, über Unbezahlt-Zugang-verschaffen und die Raubkopie bis zum Haus-besetzen. Die Grenzen von der Subversion zum bloß individuellen Unter-den-Nagel-reissen sind fließend. ...
So verzichten Tauschringe auf die Geldform, tauchen jedoch einfache Arbeitszeit-Äquivalente ohne Ansehen der Qualifikation - geringe Reichweite. Umsonstländen hingegen brechen mit dem Tausch als Vermittlungsform von Herstellen und Verbrauchen - größere Reichweite.
Freie Software als drittes Beispiel schöpft in neuer Weise Neues und verteilt die Güter auf neue Art. Das Alltagsmittel Computer wird vom Konsumgut zum Produktionsmittel. In kollektiver Selbstorganisation werden nützliche Produkte geschaffen - für mich und gleichzeitig für alle. Selbstentfaltung, Vergegenständlichung der individuellen produktiven Kraft, was mir entspricht, ist der Antrieb.
Ein Schritt in die Praxis: Produktion und Versorgung in die Hand der Menschen
In der politischen Debatte dreht sich ein langwieriger Streit um die Frage, wieviel Einfluss der Staat auf die Wirtschaft haben soll. Seit Jahrzehnten stehen sich die vermeintlich sozialistischen Regierungen mit ihrer Neigung, Firmen zu verstaatlichen und möglichst viel des Wirtschaftslebens (meist nicht nur das) zu verregeln, den kapitalistischen Staat mit ihren vermeintlich freien Märkten gegenüber. Interessant ist, dass die Unterschiede für das praktische Leben der Menschen gar nicht besonders intensiv sind. Wie rücksichtslos ein Regime gegen die eigene Bevölkerung vorgeht oder wie erfolgreich es andere Länder ausbeuten und dadurch den eigenen Lebensstandard heben kann, hängt weniger vom Anteil verstaatlichter Betriebe ab als von der grundlegenden politischen Ausrichtung und der Wirtschaftsmacht des entsprechendes Staates. Für die einzelnen Menschen, ob nun ArbeiterInnen, Erwerbslose, reproduktiv tätige Haushaltskraft im Hintergrund (in patriarchalen Verhältnisse also ein Großteil der Frauen) oder Auszubildende, besteht der Unterschied nur im abstrakten Wissen, an wen der Mehrwert geht - an meist skrupellose FirmenchefInnen oder ebensolche Staatsregierungen.
Die eigentliche Alternative zu beiden herrschaftsförmigen Modellen ist die Verlagerung ökonomischer Aktivität in BürgerInnengesellschaften. Damit sind Produktions- oder Versorgungseinrichtungen gemeint, die den Menschen selbst gehören bzw. von diesen gesteuert werden. Darum sollte gerungen werden - durchaus auch auf politisch-parlamentarischer Ebene. Lange Zeit ist die vormals staatlich oder kommunal organisierte Daseinsvorsorge (z.B. Energie- und Wasserversorgung), aber auch Bildung und Wissenschaft immer mehr in die Hand privatwirtschaftlicher Firmen übergeben worden. Die Folgen waren und sind eine immer stärkere Orientierung dieser Sektoren auf Profite. Der aufgrund schlechter Erfahrungen einsetzende Weg zurück ist nicht nur teuer, sondern bietet auch keine emanzipatorische Perspektive. Denn Staat und Gemeinden sind keine freien Zusammenschlüsse der Menschen, sondern abstrakte Machtinstitutionen mit Eigeninteresse. Was nötig ist, sind Elektrizitäts- und Wasserwerke und Gewinnungsanlagen in BürgerInnenhand, selbstorganisierte Schulen, von Staat und Wirtschaft unabhängige Wissenschaft usw. Die Elektrizitätswerke Schönau sind ein brauchbares Beispiel, welche Kräfte und Möglichkeiten das freisetzen kann - ob sich die InitiatorInnen dort sicherlich nicht als AnarchistInnen bezeichnen würden, sondern eher als christlich orientierte Wertkonservative. Aber ihnen war der Weg versperrt, mit Konzernen oder dem Staat zu paktieren, denn die kungelten alle mit dem Großkonzern, der unter anderem seinen Atomstrom gewinnbringend verkaufen wollte. So konnten die EWS-GründerInnen nur auf die Macht der Menschen bauen. Sie gewannen und es entstand eine der interessantesten Firmen dieses Landes. Dass sie kaum NachahmerInnen fand, zeigt einerseits das Desinteresse an Umweltverbänden, -parteien und -gruppen an der Machtfrage, andererseits aber auch die Schläfrigkeit anarchistischer Strömungen im deutschsprachigen Raum, solche oder ähnliche Modelle nicht hinauszutragen in eine Welt, die unter der Kontrolle von Markt und Staat steht, aber so vielen gar nicht gefällt. Es wird Zeit, die Alternative deutlich aufzuzeigen und Experimente zu starten, damit nicht nach dem Scheitern neoliberaler Phantasien nur einfach ein gestärkter Staat zurückkommt. Davon hätten die Menschen nämlich nichts.
Schmeißt den Markt aus den Köpfen und Produktionsplänen!
All das - ob nun alternative Betriebe oder Produktion und Versorgung in BürgerInnenhand - nützt allein aber oft wenig, wie die bisherigen Experimente gezeigt haben. Es gibt etliche selbstverwaltete Betriebe, innerhalb derer mehrere Menschen zumindest formal gleichberechtigt sind und sich den Zugriff auf die Produktionsmittel teilen. Das ist zwar noch keine anarchistische Perspektive in dem Sinne, dass alle Interessierten, Beteiligten und Betroffenen sich gleichberechtigt einmischen können, aber es ist immerhin die Ankoppelung des Besitzes an konkrete Menschen. Doch arbeiten die nun für die Bedürfnisse der Menschen?
Leider tun sie das nur in einigen, sehr seltenen Ausnahmen, die denn auch reichlich exotisch wirken zwischen den ganzen selbstverwalteten Betrieben, Genossenschaften usw., die alle gnadenlos für den Markt arbeiten. Sie versuchen, über Werbung Nachfrage zu erzeugen, suchen nach den Marktsegmenten mit dem höchsten Profit für ihre Tätigkeit und verlieren die Bedürfnisse der meisten oder aller Menschen völlig aus den Augen. Diese Hinwendung an die Marktlogiken hat ihre Folgen. Sachzwänge entstehen, die Effizienz der Arbeit muss bis zu einer Konkurrenzfähigkeit im Markt gesteigert und deshalb oft auf Schuldenbasis investiert werden. Arbeitszeiten und Output müssen rentabel sein.
Es braucht also auch hier etwas Neues, nämlich die Abkoppelung der Produktion vom Markt, in dem Werbung, Erzeugung von Bedürfnissen oder anderen Quellen der Nachfrage, Konkurrenz und vieles mehr wüten. Produktion und Versorgung sollen ein gutes Leben und die Selbstentfaltung der Menschen ermöglichen. "Wirtschaft soll dem Menschen dienen" heißt es ja auch pathetisch in Programmen von Parteien, Kirchen und Organisationen. Das aber geht nur, wenn die Menschen auch die Bestimmenden werden. Produktion muss an Wünsche und Bedürfnisse der Menschen gekoppelt werden. Das gelingt nicht in Form abstrakter Fünfjahrespläne, wie es die realsozialistischen Regierungen mal unter dem Banner vermeintlicher Bedürfnisfeststellung der Menschen versucht haben. Sondern es müssen die Menschen selbst sein, für die und durch die produziert wird. Es ist daher auf Dauer nicht befriedigend, wenn Firmen nur in Selbstverwaltung der dort Arbeitenden stehen, sondern sie müssen Kommunikation und Kooperation derer, die in ihnen produzieren, und denen, deren Bedürfnisse dadurch gedeckt werden, darstellen. Hinzukommen noch die Betroffenen z.B. in der Nachbarschaft von Produktionsstätten.
Interessante Beispiele einer Produktion ohne Markt bilden landwirtschaftliche Höfe, die für einen bestimmten Kreis zu versorgender Menschen die notwendigen Lebensmittel produzieren. Angesichts fortentwickelter Kommunikationsmöglichkeiten muss das nicht bedeuten, nur noch auf ein regional beschränktes Angebot zurückgreifen zu können. Aber es stellt die Produktion, ergänzt um einen regionalen und überregionalen Austausch von Produkten, auf die Bedürfnisse der Menschen ein. Der freie Markt als Kampfzone um Preise, Verteilung und Monopole fällt weg.
Gleicher Zugang statt gerechte Verteilung
Ebenso radikal gilt es die Mechanismen der Verteilung in Frage zu stellen. Der Ruf nach gerechterer Verteilung des Reichtums greift nämlich zu kurz oder geht an den entscheidenden Punkten schlicht ganz vorbei. Denn das Bild fehlender Gerechtigkeit geht vom Irrtum aus, dass Hunger, Armut usw. dadurch entstehen, dass die Reichen und Überernährten nichts abgeben. Das ist falsch. Armut und Hunger entstehen, weil die Besitzenden auch noch über mehr Machtpotentiale verfügen (von Geld bis zu Armeen) und daher ständig den Armen noch etwas wegnehmen können, obwohl ohnehin schon alles sehr ungleich verteilt ist. Die Verteilung ist also das Problem. Dort, wo das Potential zur zentral gesteuerten Verteilung besteht, könnt es zur künstliche Erzeugung von Mangel. Dieser ist wirtschaftlich lukrativ, denn er sichert Absatzmärkte, hohe Preise, wirtschaftliche Macht und damit hohe Profite.
Die Macht zur gesteuerten Verteilung muss also raus aus den wirtschaftlichen Prozessen. Produktions- und Versorgungsmöglichkeiten gehören in die Hand der Menschen, die mit ihnen arbeiten, aber sie nicht besitzen und daher nicht anderen entziehen können. Die Produkte sind nicht Eigentum der Produzierenden, sondern ein gesellschaftlicher Reichtum, der allen offen steht. Die Akkumulation von Produktionsmitteln führt nicht mehr besseren Chancen auf Profite, weil das Ergebnis (mehr Produkte) keine Rendite verspricht. Gleichzeitig ist die Akkumulation auch nicht zur Versorgungssicherheit nötig, weil je niemand abgetrennt werden kann vom Zugang zu den Gütern. Es ist ausschließlich Sache der freien Vereinbarung, was wie und für wen produziert wird, was aus Gründen der Effizienz immer ein bisschen auf Vorrat hergestellt und dann wie gelagert und nutzbar gemacht wird.
Es gibt sehr wenig Experimente dieser Art. Sie würden auch mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, weil sie zwar Produkte aus eigener Herstellung bedürfnisorientiert und, näher an der Utopie, nicht gegen einen festen Preis als Ware abgegeben würden, sie müssten voraussichtlich aber viele Betriebsmittel (z.B. Energie) als Ware beziehen, also "einkaufen". Das wird Übergangsmodelle notwendig machen. Allerdings können die Projekte starke Außenwirkung entfalten, wie es Umsonstläden oft schon tun, die ja von der Verteilung her schon nach dem Prinzip des gleichen Zugang zum vorhandenen Reichtum funktionieren. Ließe sich diese Idee auch ausdehnen auf Lebensmittelläden, Energieversorgung usw.?
Ökonomische Hierarchien überwinden
Jedes wirtschaftliche Projekt kann und sollte nicht nur Hierarchien und Ungleichberechtigungen im Binnenverhältnis überwinden sowie durch die direkte Verknüpfung von Nachfrage und Angebot die eisigen Gesetze des Marktes ausschalten, sondern auch dazu beitragen, übergreifende wirtschaftliche Herrschaftsverhältnisse anzunagen oder zu durchbrechen. Hierzu gehören die Abkoppelung der meisten Menschen vom Zugang zu Produktionsmitteln, der Zwang zur Verwandlung aller Güter und Fähigkeiten in Waren, die über den Preis zu neuem Wert werden und der Anhäufung von Profiten dienen, und die Zuordnung bestimmter Rollen und Verteilungen zwischen Metropole und Peripherie.
Letzteres kann im Detail aufgebrochen werden, wenn klassisch periphere Tätigkeiten wie Land- und Gartenbau mitsamt der Nahrungsmittelveredlung, Energiegewinnung und anderes in die Metropolen integriert wird, während umgekehrt Kulturstätten, Bildungsorte usw. in periphere Räume gestreut werden. Hier können alternative Projekte und Betriebe zum einen ein kleines Stück der nötigen Veränderung selbst sein und zum anderen diese zum Teil nicht so offensichtlichen Herrschaftsverhältnisse offenlegen und kritisieren.
Anarchie in Aktion: Intervention ins Hier & Jetzt
Wer die Kritik an den herrschenden Verhältnissen oder Entwürfe für herrschaftsfreie Zukünfte in Aktionen und Projekten vermitteln will, muss Wege finden, wie sich in eine konkrete Aktivität dieses mit einbauen lässt, oder sogar speziell dafür Aktionsideen entwerfen. Von größerer praktischer Bedeutung dürfte das Erstere sein, denn für das gesellschaftliche Engagement von Menschen entzündet sich regelmäßig eher an Detailfragen als an gesamtgesellschaftlichen Utopien. So suchen BürgerInneninitiativen, Verbände und unabhängige Gruppen in der Regel ganz konkrete Aktivitätsfelder, in denen sie ihren Protest entwickeln. Seltener sind eigene Vorschläge, die sich zudem auch meist auf ganz konkrete Punkte beziehen. Das ist völlig legitim, weil schließlich die direkte Betroffenheit oder ein konkretes Interesse die Menschen motivieren, sich zu engagieren.
Eine Verknüpfung visionärer Ideen mit dem Ein-Punkt-Protest ist aber nicht nur regelmäßig möglich, sondern bei kritischer Analyse der Hintergründe des angegriffenen Missstandes auch nötig. Es ist sogar eine der Gründe für die Schwäche vieler Initiativen und Protestgruppen, dass sie ihr Vorhaben aus dem Zusammenhang reißen und lösen wollen, ohne die sonstigen politischen Verhältnisse zu ändern. Mitunter kann das auch gelingen - als Zugeständnis der Eliten aus dem Kalkül heraus, den Bogen von Unterdrückung und kapitalistischer Ausbeutung nicht so zu überspannen, dass Unzufriedenheit den Protest mehr anheizt als nötig.
Tatsächlich steckt hinter jedem Missstand auch die politische Gesamtstruktur. Nichts ist von den gesellschaftlichen Verhältnissen getrennt: Keine Person agiert im leeren Raum und keine politische Entscheidung, keine betriebliche Investition und keine Organisationsform (eigentlich) öffentlicher Belange fällt vom Himmel.
Diesen Zusammenhang zum Teil der eigenen Aktion zu machen, ist danach nicht nur strategisch klug, sondern politisch auch nötig. Sonst beschränkt sich BürgerInnenprotest immer auf die Korrektur im Detail. Aufgrund der begrenzten Kraft des oft nur ehrenamtlichen Engagements gegenüber einer mit Personal, Geld und materiellen Ressourcen überfrachteten Sphäre aus Staat, Institutionen und Konzernen wandelt sich selbst ein zunächst resolut vorgetragener Protest in eine Politikberatung, die am Ende im Appell an die Mächtigen endet, deren Machtfülle einschließlich Verteilung von Ressourcen und Gestaltungsmitteln aber nicht in Frage stellt. Damit aber bleiben die Entstehungsvoraussetzungen des Problems, d.h. selbst nach einem erfolgreichen Ringen ums Detail können ähnliche Probleme und sogar die gleiche Geschichte wieder entstehen.
Den konkreten Widerstand mit der Vermittlung der zu dem jeweiligen Einzelpunkt passenden Argumente und Vorschläge so darzustellen, dass auch die Kritik an den Entstehungsvoraussetzungen und erhofften, über das Einzelne hinausgehenden Visionen einer Zukunft in ihnen mitschwingt, ist die Kunst emanzipatorischer Aktion - und damit auch der Anspruch an anarchistisches Agieren in der Öffentlichkeit.
Zwei verschiedene, ebenfalls geschickt miteinander verbindbare Formen sollen hier dargestellt werden: Der Widerstand als Angriff auf das Bestehende - gern aber verbunden mit über die Kritik hinausgehender Formulierung alternativer Möglichkeiten und Vorschläge. Und der Aufbau von Projekten, in denen entweder Folgen sozialer Missstände aufgefangen, kleine Verbesserungen angestrebt oder Keimzellen für etwas größeres Neues gelegt werden. Denkbar ist auch hier, beide Ansätze miteinander zu verbinden.
Widerstand
An dieser Stelle kann und soll nicht das breite Spektrum unterschiedlicher Aktionsmethoden vorgestellt werden. Wer nach Ideen oder konkreten Tipps sucht, ist auf www.direct-action.de.vu richtig oder kann den Direct-Action-Reader bestellen. Zum offensiven Umgang mit Repression, Polizei und Gerichten gibt es eine besondere Seite und auch einen weiteren Reader.
Es gibt aber einige grundsätzliche Überlegungen, die aus Protest eine emanzipatorische Aktion machen, d.h. eine, in der sich Anspruch und Wirklichkeit wenigstens annähern.
Ein Punkt ist das Vermeiden von Appellen an die Herrschenden oder den Einsatz bestehender Machtverhältnisse für das eigene Ziel. Denn damit wird genau das legitimiert, im schlimmsten Falle sogar gestärkt, was einen Missstand hervorruft. Das sei am Beispiel Umweltzerstörung erläutert. Die rücksichtslose Nutzung von Ressourcen, die Vernichtung von Lebensgrundlagen, das Pflastern immer neuer Industriegebiete, Straßen usw. in die Landschaft und die Entsorgung des anfallenden Mülls vom Papiertaschentuch bis zum strahlenden Ex-Brennstab eines AKWs funktionieren nur über Mechanismen von Herrschaft, zum einen in seiner platten Form bei der Durchsetzung von Interessen in politischen Sphären und beim gelegentlich notwendigen Durchprügeln der Vorhaben durch die Polizei, zum anderen aber auch in der Steuerung von Diskursen, Informationsflüssen und Wertungen. Ohne diese Matrix der Macht bedürfte gesellschaftliche Gestaltung immer der freien Vereinbarung mit den Betroffenen und Interessierten. Das aber würde Umweltzerstörung ganz oder weitgehend unmöglich machen, denn Menschen sind nicht von sich aus so dumm, sich ihre eigene Überlebensgarantie, nämlich ein lebensfähiges Nahumfeld, einfach kaputt machen zu lassen.
Wer nun für den Umweltschutz eintritt, dabei aber weder an emanzipatorischen Zielen interessiert ist noch beim Mittel der Umsetzung kritisch reflektiert, kann schnell geneigt sein, für das eigene Anliegen die umsetzungsstärksten und daher scheinbar effizientesten Wege zu gehen. Das aber wären in der heutigen Zeit Polizei, Gerichte, Behörden und Konzerne. Tatsächlich haben Umweltschutzverbände fast immer darauf gesetzt - zunächst auf den starken Staat, ab den 90er Jahren und damit als Mitschwimmende und AntreiberInnen des Neoliberalismus immer mehr auf Konzerne und marktförmige Mechanismen. Für manch Einzelprojekt war das nützlich, aber in der Gesamtheit wurde damit der Umweltschutz zu einem Instrument der Herrschenden. Sie bestimmen heute, was "nachhaltig" oder "umweltgerecht". Umweltorganisationen sind überwiegend abhängig von Industrie- und Staatsgeldern. Ein riesiges Protestpotential, ursprünglich eher in einer diffusen Protestszene von BürgerInneniniativen, Aktionsgruppen und Netzwerken mit kaum einheitlicher politischer Ausrichtung (einschließlich auch starken rechten Strömungen) ist heute die Sache von Staat, Wirtschaft und bürokratischen, abhängigen Umwelt-NGOs. Die Sphäre der Macht ist also um ein Tätigkeitsfeld erweitert worden, während die Menschen mal wieder das Nachsehen haben (was die meisten, lethargisch als MitläuferInnen und Rädchen im System sozialisiert, nicht stört).
Um dieser Falle zu entgehen, mit dem eigenen Protest brauchen also direkte Aktionen. Damit ist gemeint, dass nicht der Appell an die Mächtigen, sondern die eigene Handlung die Veränderung schafft - entweder ganz konkret (ein ausgerupftes Genfeld ist einfach weg, ein demontierter Abschiebeknast ebenso ... alles schon vorgekommen!) oder über einen öffentlichen Druck, der dann zwar doch zu einer Umsetzung der Forderung über die Sphären der Macht führt, aber diese eben nicht selbst anruft und dadurch auch nicht legitimiert und stärkt.
Desweiteren braucht es einer klaren Position gegen die Strukturen der Macht. Sie mindestens zu benennen und im Rahmen der Aktivitäten als Ursache bzw. Problem zu demaskieren, wäre der mindeste Anspruch an emanzipatorischen Protest. Er würde sich zum Widerstand wandeln, wenn die Herrschaftsverhältnisse und -beziehungen, die den Hintergrund von Missständen darstellen, nicht nur benannt, sondern auch angegriffen werden.
- Der Kampf gegen die Atomkraft kann mit dem Widerstand gegen die eine solche Nutzung überhaupt ermöglichenden Konzerne, ihren Verflechtungen, den Gesetzen, der Vergabe von Fördergeldern und vielem mehr verbunden werden.
- Wer gegen die Diskriminierung nach Geschlecht agiert, kann das mit der Absage an die Stärkung genau der Strukturen verbinden, die das Problem geschaffen oder seit Jahrzehnten bis Jahrhunderten aufrechterhalten haben.
- Hausbesetzungen sind ein Ausdruck der Eigeninitiative. Sie mit dem Appell ausgerechnet an die Stadtregierungen zu verbinden, die den Verlust von Lebensqualität in den Städten verantworten, wäre - und ist! - absurd. Besser wäre eine Demaskierung politischer Verhältnisse und die Forderung, viel mehr Flächen und Gebäude einer Selbstorganisierung der NutzerInnen und Interessierten zu überlassen.
- Ministerien, Lebensmittelbehörden und andere, die seit Jahren die Agro-Gentechnik sowie den Umbau zur industrialisierten Landwirtschaft fördern und durchwinken, sind die falschen AdressatInnen für den Ruf nach gentechnikfreiem und selbstbestimmtem Wirtschaften auf Äckern und Wiesen. Vielmehr muss ihre Rolle, müssen Verflechtungen und Interessen offengelegt sowie die Dezentralisierung der Macht oder, weitergehend, die Verlagerung hin zu einer selbstverwalteten Sache der Menschen selbst gefordert werden (Text zur emanzipatorischen Gentechnikkritik).
Eine wichtige Unterscheidung: Ziviler Ungehorsam und "Direct-Action"
Viele Aktionen, die immerhin nicht auch noch blind an der Grenze der Legalität hängenbleiben (ohne Sinn und Zweck von Gesetzen zu hinterfragen, die überwiegend ja platten Machtinteressen folgen), werden mit dem Label des zivilen Ungehorsams versehen. Das geschieht auch in anarchistischen Kreise, vor allem in den gewaltfreien Zusammenhängen, wo der zivile Ungehorsam die Leitidee von Aktion darstellt. Bei näherer Betrachtung aber ist ziviler Ungehorsam eben gerade nicht direkt, sondern auch nur ein Appell an die Herrschenden - wenn auch in einer provokant zugespitzten und mitunter die Regeln der angerufenen Machteliten verletztenden Weise.
Aus Gordon, Uri (2010): "Hier und jetzt", Nautilus in Hamburg (S. 31 f.)
Zwischen der direkten Aktion und einem verwandten Konzept, dem des »zivilen Ungehorsams« sollte unbedingt unterschieden werden. Unter dem Letzteren ist meiner Ansicht nach jede Art kollektiver Verweigerung gegenüber dem Gesetz zu verstehen, wobei dies entweder aus moralischen Motiven geschieht oder um Druck auf die Regierenden auszuüben, damit sie schließlich auf Forderungen eingehen. So schreibt Henry D. Thoreau: »Wenn die Alternative darin besteht, entweder alle Gerechten einzukerkern oder Krieg und Sklaverei abzuschaffen, wird der Staat bei der Wahl nicht zögern.« Demnach ist ziviler Ungehorsam im Grunde eine konfrontative Form des Dialogs zwischen Bürgern, die sich nicht unterordnen, und dem Staat. Dieser Dialog stellt die grundlegende Legitimität des Staates nicht infrage (denn es wird vom Staat erwartet, dass er auf die Forderungen der Ungehorsamen reagieren und beispielsweise ein ungerechtes Gesetz ändern wird). Oft geht der zivile Ungehorsam mit einer Rhetorik der Aufrufe an die Gesellschaft einher, sie möge sich doch ihren eigenen Idealen gemäß verhalten. Auf diese Weise wird der Status quo der gesellschaftlichen Verhältnisse und der Institutionen eher bestätigt als herausgefordert.
Zudem wird der zivile Ungehorsam regelmäßig mit dogmatischen Beschränkungen in den Aktionsformen verbunden, vor allem mit dem Verzicht auf jede Form von Gewalt. Auch das ist ein Verlust emanzipatorischer Orientierung, denn jedes Weniger an Entscheidungskompetenz der konkret Handelnden ist ein Mehr an externer Steuerung, hier durch eine höherrangige Selbstverpflichtung, deren konkrete Ausgestaltung in der Regel aber auch noch privilegierte Personen schafft - nämlich die, die definieren können, was Gewalt ist.
So ähnlich in der Praxis wirkt, was unabhängige AktivistInnen machen und z.B. im dazupassenden Reader oder unter www.direct-action.de.vu "Direct Action", so hat es doch eine grundlegend andere Herangehensweise. Hier gibt es keine allgemeingültige Aktionsmoral. Immer stehen die handelnden Menschen im Mittelpunkt und ihre, auf eine reflektierte Abwägung folgende Entscheidung. Jegliche Bevormundung durch starre Regeln entfällt. Stattdessen geht es um die Aneignung von Handlungsmöglichkeiten – technischen, kommunikativen und vielen weiteren. Dadurch sollen die AktivistInnen in die Lage versetzt werden, in einer konkreten Situation möglich gut ihre Ziel umzusetzen.
Damit ist „Direct Action“ die Kampfform emanzipatorischer Politik. Denn Emanzipation ist die Idee, gesellschaftliche Verhältnisse aus dem Blickwinkel der einzelnen Menschen und ihrer freien Zusammenschlüsse zu betrachten, zu analysieren und so zu verändern, dass sich die einzelnen Menschen – wohlgemerkt: alle! – möglichst frei und weit entfalten können. Es wäre absurd, wenn als erster Schritt hin zu diesem Ziel wieder nur Regeln und Dogmen gelten würden, wie es bei konventionellen Versammlungen oder Beteiligungsverfahren nach Recht und Ordnung üblich ist, aber auch im zivilen Ungehorsam.
Ein weiterer Unterschied ist der gewollte Verzicht, ausgerechnet solche Strukturen, die eine unerwünschte Lage heraufbeschwören oder zu sichern helfen, durch einen Appell, endlich zu handeln, auch noch zu legitimieren. Abschreckendstes Beispiel war der Slogan des Protestkonzerns Greenpeace beim Klimagipfel in Kopenhagen: „Politiker reden, Führer handeln“. Wie kann noch deutlicher der Wille dokumentiert werden, ein autoritäres System zu wollen – aber bitte mit anderen Zielen. Um Genversuchsfelder zu verhindern, kann mensch – am einfaches per vorgekauter Mail von Campact an Ilse Aigner oder Angela Merkel appellieren. Sinn macht das voraussichtlich wenig angesichts dessen, dass die sich längst entschieden haben, die Anwendung der Technik zu wollen. Oder mensch geht hin, besetzt den Acker, reißt die Pflanzen heraus, blockiert die Fabrik- oder Ministeriumstore, sabotiert die Propagandaveranstaltungen oder enthüllt die Verflechtungen und Geldflüsse. „Protest ist, wenn ich sage Das und Das passt mir nicht. Widerstand ist wenn ich dafür sorge, dass Das und Das nicht mehr passiert.“ (Ulrike Meinhof)
Direct Action basiert auf präziser Herrschaftsanalyse und will mit den Aktionen dazu beitragen, das Herrschaftsförmige aus den gesellschaftlichen Beziehungen und Verhältnissen zu jagen. Ob institutionelle Formen der Machtausübung, ökonomische Zwänge oder diskursive Beherrschung – alles ist Gegenstand von Direct Action. Zu ihr passt also eine ständige Skepsis gegenüber subtilen Formen der Beeinflussung und Fremdsteuerung, sie will nicht nur Institutionen angreifen, sondern auch Denkmuster, Kommunikationsverhältnisse und die ungeschriebenen Normen der Welt. „Nicht die Taten bewegen die Menschen, sondern die Worte über die Taten“, sagte schon Aristoteles.
Direct Action ist eine Form gelebter Freiheit: Die AkteurInnen entscheiden selbst über das, was sie tun. Sie müssen auf keine Verbandslabel, staatlichen Zuschüsse, Vorstände oder AuftraggeberInnen Rücksicht nehmen. Ihre Selbstbestimmung steigt mir ihrem Reflexionsvermögen, d.h. mit der Fähigkeit, auch tatsächlich eigene Überzeugungen in eine Aktion zu verwirklichen statt nur plumpen Parolen, der Demagogie der führenden Bewegungsköpfe oder scheinbaren Sachzwängen zu folgen. Und sie steigt mit dem Knowhow der Beteiligten. Es ist emanzipatorisch, einen Molotow-Cocktail nicht zu werfen, weil das in der konkreten Situation nicht sinnvoll ist – statt es zu lassen, weil mensch es nicht kann.
Bei alledem ist Direct Action nicht alles. Sie versteht sich als gleichberechtigter Teil zu anderen kreativ-emanzipatorischen Handungsstrategien wie Gegenöffentlichkeit, Freiräume und Aneignung, versucht aber, Erstarrungen in den Aktionsformen und -strategien zu überwinden, z.B. die Wirkungslosigkeit vieler vereinheitlichender Aktionsformen (Latschdemo, Lichterkette ...) oder das Gegeneinander aufgrund verschiedener Aktions- und Ausdrucksformen.
Ziele von Aktionen
Aktion kann verschiedene Zwecke verfolgen und diese auch kombinieren. Davon abhängig werden ebenso die Methoden sein wie die Frage, welche Inhalte in den Vordergrund gestellt und welche noch benannt werden. An dieser Stelle sollen nicht alle möglichen Zwecke aufgeführt werden, dazu sei auf den Direct-Action-Reader und die Internetseite www.direct-action.de.vu verwiesen. Vielmehr geht es in der folgenden Aufzählung speziell um die Frage, welche emanzipatorischen, d.h. herrschaftskritischen, utopischen oder befreienden Inhalte sich an Aktionen knüpfen lassen.
- Aufklärung: Herrschaft demaskieren
Aktionen können das Herrschaftsförmigen in den bestehenden Verhältnissen und Beziehungen - allgemein oder in einer ganz konkreten Situation - aufzeigen. Dazu bieten sich alle Formen der Gegenöffentlichkeit und der Subversion an. Letztere bedeutet, das Geschehen so zu demaskieren, dass der Vorgang der Demaskierung nicht in den Vordergrund rückt oder sogar als Aktion unkenntlich bleibt, sondern der Herrschaftsgehalt sich offenbart, in dem er gezwungen wird, sich zu zeigen; indem scheinbar die Privilegierten selbst ihn öffentlich machen; indem er bizarr und überzogen zutage tritt (z.B. über ein verstecktes Theater der Überidentifikation). - Stören, blockieren, sabotieren - Sand ins Getriebe der Macht
Eine weitere Möglichkeit ist, das Räderwerk der Macht schlicht zu blockieren. Eine Überwachungskamera, die kaputt ist, überwacht auch nicht mehr. Das ist ein einfaches Beispiel und bedarf auch nur einer einfachen Sabotageaktion. Doch die Störung des Allgemeinbetriebes erfordert oft komplizierteres Handeln, in dem Sabotage nur eine von vielen Optionen ist. So kann eine große Versammlung durch eine komplexe Vernetzung von Sabotage und Blockade verhindert werden (wie 1999 in Seattle), oder auch durch eine schlau fingierte, offiziell aussehende Absage. Wie immer in einem emanzipatorischen Verständnis der Aneignung von Handlungsfähigkeit heißt es: Entdecke die Möglichkeiten ... Dazu gehört auch wieder die Subversion, also die Ressourcen und Mittel der hierarchischer, ökonomischer und sonstiger Macht gegen sich selbst zu wenden oder für emanzipatorische Politiken nutzbar zu machen. Ein sexistisches Werbeplakat kann durch geschickte Veränderung zur Fläche für Protest und Aufklärung werden, Internetseiten und die Dauerberieselung über Bildschirme in U-Bahnen können gehackt und für neue Botschaften genutzt, Aufstandsbekämpfungspolizei selbst in ein Mittel der Störung verwandelt werden. - Ringen um Diskurse und Deutungen
Komplizierter, aber ebenso wichtig wie der Angriff auf die sichtbaren Strukturen der Macht ist die Auseinandersetzung mit den Normen, Wertungen und allen Diskursen, die sich in den Köpfen der Vielen in der Gesellschaft halten und von dort immer wieder verbreitet werden. Eine Möglichkeit der Einmischung ist das Wirken in den Diskursen selbst, also das Teilnahmen an dessen Gestaltung und Inhalten.
Der Mittel sind viele:- Medienarbeit, d.h. das Nutzen der vorhandenen Medien über Beiträge in ihnen, Einladen von PressevertreterInnen zu Veranstaltungen und Aktioinen usw.
- Gegenöffentlichkeit mit eigenen Zeitungen, Internetseiten, Beiträgen auf freien Radiosendern und offenen Kanälen oder auch das Kapern der offiziellen Medien durch Piratenfunk, an den Verteilpunkten von Tageszeitungen hineingeschobener Beilagen, Plagiate usw.
- Kommunikationsguerilla: Meist wirken Verlautbarungen von offiziellen oder bekannten Stellen mehr. Informationsschreiben auf dem Briefkopf von Behörden, Firmen oder als Aufruf durch bekannte Persönlichkeiten können zudem nicht nur mehr Aufmerksamkeit nach sich ziehen, sondern ein zweites Mal wirken, wenn bekannt werden soll, dass sie eine Fälschung (Fake) waren. Unangenehme Botschaften, bisher Geheimgehaltenes und vieles mehr lässt sich so effektvoll in die Öffentlichkeit tragen. Auch verstecktes Theater mit den Insignien der Macht (z.B. in weißem Laborkittel oder Polizeiuniform) verbreitet eine bemerkenswerte Wirkung - der "Hauptmann von Köpenick" ist eine gute Vorlage und durchaus realistisch, was die Wirkung von autoritärer Codes betrifft.
- Szenische Darstellung: Doch nicht nur subversive Inszenierung, überhaupt ist Theater eine gute Vermittlungsform. Möglich ist das als offen sichtbares Theater auf der Straße oder, oft besser, an solchen Orten, die Kommunikation besonders ermöglichen wie öffentlicher Personennahverkehr, Bahnhofshallen, Kaufhäuser, Restaurants und mehr. Eine schöne Variante stellt aber auch das versteckte Theater dar, bei dem die spielende Gruppe nicht erkennbar wird, sondern - im sonstigen Geschehen verteilt und mit passenden Rollen - etwas Vorüberlegtes oder spontan in die Abläufe Hineinwirkendes darstellt.
- Adbusting ist eine Wortschöpfung, die das gezielte Verändern von Werbebotschaften bedeutet, also der großen Plakatwände, von Laufschriften, den Einlagen in Plakatständern usw. Auch ohne das können kahle Betonflächen, Firmenfronten und mehr zu Wandzeitungen werden, mit aussagekräftigen Graffities und anderem verschönert werden.
- Hinzu kommt die direkte Intervention im Alltag, also das ständige Reagieren auf die Erscheiungsformen von Unterdrückung und Diskriminierung im Alltag. Auch hier können alle benannten Aktionsformen Anwendung finden. Gerade das bereits aufgeführte Aktionsbesteck (siehe oben und hier), dass so oder teilweise ständig mitgeführt werden kann, bietet deutlich verbesserte Handlungsmöglichkeiten für jeden Menschen, auf Übergriffe, Anmachen, Kontrollen und Schikanen ebenso zu reagieren wie auf den alltäglichen Terror von Werbung, Reglementierung und mehr.
Was für alle Formen der Organisierung gilt, ist bei politischen Aktionen besonders wichtig: Sie sind nicht nur Intervention, sondern auch Übungsfeld für eine andere Kultur des Lebens. Zentral gesteuerte Latschdemos oder die modernen Instantaktionen der hochprofessionellen Bewegungsagenturen sind dieses nicht. In ihnen kommen mehrere Aspekte zum Ausdruck, die der Idee von Selbstbestimmung, freier Kooperation und horizontaler Kommunikation widersprechen. Das gilt von Seiten der MacherInnen solcher Aktionen, die Menschen als Setzfiguren großer Inszenierungen sehen und ständig nach Spenden und Mitgliedern schielen - teilweise in einem seltsamen Gegensatz zu ihrer basisdemokratischen Propaganda oder der personellen Nähe z.B. zu Attac, das sich als "Bildungsnetzwerk" definiert. Genau davon kann aber bei den vorgekauten Aktionen keinerlei Rede sein. Das gilt aber ebenso für die, die nur mitmachen und per Geldüberweisung in einen Status von TheaterbesucherInnen versetzen. Das wird nicht besser, wenn - wie durchaus auch beliebt - viele selbst verpeilt sind und auch gern andere für sich denken lassen, sich nicht selbst organisieren, aber hinterher nöhlen, dass die Hirten der herdenförmigen Aktion nicht korrekt waren. BewegungsführerInnen wie Jochen Stay, Christoph Kleine und andere sind nicht allein das Problem, sondern auch die Vielen, die längst die vorgekaute Aktion brauchen.
Im Original: Aktion als experimenteller Raum und Erfahrungsfläche ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Wilk, Michael (1999): "Macht, Herrschaft, Emanzipation", Trotzdem Verlag in Grafenau (S. 57)
Libertäres gesellschaftliches Agieren, das das Ziel verfolgt emanzipative Wirkung zu erzielen, kommt nicht umhin, die geschilderten Phänomene als Herausforderung zu begreifen. Die kritische Beleuchtung eigener Strategie zeigt oft erhebliche Mäntel im Bereich des sensiblen Umgangs mit dem Gegenüber. Die eigenen Angebote in der Auseinandersetzung mit anderen überschreiten meist kaum die Ebenen der Problemwahrnehmung, das heißt die Information oder Aktion verweist auf ein gesellschaftliches Problem, ohne jedoch mehr als die Qualitätsmargo des Appells zu überschreiten. Nachvollziehbare praktische Handlungsansätze und Angebote, die auf nicht überforderndem Niveau einen Einstieg in eine konkrete Erfahrungsebene bieten könnten, fehlen oft.
Immer und überall handlungsfähig sein: Knowhow, Aufmerksamkeit und passendes Werkzeug
Emanzipatorisch ist es, möglichst oft auf möglichst viele Weisen auf eine Situation reagieren oder etwas selbst anzetteln zu können. Wenn Menschen ihre Handlungsmöglichkeiten erweitern, ist das also ein Akt der Befreiung. Das hat mehrere Säulen:
- Wahrnehmung schulen
Ich kann verändern, was ich sehe. Und voranbringen, weiterentwickeln bzw. initiieren, wo ich die Chancen dafür überhaupt entdecke. Der aktive Blick in die Umgebung ist Voraussetzung, handlungsfähiger zu werden. Das bedarf der Übung. Die heutige dominante Sozialisierung macht Menschen zu Nicht-Zuständigen für das Geschehen in ihrem Umfeld, ja meist sogar selbst in Bezug auf ihre eigenen Belange. Wo liegen Materialien für meine Vorhaben? Wo geschehen Übergriffe, die ich verhindern kann? Was steht da draußen herum und blockiert emanzipatorische Prozesse? Diese und viele weitere Fragen kann sich jedeR immer stellen. Es ist beeindruckend, was auf jeden hundert Metern zurückgelegtem Weg, in jedem neuen Raum, den wir betreten, und in jeder sozialen Strukturen, in der wir uns bewegen, an Veränderungspotential vorhanden ist. Es lohnt sich, sich selbst zu üben, das alltäglich zu erkennen (Beispiel für die Wahrnehmung von Herrschaftsförmigkeiten in Verhältnissen und Beziehungen). - Handlungskompetenz aneignen
Nehme ich Chancen und Notwendigkeiten des Handelns wahr, ist schon viel gewonnen. Die Handlungsmöglichkeiten steigen weiter, wenn nun auch weiß, wie was zu erreichen ist. Dazu gehört handwerkliches Knowhow, technisches Wissen, Empathie und/oder Rhetorik, Verkleidungsmöglichkeit oder künstlerische Begabung und das Wissen, wo Wissen gewonnen werden kann (Bibliotheken, Internet, andere Menschen mit passender Erfahrung usw.). Niemand hat das alles, aber Kopf und Körper bieten viel Platz, um seine eigenen Handlungsmöglichkeiten immer weiter auszudehnen. Das ist praktizierte Emanzipation, denn die Fälle, in denen ich ohnmächtig nur zuschauen kann, werden weniger. Wenn noch eine neue Vernetzung mit möglichen KooperationspartnerInnen hinzu kommt, die wieder andere Fähigkeiten haben, erweitert sich der Horizont noch mehr. - Werkzeug bereithalten und Unterstützung organisieren
Es ist typisch menschlich, die eigene Schaffenskraft durch Werkzeuge und durch Kooperation mit anderen zu verstärken. Da dadurch die eigenen Möglichkeiten erweitert werden, ist das auch emanzipatorisch - solange es von den Menschen und ihren freien Zusammenschlüssen selbst ausgeht. Das gilt auch für Aktionen. Um nun nicht ständig immer wieder bei Null anzufangen, erhöht es die Handlungsfähigkeit, Werkzeug und Ressourcen möglichst immer bereitzuhalten - aus emanzipatorischer Sicht selbstverständlich in gleichberechtigtem Zugriff aller, d.h. nicht in verschlossenen Verbandskellern oder privaten Schränken, sondern in offenen Aktionsplattformen, wie sie z.B. Projektwerkstätten darstellen.
Ebenso erweitern sich Handlungsmöglichkeiten durch Netzwerke gegenseitiger Unterstützung. Dadurch wächst das Gesamtwissen, wie Lösungen aussehen können, zudem wird manches erst möglich, wenn mehrere Menschen es zusammen anpacken - sei es platterweise, weil etwas zu Bewegendes für eine Person zu schwer ist, oder weil eine Aktion aus verschiedenen Teilen besteht, z.B. ein Theaterstück.
Nur wer viele Handlungsmöglichkeiten und -notwendigkeiten überhaupt erkennt, dann auch Ideen und Wissen hat, wie gehandelt werden kann und, falls erforderlich, auf die nötigen Hilfsmittel zurückgreifen kann, kann aus einer meist größeren Menge von Alternativen wählen und das der Situation angemessene und auch selbst gewollte auswählen.
Gleichgültiges Desinteresse am Geschehen, das Verharren in Unwissen oder Verzicht bzw. Vernichtung von Ressourcen (Werkzeug, Materialien, Räume usw.) schaffen also ebenso Handlungsbeschränkungen wie selbstauferlegte Dogmen. Provokativ ausgedrückt: Emanzipation bedeutet, einen Molotov-Cocktail (Brandsatz einfacher Bauart) in einer konkreten Situation nicht zu werfen, weil es unangemessen oder aus anderen Gründen gerade nicht als beste Aktionsform erscheint - also weil mensch es nicht will, und nicht weil mensch es nicht kann. Umgekehrt: Sollte es dann doch einmal als günstige Handlungsmethode erscheinen, ist es gut, diese auch zu beherrschen, sonst entstehen schnell unerwünschte Nebeneffekte oder der Haupteffekt klappt nicht (die üblicherweise peinlichen militanten Aktionen im deutschsprachigen Raum zeigen sehr deutlich, wie wenig Hirn hinter Stein-, Flaschen- oder Brandsatzwürfen meistens steckt).
Im politischen Tageskampf: Immer die Machtfrage stellen
Aus anarchistischer Sicht wäre vorteilhaft, jede Aktion so zu organisieren, dass sie neben dem konkreten Thema, um das es geht, auch darüber hinausgehend die hinter einem Missstand stehenden Machtverhältnisse sowie - als Krönung - visionäre Ideen einer anderen Welt bzw. gesellschaftlichen Gestaltung zu vermitteln.
Das gilt auch und gerade für politische Initiativen, auch da, wo der Meinungskampf - aus taktischen Gründen oder als Folge einer zunächst außerparlamentarischen Initiative - auch in der Sphäre von Ämtern, Regierungen und Parlamente ausgetragen wird. Denn hier ist die Gefahr besonders groß, im Sumpf der Anpassung an das vorherrschende Denken den Mechanismen herrschaftsförmiger Umsetzungsstrategien zu verfallen und am Ende selbst auf ein Erreichen der Detailziele durch administrative Maßnahmen, also den Weg "von oben" zu verfallen. Das fühlt sich am Einzelfall sogar gut an, wenn z.B. ein konkretes Projekt oder eine Forderung, um die monate- oder jahrelang gerungen wurde, endlich ganz oder wenigstens teilweise verwirklicht werden kann.
Doch solcher Erfolg im Detail kann schwerer Schaden im Gesamten nach sich ziehen, oder zumindest Chancen vernichten, die bestanden. Das sei am Beispiel der Energiewende erläutert.
Der Wandel von fossil befeuerten Groß- und vor allem Atomkraftwerken zu erneuerbaren Energiequellen beruht auf einem gesellschaftlichen Meinungswandel, der stark durch Proteste und Aktionen hervorgerufen wurde. Prägend war die Anti-Atom-Bewegung, die nicht nur an konkreten Baustellen neuer Kraftwerke und bei Transporten von Atommüll erhebliche Aufmerksamkeit erzielte, sondern immer wieder und mit der Zeit zunehmend für regenerative Energien stritten. Was sie aber dabei fast immer vergaßen, war die Frage der Macht. Zwar waren in Anti-Atom-Zusammenhängen Slogans wie "Herrschende Klasse stillegen" oder "Herrschaft abschalten" immer präsent, doch bei der Umsetzung alternativer Projekte wurden die AkteurInnen brav und opportunistisch, d.h. sie suchten für ihr Vorhaben den einfachsten Weg. Der aber bestand regelmäßig auf der Nutzung des angebotenen Instrumentarium von Normen und Kapital.
Ausnahmen bildeten nur drei Fälle, in denen das besondere, nämlich emanzipatorische an der Umsetzungsform auch selten oder gar nicht benannt wird, weil es nie das ursprüngliche Ziel war.
- Die Anfänge, in denen eine neue Idee noch nicht wirtschaftlich ist und auch nicht als Potential erkannt wird. Das war vor allem bei den ersten Windkraftanlagen so, die Ende der 80er oder Anfang der 90er Jahre im Binnenland errichtet wurden. Da die heutigen Investoren noch fehlen, taten sich oft BürgerInnen zusammen, gründeten kleine Vereine und betrieben mit dem zusammengelegten Geld eine bis wenige Anlagen in ihrer Region, oft in der gleichen Gemarkung, wie die Quasi-BesitzerInnen der Anlage. Diese Projekte fristen heute nur noch ein Schattendasein in der durchkommerzialisierten Energiewendepolitik.
- Zentrales Steuerungsmittel der Energieversorgung sind die Produktionsmittel, hier die Energiegewinnungsanlagen und das Verteilnetz, im Strombereich also die Leitungen und Kabel. Im Schwarzwaldstädtchen Schönau wollten BürgerInnen dieses den mit Atomstrom handelnden Großanbietern entreissen. Da sie aber unter den Herrschenden keine UnterstützerInnen fanden, versuchten sie, ihre Idee durch einen BürgerInnenentscheid durchzusetzen - und gewannen. Die Koalition mit den vor Ort lebenden Menschen war nicht einem emanzipatorischen Grundverständnis, sondern dem Mangel an Alternativen geschuldet. Doch aus der Not wurde eine Tugend: Dass die Elektrizitätswerke Schönau heute das Vorzeigebeispiel konsequenter Energiewende verbunden mit der Dezentralisierung von Macht sind, zeigt die Wichtigkeit, diese Fragen miteinander zu verbinden und sich nicht in die Systeme von Herrschaft integrieren zu lassen.
- Der dritte Fall bürgerInnennahen Baus von Energieanlagen beruht auf dem Streben nach PR. Es betrifft daher nur Ausnahmen, allerdings regelmäßig sehr auffällige Fälle. So werden vielfach Solaranlagen auf Dächern von Kindergärten, Schulen, Kirchen oder Rathäusern als Gemeinschaftsprojekt vieler dort lebender Menschen organisiert.
In allen diesen Beispiele zeigt sich, dass nicht der Wille, emanzipatorische Ziele zu verwirklichen, sondern die jeweilige politische Lage oder andere Motive im Vordergrund standen, aber als Nebenwirkung auch die Mitbestimmung der Menschen stieg. Tatsächlich ist die Energiewende aber eine verspielte Chance, endlich einmal die Wucht des eigenen Protestes zu nutzen, um nicht nur das konkrete Details, sondern auch die gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern. Angesichts dessen, dass selbst z.B. die gewaltfreien Strömungen selbst ernannter AnarchistInnen bei diesem Verzicht auf emanzipatorische Politik mitspielten und ohne Zögern die kapitalistisch ausgerichtete Geldanlage in bürgerInnenfernen Energieanlagen oder den Wechsel auf profitorientiert arbeitende Ökostromanbieter propagierten, besteht der Verdacht, dass emanzipatorisches Denken hier höchstens eine PR-Masche, aber nicht praktisch werdende Überzeugung ist.
Dabei wäre die Verbindung von Herrschaftsabbau und Befreiung mit praktischer Politik eine besonders gute Möglichkeit, emanzipatorische Veränderung nicht im luftleeren Raum zu fordern und durchzusetzen, sondern sich ohnehin vollziehende Wandlungen innerhalb des dadurch zunächst nicht gefährdeten kapitalitischen und rechtsstaatlichen Normalbetriebes zu nutzen, die Mit- und Selbstbestimmungsmöglichkeiten der Menschen zu erhöhen. Die Macht muss aus den Parlamenten, Behörden und Konzernen herausgezogen werden zu den Menschen und von ihnen gebildeten und geprägten Kooperationen.
Genau das Gleiche gilt für alle anderen Bereiche der - wie heißt es so schön - öffentlichen Daseinsvorsorge. Sie sind weder im Würgegriff von Konzernen (Privatisierung) noch in der Hand abgehobener Regierungen bzw. ihren Verknüpfungen (Public-Private-Partnership) sinnvoll, sondern - als Etappe zu einer Gesellschaft fern von Eigentumslogik und Privilegien - in Produktions- und Versorgungseinheiten, die von den BürgerInnen selbst organisiert und verwaltet werden.
Ebenso lassen sich solche Idee im Kultur- und Bildungsbereich umsetzen und sicherlich an vielen anderen Stellen.
- Text zu Commons, Versorgungsnetzen in BürgerInnenhand und Ressourcenzugriff für alle in "Freie Menschen in freien Vereinbarungen"
- Internetseite zu Umweltschutz und Emanzipation
Gesellschaftliche Großkonflikte und ein zielgerichtetes Mitmischen
Es gibt viele Missstände und Probleme in dieser Welt, die selten oder nie ans Tageslicht kommen. Dazu gehören fast alle alltäglichen Konflikte, Diskrimierungen und Unterdrückungen, oft auch verbunden mit Gewalt, die im Dunkel der Familien, Arbeitsplätze oder anderen mehr oder weniger geschlossenen Gesellschaften ablaufen. Dazu gehören auch viele Arten wirtschaftlicher Kriminalität, vor allem wo sie sich nicht gegen potente Konkurrenten, sondern gegen Schwächere oder Menschen in fernen Ländern richten. Ebenfalls selten oder nie geahndet wird die sehr häufige und oft auch heftige Kriminalität von Träger hoheitlicher Befugnisse. Beleidigungen und Körperverletzungen, Beweismittelfälschung und -vernichtung, Freiheitsberaubung und Rechtsbeugung sind in Polizeiwachen und Justizgebäuden Alltag.
Diesen Mauern des Verschweigens stehen andere Bereiche gegenüber, die zu gesellschaftlich hochbrisanten Themen heranreifen und immer wieder große Auseinandersetzungen provozieren. Dazu gehören Konflikte um Risikotechnologien, allen voran die Atomenergie und die Agro-Gentechnik. Kriege provozieren Protest (interessanterweise das Wirken der Armeen in sogenannten Friedenszeiten viel weniger), mitunter als lokale und regionale Themen - wie im Verlaufe des Jahres 2010 recht plötzlich den Konflikt um Stuttgart 21.
Solche Auseinandersetzungen sind wichtig, können aber zu mehr genutzt werden als dem Ringen um das konkrete Einzelthema. Das liegt auch nahe, denn bei den Großvorhaben, die dann auch größere Proteste hervorrufen können, sind die dahinterstehenden Machtstrukturen deutlich erkennbar.
Hier bestände die Chance, politischen Widerstand auch zu einer Kritik an herrschaftsförmigen Verhältnissen und zu einem offensiven Werben für herrschaftsfreie Utopien zu nutzen. Zur Zeit geschieht das selten oder unvollständig. So wurde zwar im Konflikt um Stuttgart 21 zwar thematisiert, dass hinter dem Projekt - wie sollte es anders sein - Firmen- und Regierungsinteressen stehen. Doch eine Systemkritik war kaum zu hören, sonst hätten nicht grüne Oberfunktionäre (alle männlich, daher ohne -Innen) das Ruder z.B. im Rahmen der Schlichtung so leicht in die Hand nehmen können. Als der geschickte Fadenzieher und Schlichter Heiner Geißler dann auch noch eine der Regierungsmeinung ähnliche Lösung als "Schlichtung" verkaufte, trat der Grünen-Landeschef vor die Kameras und verkündete das als großen Erfolg. Sein Ziel war sichtbar, Wahlkampf zu betreiben. Wer Herrschaftsverhältnisse analysiert und visionär denkt, hätte auch immer klar haben müssen, dass über die Logik von Staat und Regieren gesellschaftliche Bedingungen nicht grundsätzlich zu ändern sind, weil das Ziel, sich in solchen Sphären zu betätigen, nie ist, die eigene Machtfülle an andere zu verteilen.
Das aber genau wäre das Ziel emanzipatorischer Umgestaltung: Die Macht überall rausziehen aus Regierungen, Parlamenten und Institutionen, aus Märkten und Kapitalbesitz, von allen Stellen, wo Privilegien eine Hierarchie zwischen Menschen, ihren Zusammenschlüssen oder z.B. Metropolen und Peripherie bilden.
Einmischung im Sinne der Anarchie wäre daher die permanente und nachdrückliche Forderung, die Macht aus allen Überbauten herauszuziehen, also sowohl aus Parlamenten und Behörden wie auch aus Konzernen oder privaten Organisationen. Es geht nicht um das Hin- und Herschieben der Macht zwischen den Zentren der Macht, wie es die meisten NGOs und Parteien fordern, sondern um deren Schwächung zugunsten des Gewinns an Gestaltungsmacht bei den Menschen und ihren freien Vereinbarungen. Weder Liberalisierung (als Abbau staatlicher Dominanz zugunsten der Privatwirtschaft) als auch Verstaatlichung oder Reregulierung (als umgekehrter Trend) erhöhen die Handlungsmöglichkeiten der Menschen. Beide sind damit nicht emanzipatorischer Art - und damit keine mit der Idee von Anarchie verbindbare Strategie.
Fast alle gesellschaftliche Konflikte, mitunter sogar ganze Aufstände (wie zuletzt in vielen Staaten der arabischen Welt, z.B. Tunesien, Ägypten oder Libyen) mündeten schnell in den Ruf nach einer anderen Regierungsmannschaft. Bei allen internen Konkurrenzen waren sich die Privilegierten der Welt an dieser Stelle auch immer einig. Nie hat mal jemand lauthals gefordert, dass mensch es bei der Absetzung der Regierung doch belassen soll und die Angelegenheiten gesellschaftlicher Organisierung ohne formalen Überbau zu einer Sache der Menschen selbst zu machen. So, wie sich die Aufständischen perfekt über die Nutzung direkter und technisch unterstützter Kommunikation zu ihren Protesten verabreden konnten, können sie auch die gesellschaftliche Steuerung ohne einheitliches Zentrum gestalten. Doch auf diese Idee kam niemand - oder die wenigen Hoffnungen dieser Art gingen in einem internen und von außen gesteuerten Trommelfeuer der Bildung neuer Regierungen, deren Anerkennung durch andere Staaten usw. unter.
Keimzellen und Projekte
Die Propaganda der Tat vollzieht sich nicht nur in direkten Aktionen, sondern auch in Projekten und Experimenten, in denen neue Formen der Alltagsgestaltung, Kommunikation und Kooperation entwickelt und gelebt werden, die nach außen wirken, soziale, ökonomische oder politische Impulse und Ideen in die Gesellschaft tragen. Ihnen kommt dabei eine mindestens vierfache Funktion zu:
- Das Ausprobieren in der Praxis ist eine wesentliche Quelle der Überprüfung eigener Ideen und Entwürfe. Eine lebendige Theoriediskussion und eine anschauliche Praxis der Intervention in die Gesellschaft lebt auch von den Erfahrungen, Reflexionen und kreativen Ideen, die aus dem Ausprobieren und dem Nachdenken über dieses entstehen.
- Jedes Projekt, in dem Ideen umgesetzt werden, für die auch im gesellschaftlichen Meinungskampf gestritten wird, kann selbst eine politische Strahlkraft haben oder zumindest die öffentliche Debatte unterstützen. So stärkt z.B. die Möglichkeit eines Verweises auf Umsonstläden die Aussagekraft eines Straßentheaterstücks oder versteckter Inszenierungen in Läden die Kritik an ständiger Inwertsetzung aller Dinge durch Preise und Profitdrang/-zwang.
- Weitergehend können praktische Versuche Ausgangspunkt von mehr sein, sich also ausdehnen, Kooperationen suchen und finden. Sie bieten so das Potential, zu Keimzellen des Neuen zu werden. Das würde eine kulturelle Prägung gesellschaftlicher Abläufe bedeuten, d.h. das Projekt bleibt nicht Nische, sondern verbreitet sich als Idee. Als Beispiel wird hier sehr oft die Entwicklung freier Software benannt, obwohl das ein bisschen hinkt, weil die Idee von Beginn an existierte - eher sogar länger als die proprietäre, also käufliche und quellengeschützte Software. Denn stimmt, dass die Idee erst später als politische Position begriffen und dann auch auf andere gesellschaftliche Felder angewendet wurde. Sie trat dann, nach jahrelanger Dominanz von Kauf-Software, einen beeindruckenden Siegeszug im Computerbereich an, der z.B. im Bereich der Internetbrowser dazu führte, dass dort alle relevanten Programme zumindest kostenlos erhältlich sind (was allerdings auch die Neigung zur Finanzierung über Werbung förderte).
Aus anarchistischer Perspektive ist der Keimzellencharakter dann interessant, wenn die Ausbreitung einer Idee die Stärkung von Mit- und Selbstbestimmung nach sich zieht. - Schließlich können Projekte und Experimente für die daran Beteiligten einen Beitrag zur eigenen Unabhängigkeit bieten - nämlich dann, wenn sie materielle Ressourcen schaffen oder sichern, die für Alltag oder gesellschaftliches Engagement eine Basis bieten. Das ist eine wichtige Frage, denn viel politisches Engagement und Kraft zu gesellschaftlichen Veränderung geht verloren, weil viele Menschen zwar eigentlich die Notwendigkeit für Veränderungen in der Welt begreifen und auch gerne selbst so agieren wollen, aber letztlich doch zur Normalität neigen, weil sie mangels Mut, ausreichenden Willens oder der Möglichkeit eines Überlebens ohne kapitalistische Verwertung ihrer Arbeitskraft oder der von ihnen geschaffenen materiellen bzw. geistigen Werte dann doch die vorgegebenen Wege beschreiten. Gäbe es mehr Projekte einschließlich einer fördernden Vernetzung und Kooperation zwischen ihnen, in denen Menschen sich unabhängiger organisieren können, würde auch die Kraft zur gesellschaftlichen Veränderung wachsen. Es muss also ein wichtiges Anliegen im Anarchismus sein, diese Perspektiven zu schaffen.
Je mehr herrschaftsfrei oder wenigstens herrschaftsarm organisierter Projekte es gibt, je mehr sie mit ihren Außenbeziehungen in die Gesellschaft strahlen und je besser Vernetzung und Kooperation zwischen den Projekten besteht, desto eher ist es möglich, dass auch viele Menschen in ihnen eine Sicherung ihrer Existenz finden und damit angstfreier, mit mehr Risikobereitschaft und Kraft, vor allem aber dauerhafter in Aktionen und weitere Projekte einsteigen können.
- Abschnitt zu Projekten und Experimenten im Praxiskapitel von "Freie Menschen in freien Vereinbarungen"
Anarchistische Projekte müssen kein Nischendasein fristen. Es gibt etliche Belege dafür, dass sie sogar weitaus wirksamer agieren können als die schwerfälligen Apparate von Umwelt-NGOs oder die zwar flexiblen, aber ihre Kraft wesentlich auf Spendenjagd und das Verbreiten des eigenen Labels fokussierenden Bewegungsagenturen.
Das ist gut bei Aktionen, z.B. dem Protest gegen Naziaufmärsche, Castor-Transporte oder Genfelder zu sehen, wo kleine, selbstorganisierte Aktionsgruppen einen großen Teil der Wirkung erzeugen, weil sie in der Lage sind, unberechenbare und damit auch wirksame, überraschende Aktionen durchzuführen. Im Bereich der Agrogentechnik-Kritik gibt es sogar noch eine weitere Besonderheit, dass hier Apparate und große Umweltverbände, Grüne usw. seit Jahren die sowohl inhaltlich komplizierten als auch für konkrete Aktionen sehr anspruchsvollen deutschen Genversuchsfelder komplett ignorieren (auf der Greenpeacekarte der Genfelder waren sie z.B. gar nicht eingezeichnet - die Karte also einfach falsch!). Ihre Büros sind auf die Metropolen beschränkt, ihre Öffentlichkeitsarbeit richtet sich gegen symbolstarke "Feinde" (z.B. die Firma Monsanto und die Genmaissorte MON810 - auch als sie schon lange als kommerzieller Anbau verboten war) und blieb immer verbunden mit dem Bestreben um spendenwerbende Kampagnen. Die deutschen Versuchsanlagen waren aber hochgesicherte Bereiche mit meist mehreren Feldern, die zudem als Forschung verschleiert wurden. Unabhängige Aktionsgruppen mit emanzipatorischer Ausrichtung in Organisierung und Argumentation agierten seit 2007 genau an diesen Schwerpunkten und lagen sowohl von der Aktionsfähigkeit als auch im inhaltlichen Niveau deutlich über den üblichen Presseverlautbarungen aus grünen oder NGO-Büros - obwohl NGO- und grüne Zentralen sowie die ihnen näher stehenden Medien viel taten, um den platten Protest gegen Monsanto zu fördern und die unabhängigen Aktionsgruppen unsichtbar zu machen oder sogar öffentlich zu diffamieren.
Ähnliches gilt auch für einzelne Projekte lokal oder regional. Wenn emanzipatorische Ideen mit strategischer Organisierung, Gegenöffentlichkeit, radikelen, aber niveauvollen Inhalten verbunden wurden, konnten sie sich sehr wohl trotz Ignoranz in bürgerlichen Medien, Gegenwehr der klassischen NGOs und Parteien Gehör verschaffen - vor allem mit direkten Aktionen aller Art. Beispiele sind einige besetzte Häuser, z.B. in der Schweiz oder in den Niederlanden, oder die Projektwerkstätten der 90er Jahre, von denen bis heute, also über 20 Jahre, die Projektwerkstatt in Reiskirchen-Saasen nicht nur unabhängig überleben, sondern auch als intensiver regionaler und überregionaler Akteur wirksam bleiben konnte.
Fragend voran: Skeptizismus und permanente Kritik
Ob eigene Projekte, gesellschaftliche Intervention oder die Debatte um Utopien, keine Idee oder Erkenntnis darf starr bleiben. Denn Stillstand wäre eine Folge entweder von fehlender Reflexion über den noch bestehenden Gehalt an Herrschaft in den jeweils entstandenen Verhältnissen und Beziehungen oder von formalen, inneren oder äußeren Zwängen, die eine Weiterentwicklung blockieren. Emanzipation aber bedeutet das permanente Weiter von Befreiung und Ausdehnung der Handlungsmöglichkeiten.
- Der Gehalt an Herrschaft und Ungleichheit in allen sozialen Beziehungen erscheint, zumindest gemessen an unseren heutigen Fähigkeiten, Herrschaft überhaupt zu entlarven, geschweige denn zu überwinden, unendlich. Jedem Fortschritt wohnt die Erkenntnis inne, dass es weitere Momente von Hierarchie, diskursiver Steuerung, Vereinnahmung oder anderen Herrschaftsformen gibt, die bislang unerkannt blieben. Insofern löst schon das immer genauere Hinsehen eine Lawine immer neuer Handlungsfelder aus. Das ist keine Überforderung, sondern kann zusätzlich motivierend sein, weil es ein sich selbst verstärkender Prozess ist, dass Befreiung auch neue und mehr Optionen weiterer Befreiung aufzeigt. Letztlich ist das genau die Umkehrung bisheriger Prozesse, die Menschen zu Rädchen im System machen bei abnehmender Fähigkeit, das noch zu bemerken.
- Die Fähigkeiten, die eigenen Lebensbedingungen zu verändern und damit die Handlungsmöglichkeiten - allein oder durch Kooperation mit anderen - zu erweitern, sind endlos ausdehnbar. Der Mensch wird, solange er kreativ tätig ist und nicht vollständig zum reinen willigen Vollstrecker in einem System des reinen Erhalts eines Status Quo degradiert wurde, immer nach Mitteln suchen, empfundene Schranken der eigenen Möglichkeiten zu überwinden. In einer herrschaftsfreien Utopie wird dieser Prozess angetrieben vom Willen, das eigene Überleben zu sichern, von der Lust auf ein besseres Leben, dem Willen zu einem effizienteren Prozess der Herstellung dieser Möglichkeiten und von der Selbstentfaltung der eigenen Ideen, Neigungen und Fähigkeiten. Der Kapitalismus zieht viele dieser Kräfte für eine profitorientierte Produktivität einschließlich Erfindungen ab, der Moloch Staat und die vielen Hierarchien in den gesellschaftlichen Subräumen schlucken ebenfalls große Teile menschlicher Energie für die Aufrechterhaltung starrer Systeme. Dennoch verbleibt vielen Menschen Gestaltungskraft und -wille, die sich in Produktivität, Erfindungsgeist und Aufruhr gegen die Hemmnisse niederschlagen.
Beide Prozesse, also sowohl die ständige Neuentdeckung bislang unbekannter Herrschaftsförmigkeiten in Beziehungen und Verhältnissen als auch die Entwicklung neuer Handlungsmöglichkeiten, sind endlos. Um diesen Prozess auch ständig in Gang zu halten, bedarf es der ständigen kritischen Betrachtung des Bestehenden einschließlich des jeweils neu Erreichten. Gewünscht ist ein ständiger skeptischer Blick auf die Geschehnisse, selbst- und fremdverursachte. Emanzipation bedeutet daher immer auch das offensive Hinterfragen, das Demaskieren von Situationen und der freie Weg von Informationen in die Öffentlichkeit.
Aufklärung ist dabei zu wenig, wenn sie nur auf der sachlichen Ebene bleibt, aber Interessen, Deutungen und Privilegien ausblendet. Notwendig sind verschiedene Blickwinkel, die Politisierung aller Abläufe und immer die emanzipatorische Perspektive, also die Frage, was eine Situation für die konkreten Menschen bedeutet und wo weitere Schritte ihrer Befreiung und Ausdehnung ihrer Handlungsmöglichkeiten bestehen.
Entscheidende Voraussetzungen ist unter anderem Transparenz, d.h. der Zugang zu allen Informationen für alle Menschen statt Datensammelwut und -monopole bei Behörden. Wichtig werden aber auch organisierte Hilfsmittel für gemeinsame Reflexion, Diskussion und Streit sein. Denn Betriebsblindheit tritt schnell bei allen Menschen ein, die sich in konkrete Aktivitäten und Themen stürzen. Sie betrachten die Welt aus einer sich verfestigenden Perspektive, aus der sich nur durch die soziale Interaktion immer wieder herausgerissen werden können.
Hinterfragen, skeptische Analyse und Organisierung von Kritik und Streit sind ein notwendiger, permanenter Prozess der Emanzipation. Sie können und sollten sofort beginnen und reichen bis ins Endlose. Gelebte Anarchie heißt daher immer auch, das Hinterfragen und den produktiven Streit anzuheizen, zu organisieren und einfach zu machen. Sich im Bestehenden einzurichten oder Widersprüche zu verschleiern, kann das Ende des Voranschreitens und damit der emanzipatorischen Veränderung bedeuten.
Aus Stehn, Jan: "Anarchismus und Recht" in der sich als anarchistisch bezeichnenden GWR, Nr. 216, Februar 1997
Träume ich 'mal von einer anarchistischen Bewegung mit vielen Menschen, so stelle ich mir vor, daß schrittweise autonome Rechtsbereiche erkämpft werden. Ein Grundsatz könnte sein, daß staatliches Recht nur soweit gilt, wie die betroffenen Menschen ihre Rechts-Angelegenheiten nicht selber regeln. Zum Beispiel: Dort wo Menschen ihre Konflikte durch eigene Schiedsgerichte lösen, hat die staatliche Justiz nichts mehr zu suchen. Einhergehen muß damit auch das Recht, die Steuern zu reduzieren oder zurückzufordern. Etwa so: Wo Eltern eine frei Schule gründen, entfallen nicht nur die staatlichen Schulgesetze, ihnen steht auch der entsprechende Anteil ihrer Steuern, die der Staat für Bildung aufwendet, zu.
Der Anarchismus kommt nicht 'Knall auf Fall' - in vielen Schritten muß der Staat zurückgedrängt, anarchistisches Menschenrecht behauptet und Selbstbestimmung mit Leben und Inhalt gefüllt werden.
Die emanzipatorische Fragestellung der ständigen Skepsis ist der Gehalt an Herrschaft in jeweiligen Verhältnissen und Beziehungen. Ziel ist, sie zu überwinden oder, als Zwischenschritt, ihnen den hegemonialen Charakter zu nehmen. Die Macht muss herausgezogen werden aus den Apparaten, Konzernen, Parlamenten und allen anderen Orten der Fremdbestimmung. Sie gehört zu den Menschen und ihren freien Zusammenschlüssen.
- Kapitel "Fragend voran" im Text von "Freie Menschen in freien Vereinbarungen"
Anarchie für Träume und TräumerInnen: Theorieentwicklung und Utopiedebatte
Anarchie wird immer wieder als Träumerei oder schlicht "utopisch" abgetan. "Ja, das ist ja schön und gut, aber es klappt mit diesen Menschen halt nicht" - so oder ähnlich lauten die Reaktionen auf emanzipatorische Ideen und Forderungen nach einer Welt ohne Herrschaft. Zwar ist das Argument gegen eine herrschaftsfreie Welt schon stumpf, weil ja das "Klappen" einer Gesellschaftsformation" offensichtlich sonst auch kein Kriterium ist, sondern müssten der real existierende Kapitalismus und die dahinterstehende Rechtsstaatslogik ja längst verjagt worden sein. Doch ein System, das trotz Nahrungsmittelüberproduktion Milliarden in Hunger und Elend leben lässt, das mit riesigen Ressourcen und Umweltzerstörugnen Waffen und Kontrollmittel herstellt, um Menschen einzuschüchtern, zu zwingen oder zu töten und das mit all seinen autoritären Mitteln selbst der Hauptgewalttäter in dieser Welt ist und zusätzlich noch Gewalttätigkeit zwischen Menschen massiv fördert, soll "klappen"?
Der Verweis auf die bestehenden Verhältnisse ist nützlich, denn als Argument für gesellschaftliche Veränderungen reicht, dass sich die Lage verbessert. Wer auf einen perfekten Entwurf für die Utopie wartet, bevor das bestehende Desaster endlich hinweggefegt oder Schritt für Schritt demontiert wird, zeigt eine beachtliche Gleichgültigkeit von realem Leid. Insofern löst sich hier, wie auch bereits benannt, der Widerspruch zwischen Reform und Revolution: Jede Befreiung, jede Verbesserung der Handlungsmöglichkeiten ist es wert, darum zu ringen.
Die Bedeutung von Utopien
Aber dennoch bleibt der Wert der Utopie. Und zwar aus vielen Gründen.
- Die Utopie steuert Richtung, Diskussionspunkt und Maßstab für den Entwurf konkreter Handlungen, auch der Teilschritte (Reformen, konkrete Projekte usw.), und deren Reflexion.
Wenn Befreiung, Ausdehung von Handlungsmöglichkeiten, Selbstentfaltung und gleichberechtiger Zugang zu allen Ressourcen als Ziel klar ist, müssen auch die Schritte - egal ob als Reform oder Revolution bezeichnet, klein oder groß - etwas von diesem Ziel verwirklichen oder zumindest nicht von ihm weg führen. Darin heiligt kein Zweck die Mittel, während die gewählten Aktionsmethoden der Abwägung im Einzelfall unterliegen. - Die Utopie schafft Motivation für das Ringen um Weiterentwicklung und ein besseres Leben.
Weniger das Elend, sondern vielmehr die konkrete Hoffnung auf ein besseres Leben wird der Antrieb für die Vielen sein, ihren Alltag und die Welt zu verändern und am Ende, hoffentlich, auf den Kopf zu stellen. Utopische Forderungen sind wie ein Magnet, der aber nicht erreichbar ist. - Die angestrebte Herrschaftsfreiheit bleibt immer eine Illusion
Emanzipation ist ein Prozess - und zwar ein endloser. Jede Befreiung erweitert auch die Fähigkeit, weitere herrschaftsförmige Verhältnisse und Beziehungen zu entdecken. Jede neue Handlungsoption schafft Bedingungen, sich neue zu entwickeln. Daher ist alles ein endloser Prozess. Aber die Illusion einer Utopie, notwendigerweise nur ein Entwurf aus dem Wissensstand im Hier & Jetzt, ist schön und wichtig, denn sie bestimmt die Richtung und ist ein wichtiges Motiv des Handeln.
Es ist deshalb wichtig, um Utopien zu ringen, Debatten anzuzetteln und Ausdrucksformen im öffentlichen Agieren zu schaffen. Für einen vorwärtstreibenden Anarchismus ist es daher wichtig, endlich mal weiterzukommen als die ewige Wiederholung der auf formale Institutionen beschränkten Phantasie revolutionären Verbalradikalismus, mutiger auch Lieblingskinder der Nation wie Demokratie und Recht zu demaskieren statt sie noch in der eigenen Praxis zu verteidigen oder anzuwenden und die historischen Quellen anarchistischer Theorie auf das zu begrenzen, was sie sind: Anregungen, mitunter wertvolle, aus einem Blickwinkel, der lange zurückliegt. Die Leerstellen, die sich mit einer solchen Bedeutungsbegrenzung auftun, müssen durch aktuelle und intensive, gerne auch konfliktträchtige Debatten gefüllt werden. Anarchie zu leben, heißt auch immer, eine brodelnde Küche der gesellschaftlichen Analyse und kreativen Zukunftsentwürfe aufrecht zu erhalten. Davon in in den aktuellen anarchistischen Zusammenhängen zumindest im deutschsprachigen Raum nicht, aber auch gar nichts zu spüren.
Eine der Fragestellung, die vor dem Hintergrund von erwünschten Utopien und analysierter Gegenwart zu diskutieren ist, ist die nach dem Verhältnis von Ziel und eingesetzten Mitteln. Dabei besteht, wie am Beispiel der Gewaltfrage bereits gezeigt wurde, kein unmittelbar bindender Zusammenhang. Wer emanzipatorische Veränderung will, sollte keine Methoden anwenden, die die Herrschaftsverhältnisse verstärken oder die Chancen einer Befreiung verringern. Das ist aber etwas anderes als die Selbstbeschränkung, nicht anwenden zu wollen, was es auch in der Utopie nicht mehr geben soll. Eine kritische Analyse kann zwischen Dogma und strategischer Umsetzung emanzipatorischer Ideen unterscheiden, d.h. es ist unser Kopf, die Abwägung und der Austausch mit anderen, die der Wahl der Aktionsmittel zugrundeliegen muss - nicht die Selbstverpflichtungserklärung aus irgendeinem Verbandsbüro oder Slogans, hinter denen Verhaltensnormierungen stecken, die Menschen wieder nur einschränken statt handlungsfähiger und damit "freier" zu machen.
Im Original: Vision und Praxis ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Gordon, Uri (2010): "Hier und jetzt", Nautilus in Hamburg
Die Entsprechung von Vision und Praxis wird unter Anarchisten nicht nur als eine Frage von Grundwerten und Prioritäten angesehen, sondern auch als Voraussetzung, um revolutionäre Ziele zu erreichen. Damit setzen sich Anarchistinnen und Anarchisten eindeutig von autoritären leninistischen Formen des Sozialismus bzw. von den Parteien dieser Art ab. ...
»Alle menschliche Erfahrung lehrt, dass Methoden und Mittel nicht vom angestrebten Ziel getrennt gesehen werden können. Die angewandten Mittel werden durch persönliche Gewohnheit oder gesellschaftliche Praxis Teil des letztendlichen Zwecks; sie beeinflussen ihn, verändern ihn, und schließlich werden Mittel und Zweck eins ... die ethischen Werte, die die Revolution für die neue Gesellschaft durchsetzen soll, müssen mit den revolutionären Aktivitäten der sogenannten Übergangsperiode bereits initiiert werden. Dies kann als echte und zuverlässige Brücke zu einem besseren Leben nur dann gelten, wenn sie aus demselben Material gebaut ist wie das Leben, das über sie erreicht werden soll.« ... (S. 62 f.)
Speziell zur Gewaltfrage
Unter Anarchistinnen und Anarchisten ist die politische Gewalt kaum noch ein Thema. ... (S. 121)
Heute ist die vorwegnehmende Verwirklichung eines anarchistischen Modells freiwilliger Gewaltfreiheit eindeutig nicht umzusetzen, weil der Staat dem entgegensteht und systematisch Gewalt einsetzt, die Idee einer universellen Übereinkunft über die Gewaltfreiheit also vereitelt.
Jedenfalls bezüglich der Gewalt ist eine vorwegnehmende Politik heute nur innerhalb anarchistischer Zusammenhänge zu verwirklichen. Die kann geschehen, indem wenigstens in der Bewegung selber gesellschaftliche Beziehungen ohne Gewalt und stattdessen mit den Mitteln friedlicher Konfliktbearbeitung, der Mediation oder - bei unüberbrückbaren Differenzen - der Trennung angestrebt werden.
Schließlich ist es auch nicht ganz abwegig zu behaupten, dass anarchistische Gewalt gegenüber dem Staat tatsächlich eine Vorwegnahme anarchistischer gesellschaftlicher Beziehungen ist. Denn Anarchisten würden auch immer erwarten, dass selbst in einer »anarchistischen Gesellschaft« die Menschen bereit wären, diese, notfalls mit Gewalt, zu verteidigen, sollte es den Versuch geben, soziale Hierarchien wieder einzuführen oder sie anderen aufzuzwingen. Gewalt, die sich gegen die (Wieder)Einführung einer hierarchischen gesellschaftlichen Ordnung wendet, ist also heute ebenso eine angemessene Reaktion, wie sie es in einer Gesellschaft ohne staatliche Strukturen wäre.
So viel zur Behauptung, Gewalt könne von Anarchisten niemals gerechtfertigt werden. Doch es bleibt die Verantwortung von Anarchisten zu begründen, welche Gewalt tatsächlich gerechtfertigt werden kann und mit welchen Argumenten. ... (S. 147)
Zunächst einmal die Frage, wie genau »Gewalt anwenden« gemeint ist. Denn diese Begrifflichkeit ist geeignet, fast jede Form politischen Vorgehens zu umschreiben, nicht zuletzt die juristische. Jeder Appell an den Staat, jede Form von Druck auf ihn, um ihn zur Unterstützung bestimmter Anliegen zu bewegen, ist implizit oder explizit ein Vorstoß dahingehend, seine Gewaltpotenziale für die eigene Seite nutzbar zu machen. Um es mit einem historischen Beispiel zu illustrieren: Der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung wird oft zugute gehalten, dass sie sich gewaltfreier Mittel bedient habe, doch tatsächlich wurde die Abschaffung der gesetzlich geregelten Rassentrennung durch eine ganze Reihe eindeutig gewaltsamer staatlicher Interventionen durchgesetzt, insbesondere durch die Entsendung der Nationalgarde zur Überwachung der Aufhebung der Rassentrennung an den Schulen in manchen Südstaaten. Ähnlich sind auch rechtliche Schritte zum Schutz von Naturgebieten eindeutig Gewaltmittel. Erhält ein Rodungsunternehmen eine rechtliche Verfügung, die es dazu verpflichtet, sich aus einem Waldgebiet zurückzuziehen, so wird es dazu durch die Androhung einer Strafe ge:
hinter der letztendlich der bewaffnete Arm der Regierung steht. in letzter Konsequenz mag der Staat in solchen Fällen nicht tatsächlich physisch eingreifen, doch als Drohung steht das entsprechende Gewaltpotenzial bereit und kann eingesetzt werden, falls die juristisch bestätigte Forderung nicht erfüllt wird. Wählen wir also den Rechtsweg, legen wir damit nicht fest, dass Gewalt ausgeschlossen wird - wir überlassen lediglich dem Staat die Entscheidung darüber. Solche Überlegungen scheinen darauf hinauszulaufen, dass kaum noch etwas übrig bleibt, was man tatsächlich als »gewaltfreie Aktion« bezeichnen kann. Möglicherweise kommen überhaupt nur noch sehr passive Formen des Eingreifens infrage. (S. 150 f.)
Was Hoffnung macht: Blicke über die Grenzen
Damit ist diese Textsammlung über anarchistische Theorie und Praxis im deutschsprachigen Raum zuende. Es gibt keine Gründe, sich die Sache schön zu reden. Die Schwächen in allen Bereichen sind ebenso offensichtlich wie das Interesse, dass bei sehr vielen an genau dieser Lage besteht - und zwar sowohl denen, die in den Apparaten die Ressourcen akkumulieren (Spenden, Wissen, Kontakte und Materialien) und Aktionen steuern, also auch bei denen, die gerne als MitläuferInnen und SpenderInnen ihr durch weitgehendes Versagen im eigenen Alltag und Leben lädiertes Gewissen beruhigen.
Haben emanzipatorische und damit auch anarchistische Ideen überhaupt eine Chance? Ja - und das zeigt sogar der eher hinsichtlicher emanzipatorischer Politikideen und -praxis schwächliche deutschsprachige Raum. Es klappt sogar gerade dann besser, wenn Menschen mit solchen Ideen mit Nachdruck, intensiv und offensiv auftreten. Es kommt dabei nicht darauf an, die eigenen Label in den Mittelpunkt zu stellen, um dann, wie es die FAU 1999 in Köln mal machte, im Nachhinein zu feiern, auf einer Großdemo die meisten Fahnen gezeigt zu haben. Das ist peinlicher Schwanzvergleich und mit keiner anarchistischen Idee verbindbar. Wahrscheinlich ist es eher sogar schlau, neben den Labeln auch auf das Wort Anarchie zu verzichten, handelt es sich doch um einen mit allerhand seltsamen Assoziationen aufgeladenen Begriff, quasi einen Container an Deutungen.
Stattdessen kommt es auf tatsächliche Umgestaltung und die konkrete Benennung der anderen Formen der gesellschaftlichen Gestaltung an. Beides kann überall beginnen.
- Brechen wir konkrete Stücke aus dem Alltag heraus und organisieren sie neu! ...
- Organisieren wir Ressourcen neu:
- Starten wir ein großes Projekt von Gegenkultur, um die Sozialisierung auf Hierarchien und eigenes Rädchendasein im System zu knacken.
- Zeigen wir die Stärke horizontaler Organisierung auf, wo sie schon besteht: Das Streckenkonzept im Castor-Widerstand ist ein schönes Beispiel, aber es ist kaum Menschen klar, dass der Erfolg dieser Widerstandskonzeption genau darin liegt, dass hier weder eine zentralistische noch eine demokratische Kontrolle stattfinden. Es ist die Abwesenheit von gemeinsamer Entscheidung, die eine Welt, in der viele Welten Platz haben, sowie kreative Kommunikationswege und vieles mehr schafft. Fordern wir, dass das auch für andere Organisierungen gelten soll: Platzhirsche, KontrolleurInnen politischer Bewegung und ewiger SucherInnen nach WählerInnen, SpenderInnen und Mitglieder - bitte abtreten!
Der Blick über die Grenzen kann bei Mut machen, aber auch Gefahrenpunkte zeigen. Es gibt eine Menge Projekte, Debatten und Aufstände in dieser Welt, die explizit anarchistische Ideen beinhalten oder solche Forderungen erheben, die zum Inhalt emanzipatorischer Umgestaltung gehören, deren radikalste Form die Anarchie ist. Beeindruckend ist vor allem die Zahl kleiner und kleinster Projekte der Selbstorganisierung, sei es der Austausch von Gütern auf lokaler Ebene, die Besetzung von Land zur kooperativen Erzeugung von Lebensmitteln oder kleine Produktionsgenossenschaften. Zudem gibt es größere Projekte und Aufstände, die auch durch überregionale Medien oder via Internet verbreitet wurden. Besonders heraus stach dabei die zunächst als "Antiglobalisierung" bezeichneten Proteste zunächst z.B. in England und dann, deutlich bekannter geworden, in Seattle im Jahr 1999, wo anarchistische Gruppen eine große Rolle spielten und vor allem die Aktionsorganisierung stark von der Idee einer horizontalen Vernetzung in einer Aktion, in der viele Aktionen Platz hatten, geprägt war.
Schon einige Jahre vorher begann der Aufstand der Zapatistas in Chiapas (Mexiko), die Slogans wie "Fragend schreiten wir voran" oder für eine "Welt, in der viele Welten Platz haben" prägten.
Neben solchen interessanten Beispielen wachsen in der Vielfalt von Gruppen auch seltsame Orientierungen heran oder extreme Fokussierungen auf Einzelthemen, die dann der Ableitung aller weiteren Theorien oder Forderungen dienen. Mitunter verschmelzen anarchistische Attitüden sogar mit herrschaftsförmigen Gebilden, z.B. in Form des Nationalanarchismus oder des Anarchokapitalismus. In beiden Fällen werden krasse Gegensätze, d.h. extreme Herrschaftsgebilde, mit Ideen des Anarchismus zusammengebracht. Einer skeptischen Analyse halten solche Gedankengebäude allerdings regelmäßig nicht stand. Meist leiden sie daran, dass sie nicht die Menschen, sondern identitäre Kollektive wie Nationen, Völker oder Firmen zum Gegenstand der Befreiung machen wollen. Davor dürften die Menschen nichts haben, häufig sogar Schaden, weil solche Konstrukte regelmäßig mit massiven Unterdrückungserscheinungen im Inneren verbunden sind. Ein ähnliches Problem trägt der Anarchoprimitivismus in sich, der den Menschen abspricht, via Aneignung neuer Fähigkeiten die eigenen Handlungsmöglichkeiten auszudehnen.
Die Größe scheint hingegen, wahrscheinlich gefördert durch grenzenüberschreitende Kommunikationsmöglichkeiten wie Telefon und Internet, keinem Kooperation mehr grundsätzlich im Wege zu stehen. So sind auch globale Bündnisse mit Verzicht auf zentrale Apparate und Steuerung nicht ausgeschlossen. In einem Netzwerk selbstorganisierter Aktionsgruppen wurde in den globalisierungskritischen Protestenversucht, die Ansprüche an eine selbstorganisierte Widerständigkeit in einigen zentralen Leitgedanken zu verfassen. Auch wenn immer wieder an der einen oder anderen Formulierung Kritik entstand, sind sie doch ein beachtliches Ergebnis eines gemeinsamen Diskussionsprozesses und einer Kooperation von Aktionsgruppen, die etliche Jahre unter dem Begriff "peoples global action" (PGA) lief.
Im Original: PGA-Hallmarks (Quelle) ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
1. Eine Ablehnung von Kapitalismus, Imperialismus und Feudalismus, sowie aller Handelsabkommen, Institutionen und Regierungen, die zerstörerische Globalisierung vorantreiben.
2. Eine Ablehnung aller Formen und Systemen von Herrschaft und Diskriminierung, einschließlich (aber nicht ausschließlich) Patriarchat, Rassismus und religiösen Fundamentalismus aller Art. Wir erkennen die vollständige Würde aller Menschen an.
3. Eine konfrontative Haltung, da wir nicht glauben, dass Lobbyarbeit einen nennenswerten Einfluss haben kann auf undemokratische Organisationen, die maßgeblich vom transnationalen Kapital beeinflusst sind;
4. Ein Aufruf zu direkter Aktion und zivilem Ungehorsam, Unterstützung für die Kämpfe sozialer Bewegungen, die Respekt für das Leben und die Rechte der unterdrückten Menschen maximieren, wie auch den Aufbau von lokalen Alternativen zum Kapitalismus.
5. Eine Organisationsphilosophie, die auf Dezentralisierung und Autonomie aufgebaut ist. Die PGA stellt ein Koordinationswerkzeug dar, keine Organisation. Sie hat keine Mitglieder und ist nicht juristisch repräsentiert. Keine Organisation oder Person kann die PGA repräsentieren.
Ein wenig aber beinhaltet das Projekt auch in seinem geräuschlosen Verschwinden von der Bühne wichtiger AkteurInnen dann die Probleme, die das Ringen um emanzipatorische Veränderungen und der Anarchismus offensichtlich weltweit hat: Er kann Begeisterung erzielen, unmittelbar überzeugen, auch interessante Impulse setzen, aber es fehlt die Fähigkeit, sich als kontiniuerlicher Prozess zu stabilisieren. Entweder folgt Erstarrung oder der Wechsel der Beteiligten in die eigene Privatheit oder in die erstarrten, durch die Spiegelung gesellschaftlicher Normierung auch im Inneren und das Mitmischen an den Hebeln der Macht einschließlich dem Ringen um eigene Privilegien geprägten Organisationen.
Es ist eines der großen Dilemmata des Anarchismus, immer wieder nur eine Art Durchlauferhitzer für (meist junge) Menschen zu sein, die dann - mitunter mit einigen interessanten, angeeigneten Fähigkeiten - an anderen Orten, die mit ihrem Appell an die Mächtigen zur Behebung konkreter Missstände "Gutes" im Detail tun, aber im Gesamten sehr oft die Lage verschlimmern, weil sie Herrschaftsverhältnisse legitimieren oder sogar auszubauen helfen. Die Anarchie hat eine bessere Zukunft, wenn es gelingt, sie zu einer Lebensalternative von Menschen zu machen und nicht nur zu einer Sturm-und-Drang-Phase, in der (junge) Menschen sich ausprobieren, aber nicht wirklich Alternativen und starke Überzeugungen aufbauen. Oder in der Unzufriedene die ärgsten Bedrohungen abzuschütteln versuchen, um nach einigen Anfangserfolgen schlapp zu machen und sich mit der leicht verbesserten Lage gleich wieder zufrieden zu geben.
Zum nächsten Text über aktuelle Projekte im Anhang des Buches "Anarchie"
Die Seiten zur Anarchie auf www.projektwerkstatt.de
- AnarchistInnen für Kontrolle, Macht und Demokratie
- Hetze gegen Anarchie
- Räte - die Hierarchien bei AnarchistInnen und RätekommunistInnen
- Angst und Kontrolle
- Die Forderungen nach einer besseren Demokratie und die Kritik an Demokratie
- Herrschaftskritik und herrschaftsfreie Utopien
- Konkrete Utopie "Autonomie und Kooperation"
- Freie Menschen in Freien Vereinbarungen
- Bücher, CDs und mehr zu Utopien, Herrschaftskritik, Aktionen ...
- Download von Texten, ganzen Büchern über Utopien usw.
Weitere Links
- Textesammlungen zu Anarchie, Marxismus, Demokratie usw. als Wikis
- Wikipedia "Anarchismus"
- Anarchie und Basisdemokratie ++ Aktualisiertes Positionspapier dazu (PDF)
- Kritik an gängigen Anarchie-Parolen
- Demokratiekritik
