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Angst vor der Freiheit Marx und Anarchie Fanblock der Demokratie
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Chaos und Anarchie
als Projektion der Apokalypse?

Anarchie=Chaos? ++ Ohne Staat nur Faustrecht? ++ Kritik von links ++ Klappt nicht! ++ Links

Der folgende Text soll ein Kapitel werden im Buch "Träume, Kampf und Krampf im deutschen Anarchismus" (Gliederung hier)

Anarchie als moderne Figur des Teufels

Es macht – wie häufig – mehr Spaß, auf die andere Seite zu rücken und den Gegenstand des Interesses von einem Standpunkt aus zu betrachten, wo Anarchie ein Schimpfwort ist und für alles genutzt werden kann, was mensch irgendwie nicht will. Das ist die Mainstream-Position in dieser Gesellschaft, doch nicht überall wird in gleicher Intensität dem Anarchiehass gefrönt. Besondere Stilblüten setzen die VerfechterInnen rechtsstaatlicher Ordnungen mit sozialem Anspruch. Hier gilt der Staat als ordnende Hand, die das Gute durchsetzt – ob es nun eine gute UNO, oder der Präsident von Venezuela ist. Die Anarchie vermuten solche FetischistInnen des von oben kommenden Guten woanders – zum Beispiel in der CSU. Als dort im Herbst 2008 drei Kandidaten zum Vorsitz strebten, war das für die etatistische Frankfurter Rundschau weder Machtkampf noch Demokratie. „In der CSU herrscht Anarchie“, titelte sie am 4.10.2008. Als der Hurrikan „Katrina“ über New Orleans fegte, entblößte sich die Anarchie dort als tote, nasse Stadt mit patroullierenden Nationalgardisten.

Anarchie als Gesetzlosigkeit = Willkür

Dass Anarchie Gesetzlosigkeit darstellt, ließe sich ja sogar mit der Ursprungsbedeutung des Begriffs verbinden. In der Hetze gegen die Anarchie aber schwingt in der Vorstellung von Gesetzlosigkeit gleich die Willkür mich: Ohne Regeln geht alles durcheinander, bricht sich der Egoismus Bahn und schließlich - dass dann der nächste Gedankenschritt (siehe Folgeabsatz) - endet alles in Gewalt und Tod.

Theoretisch ließe sich diese Kette sogar noch nüchtern darstellen, doch fast immer, wenn Anarchie als Begriff gebraucht wird, finden derart absurde Assoziationen statt, dass es einem dauernden Kabarett der Stilblüten gleicht. Wenn zum Beispiel drei KandidatInnen für ein Amt in der CSU kandidieren, ist das kein demokratischer Alltag, sondern "in der CSU herrscht Anarchie". Werden leerstehende Wohnhäuser in Ostdeutschland abgerissen, ist das "die Anarchie der Bagger". Fallen religiöse Fundamentalisten über Heiligtümer anderer Religionen her, so könne Nutzen daraus ziehen, "wer auf Anarchie versessen ist". Sollte der Staat das Recht bekommen, Flugzeuge abschießen zu dürfen, so sei er dann eine Anarchie - resumiert die FR ebenso wie dass Anarchie herrsche, wenn in einer Sportmannschaft der Kapitän fehle. Passiert das mehrfach, mutiert das Millionengeschäft Tour de France zur "anarchischen Tour durch Frankreich".
Mehr auf den Kopf stellen lässt sich eine Analyse wohl kaum. Denn immer sind es in den gewählten Beispielen je gerade die zentralistisch organisierten Abläufe, die als Anarchie etikettiert werden. Oder was sollen die CSU, eine durch hoheitliche Entscheidung beauftragte Abrissfirmen oder eine flugzeugabknallende Regierung sonst sein? Sie als Anarchie zu bezeichnen, soll auch gar nichts über die Art der Binnenorganisation aussagen, sondern Anarchie steht einfach für das Schlechte - das, was nicht sein darf.
Eine besondere Stilblüte brachte die FR am 15.7.2003 zur Situation in Georgien.. Der hätte ein "Land in kontrollierter Anarchie" zurückgelassen. Was ist denn das? Der Artikel erklärte es: Kriminalität, Terror und niedriges Pro-Kopf-Einkommen, das waren nicht die Folgen der autoritären Kontrolle, sondern das war das Böse im System, ihr anarchischer Anteil. Da wundert es nicht, wenn die Heinrich-Böll-Stiftung, die sogenannte "Denk"fabrik der Grünen, die Aussicht auf einen Weltkrieg mit Atomwaffen als "atomare Anarchie" bezeichnet.

Im Original: Bürgerliche Hetze gegen Anarchie ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Anarchie in der Idee des Demokratie-Fanblocks ... in die CSU eintreten (links, aus der FR am 4.10.2008) ... Oder einfach mal "Anarchie" als Suchbegriff bei der Frankfurter Rundschau oder vergleichbaren Zeitungen eingeben und sich wundern/freuen, was dieses Blatt so alles als Anarchie bezeichnet ...


Oben: Überschrift in der Jungen Welt vom 5.12.2003 zum Abriss von Wohnhäusern in Ostdeutschland.
Rechts: Aus der Frankfurter Rundschau vom 15.7.2003 zur Situation in Georgien.
Unten: Aus der FR vom 12.11.2004 zum Tod von Arafat (S. 2)

FR-Titel zu Wikileaks als Symbol des Übergangs zu Informationsgesellschaft, am 7.12.2010 (S. 32)
Die Anarchie der Transparenz

taz-Überschrift zum Verhalten der Amerikaner im Irak (Interview mit J. Verges in: tageszeitung, 2.1.2004, S. 4)
Alles illegal. Das ist die komplette Anarchie.


Links: Frankfurter Rundschau, 3.3.2010 (S. 38)

Einleitungstext zur Lage in Haiti in der FR vom 1.2.2006 (S. 7)
Denn in dem kleinen karibischen Staat herrschen Gewalt und Anarchie.

Tagung der Heinrich-Böll-Stiftung zur Verbreitung von nuklearen Waffen am 10./11.9.2009 in Berlin
Atomwaffenfreie Welt oder atomare Anarchie?

Anarchie im Irak ... Religiöser Wahn = Anarchie???
Aus "Im Chaos", FR, 25.02.2006, S.3 (von Karl Grobe)
Es ist ein Akt schierer Verzweiflung, am Tag des Freitagsgebets eine Ausgangssperre anzuordnen, damit die Gläubigen nicht in die Moscheen kommen können. Ein schlimmes Vorzeichen ist, dass diese Anordnung dort missachtet wird, wo bestimmte so genannte Milizen das Machtmonopol erobert haben. ... Und dazu gehört die Folge der Herrschaftslosigkeit: Das Aufkommen der Fundamental-Terroristen. Systematischer sind selten Chaos und Anarchie erzeugt worden.

Aus "In Richtung Anarchie", FR, 24.2.2005 (S. 3)
Die Zerstörung der Goldenen Moschee in Samarra war nicht Vandalismus. ... Wer die allseitige Zerstörung will, wer auf Anarchie versessen ist, mag Nutzen daraus ziehen. ... Die USA können gewalttätige Anarchie im Zweistromland nicht wollen.

Ist ein Staat, der Verkehrsflugzeuge abschießt, eine Anarchie?
Aus einem Kommentar zum Luftsicherheitsgesetz, FR, 18.2.2006
Der Staat indes kann sich auf Notwehr nicht berufen. Seine Organe sind in ihrem Handeln strikt an Gesetze gebunden. Das macht das Wesen des Rechtsstaats aus, darin unterscheidet er sich von Systemen der Willkür und Anarchie.

Aus der FR (13.7.2006, S. 21):
Die Überschrift bezieht sich auf das Fehlen der Mannschaftskapitäne bei der "Tour de France" durch die Dopingaffären.

Und am Ende der Tour de France 2006 blieb die FR immer noch ihrer Meinung (FR, 22.7.2006, S. 22)
Die zum Teil chaotischen Verhältnisse bei dieser anarchischen Tour durch Frankreich sind dafür verantwortlich, dass vor dem heutigen Rennen gegen die Uhr keiner der Favoriten sorgenfrei nach Paris blicken darf.
Anarchie ist eben für alles Böse verantwortlich, auch dass es keinen Dominator und daher keine Langeweile, Fanekstase usw. mehr gibt (schluchz ... ein Sportwettkampf, ohne dass vorher alles feststeht ... Anarchie ist so grausam)

Rechts: Im Spiegel 32/2008 auf Seite 23

Anarchisten als Verkehrsrowdys
Aus "Raucher raus", in: FR, 17.2.2006
Im Land, in dem die Autofahrer die Bedeutung eines Zebrastreifens bis heute nicht kennen und sich einen Spaß daraus machen, hupend aus aufrechten Fußgängern rennende Angsthasen zu machen, würde sich kein Zigarettenliebhaber von der Inhalation einer ganzen Palette von Krebs erzeugenden Mitteln abhalten lassen. Ein bisschen Anarchie gehört halt zu Italien wie das Kolosseum zu Rom.

Ausgerechnet Berlusconi soll auf die Anarchie bauen
Aus "Romano Prodis Dilemma", in: Junge Welt, 21.4.2006 (S. 6)
Dabei setzte der bekennende Steuerhinterzieher Berlusconi auf jene anarchische Regelfeindlichkeit, die in Italien weit verbreitet ist und die nicht Rebellion ist, sondern das genaue Gegenteil.

Rechts: Im Spiegel 2/2009 auf Seite 73

Tjark Kunstreich in konkret Nov. 2001 (S. 41):
Dabei leisten die Taliban dem Weltmarkt keinen Widerstand, im Gegenteil, sie haben die afghanische Bevölkerung seinem anarchistischen Diktat schutzlos unterworfen, indem sie den Staat zerstörten und seine Staatsbürger - vor allem: seine Staatsbürgerinnen - zu staatenlosen Flüchtlingen auf dem eigenen Territorium machten. Sie profitieren als Bande von dieser Anarchie wie andernorts die UCK.

Überschrift in der SZ zu Libyen, am 19.4.2014 (S. 4)
Staatlich finanzierte Anarchie

Was noch alles ist Anarchie? Beispiele: Parkkralle eigenhändig entfernen

Text von Frank Nestler in der FAZ, 4.1.2014 (S. 18)
Der Libertarismus ist so extrem, dass erschon fast eine Form von Anarchismus ist, also des totalen Chaos.

Nationalsozialismus ist eine Form der Anarchie
Aus dem Vorwort "Bemerkung zum Namen Behemoth" im Buch "Behemoth" (S. 16)
Da wir glauben, daß der Nationalsozialismus ein Unstaat ist oder sich dazu entwickelt, ein Chaos, eine herrschaft der Gesetzlosigkeit und Anarchie ...

"Inseln der Anarchie" ... Spiegel 15/2016 (S. 58) über Steueroasen voller Briefkastenfirmen
"Operation Anarchie" ... Spiegel 5/2016 (S. 52) über die gegenseitige Militärspionage von NATO-Ländern und Verbündeten

Interessant ist eine Variante aus der Rechtsphilosophie. In der "Skepsis gegenüber der moralischen Autorität " sei ein "Keim von Anarchie und die Bereitschaft zur Infragestellung der Richtigkeit autoritativ getroffener Entscheide und zur Auflehnung gegen staatliche Obrigkeit" zu erkennen.

Aus Kunz, Karl-Ludwig/Mona, Martino (2006): "Rechtsphilosophie, Rechtstheorie, Rechtssozialogie", UTB Haupt (S. 158)
Das Naturrecht erfährt damit eine individualistische Deutung. Es beruht auf dem Anspruch auf Autonomie des Vernunftwesens Mensch, weist diesem eine unverfügbare menschliche Würde zu und appelliert an ihn, "mündig" selbst zu prüfen, was als richtig gelten soll. Gegen Tendenzen zur Fremdbestimmung wird die Eigenverantwortlichkeit bezüglich Richtigkeitsvorstellungen betont. Dieses Naturrechtsverständnis lebt von der Skepsis gegenüber der moralischen Autorität vorgegebener Instanzen. Es trägt damit stets einen Keim von Anarchie und die Bereitschaft zur Infragestellung der Richtigkeit autoritativ getroffener Entscheide und zur Auflehnung gegen staatliche Obrigkeit in sich. Selbst Denken wird zum Naturrechtspostulat.

Anarchie als Chaos, Gewalt und Tod

Meist geht die Hetze weiter, denn mit der offensichtlichen Horrorvorstellung fehlender Gesetze oder Kontrollmacht geht sofort die Angst von Terror, Gewalt und Tod einher. Daraus wird dann umgekehrt abgeleitet, wo Gewalt und Tod herrschen, sei Anarchie. Folglich wird der Begriff immer wieder benutzt, um eine entsprechende Situation mit einem Begriff zu fassen.

Im Original: Anarchie = Terror = Naturgewalt = ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Überschriften in der FR, 3.3.2010 (S. 38 f.) und 21.4.2010 (S. 9)
Erst das Erdbeben, dann die Anarchie
In Kirgistan wächst die Angst vor der Anarchie


Bildunterzeile unter einem vermummten Brotkorbwerfer, in: FR, 7.12.2009 (S. 7)
Anarchist in Aktion

Aus: Freitag Nr. 15, 4.4.2002 (S. 1)
Die Gesetze der Anarchie und Rache werden das Leben bestimmen.

Frankfurter Rundschau zur Lage im Irak (7.5.2003, S. 23)
Völlige Anarchie.

Anarchie = Terrorismus ... sagt Europol. Mehr ...

Überschrift und Text in der FR am 26.1.2011 (S. 6)
Albanien droht eine neue Phase der Anarchie
In Albanien wächst die Furcht von einer neuen Welte der gewalttätigen Anarchie, wie sie das Land seit dem Fall des Kommunismus schon dreimal erleben musste.


Abb. links: FR, 21.4.2010

Über Somalia: 15 Jahre Anarchie
Aus "Viele Tote bei Kämpfen in Somalia", FR, 23.2.2006
Der Konflikt zwischen den Warlords und den islamischen Milizen habe "enorme Konsequenzen" für das seit 15 Jahren in Anarchie befindliche Land ...

Islamistisch plus Morde durch PolizistInnen = Anarchie
Aus einem Interview mit Britta Petersen, Leiterin der Heinrich-Böll-Stiftung in Pakistan, in: FR. 3.3.2011 (S. 9)
Pakistan ist eindeutig radikaler und islamistischer geworden und hat mit dem jetzigen Mord einen weiteren Schritt Richtung vollkommene Anarchie gemacht.

Nicht nur die Anarchie, sondern auch die AnarchistInnen werden mit dem Bann des Bösen belegt - und alle politischen Strömungen, die in den gleichen Topf geworfen werden. Solches Gedankengut kommt aus den Propagandaschmieden der Regierung ebenso wie aus vielen anderen bürgerlichen Ecken.

Im Original: Anarchie absurd ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus der Glosse "Pimmel als Understatement" in: taz, 14.3.2011 (taz-akademie 1)
Dabei täte es ganz gut, wenn das Glied viel häufiger an die Öffentlichkeit gelangte und dem Hosenstall entflöhe. Könnte es doch vor dem Abheben zum Mainstream bewahren. Nur denen die bereit und aufgeschlossen sind, sich einer neuen Welt zu nähern, wird der anarchische Charakter des Hirns in der Hose auch verständlich.

Definition von "Autonomie" auf der Kinder-Demokratieseite der Bundeszentrale für politische Bildung (www.hanisauland.de, Quelle für "Autonomie")
... Als „Autonome“ bezeichnen sich in der Bundesrepublik Deutschland einige meist politisch links stehende Gruppen. Ihr Ziel ist es, in einer herrschaftsfreien Gesellschaft (Anarchie) zu leben, in der es keinerlei Autoritäten gibt. Um ihre Ziele zu erreichen schrecken sie oft auch vor Gewalt nicht zurück. So sieht man immer wieder so genannte Autonome, die bei Demonstrationen Steine werfen oder Schaufenster einwerfen.

Wenn die Schlächter ihr eigenes Gemetzel als Anarchie verteufeln - Anarchie-Märchenstunde made in USA!?
Erzählen wir noch eine der bizarresten Geschichten dieser Art. Sie spielte 2005. Der Hurrikan "Katrina" fegte über den Süden der USA und führte zu Überflutungen und Zerstörungen. Besonders hart trag es die Stadt New Orleans, die in einer Senke unter dem Niveau der vorbeiführenden Flüsse angelegt war. Das wurde ihr nun zum Verhängnis, denn "Katrina" zerlegte die Dämme - und die Stadt geriet unter Wasser.
Die einsetzende Hilfe durch staatliche Organe wurde zum Desaster. Eine Nation mit Weltführungsanspruch bewies, dass wenn technische Kapazitäten in innere Sicherheit und Kriegsführung gesteckt werden, bei der Hilfe für Menschen nicht mehr viel geht. Die Rettungspläne versagten gnadenlos. Noch schlimmer: Der Staat zeigte sich von seiner besonders hässlichen Seite. Es kam zu Aussortierungen der Hilfebedürfigkeit nach Zugehörigkeit zu Klassen und sogenannten "Rassen". Dass das nahegelegene und deshalb ebenso betroffene Kuba ganz anders reagierte und dort nur wenige Opfer entstanden, wurde peinlich verschwiegen. Der Verdacht kam auf, dass die Armen in New Orleans einfach im Stich gelassen wurden. Waren sie teure Evakuierungen und technische Hilfe nicht wert? Teile von Polizei und anderen Repressionsstrukturen wurden nach wenigen Tagen angewiesen, nicht Menschen zu helfen, sondern das Eigentum von Reichen, Läden und anderen zu schützen. Das war wichtiger ... auch wenn viele Waren in den überschwemmten Läden ohnehin vergammelt wären. Der Ausschnitt rechts stammt aus dem Spiegel 37/2005 (S. 136). Er zeigt nicht Plünderer, sondern die Polizei auf der (angeblichen) Suche nach Plünderern beim Einschlagen einer Haustür. Sogenannte Plünderer wurden bei solchen Aktivitäten ab und zu erschossen.
Obwohl also offensichtlich die Obrigkeit das Problem war, stellten Medien es so dar, als seien gerade das Fehlen des Staates und eine beginnende Anarchie die Ursache. Als "Anarchie" benannten sie die Aneignung der allmählich vergammelnder Lebensmittel durch die unterversorgte Bevölkerung. Sollen Menschen lieber rechtstaatlich korrekt verhungern, nur um den Teufel "Anarchie" zu vertreiben? Immer wieder prangerten die Medien an, dass die US-Regierung nicht genug Soldaten und Polizei schickte!
Der deutsche Bundeskanzler, Gerhard Schröder, mahnte zum Gegenkurs gegen das Böse. Bei der Abfahrt deutscher Hilfsteams sagte er - die tatsächlichen Verhältnisse umkehrend: "Für Menschen, die in Not sind, brauchen wir einen starken Staat." (zitiert nach Spiegel 37/2005, S. 130)
Berichte von Abläufen aus der Logik staatlicher Macht heraus:

Positionen gegen diese Manipulation und mehr:

Im Original: Gassi gehen als Anarchie ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Kolumne "Die Anarchie lebt" von Marcia Pally, in: FR, 7.7.2011 (S. 10)
Der Kapitalismus in den USA schliddert von einer Krise in die nächste. Die Hoffnung ruht auf Firmen wie Brighter Days.
Der Cowboy-Kapitalismus in Amerika ist einfach nicht mehr das, was er mal war. Toxische Investments und gerichtliche Bußgeldbescheide bestimmen das Geschäft – der Sündenlohn für finanzielle Abenteuer. Ein besseres Angebot? Anarchismus.
Vielleicht assoziieren Sie den amerikanischen Ur-Kapitalismus nicht mit Anarchismus. Aber schauen Sie sich doch einmal den Präsidentschaftswahlkampf an. Wir haben noch anderthalb Jahre vor uns, und es ist jetzt schon ein anarchistisches Gedrängel. Newt Gingrich, der republikanische Cowboy, der einst der Regierung den Geldhahn zudrehte, ist heute im Rennen und morgen schon wieder draußen. Sarah Palin behauptet, sie sei nicht im Rennen, aber sie ist auch nicht draußen. Glenn Beck ist nicht draußen, aber auch nicht drin. Michelle Bachmann scheint mehr drin zu sein, als irgend jemand denkt. Und Mitt Romney versucht die Füße still zu halten, aber die Obama-mäßige Gesundheitsreform, die er als Gouverneur von Massachusetts aufgestellt hat, bringt seine Partei dazu, ihn zu katapultieren, und zwar raus.
Während die Anarchie gedeiht, verdorrt der Kapitalismus. Die Bank of America beispielsweise bezahlt 8,5 Milliarden US-Dollar in einem Gerichtsverfahren für ihre cowboymäßigen Schwindeleien. Sie dachten, sie würden einen Profitmacher einkaufen, als sie Countrywide Financial kauften, aber irgendwie haben sie übersehen, dass Countrywide Investoren über den Wert seiner hoch riskanten Hypotheken-Anleihen täuschte. Die Bank of America landete vor Gericht. 22 Finanzinstitutionen fühlten sich betrogen. Die 8,5-Milliarden-Dollar-Zahlung wird alle Profite der Bank of America in diesem Jahr vernichten.
Angesichts der kapitalistischen Ketzerverbrennungen gedeiht der Anarchismus. Nehmen Sie die Hundesitter von Brighter Days, ein anarchistisches Unternehmen, das 2010 mehr als 250000 Dollar verdiente, indem es für 30 Minuten Gassigehen mit Hunden, deren Besitzer in Washington einfach zu beschäftigt mit Gerichtsverfahren sind, um ihre Hunde auszuführen, 16 Dollar berechnet. Die Firma gehört ihren Besitzern zu gleichen Teilen, die Eigentümer treffen ihre Entscheidungen auf wöchentlichen Meetings im Konsens, teilen ihre Verdienste gerecht auf und haben eine Betriebskrankenkasse. Sie spenden Geld für soziale Gerechtigkeit und betreiben ihre Web-Server mit Windenergie. Sie bekommen sieben Wochen bezahlten Urlaub, was sie nicht nur anarchistisch aussehen lässt, sondern schlimmer: europäisch.
Natürlich hat dieser Anarchismus einen Preis: Brighter-Days-Mitglieder machen sich Sorgen. Wenn sie gegen die Idee eines Staates sind, sollten sie dann Steuern bezahlen? Ist es ethisch vertretbar, sich um die Tiere von Menschen zu kümmern, die für kapitalistische Institutionen arbeiten? Von welchem abscheulichen Kapitalistenschweine-Konzern sollten sie ihre Krankenkassenleistungen kaufen?
Niemand hat je behauptet, dass Anarchismus leicht sei, aber im Moment sieht er einfach besser aus als die Alternative. Wegen ihrer Hunde rufen viele Bürokraten und Anwälte bei Brighter Days an. Und wenn sie von den Arbeitsbedingungen hören, fragen sie fast immer nach einem Job.
Investieren Sie noch heute in Anarchismus.

Anarchie als Inbegriff für Gewalt und Tod zu nutzen, ist nicht nur frei jeglicher Begründung oder geschichtlichen Herleitung. Es ist auch die Umkehrung dessen, was eher offensichtlich ist: Nämlich dass gefestigte Macht regelmäßig der Auslöser von Gewalt und Übergriffen ist. Niemand übt in den heutigen Gesellschaften so viel Gewalt aus wie die Inhaber der legitimen Gewalt, namentlich Polizei und Armee. Was immer dann, wenn die dort geschulte Verschleierung des eigenen Vorgehens mal nicht klappt, als Einzelfall stilisiert wird, ist tatsächlich der Alltag: Demütigung, Diskriminierung und rohe Gewalt. Faszinierend anzuschauen war, wie in Deutschland, das nach dem selbstverschuldeten Elend zweier Weltkriege eine kurze Pause organisierten Mordens einlegen musste, rund um die Jahrtausendwende ungläubig auf Berichte reagiert wurde, dass es in Kriegen Tote geben könnte, bei der Kriegsvorbereitung Übergriffe und Diskriminierungen an der Tagesordnung sind und im Kriegseinsatz regelmäßig von Willkür, Gewalt, Vergewaltigung, Korruption oder Massakern zu melden sind.
Anarchie ist dann auch das: Eine Verschleierungstaktik, dass es die Macht selbst ist, die das anrichtet, was zur Ablenkung und Legitimation auf das Böse projiziert und mit dem Begriff Anarchie (oder wahlweise anderen der großen Hetzbegriffe) belegt wird.

Anti-Anarchismus wie ein Stoßgebet: Lieber Staat, bewahre uns vor dem Bösen

Was sich hier abspielt, ist im wahrsten Wortsinn eine Verteufelung der Idee von Herrschaftslosigkeit. Es weist alle dafür typischen Merkmale einer religiösen Kategorie auf. Schauen wir doch zurück in die Religionsgeschichte: Die Akzeptanz von Göttern und ihren selbsternannten StellvertreterInnen (lange Phasen auch ohne "Innen") auf Erden entsprang weniger überzeugenden Argumenten oder großer Ideale, sondern Angst und Unwissen. Überall schienen der Tod oder zumindest großer Schrecken zu lauern: Strafen, Fegefeuer, Hölle und jüngstes Gericht wurden als freie, aber schlaue Erfindungen in die Köpfe gebracht, um dort weitere Ängste auszulösen. Gott wurde spätestens zum Popanz, als ihm - James Bond, Captain Kirk und die Hobbits lassen grüßen - ein Gegenspieler gegenübergestellt wurde. So konnte sich die Mär vom Ringen des Guten gegen das Böse, personifiziert als Gott gegen den Teufel, in den Köpfen festsetzen. Einzeltaten wurden der einen oder der anderen Sphäre zugeordnet - mitunter auch ganze Personen. Wer vom Teufel besessen war, verlor schnell seine Menschenwürde. Von Teufelsaustreibungen bis zu öffentlichen Verbrennungen reichten die als Rettung vor dem Bösen inszenierten Gewaltübergriffe der Mächtigen.
Auch in der praktischen Politik und im Alltag funktioniert das Modell: Angst schüren, Rettung anbieten. InnenpolitikerInnen und auflagengeile Medien phantasieren kriminelle Bedrohungen herbei, um Überwachung, Kontrolle und immer härtere Strafen durchsetzen zu können. Vereinsvorstände, HausrechtsinhaberInnen und andere Autoritäten legitimieren ihre Macht, in dem sie die Furcht streuen, ohne sie könnte das Chaos ausbrechen, alles aus dem Ruder laufen oder untergehen. So lassen sich Menschen immer wieder für die beruhigende Lösung der harten Hand oder der klaren Regeln gewinnen - ständig auch gegen ihre eigenen Interessen.
Anarchie steht dabei nicht konkurrenzlos als Inbegriff des Bösen, das Angst auslöst und autoritäre Politiken legitimiert. Überfremdung, Bevölkerungsexplosion, Islamismus - sie alle erfüllen diese Funktion in der hassgeladenen und deshalb gut beherrschbaren heutigen Gesellschaft.

Jochen Hörisch in einem Kommentar in: FR, 7.2.2011 (S. 10)
Die Grunderfahrung, dass Demokratie nichts anderes heißt als im Staat den Anderen unserer selbst zu erkennen, verschwindet wie eine Zeichnung am Sandstrand. So viel Selbstüberlistung wie heute war nie, so viel anarchische Lust in bürgerlichem Gewand auch nicht.

Mit der Verteufelung der Anarchie wird der Idee und Konzeption von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie ein religiöses Merkmal hinzugefügt. Denn keine Religion kommt ohne die angstschürenden Gegenbilder aus. Im Buch "Demokratie. Die Herrschaft des Volkes. Eine Abrechnung" findet sich ein analytischer Vergleich zwischen Religion und Demokratieglaube. Der muss hier daher nicht wiederholt werden. Das Recht wurde historisch immer als Ausdruck einer göttlichen oder sonstig höheren Vorgabe interpretiert. Es ist daher gar keine Überraschung, dass Demokratie und Rechtsstaat mit dem Bild von Gewalt und Tod in Form der Anarchie eine Gegenprojektion beigegeben wurde. So können sich die InhaberInnen moderner Führungsposten als RetterInnen inszenieren und für ihre Übergriffe sogar noch Dankbarkeit erwarten.

Damit aber sind Beispiele nur für plakative Formen der Hetze benannt. Sie zeigen sich als bemerkenswert flach und inspiriert vom Willen, das Ungeordnete und Freie als Zustand höchster Willkür und Gewalt darzustellen. Die Verteufelung der Alternative zu Herrschaft und Kontrolle ist eine simple Propagandastrategie, leider wirksam. Geschichtlich hat das Schüren von Angst z.B. vor anderen Ländern oder Bevölkerungsgruppen innerhalb der eigenen Gesellschaftlichen immer wieder Legitimation für umfangreiche Übergriffe bis hin zu Genoziden und Kriegen geschaffen. Es ist also eines der wirksamsten Propagandamittel.
Doch diese Beeinflussung geschieht nicht nur über Hetze und Angst, sondern auch in der Theorieentwicklung. Es ist Schul- und Universitätswissen, dass Recht und Gesetz den Menschen vor sich selbst schützen - und Anarchie Mord und Totschlag bedeuten. Begründet wird das nie, vielmehr ist dient das Axiom, dass Herrschaftslosigkeit in die Barbarei führt, als Begründungsaxiom für Recht und Ordnung, formalisierte Herrschaft oder den Staat als Ganzem.

Wer gegen die herrschende Ordnung ist, ist Anarchist (und will Terror ...)

Es ist nicht einfach, gleichzeitig die Schreckensbilder der Anti-Anarchie-Propaganda abzuwehren, ohne als Gegenreaktion in eine dogmatische Gewaltfreiheit zu verfallen. Das ist zwar aus vermeintlichem Selbstschutz verständlich, würde aber nun selbst eine festgelegte Regel bedeuten und Menschen auf bestimmte Verhaltensweisen normieren. Zudem verwechselt oder vereinheitlichet es die Konzepte von Utopie und Widerstand, die ja für unterschiedliche Situationen, Bedingungen, Phasen und Zeiten gelten. Platte Parolen für oder gegen Gewalt geben daher regelmäßig den HetzerInnen gegen eine herrschaftslose Gesellschaft einfache Munition. Das Dilemma ist auf www.anarchismus.at an einem Beispiel gut umrissen: "Obwohl die RAF sich selbst vom Anarchismus distanzierte und sich als marxistisch-leninistisch bezeichnete, was der Polizei selbstverständlich bekannt war, wurden sie automatisch als „anarchistische Gewaltverbrecher" bezeichnet. Der Grund liegt auf der Hand: erstens kann mensch mit dem Begriff Anarchismus eine unliebsame Gruppe in der Öffentlichkeit nachhaltig diffamieren, zumal der Kommunismus durch die Entspannungspolitik damals gerade kurzfristig salonfähig geworden ist. Und zweitens sieht mensch, dass auch in Deutschland der Anarchismus wieder an Wichtigkeit gewinnt. So kann mensch schnell und sicher die Bevölkerung gegen ihn aufhetzen."

Anarchie-Hetze in Theorieform: Herrschaft oder Barbarei

Ein immer wiederkehrendes Muster ist die Behauptung, ohne eine starke Monopolmacht würden die Menschen sich untereinander unterdrücken oder gar totschlagen. Das ist doppelt fragwürdig. Denn erstens findet sich kein belastbares Argument, warum das passieren soll - und die bisherigen Beispiele des Wegfalls autoritärer Strukturen (Beispiel auch auf deutschem Boden: Republik Schwarzenberg) mögen aus vielerlei Perspektive unbefriedigend verlaufen sein. Mord und Totschlag waren sie allerdings nicht.
Zum zweiten machen sich die Böcke zu Gärtnern. Denn es gab in der Geschichte zwar immer auch eine Vielzahl von Gewalttätigkeiten zwischen Menschen, die aber bereits zu einem großen Teil auf in den Kleinstrukturen basierenden Herrschaftssystemen beruhten (Patriarchat, Familienclans, Stammesstrukturen, Eigentum usw.). Auffälliger aber war und ist die ständige und quantitativ ins Unendliche ausufernde Gewaltneigung der InhaberInnen von Gewaltmonopolen: Kaiser- und Königreiche, Kirchen, Fürstentümer, Nationalstaaten und Armeen in früherer, die Staaten und ihre Armeen, Polizei und Justiz in neuerer Zeit. Dass dieser prägenden Gewalt ausgerechnet durch die Monopolisierung aller Gewaltausübung bei den Hauptgewaltverursachern entgegengewirkt werden soll, ist vollständig im Bereich des Absurden angesiedelt. Aber Alltag in den Staats- und Gesellschaftstheorien der AnhängerInnen von Rechtsstaat und Demokratie.

Im Original: Staatsordnung oder Anarchie ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Informationen zur politischen Bildung Nr. 216 (Neudruck 2000), "Recht", Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn (S. 17 f.)
Es ist eine wesentliche Aufgabe des Rechts, das friedliche Zusammenleben der Bürger in der Gesellschaft zu gewährleisten. Voraussetzung dafür ist das "staatliche Gewaltmonopol". Darunter verstehen wir, daß die rechtmäßige Ausübung hoheitlicher Macht in den Händen der Staatsgewalt liegt, die allein die Befugnis hat, unter bestimmten, rechtlich geordneten Bedingungen physischen Zwang anzuwenden oder anzudrohen. Das staatliche Gewaltmonopol ist für die Aufrechterhaltung des Friedens in der Gesellschaft notwendig. Wenn nämlich einzelne Personen oder gesellschaftliche Gruppen die Befugnis zur Gewaltanwendung für sich in Anspruch nehmen könnten, dann müßte dies zwangläufig zu einer Gesellschafts des Faustrechts führen, in der allein das Recht des Stärkeren zur Geltung käme.

Aus Grimm, Dieter (1985): Einführung in das Recht, UTB C.F. Müller Verlag in Heidelberg (S. 140), zitiert in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 216 (Neudruck 2000), "Recht", Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn (S. 18)
Das Gewaltmonopol ist nur eine notwendige, aber selbstverständlich keine hinreichende Bedingung für Freiheit und Gleichheit. Es ist aber insofern eine notwendige Bedingung, als nur in einer äußerlich befriedeten Welt Argumente überhaupt Bedeutung gewinnen können.

Aus Eppler, Erhard (2005): "Auslaufmodell Staat?", Suhrkamp Verlag in Frankfurt
Die radikal unzivile, barbarische Gesellschaft entsteht, wo es keinen Staat mehr gibt. ...
(S. 160)

Aus Dahn, Daniela (2005), "Demokratischer Abbruch", Rowohlt Verlag in Reinbek, abgedruckt in: Humanwirtschaft 1/06 (S.19)
Wenn die Demokratie uns zerrinnt, haben wir buchstäblich nichts mehr. Aus Trümmern wächst Gewalt.

Aus Michael Pawlik (2002): "Der rechtfertigende Notstand" (S. 231)
Rechtstaat ... mit seiner Aufgabe, Anarchie - "Bürgerkrieg" - zu verhüten ...

Definition von "Anarchie" von der Kinder-Demokratieseite der Bundeszentrale für politische Bildung (www.hanisauland.de, Quelle für "Anarchie")
Das griechische Wort "anarchos" bedeutet übersetzt so viel wie "Herrschaftslosigkeit" oder "Gesetzlosigkeit". Das macht schon deutlich, was man sich unter Anarchie vorzustellen hat: eine Gesellschaft, in der niemand das Sagen hat, in der es keine staatliche Gewalt mehr gibt, in der es keine gewählten Volksvertreter in einem Parlament, keine Monarchie oder irgendeine sonstige Herrschaftsform gibt. Diejenigen, die eine Anarchie wollen (man nennt sie Anarchisten), treten für die totale Freiheit des Menschen ein. Es soll keine Regeln geben, keiner soll über den anderen herrschen und man soll nicht nach Gesetzen leben, die von anderen Menschen oder einer Regierung gemacht werden. Man kann sich aber vorstellen, dass in einer solchen Gesellschaft nur der Stärkste gewinnt und das Chaos herrscht.

Ungeordnetheit wird also mit Chaos und Gewalt gleichgesetzt. Darum braucht es, so die selbstgestrickte Legende, den Staat.

Im Original: Anarchie ist Chaos und Faustrecht ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus der Multiplikatorenmappe "Demokratie", Wochenschau Verlag in Schwalbach 2003 (S. 3, mehr Zitate)
Wenn man über Demokratie spricht, sollten zunächst Utopien ausscheiden. Utopisch ist die Vorstellung des autarken - und daher auch autonomen - Einzelnen. Realistischerweise ist nicht von Robinson auf seiner Insel auszugehen, sondern von einer verstädterten Millionenbevölkerung, wobei die Menschen mannigfach gesellschaftlich abhängig sind (wer kann im modernen Leben auch nur seine Nahrungsmittel selbst produzieren, von allen anderen Bestandteilen der so genannten Daseinsvorsorge ganz zu schweigen?). Ebenfalls utopisch ist die Idee, eine solche große und komplexe Gesellschaft könne sich herrschaftsfrei selbst organisieren: der Traum der Anarchisten, aber auch die Prophezeiung der Klassiker des Kommunismus, wonach der Staat dereinst absterben und an die Stelle der Regierung über Personen nur "die Verwaltung von Sachen und die Leitung von Produktionsprozessen" treten sollte (...). Dass die Entwicklung im "real existierenden Sozialismus" in die entgegengesetzte Richtung einer immer stärkeren Rolle des Staates verlief, sei nur nebenbei festgehalten. Der Anschauungsunterricht der Gegenwart aus Ländern, in denen der Staat "ausgefallen" ist (Somalia, Afghanistan), lehrt: Eine Gesellschaft steuert sich keineswegs von selbst durch Vernunft. Manches regelt eine radikale Anwendung des Marktprinzips von Angebot und Nachfrage. Weithin gilt einfach das "Recht" des Stärkeren, d. h. es regiert die Gewalt, etwa in Gestalt so genannter "Warlords", Kriegsherren, die über so und so viel Bewaffnete verfügen. Die Menschen und ihre Gesellschaft brauchen also den Staat.

Rechts: Scan aus dem Heft Nr. 70 des UfU (Umweltinstitut für Umweltfragen). Es geht um Metropolen. Diese hätten viel des Schlechten (Anarchie) und wenig Gutes (Ökologie).

Montesquieu hält Faustrecht für logische Folge von Anarchie
Aus Marti, Urs (2006), "Demokratie - das uneingelöste Versprechen", Rotpunkt in Zürich (S. 35)
Sie kommen überein, künftig in vollständiger Anarchie zu leben, nur noch ihrer inneren Natur, ihren egoistischen Neigungen zu folgen. Fortan kümmert sich keiner mehr um den anderen, und jeder baut auf seinem Feld nur gerade so viel an, wie er für sich alleine benötigt. Freilich ist auf diese Weise auch jeder den Unwägbarkeiten der äußeren Natur schutzlos ausgesetzt; wer in einem Jahr nichts ernten kann, darf von den anderen keinen Beistand erwarten. So kommt es, dass Hungersnöte große Teile des Volkes hinraffen. Die Gewalt, die an die Stelle des Rechts getreten ist, sowie das völlige Fehlen des Sinns für Billigkeit und gegenseitige Verpflichtung dezimieren es zusätzlich. Kurz: die Anarchie ist nicht von Dauer, sie führt zu wirtschaftlichen Katastrophen und endlich zum Untergang.

Aus Hardt, Michael/Negri, Antonio (2004): „Multitude“, Campus Verlag in Frankfurt (S. 266 f., mehr Auszüge ...)
Die moderne Souveränität (und darüber sollten wir uns im Klaren sein) bereitet Gewalt und Furcht keineswegs ein Ende, sondern beendet vielmehr den Bürgerkrieg, indem sie Gewalt und Furcht in eine kohärente und stabile politische Ordnung einpasst. Der Souverän wird der einzig legitime Urheber von Gewalt sein, und zwar sowohl gegenüber seinen Untergebenen als auch gegenüber anderen souveränen Mächten. Auf diese Weise dient der souveräne Nationalstaat der Moderne als Antwort auf das Problem des Bürgerkriegs.
Heute taucht das Problem des Bürgerkriegs in einem viel größeren, nämlich globalen Maßstab wieder auf. Der heutige Kriegszustand, der zu einer fortwährenden Polizeiaktion geworden ist, welche die regulative Begründung von Regierung und politischer Kontrolle unterstützt, verlangt in ähnlicher Weise den Gehorsam der Untergebenen, die von Gewalt und Furcht gepeinigt sind. ...
Den Bürgerkrieg zu beenden heißt aus dieser Perspektive nicht, Gewalt und Furcht ein Ende zu machen, sondern sie in eine überschaubare Ordnung zu bringen und in die Hände des Souveräns zu legen. ...

Aus Eppler, Erhard (2005): "Auslaufmodell Staat?", Suhrkamp Verlag in Frankfurt
Wo der Staat sein Gewaltmonopol verloren hat, wo Warlords, meuternde Söldner oder einfach kriminelle Banden Gewalt ausüben - und das geschieht heute in Afrika oder Zentralasien häufig -, hat der Staat aufgehört zu existieren. Es gibt ihn nicht mehr, damit auch kein Recht und keinen Schutz der Kinder, Frauen oder Greise vor den Kalaschnikows einer verwilderten Soldateska. ... (S. 75)
Hören wir nicht immer wieder aus den USA, daß "failed states" allzuleicht zu Brutstätten des Terrors werden? Das leuchtet schon deshalb ein, weil man in einem Landstrich, der keine Gesetze kennt, auch keine übertreten kann. Wo niemand ein staatliches Gewaltmonopol in Anspruch nimmt, können Terroristen ungestört ihre Kämpfer militärisch ausbilden. ...
(S. 136)
Menschen lernen den Wert eines Gutes meist erst schätzen, wenn sie es nicht mehr haben. Was das tägliche Brot wert ist, lernen wir, wenn wir hungern müssen. Was Freiheit wert ist, spüren wir, wenn wir sie verloren haben. Was der Staat wert ist, erfahren die Menschen, die ohne Staat überleben müssen.
Wo der Staat abgestorben ist, herrscht das Recht des Stärkeren. Stärker ist, wer Waffen hat und einigermaßen damit umgehen kann. Dies ist heute sehr viel leichter als vor hundert Jahren. Daher können Kinder mit Maschinenpistolen zu vielfachen Mördern werden. Oft werden sie Kindersoldaten, damit sie nicht mehr zu den Hilflosen gehören, die fremder Gewalt ausgeliefert sind. Bewaffnete Kinder sind eine Erfindung privatisierter Gewalt. ...
Ein despotisch gehandhabtes Gewaltmonopol kann, wie der Irakkrieg zeigt, innerhalb von Tagen gebrochen werden. Dann entstehen staatsfreie, aber keine machtfreien und schon gar keine gewaltfreien Räume. ...
(S. 141 f.)

Es ist fast unglaublich - aber selbst im Führungsgremium einer der wenigen Räterepubliken, die es auf deutschem Boden gegeben hat, soll der Anarchiehass fest verankert gewesen sein. So jedenfalls berichtet es der im sogenannten "Aktionsausschuss" der Republik Schwarzenberg beteiligte Ernst Kadletz (veröffentlicht im Roman "Schwarzenberg" von Stefan Heym, S. 75) im Zusammenhang mit der Frage ehemaliger ZwangsarbeiterInnen: "Uns im Ausschuß war klar, daß wir trotzdem mit ihnen verhandeln und sie für uns gewinnen mußten; versäumten wir das, so würde es zu totaler Anarchie kommen und zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen".

Überraschende Nebenthese: Ist Diktatur auch nur eine Form der Anarchie?

Ebenfalls im Gewand einer Gesellschaftstheorie kommt eine weitere, völlig gegenteilige These zur Anarchie daher. Sie besagt, dass demokratische Kontrolle (z.B. die sogenannte Gewaltenteilung) verhindert kann, dass Herrschaft in Anarchie umschlägt. Damit wird suggeriert, dass Anarchie unkontrollierte Macht ist - also strukturell des Gleiche wie eine Diktatur. Eine Gesellschaftsformation mit allmächtigem Führer ist also das Gleiche wie eine Gesellschaftsform, die sich explizit als "ohne Führer" (Übersetzung aus dem Griechischen) bezeichnet. Der Absurditätgrad solcher Analysen ist schwer zu übertreffen - aber er findet sich in offiziellen Verlautbarungen von Regierungseinrichtungen, z.B. der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung.

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Aus Besson, W./Jasper, G. (1966), "Das Leitbild der modernen Demokratie", Paul List Verlag München (herausgegeben von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, S. 55)
Durch die Institutionalisierung der Opposition sicherte man so die Freiheit, indem man der verführbaren Natur des Menschen, speziell des Mächtigen, eine Zuchtrute beigab, mit deren Hilfe verhindert werden sollte, daß die Freiheit in Anarchie oder Despotismus umschlüge.
Pseudowissenschaft: Anarchie ist nicht möglich!

Es fällt bereits auf, dass anarchistische Ideen sehr selten überhaupt Gegenstand wissenschaftlicher Tätigkeit sind. Ein Grund könnte sein, dass sich die anarchistische Praxis als eher theoriefeindlich präsentiert und wenig Anregung für Kritik gesellschaftlicher Verhältnisse und Beziehungen schafft. Das aber dürfte für passende Bereiche der Gesellschaftswissenschaften eigentlich kein Grund sein, die Option von Herrschaftslosigkeit gar nicht oder nur sehr selten in Forschungen einfließen zu lassen. Dabei müssten Ideen oder Thesen, die jeder Form von Herrschaft eine Absage erteilen, vom Thema her attraktiv wirken, würden sich ExperimentiererInnen oder - beim Blick zurück - HistorikerInnen doch in einem sehr offenen und mit Unvorhersagbarkeiten gespickten Feld bewegen. Doch was in der - ehemals stark auf feste Koordinaten des Stofflichen erpichten - Physik inzwischen den Reiz ausmacht, nämlich in das nicht mehr Greif- oder Begreifbare vorzudringen, hat in den Sozialwissenschaften an Bedeutung verloren. Hier sei noch einmal auf die - vom Umfang, Zeit und Abläufen her nicht so bedeutende - Republik Schwarzenberg hingewiesen. Dieses Experiment hat so gut wie keine Erforschung erfahren, obwohl es eine einmalige Situation auf deutschem Boden dargestellt haben dürfte - jedenfalls die einzig dokumentierte. Stefan Heym lässt in seinem Roman "Schwarzenberg" einen amerikanischen Leutnant zum Sprachrohr der Idee des Experimentes werden, das dann aber schnell in die sowjetische Besatzungszone eingegliedert wurde.

Dominant ist eine Wissenschaft, die den Menschen für unfähig erklärt, ohne Führung und Maßregelung frei leben zu können. Ableitungen aus der Tierwelt sind dabei ebenso typisch wie Anleihen aus der Geschichte, die aber erstens eine Geschichtsschreibung der Herrschenden und damit immer nur aus hierarchischen Gesellschaften ist. Zweitens sind historische Bedingungen nie gleich den heutigen und zukünftigen, so dass ein Übertrag aus früheren Epochen auf die Zukunft ebenso unwissenschaftlich ist wie der Übertrag von Beobachtungen aus der Tierwelt auf die menschliche Gesellschaft.

Aus Heinrichs, Johannes (2003), „Revolution der Demokratie“, Maas Verlag in Berlin (S. 18, mehr Auszüge ...)
Wohl könnten wir uns in leere Sozialromantik flüchten und jede "Regierung" - von "Herrschaft" zu schweigen - als überflüssig erklären, angesichts einer "Selbstorganisation" oder "Autopoiesis" der vergesellschafteten Menschen: Ihr Zusammensein organisiere sich - so meinen Sozialromantiker - angeblich von allein, wachsend aus der puren, mehr oder weniger verstandesfreien Spontanität der Beteiligten gänzlich von unten her - anarchisch, das bedeutet ohne Regierung und ohne Repräsentanten der Gemeinschaft. Dergleichen Verhältnisse hat es in größeren Gemeinschaften wohl nie in der Geschichte gegeben. Aus dem Tierreich ist das auch nicht bekannt, gleich ob es sich um Rudel oder "Staaten" handelt: Überall finden wir Rang, Hierarchie, Ordnung als Evolutionsprodukt der Selbstorganisation.
Die Freiheitsfähigkeit des Menschen erfordert Ordnungsstrukturen. Eine selbst in Freiheit erdachte und mit der Freiheit des Einzelnen kompatible Ordnung. Sobald eine Gemeinschaft von Menschenwesen eine Schwelle von Größe erlangt hat, tritt sie als eine eigene Entität, als ein eigenes Wesen, ja "Lebewesen", den einzelnen Mitgliedern der Gemeinschaft gegenüber. Das ist unvermeidlich und macht die Würde und Ranghöhe eines Gemeinwesens aus. ...
Die Idee der "Selbstbeherrschung", oder besser Selbstregierung, des Volkes enthält die der Selbstorganisation, wohl durchdacht und wohl durchgeführt. Aber eben nicht im an-archischen Sinn von Regierungslosigkeit oder gar Prinzipienlosigkeit (griechisch arche meint Anfang, Ursache, Ursprung, Prinzip). Die verbreitete Ansicht, das Wort Demokratie selbst beinhalte einen Widerspruch in sich, weil Subjekt und Objekt des Herrschens oder vielmehr Regierens zusammenfallen, ist seltsam oberflächlich.
Die dynamische Identität von Regierten und Regierenden und darin die Selbstbezüglichkeit der Gemeinschaft machen gerade die Pointe von Demokratie oder Selbstregierung aus.

Anarchiehetze war immer ... Blicke in die Geschichte

Seit die Idee von Herrschaftslosigkeit existiert, wird auch gegen sie gehetzt - immer zur Legitimation der Herrschaft und im Interesse der Obrigkeit. Angst vor Chaos und Untergang ersetzt theoretische Fundierung zentraler Steuerung. (Quelle der folgenden Ausführungen)

Anarchiehetze im antiken Athen durch Aristoteles, Platon & Co.
Eine negative politische Dimension im Sinne von 'Verlust der gesetzlichen Ordnung' und 'politischem Chaos' erlangte der Begriff Anarchie bereits in der konservativen aristokratischen Parteisprache Athens des 4. Jhs. v.u.Z. Aristoteles (384-355 v.u.Z.), der den Begriff ebenso wie Platon im Zusammenhang mit seiner Kritik an der Demokratie verwendete, definierte die Anarchie als einen "Zustand der Sklaven ohne Herren", der die Gefahr des Untergangs in Gesetzlosigkeit und Zügellosigkeit beinhalte. Platon (427-347 v.u.Z.) prägte die Formel von der Aufeinanderfolge von Aristokratie, Oligarchie, Demokratie, Anarchie und Tyrannei, die im 19. Jh. von Alexis-Charles-Henry-Maurice Clérel de Tocqueville (1805-1859) u.a. mit geringer Veränderung wieder aufgegriffen wurde.

Hetze im Mittelalter: Anarchie als Entartung der Demokratie?
Ähnlich wie vor ihm Aristoteles und Platon definierte z.B. Niccolo Machiavelli (1469-1527), der Theoretiker des modernen weltlichen Machtstaates, den Begriff Anarchie als eine Entartungserscheinung der Demokratie. Für Machiavelli gibt es drei gute Herrschaftsformen: Monarchie, Aristokratie und Demokratie, welche davon bedroht sind, in Tyrannei, Oligarchie und Anarchie zu degenerieren. ...
Der Humanist Erasmus von Rotterdam (1466-1536) betrachtete die Anarchie als eine ebenso negative, wenn nicht sogar als eine verwerflichere Tendenz wie die Tyrannei, die beide nur durch ein politisches Gleichgewicht aller Machtfaktoren im Staate überwunden werden könnten. Diese Bewertung der Anarchie als einer Degenerationserscheinung des Staates, der sogar die Tyrannei vorzuziehen sei, vertrat auch der französisch-schweizerische Reformator Jean (Johann) Calvin (1509-1564). Der englische Philosoph Thomas Hobbes (1588-1679) griff in seiner staatstheoretischen Schrift "Leviathan" den von Machiavelli geprägten Topus "Demokratie produziert Anarchie" erneut auf und kennzeichnete sie als eine Verfallsform politischer Herrschaft. In Deutschland war Friedrich Schiller 1789 in seinen Jenaer Vorlesungen über "Die Gesetzgebung des Lykurg und Solon" zu einer ähnlichen, wenngleich nicht gänzlich antidemokratischen Schlußfolgerung gelangt. Denn unter Verweis auf die Verfassung Solons vertrat Schiller die Auffassung, dass sich die Gefahr der Demokratie, in Anarchie auszuarten, durch "starke Zügel der Demokratischen Gewalt" vermeiden ließe.

Im Original: Geschichte der Anarchieprojektion ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Diefenbacher, Hans (Hrsg., 1996): "Anarchismus", Primus Verlag in Darmstadt (S. 7 f.)
Bei einer weit verbreiteten Spielart des Kampfes um die Definitionsmacht wird versucht, den Begriff durch Definition oder Assoziation so zu fassen, daß er als Bezeichnung für gefährliche, abwegige, die Zivilisation bedrohende Ideologien schlechthin dienen kann. Da Autoren, die sich dieser Technik befleißigen, im Fortgang dieses Bandes kaum mehr zu Wort kommen, eine Übersicht über das Verständnis von Anarchie in den letzten 150 Jahren ohne sie aber nicht vollständig wäre, sollen einige besonders krasse Fälle aus den letzten dreißig Jahren zumindest genannt werden. Dies ist eine Auswahl aus einer fast beliebigen Anzahl von Beispielen. Bereits hier begegnet einem eine Eigentümlichkeit, die der Auseinandersetzung um den Anarchismus in besonderem Maße zu eigen ist, die Tatsache nämlich, daß sich bestimmte Diskussionslinien über mehr als hundert Jahre nahezu unverändert erhalten: Schon Hector Zoccoli, der 1906 die erste wissenschaftlich anspruchsvolle Geschichte der anarchistischen Theorie veröffentlicht hat, vertritt die Auffassung, "daß man um so mehr die Bedeutung der Erscheinung des Anarchismus durchdringen kann, je mehr man von dieser Gattung von Publikationen absieht". In diesem Zusammenhang ist es nicht ohne Interesse, daß Zoccoli nach eigenem Bekunden sein sechshundertseitiges Werk abgefaßt hat, "um die praktischen Konsequenzen der anarchistischen Theorie zu überwinden", die seiner Ansicht nach "die allerbedeutendste ethische Verirrung darstellt, die jemals die Welt erschüttert hat". Eine Auswahl der neueren Beispiele in aller Kürze:
  • Der Bund katholischer Unternehmer widmet seine Frühjahrstagung 1971 dem Anarchismus, und den Hauptvortrag beginnt Rechtsanwalt Friedrich Graf von Westphalen mit der Aussage, daß die ihm zugemessene Zeit nicht ausreichen würde, "ein Bild der Zeitirrtümer, Modetrends und mannigfaltigen Auflösungserscheinungen unserer gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung zu malen, aus dessen näherer Beschreibung sich dann die Gefahren des Anarchismus herausschälen würden, die das Morgenrot des Chaos ankündigen.“4 Graf von Westphalen identifiziert eine "breiige, revolutionär gestimmte Masse", deren "intellektuelle Statur und moralische Redlichkeit in aller Regel nicht sonderlich imponierend" sei, und in die er unter anderem die Namen Marcuse, Adorno, Habermas, Dutschke und Cohn-Bendit einordnet.
  • 1975 gibt das Bundesministerium des Innern eine "Dokumentation über Aktivitäten anarchistischer Gewalttäter in der Bundesrepublik Deutschland" heraus, in der "Zellenzirkulare der Häftlinge Baader, Meinhof und Ensslin" sowie "Schriftstücke aus konspirativen Wohnungen der RAF" abgedruckt werden. Inwieweit die Zuordnung der RAF und zu welcher Variante des Anarchismus gerechtfertigt ist, darüber werden keine weiteren Überlegungen angestellt.
  • 1983 verleiht die Philosophische Fakultät der Universität Würzburg mit dem Erst-Gutachter Prof. Dr. Lothar Bossle einen Doktortitel für eine Dissertation zum Thema "Zeitgenössische deutsche Literatur als Ursache oder Umfeld von Anarchismus und Gewalt". Das fünfzehnseitige Literaturverzeichnis der Arbeit nennt keinen einzigen anarchistischen Titel; als Wegbereiter des Anarchismus, der als "direkte Vorstufe zum Terrorismus“ deklariert wird, werden Böll, Enzensberger, Wallraff und Gollwitzer behandelt, deren verzerrte Darstellung der bundesrepublikanischen Wirklichkeit den Boden für Gewalt bereiten würden.
„In jeder Tasche eine Bombe, angefüllt mit Dynamit, den Mordstahl in der einen, die Brandfackel in der anderen Hand - so stellt sich ein Gegner des Anarchismus in der Regel einen Anarchisten vor. Er erblickt in ihm einen Menschen, der, halb Narr, halb Verbrecher, nichts weiter im Sinn hat als die Ermordung eines jeden, der nicht seiner Meinung ist, und dessen Ziel der allgemeine Wirrwarr, das Chaos ist." Diese Worte von Johann Most - der in seinen eigenen Veröffentlichungen sinnigerweise alles nur Erdenkliche getan hat, um dieses (Vor-)Urteil zu bestärken - gelten, wie zu sehen war, hundert Jahre später fast unverändert.

Anarchiekritik von Links

Es ist ein weitverbreitetes Märchen, dass "links" per se mit emanzipatorischen Zielen verbunden ist. Die beiden Ideen schließen sich zwar nicht aus, aber eben auch nicht ein. Linke Politiken kämpfen, wenn sie nicht angepasst ganz auf mehr als Detailveränderung verzichten, meist für einen anderen Mechanismus, die MachtinhaberInnen zu bestimmen - aber nicht um Befreiung und Selbstentfaltung. Die meisten "linken" politischen Bewegungen, Parteien oder Regierungen sind geradezu fanatische AnhängerInnen von Kontrolle, Machtausübung, Polizei, Justiz und sogar Knästen - wenn nur die Richtigen da hineinkommen. So kommen auch sie nicht ohne das Feindbild "Anarchie" aus. Anarchistische Ideen sind bei den meisten Linken verpönt - bei AnhängerInnen marxistischer Phantasien sozialistischer Staatsstärke ebenso wie im linken Fanblock der Demokratie, der von Grünen über Attac und Linkspartei bis zu kirchlichen Gruppen oder großen Teilen der Friedensbewegung reicht.

Anarchie: Abgrenzungsbedarf und -begriff sogar in politischer Opposition

Die Nummer mit der Angstschürerei über den Inbegriff des Teuflischen läuft nicht nur in bürgerlichen Eliten, die ihre Macht durch Legitimation stärken wollen. Auch große Teile bürgerlicher und linker Opposition bedienen sich des Klischees, um sich als brave DemokratInnen zu inszenieren oder ihre autoritären Vorschläge zu legitimieren. Sie wollen für Ordnung und Seriösität stehen. Anarchie steht bei ihnen einerseits für Chaos und Gewalt, von dem sie sich als die gefühlt Guten abzugrenzen versuchen. Andererseits wird der Begriff wie ein Schimpfwort für all das verwendet, was die politischen Gruppen ablehnen - auch wenn es noch so offensichtlich durch institutionalisierte Gewalt und nicht durch deren Fehlen hervorgerufen wird. Von Globalisierung, Finanzikapital und "Offshore-Anarchie" über Islamisten und parteiinternem Gezänk bis zum Abholzung des Regenwaldes: Alles Anarchie!

Im Original: Hetze von links und NGOs ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Überschrift der Jungen Welt über die terroristische Separatistengruppen Abu-Sayyaf-Gruppe auf den Südphilippinen (1.12.2001):
Regulierte Anarchie

Heiner Geißler, Ex-CDU-Generalsekretär, nach seinem Beitritt zu Attac im Interview mit dem Handelsblatt, 23. Mai 2007
... wir erleben eine weltweite Anarchie im Wirtschaftssystem ...

Links: Flugblatt von Miseroer und Urgewald. Als Anarchie wird der Raubbau am Regenwald bezeichnet.

Anarchie = Nichtbeachtung der UNO
Aus: Stephan Zunes, "Von der Weltgemeinschaft zur Anarchie" in: der überblick 4/2003 (S. 94)
Diese himmelschreiende Politisierung des UN-Sicherheitsrats durch die USA zugunsten Israels ... hat die Legitimität der Vereinten Nationen, des internationalen Rechtssystems und die grundlegenden Prizipien des Multilateralismus ernsthaft untergraben. ... Daraus könnte eine Welt der Anarchie entstehen, die weder für Israel, noch für die Vereinigten Staaten oder sonst irgend jemanden gut sein kann.

Aus Ann Pettifor, "Schulden" in: Christine Buchholz u.a., 2002, "Handbuch für Globalisierungskritiker", KiWi in Köln (S. 129)
... Anarchie des internationalen Finanzsystems ... anarchischen globalen Finanzwelt ...

Aus Christine Buchholz, "Eine gerechte Welt ist möglich - jenseits des Kapitalismus" in: Christine Buchholz u.a., 2002, "Handbuch für Globalisierungskritiker", KiWi in Köln (S. 290)
In Wirklichkeit ist die Marktwirtschaft höchst anarchisch.

Im Papier "Stabilität im globalen Finanzmarkt - Stoppt die Steuerfluchtplätze von Liechtenstein bis Cayman Island" (Autoren: Harald Schumann/Spiegel, Oliver Moldenhauer/Attac) findet sich mehrfach der Begriff "Offshore-Anarchie" für Nationen mit niedrigen Steuersätzen für Reiche. Sie fordern ein Eingreifen der Führungsländer:
All diese Entwicklungen wären nicht möglich, wenn die großen Industriestaaten die Offshore-Anarchie nicht seit Jahrzehnten stillschweigend geduldet hätten und noch immer dulden würden.

Junge Welt, 9.5.2005 (S. 3)

Aus Frei, Bruno (1971): Die Anarchistische Utopie. Marxistische Taschenbücher in Frankfurt (S. 143)
Freiheit und Ordnung, nur solange sie eins sind - geordnete Freiheit - ist Gesellschaft möglich. Anarchie ist nicht Freiheit, vielmehr das Gegenteil, nämlich Chaos.

Dieter Dehm, Linkspartei-Bundestagsabgeordneter, über Joschka Fischer, in: Junge Welt, 7.12.2005 (S. 8)
Anarcho des ungehemmten Markts

Anarchie = fundamentalistischer Terror?
Aussage zum Irakkrieg und den dort von den USA bekämpften Islamisten aus der Zeitung gegen den Krieg Nr. 21 (Sept. 2005), hrsg. von Winfried Wolf u.a., Beilage in: Junge Welt
Krieg gegen islamistische Anarchisten

Kontrollverlust in PDS-internen Machtkämpfen = Anarchie
Aus Koß, Michael: "Lose verkoppelte Anarchie: Die Linkspartei im deutschen Förderalismus", in: Brie, Michael/Hildebrandt, Cornelia (2006): "Parteien und Bewegung", Dietz-Verlag in Berlin (S. 111)
Ganz egal, wie man die Ereignisse von Gera bewertet, sie offenbarten, dass Uneindeutigkeit und lose Kopplung in offene Anarchie umgeschlagen waren. Der PDS fehlte Ende 2002 schlicht das Instrument, die in der Partei latent schon lange um sich greifende Unzufriedenheit aufzufangen. Aufgrund der mangelnden horizontalen Integration der Partei wurde der sächsische Lan­desverband so jedoch an die Spitze der Revolte gegen den reformistischen Parteimainstream katapultiert.

Untertitel auf Seite 1 der Freitag, 12.5.2010
Wer Demokratie will, muss die Märkte bändigen. Denn die brutale Anarchie des Kapitalismus zerstört das politische System.

Aus einem taz-Streitgespräch mit Sven Giegold (damals Attac, heute grüner EU-Parlamentarier)
Im ersten Semester Politik habe ich begriffen, dass Anarchismus Unsinn ist und ... dass Selbstverwaltung eine gute Idee für Leute ist, die so leben wollen - aber keine Vision für die ganze Gesellschaft.

Aus der Überschrift eines Kommentars von Ingo Schmidt, in: Sozialistische Zeitung April 2011 (S. 19)
Anarchie der Märkte
Auch das gibt es: Anarchiekritik pauschalisierend, aber immerhin mit Niveau

Die folgende Kritik zeigt eine Vielzahl notwendiger Kritikpunkte an den Argumenten der real existierenden, sog. AnarchistInnen auf. Die Ableitung, dass Anarchismus prinzipiell diese Schwachpunkte aufweist, erfolgt allerdings nicht durch Belege, sondern über Verallgemeinerungen. Das dient vor allem der Zurschaustellung des eigenen, marxistischen Standpunktes als "richtige" Welterklärung. Diese Schwäche ändert jedoch nichts daran, dass die Kritik wichtige Defizite aktueller Anarchietheorien benennt.

Aus einem Flugblatt der Jungen Linken (mit Kommentierungen)
Dafür, daß es AnarchistInnen um Herrschaftslosigkeit geht, ist ihre Theorie, was Herrschaft ist, oft erstaunlich schlicht. Herrschaft wird zumeist als reiner Zwangszusammenhang mißverstanden, d.h. die mittels eines Gewaltapparats aufrechterhaltene Diktatur einer Minderheit über die Mehrheit. Die Beherrschten kommen bei dieser Betrachtung ziemlich gut weg: Wie sie die Herrschaft reproduzieren durch ihr Verhalten, wie sie sich in den Verhältnissen einrichten, welchen - wirklichen oder vermeintlichen, relativen oder absoluten - Vorteil sie davon haben könnten, taucht in der üblichen Betrachtung erst gar nicht auf. Das unverrückbar gute Urteil über "das Volk", die "Massen", "die Arbeiterklasse", "die kleinen Leute", die "Normalbürger" wird besonders dann komisch, wenn der Faschismus erklärt werden soll - der scheint ganz ohne Bevölkerung zustande gekommen zu sein, die ja auch "nur" mitgemacht hat. Die Untertanen tauchen ausschließlich als Opfer staatlicher Gewalt auf. Der kumpelhafte Schulterschluß mit den kleinen Leuten hat eine lange schlechte Tradition in der Linken. Die unbedingte Parteinahme für die Opfer, die zu besseren Menschen stilisiert werden (und wehe sie entpuppen sich nicht als die edlen Unterdrückten!), wird anders fortgesetzt, spätestens seit die rassistische Pogromwelle 1991/93 Mob klargemacht hat, daß es sich bei den meisten deutschen Untertanen wohl kaum verhinderte Revolutionäre handelt. ...
Vor allem Autonome, aber auch Öko- und Eso-AnarchistInnen haben statt dessen die ländliche Idylle vor sich hinkrebsender Dorfgemeinschaften mit Subsistenzwirtschaft vor Augen. Im Hier und Jetzt ist darum revolutionäre Askese, hart aber herzlich, arm, aber anständig usw. angesagt - das allerdings ganz lustvoll, bunt und wild!

Sinnvolle Kritik, aber absurd verallgemeinert ..., denn erstens gibt es z.B. auch und gerade aus herrschaftskritischen Kreisen eine intensive Kritik an Volk und Kollektivität, zum anderen sind gerade marxistische Strömungen oft auf intensive Kollektivität aus - von Arbeiterklasse bis zur Definition echter Demokratie als Volks-Demokratie (also Doppel-Volks-Herrschaft). Die Junge Linke, Urheberin des obigen Textes, verweigerte konsequenterweise jegliche Diskussion mit herrschaftskritischen Leuten, die gerade deshalb auch Kritik an Volk und Kollektivität formulieren. AnarchistInnen mit Sinn für Theorie gibt es zwar bedauerlich wenig, aber diese durften zu den Anti-Anarchie-Seminaren der jungen Linken nicht kommen. So ließ sich dann in Ruhe gegen das aus selbstgeschaffenen Klischees und zutreffender Kritik an der Praxis des Anarchismus konstruierte Feindbild wettern.

Im Original: Anarchiekritik aus der jungen Linken ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Zum Staat
Den Staat abschaffen, wollen AnarchistInnen in der Regel - aber erklären können sie ihn nicht. Hat der traditionelle Anarchismus ihn entweder als fiese Idee von herrschsüchtigen Finsterlingen oder als notwendiges Durchgangsstadium zur freien Entwicklung der Menschheit, das jetzt nicht mehr benötigt wird, begriffen, teilen die meisten AnarchistInnen heute die vulgärmarxistische Ansicht, der Staat sei das reine Werkzeug der Kapitals. Die langweilige Debatte, ob der Kapitalismus den Staat oder der Staat den Kapitalismus hervorbringt, ob erst die Herrschaft und dann der Reichtum oder umgekehrt da war (möglichst noch "belegt" mit Robinsonaden aus der Altsteinzeit oder Stämmen in Neu-Guinea), kann immer nur falsch ausgehen und ist es dann auch. Warum der Ausgang dieser Debatte irgendeinen Aufschluß darüber geben kann, ob der Staat abgeschafft werden sollte oder nicht, ist nicht so richtig nachvollziehbar.
Wer die" Gesellschaft" (die ja echt klasse sein muß), vom Staat "befreien" will, der hat das Verhältnis Staat-Gesellschaft nicht begriffen. Daß AnarchistInnen zudem oftmals politische Kämpfe als eine Art brutal ausgetragenen Ideenwettbewerb zur Lösung allgemein menschlicher Probleme halten - also nicht begreifen, daß der Kapitalismus zwar denen, die in ihm leben, jede Menge Probleme macht, damit aber gerade keine hat - teilen sie mit einer Vielzahl von Abteilungen bürgerlicher und sozialistischer" Politik.
Die bürgerliche Gesellschaft braucht den Staat als einen ihr gegenüberstehenden, scheinbar unabhängigen Gewaltapparat, weil die allgemeine Konkurrenz ohne einen Staat, der sie begrenzt, in der Tat zu Mord und Totschlag und zur letztendlichen Aufhebung der Konkurrenz führen würde. Diese Konkurrenz richtet der Staat aber eben nicht nur ein, sie bringt ihn als gesellschaftliches Bedürfnis auch hervor. Das Geschäft läuft nur, weil die Gewalt sich nicht unmittelbar von ihm abhängig macht - und dennoch ist der Staat gerade dazu da, daß der Kapitalismus funktioniert. Die Ableitung des Staates aus der politischen Ökonomie, besagt aber gerade nicht, daß der Staat ein Instrument ist, das mensch doch auch für die guten und schönen Dinge (Sozialismus und so) benutzen kann. Im Gegenteil.
Nicht nur "die Gesellschaft“, sondern auch "der Mensch" erfreuen sich ziemlicher Beliebtheit bei AnarchistInnen. Genau wie jeder Staatstheoretiker den Staat "dem Menschen" abgelauscht haben will, wissen auch AnarchistInnen oftmals wie „der Mensch" eigentlich ist. Im theologischen Streit, ob "der Mensch" gut oder böse ist, ergreifen sie für ersteres Partei: Herrschaft ist der Sündenfall, die Revolution ist die Erlösung , Kapital und Staat versauen im Moment die Menschennatur, die mit allerlei Menschenrechten ausgestattet ist, welche aber blödsinnigerweise durch den Staat - der sie gewährt! -permanent verletzt werden. Bei soviel Unterdrückung der Menschennatur ist auch klar, daß die Unterdrückung der Natur überhaupt, in der eigentlich freiwillige Kooperation und Solidarität vorherrschen, ein recht böses Unterfangen ist (Kropotkins "Gegenseitige Hilfe...", Veganismus, Tierrechte).
Daß es die Menschennatur gar nicht gibt, sondern die jeweiligen Menschen nur das Ensemble ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse sind, daß das Leben und Denken der Altsteinzeit wirklich keine Erklärung für heute ist und die Menschengattung eine leere Abstraktion ist, die nichts erklärt - daß alles wissen AnarchistInnen in der Regel nicht. (Kein Wunder, daß sich viele AnarchistInnen positiv auf den anthropologischen Unfug, den Marx in seinen Frühschriften abgelassen hat, beziehen.) Darum auch die Begeisterung für "Völker ohne Regierung", die beweisen sollen, daß es auch ohne Staat geht.
Die Idealisierung vorstaatlicher (und vorkapitalistischer) Zustände ist ein romantischer Antikapitalismus. Als Idealbild taucht ein Mittelalter ohne Pest, Hungersnöte, Adelsherrschaft und Hexenverfolgung auf, mit ganz viel heimeliger Gemeinschaft ohne Herrschaft in überschaubaren dezentralen Einheiten. Bis dahin werden Stammesgesellschaften kräftig idealisiert, "natürliche" und "authentische" Lebensweisen gegen den Coca-Cola-Imperialismus verteidigt, über den bösen Individualismus hierzulande geschimpft und technischer Fortschritt und moderne Naturbeherrschung per se als Teufelszeug gebrandmarkt - auch von denen, die ganz schön viel von Selbstbestimmung und freier Entfaltung halten.
Der Begriff des Anarchismus und seine Stellung zur politischen Theorie muß, aus dem Verhältnis von Staat, Staatsbürger und Privatsubjekt entwickelt werden. Der Staat ermöglicht die Konkurrenz aller gegen alle, die er den Leuten aufherrscht, indem er sie begrenzt. Für ihren Erfolg in der Konkurrenz, auf den sie verpflichtet werden, brauchen die Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft den Staat, der ihren Erfolg beeinträchtigt (Steuern) und sie in der Wahl ihrer Mittel beschränkt (Verbote), der ihr Mittel und zugleich ihre Schranke ist. Das Gelingen dieser Konkurrenz im Inneren ist Voraussetzung für den Erfolg nach außen in der Staatenkonkurrenz, und zwar sowohl der einzelnen Unternehmen, als auch des Staates überhaupt. Dessen Erfolg wiederum ist auch eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg der Unternehmen in seinem Land.
Über dieses konfliktorische Verhältnis machen sich die politischen Theorien ihre Gedanken - mit dem Ziel des Bestehens in der Staatenkonkurrenz. Der Liberalismus vertritt die Sorge um eine zu große Belastung der Privatsubjekte durch die staatlichen Garantieleistungen der Konkurrenz; der Konservatismus die umgekehrte Befürchtung, ein zuviel an Freiheit und zuwenig an staatlichen Garantien (u.a. "bewährter", traditioneller Voraussetzungen, die nicht Gegenstand der Konkurrenz werden sollen: Ehe, Familie, Religion) zerstöre die Gesellschaft. Die Sozialdemokratie ist der angemeldete organisierte Anspruch, die Voraussetzungen der kapitalistischen Konkurrenz - zu denen eine funktionierende Arbeiterklasse gehört - gegen die Interessen des Kapitals zu schützen und die Opfer des Normalbetriebs als mögliche Voraussetzungen zu erhalten. Der Faschismus dagegen stellt sich auf den Standpunkt der Bewährung der Nation in der Staatenkonkurrenz, und fordert die Unterordnung aller Privatinteressen unter den Staat, das Aufgehen des Privatsubjekts in den Staatsbürger.
Der Anarchismus ist genau das Gegenteil: Im Namen des Privatsubjekts bekämpft er die Gewalt, die dem angetan wird und verlangt die Abschaffung des Staates und des Staatsbürgers. Deswegen ist der Anarchismus ursprünglich auch nichts anderes als radikalisierter Liberalismus (Godwin, Stirner, Mackay, mit Abstrichen Proudhon).

Auch wenn viele anarchistische Strömungen und Kulturen wissens- und theoriefeindlich sind: Es gibt sowohl die von der jungen Linken als fehlend bezeichnete Kritik am Staat mit Analyse seiner Rolle in der Gesellschaft wie auch eine anarchistische Theorie zu guten und bösen Menschen. Sie nicht wahrzunehmen, vereinfacht auch hier das Feindbild. Es geht nicht um Aufklärung und die notwendige Kritik an den Leerstellen vieler AnarchistInnen, sondern um die Konstruktion einer Figur, die als das Andere und Schlechte der Konstruktion und Legitimation des Eigenen und Guten dient - einschließlich der Erzeugung des Kollektivs durch Distanzierung vom abweichenden Außen.

Seelenheilung: Sind die AnarchistInnen noch zu retten

Um der Verwirrung die Krone aufzusetzen, wird mit dem Begriff der Anarchie auch das genaue Gegenteil betrieben. Taktisch umgedeutet soll er für das Projekt der Rechts- und Staatsgläubigkeit instrumentalisiert werden. Auf einer Veranstaltung am 10.11.2011 in Frankfurt reagierte eine Zuschauerin auf die Rechtskritik eines Referenten, der öffentlich als Anarchist bezeichnet worden war: "Wir müssen das Recht verteidigen, sonst sind wir keine richtigen Anarchisten".
AnarchistInnen müssen umdenken. Ihrer Theorie soll kein Platz gelassen werden. Auch die Wissenschaft, immer eine Waffe im ideologischen Kampf, wird wieder bemüht und erklärt Anarchie - wie oben gezeigt - für nicht machbar.

Der Text gehört zum Kapitel über Definitionen "Was ist Anarchie?" ++ Zurück zu diesem Kapitel

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