Chaos und Anarchie
als Projektion der Apokalypse?
Anarchie=Chaos? ++ Anarchie nach Katrina? ++ Ohne Staat nur Faustrecht? ++ Kritik von links ++ Klappt nicht! ++ Links
Anarchie = Chaos? = Gewalt und Willkürherrschaft???
Definitionen & Beschreibungen von GegnerInnen der Anarchie
- Anarchie in der Idee des Demokratie-Fanblocks ... in die CSU eintreten (linksK Auszug aus der FR am 4.10.2008)? Oder einfach mal "Anarchie" als Suchbegriff bei der Frankfurter Rundschau eingeben und sich wundern/freuen, was dieses Blatt so alles als Anarchie bezeichnet ...

Regulierte Anarchie
(Überschrift der Jungen Welt über die terroristische Separatistengruppen Abu-Sayyaf-Gruppe auf den Südphilippinen, 1.12.2001)
Die Gesetze der Anarchie und Rache werden das Leben bestimmen.
(aus: Freitag Nr. 15, 4.4.2002, S. 1)Friederich Schorlemmer, Studienleiter der evangelischen Akademie Wittenberg:
Ein Krieg wird einen Flächenbrand der Gewalt auslösen, ein politisches Chaos in die Region bringen.
(Auszuge aus einer Reden auf der Antkriegsdemo in Berlin, Junge Welt, 17.2.03, S.2-3)
Rechts oben: Auszug aus der Frankfurter Rundschau vom 15.7.2003 zur Situation in Georgien.
Oben: Überschrift in der Jungen Welt vom 5.12.2003 zum Abriss von Wohnhäusern in Ostdeutschland.
Rechts unten: Auszug aus der FR vom 12.11.2004 zum Tod von Arafat (S. 2)
Heiner Geißler, Ex-CDU-Generalsekretär, nach seinem Beitritt zu Attac im Interview mit dem Handelsblatt, 23. Mai 2007
... wir erleben eine weltweite Anarchie im Wirtschaftssystem ...
Frankfurter Rundschau zur Lage im Irak (7.5.2003, S. 23)
Völlige Anarchie.Anarchie = Terrorismus ... sagt Europol. Mehr ...
Passend: taz-Überschrift zum Verhalten der Amerikaner im Irak (Interview mit J. Verges in: tageszeitung, 2.1.2004, S. 4)
Alles illegal. Das ist die komplette Anarchie.
Links: Flugblatt von Miseroer und Urgewald. Als Anarchie wird der Raubbau am Regenwald bezeichnet.
Anarchie = Nichtbeachtung der UNO (aus: Stephan Zunes, "Von der Weltgemeinschaft zur Anarchie" in: der überblick 4/2003, S. 94)
Diese himmelschreiende Politisierung des UN-Sicherheitsrats durch die USA zugunsten Israels ... hat die Legitimität der Vereinten Nationen, des internationalen Rechtssystems und die grundlegenden Prizipien des Multilateralismus ernsthaft untergraben. ... Daraus könnte eine Welt der Anarchie entstehen, die weder für Israel, noch für die Vereinigten Staaten oder sonst irgend jemanden gut sein kann.
Auszug aus Ann Pettifor, "Schulden" in: Christine Buchholz u.a., 2002, "Handbuch für Globalisierungskritiker", KiWi in Köln (S. 129)
... Anarchie des internationalen Finanzsystems ... anarchischen globalen Finanzwelt ...Rechts: Frankfurter Rundschau, 3.3.2010 (S. 38)
Definition von "Anarchie" von der Kinder-Demokratieseite der Bundeszentrale für politische Bildung (www.hanisauland.de, Quelle für "Anarchie")
Das griechische Wort "anarchos" bedeutet übersetzt so viel wie "Herrschaftslosigkeit" oder "Gesetzlosigkeit". Das macht schon deutlich, was man sich unter Anarchie vorzustellen hat: eine Gesellschaft, in der niemand das Sagen hat, in der es keine staatliche Gewalt mehr gibt, in der es keine gewählten Volksvertreter in einem Parlament, keine Monarchie oder irgendeine sonstige Herrschaftsform gibt. Diejenigen, die eine Anarchie wollen (man nennt sie Anarchisten), treten für die totale Freiheit des Menschen ein. Es soll keine Regeln geben, keiner soll über den anderen herrschen und man soll nicht nach Gesetzen leben, die von anderen Menschen oder einer Regierung gemacht werden. Man kann sich aber vorstellen, dass in einer solchen Gesellschaft nur der Stärkste gewinnt und das Chaos herrscht.
Auszug aus Christine Buchholz, "Eine gerechte Welt ist möglich - jenseits des Kapitalismus" in: Christine Buchholz u.a., 2002, "Handbuch für Globalisierungskritiker", KiWi in Köln (S. 290)
In Wirklichkeit ist die Marktwirtschaft höchst anarchisch.
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FR, 21.4.2010
Einleitungstext zur Lage in Haiti in der FR vom 1.2.2006 (S. 7)
Denn in dem kleinen karibischen Staat herrschen Gewalt und Anarchie.Im Papier "Stabilität im globalen Finanzmarkt - Stoppt die Steuerfluchtplätze von Liechtenstein bis Cayman Island" (Autoren: Harald Schumann/Spiegel, Oliver Moldenhauer/Attac) findet sich mehrfach der Begriff "Offshore-Anarchie" für Nationen mit niedrigen Steuersätzen für Reiche. Sie fordern ein Eingreifen der Führungsländer: "All diese Entwicklungen wären nicht möglich, wenn die großen Industriestaaten die Offshore-Anarchie nicht seit Jahrzehnten stillschweigend geduldet hätten und noch immer dulden würden.
Kampagne gegen AnarchistInnen wegen Briefbomben auf EU-FunktionärInnen
Junge Welt, 9.5.2005 (S. 3)
Auszug aus Frei, Bruno (1971): Die Anarchistische Utopie. Marxistische Taschenbücher in Frankfurt (S. 143)
Freiheit und Ordnung, nur solange sie eins sind - geordnete Freiheit - ist Gesellschaft möglich. Anarchie ist nicht Freiheit, vielmehr das Gegenteil, nämlich Chaos.
Dieter Dehm, Linkspartei-Bundestagsabgeordneter, über Joschka Fischer, in: Junge Welt, 7.12.2005 (S. 8)
Anarcho des ungehemmten MarktsAuszug aus Besson, W./Jasper, G. (1966), "Das Leitbild der modernen Demokratie", Paul List Verlag München (herausgegeben von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, S. 55)
Durch die Institutionalisierung der Opposition sicherte man so die Freiheit, indem man der verführbaren Natur des Menschen, speziell des Mächtigen, eine Zuchtrute beigab, mit deren Hilfe verhindert werden sollte, daß die Freiheit in Anarchie oder Despotismus umschlüge.
Anarchie = fundamentalistischer Terror?
Aussage zum Irakkrieg und den dort von den USA bekämpften Islamisten aus der Zeitung gegen den Krieg Nr. 21 (Sept. 2005), hrsg. von Winfried Wolf u.a., Beilage in: Junge Welt
Krieg gegen islamistische Anarchisten
Auszug aus Wikipedia zu Anarchie
Im allgemeinen Sprachgebrauch wird mit dem Begriff Anarchie ein durch die Abwesenheit von Staat und institutioneller Gewalt bedingter Zustand gesellschaftlicher Unordnung und Gesetzlosigkeit beschrieben. Die treffende Bezeichnung für diesen Zustand ist jedoch Anomie.
Kontrollverlust in PDS-internen Machtkämpfen = Anarchie
Auszug aus Koß, Michael: "Lose verkoppelte Anarchie: Die Linkspartei im deutschen Förderalismus", in: Brie, Michael/Hildebrandt, Cornelia (2006): "Parteien und Bewegung", Dietz-Verlag in Berlin (S. 111)
Ganz egal, wie man die Ereignisse von Gera bewertet, sie offenbarten, dass Uneindeutigkeit und lose Kopplung in offene Anarchie umgeschlagen waren. Der PDS fehlte Ende 2002 schlicht das Instrument, die in der Partei latent schon lange um sich greifende Unzufriedenheit aufzufangen. Aufgrund der mangelnden horizontalen Integration der Partei wurde der sächsische Landesverband so jedoch an die Spitze der Revolte gegen den reformistischen Parteimainstream katapultiert.
Tagung der Heinrich-Böll-Stiftung zur Verbreitung von nuklearen Waffen am 10./11.9.2009 in Berlin
Atomwaffenfreie Welt oder atomare Anarchie?
Lieber Staat, bewahre und vor dem Bösen, der Anarchie
Auszug aus Michael Pawlik (2002): "Der rechtfertigende Notstand" (S. 231)
Rechtstaat ... mit seiner Aufgabe, Anarchie - "Bürgerkrieg" - zu verhüten ...
New Orleans: Katrina-Anarchie
Anarchie in den USA!
Nach dem Hurrikan "Katrina" und Dammbrüchen stand die Stadt New Orleans unter Wasser. Obwohl das Desaster eher zeigte, dass ein Staat, der eine technische Kapazitäten in innere Sicherheit und Kriegsführung steckt, bei der Hilfe für Menschen gnadenlos versagt, stellten die Medien es so dar, als würde gerade das Fehlen des Staates und eine beginnende Anarchie das Problem sein. Fast alle Medien nannten die Auseinandersetzungen um ohnehin vergammelnde Lebensmittel "Anarchie" und prangerten an, dass die US-Regierung nicht genug Soldaten und Polizei schickte!
Berichte von Abläufen aus der Logik staatlicher Macht heraus:
- Aussortierung der Hilfebedürfigkeit nach Zugehörigkeit zu Klassen und sog. "Rassen" (Indymedia)
- Infoseite zu Katrina und seltsamen Hilfsstrategien
- Rechts: Ausschnitt aus dem Spiegel Nr .37/21005 (S. 10)
Positionen gegen diese Manipulation und mehr:
- Keine Anarchie in New Orleans (Indymedia)
- Stellungnahme von AnarchistInnen der Region (Indymedia)
2005 war das Jahr deutlich zunehmender Wirbelstürme, Hurrikans & Co. Ob nun als Folge der Klimaveränderungen oder nicht - allein der Ablauf der Katastrophen war absurd. Hier sollen nur Aspekte genannt werden:
- Anarchie: Obwohl das Desaster nach dem Hurrikan eher zeigte, dass ein Staat, der eine technische Kapazitäten in innere Sicherheit und Kriegsführung steckt, bei der Hilfe für Menschen gnadenlos versagt, stellten die Medien es so dar, als würde gerade das Fehlen des Staates und eine beginnende Anarchie das Problem sein. Fast alle Medien nannten die Auseinandersetzungen um ohnehin vergammelnde Lebensmittel "Anarchie" und prangerten an, dass die US-Regierung nicht genug Soldaten und Polizei schickte!
- Gerhard Schröder mahnte zum Gegenteil - bei der Abfahrt deutscher Hilfsteams sagte er: "Für Menschen, die in Not sind, brauchen wir einen starken Staat." (zitiert nach Spiegel 37/2005, S. 130)
Die guten und schlechten Katastrophengebiete: New Orleans ging unter, viele Menschen starben, obwohl der Hurrikan viele Tage vorher bekannt war. Bei den nachfolgenden Hurrikans zeigten die Behörden der betroffenen Länder auch, dass der Schutz von Menschen durchaus möglich war. Das viel häufiger betroffene Kuba reagierte sogar bei Katrina Stürmen vorher so, dass nur wenige Opfer entstanden. Der Verdacht kommt auf, dass vor allem die Armen in New Orleans einfach im Stich gelassen wurden. Die teuren Evakuierungen und technischen Hilfen sind es bei ihnen nicht wert? Zumindest der Verdacht bleibt bestehen ...- Jagd auf Menschen statt Hilfe: Teile von Polizei und anderen Repressionsstrukturen wurden nach wenigen Tagen angewiesen, nicht Menschen zu helfen, sondern das Eigentum von Reichen, Läden und anderen zu schützen. Das war wichtiger ... auch wenn viele Waren in den überschwemmten Läden ohnehin vergammelt wären. Der Ausschnitt rechts stammt aus dem Spiegel 37/2005 (S. 136). Er zeigt nicht Plünderer, sondern die Polizei auf der (angeblichen) Suche nach Plünderern beim Einschlagen einer Haustür. Sogenannte Plünderer wurden bei solchen Aktivitäten ab und zu erschossen.
Anarchie im Irak ... Religiöser Wahn = Anarchie???
Auszug aus "Im Chaos", FR, 25.02.2006, S.3 (von Karl Grobe)
Es ist ein Akt schierer Verzweiflung, am Tag des Freitagsgebets eine Ausgangssperre anzuordnen, damit die Gläubigen nicht in die Moscheen kommen können. Ein schlimmes Vorzeichen ist, dass diese Anordnung dort missachtet wird, wo bestimmte so genannte Milizen das Machtmonopol erobert haben. ... Und dazu gehört die Folge der Herrschaftslosigkeit: Das Aufkommen der Fundamental-Terroristen. Systematischer sind selten Chaos und Anarchie erzeugt worden.
Auszug aus "In Richtung Anarchie", FR, 24.2.2005 (S. 3)
Die Zerstörung der Goldenen Moschee in Samarra war nicht Vandalismus. ... Wer die allseitige Zerstörung will, wer auf Anarchie versessen ist, mag Nutzen daraus ziehen. ... Die USA können gewalttätige Anarchie im Zweistromland nicht wollen.
Über Somalia: 15 Jahre Anarchie
Auszug aus "Viele Tote bei Kämpfen in Somalia", FR, 23.2.2006
Der Konflikt zwischen den Warlords und den islamischen Milizen habe "enorme Konsequenzen" für das seit 15 Jahren in Anarchie befindliche Land ...
Anarchisten schießen Verkehrsflugzeuge ab?
Auszug aus einem Kommentar zum Luftsicherheitsgesetz, FR, 18.2.2006
Der Staat indes kann sich auf Notwehr nicht berufen. Seine Organe sind in ihrem Handeln strikt an Gesetze gebunden. Das macht das Wesen des Rechtsstaats aus, darin unterscheidet er sich von Systemen der Willkür und Anarchie.
Auszug aus der FR (13.7.2006, S. 21):
Die Überschrift bezieht sich auf das Fehlen der Mannschaftskapitäne bei der "Tour de France" durch die Dopingaffären.
Und am Ende der Tour de France 2006 blieb die FR immer noch ihrer Meinung (FR, 22.7.2006, S. 22)
Die zum Teil chaotischen Verhältnisse bei dieser anarchischen Tour durch Frankreich sind dafür verantwortlich, dass vor dem heutigen Rennen gegendie Uhr keienr der Favoriten sorgenfrei nach Paris blicken darf.
Anarchie ist eben für alles Böse verantwortlich, auch dass es keinen Dominator und daher keine Langeweile, Fanekstase usw. mehr gibt (schluchz ... ein Sportwettkampf, ohne dass vorher alles feststeht ... Anarchie ist so grausam)
Anarchisten als Verkehrsrowdys
Auszug aus "Raucher raus", in: FR, 17.2.2006
Im Land, in dem die Autofahrer die Bedeutung eines Zebrastreifens bis heute nicht kennen und sich einen Spaß daraus machen, hupend aus aufrechten Fußgängern rennende Angsthasen zu machen, würde sich kein Zigarettenliebhaber von der Inhalation einer ganzen Palette von Krebs erzeugenden Mitteln abhalten lassen. Ein bisschen Anarchie gehört halt zu Italien wie das Kolosseum zu Rom.
Noch was Neues: Berlusconi baut auf die Anarchie
Auszug aus "Romano Prodis Dilemma", in: Junge Welt, 21.4.2006 (S. 6)
Dabei setzte der bekennende Steuerhinterzieher Berlusconi auf jene anarchische Regelfeindlichkeit, die in Italien weit verbreitet ist und die nicht Rebellion ist, sondern das genaue Gegenteil
Propaganda von Chaos und Anarchie, wo Staat fehlt ...
Ohne Gewaltmonopol gibt es nur Faustrecht, das Recht des Stärken, Chaos ...
Ein immer wiederkehrendes Muster ist die Behauptung, ohne eine starke Monopolmacht würden die Menschen sich untereinander totschlagen, unterdrücken ... Zwar gab es auch in der Geschichte eine Vielzahl von Gewalttätigkeiten zwischen Menschen, die zu einem großen Teil auf in den Kleinstrukturen basierenden Herrschaftssystemen (Patriarchat, Familienclans, Stammesstrukturen, Eigentum usw.) zurückzuführen sind, auffälliger aber ist ständige und quantitativ ins Unendliche ausufernde Gewaltneigung der Inhaber von Gewaltmonopolen: Kaiser- und Königreiche, Kirchen, Fürstentümer, Nationalstaaten und Armeen in früherer, ebenso die Staaten und ihre Armeen, aber auch Polizei, Justiz in neuerer Zeit. Wie dieser prägenden Gewalt durch die Monopolisierung der Gewaltausübung auf eben diese Hauptgewaltverursacher entgegengewirkt werden soll, bleibt völlig offen und im Bereich des Absurden. Vorsichtshalber sprechen die StaatstheoretikerInnen diese Frage gar nicht an ...
Auszug aus Informationen zur politischen Bildung Nr. 216 (Neudruck 2000), "Recht", Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn (S. 17 f.)
Es ist eine wesentliche Aufgabe des Rechts, das friedliche Zusammenleben der Bürger in der Gesellschaft zu gewährleisten. Voraussetzung dafür ist das "staatliche Gewaltmonopol". Darunter verstehen wir, daß die rechtmäßige Ausübung hoheitlicher Macht in den Händen der Staatsgewalt liegt, die allein die Befugnis hat, unter bestimmten, rechtlich geordneten Bedingungen physischen Zwang anzuwenden oder anzudrohen. Das staatliche Gewaltmonopol ist für die Aufrechterhaltung des Friedens in der Gesellschaft notwendig. Wenn nämlich einzelne Personen oder gesellschaftliche Gruppen die Befugnis zur Gewaltanwendung für sich in Anspruch nehmen könnten, dann müßte dies zwangläufig zu einer Gesellschafts des Faustrechts führen, in der allein das Recht des Stärkeren zur Geltung käme.Auszug aus Grimm, Dieter (1985): Einführung in das Recht, UTB C.F. Müller Verlag in Heidelberg (S. 140), zitiert in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 216 (Neudruck 2000), "Recht", Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn (S. 18)
Das Gewaltmonopol ist nur eine notwendige, aber selbstverständlich keine hinreichende Bedingung für Freiheit und Gleichheit. Es ist aber insofern eine notwendige Bedingung, als nur in einer äußerlich befriedeten Welt Argumente überhaupt Bedeutung gewinnen können.
Auszug aus Hardt, Michael/Negri, Antonio (2004): „Multitude“, Campus Verlag in Frankfurt (S. 266 f., mehr Auszüge ...)
Die moderne Souveränität (und darüber sollten wir uns im Klaren sein) bereitet Gewalt und Furcht keineswegs ein Ende, sondern beendet vielmehr den Bürgerkrieg, indem sie Gewalt und Furcht in eine kohärente und stabile politische Ordnung einpasst. Der Souverän wird der einzig legitime Urheber von Gewalt sein, und zwar sowohl gegenüber seinen Untergebenen als auch gegenüber anderen souveränen Mächten. Auf diese Weise dient der souveräne Nationalstaat der Moderne als Antwort auf das Problem des Bürgerkriegs.
Heute taucht das Problem des Bürgerkriegs in einem viel größeren, nämlich globalen Maßstab wieder auf. Der heutige Kriegszustand, der zu einer fortwährenden Polizeiaktion geworden ist, welche die regulative Begründung von Regierung und politischer Kontrolle unterstützt, verlangt in ähnlicher Weise den Gehorsam der Untergebenen, die von Gewalt und Furcht gepeinigt sind. ...
Den Bürgerkrieg zu beenden heißt aus dieser Perspektive nicht, Gewalt und Furcht ein Ende zu machen, sondern sie in eine überschaubare Ordnung zu bringen und in die Hände des Souveräns zu legen. ...
Auszug aus Eppler, Erhard (2005): "Auslaufmodell Staat?", Suhrkamp Verlag in Frankfurt
Wo der Staat sein Gewaltmonopol verloren hat, wo Warlords, meuternde Söldner oder einfach kriminelle Banden Gewalt ausüben - und das geschieht heute in Afrika oder Zentralasien häufig -, hat der Staat aufgehört zu existieren. Es ihn nicht mehr, damit auch kein Recht und keinen Schutz der Kinder, Frauen oder Greise vor den Kalaschnikows einer verwilderten Soldateska. ... (S. 75)
Hören wir nicht immer wieder aus den USA, daß "failed states" allzuleicht zu Brutstätten des Terrors werden? Das leuchtet schon deshalb ein, weil man in einem Landstrich, der keine Gesetze kennt, auch keine übertreten kann. Wo niemand ein staatliches Gewaltmonopol in Anspruch nimmt, können Terroristen ungestört ihre Kämpfer militärisch ausbilden. ... (S. 136)
Menschen lernen den Wert eines Gutes meist erst schätzen, wenn sie es nicht mehr haben. Was das tägliche Brot wert ist, lernen wir, wenn wir hungern müssen. Was Freiheit wert ist, spüren wir, wenn wir sie verloren haben. Was der Staat wert ist, erfahren die Menschen, die ohne Staat überleben müssen.
Wo der Staat abgestorben ist, herrscht das Recht des Stärkeren. Stärker ist, wer Waffen hat und eingiermaßen damit umgehen kann. Dies ist heute sehr viel leichter als vor hundert Jahren. Daher können Kinder mit Maschinenpistolen zu vielfachen Mördern werden. Oft werden sie Kindersoldaten, damit sie nichtm ehr zu den Hilflosen gehören, die fremder Gewalt ausgeliefert sind. Bewaffnete Kinder sind eine Erfindung privatisierter Gewalt. ...
Ein despotisch gehandhabtes Gewaltmonopol kann, wie der Irakkrieg zeigt, innerhalb von tagen gebrochen werden. Dann entstehen staatsfreie, aber keine machtfreien und schon gar keine gewaltfreien Räume. ... (S. 141 f.)
Die radikal unzivile, barbarische Gesellschaft entsteht, wo es keinen Staat mehr gibt. ... (S. 160)
Auszug aus Dahn, Daniela (2005), "Demokratischer Abbruch", Rowohlt Verlag in Reinbek, abgedruckt in: Humanwirtschaft 1/06 (S.19)
Wenn die Demokratie uns zerrinnt, haben wir buchstäblich nicht mehr. Aus Trümmern wächst Gewalt.
Auszüge aus der Multiplikatorenmappe "Demokratie", Wochenschau Verlag in Schwalbach 2003 (S. 3, mehr Zitate)
Wenn man über Demokratie spricht, sollten zunächst Utopien ausscheiden. Utopisch ist die Vorstellung des autarken - und daher auch autonomen - Einzelnen. Realistischerweise ist nicht von Robinson auf seiner Insel auszugehen, sondern von einer verstädterten Millionenbevölkerung, wobei die Menschen mannigfach gesellschaftlich abhängig sind (wer kann im modernen Leben auch nur seine Nahrungsmittel selbst produzieren, von allen anderen Bestandteilen der so genannten Daseinsvorsorge ganz zu schweigen?). Ebenfalls utopisch ist die Idee, eine solche große und komplexe Gesellschaft könne sich herrschaftsfrei selbst organisieren: der Traum der Anarchisten, aber auch die Prophezeiung der Klassiker des Kommunismus, wonach der Staat dereinst absterben und an die Stelle der Regierung über Personen nur "die Verwaltung von Sachen und die Leitung von Produktionsprozessen" treten sollte (...). Dass die Entwicklung im real existierenden Sozialismus" in die entgegengesetzte Richtung einer immer stärkeren Rolle des Staates verlief, sei nur nebenbei festgehalten. Der Anschauungsunterricht der Gegenwart aus Ländern, in denen der Staat "ausgefallen" ist (Somalia, Afghanistan), lehrt: Eine Gesellschaft steuert sich keineswegs von selbst durch Vernunft. Manches regelt eine radikale Anwendung des Marktprinzips von Angebot und Nachfrage. Weithin gilt einfach das "Recht" des Stärkeren, d. h. es regiert die Gewalt, etwa in Gestalt so genannter "Warlords", Kriegsherren, die über so und so viel Bewaffnete verfügen. Die Menschen und ihre Gesellschaft brauchen also den Staat.Montesquieu halt Faustrecht für logische Folge von Anarchie
Auszug aus Marti, Urs (2006), "Demokratie - das uneingelöste Versprechen", Rotpunkt in Zürich (S. 35)
Sie kommen überein, künftig in vollständiger Anarchie zu leben, nur noch ihrer inneren Natur, ihren egoistischen Neigungen zu folgen. Fortan kümmert sich keiner mehr um den anderen, und jeder baut auf seinem Feld nur gerade so viel an, wie er für sich alleine benötigt. Freilich ist auf diese Weise auch jeder den Unwägbarkeiten der äußeren Natur schutzlos ausgesetzt; wer in einem Jahr nichts ernten kann, darf von den anderen keinen Beistand erwarten. So kommt es, dass Hungersnöte große Teile des Volkes hinraffen. Die Gewalt, die an die Stelle des Rechts getreten ist, sowie das völlige Fehlen des Sinns für Billigkeit und gegenseitige Verpflichtung dezimieren es zusätzlich. Kurz: die Anarchie ist nicht von Dauer, sie führt zu wirtschaftlichen Katastrophen und endlich zum Untergang.
Anarchie, Gewalt, Terror
Es ist nicht einfach, gleichzeitig die Schreckensbilder der Anti-A-Propaganda abzuwehren, aber nicht in eine dogmatische Gewaltfreiheit zu verfallen, die zum einen eine festgelegte Regel bedeuten würde, Menschen auf bestimmte Verhaltensweisen normiere, zum anderen aber auch Utopie und Widerstand durcheinanderbringt. Platte Parolen für oder gegen Gewalt geben daher regelmäßig den HetzerInnen gegen eine herrschaftslose Gesellschaft einfache Munition. Das Dilemma ist auf www.anarchismus.at an einem Beispiel gut umrissen:
Obwohl die RAF sich selbst vom Anarchismus distanzierte und sich als marxistisch-leninistisch bezeichnete, was der Polizei selbstverständlich bekannt war, wurden sie automatisch als „anarchistische Gewaltverbrecher" bezeichnet. Der Grund liegt auf der Hand: erstens kann mensch mit dem Begriff Anarchismus eine unliebsame Gruppe in der Öffentlichkeit nachhaltig diffamieren, zumal der Kommunismus durch die Entspannungspolitik damals gerade kurzfristig salonfähig geworden ist. Und zweitens sieht mensch, dass auch in Deutschland der Anarchismus wieder an Wichtigkeit gewinnt. So kann mensch schnell und sicher die Bevölkerung gegen ihn aufhetzen.
Von Beginn an ... Anarchiehetze in der Geschichte
Anarchiehetze im antiken Athen durch Aristoteles, Platon & Co.
Eine negative politische Dimension im Sinne von 'Verlust der gesetzlichen Ordnung' und 'politischem Chaos' erlangte der Begriff Anarchie bereits in der konservativen aristokratischen Parteisprache Athens des 4. Jhs. v.u.Z. Aristoteles (384-355 v.u.Z.), der den Begriff ebenso wie Platon im Zusammenhang mit seiner Kritik an der Demokratie verwendete, definierte die Anarchie als einen "Zustand der Sklaven ohne Herren", der die Gefahr des Untergangs in Gesetzlosigkeit und Zügellosigkeit beinhalte. Und es war Platon (427-347 v.u.Z.), der die Formel von der Aufeinanderfolge von Aristokratie, Oligarchie, Demokratie, Anarchie und Tyrannei prägte, die im 19. Jh. von Alexis-Charles-Henry-Maurice Clérel de Tocqueville (1805-1859) u.a. mit geringer Veränderung wieder aufgegriffen wurde. Die Bedeutung von 'politischer Herrschaftslosigkeit' erlangte der Anarchiebegriff offensichtlich erstmals bei Xenophon (um 580-480 v.u.Z.), für den die anarchia das Jahr war, in dem es keinen archon (Herrscher) gab. (Quelle)
Anarchie als Entartung der Demokratie?
Ähnlich wie vor ihm Aristoteles und Platon definierte z.B. Niccolo Machiavelli (1469-1527), der Theoretiker des modernen weltlichen Machtstaates, den Begriff Anarchie als eine Entartungserscheinung der Demokratie. Für Machiavelli gibt es drei gute Herrschaftsformen: Monarchie, Aristokratie und Demokratie, welche davon bedroht sind, in Tyrannei, Oligarchie und Anarchie zu degenerieren. ...
Der Humanist Erasmus von Rotterdam (1466-1536) betrachtete die Anarchie als eine ebenso negative, wenn nicht sogar als eine verwerflichere Tendenz wie die Tyrannei, die beide nur durch ein politisches Gleichgewicht aller Machtfaktoren im Staate überwunden werden könnten. Diese Bewertung der Anarchie als einer Degenerationserscheinung des Staates, der sogar die Tyrannei vorzuziehen sei, vertrat auch der französisch-schweizerische Reformator Jean (Johann) Calvin (1509-1564). Und der englische Philosoph Thomas Hobbes (1588-1679) griff in seiner staatstheoretischen Schrift "Leviathan" den von Machiavelli geprägten Topus "Demokratie produziert Anarchie" erneut auf und kennzeichnete sie ebenfalls als eine Verfallsform politischer Herrschaft. In Deutschland war Friedrich Schiller 1789 in seinen Jenaer Vorlesungen über "Die Gesetzgebung des Lykurg und Solon" zu einer ähnlichen, wenngleich auch nicht gänzlich antidemokratischen Schlußfolgerung gelangt. Denn unter Verweis auf die Verfassung Solons vertrat Schiller die Auffassung, daß sich die Gefahr der Demokratie, in Anarchie auszuarten, durch "starke Zügel der Demokratischen Gewalt" vermeiden ließe. (Quelle)
Auszug aus Diefenbacher, Hans (Hrsg., 1996): "Anarchismus", Primus Verlag in Darmstadt (S. 7 f.)
Bei einer weit verbreiteten Spielart des Kampfes um die Definitionsmacht wird versucht, den Begriff durch Definition oder Assoziation so zu fassen, daß er als Bezeichnung für gefährliche, abwegige, die Zivilisation bedrohende Ideologien schlechthin dienen kann. Da Autoren, die sich dieser Technik befleißigen, im Fortgang dieses Bandes kaum mehr zu Wort kommen, eine Übersicht über das Verständnis von Anarchie in den letzten 150 Jahren ohne sie aber nicht vollständig wäre, sollen einige besonders krasse Fälle aus den letzten dreißig Jahren zumindest genannt werden. Dies ist eine Auswahl aus einer fast beliebigen Anzahl von Beispielen. Bereits hier begegnet einem eine Eigentümlichkeit, die der Auseinandersetzung um den Anarchismus in besonderem Maße zu eigen ist, die Tatsache nämlich, daß sich bestimmte Diskussionslinien über mehr als hundert Jahre nahezu unverändert erhalten: Schon Hector Zoccoli, der 1906 die erste wissenschaftlich anspruchsvolle Geschichte der anarchistischen Theorie veröffentlicht hat, vertritt die Auffassung, "daß man um so mehr die Bedeutung der Erscheinung des Anarchismus durchdringen kann, je mehr man von dieser Gattung von Publikationen absieht". In diesem Zusammenhang ist es nicht ohne Interesse, daß Zoccoli nach eigenem Bekunden sein sechshundertseitiges Werk abgefaßt hat, "um die praktischen Konsequenzen der anarchistischen Theorie zu überwinden", die seiner Ansicht nach "die allerbedeutendste ethische Verirrung darstellt, die jemals die Welt erschüttert hat".3 Eine Auswahl der neueren Beispiele in aller Kürze:
- Der Bund katholischer Unternehmer widmet seine Frühjahrstagung 1971 dem Anarchismus, und den Hauptvortrag beginnt Rechtsanwalt Friedrich Graf von Westphalen mit der Aussage, daß die ihm zugemessene Zeit nicht ausreichen würde, "ein Bild der Zeitirrtümer, Modetrends und mannigfaltigen Auflösungserscheinungen unserer gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung zu malen, aus dessen näherer Beschreibung sich dann die Gefahren des Anarchismus herausschälen würden, die das Morgenrot des Chaos ankündigen.“4 Graf von Westphalen identifiziert eine "breiige, revolutionär gestimmte Masse", deren "intellektuelle Statur und moralische Redlichkeit in aller Regel nicht sonderlich imponierend" sei, und in die er unter anderem die Namen Marcuse, Adorno, Habermas, Dutschke und Cohn-Bendit einordnet.
- 1975 gibt das Bundesministerium des Innern eine "Dokumentation über Aktivitäten anarchistischer Gewalttäter in der Bundesrepublik Deutschland" heraus, in der "Zellenzirkulare der Häftlinge Baader, Meinhof und Ensslin" sowie "Schriftstücke aus konspirativen Wohnungen der RAF" abgedruckt werden. Inwieweit die Zuordnung der RAF und zu welcher Variante des Anarchismus gerechtfertigt ist, darüber werden keine weiteren Überlegungen angestellt.
- 1983 verleiht die Philosophische Fakultät der Universität Würzburg mit dem Erst-Gutachter Prof. Dr. Lothar Bossle einen Doktortitel für eine Dissertation zum Thema "Zeitgenössische deutsche Literatur als Ursache oder Umfeld von Anarchismus und Gewalt". Das fünfzehnseitige Literaturverzeichnis der Arbeit nennt keinen einzigen anarchistischen Titel; als Wegbereiter des Anarchismus, der als "direkte Vorstufe zum Terrorismus“ deklariert wird, werden Böll, Enzensberger, Wallraff und Gollwitzer behandelt, deren verzerrte Darstellung der bundesrepublikanischen Wirklichkeit den Boden für Gewalt bereiten würden.
„In jeder Tasche eine Bombe, angefüllt mit Dynamit, den Mordstahl in der einen, die Brandfackel in der anderen Hand - so stellt sich ein Gegner des Anarchismus in der Regel einen Anarchisten vor. Er erblickt in ihm einen Menschen, der, halb Narr, halb Verbrecher, nichts weiter im Sinn hat als die Ermordung eines jeden, der nicht seiner Meinung ist, und dessen Ziel der allgemeine Wirrwarr, das Chaos ist." Diese Worte von Johann Most - der in seinen eigenen Veröffentlichungen sinnigerweise alles nur Erdenkliche getan hat, um dieses (Vor-)Urteil zu bestärken - gelten, wie zu sehen war, hundert Jahre später fast unverändert.
- Mehr zur Geschichte des Anarchiebegriffs in: Hajo Schmück, "Anarchie" - Zur Geschichte eines Reiz- und Schlagwortes
Anarchiekritik von Links
Linksautoritäre
Es ist ein weitverbreitetes Märchen, dass "links" etwas mit emanzipatorisch zu tun hat. Die beiden Ideen schließen sich zwar nicht aus, aber eben auch nicht ein. Vielmehr sind der größte Teil "linker" politischer Bewegungen, Parteien oder Regierungen geradezu fanatische AnhängerInnen von Kontrolle, Machtausübung, Polizei, Justiz und sogar Knästen - wenn nur die Richtigen da hineinkommen. Gewehrkugeln sind gut - wenn sie die Richtigen treffen (und nicht nur im Einzelfall legitime Gegenmacht von unten). Folglich sind anarchistische Ideen bei den meisten Linken verpönt - bei AnhängerInnen marxistischer Phantasien sozialistischer Staatsstärke ebenso wie im breiten Fanblock der Demokratie, der im linken Lager von Grünen über Attac bis Linkspartei dominiert.
Marxistische Anarchiekritik
Die folgende Kritik zeigt eine Vielzahl notwendiger Kritikpunkte an den Argumenten der real existierenden, sog. AnarchistInnen auf. Die Ableitung, dass Anarchismus prinzipiell diese Schwachpunkte aufweist, erfolgt allerdings nicht durch Belege, sondern über Verallgemeinerungen. Das dient vor allem der Zurschaustellung des eigenen, marxistischen Standpunktes als "richtige" Welterklärung. Diese Schwäche ändert jedoch nichts daran, dass die Kritik wichtige Defizite aktueller Anarchietheorien benennt.
Auszug aus einem Flugblatt der Jungen Linken (mit Kommentierungen)
Dafür, daß es AnarchistInnen um Herrschaftslosigkeit geht, ist ihre Theorie, was Herrschaft ist, oft erstaunlich schlicht. Herrschaft wird zumeist als reiner Zwangszusammenhang mißverstanden, d.h. die mittels eines Gewaltapparats aufrechterhaltene Diktatur einer Minderheit über die Mehrheit. Die Beherrschten kommen bei dieser Betrachtung ziemlich gut weg: Wie sie die Herrschaft reproduzieren durch ihr Verhalten, wie sie sich in den Verhältnissen einrichten, welchen - wirklichen oder vermeintlichen, relativen oder absoluten - Vorteil sie davon haben könnten, taucht in der üblichen Betrachtung erst gar nicht auf. Das unverrückbar gute Urteil über "das Volk", die "Massen", die Arbeiterklasse", "die kleinen Leute", die "Normalbürger" wird besonders dann komisch, wenn der Faschismus erklärt werden soll - der scheint ganz ohne Bevölkerung zustande gekommen zu sein, die ja auch "nur" mitgemacht hat. Die Untertanen tauchen ausschließlich als Opfer staatlicher Gewalt auf. Der kumpelhafte Schulterschluß mit den kleinen Leuten hat eine lange schlechte Tradition in der Linken. Die unbedingte Parteinahme für die Opfer, die zu besseren Menschen stilisiert werden (und wehe sie entpuppen sich nicht als die edlen Unterdrückten!), wird anders fortgesetzt, spätestens seit die rassistische Pogromwelle 1991/93 Mob klargemacht hat, daß es sich bei den meisten deutschen Untertanen wohl kaum verhinderte Revolutionäre handelt. ...
Vor allem Autonome, aber auch Öko- und Eso-AnarchistInnen haben statt dessen die ländliche Idylle vor sich hinkrebsender Dorfgemeinschaften mit Subsistenzwirtschaft vor Augen. Im Hier und Jetzt ist darum revolutionäre Askese, hart aber herzlich, arm, aber anständig usw. angesagt - das allerdings ganz lustvoll, bunt und wild!
- Sinnvolle Kritik, aber absurd verallgemeinert ..., denn erstens gibt es z.B. hier eine satte Kritik an Volk und Kollektivität, zum anderen sind gerade marxistische Strömungen besonders auf Kollektivität aus - von Arbeiterklasse bis zur Definition echter Demokratie als Volks-Demokratie (also Doppel-Volk-Herrschaft). Die Junge Linke, Urheberin des obigen Textes, hat konsequenterweise jegliche Diskussion mit herrschaftskritischen Leuten, die gerade deshalb auch Kritik an Volk und Kollektivität haben, verweigert - u.a. um in Ruhe gegen ein selbstgeschaffenes und zu zu großen Teilen zutreffendes Konstrukt des Anarchismus zu wettern.
Zum Staat
Den Staat abschaffen, wollen AnarchistInnen in der Regel - aber erklären können sie ihn nicht. Hat der traditionelle Anarchismus ihn entweder als fiese Idee von herrschsüchtigen Finsterlingen oder als notwendiges Durchgangsstadium zur freien Entwicklung der Menschheit, das jetzt nicht mehr benötigt wird, begriffen, teilen die meisten AnarchistInnen heute die vulgärmarxistische Ansicht, der Staat sei das reine Werkzeug der Kapitals. Die langweilige Debatte, ob der Kapitalismus den Staat oder der Staat den Kapitalismus hervorbringt, ob erst die Herrschaft und dann der Reichtum oder umgekehrt da war (möglichst noch "belegt" mit Robinsonaden aus der Altsteinzeit oder Stämmen in Neu-Guinea), kann immer nur falsch ausgehen und ist es dann auch. Warum der Ausgang dieser Debatte irgendeinen Aufschluß darüber geben kann, ob der Staat abgeschafft werden sollte oder nicht, ist nicht so richtig nachvollziehbar.
Wer die" Gesellschaft" (die ja echt klasse sein muß), vom Staat "befreien" will, der hat das Verhältnis Staat-Gesellschaft nicht begriffen. Daß AnarchistInnen zudem oftmals politische Kämpfe als eine Art brutal ausgetragenen Ideenwettbewerb zur Lösung allgemein menschlicher Probleme halten - also nicht begreifen, daß der Kapitalismus zwar denen, die in ihm leben, jede Menge Probleme macht, damit aber gerade keine hat - teilen sie mit einer Vielzahl von Abteilungen bürgerlicher und sozialistischer" Politik.
Die bürgerliche Gesellschaft braucht den Staat als einen ihr gegenüberstehenden, scheinbar unabhängigen Gewaltapparat, weil die allgemeine Konkurrenz ohne einen Staat, der sie begrenzt, in der Tat zu Mord und Totschlag und zur letztendlichen Aufhebung der Konkurrenz führen würde. Diese Konkurrenz richtet der Staat aber eben nicht nur ein, sie bringt ihn als gesellschaftliches Bedürfnis auch hervor. Das Geschäft läuft nur, weil die Gewalt sich nicht unmittelbar von ihm abhängig macht - und dennoch ist der Staat gerade dazu da, daß der Kapitalismus funktioniert. Die Ableitung des Staates aus der politischen Ökonomie, besagt aber gerade nicht, daß der Staat ein Instrument ist, das mensch doch auch für die guten und schönen Dinge (Sozialismus und so) benutzen kann. Im Gegenteil.
- Es gibt sie doch: Kritik am Staat mit Analyse seiner Rolle in der Gesellschaft
Nicht nur "die Gesellschaft“, sondern auch "der Mensch" erfreuen sich ziemlicher Beliebtheit bei AnarchistInnen. Genau wie jeder Staatstheoretiker den Staat "dem Menschen" abgelauscht haben will, wissen auch AnarchistInnen oftmals wie „der Mensch" eigentlich ist. Im theologischen Streit, ob "der Mensch" gut oder böse ist, ergreifen sie für ersteres Partei: Herrschaft ist der Sündenfall, die Revolution ist die Erlösung , Kapital und Staat versauen im Moment die Menschennatur, die mit allerlei Menschenrechten ausgestattet ist, welche aber blödsinnigerweise durch den Staat - der sie gewährt! -permanent verletzt werden. Bei soviel Unterdrückung der Menschennatur ist auch klar, daß die Unterdrückung der Natur überhaupt, in der eigentlich freiwillige Kooperation und Solidarität vorherrschen, ein recht böses Unterfangen ist (Kropotkins "Gegenseitige Hilfe...", Veganismus, Tierrechte).
Daß es die Menschennatur gar nicht gibt, sondern die jeweiligen Menschen nur das Ensemble ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse sind, daß das Leben und Denken der Altsteinzeit wirklich keine Erklärung für heute ist und die Menschengattung eine leere Abstraktion ist, die nichts erklärt - daß alles wissen AnarchistInnen in der Regel nicht. (Kein Wunder, daß sich viele AnarchistInnen positiv auf den anthropologischen Unfug, den Marx in seinen Frühschriften abgelassen hat, beziehen.) Darum auch die Begeisterung für "Völker ohne Regierung", die beweisen sollen, daß es auch ohne Staat geht.
Die Idealisierung vorstaatlicher (und vorkapitalistischer) Zustände ist ein romantischer Antikapitalismus. Als Idealbild taucht ein Mittelalter ohne Pest, Hungersnöte, Adelsherrschaft und Hexenverfolgung auf, mit ganz viel heimeliger Gemeinschaft ohne Herrschaft in überschaubaren dezentralen Einheiten. Bis dahin werden Stammesgesellschaften kräftig idealisiert, "natürliche" und "authentische" Lebensweisen gegen den Coca-Cola-Imperialismus verteidigt, über den bösen Individualismus hierzulande geschimpft und technischer Fortschritt und moderne Naturbeherrschung per se als Teufelszeug gebrandmarkt - auch von denen, die ganz schön viel von Selbstbestimmung und freier Entfaltung halten.
- Und auch hier: Es gibt sie, die anarchistische Theorie zu guten und bösen Menschen
Der Begriff des Anarchismus und seine Stellung zur politischen Theorie muß, aus dem Verhältnis von Staat, Staatsbürger und Privatsubjekt entwickelt werden. Der Staat ermöglicht die Konkurrenz aller gegen alle, die er den Leuten aufherrscht, indem er sie begrenzt. Für ihren Erfolg in der Konkurrenz, auf den sie verpflichtet werden, brauchen die Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft den Staat, der ihren Erfolg beeinträchtigt (Steuern) und sie in der Wahl ihrer Mittel beschränkt (Verbote), der ihr Mittel und zugleich ihre Schranke ist. Das Gelingen dieser Konkurrenz im Inneren ist Voraussetzung für den Erfolg nach außen in der Staatenkonkurrenz, und zwar sowohl der einzelnen Unternehmen, als auch des Staates überhaupt. Dessen Erfolg wiederum ist auch eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg der Unternehmen in seinem Land.
Über dieses konfliktorische Verhältnis machen sich die politischen Theorien ihre Gedanken - mit dem Ziel des Bestehens in der Staatenkonkurrenz. Der Liberalismus vertritt die Sorge um eine zu große Belastung der Privatsubjekte durch die staatlichen Garantieleistungen der Konkurrenz; der Konservatismus die umgekehrte Befürchtung, ein zuviel an Freiheit und zuwenig an staatlichen Garantien (u.a. "bewährter", traditioneller Voraussetzungen, die nicht Gegenstand der Konkurrenz werden sollen: Ehe, Familie, Religion) zerstöre die Gesellschaft. Die Sozialdemokratie ist der angemeldete organisierte Anspruch, die Voraussetzungen der kapitalistischen Konkurrenz - zu denen eine funktionierende Arbeiterklasse gehört - gegen die Interessen des Kapitals zu schützen und die Opfer des Normalbetriebs als mögliche Voraussetzungen zu erhalten. Der Faschismus dagegen stellt sich auf den Standpunkt der Bewährung der Nation in der Staatenkonkurrenz, und fordert die Unterordnung aller Privatinteressen unter den Staat, das Aufgehen des Privatsubjekts in den Staatsbürger.
Der Anarchismus ist genau das Gegenteil: Im Namen des Privatsubjekts bekämpft er die Gewalt, die dem angetan wird und verlangt die Abschaffung des Staates und des Staatsbürgers. Deswegen ist der Anarchismus ursprünglich auch nichts anderes als radikalisierter Liberalismus (Godwin, Stirner, Mackay, mit Abstrichen Proudhon).
Theorie und Philosophie: Anarchie nicht möglich?
Auszug aus Heinrichs, Johannes (2003), „Revolution der Demokratie“, Maas Verlag in Berlin (S. 18, mehr Auszüge ...)
Wohl könnten wir uns in leere Sozialromantik flüchten und jede "Regierung" - von "Herrschaft" zu schweigen - als überflüssig erklären, angesichts einer "Selbstorganisation" oder "Autopoiesis" der vergesellschafteten Menschen: Ihr Zusammensein organisiere sich -so meinen Sozialromantiker - angeblich von allein, wachsend aus der puren, mehr oder weniger verstandesfreien Spontanität der Beteiligten gänzlich von unten her - anarchisch, das bedeutet ohne Regierung und ohne Repräsentanten der Gemeinschaft. Dergleichen Verhältnisse hat es in größeren Gemeinschaften wohl nie in der Geschichte gegeben. Aus dem Tierreich ist das auch nicht bekannt, gleich ob es sich um Rudel oder "Staaten" handelt: Überall finden wir Rang, Hierarchie, Ordnung als Evolutionsprodukt der Selbstorganisation.
Die Freiheitsfähigkeit des Menschen erfordert Ordnungsstrukturen. Eine selbst in Freiheit erdachte und mit der Freiheit des Einzelnen kompatible Ordnung. Sobald eine Gemeinschaft von Menschenwesen eine Schwelle von Größe erlangt hat, tritt sie als eine eigene Entität, als ein eigenes Wesen, ja "Lebewesen", den einzelnen Mitgliedern der Gemeinschaft gegenüber. Das ist unvermeidlich und macht die Würde und Ranghöhe eines Gemeinwesens aus. ...
Die Idee der "Selbstbeherrschung", oder besser Selbstregierung, des Volkes enthält die der Selbstorganisation, wohl durchdacht und wohl durchgeführt. Aber eben nicht im an-archischen Sinn von Regierungslosigkeit oder gar Prinzipienlosigkeit (griechisch arche meint Anfang, Ursache, Ursprung, Prinzip). Die verbreitete Ansicht, das Wort Demokratie selbst beinhalte einen Widerspruch in sich, weil Subjekt und Objekt des Herrschens oder vielmehr Regierens zusammenfallen, ist seltsam oberflächlich.
Die dynamische Identität von Regierten und Regierenden und darin die Selbstbezüglichkeit der Gemeinschaft machen gerade die Pointe von Demokratie oder Selbstregierung aus.
Über die bösen Staatskritiker
Definition von "Autonomie" von der Kinder-Demokratieseite der Bundeszentrale für politische Bildung (www.hanisauland.de, Quelle für "Autonomie")
... Als „Autonome“ bezeichnen sich in der Bundesrepublik Deutschland einige meist politisch links stehende Gruppen. Ihr Ziel ist es, in einer herrschaftsfreien Gesellschaft (Anarchie) zu leben, in der es keinerlei Autoritäten gibt. Um ihre Ziele zu erreichen schrecken sie oft auch vor Gewalt nicht zurück. So sieht man immer wieder so genannte Autonome, die bei Demonstrationen Steine werfen oder Schaufenster einwerfen.
Ausnahmen bestätigen die Regel
Positiver Anarchiebegriff in England (zur Fußball-WM 2006), gefunden in: FR, 26.6.2006
Überraschende Pro-Anarchie-Positionen von den Marktradikalen Dirk Maxeiner und Michael Miersch:
Der schlimmste Feind des Anarchisten ist der Journalist. Ihm verdankt er seinen schlechten Ruf. Was steht in der Zeitung, wenn Drogenbosse und Clanführer in Afghanistan aufeinander los gehen? Anarchie am Hindukusch! ... Wie heißt es, wenn die Kurse mal verrückt spielen: Anarchie an der Börse! Und wenn irgendwo Bombe unbekannter Herkunft explodiert, werden garantiert Anarchisten dahinter vermutet. Der Leser lernt: Anarchie heißt Chaos. ... Über dem ersten RAF-Steckbrief in den siebziger Jahren prangten die Worte "Anarchistische Gewalttäter", obwohl die Baader-Meinhof-Bande sich als kommunistischer Guerillatrupp verstand. ... Freiwillige Zusammenschlüsse ohne Hierarchie und größtmögliche Freiheit des Individuums: So stellen sich Anarchisten die ideale Gesellschaft vor. Das müsste eigentlich jedem einleuchten, der sich aus seiner "selbstverschuldeten Unmündigkeit" (Kant) befreien möchte. Nur möchte das gar nicht jeder: Aus verständlicher Bequemlichkeit und Verantwortungsscheu ziehen es viele Menschen vor, ihre Interessen zu delegieren, anstatt andauernd für sich selbst haftbar zu sein. Und deshalb ist der Anarchismus immer ein Minderheitenprogramm geblieben. Zu schön um wahr zu sein. Und vor allem viel zu anstrengend, um Mehrheiten dafür begeistern zu können. ... Anarchisten halten uns den Spiegel vor: So könnte die Welt aussehen, wenn wir wirklich aufgeklärt, mündig und frei wären! Dafür sollte man ihnen ein bisschen dankbar sein und sie nicht ständig als Terroristen oder Chaoten missverstehen. Also, liebe Kollegen in den Medien, wenn das nächste mal irgendwo Chaos herrscht und ihr wollt einen Wiederholungsfehler vermeiden: Nehmt "Durcheinander", "Wirrwarr", "Unordnung" - aber bitte nicht "Anarchie".
Links
- Wikipedia "Anarchismus"
- Anarchie und Basisdemokratie (Positionspapier, PDF)
- Kritik an gängigen Anarchie-Parolen
- Demokratiekritik


Frankfurter Rundschau zur Lage im Irak (7.5.2003, S. 23)