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Anarchistische Zeiten.
Geschichte mit und ohne Herrschaftskämpfen

Ein Text im Buch "Anarchie. Träume, Kampf und Krampf im deutschen Anarchismus" (Gliederung)

Wo kommt der Begriff "Anarchie" her? Wie hat er sich im Laufe der (aufgezeichneten) Geschichte hinsichtlich seiner Inhalte und Bedeutungen gewandelt? Ursprünglich bedeutet 'anarchia' einfach die Negation einer militärischer Ordnung, also der Hierarchie mit Führer. Die Bedeutung von 'politischer Herrschaftslosigkeit' erlangte der Anarchiebegriff offensichtlich erstmals bei Xenophon (um 580-480 v.u.Z.), für den die anarchia das Jahr war, in dem es keinen archon (Herrscher) gab. Homer und Herodot (490 bis etwa 420/425 v. u. Z.) verwendeten den Begriff zur Beschreibung eines Zustandes "ohne Anführer" oder "ohne Heerführer", und Euripides (480 bis 407 v. u. Z.) bezeichnet mit 'anarchia' "führerlose Seeleute". Aristoteles (384 bis 322 v. u. Z.) definierte die Anarchie als einen "Zustand der Sklaven ohne Herren". Die Bedeutung von "politischer Herrschaftslosigkeit" erlangte der Anarchiebegriff bei Xenophon (um 580 bis 480 v. u. Z.), für den die anarchia das Jahr war, in dem es keinen archon (Herrscher) gab. Bei den Stoikern, Hedonisten und Kynikern finden sich Ideen, die ein 'herrschaftsfreies Gemeinwesen' befürworten, auch wenn sie selber noch nicht von Anarchie reden. Besonders radikal wurden diese libertären Anschauungen von Zenon von Kition (336 bis 364 v. u. Z.), dem Begründer der Stoischen Schule, vertreten. Gegenüber den autoritären theokratischen Ideen Platons nahm Zenon vom Individuum ausgehend eine – aus heutiger Sicht – durchaus als libertär zu verstehende Gegenposition ein. Auch Aristippos (um 435 bis 366 v. u. Z.), der Sokrates-Schüler und Begründer des Hedonismus, scheint ein herrschaftsfreies Gemeinwesen befürwortet zu haben. Er dachte dabei, wohl ebenso wie Zenon, eher an eine "Anarchie" der Weisen, was allerdings bereits darauf hindeutet, dass die historischen Vorstellungen herrschaftsfreier Gesellschaft ziemlich stark von den damals prägenden Ansichten überlagert waren, die nur kleine Teile der Bevölkerung als vollwertige Mitglieder anerkannten.
Für die Anarchiedebatte, zumindest soweit sie in der Geschichtsschreibung aufgezeichnet ist, bekann mit Entstehung der großen Imperien und der Macht der Kirche eine tote Zeit, die bis ins späte Mittelalter anzudauern schien. Erst 1796 bezeichnete der Kulturphilosoph und Schriftsteller der Romantik, Friedrich von Schlegel (1772 bis 1829), in seinem "Versuch über den Republikanismus" die Anarchie als "absolute Freiheit", d. h. als ein im Gegensatz zur Despotie verstandenes Ideal, das "durch Annäherung erreicht werden kann". Drei Jahre zuvor hatte Johann Gottlieb Fichte (1762 bis 1814) in seinem "Beitrag zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die französische Revolution", ohne den Ausdruck Anarchie explizit zu gebrauchen, die libertäre These vertreten, dass der Staat die Aufgabe habe, sich selbst überflüssig zu machen, und - welch Irrtum - ausdrücklich betont, dass die Menschheit sich diesem Ziel der Staatenlosigkeit immer mehr nähert. 1798 war es - mancheN wird das überraschen - Immanuel Kant, der Anarchie als "Gesetz und Freiheit ohne Gewalt " bezeichnete und von anderen Gesellschaftsformen positiv abgrenzte, aber damit offen ließ, wer denn das Gesetz schaffen solle und warum eine solche Institution dann nicht auch über das Monopol der Gewalt verfügen würde.
1808 charakterisiert Johann Wolfgang von Goethe die Anarchie als notwendiges Ferment des kulturellen und wissenschaftlichen Fortschritts: "Ob wir gleich, was Wissenschaft und Kunst betrifft, in der seltsamen Anarchie leben, die uns von jedem erwünschten Zweck immer mehr zu entfernen scheint, so ist es doch eben diese Anarchie, die uns nach und nach aus der Weite ins Enge, aus der Zerstreuung zur Vereinigung treiben muss." Und 1821 dichtet er in den "Zahmen Xenien": "Warum mir aber in neuester Welt / Anarchie gar so gut gefällt ? – / Ein jeder lebt nach seinem Sinn, / Das ist nun also auch mein Gewinn. / Ich lass einem jeden sein Bestreben, / Um auch nach meinem Sinne zu leben." Ludwig Börne (1786 bis 1837), neben Heinrich Heine einer der geistigen Gründerväter der literarischen Erneuerungsbewegung des "Jungen Deutschland", war vermutlich der erste, der sich in Deutschland auch in einem politischen Sinn offen für die Anarchie aussprach. In seiner Kritik eines 1825 in Paris veröffentlichten Buches, den "nouvelles lettres provinciales", schreibt er: "Nicht darauf kommt es an, dass die Macht in dieser oder jener Hand sich befinde: die Macht selbst muß vermindert werden, in welcher Hand sie sich auch befinde. Aber noch kein Herrscher hat die Macht, die er besaß, und wenn er sie auch noch so edel gebrauchte, freiwillig schwächen lassen. Die Herrschaft kann nur beschränkt werden, wenn sie herrenlos – Freiheit geht nur aus Anarchie hervor. Von dieser Notwendigkeit der Revolution dürfen wir das Gesicht nicht abwenden, weil sie so traurig ist. Wir müssen als Männer der Gefahr fest ins Auge blicken und dürfen nicht zittern vor dem Messer des Wundarztes. Freiheit geht nur aus Anarchie hervor – das ist unsere Meinung, so haben wir die Lehren der Geschichte verstanden." Liberale Vorstellungen lassen sich auch bei Wilhelm von Humboldt (1767 bis 1835) finden, zum Beispiel in seiner Schrift "Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen", welches er nach eigenem Zeugnis mit der Intention verfasste, "der Sucht zu regieren entgegenzuarbeiten".
In der Schrift "Die Philosophie der Tat", die 1843 als Artikelserie in der von Georg Herwegh herausgegebenen Zeitschrift Einundzwanzig Bogen aus der Schweiz erschien, definierte Moses Hess (1812 bis 1875) Atheismus und Kommunismus als analoge Erscheinungsformen der Anarchie: :"Die Anarchie, auf welche sich die beiden Erscheinungsformen, Atheismus und Kommunismus zurückführen lassen, die Negation aller Herrschaft, im geistigen wie im sozialen Leben, erscheint zunächst als schlechthinige Vernichtung aller Bestimmung, mithin aller Wirklichkeit. Aber es ist in der Tat nur das äußerliche Bestimmtwerden, die Herrschaft des einen über den anderen, was die Anarchie aufhebt. Die Selbstbestimmung wird hier so wenig negiert, daß vielmehr deren Negation (die durch 'das Bestimmtwerden von außen' gesetzt (wird)) wieder aufgehoben wird. Die durch den Geist geschaffene Anarchie ist nur eine Negation der Beschränktheit, nicht der Freiheit. Nicht Schranken, welche der Geist sich selbst setzt, bilden den Inhalt seiner freien Tätigkeit – also dieses Sichsetzen, Sichbestimmen oder Sichbeschränken ist es nicht, was vom freien Geist negiert werden kann, sondern das Beschränktwerden von außen." Unüberhörbar ist auch das individualanarchistische Credo in den von Moses Hess zu dieser Zeit veröffentlichten Schriften. Noch vor Max Stirner propagierte er die Autonomie des Individuums: "Der Wert der Anarchie besteht darin, daß das Individuum wieder auf sich selbst angewiesen wird, von sich ausgehen muß ... Wenn ich an eine Macht außer oder über meinem Ich glaube, so bin ich von Außen beschränkt ... Ebenso kann ich im sozialen Leben mich selber bestimmen, in dieser oder jener bestimmten Weise tätig sein, ohne eine äußere Schranke meiner Tätigkeit anzuerkennen – ohne einem Anderen das Recht einzuräumen, mich zu beschränken."
Umgangssprachlich und von seinen politischen Gegnern wird der Begriff Anarchie jedoch oft mit Unordnung, Zerstörung und Chaos gleichgesetzt. Als politisch diffamierendes Schlagwort gegen andere ist der vom Begriff Anarchie abgeleitete Ausdruck Anarchist seit der französischen Revolution bekannt. Allem Anschein nach war es der Girondist Jacques Pierre Brissot, der den Begriff 'Anarchist' in einer Wahlrede vom 23. Mai 1793 als erster zur Diskreditierung des politischen Gegners benutzte - von dort ab dann zunehmend bis heute. In den 1970er Jahren wurden die deutsche Rote Armee Fraktion (RAF) und andere als terroristisch geltende Gruppierungen wegen ihrer extremen Militanz, mit der sie bis zur tödlichen Konsequenz für andere und sich selbst gegen Symbolfiguren der herrschenden Staatsgewalt aus Politik, Wirtschaft und Justiz vorging, fälschlich als anarchistisch bezeichnet und angesehen; dabei waren sie mehrheitlich revolutionär-sozialistisch und nicht anarchistisch ausgerichtet. Vor allem die Berichterstattung über die RAF in den meisten öffentlichen Medien führte zu einer negativen Besetzung der Begriffe Anarchie und Anarchismus in der Bundesrepublik Deutschland. Dieses änderte sich erst leicht im Zuge der Kritik an der kapitalistischen Globalisierung, weil dort AnarchistInnen mit ihren Ideen eine wesentliche Rolle im Widerstand spielten. Als Gesellschaftstheorie hat die Anarchie aber dadurch nicht an Akzeptanz gewonnen. Ähnlich war eine kleine Belebung der Anarchie - zumindest vorübergehend - im Zuge der sogenannten "68er" gelungen. Verschiedene Aktionsgruppen, KommunardInnen und auch spätere militante Zusammenhänge wie die "Bewegung 2. Juni", die Revolutionären Zellen oder die Rote Zora trugen deutliche libertäre Theorieansätze nach außen, ohne dass dadurch ein zusammenhängender Diskurs oder eine stärkere Präsenz anarchistischer Ideen in der Gesellschaft erreicht werden konnte. Ganz ähnlich gilt das für Autonome oder den Anarchopunk, der sich als Mischung aus kulturellen und Protestmomenten bildete.

Politische Bedeutung im Sinne praktischer Anwendung oder prägender Diskurse erreichte der Anarchismus im deutschsprachigen Raum nie. Ausnahmen sind die regional und zeitlich stark begrenzten Räterepubliken, wie sie, nach ersten bzw. zweitem Weltkrieg, in München (7.4.-2.5.1919), im Ruhrgebiet (März/April 1920) oder im Kreis Schwarzenberg (für 42 Tage ab dem 8. Mai 1945; geschichtlicher Abriss) entstanden. Allerdings hatten die dortigen Räte deutlich erkennbar Regierungsfunktionen inne, d.h. - innerhalb ihrer bescheidenen Möglichkeiten - tatsächliche Macht. Einige waren sogar streng hierarchisch organisiert. Das widerspricht der Idee von Herrschaftslosigkeit und belegt eher die Probleme, die Rätesysteme erzeugen. Da aber Räte häufig mit libertären Ideen in Zusammenhang gebracht werden, spielen die benannten Ereignisse auch in der Geschichtsschreibung der Anarchie eine Rolle.
Anarcho-syndikalistische Gruppen mit ihrer damaligen Dachorganisation "Freie Arbeiter-Union Deutschlands" (FAUD, vormals Freie Vereinigung deutscher Gewerkschaften, FVDG) hatten um 1920 erheblichen Zulauf mit Ortsgruppen von zum Teil über 1000 Mitgliedern. Sie brachten etliche anarchistische Zeitschriften heraus und mischten sich vor allem in ArbeiterInnenkämpfe ein. Diese Aktivität währte aber nicht lange und fand spätestens mit dem hereinbrechenden Nationalsozialismus ein deutliches Ende. Der Versuch, sich als illegale Organisation neu zu strukturieren, scheiterte weitgehend. Etliche AktivistInnen tauchten aktiv im Spanischen Bürgerkrieg wieder auf.
Wahrscheinlich gibt es eine Reihe weiterer Versuche kleiner Gruppen oder Kreise, auf kämpferische Art Befreiungen zu erreichen und anarchistische Gesellschaftsmodelle zu verwirklichen. Überliefert ist ein Aufstand um den aus kommunistischen Kreisen stammenden Max Hölz, dem dann aus KPD-Kreisen repressiv begegnet wurde. Erwähnenswert wären etliche Kommunen Anfang des 20. Jahrhunderts, in denen gleichberechtigte Formen des Zusammenlebens ausprobiert wurden. Im Zuge der Industrialisierung entstanden auch in der "Alten Welt" eine Reihe von manchmal (verbal-)anarchistischen, ansonsten vor allem lebensreformerischen, esoterischen und/oder anthroposophischen Landkommunen mit dem Ziel, „die alte Einheit von Mensch und Natur zu erneuern“ - so auf Wikipedia.
Wer deutschsprachige, anarchistische Literatur oder Zeitschriften blättert, findet allerdings bevorzugt anarchistische Versuche in anderen Ländern erwähnt - allen voran Spanien und die Machnowiki in der Ukraine. Beide waren militärischer Bedrohung ausgesetzt. Das förderte hierarchische Organisierungen, von denen unklar bleibt, ob sie auch aufgetreten wären, wenn sich die anarchistischen Ideen ohne äußere Gefährdung hätten entfalten können. Ähnliches gilt für die Pariser Kommune, die nach den Wirren des deutsch-französischen Krieges und im Konflikt mit einer dadurch geschwächten, französischen Zentralregierung entstand. Sie wurde ebenfalls militärisch niedergerungen, weil die siegreichen deutschen Armeen der französischen Regierung die Wiederaufrüstung genehmigte, um die Pariser Kommune niederzumetzeln - was sie dann auch tat. Alle Vorzeigeanarchien wurden von mit Macht ausgestatteten Gremien verwaltet. Das steht in einem seltsamen Widerspruch zur Theorie der Anarchie, wo solches ja gerade ausgeschlossen wird. Glaubten die AnarchistInnen selbst nicht an ihre Idee? Oder überwogen andere Strömungen, die sich nur anarchistisch gaben oder nicht einmal das behaupteten? Die Pariser Kommune war keine rein anarchistische Sache, sondern eine Mischung der sich erst bildenden Strömungen anarchistischer, sozialistischer und revolutionär demokratischer Orientierungen. Es mag ein ungünstiger Umstand gewesen sein und die besonderen Schwächen der Strömungen zeigen, dass die zum Liberalismus neigenden AnarchistInnen sich mehr um die Ökonomie kümmerten, während die immer wieder staatsautoritäre Vorstellungen hegenden DemokratInnen und SozialistInnen die interne, politische Verwaltung aufbauten (Quelle: Becker, Alexander: "Gefährliches Beispiel", in: Junge Welt, 18.3.2011, S. 10).

Die Rezeption früherer Phasen unter heutigen AnarchistInnen ist allerdings auffällig kritiklos, so dass der Verdacht aufkommt, dass viele AnarchistInnen Anarchie gut heißen, ohne mit analytischem Blick herrschaftsförmige Beziehungen und Verhältnisse zu hinterfragen. Oft geschieht "Anarchie" in einer Phase des Lebens, die geprägt ist von einer (fraglos berechtigten) Abwehrhaltung gegen die tradierten Rollenmuster, bis sie dann außerhalb der bisherigen Klammern ihres Alltags in neue, vorgegebene Kanäle eintauchen. Anarchie stellt dann eher eine kurze Phase des Nihilismus dar, in der die alten Werte mental zertrümmert werden, um sich dann Anderen oder den modernistierten Bisherigen wieder hinzugeben statt sich selbstorganisiert zu entfalten. Dazu würde passen, dass anarchistisches Leben und Denken sehr stark im Symbolhaften verhaftet ist. Kulturelle Ausdrucksformen wie Parolen, Musik und Kleidung spielen eine große Rolle, während politische Organisierung, Aufbau experimenteller Projekte, emanzipatorischer Widerstand oder Aneignung im deutschsprachigen Anarchismus derart selten sind, dass ein Einzelereignis wie die Besetzung und Übernahme einer kleinen, im Konkurs stehenden Fahrradfabrik als großer Erfolg gefeiert wird und jahrelang die Erinnerung prägt. Dabei traf die Übernahme der Firma, die dann durch die Produktion des "strike bike" bekannt wurde, weder auf den Widerstand bisheriger BesitzerInnen noch war das Ende erzwungen. Schnöder Profitlogik folgend stellte auch die durch Übernahme entstandene selbstverwaltete Fahrradfabrik ihre Tätigkeit schließlich ein. Aber: immerhin! So kann mensch angesichts des sonst inhalts- und praxislosen deutschen Anarchismus das Experiment wohlwollend einordnen.

Ein interessantes Experiment, welches stark in die Industrienationen und auch den deutschsprachigen Raum hineinstrahlte, war der Aufstand der Zapatistas in Chiapas (Mexiko) ab dem 1. Januar 1994. Er fiel in eine scheinbar aufstandslose Zeit. Mit dem Ende des zentral organisierten Staatssozialismus, der sich - aller Ähnlichkeit zum Trotz - als historische Alternative zum westlichen Kapitalismus inszenierte, und dem Aufstieg neoliberaler Gesellschaftskonzepte schien die Zeit gesellschaftlicher Kämpfe vorbei. Zumindest redeten führende PolitikerInnen und Medien dieses herbei. Der Ausspruch der britischen Premierministerin Thatcher "There is no alternative" prägte als TINA-Syndrom den Diskurs der Zeit. Wer dem verfallen war, musste vom Aufstand aus dem Lakandonischen Urwalt reichlich überrascht sein. Wahrscheinlich aber war eher eine einseitige Medienlandschaft, die wie üblich herrschaftsorientiert ausgerichtete Geschichtsschreibung und das Erlahmen intellektueller Protestsphären für die Nichtwahrnehmung vorhandener Kämpfe verantwortlich. Zudem zeigte der Kampf der Zapatistas einen Wandel in der Logik des Aufstandes - und genau das macht ihn für anarchistische Ideen so interessant. Denn, zumindest den selbstgesetzten Zielen nach, dienten gewaltfreie, militante und militärische Aktionen nicht der Übernahme der Macht, sondern dem Verscheuchen der Institutionen von Macht, vor allem des mexikanischen Militärs und anderer Truppen der Unterdrückung. In den so befreiten Gebieten sollten die jeweiligen Orte und Gemeinschaften selbstverwaltete Strukturen aufbauen.
Es mag vieles an den Berichten geschönt sein, Probleme werden vielleicht öfter verschwiegen als für eine selbstkritische Reflexion gut wäre. Dennoch bietet das Widerstandskonzept der Zapatistas bemerkenswerte Anknüpfungspunkte für anarchistische Kämpfe. John Holloway veröffentlichte später seine Thesen, die Macht zu zerstören, ohne die Macht zu erobern. Das inzwischen weit verbreitete Internet beförderte die Debatte auch in die Industrienationen, in denen es - aus Sicht vieler Befreiungsbewegungen anderer Länder: endlich! - gelang, mit der Blockade des Welthandelstreffens 1999 in Seattle einen im politischen Raum wieder stark sichtbaren Protest in Gang zu bringen. Basisbewegungen dominierten die Auseinandersetzungen für einige Zeit , sei es beim IWF-Gipfel in Prag, beim EU-Gipfel in Göteborg, dem G8-Treffen in Genua und auch noch in Evian. Allerdings zeigte sich zumindest im deutschsprachigen Raum wieder die Neigung anarchistischer Strömungen, eine Protestkultur ohne selbstorganisierte und inhaltliche Perspektive zu entwickeln. So konnte der phasenweise ungeordnete Widerstand mit Hilfe führender Medien und Parteien in geordnete Bahnen, vor allem bestehende Organisationen und die Neugründung attac gelenkt werden. Das beruhigte die Protestformen und nahm ihnen jeden inhaltlichen Ansatz von Befreiung und Herrschaftskritik. Die kurzzeitige Aufwallung von Widerstand mündete in die minimalreformistischste Organisation aller Zeiten - nämlich Attac, deren politisches Forderungsprogramm sich anfänglich auf die Einführung einer Devisenspekulationssteuer mit dem Ziel der Verlagerung der Geldflüsse von Spekulationen zu Investitionen (also z.B. Autobahnen, Rüstung, Atomkraftwerke, Flughäfen und Staudämme) reduzierte und erst allmählich, auch durch die aufgesogenen Massen, erweiterte.

Im deutschsprachigen Raum ist der Impuls der von Medien und Teilen des Protestspektrums selbst als Anti-Globalisierung und später Globalisierungskritik (zwei inhaltlich bereits anti-anarchistisch, weil auf Reregulierung und Stärkung der Nationalstaaten ausgerichtete Begriffe) bezeichneten Bewegungen für anarchistische Theorie und Praxis heute kaum noch spürbar. Verblieben sind Debatten und Praxisansätze eher unter individualistisch agierenden bis technikgeilen NutzerInnen des Internets und EntwicklerInnen offener Software. Aus ihren Kreisen kamen interessante theoretische Impulse zur Frage herrschaftsfreier Organisierung, von Keimzellen und selbstorganisierter, freier Gesellschaft. Leider verharrten diese vielmals in den Elfenbeintürmen intellektueller Theoriezirkel, Kongresse und virtueller Räume. Smarte Theorien von Keimzellen, die sie angeblich wie von selbst zur dominanten Struktur der Gesellschaft entwickelten, hielten die ohnehin oft mehr virtuell als praktisch denkenden AkteurInnen an ihren Rechnern, ohne recht zu merken, wie ihre Idee von der integrations- und vereinnahmungsstarken kapitalistisch-rechtsstaatlichen "großen Maschine" aufgesogen wurde - ein Prozess, der noch immer läuft (und folglich auch noch be- oder verhindert werden könnte).

Was also ist übrig an Theorie und Praxis der Anarchie im deutschsprachigen Raum? Was ist neu und was hat Wurzeln in vergangenen Jahre und Jahrzehnten?

Auch eine Form von Geschichte: Katastrophen und die Zeit nach ihnen

Aus Rebecca Solnit, "Aus der Hölle ein Paradies gebaut" in: "Anarchistische Welten" (2012, Nautilus in Hamburg)
Im unmittelbaren Gefolge eines Erdbebens, einer Bombardie¬rung oder eines verheerenden Sturms handeln die meisten Menschen altruistisch, kümmern sich intensiv um sich selbst und die anderen in ihrer Nähe, und zwar um Fremde ebenso wie um Nachbarn, Freunde und Angehörige. Das Bild vom selbstsüchtigen, panikerfüllten oder regressiven Wilden, zu dem der Mensch angeblich nach einer Katastrophe wird, ent¬spricht kaum der Realität. (S. 63)

Aus einem Interview mit Osvaldo Bayer " in: "Anarchistische Welten" (2012, Nautilus in Hamburg, S. 104f.)
Was waren die Gründe für die verschiedenen Fabrikbesetzungen nach dem Bankrott des Staates, und wie ist es den Arbeitern gelungen, die Produktionsstätten am Leben zu erhalten?
Im Rahmen der Reaktionen des Bürgertums auf die Krise der Wirtschaft und der Politik im Jahre 2002 gab es plötzlich eine Wiederaufnahme der anarchistischen Tradition: die sofortige Gründung von Volksversammlungen in den verschiedenen Wohngegenden. Ich habe an vielen teilgenommen, und es war bewunderungswürdig, wie die einfachen Menschen versuchten, städtische Probleme zu lösen und neue Strukturen innerhalb einer gescheiterten Politik zu schaffen. Am nachhaltigsten war nach der Schließung vieler Industriebetriebe und anderer Unternehmen die Übernahme der Fabriken durch die Arbeiter, die Kooperativen gründeten, um den Betrieb fortführen zu können. Es gibt bemerkenswerte Beispiele, wie manche Fabriken heute mehr herstellen als zu der Zeit, in der sie von Konsortien oder einem einzelnen Besitzer geleitet wurden, die heute billiger verkaufen und in denen Angestellte und Leitung das Gleiche verdienen.

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