Impressionen gegen den Knast
Teil 1: Einzelfall oder Alltag?

Aus "Etwas läuft grundsätzlich schief", in: FR, 21.11.2006 (S. 10)
Die Besucher hatten nichts Gutes im Sinn. Drei schwere Jungs nutzten den Umschluss und begaben sich im Jugendhaus des Kölner Gefängnisses auf die Zelle eines Mithäftlings. Zwei der ungebetenen Gästen standen Schmiere, der Dritte nahm sich den Zellenbewohner vor und vergewaltigte ihn. Die Szene wiederholte sich - an drei verschiedenen Tagen. Erst dann traute sich das eingeschüchterte Opfer einer Beamtin zu melden, was ihm da angetan worden war. Ähnliches geschah vor wenigen Tagen in der Düsseldorfer Justizvollzugsanstalt. Ein junger Straftäter missbrauchte dort seinen 19-jährigen Zellennachbarn. Im Klever Gefängnis wurde kürzlich erst eine Aufseherin mit dem Messer bedroht und stundenlang als Geisel festgehalten. Zwei Jugendliche schlugen vor noch gar nicht langer Zeit im Knast von Hövelhof einen Aufseher nieder. Während sich in der Haftanstalt von Werl vor einer Woche ein Häftling umbrachte - der zwölfte Selbstmord seit Anfang des Jahres in einem nordrhein-westfälischen Gefängnis.
Alltag hinter Gittern. Klaus Jünschke kennt viele solcher schlimmen Geschichten. ... Der Mord an einem 20-Jährigen im Siegbürger Gefängnis, den drei Mithäftlinge zwölf Stunden unbemerkt vom Personal misshandelten und anschließend töteten, hat ihn nicht überrascht. "Für alle, die mit wachen Augen beobachten, was im Strafvollzug läuft, lag eine solche Tat sozusagen in der Luft." Denn Vergewaltigungen, schwerste Schlägereien, Abzockerei, dies alles gehört zum Haftalltag. ...
Von den 7000 jungen Menschen, die bundesweit einsitzen, sind 95 Prozent junge Männer. "Das heißt, Kriminalität ist ein Männerphänomen. Es gibt aber so gut wie keine jungenorienteirte Pädadogik hinter Gefängnismauern, die sich mit den Männlichkeitsentwürfen dieser Jugendlichen befasst", sagt Jünschke. stattdessen werden die Jugendlichen, wie in Siegburg, in Haftanstalten verwahrt, die noch im Kaiserreich erbaut wurden. ...
Aber auch andere Vorwürfe werden seither laut. So von dem Siegburger Gefängnispfarrer Rudolf Hebeler, der kritisiert, dass die Jugendlichen an Wochenenden "in ihren Subkulturen allein gelassen" würden. Es reiche nicht, sie "wie Zootiere zu verwahren". ...
Rassismus und Sexismus, das erlebt Jünschke tagtäglich, nimmt in den Haftanstalten zu. ...
... Umfrage von Joachim Walter ... Leiter der Vollzugsanstalt Adelsheim. Der hatte kürzlich in einer Erhebung nachgewiesen, dass nur jeder vierte der in seinem Baden-Württembergischen Gefängnis einsitzenden Jugendlichen ein Tötungsdelikt, eine schwere Körperverletzung oder eine Straftat begangen hatte, bei der ein Schaden von über 2500 Euro angerichtet wurde. ...
... in Siegburg wird den Insassen am Wochenende morgens mit dem Frühstück das Abendessen in Plastiktüten gleich mitgereicht. Danach ist Zapfenstreich. Für 18 lange, lange Stunden. "Da sitzen die dann, nicht mal jeder hat einen Fernsehapparat oder ein Radio", weiß Jünschke. "Wir kacken ab", beschreiben die Jugendlichen den Zustand. Was dazu führt, dass Jünschke, wenn er denn den persönlichen Zustand zu einem Jugendlichen findet, "nicht mehr mit Gefährlichkeit im Knast konfrontiert ist, sondern mit Elend hinter Gittern".

Aus Komitee für Grundrechte und Demokratie (1990), "Wider die lebenslange Freiheitsstrafe" (S. 89)
Die Todesstrafe ist zwar abgeschafft, aber im Namen des Volkes lassen wir im Knast trotzdem 10x soviel Menschen Selbstmord begehen als draußen.

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