Aus Eppendorfer, Hans (1981): "Barmbeker Kuß ", Rororo in Reinbek (S. 5 und 8)
Wenn du als Besucher in den Knast kommst, siehst du das Geländer, du siehst die Gänge, du siehst die metallenen Türen, du siehst die Spione in der Tür, du siehst die Flaggen, du siehst die Etagenbetten. Toilette und Schemel und Tisch. Du siehst das mit dem herrlichen Gefühl: ich kann ja wieder raus. Eine Art Museum für dich. Da ist keine Metalltür, da ist kein Gitter davor, das dich hindert, wieder zurück an diese Sonne zu kommen, zurück in diesen Regentag oder was auch immer. Deine Freiheit ist hinter dir nicht zugeschlagen.
Wenn du da reinkommst als Gefangener, wie ich für zehn Jahre, gibst du deine Persönlichkeit stückweise ab. Unten in der Kammer.
Erst gehst du durch die Gänge, da schlagen schon die Türen hinter dir zu. Riesige Schlüssel bewegen sich in den Schlössern. Dieses fürchterliche Schlüsselgeräusch. Du hast vielleicht einen kleinen Sicherheitsschlüssel von deiner Wohnung in der Tasche. Aber das da sind alles gigantische, monumentale Schlüssel. Und dann kommst du die Stufen hoch, die Flure entlang. Von Gang zu Gang. Gittertür dazwischen. Aufschließen. Zuschluß. Dabei wirst du von einem Beamten zum nächsten weitergereicht. Bist nicht im Museum - das ist deine neue Wirklichkeit. Du kommst unten in der Kammer an - als Paket, und wirst ausgepackt und dann wieder neu eingepackt. Umfrisiert, umgestellt.
Deine Weichen werden gegen deinen Willen eingestellt. Das merkst du mit jedem Wäschestück, das du dem Kammerbullen gibst, eines nach dem anderen, bis du ganz nackt dastehst und überhaupt nichts mehr hast außer deinem Körper, deiner Haut und deiner Angst.
Du mußt dich auf eine Decke stellen, Wolldecke zwei mal zwei Meter. Du hast nun deine Privatkleidung auf dieser Decke abzulegen. Dann von dieser Decke auf eine zweite Decke, die etwas kleiner ist.
Deine Zivil-, deine Privatklamotten, die du aus der Freiheit mitgebracht hast, werden nun zusammengerafft zu einem Bündel und weggetragen. Du stehst nun auf der zweiten Decke, vor diesen fürchterlichen Anstaltsklamotten, nackt und ungeheuer allein. In diesem Moment hast du im Grunde genommen deine ganze Eigenständigkeit, dein Privatleben abgegeben. Total abgegeben. Es ist nur noch die Hülle da. Dieses Gefühl ist irritierend. Wie eine Languste, die aus ihrer Haut rauskriecht und in eine neue hineinschlüpft. Reinschlüpfen muß. Bist benommen von dieser Entstofflichung, daß dir eigentlich überhaupt nichts mehr bleibt. Nicht einmal eine Nagelfeile, nicht einmal der altvertraute Kugelschreiber. Nichts. Nichts. Einfach nichts.
Alles, was du besitzt, bist du selbst.
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