Bericht aus 2 Tagen Knast in Gießen
Am 14. Mai 2002 wurde ich bei einer Aktion
gegen das Atomforum verhaftet ( Berichte: http://www.projektwerkstatt.de/hoppetosse/af02
) und für 8 Tage zur Hauptverhandlungshaft in den Knast Stammheim gesteckt.
Der anschließende Prozeß ergab eine Verurteilung zu 30 Tagessätzen
( Knast- und Prozeßbericht unter http://www.projektwerkstatt.de/antipression/knast_stuttgart.html
). Am 16.8. wurde ich erneut und ohne Vorankündigung verhaftet und verbrachte
24 Stunden im Gießener Knast – eine lächerliche Zeit gegenüber
den Strafen derer, die ich dort traf*. Aber doch genug, um neue Eindrücke
von dem Teil dieser Demokratie zu sammeln, an dem Herrschaft am vollständigsten
umgesetzt ist.
„Zahlen Sie bitte den vorstehend berechneten Betrag binnen zwei Wochen nach
Empfang dieser Rechnung ein. Andernfalls wird er zwangsweise beigetrieben
werden. Bleiben die Zwangsvollstreckungsmaßnahmen erfolglos, so kann
hinsichtlich der Geldstrafe die Ersatzfreiheitsstrafe vollstreckt werden“,
stand in der Kostenrechnung der Staatsanwaltschaft Stuttgart. Entsprechend
erwartete ich ein Mahnverfahren – zumindest aber eine Aufforderung zum Haftantritt.
Nicht dergleichen geschah. Am Freitag, den 16.8.2002 rücken sechs Polizeibeamtis*
teilweise in schußsicheren Westen auf den Hof der Projektwerkstatt
– ca. 40min zu der Abfahrt zur Jubelparade vor der Bergkaserne, wo Politprominenz
40 Jahre Bundeswehr in Gießen bzw. Mord und Totschlag abfeiern wollten.
Ob der Zeitpunkt Zufall war, sei dahingestellt. Die Polizei kam ohne Vorankündigung,
es gab weder eine Mahnung noch einen Versuch der Zwangsvollstreckung. Die
Bullen fragten, ob ich das Geld zahlen könne und als ich verneinte,
klickten die Handschellen und fertig.
Das Ganze war schade und es besteht Einigkeit, diese Situation zu trainieren,
um mit symbolischen Widerstand Herrschaft besser thematisieren zu können
– denn solche Verhaftungen laufen ja öffentlich ab. Denkbar wäre
z.B. ein Schild „Hier endet der demokratische Sektor ... und es beginnt die
Selbstbestimmung“, das behandeln der Bullen als fremde, widerlich organisierte
Macht bis hin zu „Gefechten“ mit Wasserspritzpistolen, Blockaden des Bullenautos
usw.
Fahrt und „Einchecken“ im Knast
Spektakulär ist weder eine Fahrt im Bullenauto noch die erste Phase
im Knast. Ich verweigerte jegliche freiwillige Handlung. Zwar hatte ich keinen
Bock, durch die Gegend geschleift zu werden, aber ich ließ mich hochziehen,
schieben usw. Ich wurde mehrfach angesprochen, daß das doch auch für
mich unangenehmer sei und antwortete darauf, daß es mir wichtig sei,
daß sie merken würden, daß hier Herrschaft ausgeübt
würde und ich keine Lust hätte, daß alles am Ende noch wie
freiwillig aussähe. Im Bullenauto entspann sich eine Debatte über
Herrschaft und vor allem den Sinn und Unsinn von Strafe, Knast und Justiz
(„Was soll denn mit Vergewaltigern passieren?“ und ähnlich Fragen stellten
die Bullen – also wie bei linken Veranstaltungen auch). Bei der Übergabe
in der Knast-Eingangssschleuse kamen dann zwar Knastwärter und schubsten
mich mit den Worten „Hier geht es aber anders ab“ die Treppe hoch, durch
einen Gang mit Zellen zunächst in einen Warteraum: „Da kann er sich
dran gewöhnen, wie es hier abgeht“. Kurze Zeit später in den Aufnahmeraum:
Ausziehen, Anstaltskleidung anziehen, Unterschriften dafür, daß
mir alles weggenommen wurde (natürlich verweigert) und dann in Zelle
2 im Erdgeschoß.
Spannend war auch noch die Anrede bei einer Anmache eines Knastbeamten. Die
hieß „Herr Bürgermeister“. Damit spielte er offenbar darauf an,
daß ich 1995 bei der Direktwahl des Bürgermeistis mitkandidierte
mit der Ankündigung, den Posten dann abschaffen zu wollen (selbst die
Grünen, die keinen eigenen Kandidati hatten, distanzierten sich damals
öffentlich von mir :-). Interessant daran ist, daß ja diese bürgerlichen
Kreise uns immer wieder vorhalten: „Macht doch mit statt immer nur zu nörgeln“.
Wenn mensch es dann tut, finden sie es auch scheiße ... (hat sie ja
damals auch gut geärgert ... das Parlament hat nach der Wahl eine öffentliche
Distanzierung von mir als Kandidati gemacht, weil ich das Parlament beleidigt
hätte usw.).
Die „Wohn“situation im Knast
Diese Zellen gab es noch nicht, als ich vor fünf Jahren schon mal in
Gießen im Knast gab. Der Knast ist total überfüllt. So wurden
bisherige Warteräume usw. in Zellen verwandelt. „Meine“ Zelle war 4,50m
x 2,50m groß. Darin waren Klo und Waschbecken, ein kleiner Tisch, drei
Schränke (für den notwendigen vierten gab es keinen Platz mehr)
und zwei Etagenbetten. Vier Menschen waren auf der Zelle. Daß alle
gleichzeitig auf dem Boden standen, war nicht möglich, so verbrachte
ich fast die ganze Zeit auf dem Bett – die anderen auch.
Einmal am Tag gab es eine Stunde Hofgang ... mehr habe ich in der kurzen
Zeit nicht mitbekommen. Die Zeiten wie in Stammheim: 5.30 Uhr Wecken, 6 Uhr
Frühstück, vor 12 schon Mittag. Am Samstag gab es das Abendessen
auch schon vor 12 Uhr. Kein vegetarisches Essen!
Die Lage der Eingeknasteten
Knastaufenthalt (kann ich nur empfehlen, das mal erlebt zu haben!) ist aus
mindestens zwei Gründen interessant. Zum einen das Erleben dieser zugespitzten
Herrschaftssituation, der ständigen Kontrolle, der unglaublichen Langeweile,
der zermürbenden Monotonie, der dadurch bei den Menschen entstehenden
Bedürfnislosigkeit (statt Widerständigkeit), das Verhalten der
Beamtis usw.
Zweitens sind die Gespräche mit den „Knackis“ (Eigenbezeichnung der
Gefangenen) hochinteressant. Wegen der kurzen Zeit hatte ich nur zwei intensive
Unterhaltungen – einmal in der Zelle, zum anderen beim Hofgang Samstagmorgen.
In der Zelle brandete eine lange und intensive Debatte um Anarchie und Herrschaft
auf. Einstieg war das kurze Anfangsgespräch, wer warum drin ist usw.
– Kennenlernrunde im Knast. Vor allem einer der drei anderen stieg dann gleich
intensiv ein, immer wieder „das System“ verteidigend. Ich fand das kraß:
Da sitzt einer in einer Scheißzelle, flucht ständig darüber,
muß noch zwei Jahre drin bleiben und findet das System, was das alles
verbockt hat, gut. Redet über die bösen Menschen, die sich alle
umbringen würden ohne Knast usw. Es war eine lange und hitzige Debatte,
die auch immer wieder aufflammte anhand von irgendwelchen Vorgängen.
Zum Beispiel wegen der einzigen Zeitung, die im Zimmer war: Eine alte Ausgabe
der „Praline“ (widerliches Sex-Magazin). Also blätterten die anderen
da ab und zu drin (wirkte so, als wenn sie das zum x-ten Mal taten) und kommentierten
einiges. So entspannen sich Debatten über Sexismus, Reduzierung auf
Körperlichkeit usw. (z.B. als einer mich fragte, ob ich mehr auf Blondinen,
Brünette ... stehe und ich antwortete: „Kommt auch noch eine interessante
Frage?“ ... „Warum?“ ... „Ja, das waren alles Haarfarben – Menschen sind
irgendwie mehr als Haarfarbe“ usw.).
Auf dem Hof suchte ich Kontakt zu Menschen, die abgeschoben werden sollten – auch wegen dem antirassistischen Aktionstag am 14.9. in Gießen, der
zu diesem Knast führen soll. Es waren zur Zeit vier Gefangene da, die
abgeschoben werden sollen. Sie verbüßen in Gießen ihre Haft
und fliegen dann raus aus Deutschland seitens des demokratischen Regimes.
Leider war direkte Kommunikation wegen Sprachproblemen nicht möglich
(es war nur einer der vier auf meinem Hofgang dabei – es dürfen nie
alle zur gleichen Zeit auf den Hof). Ich redete mit Deutschen, die zwar ein
paar Infos gaben, aber gleich ein paar rassistische Sprüche hinterherhängten
(„es gibt genug Arme in Deutschland“ usw.). Das gab dann gleich Debatten,
aber eher oberflächlich bei diesen Kurzkontakten.
Ein Zellenkollege war im Knast, weil er vor einigen Jahren 2/3 seiner Strafe
abgesessen hatten und dann das letzte Drittel erlassen bekam mit der Auflage,
sich in die Türkei abschieben zu lassen. Als er Jahre später nach
Deutschland zurückkam, mußte er nun noch die Reststrafe absitzen.
Viel mehr habe ich nicht zu berichten. Diesmal konnte ich nur wenig erfahren über Knast und das, was hinter den Mauern abgeht, wo auch viele Linke
immer wieder Menschen hinwünschen (Nazis, Vergewaltiger usw.). Das alles
zeugt von totaler Ahnungslosigkeit, wie Knast wirkt, sozial zerstört
und zurichtet. Und von fehlender Herrschaftsanalyse. Wer mit Herrschaft Probleme
löst, wie mehr Herrschaft schaffen. Und damit den Hauptgrund für
die Probleme, die gelöst werden sollten. Knast ist dabei nur der krasseste
Fall. Der Ruf nach einem Internationalen Gerichtshof (von gaaaaaaanz vielen
politischen Gruppen erhoben) ist dem sehr nahe. Und der Ruf nach Ökosteuern,
Schutzgebieten, Tobin Tax oder mehr Polizeikontrollen bei Nazis ist auch
nicht weit weg – immer geht es um mehr Herrschaft, mehr Zwang, mehr Kontrolle,
mehr Staat. Und damit mehr von der Scheiße!
Nach dem Ende meines Knastaufenthaltes fand in der Gießener Innenstadt
eine kreative Aktion gegen Knäste statt (Bericht wird erstellt und kann
erfragt werden).
*Anmerkungen:
- Bei meinem letzten Bericht nach der U-Haft in Stammheim
wurde ich kritisiert, einen solchen Bericht zu schreiben, sei arrogant, weil
andere viel länger im Knast seien, und nicht über sich schreiben.
Auch wenn klar ist, daß hinter solchen Bemerkungen dominanzorientierte
linke Kreise stecken, die mich als Person und meine Herrschaftskritik auch
an linken Strukturen scheiße finden, möchte ich diese Position
auch politisch kritisieren. Berichte über Repression dienen der Offenlegung
von Herrschaftsverhältnissen und nicht sind daher zunächst unabhängig
von den jeweiligen Personen, die davon betroffen sind. Repression ist wie
jeder Vorgang machtförmiger Gewaltanwendung Schuld der sie ausübenden
Personen oder Institutionen! Das anzugreifen, ist immer richtig. Und zum
Knast zu schweigen, weil andere noch drin sind, ist absurd. Es würde
die fatale politische Bewertung des Systems Knast und seiner Rolle in der
Gesellschaft nur festigen. Auch in den meisten linken Gruppen gibt es keine
oder extrem gruselige Vorstellungen von Knast und dessen Notwendigkeit als
Strafinstanz.
- Die Endung „-i“ bzw. in der Mehrzahl „-is“ ist der
Versuch, eine geschlechtsneutrale Sprache zu finden, d.h. Sprache auch als
Aktionsform zu nutzen. Ob gerade diese Form besonders schlau ist, mag ich
nicht zu beurteilen. Mit Entsetzen habe ich jedoch die Reaktionen aus linken
Gruppen (z.B. Infoladen Wien) zur Kenntnis genommen, die bereits den Versuch
sprachlicher Geschlechterkonstruktion ins Lächerliche zogen. Und das
offenbar in ihren Kreisen auch auf kumpelhaft-mackrige Zustimmung stieß.
- Ich verzichte auf einige Details des Knastalltags,
weil diese identisch sind mit den Abläufen im Knast Stammheim, den ich
ja sehr genau zu beschreiben versuchte (siehe http://www.projektwerkstatt.de/antirepression/knast_stuttgart.html).
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