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Das Wendland
Das Wendland ist geprägt durch die Atomanlagen in Gorleben und dem damit
zusammenhängenden Widerstand. Wenn man hier aufwächst, kann es
passieren, dass der Widerstand zu Bruder oder Schwester wird. Die ersten
Schritte macht mancher auf Demos. Anfangs ist alles noch ganz aufregend und
unbekümmert. Der Castor jedoch schon ein undefinierbares Etwas. Ein
Monster? - auf jeden Fall unheimlich und gefährlich. Die Unbekümmertheit
verschwindet mit der Zeit und wird ersetzt durch ein ohnmächtiges Klarsehen
und Unverständnis. Jetzt geh ich auf Demonstrationen, seitdem ich laufen
kann. Die Beine sind länger geworden. Das Vertauen in den Staat immer
kleiner - konnte sich in dieser Hinsicht auch gar nicht erst entwickeln.
Mit drei Jahren bekam ich, wenn auch unwissentlich, direkten Bezug zum Thema
Kernenergie. 1987 der Größte Anzunehmende Unfall in einem Reaktor
in - Tschernobyl! Verstrahlte und verseuchte Landstriche. Es sind Krankheit
und Tod, die diese Gebiete bis heute noch zeichnen. Auch wenn ich damals
die vernichtende, gewaltige Macht, dieser allzu fortschrittlichen Art der
Energiegewinnung, nicht wirklich nachvollziehen konnte, merkte ich mir jedoch
genau, dass jede Regenwolke die bei uns, tausende von Kilometern entfernt,
herunterkam „vergiftet“ sein konnte. D.h.: nicht im Sandkasten spielen, kein
Obst oder Gemüse aus dem Garten essen - aufgrund der starken Strahlen-Belastung.
Auch mein kleiner Bruder, damals noch ungeboren, war schon bedroht, bevor
er überhaupt das - zu dieser Zeit „strahlende“ Licht der Welt erblickt
hatte. Erst heute sind mir die Ausmaße des Unglücks bewußt.
Bilder von mißgebildeten Kindern, die wie ich hätten aufwachsen
können, beweisen, erschrecken und sind Mahnmal dieser Katastrophe.
Immer wieder gibt es Meldungen in den Medien von Störfällen in
hiesigen AKWs. Meldungen, die so kurz sind, daß sie kaum Beachtung
finden. Immer wieder stört das Thema Gorleben unseren Alltag.
Kinder und Jugendliche im Wendland haben wahrscheinlich mehr Polizei, BGS-Beamte,
Wasserwerfer und Natodraht gesehen und erlebt als mancher Erwachsene anderswo.
Die Dimension des Transports
Wenn man seiner Grundrechte, besonders die der Meinungsfreiheit enthoben
wird, d.h. Demonstrationen verboten und brutal zerstreut werden, wenn mit
sogenannten „geeigneten Mitteln“ auf Menschen los gegangen wird, wo bleibt
da die Möglichkeit dieses Recht ausüben zu können? Wo bleibt
da die Demokratie, die Gerechtigkeit?! Wenn Bahnübergänge stärker
bewacht werden als Prominente oder Geldtransporte. Wenn Telefone abgehört
werden. Wenn man Passierscheine beantragen muss, um seine Kinder von der
Schule abholen zu können. Wenn Kinder auf dem Weg zur Schule von
Polizeibeamten durchsucht oder verfolgt werden und und und.... Das
ist der totale Ausnahmezustand. Wie soll man da ein gesundes Verhältnis
zum Staat entwickeln?
Die im Grundgesetz festgelegten Grundrechte wenden sich an alle drei Staatsgewalten.
Wie war das mit der Meinungsfreiheit, der Versammlungsfreiheit, der Menschenwürde?!!?
1998 der Kontaminations-Skandal
Es ist nicht von ungefähr daß die amerikanische Atomaufsichtsbehörde
schon vor Jahren an die inländischen Kernkraftwerke eine Warnung mit
dem Hinweis auf das „Weeping-Phänomen“ herausgegeben hat, wobei die
Kontamination (feinster radioaktiver Staub) beim Beladen an den Behältern
haften bleibt und über die Atemwege eingenommen und zu schwersten Krankheiten
führen kann. (wissenschaftlich nicht erklärbar)
Endlich wurden auch in Deutschland Messungen durchgeführt, die nach
jahrelanger Informationszurückhaltung auch an die Öffentlichkeit
gelangten. Die Messungen ergaben Kontaminationswerte bis über
das 2000fache oberhalb des gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwertes. Diese
wurden seit mehr als zwei Jahrzehnten bei Transporten überschritten.
Die damalige Bundesumweltministerin Frau Dr. Merkel stoppte daraufhin die
Transporte der abgebrannten Brennelemente. Alles andere hätte sie ihren
Ministerposten gekostet. Die eigentlichen Verantwortlichen kamen konsequenzenlos
davon.
Seit 2001 rollen sie wieder.
Solange die Sicherheit der AKWs und der Transporte nicht gewährleistet
und nicht geklärt sind, ist der sogenannte Atomkonsens meiner Meinung
nach nicht praktizierbar.
Wenn von besagtem sogenannten Konsens gesprochen wird und man lesen muss,
dass einige AKWs wie Lingen; Grohnde oder Brokdorf noch an die zwei Jahrzehnte
am Netz bleiben werden und allein diese drei Werke bis dahin zusammen noch
insgesamt 1780t Radioaktivmüll produzieren und dieser wiederum im Ausland
vervielfältigt wird, macht mir das Angst. Angst auch um die Zukunft
der nachfolgenden Generationen.
In wie weit kann von einem Ausstieg die Rede sein, wenn der Staat um
seine Beschlüsse durchzusetzen, sich nicht anders zu „wehren“ oder reagieren
weiß als mit Gewalt. Wie soll da Vertrauen in denselben entwickelt
werden?! Bilder und Berichte im Fernsehen oder in der Zeitung zeugen
von regelrechten Schlachten (ich erinnere an die X-tausendmalquerblokade
in Splietau 1997) Sobald man versucht sich vor den eingesetzten sogenannten „geeigneten Mitteln“ d.h.Wasserwerfern, Schlagstöcken, „sogenannter
einfacher körperlicher Gewalt“ und mittlerweile sogar vor Pferden und
abgedrehten Hunden zu schützen, verstößt man gegen das Vermummungsgesetz.
Sobald das Halstuch oder der Schal zu hoch rutscht und die Mütze zu
tief in die Augen.... Verstoß nach Paragraph... sowieso. Hier
tritt Angst auf. Angst die zu Wut wird und zu dem Verlangen aufzuschreien
gegen diese Ungerechtigkeit. Es ist doch Wahnsinn, wenn ein Beschluß „unserer“ Regierung gegen den Willen eines nicht zu übersehenden Teils
der Bevölkerung mit solchen „geeigneten“ Mitteln“ durchgesetzt werden
muß!
Nach all den vielen Demonstrationen und mit meinem Wissen im Hinterkopf reichte
mir weder die Resonanz in der Bevölkerung noch die in der Politik.
Das mitleidige Lächeln über die Spinner im Wendland, eine Reaktion
auf den Widerstand gegen die Atommüllindustrie, wollte ich aus den Gesichtern
löschen.
Um aufzurütteln, sah ICH MICH „geeignet“ für diese gewaltfreie,
aber bewußt auffallende Art des Protestes. Um darauf aufmerksam zu
machen, daß gerade dieser Transport im März 2001 ein Beginn war
für eine Flut von Transporten in die WAAs in Sellafield und La Hague
und somit auch nach Gorleben. Fast im Zwei-Wochen-Takt starteten Transporte
zur Wiederaufarbeitung ins Ausland. Die Antwort blieb nicht aus, siehe
Gorleben-Transport im November 2001. Und solange es keine endgültige
Lösung für die Endlagerung gibt, ist es unverantwortlich, daß
trotz der Unsicherheit der Gorlebener Hallen weiter mit dem Atommüll
gehandelt wird wie mit Lebensmitteln. Import - Export. Und auch jetzt
steht uns wieder ein Teil des sogenannten Konsens bevor.
Ein weiterer Grund für diese Form des Protestes war das Bedürfnis
dem Bild meiner angepaßten Generation etwas entgegenzusetzen. Es machte
mich nachdenklich und wütend zugleich als ich merkte, daß dieses
Bild in großen Teilen der Wahrheit entsprach. Um zu zeigen, dass es
Jugendliche gibt, die ihren eigenen Kopf haben und sich für oder gegen
etwas einsetzen und stark machen können.
Stellvertretend für diejenigen, die wie ich, diesem Wahn der Atommafia
ein Ende setzen wollen, habe ich mich auf eben diese Art im Widerstand eingebracht.
Ich denke, daß solidarische Briefe von Gleichaltrigen, Beweis dafür
sind, dass ich das, wenn auch nur zu einem kleinen Teil, erreicht habe.
Wie soll jemand, der im Wendland aufwächst, sich rund um die X-Tage
in einem Loch verkriechen und Blinde Kuh spielen?
Das Letzte was ich oder wir vorhatten, war jemandem Schaden zuzufügen
oder Gesetzte zu brechen. -Meine Freunde und ich haben uns für eine
Sache eingesetzt, nämlich den gewaltfreien Widerstand. Nationale und
internationale Solidaritätsbekundungen bestärkten uns in unserem
Handeln. Als Aufruf und Protest zugleich habe ich unsere Art des Widerstandes
gesehen. Als Appell an das Bewußtsein aller, die bis jetzt die Augen
zu gemacht und die drei Affen gespielt haben (nix hören, nix sehen,
nix sagen).
Die Staatsgewalt hat ihre „geeigneten Mittel“ - Wir auch!
Dies alles kann vielleicht deutlich machen, daß ich kein Mittel zum
Zweck gewesen bin, sondern aus reiner Überzeugung gehandelt habe. Ich
bitte Sie mir hieraus keine Mutwilligkeit zu drehen, wobei die Aktionsform
dies auch nicht zugelassen hätte. Sondern als ein Ankratzen an alte
Ideale und als ein Aufruf zum Umdenken.
Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit!
Marie
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