Biotopschutz: Einführung
Biotopschutz und Landschaftsplanung dürfen sich nicht an den Zufälligkeiten vorhandener Straßen, Restflächen oder Nutzungsgrenzen orientieren. Schutzmaßnahmen für Tiere und Pflanzen sowie für die Lebensgrundlagen Boden, Wasser und Luft müssen an den für die jeweilige Landschafttypischen Bedingungen ausgerichtet sein.
Wanderungen von Tierarten, Ausbreitungsbewegungen und Dynamik in Populationen, Kaltluftströme oder Grund- bzw. Oberflächenwasserbewegungen laufen nach festen Gesetzmäßigkeiten, dh ökologischen Regeln, ab. Sie müssen bekannt sein und für jede Landschaft bzw jeden zu schützenden oder neu zu schaffenden Lebensraum und seine Umgebung planerisch erarbeitet und festgelegt werden.
Die Zeiten, in denen Naturschutzmaßnahmen den menschlichen Einflüssen durch historisch gewachsene oder willkürlich geschaffene Grenzen, Flächenverteilungen sowie ständigen Veränderungen unterworfen waren, müssen dringend beendet werden. In kaum einem Bereich des Natur- und Umweltschutzes sind ökologische Planungen so notwendig wie im Biotop- und Landschaftsschutz. Bislang erschöpften sich die meisten Aktivitäten in zusammenhangslosen Einzelmaßnahmen, deren Wirkung entsprechend gering blieb.
Diese Internetseiten stellen die landschaftlichen Bedingungen für den Schutz der Arten und Lebensräume dar. Sie müssen in jedem Raum von neuem erfaßt und allen Handlungen zugrundegelegt werden. Jede Landschaft hat ihre besonderen Eigenarten, kein Lebensraum gleicht dem anderen, aber immer finden sich Gesetzmäßigkeiten und bestimmte Nachbarschaften von Lebensräumen, so daß sich allgemein gültige Schutzstrategien entwerfen lassen.
Die Einführung in die ökologischen Grundlagen schafft Verständnis für die erforderliche Neuorientierung im Naturschutz. Sie kann jedoch niemals das Aneignen detaillierteren Wissens ersetzen, wenn Biotopschutzkonzepte entwickelt werden sollen. Wer aber die Forderung stellt, daß Pläne erarbeitet oder Aufträge für eine Erarbeitung vergeben werden oder in Verwaltung bzw Politik die Rahmenbedingungen des Naturschutzes diskutiert, benötigt allein das Grundwissen der folgenden Kapitel.
Natur als Planungsgegenstand
Biotopschutz und Landschaftsplanung haben zum Ziel, den heimischen Bestand an Tieren und Pflanzen sowie die Eigenart und Schönheit von Natur und Landschaft zu bewahren oder neu zu entwickeln. So ergibt sich die Zielrichtung aus dem Naturschutzgesetz und dessen in allen Bundesländern ungeändert geltenden beiden Paragraphen zu Beginn. Die Begriffe Natur bzw Landschaft werden sehr unterschiedlich gebraucht und unterscheiden sichauch tatsächlich.
Landschaft ist ein aus einem bestimmten Blickwinkel eingeteiltes Stück des gesamten Landes unabhängig von seinem jeweiligen Zustand. Der Blickwinkel kann optisch sein, dh ein Bereich, der dem Auge eine Einheit bietet, wird als Landschaft beschrieben (zB ein Höhenzug, ein Tal, der Bereich zwischen zwei Siedlungen). Zudem ergeben sich andere Betrachtungsmöglichkeiten, die zu abweichenden Grenzziehungen führen.
Für Biotopschutz und Landschaftsplanung ist eine Abgrenzung verschiedener Landschaften bzw Landschaftsräume nach dort prägenden Landschaftsfaktoren (vor allem Wasser, Boden und Kleinklima) wichtig, da für diese Räume jeweils einheitliche Schutz- und Entwicklungsziele festlegbar sind.
Natur ist dagegen weit schwieriger zu beschreiben. Zudem wird dieser Begriff oft mißbraucht und taucht als Umschreibung für vieles auf, was nicht der wirklichen Bedeutung entspricht.
Beispiele für den Natur-Etikettenschwindel:
- Viele Aktionen zum Schutz der Natur entsprechen mehr dem optischen Empfinden, zB wird die Farbe grün oder ein Baum der Natur gleichgesetzt. Tatsächlich werden viel entscheidendere Gesichtspunkte wie Standort, Struktur, Dynamik und Verbund vergessen.
- Der Schutz von Natur bezeichnet oft eine statische Konservierung, dh den Erhalt eines bestimmten Zustandes, oftmals mit technisch erheblichem Aufwand. Natur aber ist dynamisch.
- Umfassender "Etikettenschwindel" wird mit dem Wort Natur (und ähnlichen Begriffen wie Ökologie, Bio-... usw, die sich unterscheiden, aber immer wieder in ähnlicher Weise mißbraucht werden) betrieben. Die oft merkwürdig hergeleiteten Produktbeschreibungen zeigen aber nur Unwissen oder unlautere Absichten derjenigen, die den Begriff Natur als Etikett verwenden.
Grundsätzlich hat der Begriff Natur eine sehr eindeutige Bedeutung. Er bezeichnet alles, was frei ist von menschlich-technischem Einfluß. Menschliches Wirken wird dabei nur soweit mit einbezogen, wie dieses aus einer vollen Integration in natürliche Prozesse erfolgt, dh in der Lebensweise des Jägers und Sammlers. "Natürlich" sind danach alle Stoffe, Landschaften und Lebensräume, Prozesse und Kreisläufe, die ohne menschlich-technische Beeinflussung vorhanden sind.

Pervertierter Begriff von "freier Natur": Golf (HZ aktuell 28.2.2008, S. 1)
Dieser Begriff von Natur ist allerdings rein theoretisch, da durch die umfassende Beeinflussung der gesamten Erde natürliche Bereiche der obigen Begriffsdefinition nicht mehr vorkommen. So ist zB die Luftbelastung überall gegenwärtig. Daher sind für den konkreten Naturschutz zwei weitere Begriffe wichtiger.
- Naturgemäß
Dieser Begriff bezeichnet einen Prozeß, eine Situation oder einen Stoff, der der natürlichen Situation entspricht. Dabei kann immer nur ein Teil der Landschaft gemeint sein, da eine völlig unbeeinflußte Form nirgends mehr vorkommt. Der Begriff kann in Zusammenhang mit verschiedenen Inhalten benutzt werden und sagt dann aus, daßdieser spezifische Inhalt auch unter ganz natürlichen Verhältnissenso ausgeprägt wäre, jedoch andere Bereiche verändert sind. So kann es eine naturgemäße Struktur eines Waldes geben, aber zB der typische Verbund oder die typische Dynamik existieren nicht mehr. Auch in genutzten Flächen können etliche Faktoren noch immer naturgemäß wirken, zB eine Überschwemmungsdynamik oder der typische Standort. - Weitestgehend naturnah
Dieser Begriff beschreibt einen Prozeß,eine Situation, einen Stoff oder auch die Gesamtheit einer Landschaft, die nicht mehr den natürlichen Bedingungen entspricht, aber diesen möglichst ähnlich ist. Gradmesser des Möglichen ist dabei die theoretische Machbarkeit insgesamt bzw unter definierten Umständen. So ist das weitestgehend naturnahe Hochmoor eine Fläche, aus der alle Störungen und früheren Veränderungen herausgenommen wurden, Entwässerungen auch in der Umgebung nicht mehr stattfinden, usw (denn all das ist machbar). Allerdings wird der ursprüngliche Zustand niemehr ganz erreicht werden können. Eine definierte Einschränkung liegt vor bei dem Begriff der weitestgehend naturnahen Nutzung, da hier die jeweilige Nutzung (zB Land- oder Forstwirtschaft, Erholung) eingeschlossen wird. Sie ist jedoch so angelegt, daß sie möglichst weitgehend die typischen Strukturen, Standortbedingungen, dynamischen Prozesse und den Verbund erhält.
Biotopschutz und Landschaftsplanung haben zum Ziel, eine möglichst naturnahe Form der Landschaft zu schützen bzw wieder zu entwickeln. Die definierte Einschränkung erfolgt durch die Nutzungsansprüche für Land- und Forstwirtschaft, Sport und Erholung, Wohnen usw, jedoch sind auch für diese die weitestgehend naturnahen Formen vorzugeben. Möglichst viele der die landschaftliche Prägung ausmachenden Faktoren sollten in naturgemäßer oder möglichst naturnaher Form vorhanden sein.
Diese Faktoren werden auf den folgenden Seiten beschrieben:
- Standortbedingungen
- Biotopverbund
- Strukturen und Dynamik
Die Seiten zum Biotopschutz
- Natur als Planungsgegenstand (siehe oben)
- Einführung in ökologische Grundlagen
- Übersicht über Seiten und Links
Tipps zum Aktivwerden
- Praktische Tipps zur Vorgehensweise: Hinweise zum eigenverantwortlichen Start in den aktiven Biotopschutz
- Liste geeigneter Gehölzarten: Infos zur Neuanschaffung von Hecken und Straeuchern unter Berücksichtigung jeweiliger Biotope
- Landschaft und Planung: Wege zum ökologischen Gesamtkonzept zB in Form eines Naturschutzprogramms
- Biotopschutz im Einzelnen: Erforderliche Massnahmen im Rahmen des Biotop- und Naturschutzes
- Naturschutz auf Kreis- und Landesebene und Gemeindeebene: Hilfen und Informationen zum erfolgreichen Naturschutz in den verschiedenen politischen Ebenen. Zur konkreten politischen Arbeit haben wir auch einige Musteranträge zusammengestellt.
Kommentare und Nachdenkseiten
- Denkstück zum Thema Naturschutz und Jagd: Kommentar über das unsinnige Herumbasteln an der Natur anhand von Beispielen
- Naturschutz von oben ++ Naturschutz von unten
Links
- Umweltschutz von unten - die Internetseiten zur Debatte um Ökologie und Emanzipation
- Downloads zum Arten- und Biotopschutz (Schriften, Kartierungsbögen und mehr)
- Kritik der Agro-Gentechnik
- Filz zwischen UmweltschützerInnen, Staat, Wirtschaft und rechten Gruppen
Lesestoff
Biotopschutz in der Praxis
Im Juni 2011 ist ein neues Buch bei Wiley-VCH erschienen:
Bergstedt, Jörg
Biotopschutz in der Praxis: Grundlagen - Planung - Handlungsmöglichkeiten
1. Auflage - Juni 2011 ++ 44,90 Euro ++ 2011, 380 Seiten, Softcover, 20 Farbbilder
ISBN-13: 978-3-527-32688-4 ++ Wiley-VCH, Weinheim ++ Werbeflyer
Kurzbeschreibung
Alles was man zum Schutz und bei der Neuanlage von Biotopen wissen muss: Ökologische Grundlagen, konkrete Schutzmaßnahmen und Fördermöglichkeiten für die 30 wichtigsten Lebensräume. Mit Arbeitsmaterialien zum freien Download - nämlich hier auf diesen Seiten!
Bergstedt, Jörg (1990): Handbuch Angewandter Biotopschutz
Als umfassende Arbeitshilfe für den Biotopschutz ist das "Handbuch Angewandter Biotopschutz" aus dem Ecomed-Verlag zu empfehlen. In den den drei Bänden werden ökologische und rechtliche Rahmenbedingungen genauso beschrieben wie planerische Methoden, konkrete Tipps für jeden Biotoptyp usw.
Autor: Jörg Bergstedt, Institut für Ökologie
Ca. 2000 Seiten, Loseblattwerk. Fortgeführt bis Ende 2006. Vergriffen, aber in vielen Bibliotheken zu finden.
Bergstedt, Jörg (1988): Werkbuch Biotopschutz
Kompakte Einführung, konzipiert für die Arbeit von Naturschutzgruppen vor Ort und der Jugendarbeit im Umweltschutz. Vergriffen.
- Download des Buches (PDF der gescanten Seiten)
Aktionsmappe Umwelt
Leitfaden für Bürgerinitiativen, Umweltgruppen usw. Tipps für Aktionen, Finanzbeschaffung, Pressearbeit, kommunalpolitische Forderungen usw. Dicker A4-Ordner. ISBN 978-3-86747-002-5
- Download der "Aktionsmappe Umwelt" (PDF der gescanten Seiten)
- Bestellseite auf www.aktionsversand.de.vu
Bergstedt, Jörg (1984): Handbuch des Biotopschutzes
"Urfassung" der Arbeitshilfen zum Biotopschutz, geschrieben als Arbeitshilfe für den praktischen Biotopschutz vor Ort. Vergriffen, damals im Selbstverlag gedruckt.
- Download "Handbuch des Biotopschutzes" (PDF der gescanten Seiten) ++ Buchvorstellungen zum Thema
