Zur Gewaltfrage
Über Gewalt ++ Gute Bombenattentäter: 20. Juni 1944 ++ Pro&Contra ++ Medien ++ Ursachen ++ Links
Ein Text im Buch "Anarchie. Träume, Kampf und Krampf im deutschen Anarchismus" (Gliederung)
Ex-CDU-Generalsekretär Heiner Geißler nach seinem Attac-Beitritt, Juni 2007
Wenn mich einer anfasst, dann schlage ich zurück - und wenn es ein Polizist ist, dann schlage ich zurück. Wenn ich demonstriere, dann übe ich ein Grundrecht aus, dann lasse ich mich nicht anfassen, von niemandem.
Geißler, der Superschlichter von Stuttgart, CDU-Mitglied und erkennbar immer noch Freund geordneter Staatsverhältnisse (was er mit der Art seiner Schlichtung im Herbst 2010 zu Stuttgart 21 ja auch zeigte) - ein Militanter? Das wird wohl kaum jemand annehmen, aber was sagt es uns, wenn ein solcher Mensch, der sonst geradezu Inbegriff eines zwar streitlustigen, aber doch eher christlich-konservativen Gutmenschen ist, Gewalt gegen Menschen als eigene Handlungsoption benennt?
Erstmal wenig, denn das Motiv von Heiner Geißler bleibt im Dunkeln. Dennoch hätte der Satz eigentlich ein kleines Beben bei denen auslösen müssen, für die Geißler da gerade warb: Attac, für viele ebenfalls ein Inbegriff des Eintretens für eine bessere, aber geordnete und eigentlich auch gar nicht so viel andere Welt. Zwar ist die Organisation wegen seiner offenen Strukturen ein Sammelbecken für viele Richtungen, aber die von den zentralen Personen und Gremien verkörperte und verkündete Hauptlinie ist doch ziemlich eindeutig so ausgerichtet.
Wie auch immer: Die Gewaltfrage hat eine merkwürdige Wirkung auf politische Zusammenhänge. Kein anderes Thema führt so schnell zu erbitterten Streitdebatten, zu Ab- und Ausgrenzungen oder sogar zu Phantasien, sich mit der anderen Seite (z.B. der Polizei) zu verbünden, um die eigene Position durchzusetzen. Warum erregt Gewalt die Gemüter, während Inhalte und Aktionsformen nur selten so intensiv diskutiert werden oder schlicht gar nicht interessieren?
AnhängerInnen der Gewaltfreiheit führen verschiedene Argumente für ihre Position ins Feld. Danach soll eine gewaltfreie Welt nicht mit Gewalt erreichbar sein, d.h. "der Zweck heilige nicht die Mittel". Es sei deshalb auch so wichtig, diese Frage tatsächlich in den Mittelpunkt zu stellen, weil es kein Mit- oder Nebeneinander von Gewaltfreiheit und Militanz geben könne. Letztere würde erstere immer mit kaputt machen.
Andere halten Gewaltfreiheit ist die wirksamste Strategie, wieder andere fürchten, dass Militanz das öffentliche Image beeinträchtige. Solche Gründe kann mensch teilen oder nicht. Vielfach bleiben sie aber ohne Begründung wie ein Lehrsatz im Raum stehen.
Was unter die Räder der Gewalt(freiheits)debatte kommt ...
Die Frage der Gewaltanwendung prägt viele Diskussionen und zerstört oft den Willen zur Gemeinsamkeit. Ist aber die Frage der Anwendung von Gewalt überhaupt ein wichtiger Knackpunkt, daß er zum Scheidepunkt werden muß? Diese Frage wird selten gestellt. Meist geraten Gewaltfreiheit oder Militanz - je nach Blickwinkel - zum Inbegriff von richtig und falsch, haben also identitätsstiftende Kraft. Die beiden Auffassungen werden zum Ausschlusskriterium. Wenn es gut läuft, gegen sich die Lager aus dem Weg. Aber nicht selten kommt es auch zu erbitterten Auseinandersetzungen - zumindest als mediale Zerfleischung vor, während und nach Aktionen.
Woraus entspringt diese hohe Bedeutung der Frage?
Um derartige Abgrenzungen und Glaubenskampf-ähnliche Debatten zu legitimieren, müßte Militanz oder Gewaltfreiheit ein dominanter Grundsatz aller politischen Arbeit sein - also sich qualitativ von anderen Fragen, die nicht zu Abgrenzungen führen, unterscheiden. Fände sich kein Grund für diese Sonderstellung, wäre es nicht nur willkürlich, die Gewaltfrage immer wieder zum Knackpunkt zu erheben, sondern auch gefährlich. Denn die erzwungene Dominanz dieser Debatte lenkt von anderem ab, was mindestens ebenso nötig zu diskutieren wäre, aber oft hinten runterfällt - bei Gewaltfreien, Militanten und vielen Anderen: Nämlich die Fragen nach der Qualität von Aktionsformen und -vermittlung, ob nun gewaltfrei oder nicht. Dazu gehören:
- Wie sehen die Dominanzverhalten und Hierarchien in Gruppen aus, u.a. die CheckerInnen, Männer- oder Erwachsenendominanz innerhalb von Aktionsstrategien oder Bündnissen.?
- Fördern politischen Positionen die Zwangsverhältnisse durch Staat oder Markt?
- Werden Kritiken oder Forderungen so stark populistisch verkürzt, dass die falsche Auslegungen hervorrufen, für rechte Gruppen anknüpfungsfähig sind u.ä.?
- Wieweit reproduzieren Aktionen mit ihrem Hang zu prominenten RednerInnen, Aufrufen im Namen von Gruppen usw. die Normen und Zurichtungen in der Gesellschaft?
- Welche Außenvermittlung hat eine Aktion? Wen erreicht sie wie und mit welchen Positionen?
- Sind die Eingriffe in den Alltag von Menschen, die jede Aktion (auch die gewaltfreie!) mit sich bringt, angemessen und sichtbar begründet?
- Wie können Vielfalt und Qualität von Aktionen verbessert werden, sowohl von der Aktionsmethode her wie auch bei der Vermittlung?
Darum wird selten überhaupt gestritten, zumindest aber nicht mit der Inbrunst, wie die die Frage der Gewalt. Das gilt für gewaltfreie wie für militante Gruppen gleichermaßen. Das Ergebnis ist verheerend - die meisten militanten wie auch die meisten gewaltfreien Aktionen sind platt, inhaltlich und methodisch langweilig. Die meisten militatnen Aktionen überzeugen nicht, aber nicht wegen ihrer Gewalt, sondern weil die Gewalt primitiv ist und eine Vermittlung fehlt. Das aber gilt auch für Mahnwachen, Latschdemos und Postkartenaktionen. Offensichtlich verdrängt die Fetischisierung von Militanz bzw. Gewaltfreiheit eine Debatte um die Qualität von Aktionen.
Notwendig wäre aber eine deutliche Weiterentwicklung von Zielen, Visionen, Gesellschaftskritiken und Methoden von Aktionen einschließlich ihrer Außenvermittlung. Wenn dann im Zuge politischer Kämpfe kreative, vermittlungsstarke militante und gewaltfreie Aktionen nebeneinander geschehen - wer wollte sich darüber ärgern?
Was ist eigentlich Gewalt?
Allein das ist schon eine ziemlich schwierige Frage. Sie wird von Seiten gewaltfreier Aktionsgruppen fast nie genau geklärt. Und das hat Methode. Gewaltfreiheit ist nicht nur ein Ideal, sondern eine Imagefrage - identitätsstiftend für das "Wir" der Zusammenhänge zudem . Daher wird Gewaltfreiheit auch „verkauft“, wobei Aktionsformen je nach öffentlicher Reaktion als gewaltfrei eingemeindet oder eben ausgegrenzt werden - öffentliche Distanzierungen gewaltfreier Gruppen gegenüber anderen sind leider schon häufiger vorgekommen, meist gegenüber der bürgerlichen Presse oder dem Staat, denen damit ein erheblicher Vorteil in der öffentlichen Interpretation verschafft wird. Bemerkenswert ist, wie z.B. in der Frage der Atomkraft oder Gentechnik Aktionsformen, die noch vor einigen Jahren von gewaltfreien Gruppen klar abgelehnt wurden, heute als gewaltfrei bezeichnet werden - und zwar deshalb, weil sie in der Öffentlichkeit positiv rüberkamen und sich so imagemäßig gut nutzen ließen. Das gilt z.B. für Gleissabotage oder Genfeldzerstörung. Diese Vorgänge machen deutlich, daß eine besondere Rolle der Gewaltfrage schon aus Definitionsproblemen kaum umsetzbar wäre.
Selbst die Gewalt gegen Menschen unterliegt ständigen Veränderungen. Der Antrieb dieser Wandlungen ist propagandistischer Art: Wahlweise als militant oder gewaltfrei werden Ereignisse dargestellt, wenn mit ihnen geworben oder durch sie abgeschreckt werden soll. Der Aufstand der Zapatistas ab 1994 in Mexiko, die Blockade der WTO-Sitzung 1999 in Seattle oder die Vertreibungen nordafrikanischer Diktatoren durch ihre protestierende Bevölkerung - im Lichte dieser epochalen Ereignisse sonnt sich jedeR gern. Und so werden die gleichen Ereignisse mal als gewaltfrei und mal als gewalttätig dargestellt. Tatsächlich waren sie Mischungen, und die AkteurInnen veränderten ihre Handlungsformen auch im Laufe der Auseinandersetzungen und je nach Notwendigkeit.
Die Debatte um Gewalt klärt den Begriff selten oder nie. Stattdessen erscheint Gewaltfreiheit oft als Modewort und Label, wobei Aktionsformen je nach öffentlicher Reaktion als gewaltfrei eingemeindet oder eben ausgegrenzt werden. Zudem ist Gewalt nicht gleich Gewalt. Wer das nicht klärt, blendet einerseits Motive und Ziele aus dem Handelns aus, zudem wird nicht zwischen struktureller Gewalt bzw. Gewalt "von oben" sowie der Gewalt, die befreiende Ziele hat und sich gegen strukturelle Gewalt richtet (soziale Notwehr), unterschieden. Damit machen sich viele zu ideologischen Hilfstruppen des Staates, der nicht um die Legitimation seiner Gewalt kämpfen muss - er hat das Gewaltmonopol. Wenn Gewalt in jeder Form gleich bewertet wird, gibt es auch keine Grundlage mehr zwischen Angriff und Verteidigung, Aggression und Notwehr, Übergriff und Selbstverteidigung.
Im Original: Definition ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Definitionsversuch (Quelle dieses Absatzes einschl. der Links)
Gewalt (eine Bildung des althochdeutschen Verbes walten, bzw. waltan – stark sein, beherrschen) bezeichnet von seiner etymologischen Wurzel her das 'Verfügenkönnen über innerweltliches Sein'. Der Begriff hebt ursprünglich also rein auf das Vermögen zur Durchführung einer Handlung ab und beinhaltet kein Urteil über deren Rechtmäßigkeit. Im heutigen Sprachgebrauch wird "Gewalt" dagegen stark wertend verwendet. Eine allgemein akzeptierte Definition des Begriffs gibt es nicht, da seine Verwendung in Abhängigkeit von dem spezifischen Erkenntnissinteresse stark variiert. Dieses Fehlen einer belastbaren Definition verursacht insbesondere Probleme bei der statistischen Erfassung von Gewaltdelikten. Assoziierte Termini sind heute vor allem Aggression, Machtmissbrauch, Körperkraft oder Zwang. Gewalt ist in diesem Sinne definiert als Einwirkung auf einen anderen, der dadurch geschädigt wird. Als Gewaltformen werden psychische oder physische, personale oder strukturelle, statische oder dynamische sowie direkte oder indirekte unterschieden. Ein enger, auch als "materialistisch" bezeichneter Gewaltbegriff beschränkt sich auf die zielgerichtete, direkte physische Schädigung einer Person, der weiter gefasste Gewaltbegriff bezeichnet zusätzlich die psychische bzw. verbale Gewalt, teilweise auch den Vandalismus und in seinem weitesten Sinn die "strukturelle Gewalt". Wesentliche Anwendung findet der Begriff "Gewalt" in der Staatsphilosophie, der Soziologie und der Rechtstheorie.
Aus der Definition ergeben sich bereits mehrere Schwierigkeiten für eine Praxis von Protest. Wenn alle Zwangsmomente als Gewalt gewertet würden, bliebe gar keine Handlungsoption mehr offen außer der direkten Überzeugung von Menschen, vor allem der Privilegierten und MachtinhaberInnen. Das aber dürfte gerade dann, wenn kein weitergehender Handlungsdruck aufgebaut werden könnte und das der Person, die für eigene Ideen gewonnen werden soll, auch bekannt ist, besonders selten zum Erfolg führen. Außerdem ist schon fraglich, ob der direkte Kontakt überhaupt hergestellt werden kann. Politischer Protest vermittelt sich meist über öffentliche Wirkung, mediale Berichterstattung und mitunter auch direkte Einwirkung, selten aber als Überzeugungsarbeit im netten Gesprächsrahmen. Ob nun gewollt oder nicht, vollziehen PolitikerInnen, Firmenleitungen und Verbandsführungen oft öffentlichen Druck in ihrem Verhalten nach, wenn sie das für opportun halten. Dafür bedarf es keines direkten Kontaktes. Öffentlicher Druck aber wäre eine Form psychischer Beeinflussung derart, wie sie im erweiterten Gewaltbegriff schon enthalten ist.
Ein zweiter Problempunkt ist die Frage von Gewalt gegen Sachen. Es ist noch nicht lange her, da war diese in vielen gewaltfreien Kreisen auch verpönt. Heute ist die weitgehend akzeptiert - obwohl jeder Angriff auf Sachen einen psychischen Druck auf die dahinterstehenden Menschen, z.B. deren EigentümerInnen, ausübt. Das ist in der Regel auch gewollt. Somit lässt sich sagen: Im erweiterten Sinne des Gewaltbegriffs ist jede politische Aktion Gewalt. Das gilt auch umgekehrt: Ob eine Polizeieinheit nun prügelt oder in der verschleidernden Frage "Gehen Sie freiwillig?" die Androhung von Gewalt unübersehbar enthalten ist, spielt beim erweiterten Gewaltbegriff keine Rolle. Beides ist eine Beeinflussung, die den Gegenüber zu einem Handeln bringen will, dass er nicht freiwillig zeigen würde.
Insofern ist zumindest in der politischen Debatte meist recht beliebig, was denn eigentlich Gewalt bedeutet - und welche Protestform noch gewaltfrei ist und welche nicht mehr.
- Vergleich Gewaltfreie Aktion und Direct Action
Verwirrung hoch zehn: 20. Juli 1944
Es gibt aber Fälle, in denen ist klar, dass blanke Gewalt im Spiel ist - ein Bombenattentat mit vielen Toten zum Beispiel. Was aber ist davon zu halten, wenn ausgerechnet ein solcher Fall Jahr für Jahr zum Musterbeispiel politischen Protestes hochstilisiert wird? Und das auch noch genau von denen, die sonst immer auf der Gewaltfreiheit politischen Protestes bestehen?
Aber so ist es: Von Regierung bis zu bürgerlicher Breite werden die Attentäter des 20. Juli 1944 jedes Jahr aufwendig gefeiert. Nicht Georg Elser, der vor (!) dem Krieg versuchte, Hitler zu töten, um unter anderem den Krieg zu verhindern. Auch nicht andere WiderstandskämpferInnen, die mutig, aber gewaltfrei, jedoch auch wirkungslos protestierten und bei Entdeckung schnell einen Kopf kürzer gemacht wurden. Nein, abgefeiert werden ausgerechnet die, die erst einschritten, als aller Greuel schon geschehen war oder auf Hochtouren lief. Die das Deutsche Reich retten statt stoppen wollten und die bis Mitte 1944 die ganze Scheiße mitmachten. Schon diese Auswahl macht fassungslos, denn viele andere WiderstandkämpferInnen sind vergessen oder wurden noch nach 1945 von den neuen Regierenden malträtiert. Umso passender ist, dass Gedenkstätte und Verteidigungsministerium am gleichen Ort liegen - und dort das wichtigste öffentliche Gelöbnis der neuen BerufsgewalttäterInnen heutiger Zeit, nämlich von SoldatInnen, stattfindet. Völlig frei irgendwelcher kritischen Töne feiert das offizielle Deutschland jedes Jahr ausgerechnet die Menschen, die Eroberungen, Vernichtungskriege, Holocaust und vieles mehr gebilligt oder sogar mitentwickelt und angezettelt haben - und kassiert dafür nicht einmal Kritik der überfallenen Länder oder Nachfragen der wenigen Überlebenden.
Der Gipfel des Absonderlichen aber ist, dass fast alle derer, die jährlich den Attentätern des 20. Juli huldigen, gleichzeitig fanatische PropagandistInnen des Verzichts auf Gewalt in der politischen Auseinandersetzung sind. Ginge es nach ihnen, wäre schon Sachbeschädigung ein Akt des Terrorismus. Doch was tat Stauffenberg 1944? Er legte eine Bombe, die Menschen tötete (nur nicht den, für den sie bestimmt war). Die Kreise, für die eine Sitzblockade, zumindest aber ein Steinwurf schon Terrorismus ist, finden das nun heldenhaft. Welch seltsame Welt, mag mancheR denken. Doch unlogisch ist diese Wertung nicht. Denn auch hier ist der Gewaltbegriff frei jeglichen Inhaltes. Tatsächlich kommt es darauf an, welchen Zweck die Tat verfolgt. Hier steckt der Unterschied: Der deutschnationale, zur Rettung von Reich und Faschismus durchgeführte Bombenanschlag war gut, ein staatskritischer wie Seitens Georg Elsers hingegen schlecht. Dann aber ist die sonstige Geißelung der Gewalt nur vorgeschoben. Das Problem für diejenigen, die aus der Position der Herrschenden heraus die Gewalt kritisieren, meinen nicht die Gewalt als solches, sondern nur diejenige, die ihnen schadet. Was ihnen nützt, nehmen sie gerne in Kauf - einschließlich Polizei- und militärischer Gewalt, für die sie oder ihnen Gleichgesinnte das Personal der Ausführung bezahlen und befehligen.
Im Original: Deutsches Denken zum 20. Juli 1944 ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus denen, die jahrelang alles mitmachten oder sogar vorantrieben, werden Helden ...
Frage in einem Interview mit der Tochter von Stauffenberg, in: FR, 19.7.2008 (S. 24)
Ihre Eltern gehörten zu der Minderheit, die der Verführung widerstanden hat.
Aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage im Bundestag (Bundestags-Drucksacke 16/2178), zitiert in: Junge Welt, 5.8.2006 (S. 10)
Die Bundesregierung ist daher nicht willens, das vorbildliche menschliche Verhalten der Männer und Frauen des 20. Juli 1944, das in besonderer Weise den unserem Grundgesetz immanenten Anforderungen entspricht, in Frage zu stellen.
Im militärischen Widerstand gegen Hitler und das verbrecherische NS-Regime dokumentiert sich in besonderer Weise vorbildhaftes und wertegebundenes Verhalten. Aus dem Handeln der Soldaten des 20. Juli 1944 lassen sich an unveräußerlichen Menschenrechten und dem eigenen Gewissen orientiertes Handeln, Opferbereitschaft und die Grenzen der Gehorsampflicht ableiten.
Aus einer deutschen Dorfzeitung
Von Reinhard Mürle, in: Die Dorfkirche, Reiskirchen (Sommer 2004, S. 6)
Vor 60 Jahren: Attentat auf Hitler
Am 20. Juli 1944, vor sechzig Jahren also, ist es Graf von Stauffenberg gelungen, eine Zeitzünderbombe an den im Führerhauptquartier "Wolfsschanze" hermetisch abgeriegelten Hitler heranzubringen. Die Bombe explodierte, vier Offiziere wurden getötet, aber Hitler überlebte, nur leicht verletzt. Ein grausames Strafgericht brach über die Widerstandsgruppe um Carl Goerdeler und Ludwig Beck herein. Das Nazi-Regime aber hatte wieder einmal Gelegenheit, propagandistisch darzulegen, dass die "Vorsehung" Hitler gerettet habe.Es war nicht das einzige Attentat gegen ihn. Aber alle überstand dieser Mann.
Politik am Abgrund
Auch andere, genauso gefährliche Formen des Widerstandes hat es gegeben, die vom Flugblattverteilen bis zur Sabotage in den Rüstungsbetrieben reichten. Kommunisten, Sozialdemokraten, Christen, bürgerliche Politiker und Militärs kämpften aus unterschiedlichen Motiven gegen die NS-Diktatur: aus ideologischen, religiösen oder ethisch-moralischen Gründen, aber auch wegen der sachlichen Erwägung, die Politik der Nazis müsse früher oder später in den Abgrund führen.
Doch es waren nur wenige und oft genug nur Einzelpersonen, die den Todesmut aufbrachten, sich gegen ein Regime aufzulehnen, das das Individuum missachtete und mit Terror bis in den Tod verfolgte. Niemand der-Nachgeborenen kann sagen, wie er sich verhalten hätte. Deshalb sind Fragen, warum sich manche, auch die Verschwörer des 20. Juli 1944, erst dann zum Widerstand entschlossen hatten, als der Krieg verloren war, schwer zu beantworten.
Andenken wach halten
Aber die Frage belastet noch heute, warum es insgesamt doch recht wenig Widerstand gegeben hat, auch unter den Christen.
Es hat zu viele gegeben, die mitmachten bis zum Ende, aus Bequemlichkeit, fehlender Verantwortung oder falsch verstandener Treue heraus.
Schon deshalb sollte unsere freiheitlich verfasste Republik das Andenken an die Widerstandskämpfer wach halten. Sie alle haben dazu beigetragen, dass das Vergeben auch denen leichter fällt, in deren tiefer Schuld die Deutschen stehen.
Distanzierungen von diesem peinlichen Ehrenkult sind selten. Aber es gibt sie. So benannten sich eine Schule um. Sie wollte die Täter des 20. Juli 1944 nicht länger ehren (Junge Welt, 23.7.2008 (S. 15).
Pro und contra Gewalt
Es mag viele Gründe geben, in den Debatten über passende oder gewollte Aktionsformen auch alle Aspekte der Wirkung von Gewalt zu diskutieren und zu berücksichtigen. Im Sinne emanzipatorischer Aktionskultur ist es auch selbstverständlich, dass Menschen für sich Grenzen ziehen, die ihren Überzeugungen, Bedenken oder vorhandenen Ängsten entsprechen. Doch aus nichts leitet sich die seltsame Überhöhung der Bedeutung der Gewaltfrage ab. Trotzdem bildet sie für viele politisch Aktive und ganze Strömungen und Verbände den zentralen Orientierungspunkt - und zwar nicht nur, wie vielleicht manche beim Lesen dieser Sätze denken mögen - auf Seiten der Gewaltfreien. Nein, auch der Militanzfetisch auf Seiten gewaltbereiter Gruppen scheint die gleiche Frage (wenn auch mit entgegengesetzter Antwort) dort stark in den Mittelpunkt zu schieben, und zwar ebenfallsidentitätsstiftend. Im Folgenden sollen die Argumentationsmuster und die mit der Gewaltfrage verbundene Hegemonialansprüche dieser zwei Strömungen aufzeigen, die beide aus der Gewaltfrage einen Fetisch machen, wenn auch mit so unterschiedlichem Ergebnis:
Einschübe hier: Extra-Seite zu den identitären Gewaltfreien-/Anti-Gewalt-Strömungen ++ Extra-Seite zur identitären Gewaltmackerei-Ecke
Danach soll es um die Perspektiven gehen, die aus der Sackgasse herausführen, die mit dem Hegemonialanspruch der Gewaltfrage verbunden ist. Denn wer bestimmte Verhaltensnormierungen durchsetzen will, will Macht über die Menschen ausüben. Wenn der Staat dazu aufruft, auf Gewalt zu verzichten, dann wissen seine Vollstrecker, dass sie nicht darauf verzichten. Das ist auch vielen klar: Der Staat predigt Gewaltfreiheit und feiert Bombenattentäter, weil und auch nur wenn sie der Nation dienten - ob in Afghanistan oder zum 20. Juli 1944. Gewaltfreiheitsdogma heißt hier schlicht Herrschaftssicherung.
Doch auch in politischen Bewegungen ist die Debatte um Gewalt fast immer mit Hegemonialkämpfen verbunden. Es geht um die Dominanz über die Köpfe, die Medien und die praktische Organisierung von Protest.
Aus "Das Selbstbewusstsein der Gewaltfreien", in: Neues Deutschland (25.7.2008)
Seit den erfolgreichen Sitzblockaden von Heiligendamm sieht sich die Gewaltfreienszene im Aufwind. Immerhin kann sie darauf verweisen, dass die »Fünf-Finger-Taktik«, mit der man die Polizeiketten durchbrechen kann, ohne auch nur einen Stein geworfen zu haben, auf ihrem Mist gewachsen ist. Jochen Stay, einer der Köpfe der Gewaltfreien, ist optimistisch, dass das Konzept nun auch Spektren überzeugt hat, die bislang eher auf Militanz gesetzt haben. Das »Drängeln und Schubsen«, das vorher als Aktionskonsens ausgehandelt wurde, habe praktisch nicht stattgefunden. »Es kann gut sein, dass ›Block G8‹ aus einer ganzen Reihe ›Postautonomer‹ nun zumindest ›Prägewaltfreie‹ gemacht hat«, frohlockte der langjährige Sprecher von »X-tausendmal quer« in der Zeitschrift »Graswurzelrevolution«.
Ziviler Ungehorsam ist tatsächlich hip, auch in der radikalen Linken. Christoph Kleine, der als Avanti-Mitglied zum angesprochenen Spektrum gehört, dämpft jedoch Stays Euphorie. Man könne Massenblockaden gut finden, ohne gleich generell zum Anhänger gewaltfreien Widerstands zu werden, sagt er. »Für die Zugabe-Netzwerker ist Gewaltfreiheit ein politischer Grundsatz, der in jeder Situation gilt. Das ist es für uns nicht.« Dass ihnen nachträglich das Etikett »Prägewaltfreie« angeheftet werden soll, passt Kleine nicht.
Gewalt und Medien
Ein Motiv überlegt einsetzter Gewalt ist das Spektakuläre. Das gilt insbesondere in solchen Regionen der Welt, in denen Gewalt selten ist oder zwecks Unterhaltung oder politisch nutzbarer Ängstlichkeit sogar als künstlich Show über Bildschirme flimmert oder auflagengeile Zeitungen füllt. Gewaltfreie klagen immer wieder darüber, dass Medien nur über gewaltförmige Protestaktionen berichten - benennen dabei aber immer auch selbst einen wichtigen Grund für Militanz: Das dadurch entfachte Spektakel. Mensch mag das als Argument nicht stichhaltig finden, aber es bleibt damit trotzdem vorhanden. Gerade die Krawalle im Vorfeld des G8-Gipfels von Heiligendamm haben den Fokus aller Öffentlichkeit auf die Ereignisse gelenkt und damit auch den nachfolgenden anderen Aktionen den Raum eröffnet, sehr stark wahrgenommen zu werden. Es ist mehr als zweifelhaft, ob das ohne die (äußerst platte und katastrophal durchgeführte!) Militanz des Auftakttages einschließlich der Hetze der Vorwoche so gelungen wäre. Insofern ist durchaus wahrscheinlich, dass nicht, wie es Bewegungseliten nach den Geschehnissen behaupteten, die Militanz die anderen Aktionen kaputt machte, sondern deren große Wahrnehmung erst herbeiführte.
Daher sei die mediale Hetze im zeitlichen Ablauf noch einmal dokumentiert.
Im Original: Hetze gegen Gewalt beim G8 in Medien ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Spiegel-Online-Ticker: Am 2.6.2008 lief die "Groß"demo in Rostock. Die gesamte Zeit über berichtete Spiegel-online nur von Krawallmachern, verletzten Polizisten, Messerattacken auf die Polizei und Distanzierungen friedlicher DemonstrantInnen. Das ganze war klar erkennbar als Herbeischreiben des Bösen und führte zu absurden Ablaufbeschreibungen, die sich schon auf den ersten Blick widersprechen:
[20:29] Die Atmosphäre bei der Abschlusskundgebung in Rostock ist weiter ruhig. Die Polizei ist noch präsent, hält sich aber am Rand der Veranstaltung auf. ...
[19:44] Die friedlichen Demonstranten zeigen sich enttäuscht vom Ausgang des Tages. "Wir haben uns so lange vorbereitet, und nun haben ein paar Krawallmacher alles kaputt gemacht", sagt eine ältere Frau mit Tränen in den Augen.
[19:40] Vor der Bühne, auf der kurz zuvor noch bekannte Bands wie "Wir sind Helden" und "Juli" gespielt haben, stehen Wasserwerfer und Räumfahrzeuge.
Höhepunkt war die Formulierung um 23 Uhr: Autonome verwüsten Rostock. Bilder oder auch nur Informationen von zerstörten Häusern, verwüsteten Straßen u.ä. wurden nicht geliefert.
Aus einer Pressemitteilung des Republikanischen Anwältevereins zu einem Hetzbild in der BILD-Zeitung
Unter der Fotoüberschrift „Aufgebrachte Schläger versuchen, einem Zivilpolizisten die Kapuze vom Kopf zu reißen“ zeigt die Bild-Zeitung vom heutigen Tag ein Foto, das eine Anwältin des Legal Teams zeigt. Die betreffende Anwältin ist zu sehen, wie sie mit dem Zivilbeamten darüber spricht, wie er sich zu seinem eigenen Schutz auf die andere Seite der Polizeikette begeben kann.
Anmerkung: Vorausgegangen war die Enttarnung von fünf Polizeibeamten, die in Schwarze-Block-Kleidung Gewalttaten anzuzetteln versuchten. Auch das gilt es immer zu Bedenken, dass die Polizei selbst Interesse am Krawall hat!
Aus der Report-Sendung vom 4.6.2007 zu Positionen bei Attac in Rostock zur Gewaltfrage (mit Kommentaren)
Dann schmeißen die Gewalttäter Steine und Flaschen. Sie hatten den Veranstaltern versprochen friedlich zu bleiben, die hatten es geglaubt.
Gelogen: Es gab keine solchen Versprechungen.
Noch sind Attac und die Steinewerfer unter einem Dach, in einem Camp, gehen gemeinsam auf Demos. Doch inzwischen fragt sich Erasmus, ob das bis zum G-8-Gipfel so bleiben kann. Späte Einsicht. ... Und: lassen sich die Gewalttäter überhaupt ausschließen? Noch hat Attac keinen Plan. ... Rostock lehrt heute schon: der bunte Protest braucht Zivilcourage. Nicht nur gegen Politiker und Polizei, sondern auch gegen militante Steinewerfer.
Klares Ziel der Reporter: Spalten. Gewirkt hat es nicht - zum Glück, wie die weiteren Tage in Rostock bewiesen.
Heute Mittag in Rostock. Während der Schwarze Block wieder Krawall macht, retten die Aktivisten die Erde aus den Fängen von Merkel, Bush und Co.
Gelogen: Die Randale an diesem Tag ist frei erfunden.
Und hinterher die Spaltung absichern oder weiter vorantreiben ...
(wie nach Genua 2001 oder Evian 2003 auch ... gerade in den Blättern FR, taz, Spiegel & Co. - so auch 2007)
Aus dem Kommentar "Erfolg in kleinen Dosen" von Uwe Vorkötter, in: FR, 9.6.2007 (S.11)
Bemerkenswert, dass der Schwarze Block der Gewalttäter nur einen Tag lang das Geschehen beherrschen konnte. Danach hat die klare Distanzierung der friedlichen G8-Kritiker gewirkt. Nur so konnte es Attac und Greenpeace, den Veranstaltern des Gegengipfels und dem Netzwerk der Protest-Organisatoren, gelingen, Heiligendamm ihrerseits zu einem Erfolg zu machen.
- Don't believe the hype - eine Zusammenstellung auf Indymedia zur Hetze in Medien beim G8 2007
- Extra-Seite zu Polizeigewalt, Diskurssteuerung und Medienhetze rund um den G8-Gipfel von Heiligendamm
Zum weiteren Teiltext "Perspektiven" im Kapitel über Gewalt und Gewaltfreiheit als Fetisch
Ursachen von Gewalt
Über die Ursachen der Gewalt und Aggression herrscht ebenso wenig Einigkeit wie über ihre Definition. Grob vereinfachend lassen sich jedoch drei Erklärungsansätze unterscheiden:
- Konservative Autoren neigen zu der "anthropogenen" Annahme, dass Gewalt im Charakter des Menschen liege, also förmlich angeboren sei. Sigmund Freud etwa vermutete einen regelrechten Todestrieb, Konrad Lorenz verortete gewalttätiges Verhalten in den Instinkten des Menschen. Demnach ließe Gewalt sich auch nicht abschaffen, sondern allenfalls - durch die ebenfalls gewaltbasierenden Mittel von Polizei und Justiz - eindämmen. Von feministischer Seite ließe sich diese Deutung zu einer "androgenen" Erklärung verengen - demnach würden besonders Männer hormonbedingt zu Gewalttätigkeit neigen. Tatsächlich sind über neunzig Prozent der verurteilten Gewalttäter männlichen Geschlechts. Nach dieser These würde eine Eindämmung der vorherrschenden Machtstellung der Männer in der Gesellschaft zu einer Reduzierung der innergesellschaftlichen Gewalt führen.
- Linke Theoretiker erklären Gewalt "soziogen": Gewalttätigkeit würde durch Erziehung und Sozialisation quasi gelernt oder im Sinne der Frustrations-Aggressions-Hypothese durch eine von Ungerechtigkeit gekennzeichnete Umwelt bewirkt. Diese Thesen lassen optimistischere Perspektiven für die Reduzierung von Gewalt aufscheinen, etwa durch bessere Erziehung und Bildung oder durch Schaffung einer gerechteren Gesellschaftsordnung.
- Eine relativ weit verbreitete Deutung ist die, dass Erfahrung von Gewalt die Hauptursache für die Anwendung von Gewalt ist. Gewalt erzeuge (Gegen-)Gewalt. Diese Erklärung könnte man "autogen" nennen. Die weithin akzeptierte Rechtmäßigkeit eines solchen Sich-Zu-Wehr-Setzens wird jedoch von den Predigern der Gewaltlosigkeit wie Jesus Christus oder Mahatma Gandhi bestritten: Denn auch vermeintlich legitime Gegengewalt löse demzufolge Gewalt aus. So entstehe ein Teufelskreis, aus dem allein die Verweigerung erneuter Gegengewalt einen Ausweg biete.
- Bei einer Eskalation der Gewalt wird oft eine unverhältnismäßig größere Gegengewalt beobachtet. Es entsteht die Spirale der Gewalt. Dies wurde auch bei wissenschaftlichen Untersuchungen mit Versuchspersonen nachgewiesen, die eine Zunahme von ca. 30% nicht als Zunahme sondern als gleichgroß empfanden. Maßnahmen zur Deeskalation sind möglich und werden z.B. durch Einsatzkräfte der Polizei bei Demonstrationen praktiziert. Desweiteren wird als Ursache von Gewalt die soziale Desintegration angeführt. Das Auseinanderfallen der Gesellschaft und ein Mangel an Integrationsmöglichkeiten führen nach dieser Erklärung zu Gewalt. (Quelle dieses Absatzes)
Materialien
Broschüre " Gewalt? Gewaltfrei? Oder was?" ... Richtwert 1 Euro
Grundlegenden Überlegungen zur Frage der Gewalt bei Aktionen. Konkretes Beispiel: Rostock 2007. Beispiele kreativer und kommunikativer Militanz. Download als PDF ... (4,8 MB, auch zum Kopieren und Verteilen!!!)
- Bestellseite des Heftes auf www.aktionsversand.de.vu
Links
- Gewaltfrei gegen Diktaturen?
- Basistext "Gewaltfrei oder militant - wichtig ist der Widerstand (als PDF, Debattenseite oder Text)"
- Text "Let's talk about Militanz" in der "Zeitung für stürmische Zeiten"
- Beitrag aus Gigi #13, Mai/Juni 2001
- militant manifesto (Strategiepapier, anonym)
- Beispiele für kreative Militanz
- Debatte auf Indymedia
- Beispiele für: Militanz schafft Aufmerksamkeit
- Staatliches Gewaltmonopol und Gegengewalt von unten
- Downloadseiten allgemein ++ Auswertungen und Dokumentationen
- www.projektwerkstatt.de ... die offene Internetplattform emanzipatorisch-widerständiger Projekte&Gruppen
- Ideen zu kreativer Antirepression
- Schutz vor Repression
