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Gewaltfreiheit:
Strategie, Utopie oder Dogma?

Zitate ++ G8 2007 ++ Linkspartei ++ Gewaltfreiheit total ++ Gut und bse ++ Dogmatismus ++ Links

Zitate von Gewaltfreien

Wir sind uns bewusst, dass unsere Gewaltfreiheit beinhalten muss, sich der Gewalt von Polizei und Staaten zu stellen, Gewalt gewaltfrei zu widerstehen, und Gewalt durch eine kleine Minderheit von BewegungsaktivistInnen zu verhindern.
(Erklärung der War Resisters‘ International, in: Graswurzelrevolution Oktober 2001, S. 17)

Aus dem Selbstverständnis der sich gleichzeitig basisdemokratisch und anarchistisch bezeichnenden Zeitung 'Graswurzelrevolution'
Um die Ziele der libertären Bewegung gegen Staat und Kapital durchzusetzen und errungene Positionen zu verteidigen, ist natürlich "Macht" erforderlich. Die Formen, in denen diese Macht ausgeübt wird, dürfen keinesfalls diktatorisch sein, sie sollen zu keiner Verfestigung einer neuen Herrschaft führen, sie sollen auf physische Gewalt weitgehend verzichten.

Die Terroranschläge auf das World Trade Center und andere Einrichtungen in den USA haben vielen Menschen auf schreckliche Weise bewußt gemacht, daß Gewalt keine Antwort auf Gewalt und Ungerechtigkeit sein darf.
(Rundbrief der Kurve Wustrow, eingegangen 4.10.2001)

"Wir demonstrieren gegen eine unverantwortbare Risikotechnologie, für die Bewahrung der Schöpfung", erläutert Prof. Dr. Klaus Buchner die Beweggründe seiner Partei. Dabei distanziert sich die ödp von jeglicher Gewalt gegen Personen und Sachen und verurteilt die jüngsten Vorfälle.
(Aus der Presseinfo "Atom-Ausstieg - nur mit der ödp!" vom 22.3.2001)

Den Anliegen und der Dialogbereitschaft der erklärt gewaltlosen Akteure innerhalb der Antiglobalisierungsbewegung muss mehr Beachtung geschenkt werden. Sie sollten in ihrer Abgrenzung gegen die gewaltbereiten Gruppen aktiver unterstützt werden.
(Schweizer Bundesamt für Polizei im Juli 2001 in der Studie "Gewaltpotenzial in der Antiglobalisierungsbewegung")

Greenpeace weist die heutige Darstellung ..., wonach Greenpeace-Aktivisten in Göttingen einen ICE-Zug an der Ausfahrt gehindert hätten, entschieden zurück. ... Zu dieser Aktion hatte offenbar ein "Anti-Atom-Plenum" in Göttingen aufgerufen. Möglichkerweise haben die Demonstranten behauptet, sie seinen Greenpeace-Aktivistien oder Sympathisanten. Greenpeace hat mit diesen Demonstranten nichts zu tun. Greenpeace protestiert nur gezielt gewaltfrei gegen Atommüll-Transporte. Aktionen dieser Art, die gezielt Behinderungen im Personen-Verkehr verursachen, sind sinnlos und schaden den friedlichen Protesten ... Der Bundesgrenzschutz hatte heute nachmittag in Hannover mitgeteilt, dass sich rund 30 Greenpeace-Aktivisten an einen haltenden ICE gelehnt und den Zug rund 10 Minuten lang an der Ausfahrt gehindert hätten. ...
(aus: Pressemitteilung von Greenpeace am 10.4.2001)

Die friedlichen Anti-Castor-Demonstranten im Wendland - und das waren 95 Prozent - haben mit der kleinen, gewaltbereiten Minderheit von Protestierenden nichts zu tun.
(aus: Pressemitteilung von Greenpeace am 2.4.2001)

Die gewaltträchtigen Begleiterscheinungen bei ihren Auftritten in Seattle, Göteborg und Genua haben davon abgelenkt, dass die schnell wachsende Kerngruppe der Kritiker, in der Organisation Attac vernetzt, sich im allgemeinen Unbehagen über eine internationale Unordnung vereint hat, die ...
(Horst-Eberhard Richter in der Werbezeitung von attac, Beilage zur Jungen Welt 5.10.2001)

Leute, die durch Geld und Kanonen geschützt sind, hassen die Gewalt zu Recht und wollen nicht einsehen, dass sie Bestandteil der modernen Gesellschaft ist und ihre eigenen zarten Gefühle und edlen Ansichten nur das Ergebnis sind von Ungerechtigkeit, gestützt durch Macht.
(Georg Orwell, zitiert nach „Freitag Nr. 41“, 5.10.2001)

Auszug aus "Trau keiner über dreißig!", Graswurzelrevolution Sommer 2002, S. 2
Seit Anbeginn schreibt die "Graswurzelrevolution" gegen das Klischee des "bombenwerfenden Anarchisten" an und versucht, dagegen das Konzept der gewaltfreien Revolution, der gewaltfreien Aktion und des zivilen Ungehorsams zu verbreiten, das sich ebenfalls in der Tradition der anarchistischen Bewegung findet.

Wuppertaler Rundschau / Mittwoch, 28.August.2002
Demo gegen Geloebnis
„Buendnis gegen den Krieg“ am 05. September aktiv
Durch den am 07. September in Barmen geplanten NPD-Aufmarsch ist eine andere Grossveranstaltung, die ebenfalls zu Zuspitzungen fuehren kann, beinahe in Vergessenheit geraten: Am Donnerstag, 05. September, ist um 18 Uhr auf dem Laurentiusplatz das erste oeffentliche Geloebnis in Wuppertal geplant. Mit einer - betont friedlich ausgerichteten - Gegendemonstration wird dann das „Wuppertaler Buendnis gegen Krieg“ praesent sein.
Das „Buendnis“, das mit zwischen 500 und 1.000 Geloebnis-Gegnern rechnet, hat sich „nach sehr sachlichen und sehr kooperativen Gespraechen“ mit der Polizei darauf geeinigt, sich in unmittelbarer Sicht- und Hoerweite im Bereich von Auer Schulstrasse und Friedrich-Ebert-Strasse zu platzieren.
Die Initiatoren des „Wuppertaler Buendnisses gegen Krieg“ legen Wert darauf, den feierlichen Rahmen der Geloebnisveranstaltung nicht durch Trillerpfeifen oder Wurfgeschosse stoeren zu wollen. Allerdings wolle man sehr deutlich sichtbar gegen die Unsinnigkeit einer solchen Bundeswehr-Aktion protestieren.
Falls „Autonome“ oder andere Gruppen den Boden des friedlichen Protestes verlassen wollten, werde man „sehr massiv versuchen, auf diese Demonstranten einzuwirken“.
Ausserdem gibt es nach Rundschau-Informationen zur Zeit noch den Versuch, juristisch klaeren zu lassen, ob nicht die Geloebnis-Gegendemonstration doch unmittelbar gegenueber dem Laurentiusplatz auf der Friedrich-Ebert-Strasse zulaessig ist. Sollte es hier neue Entwicklungen geben, stuende der gesamte Ablauf des Geloebnisses neu auf dem Pruefstand.
Stefan Seitz

Auszug aus "Kopenhagen 2002" Nr. 2 (S. 1)
Das dritte, breiteste Bündnis in Dänemark wird von "Stop Unionen", der Initiative für ein anderes Europa und weiteren Gruppen - vor allem professionellen NGOs - gemeinsam gebildet. Es nennt sich "NGO-Forum - Stop Volden" (NGO-Forum - Stoppt die Gewalt) und hat nahezu ausschließlich den friedlichen Verlauf der Proteste und Demonstrationen zum Ziel. Dies geht so weit, dass für die zentrale Demonstration dieses Bündnisses, das sogenannte "Volkstreffen" am Samstag (14.12) ab 12.20 Uhr, keinerlei inhaltliche Festlegungen außer der Parole "Stoppt die Gewalt" getroffen wurden.

Antideutsche gegen Militanz (Quelle: http://www.copyriot.com/sinistra/discus/messages/6/101.html?1067087058)
Dabei verdiente die absurde Idee, mitten in völlig bewegungsflautigen Zeiten militant und im größeren Maßstab staatliche und "kapitalistische" Einrichtungen anzugreifen, durchaus scharfen Widerspruch.

GWR-Chef Bernd Drücke im Vorwort der Graswurzelrevolution Sommer 2007 (S. 2)
Direkte gewaltfreie Aktionen sind die legitimen, aktiven, vielfältigen und effektivsten Formen des Widerstands gegen Ausbeutung, Krieg und Gewalt.

Katja Kipping, stellv. LINKE-Bundesvorsitzende, in: Michael Brief u.a. (2007): "Die Linke", Dietz Verlag in Berlin (S. 98 f.)
Bei Auswertungsrunden im Nachhinein wurde die Gewaltfrage vorrangig aus zwei Gesichtspunkten erörtert: erstens aus einer moralischen Perspektive (Ist Gewalt generell gerechtfertigt?) und zweitens aus einer strategischen Perspektive (Können Ausschreitungen unser Anliegen befördern?). Beide Fragen sind klar zu verneinen. Man muss nicht einmal Pazifistin sein, um die erste Frage zu verneinen. Bei dieser Demonstration kam noch verstärkend hinzu, dass es eine klare Verständigung aller Beteiligten gegeben hatte, dass diese Demonstration gewaltfrei ablaufen solle. ...
Das Verhältnis der LINKEN zur Gewalt sollte kein taktisches, sondern ein prinzipielles und von einer klaren Bejahung der Gewaltfreiheit geprägt sein.

Auszug aus Wolfgang Hertle, "Plädoyer für zivilen Ungehorsam ", in: Friedensforum 2/2008 (S. 43)
Gewaltsame Auseinandersetzung von Demonstranten mit der Polizei hat dieselbe fatale Wirkung auf die Öffentlichkeit, ob sie entsteht, weit sich die Gegenseiten magnetisch anziehen oder ob durch gezielte Provokation: durch den spektakulären Schlagabtausch wird die Gewalt zum ausschließlichen Thema und verdeckt das ursächliche Anliegen. Beide Kampfparteien sehen das Unrecht nur auf der jeweiligen Gegenseite und rechtfertigen damit ihre eigenen Handlungen. ... Gewalt macht blind, ihr autoritärer Charakter steht in völligem Gegensatz zum demokratisch-gewaltfreien Ziel der Selbstbestimmung. ...
Wir haben nichts zu verbergen, wollen bewusst weder Konspiration noch Vermummung. Wir stehen zu unseren Aktionen, wir wollen überzeugen und uns notfalls mit unserer ganzen Person gegen die organisierte Gewalt stellen.

Auszüge aus "Gewaltfreie Aktion", in: "Hilfreiches für Aktive" zur Aktion 2008 in Büchel
Die Gewaltfreie Aktion zeigt sich dadurch, dass Druckmittel (Kräfte) eingesetzt werden, ohne physische Gewalt anzuwenden oder anzudrohen. ...Es müssen objektiv nachweisbar Grundrechte der Menschen verletzt sein. ... Grundhaltung ist die absolute Achtung der menschLichen Person. Die angewendeten Methoden müssen mit der Grundhaltung und dem Zielübereinsimmen. Das bedeutet sowohl den Ausschtuss personenvertetzender Gewalt als auch den Verzicht, den/die GegnerIn abwertend oder diskriminierend zu behandeln. ...

Außerdem findet sich noch der folgende Satz in dem Kapitel:
Gewaftfreie Aktionen werden nicht FÜR Unterdrückte gemacht, sondern die Betroffenen entwickeln die Aktionsformen und organisieren sie selbst.
Das aber ist regelmäßig nicht der Fall - ganz im Gegenteil ist gerade bei den gewaltfreien und basisdemokratischen Strömungen eine intensive Kultur der Steuerung von Vorbereitungsprozessen durch kaum erkennbare Gremien und Räte vorhanden. Das Gewaltfreiheit auch ein Machtmittel ist, zeigt sich dadurch besonders deutlich.

Gewaltfreie Kommunikation

Bitte nichts kaputtmachen, auch Kriegsgerät nicht ... ein schießwütiger Befehlsempfänger ist auch ein Mensch ...
Auszug aus der Einleitung zum Schwerpunkt "Gewaltfreie Kommunikation" von Heinz Weinhausen, in: Contraste Nov. 2008 (S. 1)

Gewaltfreie Kommunikation steht in der politischen Tradition der Gewaltfreiheit im Sinne von Mahatma Gandhi und Martin Luther King. Diese Tradition meint mehr, als keine Gewalt gegen Menschen anzuwenden, und seien es auch Besatzungssoldaten. Diese meint auch mehr, als keine Gewalt gegen Sachen anzuwenden, und seien es auch Polizeiautos, mit denen de Weg des Castors nach Gorleben gesichert wird. Gewaltfreiheit geht vielmehr im Kern davon aus, dass der Mensch in der Uniform beispielweise in Offizier, auch ein Mensch ohne Uniform ist, dass er ansprechbar ist, dass er bereit ist, Verantwortung für sein Tun zu übernehmen.

Auswertung zum G8-Gipfel 2007: Es geht um Kontrolle!!!

Berichte über gewaltfreie Aktionen in und um Rostock

G8-Landwirtschafts-Aktionstag ... angekündigt als Vielfalt direkter Aktionen, Genfeldzerstörungen usw. wurde es zu einem schwächlichen Herdenauftrieb, wo wieder einmal viele Menschen zur ausdruckslosen Masse wurden. Genau das aber wurde dann noch abgefeiert als Erfolg. Der folgende Text stand in der WoZ und wurde als "guter Text" auf der G8-Landwirtschafts-Mailingliste verschickt am 12.6.2007:
Am Nachmittag des Aktionstages steht deshalb eine «Rallye» nach Gross Lüsewitz auf dem Programm. Mit Velos, Rollerskates und Autos legen die Protestierenden die dreizehn Kilometer ins Dorf zurück. Stationen auf dem Weg informieren über industrielle Tierhaltung, die Risiken von Gentechmais oder die Arbeitsbedingungen beim Billiggross-verteiler Lidl. Die Polizei sperrt die Hauptstrasse, aber Nebenstrassen führen dennoch zum Ziel - dem Gentechkartoffelfeld. Es ist umstellt: alle fünf Meter ein Polizeiauto, dazwischen Beamte mit Hunden.
Im Dorf sieht es ähnlich aus: Wie TerroristInnen nimmt die Polizei die TeilnehmerInnen des Protestfestes am Ziel in Empfang. Wie überall in den letzten Tagen ist auch hier eine Gruppe Clowns aufgetaucht. Sie umtanzen die PolizistInnen, imitieren sie, putzen ihnen mit Staubwedeln die Köpfe und kommentieren lautstark die Durchsuchungsaktion: «Sprengstoff! Aaah! Ver-boo-ten!» Gut tausend Leute nehmen am bestens bewachten Protestfest teil. Auch einige DörflerInnen sind gekommen. Manche beteiligen sich an den Diskussionen, andere schauen skeptisch. Schon optisch sind sie leicht von den bunten Gestalten zu unterscheiden. Vor den Ess- und Infoständen spielen Gruppen Theater. Ein Imker aus Brandenburg erzählt, wie Gentechmaispollen seinen Honig unverkäuflich gemacht haben. Er ruft zu einer «freiwilligen
Feldbefreiung» im Juli im Oderbruch auf: In aller Öffentlichkeit soll, anschliessend an einen Gottesdienst, ein Gentechmaisfeld zerstört werden. Ein Rechtshilfefonds ist bereits eingerichtet. «Solche Aktionen sind vor allem wichtig als öffentliches Symbol, auch wenn die Zerstörung der Pflanzen nicht gelingt», sagt Arne Bilau. Die kleine Gruppe, die als Abschluss des Festes noch zum Kartoffelfeld zieht, ist sehr symbolisch - und wird natürlich trotzdem sofort eingekesselt und in Polizeigewahrsam gehalten, bis der Zug zurück nach Rostock einfährt.

Kommentierungen und Bewertungen

"Massenmilitanz ist zu dynamisch, als dass sie kontrollierbar wäre"
Jochen Stay gehört zu den Prominenten der politischen Gruppen, die mit dem Label 'Gewaltfrei' hausieren. Das als Hauptwiderspruch benutzte Label teilt in Gut und Böse, Innen und Außen, d.h. es ist ein markantes Beispiel für identitäre Gruppen- und Einheitsbildung - wie üblich verbunden mit dem Anspruch Weniger, für die nicht mehr gefragten Menschen in der geformten Einheit sprechen zu können. Jochen Stay ist einer dieser Weniger, andere wie die Zeitschrift "Graswurzelrevolution" und andere Koryphäen der Bewegung auch. Er ist aber auch einer derjenigen, die ihre eigene Identität als die herrschende Identität durchsetzen wollen - gegen die explizit nicht Gewaltfreien, aber auch gegen alle die, die offensiv äußern, sich dem identitären Rumgepose der Bewegungs-Obermacker nicht unterwerfen, sondern ihren eigenen Kopf benutzen und je nach Situation zwischen vielen Möglichkeiten der Aktionsformen entscheiden zu wollen.
Jochen Stay ist unbarmherzig: "Die Militanten verdienen keine Solidarität" - also egal ob gezielte Militanz oder das elendige Steinewerfen in die eigenen Reihen. Alle sollen dran glauben müssen und nach der Stay-Regel des Dazugehörens von jetzt nicht mehr dazugehören. Militante raus! "Wir" (in diesem Stil spricht Stay dann auch gleich mal für alle anderen mit) wollen die nämlich nicht.
Wenn Jochen Stay an Militanz denkt, führt er immer wieder die Beispiele auf, die in der Tat die Haare zu Berge stehen lassen: Steinwürfe aus der siebten Reihe, viele Platzwunden am Hinterkopf (so in Rostock nach dem 2.6.2007). Schon diese Kritik ist verkürzt, aber Stay denkt eben nicht politisch, sondern identitär. Die splitternden Glasfronten der immer wieder gleichen Feindbilder Banken und McDonalds müssten Kritik nach sich ziehen, die bei vielen Militanten genauso wie bei den Gewaltfreien offensichtlichen internen Gleichschaltungstendenzen und Dresscodes. Das alles ist wenig emanzipatorisch - und tatsächlich lassen sich unter den militanten Aktionen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte zumindest in Deutschland kaum aufklärerische, befreiende, eben emanzipatorische Orientierungen erkennen. Nur: Eine Kritik an der aktuell bestehenden Militanz in deutschen politischen Zusammenhängen ist zu unterscheiden an dem, was denkbar wäre an kreativer, inhaltsreicher Militanz. Das gilt für die Gewaltfreien ja ebenso: Die Langeweile, normierten Aktionen und verkürzten Inhalte der aktuell dominierenden Gewaltfreien in deutschen Landen taugen für eine Kritik an Stay, GWR & Co., aber nicht für eine grundsätzliche. Denn auch gewaltfreie Aktionen können kreativ, selbstbestimmt und inhaltsreich sind. Sind sie nur leider selten. Stattdessen dominieren peinlich genormte Aktionen wie die mit der amerikanischen Armee abgesprochene Blockade eines Eingangstors nahe Frankfurt, dass die US-Luftwaffe ohnehin gerade nicht brauchte. Oder Blockaden an den telegensten Plätzen der Castorroute, die mit dem eigenen Veto gegen den Wunsch aller anderen Gruppen durchgesetzt werden.
Das aber juckt Jochen Stay nicht. Er posiert wie ein PR-Manager mit den Ausnahmen, z.B. der gelungenen 5-Finger-Strategie auf dem Weg zum Zaun in Heiligendamm. In der Tat: Das war ein eher vielfältiges Konzept - und während der Aktion fehlten auch die Obermacker(innen) an den Megaphonen. So konnte sich alles interessant entwickeln. Kaum am Zaun angekommen, fanden sich die Herden wieder zusammen und machten das, was deutsche soziale Bewegung - egal ob gewaltfrei oder militant - am besten kann: Langeweile. Das Rumsitzen vor dem Zaun war nicht durch die Polizei erzwungen, analysiert Stay scharfsinnig. Recht hat er, aber schlußfolgert: "Diesen Ablauf hat nicht die Polizei bestimmt, sondern wir selbst, und das macht uns stark." Das 'Wir' sind wieder einmal er und seine Mit-Eliten der Bewegung, denn selbstverständlich ist nirgends irgendwie von allen entschieden worden, am Zaun tatenlos zu bleiben. Warum es stark machen soll, sich selbst zu disziplinieren, bleibt auch unklar. So bleibt der Marsch zum Zaun das einzige positive Beispiel. Dass es die Gewaltfreiheit gewesen sein soll, die den Erfolg bahnte - oder nicht vielleicht eher die kreative Vielfalt und das Abhandenkommen der ständigen Steuerung durch Führungspersonen, dass untersucht Stay lieber nicht. Je platter, desto besser für die Werbung, die schließlich auch signalisiert: Wir sind eine identitäre Gruppe. Darum brauchen wir Werbung für uns. 'Kommt zu uns!' (und nicht zu anderen) ersetzt politische Positionen, offene Debatte und einen Widerstand, der fragend voran geht ...

Der gesamte Text des Gewaltfreiheits-Vordenkers Jochen Stay in: Jungle World, 13.6.2007 (S. 19):
Die Faust öffnen! Die Militanten verdienen keine Solidarität. Ein Plädoyer für den gewaltfreien Widerstand.
VON JOCHEN STAY
Ist es politisch zielführend, aus einer Bündnisdemonstration heraus Verkehrspolizisten anzugreifen, ein Mittelklasse-Auto abzufackeln, sich dann hinter Familien mit Kindern zu verstecken und aus der 23. Reihe Flaschen und Gehwegplatten so zu werfen, dass mehr Demonstranten durch »friendly fire« verletzt werden als gut gepolsterte Beamte? Michael Kronawitter von der Antifaschistischen Linken Berlin konnte sich in der Jungen Welt vom 4. Juni darüber freuen, »Berliner Polizisten auch mal rennen zu sehen«, auch weil angeblich »in den letzten Jahren die Polizei den Ablauf von Protesten bestimmt« habe. Aber was ist daran politisch? Was ist daran solidarisch? Und wieso meinen Leute, die sich auf einer Demonstration so verhalten, hinterher müssten alle mit ihnen solidarisch sein?
Ich gebe zu: Mich macht das auch deshalb so ärgerlich, weil mir diese Erfahrungen nicht neu sind. Ich fand es schon in Wackersdorf unerträglich, dass mir, während ich am Zaun sägte, von hinten mit der Zwille Stahlkugeln um die Ohren geschossen und Leute neben nur von Mollis getroffen wurden. Und das Lachen mancher über die ach so militanten Oberpfälzer Bauern blieb dann doch im Halse stecken, als man erfuhr, dass die auch ganz selbstverständlich zu Hause ihre Frauen schlugen.
Massenmilitanz ist zu dynamisch, als dass sie kontrollierbar wäre. Das gilt genauso für Aktionen Einzelner, siehe den Mord an zwei Polizisten an der Startbahn West 1987. Leider sind diese Desaster anscheinend schon zu lange her, um heute noch eine Rolle zu spielen.
In der in den Anti-G8-Camps geführten Debatte um die Gewaltfrage kamen viele der Anhänger von Militanz mit Argumenten, die stark an diejenigen erinnern, mit denen früher für die Prügelstrafe in der Kindererziehung geworben wurde. Wer sich aber die bessere Welt mit der Verbreitung von Angst und Schrecken schaffen will, der muss wahrscheinlich lange auf sie warten. Revolutionen werden meist dadurch gewonnen, dass die Regierungstruppen zur Opposition überlaufen, weil sie deren Argumente nachvollziehen können, und nicht, weil sie Angst vor ihr haben.
Glücklicherweise wurde die Diskussion nach dem Rostocker 2. Juni auf überzeugende Weise mit den Blockadeaktionen am 6. Juni abgeschlossen. Kronawitter hatte noch kurz davor spekuliert: »Militanz heißt, nicht noch die andere Wange hinzuhalten, sondern auch mal zurückzuschlagen. Das wird in den kommenden Tagen sicher passieren.« Da hat er sich gründlich getäuscht.
Gelernt haben also viele was in den Tagen rund um Heiligendamm, einerseits über die politisch vernichtende Wirkung von Massenmilitanz - hatten wir doch vor der Rostocker Demonstration die Auseinandersetzung um den Gipfel quasi schon gewonnen. Und andererseits über die politisch erfolgreiche Wirkung offensiver gewaltfreier Aktion - hatten wir die Sache nach der Demonstration doch quasi schon verloren. Eine Rostocker Zeitung schrieb: „6000 gelangten am Mittwoch nahezu ungehindert am Kontrollpunkt Galopprennbahn an den Zaun. Ein Durchbruch bis in den Tagungsort wäre kein Problem gewesen. Es ist vor allem den Demonstranten zu verdanken, dass es keinen Angriff gab, der vermutlich in einer Katastrophe geendet hätte.“ Diesen Ablauf hat nicht die Polizei bestimmt, sondern wir selbst, und das macht uns stark.
Viele haben beim Training der Kampagne *“Block G8“ in den vergangenen Monaten gelernt, wie ein entspannterer Umgang mit der Polizei nicht weniger, sondern mehr Erfolg ermöglicht. Die Gipfel-Blockaden und die zum dort Ankommen angewandte flexible „Fünf-Finger-Methode“, mit der man Polizeiketten auseinanderzieht, haben es gezeigt.
Gewaltfreies Handeln wird häufig falsch verstanden als passives Stillhalten. Das Gegenteil ist der Fall: Gewaltfreies Handeln ist ein aktives Prinzip, das ermutigt und befähigt, Unrecht und Gewalt gezielt entgegenzutreten. Gewaltfreie Aktion kann also durchaus als Angriff auf das staatliche Gewaltmonopol verstanden werden. Viele gewaltfreie Aktivistinnen und Aktivisten gestehen dem Staat nämlich gerade nicht zu, Gewalt auszuüben. Sie sehen aber auch nicht ein, nur weil der Staat Gewalt anwendet, dies auch machen zu müssen, sondern suchen intelligentere Wege - die dann manchmal bis nach Heiligendamm führen.
Der Autor ist aktiv bei X-tausendmal quer, - der Gruppe, die das Fünf-Finger-System in die Kampagne »Block G8« eingebracht hat.

Beifall für diesen Text: In der Graswurzelrevolution Sommer 2007 zitiert der Redaktionschef Drücke aus dem Text von Jochen Stay und fügt hinzu: "Schön formuliert, Jochen!"

Mehr Zitate gegen Militanz im Kontext der G8-Proteste in Rostock und Heiligendamm 2007

Auszüge aus der Contra-Militanz-Position von Stefan Reinecke* in der taz, 5.6.2007
Der Krawall in Rostock hat drastisch vor Augen geführt, dass die Zusammenarbeit mit Militanten ein Irrtum der Anti-G-8-Bewegung war. Dort haben sich rabiate Jungmänner egozentrisch und gewalttätig aufgeführt - also ungefähr so wie George W. Bush auf internationaler Bühne. Es geht ihnen nicht um Politik, sondern um narzisstische Kicks. Wie man die Macht der Hedgefonds bricht oder globale Unrechtigkeiten abschafft, ist ihnen egal. Sie wollen sich, auf Kosten anderer, Adrenalinschübe verschaffen. ...
Keine Zusammenarbeit mehr mit Autonomen. Und zwar nicht bloß, weil Randale dem Image der Bewegung schadet. Sondern weil Chaoten und Bewegung wenig gemein haben. "Die Bewegung", so ein Linksradikaler kürzlich in der taz, "ist wie ein Orchester", die Militanz darin eine Stimme. Ganz falsch. Die Anti-G-8-Bewegung und die Militanten spielen völlig verschiedene Melodien.
*Journalist beim tagesspiegel, früher bei der taz und Freitag

Spaltungsgerede
Auszug mit Zitaten in: Junge Welt, 11.6.2007 (S. 13)

Die Abgrenzungsarien von Brangsch und Brie sind ebenso schrill wie aggressiv. »Das Prinzip eines ›überwältigenden Konsenses‹ muß durchgesetzt werden. Grenzen sind zu ziehen, oder gemeinsames Handeln ist nicht länger möglich. (...) Offensichtlich ist Zeit für einen Bruch. Let’s make it real.« Das klingt wie Peter Wahl vom ATTAC-Koordinierungsrat, der die Leser des Tagesspiegel wissen ließ, »daß alle, die sich nicht klipp und klar von Gewalt distanzieren, nicht zu uns gehören. Wir müssen gegenüber Gewalttätern eine ähnlich harte Haltung einnehmen wie gegenüber Neonazis: Wir wollen euch nicht bei uns.«

Bodo Ramelow: Kirchentage als besserer Widerstand
Auszug aus "G-8-Richter angezeigt", in: Junge Welt, 11.6.2007 (S. 1)
Fraktionskollege Bodo Ramelow kämpft derweil an der entgegengesetzten Front. Der Vizevorsitzende der Linkspartei.PDS erkor am Sonntag – frei nach Spiegel online: »Rostock-Gewalt=Köln« - den evangelischen Kirchentag zum großen Vorbild für globalisierungskritische Kundgebungen, ja Demonstrationen überhaupt. Ramelow ging auf Distanz zu allen Kritikern des massiven Polizeieinsatzes in Heiligendamm. Protest soll besser fernab vom eigentlichen Geschehen stattfinden und bitte auch der Bundeskanzlerin genehm sein, bleibt als Schlußfolgerung aus seiner Erklärung »Ein anderer Protest ist möglich«.

Konsens als Machtwort, Autonome als Feinde der Demonstration - pro Spaltung
Auszüge aus dem Standpunktepapier "In der Sacke - oder: Mittel beherrschen Ziele" von Lutz Brangsch und Michael Brie (Rosa-Luxemburg-Stiftung), dokumentiert in: Junge Welt, 6.7.2007 (S. 3)

Die Toleranz wurde zu einem Nebeneinander, das dazu ausgenutzt wurde, Strategien durchzusetzen, die durch keinen Konsens gedeckt waren. ... Der schwarze Block hat in Rostock vor allem ein Anliegen erfolgreich bekämpft – den legitimen und wirkungsvollen Demonstrationszug der Gewaltlosen. Die falsche Toleranz im Vorfeld und die fehlende offensive Vorbereitung auf diese Gewalt durch die Organisatoren der Demonstration hat diesen Sieg der Unvernunft und Inhumanität möglich gemacht. (...) Offensichtlich ist Zeit für einen Bruch. Let’s make it real.
Auszüge aus dem dazugehörigen Artikel "Raus aus der Sackgasse", in: Junge Welt, 6.7.2007 (S. 3)
Als Gegner jeder Militanz traten Michael Brie vom Vorstand der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Sven Giegold vom globalisierungskritischen Netzwerk ATTAC hervor.

Auszüge aus dem Rundbrief "Entschuldungs-Kurier EXTRA 1/2007 zum G8-Protest:
Leider bestimmten andere Bilder die Berichterstattung ... Diese Gewalttätigkeiten haben uns zutiefst erschüttert und wir haben uns sofort von jeglicher Gewalt klar und deutlich distanziert. Es ist für uns besonders niederschmetternd, das eine handvoll Gewalttäter das Bild dieser friedlichen Demo so zerstörten.
Aus der Erklärung des Lenkungskreises der Erlassjahrkampagne (abgedruckt auf Seite 2):
Am 2. Juni abends hätten wir Protestierer die Fernsehschirme der Welt für uns gehabt. Statt aber über Schuldenerlass, eine gerechtere Nord/Süd-POlitik bei Hasndel, Finanzen, Umwelt oder Ressourcennutzung zu informieren, haben die Medien Bilder von der Gewalt in Rostock um die Welt geschickt. Gewalttätige Demonstranten haben ein Auto in der Rostocker Innenstadt verbrannt, Schaufenster eingeworfen, Polizisten mit Steinen und Schlagstöcken angegriffen. Diese Demonstranten kümmert der Schaden, den sie den Anliegen der Entschuldung der Entwicklungsländer, einem gerechteren Welthandel, einer Auseinandersetzung mit dem Klimawandel und einer solidarischen Globalisierung beigefügt haben. Die Medien haben fast ausschließlich über diese Gewalt berichtet.
Der Lenkungskreis von erlassjahr.de möchte seinen Mitträgern gegenüber seine Enttäuschung über diesen gedankenlosen und unpolitischen Aktionen der Gewalttäter zum Ausdruck bringen und sich eindeutig davon distanzieren.

Jimi Merk (Informationsstelle Peru) in: iz3w Juli 2007 (S. 4)
Die anschließende Randale hat mich wütend gemacht. Dabei ist mir letztlich egal, ob eine Provokation der Polizei oder ein Pflasterstein der Auslöser war. Die Polizei hat zum Beispiel mit den Kampfuniformen während der Demo und mit dem lärmenden Hubschrauber über der Kundgebung die Spannungen eskalieren lassen. Dies rechtfertigt allerdings in keinem Fall die Aktionen der so genannten Autonomen, die mit ihren Stein- udn Flaschenwürfen Leben und Gesundheit von PolizistInnen und DemonstratInnen gefährdet, die Demonstration als Tribüne für ihren Auftritt und ander Randale unbeteiligte DemonstrantInnen als Schutzschild vor den Angriffen der Polizei missbraucht haben. Gehören diese Leute zu uns? Der (politische) Kampf gegen unser Wirtschaftssystem hat für mich nicht mit einem (militärischen) Krieg gegen die Polizei zu tun!

Angela Klein in der SoZ 7/2007 (S. 9)
Der Schutz der Massenaktion vor ihrer Denaturierung und Instrumentalisierung für fremde Zwecke muss gewährleistet sein - und zwar von den Akteuren selbst.

Auch Linksradikale auf Anschlusssuche an den Anti-Gewalt-Diskurs?
Auszug aus einem Streitgespräch mit Olaf Bernau, dokumentiert in der taz, 19.6.2007

Wenn man nur den Samstag nimmt, würde ich sagen: Der Anfang wurde in der Tat von Seiten der DemonstrantInnen gesetzt.

Auszüge aus Strutynski, Peter: "Gewaltverhältnisse. Rostock, Heiligendamm und die Folgen"
Wo Steine fliegen, hört jegliche Diskussion auf. ...
Eine einseitige Schuldzuweisung für die eingetretene Situation in Rostock an die Adresse des nur im äußeren Erscheinungsbild einheitlich wirkenden, in Wirklichkeit aber sehr heterogenen „schwarzen Blocks“ halte ich aus diesen Gründen für verkürzt. Völlig verfehlt war auch die an den Tenor der ersten Medienberichte sich anschließende Erklärung aus der Demonstrationsleitung, wonach die Polizei an der Entstehung der Gewaltsituation keine Schuld trage. Vielmehr hätte sie sich an die vereinbarte Deeskalationsstrategie gehalten. Dem steht doch eine Reihe von Fragen gegenüber, die im weiteren Verlauf der Untersuchungen zu überprüfen wären. In welche Gruppen des schwarzen Blocks waren verdeckt arbeitende Polizisten eingeschleust worden? Immerhin ist mindestens ein Polizeispitzel von Demonstranten enttarnt worden. Unvorstellbar, dass dies der einzige gewesen sein soll. Welche Strategie verfolgten die eingeschleusten Polizisten in Zivil? Lautete ihr Auftrag tatsächlich nur „Informationsbeschaffung“ oder hatten sie auch freie Hand, zur Gewalt aufzustacheln? Liegen der Polizei Erkenntnisse vor, ob sich im schwarzen Block auch eingeschleuste rechtsradikale Gruppen befanden? Wie konnte es passieren, dass ein Polizeiauto auf dem Kundgebungsplatz „zurück gelassen“ wurde? Manche Beobachter sahen in dem tätlichen Angriff auf dieses Auto den entscheidenden Auslöser für das Eingreifen der Polizei. Der ehemalige Münchner Polizeipsychologe Georg Sieber äußerte sich hierzu in einem Interview: „Das empfanden einige Teilnehmer offensichtlich als Herausforderung. Das Fahrzeug wurde attackiert, ein Gruppe von Polizeibeamten versuchte einzugreifen, und danach überstürzten sich die Ereignisse.“ Wozu kreiste ein Polizeihubschrauber immer wieder für längere Zeit direkt über dem Kundgebungsplatz und erzwang auf diese Weise die wiederholte Unterbrechung der Kundgebung? Warum war das vereinzelte Abschießen von Feuerwerkskörpern - bei der Auftaktkundgebung am Bahnhof gleichsam als Beigabe zum karnevalistischen Charakter des Aufzugs noch geduldet – am Rande der Schlusskundgebung Anlass für polizeiliche Übergriffe?
Um nicht missverstanden zu werden: Hier soll nun keineswegs der Versuch gemacht werden, den Spieß einfach umzudrehen und die Randalierer aus dem schwarzen Block zu entschuldigen. Mir geht es vielmehr darum, auf die strukturelle Ähnlichkeit des Verhaltens gewaltbereiter „Protestierer“ und gewaltbereiter „Ordnungskräfte“ hinzuweisen. Zwischen ihnen besteht ein psychisch-mentaler symbiotischer Zusammenhang, der sich – beinahe gesetzmäßig – in einer Spirale der Gewalt entlädt, wenn die äußeren Rahmenbedingungen es zulassen. Und diese Rahmenbedingungen wurden im Vorfeld von Rostock geschaffen. Unnötig zu sagen, wessen politische Geschäfte hierbei erledigt werden.
Unnötig auch zu sagen, dass eine an politischer Aufklärung interessierte globalisierungskritische und Friedensbewegung jegliche Gewalt bei Demonstrationen strikt ablehnen muss.

Auszüge aus einer lesenswerten Zusammenfassung zum Anti-Gewalt-Hype nach dem 2.6.2007 auf Indymedia
Die Reaktion des Rostock-Bündnisses
Selbstverständlich sind die Möglichkeiten eines Bündnisses beschränkt, auf diesen Krieg der Bilder adäquat Einfluss zu nehmen. Dass die Wirklichkeit in der Hand der Beteiligten liegt, deren Ausdeutung und Nachbelichtung jedoch in der Hand des embedded Journalismus, sollte jedoch den Erfahrenen innerhalb des Bündnisses nicht entgangen sein. Anstatt die Pressekonferenz noch am selben Abend abzuhalten, verschob man sie auf den folgenden Tag. Zeit genug, um Kron-Zeugen aus den Reihen des Bündnisses zu suchen, die die Version eines marodierenden Schwarzen Blockes stützten.
»Wir wollen euch nicht mehr sehen!«, erklärte Attac-Sprecher Peter Wahl am Sonntag im Fernsehsender nt-v in Richtung Autonome. Bei dem »schwarzen Block« handele es sich »um eine Gruppe von Personen, die mit der Absicht, Krawall zu machen, angereist ist.«
Monty Schädel, Anmelder der Rostock-Demonstration und Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft verglich am Sonntag abend in einem ZDF-Interview die Ereignisse vom Vortag mit den Pogromen 1992 in Rostock-Lichtenhagen vor einem Flüchtlingsheim.
Werner Rätz, der zum linken Flügel im Attac-Koordinierungskreis zählt und Mitglied in der Interventionistischen Linke/IL ist, komplettierte die Kronzeugenliste. Er entschuldigte sich »bei den Rostocker Bürgern für die Eskalation…(und) präzisierte (dabei), wie seine Organisation in den kommenden Tagen mit mutmaßlichen Militanten umzugehen gedenke: ›Wenn einer ankommt, mit Kapuze und Palästinensertuch vor dem Gesicht, dann sagen wir dem, er ist unerwünscht.‹ Nachdem auch der linke Flügel innerhalb Attac wegknickte, meldete sich Peter Wahl mit einer allerletzten Attacke zu Wort: »Wir werden in Zukunft nur noch Demonstrationen mit der klaren Ansage machen, dass alle, die sich nicht klipp und klar von Gewalt distanzieren, nicht zu uns gehören. Wir müssen gegenüber Gewalttätern eine ähnlich harte Haltung einnehmen wie gegenüber Neonazis: Wir wollen euch nicht bei uns.«
Mit dieser Gleichsetzung brachte sich der Attac-Sprecher auf die Höhe rechter Totalitarismus-Theorien und machte sich zum Bündnispartner jener, die sich in Heiligendamm zum G-8-Gipfel trafen.

Auszug aus Jürgen Elsässer, "Provokateure raus!" in: Junge Welt, 16.6.2007 (S. 11)
Glaubwürdig kann die Linke diesen Widerstandsparagraphen jedoch nur für sich reklamieren, wenn sie sich als Verteidigerin und nicht als Feindin der Verfassung präsentiert. Das schließt die darin festgeschriebene Garantie des Privateigentums ein - allerdings auch dessen soziale Bindung und die Möglichkeit für Enteignungen, mit anderen Worten: das venezolanische Übergangsmodell zum Sozialismus. Für dieses Programm sind nicht nur Christdemokraten wie Heiner Geißler und Norbert Blüm zu begeistern, sondern auch Polizisten und Soldaten ...

Folgen ... Wir-sind-völlig-nett-Neurose

Einleitungstext zu einer Bilderreihe vom G8-Protest ... dann folgt vor allem Langeweile, zwar bunt gekleidet, aber ohne kreative Aktion
Seit den militanten Auseinandersetzungen auf der Großdemonstration am 2. Juni in Rostock sieht die gesamte Weltpresse den Geist von Genua heraufziehen und widmet sich mit aller Leidenschaft ausschließlich den Autonomen. Erfreulicherweise können wir, als autonomes, linksradikales Fotoarchiv, uns somit ganz darauf konzentrieren, auf die anderen Gesichter des G8-Widerstandes hinzuweisen - sozusagen um Gegenöffentlichkeit herzustellen.
Nun denn:, das Schwadronieren über den "Holiganismus" der Autonomen überlassen wir einstweilen der taz. In dieser Bildgalerie über den 2.-4. Juni in Rostock seht ihr erste Eindrücke eines kreativen, militanten, internationalen und bunten Widerstandes gegen den G8-Gipfel.

Auszug aus "Bunte Bilder statt Schwarzer Block", in: FR, 6.6.2007 (S. 5)
Bunte Plansche-Bilder, hilflose Versuche, die Aufnahmen von Randale und Gewalt zu verdrängen.
"Wir müssen zu unserem Konzept zurückfinden, das wir seit 2005 vorbereitet haben", sagt Monty Schädel von der Deutschen Friedensgesellschaft. Die Vielfalt einer Protestbewegung müsse gezeigt werden, die nicht auf Eskalation mit der Polizei aus sei. In den Camps sehen das längst nicht alle so. Dort mischen sich militante Autonome, Christen, Friedensaktivisten, Umweltschützer. "Friedlich, anders kann es gar nicht gehen", sagt eine junge Frau aus Köln im Camp Reddelich.

Rameleien
Bodo Ramelow, PDS-Führungskader und zuständig für die autoritäre innere Organisation, verglich Kirchentag und G8-Protest, zitiert in: Junge Welt, 11.6.2007 (S. 8)
Über sein Büro ließ er ausrichten: »Für mich war der Kirchentag aber auch schärfer«. Bitte was?! »Er war schärfer in der Kritik an der unakzeptablen Zurückhaltung der G8 bezüglich Klimaschutz und Armutsbekämpfung und zwar in doppelter Hinsicht.« Doppeltgemoppelt zeigt Ramelow allen G-8-Gipfelgegnern den Weg zum Gipfelkreuz. »Einerseits war auf dem Kirchentag scharf getrennt zwischen eindeutig friedlichen und mit Gewalt unklar umgehenden Demonstranten, denn es gab einfach niemand, der Gewalt als Mittel des Protests toleriert oder gar gerechtfertigt hätte«. Nur Gott allein schenkt fröhlich ein. Dann freuen sich auch die Wachtmeister: »Andererseits konnte man auf dem Kirchentag auch ›die andere Seite‹ schärfer sehen, denn die Polizei fand nicht nur mit dicken Helmen und in Hubschraubern statt, sondern die Beamten waren als ganz normale Menschen zu erkennen und jederzeit freundlicher Ansprechpartner«.

Nicht besser - die Gegenseite: Fetisch Militanz statt Inhalt und Vielfalt

Dasselbe nochmal: NATO-Gipfelproteste 2009 in Straßbourg

Alle Gewalt ist "kontraproduktiv" - immer, überall, in jedem Kontext!
Auszug aus Andreas Speck: "Nach Straßbourg. Zum Umgang mit Gewalt in den eigenen Reihen", in: GWR Mai 2009 (S. 11 f.)
Als GraswurzelrevolutionärInnen, als gewaltfreie AnarchistInnen müssen wir uns jedoch auch mit Gewalt aus den Reihen sozialer Bewegungen auseinandersetzen, denn diese Gewalt ist aus unserer Revolutionsperspektive kontraproduktiv. ...
Auch wenn "wir ... weit davon entfernt [sind], aus der Gewaltfreiheit wieder ein Dogma zu machen" (Clara Wichmann), so kann es doch auch nicht darum gehen, Differenzen in der linken und revolutionären Bewegung zuzukleistern und durch Aussparung der Gewaltdiskussion letztendlich einem "Alles ist möglich" das Wort zu reden. Auch die "Toleranz der Aktionsformen" hat ihre Grenzen, und die sind nicht erst da erreicht, wo Menschenleben bedroht werden, sondern da, wo durch die Militanz einiger die gesamte Bewegung in eine aus meiner Sicht falsche militante Auseinandersetzung gedrängt wird. ...
Auch wenn ich schon jetzt den Spaltungsvorwurf höre, so gibt es für mich klare Bedingungen für eine zukünftige Zusammenarbeit. Und dem Spaltungsvorwurf entgegne ich, dass hier faktisch der spaltet, der Menschen und Gruppen durch die Nichtbeachtung ihrer Aktionsformen und -grenzen aus der Bewegung drängt. ...
Folgende Bedingungen kann ich mir für eine zukünftige Zusammenarbeit vorstellen: ... klare Absprachen zu einem eventuellen gemeinsamen Camp und zum Umgang mit Eskalationen und der Polizei, sowie die Bereitschaft, diese Absprachen auch gegenüber nicht an den Absprachen beteiligten Gruppen und Personen mit durchzusetzen; klare Absprachen, Demonstrationen nicht für eine Auseinandersetzung mit der Polizei zu nutzen.

Absurd: Eine Seite vorher versuchen die "Gewaltfreien", französische Proteste für ihre Ideologie einzugemeinden - und beschreiben dabei sogar das Einsperren von Menschen als positive Aktion (vergleiche die dogmatische Position im Hegemoniekampf nach innen und die PR-orientierte Vereinnahmung von Aktionen nach außen!), in: GWR Mai 2009 (S. 10)
Der Blockierte ist zum Verbleib am Ort gezwungen, manchmal bis die Polizei räumt. Trotzdem wird die Person weder körperlich bedroht noch verletzt.

Auszug aus Ulrike Laubenthal/Hans-Peter Richter, "Gedanken zur spektenübergreifenden Zusammenarbeit", in: GWR Mai 2009 (S. 12 f.)
Und deshalb brauchte die Regierung dringend Gewalt von Seiten der DemonstrantInnen. Nehmen wir mal an, es hätte an diesem Tag keinerlei Gewalt von Seiten der DemonstrantInnen gegeben. Keine Rauchsäulen über Hotels, keine zerstörten Bushäuschen, keine erbosten AnwohnerInnen, nicht mal Vermummte. Nehmen wir an, die Polizei hätte ihr Tränengas und ihre Blendgranaten von Anfang bis Ende ausschließlich gegen Leute eingesetzt, die in keinerlei Weise auf diese Eskalation eingestiegen wären. Der politische Preis wäre vermutlich inakzeptabel hoch gewesen. Wir werden nie herausfinden, welche der Gewalttaten von agents provocateurs und welche von "echten" DemonstrantInnen begangen wurden. Sicher ist: Sie haben alle der Gegenseite gedient.
Das heißt andererseits: Wir können als AktivistInnen unseren eigenen Handlungsspielraum erweitern, wenn wir uns auf eine Strategie der aktiven Gewaltfreiheit festlegen. Wenn von vornherein klar ist, dass wir unsererseits unter keinen Umständen Gewalt anwenden werden, dann weiß die Gegenseite, dass sie einen hohen Preis zahlen muss, wenn sie uns mit Gewalt angreift. ...
Ein Glück für die Polizei, dass es ausreichend Bilder von gewalttätigen DemonstrantInnen gab - sonst wäre sie womöglich in Erklärungsnot geraten, warum sie friedliche Leute angreift. ...
Gewalt ist eine soziale Verhaltensweise, die subjektiv aus der Sicht des Täters in aller Regel sinnvoll und gerechtfertigt erscheint. Objektiv gesehen ist sie aber unserer Meinung nach immer schädlich. Sie mag einen kurzfristigen Erfolg bringen, ein Vordringen ermöglichen, ein Gefühl des Triumphs geben - langfristig schadet sie der Bewegung. Deshalb ist unsere Antwort auf die Frage nach Kriterien für militante Aktionen relativ einfach: Wenn "Militanz" bedeutet, dass man Menschen angreift, direkt oder indem man ihr Eigentum zerstört, dann halten wir alle militanten Aktionen für falsch. Gewalt schadet uns, egal von wem sie ausgeht. ...
Wir haben hier die strategischen und taktischen Gründe dargelegt, warum Gewaltfreiheit für eine soziale Bewegung sinnvoller ist als Gewalt. Darüber hinaus haben wir ethische Gründe, uns grundsätzlich gegen Gewalt zu entscheiden. Darüber diskutieren wir gerne.

 

Steigerung: Gewaltfreiheit als Gesamtideologie mit z.T. religiösen Zügen

Beispiele: Auszüge aus dem umfassenden Buch von Gernot Jochheim, 1984: Die gewaltfreie Aktion. Rasch & Röhring, Hamburg.
Zur Definition von Gewaltfreiheit und gewaltfreier Aktion:

Die Träger von gewaltfreien Aktionen halten Personen nicht fest und verletzen niemanden, zerstören in der Regel keine Sachen, die nicht ihr Eigentum sind ... (S. 23)
Ist doch das Wesensmerkmal der gewaltfreien Konfliktaustragung allein vom Begriff her der Verzicht auf Gewaltanwendung. ... Wo immer Menschen auf der Welt bewußt und aktiv auf gewaltfreiem Weg gesellschaftliche und politische Veränderungen erkämpfen wollen oder gewaltfreien Widerstand leisten, tun (oder taten) sie dis auf der Grundlage eines Gewaltfreiheitsverständnisses, dessen Grundsätze nicht voneinander abweichen. (S: 288 f)
Zu Sabotage und Gewalt gegen Sachen:
Was bringt ein Sabotageanschlag, selbst wenn er erfolgreich ist und großen Schaden anrichtet? Im Grunde nichts, jedenfalls nichts Gutes. ... Der Terror liegt, darüber sind sich viele Saboteure nicht im klaren, in der Konsequenz der Sabotage. Gegenwärtig verwenden die Saboteure noch grße Sorgfalt darauf zu verindern, daß bei ihren Aktionen Menschen zu Schaden kommen, doch läßt sich das auf die Dauer kaum durchhalten. ... Was macht ein Sabotagetrupp, der glaubt, einen Spitzel in seinen Reihen enttarnt zu haben? Und was geschieht, wenn sich, nachdem er "unschädlich" (wie es so schön heißt) gemacht wurde, nachträglich herausstellt, daß er unschuldig war? Was geschieht, wenn ein Sabotagetrupp bei der Aktion erwischt wird? Das sind keine Ausgeburten eines kranken Gehirns, das hat sich vielmehr immer wieder ereignet. Den meisten Menschen fehlt es offensichtlich entweder an Phantasie oder an Erfahrung und Kenntnissen, um sich die Konsequenzen ihres Handelns vorzustellen. ... Sabotage kann langfristig nur konspirativ gemacht werden. Konspiration aber bedingt eine möglichst vollständige Abkapselung von der Umwelt. Saboteure und Terroristen nehmen ihre Umwelt nur noch verzerrt und selektiv wahr. ... Der politische Effekt der Sabotage ist mithin eine Verhärtung der Fronten, eine Polarisierung zwischen der großen Masse der Befürworter der Atomenergie und einer radikalen Minderheit von Gegnern. (S. 113 f)
Je mehr Gewalt, desto weniger Revolution. (S. 121)
Gegen jede Gewalt, Gewalt = Gewalt:
Gemeinsam haben diese Initiativen an vielen Punkten den Kampf gegen alle Arten von Gewalt mit gewaltfreien Mitteln. (S. 123)
Scheinbar gegen Normierung:
Wenn einzelne, Gruppen oder Organisationen beziehungsweise Institutionen versuchen, andere Mitglieder der Gesellschaft zur Einhaltung bestimmter Normen oder Verhaltensweisen zu bewegen, so bezeichnet man in der Soziologie die entesprechenden Maßnahgmen als "Sanktionen". (S. 279)
Gewaltfreiheit immer erfolgreich:
Herrschende können - ohne ihre Position zu gefährden - gegen gewaltfrei Akteure im Hinblick auf die Öffentlichkeit, vielleicht sogar "Weltöffentlichkeit", nicht in dem Maße staatliche Gewalt einsetzen, wie dies gegen Gewalttäter möglich ist. ... Jede Gewaltanwendung durch die Opponenten bietet den Herrschenden ein Alibi bei der Praktizierung von Unterdrückungsmaßnahmen und vermindert wie Sympathie der Öffentlichkeit. (S. 287)
Zu dieser Haltung gehört als Wesensmerkmal die Bereitschaft, lieber Leiden auf sich zu nehmen , als Gewalt anzuwenden. ... In keinem Fall - und mag er von der Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit seines Anliegens noch so überzeugt sein - fügt der Gewaltfreie jenen, die der Verwirklichung seines Ziels entgegenstehen, Schaden zu. (S. 25)

Auszüge aus Günther Gugel: "Wir werden nicht weichen". Erfahrungen mit Gewaltfreiheit. Eine praxisorientierte Einführung. Tübingen 1996, S. 12-22, Gesamttext hier ...
Als Fernziel wird deshalb auch eine sozial gerechte, demokratisch organisierte (Welt-)Gesellschaft gesehen, die es bereits heute anzustreben und wo immer möglich in Teilen zu realisieren gilt. ...
Grundlegend ist die Erkenntnis, daß in unserer Zeit und in unserer Gesellschaft mit Gewalt oder mit der Androhung von Gewalt keine Konflikte wirklich gelöst werden können, keine Ungerechtigkeiten beseitig und keine Unterdrückung aufgehoben werden können. ...
Hinzu kommt, daß heute der Staat nicht mehr Garant der sittlicher Normen ist und sich politische und gesellschaftliche Entscheidungen häufig an partikularen gruppeninteressen orientieren.
Die Kritik an der Wachstums- und Wohlstandsorientierung ist heute zwar vorhanden, doch fehlen bislang gangbare Vorstellungen einer zukunftsfähigen, ökologisch vertretbaren Lebensweise.
Gewaltfreies Handeln versteht sich - gerade auch in einer solchen gesellschaftlichen Situation - als ein Handeln, daß an klaren sittlichen Werten orientiert ist und Beteiligungsformen für alle Bürger eröffnet.
Die wesentlichen Kennzeichen der Gewaltfreien Aktion sind:

Für die Legitimation des zivilen Ungehorsam spielt die Berufung auf ein höheres, vorstaatliches Recht, eine wichtige Rolle. ...
"... Ein gerechtes Gesetz ist ein von Menschen gemachtes Gesetz, das mit dem Gesetz der Moral oder dem Gesetz Gottes übereinstimmt. Ein ungerechtes Gesetz dagegen ist ein Gesetz, das mit dem Gesetz der Moral nicht harmoniert. ..."
(Martin Luther King: Freiheit. Kassel 1964, S. 174).

Wolfgang Sternstein: Von Wyhl nach Brockdorf. O.O., o..J. S. 15
Gewaltfreiheit ist etwas anderes als Verzicht auf physische Gewaltanwendung. Ich kann einem Menschen mit haßerfülltem Herzen begegenen, ohne ihm ein Haar zu krümmen, aber gerade dann tue ich ihm Gewalt an! Mit dem Begriff Gewaltfreiheit wird mancher EtikettenSchwindel betreiben. Wer auf physische Gewaltanwendung gegenüber Menschen verzichtet, handelt noch lange nicht gewaltfrei. Das entscheidende Motiv der gewaltfreien Aktion ist die Nächstenliebe oder Feindesliebe. Ohne Feindesliebe kann es überhaupt keine gewaltfreie Aktion geben, die diesen Namen verdient.

Naive Herrschaftsanalyse: Macht wird gut, wenn sie gewaltfrei ausgeübt wird

Auszug aus Stehn, Jan (1995): "Eine Struktur für die Freiheit"
Kein Gewaltmonopol sondern gewaltfreie, soziale Machtausübung.

Gewaltfreiheit als Ausdruck demokratischer Gesinnung?

Ausgerechnet AnarchistInnen definieren sich als demokratischen Protest - die Gewalt hätte den verunglimpft ...
Auszug aus der Jugendzeitung "Utopia", Ausgabe Nr. 1 / Herbst 2007 (Download über www.jugendzeitung.net)*

Die Gewalt wurde von den Organisator/innen sowie von der überwältigenden Mehrheit der Anwesenden abgelehnt. Doch die Gewaltszenen beherrschten die Wahrnehmung in den Medien. Somit wurde der Protest für eine friedlichere, demokratischere, sozialere und ökologischere Welt von einigen wenigen Militanten und den Medien weniger glaubwürdig gemacht .Zudem wurde den Repressionen und Sicherheitsmaßnahmen im Vorfeld ein Rechtfertigungsgrund gegeben.

*Hinweis: Die vermeintliche Jugendzeitung erscheint in gleicher Machart, mit gleichen Positionen und gleichem V.i.S.d.P. wie die Graswurzelrevolution!

Gewaltfreiheit spaltet in Gut und Böse

Auszug aus Mathias Edler (2001): Demonstranten als "Staatsfeinde" - "Staat" als Feindbild?", Alte Jeetzel-Buchhandlung (S. 119). Edler war bei Erscheinen des Buches Sprecher der BI Lüchow-Dannenberg
Die im Vorfeld schon ausgiebig praktizierte Betonung des eigentlich selbstverständlichen "gewaltfreien" Aktionsverhaltens hat diese trennende Wahrnehmung zur Folge. Indem die Aktivisten von "x-tausendmal-quer" die Anlaufstelle für die meisten Gorleben-Demonstranten, den symbolträchtigen Ort vor dem Dannenberger Verladekran für sich reklamieren und damit zur "gewaltfreien Zone" erklären, werden die anderen Aktionsorte an der Strecke automatisch zu "Gewaltzonen" abgestempelt. Die Ursache liegt in de Versuch, das den Atomkraftgegnern zugedachte Feindbild nicht als solches ad absurdum zu führen, wie dies die Bauern mit der Kampagne "Wir sind die Chaoten!" getan haben, sondern beweisen zu wollen, dass die Teilnehmer der Aktion diesem Feindbild nicht entsprechen. Dabei wird das Feindbild aber grundsätzlich angenommen, man reagiert hier nur mit dem Reflex "Ja, aber wird sind anders!". Dadurch begünstigt "x-tausendmal-quer" unbeabsichtigt die von Politiker-, Polizei- und Medienseite vorgenommene Spaltung in "gute" und "böse" Demonstranten, in "gewaltfreie Bürgerinitiativler" und "militante Autonome". Der in den Medien und den Parlamenten erreichte politische Raum wird hier auf Kosten anderer Atomkraftgegner erreicht, die nicht automatisch weniger "gewaltfrei" sein müssen als die "x-tausender".

Fallbeispiel G8-Protest

Die Debatte um Gewalt hat auch noch aus einem anderen Blickwinkel quasi-religiöse Züge. Immer scheint es gleich um das Ganze zu gehen. Wer hier eine andere Meinung vertritt, spaltet, ist ein "Spatzenhirn" (Kommentar in der FR), hilft der anderen Seite usw. Innen und außen werden konstruiert, die Schafherden gesammelt hinter das Einhauchen der kollektiven Idee von Gewaltfreiheit oder Militanz - je nach Couleur.
Im Vorfeld der G8-Proteste hatten sich die Eliten der verschiedenen Strömungen gegenseitige Akzeptanz und Unterstützung beim gemeinsamen Ziel der Dominanz in der Mobilisierung geschworen. Dieser Schwur zur gemeinsamen Herrschaftsausübung hielt auch über alle Unwägbarkeiten hinweg - außer, wenn das Thema auf die Gewaltfrage kann. Es war ein Leichtes für Medien, Politgrößen usw., durch eine einzelne kleine Frage immer wieder alle Gemeinsamkeit über den Haufen zu werden. Teilweise fielen diese Versuche richtig krampfhaft aus. Als Beispiel mag hier die Frankfurter Rundschau dienen, sie schon seit langem diesen Glaubenskrieg in soziale Bewegungen trägt und eines der Kampfblätter in Sachen der Spaltung in guten und schlechten Protest darstellt. Auslöser einer beeindruckenden Reihe täglicher (!) Hetzkommentare, verbunden immer mit der Empfehlung, zu spalten, auszugrenzen, Teile des Protestes zu entfernen, war eine absurde Razzia von Polizeitruppen gegen verschiedene linke Zentren und Privatwohnungen am 9.5.2007.

10.5.2007: Auszug aus einem Kommentar von Stephan Hebel in der Frankfurter Rundschau, 10.5.2007 (S. 3)
Spatzenhirne, das wird niemand bestreiten, sind ja neben den vielen Besorgten, Gewaltfreien und Vernünftigen auch unter Globalisierungskritikern zu finden: Farbbeutel-Revolutionäre und Zündler, die sich über Strafverfolgung nicht wundern sollten. ... Aber eines sollten sie* auf keinen Fall tun: sich zu falscher Solidarität mit Gewalttätern provozieren lassen. Dann nämlich hätte sich die Unterstellung, die Grenzen zur Gewalt seien fließend, im Nachhinein bewahrheitet. Stephan Hebel
*gemeint: sog. friedliche DemonstrantInnen

11.5.2007: Auszug aus einem Kommentar von Richard Meng in der Frankfurter Rundschau, 11.5.2007 (S. 3)
Nach den Razzien bei Globalisierungskritikern war an dieser Stelle von "Zündlern" die Rede. Gemeint waren Leute, die durch gewaltsame Aktionen den Unbelehrbaren auf der anderen, der staatlichen Seite die Vorwände für eine Kriminalisierung des gesamten Protests gegen den G8-Gipfel liefern. ... Auch wer nicht alle Parolen der Protestierenden unterschreiben kann, sollte spätestens jetzt auf großen Zulauf friedlicher Demonstranten hoffen. Sie haben ein neues Ziel gewonnen: zu zeigen, dass ein Repräsentant des Staates, der in den Kampf-Kategorien der 68er Jahre denkt, sie von ihrem Recht nicht abhalten kann. Und dass er sie nicht provozieren kann, mit Gewalt zu reagieren.

12.5.2007: Auszug aus einem Kommentar von Richard Meng in der Frankfurter Rundschau, 13.5.2007 (S. 3)
Diese Spirale von Aktion und Reaktion war leider absehbar. Zuerst die groß angelegten Polizeirazzien, danach die demonstrativen Straßenproteste, in Hamburg mit Regelüberschreitung. So, wie eine Überreaktion auf die andere folgt, schwindet schon vier Wochen vor dem G 8-Gipfel in Heiligendamm die Hoffnung, dass in der wichtigen Diskussion über die Folgen der Globalisierung Argumente im Zentrum stehen. ... Weil es in der autonomen Szene einen ohnehin begonnenen Prozess der Aufspaltung verstärken kann, bei dem am Ende tatsächlich wenige besonders Verbohrte meinen, aus dem Staatshandeln ergebe sich die Legitimation für "Widerstand" per Gewalt. Wo sind die Besonnenen geblieben? Wo Leute, die darauf pochen, daran erinnern, dass Protest immer umso friedlicher ablief, je größer die Beteiligung war? Sie dürfen sich die Globalisierungsdebatte gerade jetzt nicht aus der Hand nehmen lassen.

12.5.2007: Auszüge aus einem Leserbrief und erneute Polemik in der Antwort von Stephan Hebel darauf, 13.5.2007 (S. 7)
War die FR nicht mal eine links-liberale Tageszeitung bzw. besser, nahm dieses für sich in Anspruch? Dieser Kommentar von Stephan Hebel zeigt, wie weit sich die FR bereits davon entfernt. KritikerInnen der G8 als "Spatzenhirne" zu bezeichnen und gleich ganz martialisch von abgefeuerten Kanonen zu sprechen, zeugt von Missachtung des Rechts auf Meinungsäußerung, Kritik und zivilen Ungehorsam. Aber genau dies ist nötig, wenn die menschen- und naturverachtende Politik der G8 geändert werden soll - und das wiederum ist dringender denn je. Man kann nur alle denkenden Menschen in diesem Land auffordern: Jetzt erst recht, auf nach Heiligendamm ab dem 2. Juni - vielleicht reihen sich ja auch ein paar FR-RedakteurInnen in die Protestierenden ein?
Gregor Kaiser, Bonn

Antwort: Sehr geehrter Herr Kaiser,
ich bitte Sie: Das zugegeben polemische Wort "Spatzenhirne" bezog sich ausschließlich auf diejenigen, die dem maßlos übertriebenen Vorgehen des Staatsapparates auch noch Vorwände liefern (was dieses staatliche Vorgehen keineswegs rechtfertigt, aber doch bitte erwähnt werden darf). ... Ich habe mir zudem erlaubt, die globalisierungskritische Bewegung vor "falscher Solidarität" mit denen zu warnen, die durch Gewalt der Repression in die Hände spielen (siehe oben). Das haben auch viele aus der Bewegung getan, zum Beispiel Tobias Pflüger. Ist der auch auf der falschen Seite? Stephan Hebel, FR-Textchef

Weiter gehetzt ...
Leitartikel-Kommentar "Wider den Sog der Gewalt" von Steffen Hebestreit, in: FR, 6.6.2007 (S. 9)
...
auch in Reihen der G8-Gegner wird kontrovers über den weiteren Umgang mit dem Schwarzen Block diskutiert.
Der Ausgang dieser Kontroverse wird entscheiden, ob die berechtigten Anliegen der Globalisierungskritiker dauerhaft Gehör finden werden. Oder ob im Steinehagel gewaltbereiter Chaoten - und es sind Chaoten, die Pflastersteine, Flaschen und mit Rasierklingen präpariertes Obst auf Polizisten schleudern - ob in dem Geschosshagel diese neue politische Bewegung untergeht.
Im Zentrum steht die Frage: Gehört der Schwarze Block zur Protestbewegung? Erfreulicherweise erklären die Veranstalter klar, dass gewalttätige Autonome einfach nicht mehr in ihrem Namen mitmarschieren sollen. Mehr als fraglich ist aber, ob sich diese Position durchsetzt. ...
Nach den Vorfällen von Rostock muss jedem klar sein: Den testosterongesättigten Gewalttouristen des Schwarzen Blocks geht es nicht um Politik, es geht ihnen um Randale, um einen Kick, bestenfalls um ein "Gemeinschaftserlebnis". Die Anliegen der globalisierungskritischen Bewegung bieten ihnen einen Deckmantel, in dessen Schutz sie - vermummt und bewaffnet - die Auseinandersetzung mit der Staatsmacht führen. Das als die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln zu akzeptieren, wäre ein fataler Irrtum der G8-Gegner.

Auszüge aus einem Interview mit Tim Laumeyer, Sprecher der Interventionistischen Linken, in: Junge Welt, 5.6.2007 (S. 2)
Es ist uns offenbar nicht gelungen, unsere Botschaft, daß ein friedlicher Protest die größte Wirkung erzielt, allen Beteiligten zu vermitteln. ...
Bilder wie die aus Rostock werden sich nicht wiederholen, von gezielter Militanz wollen alle Beteiligten bei den geplanten Massenblockaden Abstand nehmen.

Pressemitteilung der Heinrich-Böll-Stiftung am 6.6.2007
Nach den Krawallen vom vergangenen Samstag im Vorfeld des G8-Gipfels erklären Barbara Unmüßig und Ralf Fücks für den Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung heute zum Auftakt des G8-Alternativgipfels in Rostock:
"Die gewaltsamen Ausschreitungen bei der Großdemonstration am vergangenen Samstag sind absolut inakzeptabel und widersprechen dem Geist des breiten Bündnisses, das auf dem heute beginnenden Alternativgipfel in Rostock eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Themen des G8-Gipfels sucht. Der legitime Protest gegen die Politik der mächtigen Staaten kann sich nicht von einer rücksichtslosen Minderheit in Geiselhaft nehmen lassen. Die gewaltsamen Aktionen schaden den Anliegen derjenigen, die nach Rostock gekommen sind, um ihren Forderungen nach einer gerechteren Welt und einer zukunftsfähigen Politik Nachdruck zu verleihen. Wir fordern das Aktionsbündnis auf, einen klaren Trennungsstrich gegenüber denjenigen zu ziehen, denen es um die Inszenierung von Randale statt um die inhaltliche Auseinandersetzung geht."

Gute und schlechte Sachbeschädigung

Komplett absurd ein Vorgang im September 2009: Im Zusammenhang mit den Prozessen und Verurteilungen gegen FeldbefreierInnen auf Genmais-Feldern (Gendreck-weg 2008 bei Kitzingen) wurde das Amtsgericht mit Parolen besprüht. Vorher waren bei mehreren Prozessen krasse Rechtsbrüche von Seiten des Richters erfolgt, z.B. die härtere Bestrafung wegen fehlender Unterwürfigkeit im Prozess oder sogar die Aussperrung zweier Angeklagter von deren eigenem Prozess - ein Beschluss, der überhaupt keine Rechtsgrundlage hat. Bemerkenswert war schon, dass die Rechtsstaatstreuen unter den FeldbefreierInnen den so Ausgegrenzten kaum bis keine Solidarität entgegenbrachten. Klassisch gewaltfrei-bürgerlich ist eben die Meinung: Wer angreift, muss sich nicht wundern ...
Unbekannte besprühten dann die Gerichtswand. Was von solchen Aktionen zu halten ist, ist eine Frage. Hier hier die Frage der Gewalt interessant. Und tatsächlich: Einige FeldbefreierInnen titulierten die Graffities als Gewalt, die das Image der gewaltfreien FeldbefreierInnen kaputt mache. Moment mal ... Pflanzen ausreißen ist gewaltfrei, eine tote Mauer bemalen ist Gewalt?

Dogmatische Gewaltfreiheit

Aus drei Gründen halte ich Aktionen gegen die Castor-Transporte dennoch für nicht in unserem Sinne:
Erstens: Wenn wir unterstellen, die Castor-Transporte seien unsicher - und sie sind es -, müssen wir das Risiko, das mit ihnen verbunden ist, nicht noch dadurch steigern, daß wir Terroristen und Systemfeinden die Möglichkeit geben, unter dem Deckmäntelchen unserer Aktionen diese Gefahr noch zu steigern. Es ist bereits geschehen, daß während Anti-Castor-Aktionen Schienen unterhöhlt wurden und ähnliches. Ich muß schon fragen: Wollen wir wirklich die Gefahr der Kernkraft demonstrieren, indem wir Unfälle provozieren? Das kann nicht sein!
Zweitens: Jeder Widerstand, den Umweltschutz und Terroristen - Systemfeinde, die dies lediglich als Scheinlegitimation nutzen - gegen die Castor Transporte leisten, führt einen Bedarf an staatlichem Aufwand zum Schutze dieser Transporte mit sich. Dies kostet Geld, und zwar das Geld aller Bürger, auch unseres. ...
Drittens: In der Regel laufen Aktionen von Umweltschützern unter dem Begriff Widerstand. Das Grundgesetz - und einzig hierauf kann man sich berufen, will mann nicht den Weg der Illegalität beschreiten - spricht jedem Deutschen auch das Recht auf Widerstand zu. Widerstand allerdings lediglich gegen systemwidrige Entscheidungen oder systemfeindliche Personen, und auch das erst dann, wenn die staatlichen Organe zur Abwehr dieser Systemfeinde außerstande sind. ...
(Bundjugend-Hessen-Vorständler Adrian im AktivInfo Febr./März 2001)

These 1: Wie es hineinruft, so schallt es heraus

Um zu erreichen, daß die eigenen Interessen erfüllt werden, ist es nicht sehr hilfreich, anderen Vorwürfe zu machen. Meist erreicht man damit das genaue Gegenteil, nämlich Ablehnung und Widerstand, statt Entgegenkommen und bereitwilliger Unterstützung. ... Auf Gewalt mit Gewalt zu reagieren, führt nur zu noch mehr Gewalt! Das lehren die Menschheitsgeschichte und die Weisen aus allen Kulturen. Und das ist nicht der Weg der Mediation. Mediation ist meines Erachtens die tiefste Form von Demokratie und die radikalste Anarchie.
(Armin Torbecke, früher Aktivist in Jugendumweltbewegung und Verdenprojekt, jetzt im esoterischen Lebensgarten Steyerberg, in: GrünDerZeit Februar 2002, S.14)

These 2: Gewalt ist immer und überall falsch

... nach dem militanten Desaster von Genua ...
("fang" in Attac! Attac? in Graswurzelrevolution März 2002, S. 2)

Auszüge aus Dieter Rucht, Zwischen Strukturlosigkeit und Strategiefähigkeit - Herausforderungen für die globalisierungskritischen Bewegungen, in: E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 12, Dezember 2001, S. 358-360), Link ...
Spätestens seit Göteborg und Genua wird die Stellungnahme zur Gewaltfrage zumindest für jene Gruppen unabweisbar, die für ihr Handeln namentlich einstehen und um öffentliche Zustimmung ringen. Die Antwort, bezogen auf Protesthandlungen in demokratischen Gesellschaften, kann allein ein uneingeschränktes Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit sein.

These 3: Gewalt und Militanz machen politische Aktionen/Wirkung kaputt

Auszüge aus Dieter Rucht, Zwischen Strukturlosigkeit und Strategiefähigkeit - Herausforderungen für die globalisierungskritischen Bewegungen, in: E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 12, Dezember 2001, S. 358-360), Link ...
... andere wurden vom Auftreten gewalttätiger Demonstranten und/oder der Polizeigewalt überschattet (Göteborg, Prag und Genua) ...

Tatsächlich schufen militante Aktionen eher auch den Aufmerksamkeitskorridor für die Forderungen gewaltfreier AkteurInnen. Attac wurde z.B. gerade deshalb so populär ... so formuliert von Markus Wissen u.a., "Vom Gebrauchswert radikaler Kritik" in: Frank Bsirske u.a., "Perspektiven!", VSA-Verlag Hamburg 2004 (S. 203)
Das weniger radikale globalisierungskritische Spektrum wurde nicht zuletzt durch eine praktisch gewordene radikale Kritik in das Wahrnehmungsfeld bürgerlicher Öffentlichkeit gespült.

Ausblendungen

Gewaltfreie Kommunikation im Knast
Ein solches Projekt wird vom Verein Achtsamkeit und Verständigung sowie der Kommune Niederkaufungen vorangetrieben. Dabei sind die Ausblendungen struktureller Herrschafts- und Gewaltverhältnisse absurd. Es geht immer nur um den Menschen, die Kommunikation zwischen den Menschen - da werden selbst Gefangener und Vollzugs-Abteilungsleiter zu Freunden. Das Gefälle zwischen ihnen findet sich in den Texten gar nicht mehr (Quellen unter www.gewaltfrei-niederkaufungen.de).

Verschiedene Feedbacks:

Wir sehen eine Strafanstalt als ein System, in der alles aufeinander einwirkt. Wir möchten mehr und mehr dazu beitragen, dass dort, wo Menschen zusammen wirken, zufriedenstellende Verbindungen zu sich und untereinander entstehen. ...
Wir werden die Justizministerien aller Länder sowie alle Justizvollzugsanstalten in Niedersachen und Hessen über diese Veranstaltung informieren. Damit wollen wir unsere Arbeit den entscheidungsbefugten Organen bekannt machen und Kontakte knüpfen.

Beispiele

Vereinnahmen aller als "Wir" - unbedingte Friedenspflicht ist einzuhalten
Anzeige des AK Vorratsdatenspeicherung zur Demo "Freiheit statt Angst" in Berlin am 11.10.2008, in: Junge Welt, 10.10.2008 (S. 4)

Jeder von uns fordert mit seinen Erscheinen auf der Demo den Erkahlt demokratischer Grundrechte ein, die er oder sie in konkreter Gefahr sieht. Da die Freiheit des Einzelnen die Freiheit der gesamten Gesellschaft definiert, muss der politische Dialog und die Zusammenkunft auf einer Demonstration friedlich verlaufen. Wir, die beteiligten Organisationen und einzelnen UnterstützerInnen der Demonstration "Freiheit statt Angst" stehen für den konstruktiven politischen Dialog. Jede Form von Gewalt erzeugt Angst, Angst verhindert Freiheit ... Um unser politische Ansinnen möglichst nachhaltig zu vermitteln, wünschen wir uns die unbedingte Einhaltung der Friedenspflicht aller beteiligten Instutionen, Organisationen und Personen.

Kritik an dogmatischer Gewaltfreiheit

Der gewalttätige Pazifismus
... Das Dogma der absoluten Gewaltfreiheit kann deshalb auch nie zur politischen Praxis werden. Gandhis "gewaltfrei" errungener Sieg war kein Sieg des Pazifismus, sondern einer richtigen Taktik, angewandt zum richtigen Zeitpunkt und am richtigen Ort. ...
In der taz hat im Verlaufe des Krieges, zumindest was den neuen Pazifismusdiskurs betrifft, eine Globalisierungslinke die Meinungsführerschaft übernommen, die wie Sibylle Tönnies, in der vollen Durchsetzung des imperialistischen Monopols die glückliche Vollendung der Menschheitsgeschichte erblickt. ... erhofft sich die gute Frau Gerechtigkeit allein über die Herstellung eines Weltgewaltmonopols, einer Weltpolizei. Die Weltpolizei als Freund und Helfer aller Weltbürger, im Gemeinbesitz aller friedlichen Nationen, dazu da, den sozialisierten Teil der Welt zu schützen nd den anderen in Erziehungsheimen und Arbeitslagern unterzubringen. ... Der Polizeistaat als internationale Einrichtung - eine linksliberale Verheißung. Damit konnte wirklich keiner rechnen, daß liberale Linke in der Tradition des 68er-Antiautoritarismus einmal alle Befreiungshoffnungen auf die Polizei setzen würden. Frau Tönnies stellt die polizeistaatliche Umgestaltung der Welt auch noch so dar, als wäre dies der letzte Schritt, den die Menschheit zu ihrer völligen Emanzipation noch zu gehen habe. "Die Menschheit ist reif, ein globales Gewaltmonopol aufzubauen." ...
Die Errichtung eines westlichen Gewaltmonopols über die Welt, was sonst ist das Weltgewaltmonopol, bedeutet die Verhängung des permanenten Kriegszustandes. Eine schöne Weltzivilgesellschaft, die uns von einer postmarxistischen Linken da verheißen wird.
(Werner Pirker, Der gewalttätige Pazifismus, in Junge Welt 30.11.2001)

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