Perspektiven zur Gewaltfrage jenseits von Hegemonialkämpfen
Ein Text im Buch "Anarchie. Träume, Kampf und Krampf im deutschen Anarchismus" (Gliederung)
Vorschläge und Positionen
Gewalt wird überall schlecht geredet – auch und gerade in politischen Gruppen. Das ist einer der Gründe, warum Gewalt als negativ gilt. Gründe dafür werden nie genannt, es ist ein Dogma. Der Staat und die herrschenden Eliten haben ein durchschaubares Interesse: Sie lehnen Gewalt nämlich nur verbal ab, sind aber tatsächlich InhaberInnen des Gewaltmonopols. Um ihre Interessen durchzusetzen, prügeln die sich regelmäßig mittels ihrer uniformierten Truppen den Weg frei, stecken Menschen in Gefängnisse oder Psychiatrien, schieben sie aber oder zerfetzen sie mittels demokratisch legitimierter Kampfbomber. Wer so agiert, redet der Gewaltlosigkeit das Wort, um unangefochten zu sein.
Politische Gruppen hingegen, die Gesellschaft verändern wollen und nicht zu den Eliten zählen, verteufeln die Gewalt, ohne dass richtig klar ist, warum das geschieht – außer dem Effekt der Anbiederung an herrschende Klassen und damit z.B. an Geld und mediale Aufmerksamkeit. Es ist auch historisch unsinnig, der Gewalt abzuschwören. Ob Georg Elser oder Beate Klarsfeld – es gibt auch in Deutschland Beispiele brillanter und wichtiger Gewalt gegen Menschen.
Warum eigentlich die Gewalt hierzulande ein so schlechtes Image hat, ist ein weites Thema. Die Gründe reichen von der Tatsache, dass politische Bewegung im deutschsprachigen Raum vor allem eine Sache bürgerlicher Kreise ist und unter der Führung von Apparaten in NGOs, Parteien und Bewegungsagenturen stattfindet. Das bedingt sich gegenseitig, denn Vielen in bürgerlichen Kreisen fehlt Zeit, Lust und Impuls für selbstorganisierte Widerstandskultur. Aber sie haben das Geld, um über ihre gigantischen Spendenflüsse die Apparate zu finanzieren, die ihnen Instantaktionen - von der "Fertig-Mail" über "Aktivisten-Kits" bis zur "Fast-Demo" - anbieten.
Möglicherweise liegt die weit verbreitete, dogmatische Abneigung gegen Gewalt (statt einer differenzierten - und fast immer notwendigen! - Kritik konkreter Anwendungen) auch daran, dann in Deutschland und in ganz Mitteleuropa nie eine Revolution gelungen ist. Es gibt gar keine Tradition der Auflehnung. So schauten im Frühjahr 2011 alle mit glasigen Augen nach Nordafrika – und niemand konnte sich vorstellen, dass so etwas mal im eigenen Land passieren könnte. Aber die Menschen in Tunesien, Ägypten, Libyen und anderen Ländern, die bis kurz vorher noch als unterentwickelte, weil fundamentalistisch islamische Welt angesehen wurden – die machten es plötzlich. Die von europäischen Regierungen gestützten Führer ließen ihr "Volk" niederschießen - wahrscheinlich mit Waffen und Munition aus Deutschland und anderen Demokratien und ausgebildet von Polizeiführern aus gleicher Quelle.
Für qualitativ hochwertige und passende Aktionen statt freiwilliger Selbstbeschränkung
Hier soll nun nicht platt der Gewalt das Wort geredet werden. Sondern die Alternative lautet, die eigenen Aktionsformen frei und passend zur Situation zu wählen. Zudem kann es bedeuten, statt ständiger Distanzierung von Gewalt deren wichtige Bedeutung in der Geschichtsschreibung hervorzuheben und für die Aneignung emanzipatorischer und einfach kluger Formen Aktionsmethoden ohne prinzipielle Ausschlüsse zu werben.
Die Option der Militanz aber gehört - unberechenbar nach außen, aber immer überlegt und hinterfragt eingesetzt von den AkteurInnen - immer dazu. Ob sie gezückt wird, hängt von der Situation und den Zielen ab.
Aus: Christoph Spehr, "Die Aliens sind unter uns" (S. 184)
Wer nicht in der Lage ist, der anderen Seite weh zu tun, hat nichts Nennenswertes zu erwarten: dieser simplen Regel sind auf ihre Art alle Sektionen des Maquis gefolgt. Sie haben sich nicht ins Ghetto der "Gewaltlosigkeit" einsperren lassen und sich darum bemüht, Fakten zu schaffen. Gewalt kann vielerlei bedeuten, vom Befreiungskrieg bis zum Streik, vom verbalen Angriff bis zum Outing, von der Enteignung bis zur Verweigerung reproduktiver Leistungen. ... Fanon betont, daß die Gegenmacht über den Aspekt der Durchsetzung hinausgeht, daß die Anwendung von Gewalt (welcher Art auch immer) eine Form der Selbstheilung ist, ein Bruch mit der eigenen Opfer-Identität, ein notwendiger Schrift, der eigenen beschädigten Identität die Erfahrung, sich wehren und ausbrechen zu können, zurückzugeben.
Für eine Protestkultur emanzipatorischerr Vielfalt und deren Aneignung
Wirksame Aktionsstrategien sind oft Mangelware - zumal wirksam ein relativer Begriff ist, d.h. er hängt von der diskutierten Zielsetzung ab. Diese ist aber ebenfalls nur selten klar, so daß eine entsprechende Analyse der Qualität von Aktionsformen anschließend ebenfalls unterbleibt. Dieser Mangel politischer Bewegung muß überwunden, d.h. über Aktionsformen und -strategien künftig mehr und intensiver, vor allem aauch als Erfolgsbewertung und bezogen auf dann folgende Aktionen diskutiert werden. Streit und Kritik dienen dabei der Verbesserung von Inhalt und Strategie, nicht der Ausgrenzung.
Die meisten der in jüngster Zeit gelaufenen Aktionen und Kampagnen zeigen eher ein enormes Defizit politischer Strategie. Selbst Qualitäten, die vor zehn oder mehr Jahren schon Stand der Dinge gewesen sind, sind verloren gegangen (Pressearbeit, Informationsflüsse innerhalb von Bündnissen usw.). Diese wiederzugewinnen, ist Mindestziel. Tatsächlich muß die politische Strategieentwicklung aber darüberhinaus gehen und immer wieder die eigenen Aktivitäten hinterfragen und weiterentwickeln. Besonderes Ziel wird sein, vielfältige Aktionsansätze weiterzuentwickeln, d.h. das Mit- und Nebeneinander verschiedener Aktionsformen, z.B. gewaltfreier und militanter. Es wird noch vieles entworfen und ausprobiert werden müssen, damit sich diese Vielfalt zu einer Stärke entwickelt, d.h. daß die einzelnen Aktionen sich gegenseitig stärken, unterstützen und insgesamt wirkungsvolle, vielfältige Strategien entwickeln. Ein Nebeneinander von Militanz und gewaltfreier Aktion ist möglich und fördert die öffentliche Debatte - das beweisen die Castor-Auseinandersetzungen.
Reinhard Jessel, "Über Gewalt" in: Junge Welt, 7.2.2009 (S. 7)
Warum sich auf Rechte berufen, die nutzlos sind, oder die man sich nicht leisten kann? Politische Phantomrechte in Anspruch zu nehmen, wie z.B. sich als Stimmvieh von einer Horde großenwahnsinniger Staubsaugervertreter verarschen zu lassen oder demonstrierend am Demokratiefasching teilzunehmen und sich damit zu begnügen, zeugt unserer Meinung nicht gerade für einen kritischen Intellekt, der die Mächtigen schlecht schlafen lassen muß. Den wie bereits Carl von Clausewitz bemerkte, besteht in einer kriegerischen Auseinandersetzung ein entscheidender Vorteil darin, sich das Schlachtfeld selbst auszusuchen, und damit dem Gegner die Bedingungen seiner Reaktionen aufzuzwingen.
Statt aufwendige Show-Veranstaltungen wie am Heiligendamm zu besuchen, wo Sitzblockaden aus den bürgerbewegten 80er Jahren nachgestellt werden, die anscheinend den Zweck erfüllen, einerseits Polizeieinheiten ein Gratistraining für den Bürgerkrieg zu spendieren, den wir in 20 Jahren haben werden, wenn sich nichts ändert, andererseits den Protestierern eine Stärke vorzugaukeln, die sich freilich gar nicht haben, sollte man sich eher wieder darauf konzentrieren, gezielte Aktionen an neuralgischen Punkten durchzuführen, für die es wiederum keine hunderttauschend Demonstranten braucht, sondern ein paar glückliche gut Organisierte.
Doch wie kann mensch sich auf Strategien festlegen, ohne die Situation zu kennen?
Heinz von Förster/Bernhard Pörksen (8. Auflage 2008), „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“, Carl Auer Verlag in Wiesbaden (S. 154)
Worauf es ankommt ist, daß ethische Fragen nicht zurückgelehnt im Lehnstuhl besprochen werden können; sie ergeben sich in einer konkreten Situation, sie sind nicht abgehoben und losgelöst debattierbar. Natürlich bin ich auch ein Erkenntnistheoretiker und war Mitglied einer Universität, aber wenn Sie nach einer ethischen Dimension fragen, dann geht es um die Praxis, um Down-to-earth-Probleme und nicht um jene Kategorien und Begriffssysteme, die akademische Clubs und ihre Spezialisten so sehr faszinieren.
Es geht also nicht um Gewalt als solche, sondern um die Qualität. Damit gilt für die Gewaltfrage nichts anderes als für andere strategische Fragen und alle Protestformen: Für jede Aktion und jedes politische Ziel, die jeweiligen Rahmenbedingungen und die aktionstragenden Gruppen muß neu diskutiert werden, welche Aktionsformen sinnvoll sind.
Die Anwendung von Gewalt bzw. die Strategie der Militanz ist dabei keine dominante Fragestellung. Sie ist eine der vielen zu diskutierenden Punkte, wenn es um Aktionsformen geht - neben anderen Fragen wie der nach politischen Grundaussagen (Motto oder der Titel einer Aktion), Zeitpunkt und Ort usw. Im allgemeinen gehört die Gewaltfrage aber nicht zu den Fragen, bei denen eine Einigung auf eine einengende Strategie nötig ist, weil ohne Probleme verschiedene Stile neben- und miteinander möglich sind. Wieweit die verschiedenen Aktionsformen miteinander agieren oder auch nebeneinander erfolgen können, welchen Abstand (zeitlich und/oder räumlich) sie zueinander halten, ist eine Frage strategischer Absprachen innerhalb vielfältiger Aktionsstrukturen. Diese Form der Vielfalt gilt für die Frage der Militanz genauso wie für viele weitere Fragen, in denen nebeneinander verschiedene Positionen bestehen können. Gruppen können ihre Unterschiedlichkeit sogar benennen - so wie das z.B bei den Castor-Aktionen von verschiedenen Gruppen sehr offensichtlich gemacht wird. Dort gibt es offen dargestellt die Vielfalt mit unterschiedlichen Ansätzen in der Militanzfrage (Gruppen wie X-tausendmal quer mit ihrer offen verfochtenen Gewaltlosigkeit neben aggressiv-militanten Gruppen und solchen, die beide Positionen akzeptieren, wie z.B. der oft zitierte Spruch „Gewaltfrei oder militant - wichtig ist der Widerstand„ zeigt). Ebenso herrscht solche Vielfalt bei anderen Fragen, z.B. von der auf den Castortransport beschränkten politischen Position bis zu allgemein gesellschaftskritischen Parolen und Forderungen.
Unkalkulierbar werden und bleiben
Ein wichtiges Ziel von Aktionsformen ist die kreative Unkalkulierbarkeit. Flexibilität und die Fähigkeit, Aktionsstrategien immer weiterentwickeln zu können, sind wichtig. Jegliche dogmatische Selbstbeschränkung, vor allem die nach außen benannte, wird es dem Gewaltmonopol des Staates, aber auch dem konkreten politischen Gegner leichter machen, mit den Aktionen umzugehen. Sichtbar ist das z.B. an den Strategien der Polizei. Diese haben inzwischen Massendemonstrationen spielend im Griff und drängen deshalb VeranstalterInnen in der Regel zu geschlossenem Auftreten (siehe Aktionen in Köln im Juni 1999 oder das Drängen der Polizei, spontane Aktionsformen wie RTS oder Critical Mass als angemeldete Demonstrationen zu organisieren). Daher sollten neue und kreative Aktionen entwickelt werden, die die auf Konformität eingestellte Polizei zur Zeit überfordern würde. Und weiter: Die Polizei würde nach einiger Zeit reagieren, d.h. die Aktionsformen müssen ständig weiterentwickelt werden.
Überzeugen statt Ausgrenzen: Ausgrenzung schafft in der Regel keine Bewußtseinsprozesse und macht seinen Sinn nur dort, wo festgelegte Grenzen überschritten werden (z.B. sexistisches oder rassistisches Verhalten). Wichtiger bei der (notwendigen!) Arbeit an Aktionsstrategien ist die Debatte um die Frage der Aktionsformen, die der internen (Dominanz-)Strukturen, der politischen Ziele und des Umgangs mit der Staatsmacht. In diese strategische Diskussion, die der Weiterentwicklung von Aktionsformen und politischen Zielen dient, sollten sich alle mit ihren Positionen einbringen - nicht jedoch mit dem Ziel der Ausgrenzung, d.h. des Durchsetzens ihrer Position für alle. Politische Bewegung vergißt viel zu häufig eine Debatte über Strategien und Ziele. Ergebnis ist die aktuelle Phantasie- und Inhaltslosigkeit, die zu ein-punkt-bezogenem Aktionismus oder zur Anbiederung an die Machtstrukturen (NGOs u.ä.) führt.
An Beispielen: Vielfalt eigenständiger, kreativer Aktion statt geschlossener Einheiten
- Nachdem 1999 in Köln 30.000 Menschen in einer langweiligen Demo fast unbemerkt durch die Stadt latschten, entwickelte eine Gruppe den Slogan 1000 mal 30 statt 1 mal 30000. Idee war, Aktionen mehr auf Vielfalt und Selbstorganisierung aufzubauen statt auf Masse und Geschlossenheit. Die Idee fand in der deutschen sozialen Bewegung keinen WIderhall. Dort herrschte von radikal bis angepasst Einigkeit: Hierarchie, Zentralismus und Einheitlichkeit sind gut. Nur um die Posten der Führung wird gestritten.
- In Rostock waren diesmal 80000 Menschen, meist als langweilige Einheit. 4000 Aktionsgruppen mit je 20 Personen hätten ein interessanteres Bild abgegeben. In Seattle beruhte die Wirkung besonders auf dieser vernetzten Selbstorganisierung. Ob die Kleingruppe militant agierte oder nicht war dort ein Nebenaspekt. Rostock war anders, ganz anders. Dabei hatte es im Vorfeld einige kleine selbstorganisierte Aktionen gegeben: Ein leerstehendes Hochhaus wurde bemalt, die Gentechfabrik in Lüsewitz tagelang attackiert, die Siegessäule erklommen, manch Brandsatz gezündet. Doch als die Masse sich formte, verschwand all das weitgehend von der Bühne ...
- Am bekanntesten ist das Streckenkonzept zum Castor-Widerstand. Hier verwirklichen entlang der Schienen- und Straßenkilometer unterschiedlichste Gruppen ihre Art von Widerstand. So entsteht eine bunte Mischung - und sichtbar die höchste Wirkung.
Klare Positionen benennen
Aktionen sollten klare Positionen benennen - am besten radikale, denn öffentliche Aktionen dienen der Formulierung der „reinen“, also von politisch-taktischen Überlegungen freien Forderungen. Neben dem speziellen Anlaß oder Motto einer Aktion können allgemeinpolitische Positionen von vorneherein mit dem Anlaß verbunden sein und Grundlage der Bündnisbildung sein. Beispiele: Eine Aktion gegen einen Abschiebeknast im speziellen verbunden mit der Forderung eines Abschiebestopps oder offenen Grenzen insgesamt. Die Aktion gegen den Castor-Transport verbunden mit der Forderung nach Atomausstieg. Usw. Wenn eine solche Zielrichtung die Grundlage der Aktion ist, sollte das klare Profil auch nicht aufgegeben werden, z.B. um Organisationen zu gewinnen, die diese Positionen nicht mittragen würden. Der Mut zu klaren Positionen ist unabdingbare Grundlage politischer Wirkungsfähigkeit.
Fazit: Mehr Hirn!
Gewalt muss angemessen, kommunikativ und zielgenau
Welche Gewalt ist wann angemessen? Jede politische Position oder Aktion muß diskutiert und strategisch vorbereitet werden. Ebenso kann jede Erfahrung der kritischen Analyse dienen, um Strategien weiterzuentwickeln. Dazu gehört auch, daß verschiedene Vorschläge für Aktionsformen und -inhalte eingebracht werden - auch die gewaltfreier Aktionsformen. D.h. sowohl die Kritik an gewaltfreien Positionen, Strategien oder Dominanzen ist zulässig wie auch die an militanten Konzepten oder Verhaltensweisen. In allen Fällen ist auch zulässig, einzufordern, daß Strategien, Positionen oder politische Zielaussagen insgesamt oder innerhalb eines Bündnisses für alle gelten sollen. Aber das wird zu begründen sein. Das gilt auch für die Gewalt. Wer einfordert, eine Aktion müsse insgesamt gewaltfrei ablaufen, muß das aus der Aktion heraus begründen. Unter anderem wird die Frage nach der Angemessenheit zu stellen sein: Welche Form ist wann richtig? Und wann ist ist es wichtig, daß Entscheidungen für alle gelten?
Es spricht vieles dafür, daß der grundsätzliche Verzicht auf Gewalt die Aktionsmöglichkeiten stark einschränkt. In der Folge sind gewaltfreie Aktionsgruppen besser kalkulierbar für die Staatsmacht, deren Anwesenheit jede Aktion potentiell gewalttägig macht, weil sich der Staat nicht auf den Gewaltverzicht einläßt, sondern dieser immer einseitig ist. Und noch schlimmer: Für viele Fragestellungen sind Aktionen gar nicht mehr machbar. Gewaltfreie Aktionen haben ihre Grenze dort, wo staatliche oder sonstige Gewalt nicht mehr gewaltfrei abzuwenden ist. Der Krieg gegen Jugoslawien war nicht nur ein quantitavier Mißerfolg politischer Mobilisierung, sondern auch ein qualitativer: Die gewählten Aktionsformen, stark von gewaltfreien Gruppen wegen ihrem hohen Interesse an antimilitaristischen Positionen geprägt, blieben stumpf gegen eine sich routiniert abwickelnde Kriegsmaschinerie. Ob Militanz, z.B. gegen Rüstungskonzerne, Parteibüros, Ministerien usw. mehr gebracht hätte, ist fraglich - muß aber diskutiert werden.
Es gibt gute Beispiele für Gewalt gegen Menschen, die überlegt und passend zur Situation wirkt. Es wäre die Frage an dogmatisch Gewaltfreie, warum sie sagen würden: Georg Elser, Beate Klarsfeld - das war falsch!
- Georg Elser, lange vergessener Attentäter: Er höhlte einen Pfeiler im Münchener Hofbräuhaus aus, um Hitler per Bombe zu töten. Das Attentat ging schief. Elser wurde im KZ hingerichtet. Er handelte vor Beginn des zweiten Weltkrieges - und geriet in Vergessenheit. Abgefeiert werden hingegen die Deutschlandretter um den Faschisten Stauffenberg, die erst handelten, als der Krieg verloren war. Bis dahin unterstützten die meisten von ihnen Hitler, Angriffskriege, Vernichtungsfeldzüge und Deportationen. Das gefällt in Deutschland und wird jeden 20. Juli abgefeiert - Elser dagegen ist vergessen. Aber seine Tat: Wer wollte die kritisieren?
- Beate Klarsfeld: Lange Zeit versuchte sie, mit klassischen Mitteln die Nazi-Vergangenheit des deutschen Bundeskanzlers Kiesinger zu thematisieren. Briefe an alle Bundestagsabgeordneten, Pressetexte - keine Chance. Dann schlug sie zu: Am 3.11.1968 verpasste sie Kurt Georg Kiesinger eine Ohrfeige - und erreichte ihr Ziel, dass die Nazigeschichte endlich thematisiert wurde. Wer will diese Handlung in Frage stellen? Mehr im Text "Eine Frau der Tat" in: Junge Welt, 13.2.2009 (S. 15) ++ Interview mit Beate Klarsfeld viele Jahre später ... in: Netzeitung am 2.9.2005 ++ 40 Jahre danach: Dokumentation im Spiegel
- Als Marathonläuferin Kathrine Switzer im Jahr 1967 mit abgekürztem Vornamen an einem Marathon in Boston teilnahm, fiel das zunächst nicht auf. Die peinlich-patriarchale Männergesellschaft zeigte, dass Diskurs und Dummheit nicht nur mit gleichem Buchstaben anfangen, postulierte die Gefahr, dass die Gebärmutter beim Laufen herausfallen würde und verbot Frauen den Langlauf. Als Switzer entdeckt und von Medien sensationsgeil fotografiert wurde, stürzten sich die Veranstalter auf sie und versuchten sie, aus dem Rennen zu zerren. Mitlaufende Männer gaben ihnen auf die Nuss. Switzer stieg zwar als Reaktion trotzdem aus, aber der Vorgang machte das Ganze berühmt und trug zum Ende der krassen Diskriminierung in diesem Bereich bei.
Vergleichen wir die Handlung von Beate Klarsfeld einmal mit der von Rosa Parks. Letztere ist (auch das wissen die meisten, die sich auf Gewaltfreiheit beziehen, gar nicht), eine der wichtigsten Aushängeschilder gewaltfreier Aktion. Sie hatte sich geweigert, in Zeiten der Apartheid in den USA einen der für Schwarze vorgesehenen Plätze im Bus einzunehmen. Ihre Weigerung und die Reaktionen lösten die überregional wirkungsvollen Proteste der schwarzen Bürgerrechtsbewegung aus. Die Courage von Rosa Parks gilt heute als Sternstunde gewaltfreier Aktion. Ob sie das allerdings wirklich ist, lässt sich im Nachhinein nicht beurteilen. Denn dem Dogmatismus der Gewaltfreien würde sie nur entsprechen, wenn sie aus gleicher Ideologie, also einer Bekenntnis-Gewaltfreiheit erfolgt ist. Hätte Rosa Parks (vielleicht auch zusammen mit anderen) aber diese Aktionsform überlegt und als angemessen sowie ausreichend provokativ bewertet, so wäre das konkrete Handeln einfach die Entscheidung gewesen, die von einer Personen in der konkreten Situation als sinnvoll eingestuft worden wäre - so wie Beate Klarsfeld ihre Ohrfeige als angemessen bewertet und Kiesinger eine runtergehauen hatte (was ihr erstinstanzlich ein Jahr Haft einbrachte - sowie ist deutschen RichterInnen die symbolische Geste gegen Nazi-Täter wert!). Wenn beide Handlungen, die von Rosa Parks und die von Beate Klarsfeld, die in der jeweiligen Situation und für die ausgewählten Ziele angemessenen Formen waren, dann sind sie sich in ihrer Qualität sehr ähnlich. Die dogmatische Gewaltfreiheit würde sie aber zwei scheinbar diametral gegenüberstehenden Kategorien zuordnen. Das ist, weil es das menschliche Denken in Schubladen presst, anti-emanzipatorisch.
Die Alternative wäre die Aneignung von Knowhow, Entscheidungskompetenz, das Analysieren von Situationen und - nach einer Handlung - die kritische Reflexion, um uns in jedem Einzelfall für die angemessene, d.h. vom Grad der Intervention, von Außenwirkung und Vermittlung her sowie in Abwägung der möglichen repressiven Folgen passende Aktion zu entscheiden. Der Mensch im emanzipatorichen Blickwinkel ist Akteur und Entscheider - aber mit analytischem Interesse, d.h. abwägend, hinterfragend und kreativ.
Aus dem Kommentar "Autonomer Krawall", in: Junge Welt, 3.7.2007 (S. 3)
Es gab in der Vergangenheit immer wieder politisch und strategisch kluge Aktionen von autonomen Aktivistinnen und Aktivisten. Selbstbestimmt, daher der Begriff. Rostock zählt wohl nicht dazu. Eine Bundestagsabgeordnete stellte bei einer nachbereitenden Anhörung die Frage, was denn gewesen wäre, wenn Autonome die Spähpanzer der Bundeswehr angegriffen hätten. Gute Frage!
Gewaltfreiheit auch
Überlegt und reflektiert vorzugehen, gilt auch nicht nur für militante Aktionen, wenn es auch dort eine besondere Wichtigkeit hat angesichts möglicher Folgen. Gewaltfreie Aktionen wirken aber oft schematisch, auf bloße Massenmobilisierung und nette Sonntagsausflüge ausgerichtet. Event und Happening stehen im Mittelpunkt. Angesprochen davon fühlen sich vor allem bürgerliche Kreise, deren Leben auch ansonsten zu einer weitgehenden Routine mit überdurchschnittlichem Verdienst, Eigenheim, Erst- und Zweitauto sowie regelmäßigem Einkauf im Bioladen verkommen ist. Es wäre wichtig, wenn in diesen Kreisen Handlungsfähigkeit wieder selbst entwickelt wird. Denn emanzipatorische Veränderung ist keine Sache von Events mit bunten Einladungskarten, sondern Handarbeit überall. Je größer der Fundus angeeigneter Fähigkeiten ist, desto besser lassen sich in den konkreten Situationen Anwendungschancen nutzen. Was jeweils passt, muss nach konkreter Lage ausgewählt werden. Wer aber regelmäßig an große NGOs spendet, 1-2x im Jahr an den großen vorgekauten Events teilnimmt und schließlich noch eine vorgedachte Protest-Email an die Bundeskanzlerin schickt, lebt alles andere als widerständig. Solch ein Protest ist perfekt eingepasst in die Normalität der Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft. Protestkultur lebt im Alltag und in der selbstorganisierten Runde von Menschen, die sich zusammenschließen. Er zehrt aus dem Wissen um Handlungsmöglichkeiten, damit möglichst selten das Weggucken regiert - nur weil mensch sich ohnmächtig oder ideenlos fühlt.
In Bezug auf den Anteil der Gewalt an solcher Handlungsfähigkeit empfieht es sich dann, Mahatma Gandhi, die Legende der Gewaltfreien, endlich einmal wirklich zulesen. Dann würde klarer, welche Rolle er der Gewalt zugebilligt hat. Er war erkennbar ein Gegner der Gewalt und suchte - bekannterweise recht erfolgreich - Aktionsformen, die ohne Gewalt funktionierten. Aber er war nicht so ideologisch verblendet wie die meisten der heutigen ProphetInnen oder AnhängerInnen der dogmatischen Gewaltfreiheit, dass sein Wunsch immer in Erfüllung gehen würde. Daher räumte er in seinen Überlegungen der Gewalt einen Platz ein: Wenn es gewaltsame Lösungen gäbe und keine anderen, dann sollte die Gewalt dem Nichtstun vorgezogen werden. Gandhi kam nie an diesen Punkt oder es ist nicht überliefert bzw. die Geschichte hier passend gemacht worden, aber er wusste, dass es keine Garantie geben könne. Er hat die Gewalt nicht verteufelt, sondern als Handlungsoption belassen.
Das wäre das Mindeste, was als Update einer emanzipatorischen Gewaltfreiheit nötig wäre: Das Dogma zu verlassen und das eigene Abwägen zuzulassen. Wenn am Ende herauskommt, dass Gewaltfreien immer etwas einfällt, wie in einer konkreten Aktion Widerstand ohne Gewalt möglich ist - umso besser. Sie würden dann aber Teil eines Nachdenkprozesses um Aktionsmöglichkeiten werden, der die Handlungskompetenz immer weiter vorantreibt. Das wäre ein wichtiger Beitrag zu Emanzipation.
Im Original: Vorschläge für Gewalt als Notlösung... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Mahatma Gandhi, zitiert in Gordon, Uri (2010): "Hier und jetzt", Nautilus in Hamburg (S. 121)
»Ist Gewalt in unserem Herzen, ist es besser, Gewalt auszuüben, als sich den Mantel der Gewaltlosigkeit umzuhängen, um unsere Impotenz zu verhüllen. Gewalt ist immer der Impotenz vorzuziehen. Ein gewalttätiger Mensch kann noch gewaltlos werden, für den Impotenten besteht solche Hoffnung nicht.«
Gewalt nur als Notwehr
Aus Stehn, Jan: "Anarchismus und Recht" in der sich als anarchistisch bezeichnenden GWR, Nr. 216, Februar 1997
Gewalt gegen Menschen, selbst als Reaktion auf Gewalt, steht immer im Widerspruch zur anarchistischen Freiheitsidee, für die die Selbstbestimmung über den eigenen Körper elementar ist. Der Tod ist das Ende jeder Selbstbestimmung. Für AnarchistInnen ist Gewalt nur für extreme Notwehrsituationen zu rechtfertigen.
Clara Wichmann (1889-1922), Feministin (zitiert von Seite der GWR, dort als "gewaltfrei" genannt, was aber sichtbar nicht stimmt)
Es hat seine tiefe Bedeutung, daß die Gewaltlosigkeit heute für uns alle ein Problem ist, denn dies ist ein Zeichen, daß wenigstens unter vielen Revolutionären das soziale Gewissen in diesem Punkt feinfühliger geworden ist. ... Sie alle würden ohne Gewalt kämpfen wollen - während für die früheren Menschen - und jetzt noch für die Mehrheit - die Gewalt eine Selbstverständlichkeit war und ist. ... Aber zweierlei (ist ihnen), meine ich, nicht deutlich:
- Daß es wohl besser sein kann - obgleich nicht immer ist -, Gewalt gegen Unrecht anzuwenden, als gar nichts dagegen zu tun; aber daß es jedenfalls noch viel besser ist, das Unrecht auf eine andere Weise zu überwinden.
- Daß Gewalt selbst wieder gewalttätige Kräfte weckt.
Deshalb: Aktionsknowhow entwickeln und aneignen
Im Zentrum emanzipatorischer Aktionskultur steht also die Aneignung von Handlungsfähigkeit. Das hilft in alle Richtungen. Es vermeidet Gewalt, weil viele der Angriffe auf Material oder Menschen eine Folge gefühlter Ohnmacht sind. Diese folgt aus mangelnder Vorbereitung und/oder fehlendem Knowhow. Viele militante Attacken strahlen eine bemerkenswerte Hilf- und Orientierungslosigkeit aus. Insofern sind die gewaltfreien Zusammenhänge schlecht beraten, mit ihren Einheitskonzepten und Instantaktionen selbst dazu beizutragen, Menschen unselbständig zu machen. Vor dem Hintergrund ihrer Jagd nach SpenderInnen und willigen MitläuferInnen ist das zwar verständlich, aber weder ein emanzipatorischer Ansatz noch stärkt es die Idee gewaltfreier Aktion.
Auch den Militanten könnte die Aneignung von mehr Aktions-Knowhow nicht schaden. Denn mehr Wirkung und Effizienz würden deren Aktivität mehr Sinn und auch mehr Befriedigung verleihen.
Für alle Protestformen nützlich wäre zudem das Wissen um Vermittlungsmöglichkeiten, von Medienarbeit über Kommunikationsguerilla, und verstecktem Theater bis zu Gegenöffentlichkeit z.B. in Form eigener Medien.
Für eine Charmeoffensive pro reflektierter Aktion, einschließlich Militanz
Mit der Aneignung und Anwendung kreativer, durchdachter und gut vermittelter Aktionen kann und sollte eine Werbung für solche Aktion einhergehen - sowohl für die Teilnahme an Protest wie auch für die Entwicklung eigener, selbstorganisierter Handlungen. Freude, nicht nur klammheimliche, über gelungene Aktivitäten - gewaltfreie wie militante -, Trainings (ruhig auch öffentliche und plakative) und viel mehr Vermittlung von Wissen und Beispielen können eine Offensive des Charmes für das Einmischen ins öffentliche Leben bilden. Es wird Zeit, dass Sich-Wehren sowohl aus der Ecke der verbissen-einfältigen Militanz wie auch aus den zur Begleitfolklore für das Unvermeidliche verkommenen Instant- und Schafherdenmobilisierungen heraus kommt und zu einem attraktiven, wirksamen Alltagswiderstand unbeugsamer, kreativer und abwägender Menschen wird.
Und eEs wäre absurd, wenn weiter ungestört das Establishment jeden 20. Juli Bombenattentäter ehrt (nur weil es überwiegend Faschisten und Kriegsverbrecher waren), aber die 364 anderen Tage Gewalt als Mittel politischen Protestes verteufelt. Nötig wäre eine Charmekampagne für kluge Aktionen einschließlich einer Gewalt, wenn sie nötig und geeignet ist, um befreiend zu wirken.
Im Original: Überlegungen zur Militanz ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus dem Papier des AK Vermittlung: "Militante Praxis" (Quelle, als PDF)
Militante Praxis ist anschlußfähig. Bei Plünderungen machen Dritte begeistert mit. Abschiebungen von geliebten, bekannten Menschen animieren NachbarInnen und KlassenkameradInnen zum Blockieren. Wer es wagt, Grenzen zu übertreten, Regeln zu brechen, entdeckt eine Erweiterung der eigenen Kraft. Der Horizont endet nicht mehr beim Fahrkartenkontrolleur. Militante Praxis vermittelt die Erfahrung dass wir Viele sind und Kontrolle verweigern können. Dadurch wird erfahrbar, dass Grenzen nicht da enden wo ein Gesetzgeber sie festlegt. Grenzen können erweitert und selbst bestimmt werden. ...
Militante Praxis ist mehr als Sachschaden anrichten oder Steine werfen! Deswegen noch einmal ausdrücklich: Es geht auch, aber nicht per se um Steine werfen, sondern darum, gesellschaftlich vorgegebene Spielregeln für politische Opposition bewußt zu brechen. Es geht darum eine unvereinbare Haltung gegenüber dem herrschenden System einzunehmen, sowie durch das eigene Handeln den Auswirkungen dieses Systems direkt entgegenzuwirken.
1. Militante Praxis bedarf hoher Verantwortung. Menschen unterlaufen Fehler und Irrtümer. Militante Praxis muß mit Achtsamkeit geplant und ausgeübt werden.
2. Militante Praxis ist nur horizontal denkbar. Vertikale Organisierung lehnen wir ab. Unser Bezugsrahmen hierfür ist, wie gesagt, der europäische Raum. Unter anderen Rahmenbedingungen muß sich Widerstand unter Umständen militärisch organisieren.
3. Den Aktionen und Planungen anderer linker politischer AkteurInnen begegnen wir mit Respekt. Mit Respekt ist ein nicht-instrumentelles Verhältnis zu Anderen gemeint. Aktionen Anderer sollen nicht für Militante Praxis vereinnahmt werden Z.B. muss in einer Bündnisdemonstration vorsichtig abgewogen werden, welche Auswirkungen eine Aktion auf des Gesamtgeschehen hat. Dies bedeutet nicht, dass daraus der Umkehrschluss aufgemacht wird, Militante Praxis sei abzulehnen und zu vermeiden, wo Planungen anderer berührt würden.
4. Auch wenn zum Geheimrezept von Massenmilitanz Spontaneität und Impulsivität gehören, läßt sie sich planen und führt so zu größerem Erfolg. Dies wird sich leider immer seltener zu Eigen gemacht. ...
5. Die körperliche Unversehrtheit aller Beteiligten ist eine Grundvoraussetzung für Militante Praxis. Dazu gehört, MitaktivistInnen nicht zu verletzen; sei es durch Steinwürfe aus der 10. Reihe oder das Erzeugen hektischer und unübersichtlicher Situationen, bei denen z.B. Kinder oder langsame Menschen umgerannt werden. Genauso wichtig ist uns die körperliche Unversehrtheit Dritter. Das bedeutet etwa, keine Gebäude anzuzünden in denen sich Menschen aufhalten oder deren Brand sich auf andere Gebäude ausbreiten könnte. ...
7. Ziele von Militanz sind solche, die die Herrschenden (wer auch immer das sein mag) treffen, Herrschaftsstrukturen, Zwangsräume (wie z.B. Lager, Knäste oder Schulen) demontieren, sowie Kriegs- oder Zwangsmaterialien (Fahrzeuge, Zäune, Kameras) zerstören. Ziel kann auch das Entern einer Bühne der eigenen Bündnispartnerin sein, um einen ausgebooteten Redebeitrag durchzusetzen.
8. Der Besitz von Privatpersonen (Kleinwagen, Vorgärten, Gartenzäune) oder öffentliche Infrastruktur (Bushaltestellen, Briefkästen) sollte kein Ziel Militanter Praxis sein. Kontextbezogen sind andere Einschätzungen möglich, wie z.B. Schienen beim Castor-Transport, Innenstädte beim G8 oder das Anzünden eines Kleinwagens für eine wichtige Barrikade. In all diesen Fällen kommt es auf die Abwägung und politische Begründung an!
9. Die Motivation für Militante Praxis muß stets reflektiert werden. Unhinterfragte Massenmilitanz reproduziert hegemoniale Männlichkeit. Militante Praxis darf kein identitäres Ritual sein. ....
11. Militanz schafft Erregungskorridore. Deutungsversuche Militanter Praxis, insbesondere der Massenmilitanz, werden zu oft kommerziellen Medien, staatlichen Autoritäten und Nichtregierungsorganisationen überlassen. Wir müssen uns diese Deutung wieder aneignen und unsere Argumente verstärkt in den Diskurs einbringen. Mehr Aufmerksamkeit für linksradikale Politik!
Die wichtigen Fragen stellen
Die Qualität von Aktionen macht sich nicht daran fest, ob eine bestimmte Aktionsmethode angewandt wird oder nicht. Denn ob eine Methode passt oder nicht, hängt vom Ziel, noch mehr aber von der Situation ab. Ob ich ein Genfeld zerstören oder den Castor stoppen will, ist eine ganz andere Entscheidungsgrundlage als wenn gerade ein Abschiebehäftling ins Flugzeuge geschleift wird oder ein Kampfbomber in den Krieg startet. Will ich unabhängig von konkreten Vorkommnissen mit Straßentheater oder Verteilen von Fakes informieren oder zum Nachdenken bringen, ist das wieder eine andere Sache. Wer Aktionsformen festlegt, ohne zu wissen, für was, agiert mit einem Dogma oder einer religiösen Identität.
Das bedeutet aber nicht, dass es gleichgültig ist, wie mensch agiert. Es gibt eine Menge wichtiger Kriterien - was Menschen wichtig ist, müssen diese aber jeweils selbst entscheiden. Hier sollen ein paar Aspekte aufgezählt werden, die in Frage kommen. Sie können für alle Aktionsformen gelten, also auch für gewaltfreie und militante Formen.
- Emanzipatorische Inhalte zum Ausdruck bringen
Politische Aktion soll Inhalte vermitteln (ist zwar eine Binsenweisheit, wird aber oft vergessen). Verbandssymbole sind kein Inhalt, Dresscodes auch nicht. Steine und Unterschriftensammlungen auch noch nicht als solches. Bei vielen Demos oder Infoständen müssen sich BeobachterInnen fragen, um was es eigentlich geht. Das ist von außen kaum erkennbar. Für eine emanzipatorische Politik sind aber nicht nur das Vorhandensein und die Erkennbarkeit von Inhalten wichtig, sondern auch die befreiende Qualität. Herrschaft und Zwang scheiden sowohl als Ziel wie auch als Mittel emanzipatorischer Veränderung aus. Die meisten politischen Forderungen aktueller Zeit beinhalten aber genau das: Mehr Staat, mehr Kontrolle, Nazis in Knäste, härtere Strafen (aber für andere), mehr Gesetze usw. Das ist bei Gewaltfreien und Militanten gleich, ebenso bei den meisten anderen Strömungen. - Kommunikativer werden
Die moderne Welt ist kommunikativ organisiert. Symbole und Überzeugungen zählen immer mehr, die harten Formen des Zwangs verschwinden hinter ihnen (sie werden nicht entfernt, sondern durch Symbolik überprägt - ein Kampfbomber wird zum Demokratiebringer, ein Polizeiknüppel dient dem sicheren Leben aller usw.). Politik ist deshalb Kommunikation. Emanzipatorische Politik basiert auf horizontaler Kommunikation. Die fehlt bei Reden Weniger vor vielen, sie lebt nur, wo es direkte Gespräche überall zwischen Menschen gibt. Aktionen sollten so angelegt sein, dass sie Interesse wecken, noch besser Erregung schaffen und dann in direkte Kommunikation münden. - Widerstandsformen für den Alltag entwickeln
Eventhopping oder das Warten auf die professionell gesteuerten Kampagnen zum Mitmachen der Marken Greenpeace, Campact usw. haben viel mit Profi-PR, Mitglieds- und Spendenwerbung, aber wenig mit gesellschaftlicher Veränderung von unten zu tun. Wichtig ist massenhaft widerständiges Leben, dass sich auch unabhängig voneinander und an vielen Orten in vielen Facetten widerständig zeigt. - Know-How aneignen
Gerade wenn politische Aktion stärker in den Alltag getragen werden soll, dient es diesem Ziel, wenn sich mehr Menschen Know-How zu Aktionsformen aneignen. Wer wozu Lust hat oder was wichtig ist, bedarf keiner zentralen Steuerung: Kommunikationsguerilla, Layout von Flugblättern, Sabotagetechniken, verstecktes Theater, Schlösser öffnen, Mollis bauen - Emanzipation heißt immer auch, die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu erweitern. Nur dann kann ich frei entscheiden, was ich wann in welcher Situation will. Und brauche nicht mehr diese nervigen Bewegungs-Eliten, die mich immer als Schaf in ihrer Herde haben wollen. www.direct-action.de.vu - Mut zu Utopien: Neue Spinner braucht die Welt!
Kann es sein, dass viele politische AkteurInnen, vor allem aber die Eliten von Bewegungen und Organisationen ein Hauptaugenmerk darauf richten, mit ihrer Form von Protest genau bei denen auf Anerkennung zu stoßen, denen sie selbst vorwerfen, überdurchschnittlich viel zu Unterdrückung, Umweltzerstörung usw. beizutragen?
Nein - eine Welt verändert sich, wenn Menschen etwas Abweichendes vom Bestehenden zum Ausdruck bringen: Widerständig, symbolisch oder experimentell. Wer das tut, läuft Gefahr, als SpinnerIn dazustehen in den Augen und in der Propaganda derer, die vom Normalen nicht genug kriegen können. Wer Rückgrat hat, wird spüren, dass das unumgänglich und bei genauerer Betrachtung eher ein Lob ist. www.herrschaftsfrei.de.vu - Dominanzverhalten und Hierarchien abbauen
Innerhalb von kleinen Gruppen bis hin zu den Führungskadern von Strömungen und Verbänden ist zur Zeit fast alles von sehr krassen formalen, Wissens- und Stellvertretungshierarchien durchzogen. Das liegt auch daran, dass Wenige sich viel Know-How aneignen bzw. gerne im Namen von vielen auf den Bühnen dieser Gesellschaft posieren, während Viele sich wohl fühlen in der trägen Masse, die ohne eigene Ideen den Vorgaben hinterher läuft. www.hierarchnie.de.vu - Selbstorganisierung und Unabhängigkeit
Wer am nächsten Tag arbeiten muss, kann viele Aktionen nicht mitmachen. Nach einigen Jahren wird er/sie auch gar nicht mehr über solche Aktionen nachdenken und sich Kreise suchen, die nur noch in den vorgegebenen Normen aktiv sind. Wer nicht ständig um seine Lebensbasis fürchten muss, kann anders agieren. Hilfreich sind Formen der Selbstorganisierung im Leben und die Stärkung von Kooperation. www.alltagsalternative.de.vu
Die genannten Fragen werden kaum gestellt, bei gewaltfreien wie militanten Gruppen. Das Ergebnis ist verheerend - die meisten militanten wie auch die meisten gewaltfreien Aktionen sind platt, inhaltlich und methodisch langweilig. Die meisten militanten Aktionen überzeugen nicht, aber nicht wegen ihrer Gewalt, sondern weil die Gewalt primitiv ist, meist aus Hilfslosigkeit resultiert und eine Vermittlung fehlt. Das aber gilt auch für Mahnwachen, Latschdemos und Postkartenaktionen. Notwendig wäre eine deutliche Weiterentwicklung von Zielen, Visionen, Gesellschaftskritiken und Methoden von Aktionen plus Außenvermittlung. Wenn dann im Zuge politischer Kämpfe kreative, vermittlungsstarke militante und gewaltfreie Aktionen nebeneinander geschehen oder sogar intelligent miteinander verknüpft werden können - wer wollte sich darüber ärgern?
Zum nächsten Text über die Praxis der AnarchistInnen im Kapitel "Bestandsaufnahme: Theorie und Praxis der Anarchie"
Diskussionsbeiträge
Aus Michael Jäger, "Orte des Widerstandes", in: Freitag 6/2004 (S. 1)
Ob ein Widerstand erfolgreich ist oder nicht, entscheidet sich an der Fixierbarkeit von Orten, gegen die er sich richten kann. Das müssen Orte sein, in denen die Macht des Gegners nicht nur gezeigt wird, sondern tatsächlich verankert ist. Gegen einen Gegner, der überall und nirgends wäre, könnte kein Kampf erfolgreich sein. Aber ein solcher Gegner sind die transnationalen Konzerne nicht. Die Adressen ihrer Zentralen, Werkstätten und Filialen sind bekannt. Solche Orte können weder beliebig hin- und herreisen wie die Teilnehmer der G 8-Treffen, noch ist ihre "weiträumige Absperrung" möglich, denn es sind zu viele, und sie wären nicht bloß ein paar Tage zu schützen, sondern immer. Demonstrieren ist nicht genug: Es muss vor den wirklichen Mauern der Macht geschehen.
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Aus einer Mail auf der Umweltschutz-von-unten-Mailingliste
Wenn bei einer Aktion die Fensterscheiben bei einer Bank beschädigt werden, dann ist das Gewalt. Das ist verwerflich und man hat sich davon zu distanzieren. Wenn diese Bank ihre Gewinne damit macht, daß sie Staudämme finanziert, durch die Tausende von ihrem Wohnort verdrängt werden, oder daß unersetzlicher Regenwald abgeholzt wird, dann ist das selbstverständlich keine Gewalt. Es geschieht ja mit der Billigung diverser Regierungen und internationaler Organisationen, wie Weltbank und IWF. Als die deutsche Bundesregierung ein Atomprogramm durchdrücken wollte, haben sich Leute an den Bauplätzen weder von Zäunen, noch von den bewachenden Polizisten zurückhalten lassen. Das war natürlich Gewalt. So ziemlich alle Eigenturmsrechte wurden verletzt, Sachen wurden zerstört. Manche haben sich monatelang auf dem Bauplatz festgesetzt. Der Pfarrer hat ihnen eine warme Suppe gebracht. Bauunternehmer haben Material zum Bau von festen Hütten gebracht. Alles Gewalt, ungesetzlich und verwerflich.
An einigen dieser Bauplätze steht bis heute nichts und ohne diesen Druck von unten hätte es überhaupt keine Diskussion über Atomausstieg gegeben. Wir können auch Standorte von Atomraketen, Wiederaufbereitungsanlagen, Chemiewerken, Deponien, geplante Auto- und Magnetbahnen, Stauseen usw. hinzufügen. Jedesmal wird die sogenannte „Gewaltfrage“ hochgespielt. Was darf man denn tun, wenn die eigenen Rechte gröblich, von „denen da oben“ verletzt werden. Auf „legalem“ Weg, also über Klagen oder parlamentarische Entscheide ist selten etwas zu erreichen. Oder es wurde schon erfolglos versucht. Bei Atom, bei Auto- und Magnetbahn gab es breite parteiübergreifende Mehrheiten, die erst jetzt nach vielen Jahren etwas bröckeln. Oft wurde der „legale“ Weg beschritten und man hat vor der „Arroganz der Herrschenden“ resigniert. Die radikalsten Wortführen sind oft diejenigen, fest die an die Rechtmäßigkeit und Legalität geglaubt haben und am Ende sehen mußten, wie ihre Interessen völlig belanglos sind.
Der Aufstand des Spartakus, die Bauernkriege, die Aktionen von Max Hoelz im Vogtland. Es war immer eine Reaktion auf unerträgliche Zustände, die einen langen Vorlauf hatten. Und immer waren die jeweiligen Machthaber schnell da und riefen „Pfui - Gewalt“. Als ob es aus heiterem Himmel gekommen wäre. Eine Anlayse dieser Bewegungen von unten zeigt, daß sich die Aufrührer in fast allen Fällen unbegreiflich milde und zurückhaltend gezeigt haben. Die Gefangenen wurden eben nicht kurzerhand umgebracht (obwohl genau dies in der Propaganda behauptet wurde), oft ließ man gegenerische Kämpfer mit dem Versprechen, sich künftig herauszuhalten, laufen. Gefangene wurden, den Umständen entsprechend, fair behandelt.
Das änderte sich aber in der Regel, wenn das Aufbegehren gescheitert war. Diejenigen, die die alte Ordnung wiederherstellten, kannten (und kennen) keine Gnade. Trotz Verträgen wurden die Unterlegenen massenhaft hingerichtet, verstümmelt, deportiert oder zumindest langjährig ins Gefängnis geworfen. Alles „Gewalt“ aber unter Berufung auf gültiges Recht. Ein trauriges, aber sehr anschauliches Kapitel ist die Münchner Räterepublik, wo sich die aufständischen Kommunisten- und Sozialdemokraten geradezu musterhaft diszipliniert gegenüber ihren geschlagenen Gegnern verhielten. Als die Truppen der Reichswehr, geführt von Kräften, die später dem Faschismus den Weg bereiteten, die Oberhand gewannen, gab es keine Gnade mehr. Was vorher an Schandtaten den Revolutionären vorgeworfen worden war, wurde nun an ihnen vollzogen.
Dies wurde natürlich mit Meldungen über angebliche Greueltaten der Revolutioäre vorbereitet und ideologisch abgesichert.
Oder nehmen wir den französischen Bauern José Bove. Er hat aus berechtigtem Zorn gegen eine katastrophale Agrarpolitik der Baustelle eines McDonald‘s einen Besuch abgestattet. Er wurde deswegen zu einem Gewalttäter hochstilisiert und mit Gefängnis bedroht. Die BSE-Krise hat nun allen gezeigt, daß Bové und seine Mitstreiter recht haben. In Porto Alegre war er der Star. Man darf sich in der Frage der „Gewalt“ eben nicht aufs Glatteis führen lassen, indem man den Diskurs von der anderen Seite bestimmen läßt. Da ist alles Gewalt, schon eine Sitzblockade mit eher symbolischem Charakter ist „Gewalt“, weil sie das Recht auf „Bewegungsfreiheit“ einer Atomrakete oder eines Castor-Transports einschränkt. Eine unkontrollierte Bewegung und ein Polizist erkennt auf „Körperverletzung“, ein wenig zerkratzter Lack und es ist „Sachbeschädigung“ Da ist man schnell in einem Topf mit den wenigen wirklich radikalen, die vor Mord (vgl. Rote Armee Fraktion) oder größeren Zerstörungen nicht zurückschrecken. Diese berufen sich zwar auf edelste Absichten, stammen oft auch aus Bewegungen, die sie als unzulänglich empfanden, aber die Aktionen lassen jedes Maß vermissen.
Man hilft einer politischen Bewegung nicht, wenn man Politiker oder Banker einfach umbringt. Die Sinnlosigkeit des individuellen Terrors wurde immer wieder nachgewiesen. Eine einzelne Person in der Elite auszuschalten ist keine dauerhafte Lösung, weil es sogleich andere gibt, die diese Funktion übernehmen. Die Machteliten in Angst um ihr Leben zu versetzen gelingt einer kleinen, abgeschotteten Gruppe auch kaum, weil die Machtmittel des Staates doch sehr viel größer sind. Die Folge von individuellem Terror ist meist, daß ziemlich undifferenziert gegen jede Form von Opposition vorgegangen wird, ob diese sich nun von der „Gewalt“ distanziert oder nicht. (Die Frage, ob man Menschen töten darf, als ethische Frage steht hier nicht an. Auch bürgerliche Kreise sind durchaus der Ansicht, daß ein Attentat auf Hitler, das dessen Tod zur Folge gehabt hätte, ethisch gerechtfertig war. Die Attentäter werden regelmäßig als „Widerstandskämpfer“ gefeiert. Es ist nur eine qualitative Frage, bei welcher Art von Regierung ein Mord als Widerstand erlaubt ist, das Töten prinzipiell ist gestattet. In Form der Armee sogar für jedermann)
Das zeigt zweierlei:
Die „Gewalt“ einer kleinen abgehobenen Gruppe wird mit großer Wahrscheinlichkeit vom Staat selbst gefördert, z.B. durch eingeschleuste Agenten, und gesteigert. Dafür gibt es nun reichlich Beweise auch aus jüngster Vergangenheit. Von der Steuerung „anarchistischer“ Bombenleger durch die zaristische Geheimpolizeit gar nicht zu reden.
Die Distanzierung von „Gewalt“ in abstraktem Sinne ist völlig zwecklos, weil es einen am Ende doch erwischt. Es genügt schon, die gleichen politischen Ziele zu haben, wie ein „Gewalttäter“ und schon hängt man drin. Es kommt hinzu, daß der Staat und seine Repräsentanten in der Gewaltfrage durchaus nicht so purisitsch sind, wie es den Anschein haben könnte. Wenn man eine Autobahn blockiert, weil man saubere Luft haben will, ist das natürlich „Gewalt“. Wenn Fernfahren die selbe Autobahn blockieren, weil sie keine Maut bezahlen wollen oder das Benzin zu teuer wird, kommen höchste Repräsentanten von Staaten und Verbänden angereist und versichern ihnen ihre Solidarität. Wenn dabei eine Raststätte abgefackelt wird, ist das der Erregung um die eigene Existenz geschuldert, Täter werden nie ermittelt, auch nicht gesucht. Im anderen Fall ist es höchst verwerfliche Sachbeschädigung und beschäftigt die Ermittler jahrelang. Diese Zusammenhänge gilt es klarzumachen.
Der brave Deutsche hat natürlich Angst um sein eigenes Auto und sein Häuschen, wenn er hört, daß bei einer „gewalttätigen Demonstation“ Fahrzeuge und Gebäude beschädigt wurden. Er wurde in Angst und Schrecken versetzt, weil er von einer Kugel der RAF erledigt werden könnte, obwohl die Wahrscheinlichkeit, daß er bei einem Überholmanöver auf der Bundesstraße auf ein entgegenkommendes Fahrzeug trifft, tausendmal größer ist. Aber selbiger dovote Deutsche hat keinerlei Hemmungen, die Hydraulikschläuche bei einem Bagger durchzuknipsen, wenn eine Straße über das Feuchtbiotop, das er als ehrenamtlicher Naturschützer gepflegt hat, gelegt werden soll. Da wird nacht lange über die Gewaltfrage nachgedacht, da wird gehandelt. Wer, wenn nicht wir. Wann, wenn nicht jetzt.
Diese Ambivalenz wird bei abstrakten Diskussionen um die „Gewaltfrage“ stets ausgeblendet. Da stehen nur Schreckgestalten, wie die bösen „Autonomen“ oder der „Schwarze Block“ im Mittelpunkt. Entweder man läßt sie gewähren oder man distanziert sich. Beides ist der Sache nicht angemessen. Ihre Wut ist so legitim, wie ihre Methode falsch ist. Die sogenannte „Stellvertreterpolitik“ hat noch nie funtioniert, bei der eine ideologisch vorausdenkende Elite stellvertretend für die Masse, die sich das nicht traut, den Aufstand vorbereitet und durchführt.
Wenn eine „Bewegung“ tatsächlich ihren Namen verdient, dann hat sich die abstrakte Diskussion um die „Gewaltfrage“ erledigt, denn die Bewegung ist die Gewalt selbst. Etwa die Zapatisten.
Die Diskussion um die „Gewaltfrage“ hat lediglich das Ziel, das staatliche Gewaltmonopol zu rechtfertigen, auf dem die Existenz der bürgerlichen Gesellschaft beruht. Die Alternative, so heißt es, sei Anarchie, Rechtlosigkeit, Willkür und was einem sonst so noch einfällt. Die Willkür, die der bürgerliche Staat gebrochen hat, war aber die Autokratie von Provinzfürsten, in Deutschland später als in Frankreich, die ursprüngliche Selbstbestimmung des Volkes war schon vorher zugunsten des Adels beseitigt worden.
Die Überwindung des bürgerlichen Staates ist aber das größte Tabuthema überhaupt. Das Hochspielen der Gewaltfrage dient vor allem dazu, die Diskussion nicht in diese Richtung entgleiten zu lassen.
Es könnte ja sein, daß jemand auf die Idee kommt, daß die Agenda 21 ja so ganz brauchbar, aber leider in den Grenzen der bürgerlichen Gesellschaft nicht durchsetzungsfähig ist. Wäre ja mal eine Überlegung wert.
Roland
Links
- Gewalt-Positionspapier und Zitate von ATTAC Deutschland
- Beitrag aus Gigi #13, Mai/Juni 2001
- militant manifesto (Strategiepapier, anonym)
- Beispiele für kreative Militanz
- Debatte auf Indymedia
- Beispiele für: Militanz schafft Aufmerksamkeit
- Staatliches Gewaltmonopol und Gegengewalt von unten
- Basistext "Gewaltfrei oder militant - wichtig ist der Widerstand (als PDF, Debattenseite oder Text)"
- Ideen zu kreativer Antirepression
- Schutz vor Repression
