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Gewalt: Notwendig oder Fetisch?

Auf dieser Seite: Fetisch ++ Jammern über andere ++ Ist Gewalt notwendig? ++ G8 2007 ++ Gewalt - ja oder nein? ++ Links

Verfasst für das Buch "Anarchie. Träume, Kampf und Krampf im deutschen Anarchismus" (Gliederung).
Überarbeitet für das Buch "Gewalt" (ein Band in der Pocket-Theoriereihe). Weitere Aktualisierungen und Ergänzungen folgen.

Gäbe es eine Skala der Militanz, so ständen den Gewaltfreien solche Gruppen und Strömungen gegenüber, die - wie die Gewaltfreien ihre Gewaltfreiheit - ihre Militanz als Selbstzweck sehen und ohne weitere Abwägungen und Überlegungen zu Zielen und Vermittlung von Aktionen ausleben. Militanz wird bei ihnen zum identitätsstiftenden Kristallisationspunkt der eigenen Aktivität.
Das ist kein Kriterium des Militanten. So wie viele Menschen (auch) gewaltfreie Aktionen machen, aber deshalb nicht der Auffassung sind, diese sei allein zulässig oder seligmachend, so gibt es auch viele Aktivist_innen, die bei passender Gelegenheit politische Außenwirkung zu erreichen oder etwas aufzuhalten versuchen mit Sabotage oder gar Angriffen auf Menschen, ohne jedoch die Überzeugung zu vertreten, nur der militante Kampf sei der richtige und gute.

Fetisch Militanz

In der Praxis vieler militanter Gruppen zeigt sich allerdings ein bemerkenswert unreflektierter und identitärer Umgang mit Gewalt. Sie wird durch sprachliche Überhöhung, Kleidung und plakative Außendarstellung zum Symbol von Potenz. Zwar nicht bei den verwendeten Codes, aber schon von der Einseitigkeit und Dogmatik her ähnelt solcher Militanzkult eher dem, was auch bei gewaltfreien Strömungen dominiert: Die Aktionsmethode wird zum eigentlich Wichtigen, das Mittel heiligt die Zwecke nicht - es ersetzt sie! Fast wöchentlich lässt sich diese Orientierung im Sprachrohr militanter Aktivist_innen, der in Berlin erscheinenden Zeitung "Interim" bewundern. Dort werden anonyme Bekenner_innenschreiben abgedruckt, bei denen eine inhaltliche Vermittlung fast immer fehlt. Der Abdruck in der Szenezeitung würde ohnehin keine Öffentlichkeit erreichen (vom VS einmal abgesehen). Fast legendär sind die selbst verfassten Heldengeschichten von zusammengetretenen Fahrkartenautomaten an irgendwelchen dunklen Vor-Ort-Bahnhöfen, die sich für die späteren Betrachter_innen kaum von plattem Vandalismus unterscheiden dürften (falls sie nicht sogar zur Akzeptanz der als Reaktion angebrachten Überwachungskamera führen). Fast Kultstatus hat die "radikal", die auch in ihren späten Jahren mit - oft fehlerhaften oder veralteten - Bastelanleitungen für Bomben und Brandsätze daherkam, d.h. für Aktionen, die in der Praxis des überwiegend bürgerlichen oder verbalradikalen Protests im deutschsprachigen Raum so gut wie nie vorkommen. Ihr Status wird noch erhöht durch die absurd-aufwändige Jagd von Staatsorganen nach Heften oder Nachdrucken der Anleitungen. Das Gewaltmonopol des Staates mit seinen uniformierten Truppen und der Militanzfetisch vieler Aktivist_innen passen ohnehin gut zusammen. Der Staat legitimiert seine autoritäre Gewalt mit Bildern geworfener Steine, die angesichts der Panzerungen von aufstandsbekämpfender Polizei die Verletztenlisten fast nur auf den eigenen Seiten hinterlassen. Die Militanten prahlen in ihren Geschichten - welch absurde Win-win-Situation - über diese Begegnungen mit "Bullen" und inszenieren sich als x-fach überwachte Person. Das gibt Selbstwertgefühl in politischen Strömungen, deren besondere Bedeutungslosigkeit in einer ohnehin marginalisierten Protestszene sonst stets fühlbar wäre.

Gewalt ersetzt Sinn und Vermittlung, er wird zur Qualität an sich. Vieles spricht dafür, dass militante Aktionen eher Ohnmachtsgefühle kompensieren als Angriff bedeuten. Die emanzipatorische Alternative wäre, mehr Handlungskompetenz zu erwerben, um durch Widerständigkeit im Alltag die permanente Unterlegenheit zu überwinden. Gewalt sollte, wenn sie als notwendig angesehen wird, nicht aus eigener Hilflosigkeit oder Mangel an Alternativen, sondern bewusst und überlegt angewendet werden.
Doch leider geht nicht nur selten darum, im Ergebnis eines abwägenden Strategiefindungsprozesses den Entschluss zu fassen, mit einem Angriff auf Material oder sogar Menschen ein bestimmtes Ziel zu erreichen, was anders nicht zu erreichen ist. Handlungsführend ist die Illusion, brennende Mülleimer, Barrikaden oder Flaschenwürfe auf Polizist_innen könnten die Befreiung bringen oder zumindest Ausdruck einer dafür werbenden, politischen Botschaft sein.

Im Original: Gewalt-Fetisch? ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Entgegnung von John Doe auf den Gewaltfreiheits-Vordenkers Jochen Stay in: Jungle World, 13.6.2007 (S. 19):
Der Autonome Werbeblock zur Prime Time hat allen anderen die Show gestohlen. Der von der Bild-Zeitung zum »Bürgerkrieg« geadelte Krawall legt sich wie ein Tränengasnebel über die Inhalte der Demonstration. Und das ist auch gut so, denn der staatsfetischistische Quark von Attac und der antiimperialistische Firlefanz aus dem gleichnamigen Block verdienen es, ohne Gehör zu bleiben.
Dabei ist der Schwarze Block im doppelten Sinne aufregend. Er hebt sich nicht nur durch seine ebenso bizarre und unterhaltsame Selbstinszenierung angenehm vom Rest ab. Neben vielen Spinnern, Pyromanen und Verkleidungskünstlern finden sich bei den Autonomen Gruppen und Personen, die mit der Systemkritik aufs Ganze gehen und gegen die Diktatur der Produktion über die Bedürfnisse das Primat der Bedürfnisse über die Produktion fordern.
Der Schwarze Block macht die Radikalität und Kompromisslosigkeit dieser Systemkritik sichtbar. Schon um der Glaubwürdigkeit willen muss das staatliche Gewaltmonopol in Frage gestellt werden. Kollektiv wird durch die Straftat „Vermummung“ das Demonstrationsrecht gebrochen. Alleine die Formierung eines solchen Blocks ist ein Zeichen von politischem Selbstbewusstsein. Der zur Schau gestellte Unwille, sich von den Knüppelschergen verkloppen zu lassen und gegebenenfalls zurückzuschlagen oder sogar selber anzugreifen, ist Teil einer politischen Strategie. Angriffe auf die Polizei sind Ausdruck einer Staatsfeindlichkeit, die wiederum Folge einer radikalen Gesellschaftskritik ist. Das in dieser symbolischen und trotzdem handfesten Auseinandersetzung dem einen oder anderen mitunter wehgetan wird, liegt in der Natur der Sache. Schön ist das nicht, aber mein Mitleid für Leute, die auf Befehl und für Sold andere Leute mit dem Knüppel bearbeiten, hält sich in Grenzen. Es ist eine politische Entscheidung' sich zum Werkzeug zu machen, wie es eine politische Entscheidung ist, militante Systemkritik zu betreiben. ...
Ach, es lässt sich nur schwer abstrakt über Militanz reden. In ein paar Minuten auf der Straße kann man manchmal mehr über die Verhältnisse lernen als beim jahrelangen Sitzen im Lesekreis. Da stellt man etwa schnell fest, dass ein rot-grüner Polizeiknüppel genauso wehtut wie ein schwarz-gelber. Wer nie das erotische Kribbeln beim Flambieren einer Wanne erfahren hat, wird es nie verstehen. Überhaupt, warum soll man angesichts der ungeheuren Gewalttätigkeit der Verhältnisse friedfertig bleiben? Nein, es gilt, auf die Barrikaden zu gehen und den Verhältnissen wenigstens symbolisch den Krieg zu erklären.


Kritik im Text „Du willst also einen Aufstand?“ aus dem Buch Message in a bottle – CrimethInc Communiques 1996-2011, übersetzt von der bm-Crew, Unrast 2012
Dadurch, dass sie ihre präferierten Taktiken glorifizieren und über die ihrer potentiell Verbündeten stellen, stellen solche Hitzköpfe falsche Gegensätze her, die sie von den Mitteln und dem Support, die sie brauchen um ihre Aktionen effektiv, selbst erhaltend und ansteckend zu machen, trennen. Mensch kann diese Tendenz als eine Überreaktion auf die Schwerfälligkeit der Bündnisse der Antikriegsbewegung sehen. Es gibt nichts gutes an erzwungener Einheit, die die Beteiligten paralysiert und entmutigt autonome Aktionen zu machen.

Jammern auf hohem Niveau: Militante Macker jammern über militante Fascho-Macker

Manchmal geschieht etwas Seltsames. Zwischen die selbstkreierten Held_innengeschichten mehr oder weniger sinnfreier Militanz mischt sich ein Jammern, wenn es um die Gewalt der Falschen geht. Dann hebt bei denen, die manch Hooligan sonst die Show stehlen könnten, plötzlich an Jammen an, dass Gewalt so schlimm sei. Das tritt regelmäßig auf, wenn Faschos oder die Polizei gewalttätig werden. Dabei wäre eine analytische Kritik der Form und Stoßrichtung solcher Gewalt, die bei Uniformierten meistens und bei Faschist_innen nie befreienden, sondern einen unterdrückenden Charakter hat, für eine emanzipatorische Militanzkultur wertvoll. So könnte deutlich sichtbar gemacht werden, was der Unterschied zwischen einem entschlossenen Entgegenstemmen gegen ausländer_innenfreie Zonen und dem Verprügeln Nichtdeutscher ist.
Stattdessen wird aber selbst dann gejammert, wenn Rechte exakt die gleichen Mackersymbole wie ihre linken Pendants benutzen, wie z.B. der Spruch "Good night left side" als phantasieloses Plagiat einer in gleichem Design und stylischer Männlichkeits-Kämpfersymbolik vorhandenen Antifavorlage. Lustigerweise regte sich die marxistisch-dogmatische Tageszeitung Junge Welt am 7.7.2007 (S. 5) just über das hier gezeigte Bild auf: "Gewaltaufruf als rechtes Modeaccessoire". Gewalt ist also per se schlimm, wenn sie von der anderen Seite kommt.

Aus dem dazugehörigen Text "8000 Beamte für die NPD", in: Junge Welt, 7.7.2007 (S. 5)
Neonazis haben im Vorfeld ihres geplanten Aufmarsches am Samstag in Frankfurt/Main im Internet offen zur Gewalt aufgerufen. ... Neonazis hätten Bilder einer mit Molotow-Cocktails bewaffneten Frau ins Internet gesetzt – und die Aufforderung, falls man schon Körperverletzung begehen wolle, dies auch richtig zu tun. »Die Stadt hätte den Aufmarsch verbieten müssen«, so Poensgens.

Zur Bedeutung von Militanz als Protestform

Nun sind nicht alle militanten Aktionen, bei denen Sachen oder, hierzulande ja äußerst selten, Menschen zu Schaden kommen, von Ohnmacht oder einem Selbstzweck der Gewalt angetrieben. Manche dienen gezielt der direkten Beendigung unerwünschter Verhältnisse und/oder der nachdrücklich-symbolischen Vermittlung von politischen Positionen oder Forderungen. Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit:

Alle Beispiele zeigen, dass eine besonders starke Vermittlung möglich ist , wenn militante Aktionen ein Teil von umfangreicheren Kampagnen sind oder zumindest mit anderen Aktionen gemischt werden. Denn dann kann die militante Attacke ihre Wirkung als Aufreger, Interessenswecker und damit Rahmen für eine inhaltliche Füllung mittels anderer Aktivitäten voll entfalten.

Im Original: Weitere Texte im Buch ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus dem Interview mit Günther Anders, erstveröffentlicht in "natur" (Interviewer: Manfred Bissinger)
A.: Also, ich will erst einmal - und das mag Sie vielleicht erschrecken oder auch nicht - gestehen: Obwohl ich sehr häufig als Pazifist angesehen werde, bin ich inzwischen zu der Überzeugung gekommen, daß mit Gewaltlosigkeit nicht mehr zu erreichen ist. Verzicht auf Tun reicht nicht als Tun. ...
Ziel darf Gewalt für uns niemals sein. Aber daß Gewalt - wenn mit ihrer Hilfe Gewaltlosigkeit durchgesetzt werden soll und nur mit ihrer Hilfe Gewaltlosigkeit durchgesetzt werden soll und nur mit ihrer Hilfe durchgesetzt werden kann - unsere Methoden sein muß, das ist wohl nicht abstreitbar.


Aus dem selbstgeführten Interview von und mit Günther Anders im gleichen Buch
Gewaltlose Widerstandsaktionen ähneln nicht nur Happenings. Sie sind Happenings.
Und warum sind sie das?
Deshalb, weil Happenings verspielte Scheinakte sind und Als-Obs, die so tun, als seien sie mehr: nämlich wirkliche Aktionen oder mindestens Bastarde von Sein und Schein, von Ernst und Spiel. (S. 98)
... die Als-Ob-Täter prahlen ja noch mit ihrem Als-Ob. Sie geben ja ihre Harmlosigkeit pompös als "Humanitität" oder als Ehrfurcht oder gar als "Geist der Bergpredigt" aus. Nichts schrecklicher übrigens, als wenn sich solche Bravheit und solcher "Mut zur Feigheit" auf Jesus zu berufen wagt. (S. 99)
Unsere Gewaltausübung darf immer nur als Verzweiflungsmittel, immer nur als Gegengewalt, immer nur als Provisorium eingesetzt werden. (S. 102)
Gewaltlosigkeit gegen Gewalt taugt nichts. Diejenigen, die die Vernichtung von Millionen Heutiger und Morgiger, also unsere endgültige Vernichtung vorbereiten oder mindestens in Kauf nehmen, die müssen verschwinden, die darf es nicht mehr geben. (S. 104)
Auf Sie als Pazifisten kann man also nicht mehr rechnen.
Doch. Aber Frieden ist mir nicht Mittel, sondern Ziel. Und deshalb kein Mittel, weil Frieden das Ziel ist. (S. 108)
Ist Gewalt bei Aktionen ersetzbar?

Diese Frage ist von Bedeutung, weil eine Kritik des Militanten anders ausfallen würde, wenn solche Aktionsformen immer ersetzbar wären. Das würde zwar noch nicht automatisch zu einer Befürwortung der durchgehenden Gewaltfreiheit führen, weil immer noch die Wirkung, Reichweite, Vermittlung und Effizienz von Aktionen reflektiert werden müsste. Aber im Fall, dass Fälle formulierbar sind, in die Wirkung von Militanz nicht durch andere Formen erreicht werden kann, stellt sich die Frage, ob ein dogmatischer Verzicht auf Gewalt überhaupt bedenkenswert ist. Vollständig ersetzbar wäre Militanz, wenn stets mit anderen, Menschen (oder auch Sachen) weniger gefährdenden oder zerstörerischen Mitteln bessere, gleiche oder zumindest ausreichende Ergebnisse erzielt werden könnten. Nicht emanzipatorisch wäre, das ist bereits in der Kritik der Gewaltfreiheit erörtert worden, eine dogmatische Position, die die Aktionsmethode über die Ziele stellt. Wenn also, nur um gewaltfrei zu bleiben, auf politische Wirkung verzichtet würde. Das Motto "Das Mittel heiligt die Zwecke" in Umkehrung des ursprünglichen Satzes überzeugt dann nicht: Hauptsache gewaltfrei, egal wofür und mit welchem Ergebnis.

Eine Antwort liefern die gewaltfreie Zusammenhänge selbst: Ihnen fehlen für viele Situationen schlichtweg die Ideen. Sie bleiben dann meist weg oder organisieren nur symbolische Einmalaktionen. Die können ergänzenden Nutzen haben, signalisieren oft aber als Begleitfolklore des Kritisierten nur eigene Ohnmacht.
Eine völlige Leerstelle zeigt der Umgang mit bewaffneter Unterdrückung durch Regierungen, Milizen, Einzelpersonen oder Clans. Zwar gibt es Versuche, die Widerstandspotentiale gegen Regimes wie den Nationalsozialismus aus gewaltfreier Sicht zu beschreiben, doch diese Texte zeigen vor allem Hilflosigkeit. Die konkrete Entwicklung zum Dritten Reich zeigt eher, wie schnell Handlungsunfähigkeit entsteht, wenn politischer Protest nicht in selbstorganisiert-unberechenbaren Bahnen verläuft, sondern als zentral gesteuerte Opposition über die Zerschlagung ihrer Zentren weitgehend lahmgelegt werden kann. Es ist nicht nur im Bezug auf die Phase von 1933 bis 1945 bedauerlich, dass entschlossene Menschen wie Georg Elser sehr selten waren, sondern es spricht auch für sich, dass gerade diese erst seit wenigen Jahren in der Geschichtsschreibung überhaupt wahrgenommen werden: Geehrt werden neben gewalt- (und weitgehend wirkungs-)losen sowie nicht grundsätzlich herrschaftsfeindlichen Oppositionellen, bevorzugt mit christlichem Hintergrund, vor allem gewalttätige, deutsch-nationale bis faschistische Kreise.

Im Original: Kann Militanz passend sein? ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Agnoli, Johannes/Brückner, Peter (1967), "Die Transformation der Demokratie", Voltaire Verlag in Berlin (S. 30)
Nicht Brot und Spiele noch Wahlzettel, sondern die Gewalt hat im Laufe der bisherigen Geschichte soziale Kälte der Manipulation entzogen und Freiheit verwirklicht.

Aus Christoph Spehr (2003): "Gleicher als andere", Karl Dietz Verlag in Berlin (S. 35)
Aufgrund der Komplexität von Herrschaftsinstrumenten ist das Gewaltmonopol übergeordneter Strukturen keine Lösung; es dient denen, die auf den anderen Ebenen (denen außer der »militärischen«) Vorteile haben und zur Anwendung bringen. Auch auf den anderen Ebenen von Herrschaftsinstrumenten bringt eine Politik, die der des Gewaltmonopols entspricht, keine Lösung – wir wissen heute, dass die Verstaatlichung von produktivem Eigentum und ökonomischer Verfügung an sich keineswegs bewirkt, dass strukturelle Unterordnung verschwindet. Die Politik der »Zivilisierung«, typisch für das demokratische Zeitalter, ist entsprechend ambivalent: Sie mag positive Elemente einer Abwicklung von Herrschaftsinstrumenten enthalten, zumeist wirkt sie jedoch negativ im Sinne einer Entwaffnung der Beherrschten, um sie desto reibungsloser den anderen Instrumenten und Ebenen von Herrschaft auszuliefern.

Aus "Thesen zur Autonomie", in: Interim, Februar 2011
15. Die Autonomie setzt sich gegen jene zur Wehr, die ihr Recht auf Selbstbestimmung nicht anerkennen. Sie sucht den Bereich der Autonomie und der Selbstbestimmung auszudehnen, indem sie alles in ihrer Möglichkeiten stehende tut, um Zwangs- und Herrschaftsstrukturen zu zerstören. Sie besteht konsequent darauf, sich das Recht auf selbstbestimmtes Leben Hier und Heute zu nehmen und verteidigt es militant.
16. Mit Militanz meint Autonomie kein bestimmtes Verhältnis zur Gewalt, schon gar nicht militaristisches oder militärisches Handeln, deren blinden Kadergehorsam, Allmachts- und Unterdrückungsphantasien sie verachtet. Unter Militanz versteht sie vielmehr eine Haltung, bei der die Einzelnen trotz des Risikos persönlicher Konsequenzen entschlossen danach streben, zu einer Übereinstimmung ihrer Überzeugungen und ihres Handelns zu gelangen. So verstanden bedeutet Militanz das Gegenteil von Opportunismus und Karrierismus - sie bedeutet selbstverantwortliches, reflektiertes, entschlossenes und offensives Handeln.
17. Autonomie strebt weder Zwangs- noch Gewaltausübung an. Die gemeinsame Gestaltung selbstbestimmter und emanzipatorischer Verhältnisse ist mit Mitteln der Gewalt nicht zu haben. Doch sie weiß, dass sich ihr Kampf nicht auf Appelle und Dialoge beschränken kann, dass die Vertreter_innen des Faustrechts und der Gewalt oft keine andere Sprache verstehen als eben jene der Gewalt und es notwendig sein kann, sich ihrer zu bedienen. Dabei ist klar, dass Gewalt zur Ausübung physischen oder psychischen Zwangs, unter Verletzung des gleichen Freiheitsspielraums Aller von augenfällig anderer Qualität ist als Gewalt, die zur Selbstverteidigung und Abwehr solchen Zwangs eingesetzt wird. Die Autonomie verweigert sich dem einseitigen und undifferenzierten Gewaltbegriff der Herrschaft, der tatsächliche Gewaltverhältnisse verschleiert. Sie sucht die Ursprünge und Strukturen der Gewalt, wo diese im Verborgenen oder in institutionalisierter Form existieren, macht sie sichtbar, benennt sie und greift sie an - dabei zieht sie Sachbeschädigungen und Sabotage vor. Autonomie betreibt keinen Fetisch der Gewalt; sie erwägt jedesmal von neuem, ob Gewalt geeignet ist, eine bestehende Unterdrückung zu thematisieren, skandalisieren oder zu beenden und ob vielleicht eine andere Handlungsmöglichkeit, z.B. eine List, nicht eine ebenso gute oder bessere Wahl wäre. Sie trachtet nicht nach der Verletzung von Menschen; sucht umsichtig auszuschließen, dass Unbeteiligte in Mitleidenschaft gezogen werden. Und wie jeder Mensch, der halbwegs bei Sinnen ist, weiß sie, dass zwischen Sachbeschädigung und einem Angriff auf Menschen Welten liegen.
Gewalt und Medien

Ein Motiv sowohl überlegt eingesetzter wie auch der - leider dominierenden - platten Gewalt ist das Spektakuläre. Das gilt insbesondere in solchen Regionen der Welt, in denen Gewalt selten ist und zwecks Unterhaltung oder künstlich erschaffener, dann politisch missbrauchter Ängste völlig übertrieben auf Bildschirme oder in auflagengeile Zeitungen gebracht wird. Nicht selten sind es staatlich-repressive Kreise selbst, die spontane Gewaltausbrüche anzetteln - gekleidet in den uniformähnlichen Dress identitärer Militanzfetischist_innen. Gewaltfreie klagen zu Recht immer wieder darüber, dass Medien bevorzugt über gewaltförmige Protestaktionen berichten. Allerdings benennen sie damit selbst einen wichtigen Grund für Militanz: Das dadurch entfachte Spektakel. Mensch mag das als Argument nicht befriedigend finden, aber das ändert an seiner Wirkung nichts. Beispiele gibt es genug: Gerade die Krawalle im Vorfeld des G8-Gipfels von Heiligendamm haben den Fokus aller Öffentlichkeit auf die Ereignisse gelenkt und damit auch den nachfolgenden, überwiegend gewaltfreien Aktionen den Raum eröffnet. Die eher bürgerliche Organisation Attac verstand es in Deutschland, die Erregung angesichts der Gewalt bei den Protesten im Sommer 2001 (Göteborg und Genua) geschickt für sich zu nutzen. Es ist mehr als zweifelhaft, ob die am Ende erzielte Wirkung ohne die (äußerst platte und katastrophal durchgeführte!) Militanz einschließlich der dadurch ausgelösten Hetze und Debatte erreicht worden wäre. Eher ist wahrscheinlich, dass nicht, wie es Bewegungseliten nach den Geschehnissen behaupteten, die Militanz die anderen Aktionen kaputt machte, sondern deren große Wahrnehmung erst herbeiführte.

Daher sei die mediale Hetze im zeitlichen Ablauf noch einmal dokumentiert.

Im Original: Hetze gegen Gewalt beim G8 in Medien ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Spiegel-Online-Ticker: Am 2.6.2008 lief die "Groß"demo in Rostock. Die gesamte Zeit über berichtete Spiegel-online nur von Krawallmachern, verletzten Polizisten, Messerattacken auf die Polizei und Distanzierungen friedlicher Demonstrant_innen. Das ganze war klar erkennbar als Herbeischreiben des Bösen und führte zu absurden Ablaufbeschreibungen, die sich schon auf den ersten Blick widersprechen:
[20:29] Die Atmosphäre bei der Abschlusskundgebung in Rostock ist weiter ruhig. Die Polizei ist noch präsent, hält sich aber am Rand der Veranstaltung auf. ...
[19:44] Die friedlichen Demonstranten zeigen sich enttäuscht vom Ausgang des Tages. "Wir haben uns so lange vorbereitet, und nun haben ein paar Krawallmacher alles kaputt gemacht", sagt eine ältere Frau mit Tränen in den Augen.
[19:40] Vor der Bühne, auf der kurz zuvor noch bekannte Bands wie "Wir sind Helden" und "Juli" gespielt haben, stehen Wasserwerfer und Räumfahrzeuge.
Höhepunkt war die Formulierung um 23 Uhr: Autonome verwüsten Rostock. Bilder oder auch nur Informationen von zerstörten Häusern, verwüsteten Straßen u.ä. wurden nicht geliefert.

Aus einer Pressemitteilung des Republikanischen Anwältevereins zu einem Hetzbild in der BILD-Zeitung
Unter der Fotoüberschrift „Aufgebrachte Schläger versuchen, einem Zivilpolizisten die Kapuze vom Kopf zu reißen“ zeigt die Bild-Zeitung vom heutigen Tag ein Foto, das eine Anwältin des Legal Teams zeigt. Die betreffende Anwältin ist zu sehen, wie sie mit dem Zivilbeamten darüber spricht, wie er sich zu seinem eigenen Schutz auf die andere Seite der Polizeikette begeben kann.
Anmerkung: Vorausgegangen war die Enttarnung von fünf Polizeibeamten, die in Schwarze-Block-Kleidung Gewalttaten anzuzetteln versuchten. Auch das gilt es immer zu Bedenken, dass die Polizei selbst Interesse am Krawall hat!

Aus der Report-Sendung vom 4.6.2007 zu Positionen bei Attac in Rostock zur Gewaltfrage (mit Kommentaren)
Dann schmeißen die Gewalttäter Steine und Flaschen. Sie hatten den Veranstaltern versprochen friedlich zu bleiben, die hatten es geglaubt.
Gelogen: Es gab keine solchen Versprechungen.
Noch sind Attac und die Steinewerfer unter einem Dach, in einem Camp, gehen gemeinsam auf Demos. Doch inzwischen fragt sich Erasmus, ob das bis zum G-8-Gipfel so bleiben kann. Späte Einsicht. ... Und: lassen sich die Gewalttäter überhaupt ausschließen? Noch hat Attac keinen Plan. ... Rostock lehrt heute schon: der bunte Protest braucht Zivilcourage. Nicht nur gegen Politiker und Polizei, sondern auch gegen militante Steinewerfer.
Klares Ziel der Reporter: Spalten. Gewirkt hat es nicht - zum Glück, wie die weiteren Tage in Rostock bewiesen.
Heute Mittag in Rostock. Während der Schwarze Block wieder Krawall macht, retten die Aktivisten die Erde aus den Fängen von Merkel, Bush und Co.
Gelogen: Die Randale an diesem Tag ist frei erfunden.

Und hinterher die Spaltung absichern oder weiter vorantreiben ...
(wie nach Genua 2001 oder Evian 2003 auch ... gerade in den Blättern FR, taz, Spiegel & Co. - so auch 2007)
Aus dem Kommentar "Erfolg in kleinen Dosen" von Uwe Vorkötter, in: FR, 9.6.2007 (S.11)
Bemerkenswert, dass der Schwarze Block der Gewalttäter nur einen Tag lang das Geschehen beherrschen konnte. Danach hat die klare Distanzierung der friedlichen G8-Kritiker gewirkt. Nur so konnte es Attac und Greenpeace, den Veranstaltern des Gegengipfels und dem Netzwerk der Protest-Organisatoren, gelingen, Heiligendamm ihrerseits zu einem Erfolg zu machen.
Kann zwischen verschiedenen Formen von Gewalt unterschieden werden?

Anders als viele Anhänger_innen von Gewaltfreiheits- oder Militanzfestisch glauben, unterliegen Sachbeschädigung und Angriffe auf Menschen aus emanzipatorischer Sicht den gleichen Kriterien, nach denen alle Aktionsformen überlegt, geplant, durchgeführt und reflektiert werden sollten. Das reicht von Fragen zur Methodik wie Angemessenheit, inhaltlicher Vermittlung, Zielgenauigkeit und Wirksamkeit über Strategien der Kooperation und Integration in Konzepte vielfältigen Nebeneinanders verschiedener Aktionsformen bis zu Überlegungen hinsichtlich möglicher Folgen durch Repression und politische Reaktionen. Unter diesen Gesichtspunkten gilt für alle Angriffe auf unbelebte oder belebte Materie die gesamte Spannbreite von "völlig daneben" bis zu "sehr passend". Ein objektives Urteil gibt es nicht, es gelten stets mehrere den voneinander abweichenden, subjektiven Sichtweisen der konkreten Akteur_innen. Weder Gewalt noch Gewaltfreiheit genießen einen Sonderstatus. Beide lassen sich pauschal und unabhängig von der Situation weder als schlecht noch als gut hinzustellen.
Gewalt muss hinsichtlich einiger Aspekte aber besonders intensiv dieser abwägenden, hinterfragenden Betrachtung unterworfen werden. Sie hat nämlich, das liegt in der Natur dieser Aktionsmethode, regelmäßig nicht oder nur schwer wieder rückholbare Folgen. Das ist kein Gegenargument als solches, sondern ein besonderes Signal, Militanz klug zu planen und immer kritisch zu hinterfragen. Die aktuelle Praxis militanter Aktionen erfüllt diesen Anspruch regelmäßig nicht. Das Zerstören von Fensterscheiben, das Abfackeln von Autos oder das Werfen von Steinen dokumentiert eher meist eine beeindruckende Gedankenlosigkeit. Offenbar liegt den meisten gewaltförmigen Aktionen überhaupt keine Planung und keine Vermittlungsidee zugrunde. Sie entsteht vielmehr höchstens aus einer bloßen Laune zur Militanz heraus oder, noch schlimmer, aus einem schlechter Vorbereitung folgenden, spontanen Bedürfnis heraus, die eigene Ohnmacht in Gewalthandlungen zu kompensieren. Gewalt ist dann eher die Folge der Strategiefeindlichkeit politischer Bewegung als bewusster Entschluss und nicht besser als die für massenhafte Teilnahme gedachten, platten bis bevormundenden Aktionen der Gewaltfreiheit. Der Reiz gewaltfreier und militanter Aktion entsteht aus ziemlich ähnlichen Quellen.

Wo aber Angriffe auf Material oder Menschen Ergebnis eines Prozesses von Planung, Abwägung und Aneignung von Handlungskompetenz sind, kann sich Gewalt als adäquates und zielführendes Mittel etablieren. Sie muss es sogar sein, wenn gar keine anderen Mittel zur Verfügung stehen, Untätigkeit aber eine wesentliche Beeinträchtigung der eigenen Handlungsfähigkeit und der erwünschten Wirkung darstellen würde. Sie ist es aber auch, wenn der Gewaltverzicht eine erhebliche Verminderung der erwünschten Wirkung bedeuten würde.
Ein praktisches Beispiel auch hierfür: Im Protest gegen die Agro-Gentechnik haben gewaltfreie Zusammenhänge von 2005 bis 2008 zu großen, symbolisch-praktischen Attacken auf Felder mit gentechnisch veränderten Pflanzen aufgerufen. Gegenüber den Umwelt-NGOs, die sich zum Teil davon lieber distanzierten statt mitzumachen, um am Gesprächstisch mit Mächtigen über politische Rahmenbedingungen (und ihre eigenen Fördergelder) zu verhandeln, war das schon mutig. Doch "Gendreck weg", das sich aus den klassischen gewaltfreien Zusammenhängen bildete, griff nur Felder an, die Bauern gehörten. Die konnten sich kaum wehren. Als MON810 verboten wurde, beendete "Gendreck weg!" seine großen Aktionen. Für die hochbewachten Versuchsanlagen deutscher Agro-Gentechnik fehlte ihnen der Mut - und wahrscheinlich hätten ihre für die jährlichen "Feldbefreiungen" zusammengetrommelten Bürger_innen eine Aktion, bei der erwartbar eine deutlich massivere Auseinandersetzung mit Bewachungspersonal oder Polizei entstanden wäre, auch nicht mitgemacht.
Wer dann immer wieder die hochgesicherten Felder umgelegt hat oder in anderen Fällen die notwendigerweise gut durchdachten Sabotageakte gegen Symbole oder Infrastruktur von Ausbeutung, Krieg oder Macht zerstörten, ist unbekannt. Es spricht aber einiges dafür, dass es weder die Anhänger_innen der sich nur im Harmlosen aufhaltenden Gewaltfreiheit noch die der blanken und stumpfen Militanz waren. Die Serie der Attacken, die 2012 zum vorläufigen Aus der Agrogentechnik in Deutschland führten, zeigte ein interessantes Stufenkonzept der eingesetzten Gewalt. An den besonders stark gesicherten Standorten kam es in zwei Fällen laut Polizeiprotokollen sogar zum zeitweisen Einsperren des Bewachungspersonals und der Verhinderung von Telefonaten.

Es ist ein riesiger Unterschied, wie eine militante Gruppe agiert. Dabei kann es sogar die gleiche sein: Wenn eine als "terroristisch" diffamierte, aber auch selbst ihrer Gewalttätigkeit überhöhende Gruppe einen Arbeitsgeberpräsidenten entführt, bereits da aus Desinteresse oder mangels Willen zu besserer Planung schnell mal ein paar Menschen als Kollateralschaden abknallt, um schließlich auch nichts Besseres zu wissen, als das Entführungsopfer zu erschießen (wobei die stärkere Trauer um den erst am Ende Erschossenen gegenüber den weiteren Toten die peinliche Neigung zur Verehrung deutsch-nationaler bis faschistischer Männer zeigt), dann ist das aus emanzipatorischer Sicht nicht hinnehmbar. Wenn sie aber als bewaffnetes Kommando (sorgsam im Vergleich zu den Kollateralopfern vorhergehender Anschläge) zunächst einen Gefängnisbau durchkämmt, alle Menschen heraus treibt und dann, verbunden mit intensiver inhaltlicher Kritik, den Bau in die Luft sprengt, kann die Bewertung anders ausfallen. Es ist aus der prinzipiellen Befürwortung von Meinungsvielfalt und Streitkultur weiterhin zulässig, beide Aktionen abzulehnen oder gut zu finden. Aber zwischen diesen keinen Unterschied zu sehen, würde eine bemerkenswerte Betriebsblindheit zeigen. Gewalt kann, wie jede andere Aktionsform auch, schlau oder stumpf sein.

Das Nicht-Argument der Spielregeln

Angriffe auf Material oder Menschen sind, wenn sie mit emanzipatorischen Zielen erfolgen, so gut wie immer Verstöße gegen geltende Gesetze. Das Gesetz legitimiert neben dem auf seltene, persönliche Betroffenheitsfälle begrenzten Notwehrrecht ausschließlich Gewalt von oben, also durch Vollstrecker_innen der sich offiziell aus der bestehenden Herrschaft ableitenden Gewalt. Diese fußt auf dem sogenannten Gewaltmonopol, welches festlegt, dass die im offiziellen System verankerten Institutionen zusätzlich zu ihren sonstigen Privilegien auch direkte Gewalt ausüben darf - und nur sie. Die ohnehin vorhandene Überlegenheit entspringt dem Zugriff auf fast unendliche personelle, materielle und finanzielle Ressourcen, dem dominanten Einfluss auf Diskurse und der Vereinnahmung als Sprecher_innen des konstruierten Gemeinwillens. Zudem setzen sie die Regeln. Gesetze, Normen, Verordnungen, Auflagen und Anweisungen stammen also aus der Feder derer, die auch über das Macht- und Gewaltmonopol verfügen. Zwar bilden diese Eliten angesichts ihrer Größe und Einbettung in die Gesellschaft zumindest in den modernen Demokratien keine Einheit, sondern sind von internen Konkurrenzen durchzogen. Dennoch bleibt festzustellen, dass die Regeln der Gewalt von denen gesetzt werden, die den Ausführenden der Gewalt die Befehle erteilen. Das Recht ist das Recht der Stärkeren.
Daraus ergibt sich, dass die bestehenden Regeln aus emanzipatorischer Sicht, die ja die Befreiung aus der Fremdbestimmung will, keinen Eigenwert haben. Dass sie dennoch in einer Aktionsstrategie bedacht werden müssen, folgt dem Argument des abwägenden Vorgehens, in das auch mögliche Reaktionen der Machthaber_innen und Repression einfließen. Darüber hinaus können sie aber keine Bedeutung haben. Es wäre also angemessen, wenn in autonomen oder Ungehorsams-Konzepten die Selbstbestimmung bei der Wahl der Aktionsform über den rechtlichen Rahmen gestellt wird.

Im Original: Zur Frage des Ungehorsams gegenüber Regeln ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Jutta Ditfurth/Rose Glaser (1987): "Die tägliche legale Verseuchung unserer Flüsse und wie wir uns dagegen wehren können", Rasch und Röhring in Hamburg (S. 283 f., ganzes Kapitel als .rtf-Download)
Am besten dreimal täglich sollen Grüne und Bürgerinitiativen, auf den Knien rutschend, beteuern: Wir sind gewaltfrei! Natürlich sind wir gewaltfrei, allerdings nicht passiv, sondern aktiv gewaltfrei! Uns abverlangte Dauerbekenntnisse und Distanzierungsrituale sind eine prima Methode - weil auch genug darauf reinfallen (wollen) -, um vom allgegenwärtigen Staatsterrorismus abzulenken. Damit wir nicht darauf zeigen, von wem und gegen wen die Gewalt ausgeht: gegen Asylsuchende und Flüchtlinge aus Folterländern, die schon außerhalb der Grenzen dieses reichen Landes abgewiesen werden, gegen Menschen in der Dritten Welt, gegen Erwerbslose, gegen Frauen, gegen Arme, gegen Menschen in den psychiatrischen Anstalten, gegen Lohnabhängige durch inhumane und krankmachende Arbeitsbedingungen und niedrige Löhne, gegen alle Menschen durch die Zerstörung ökologischer Lebensgrundlagen, durch die Bedrohung mit Krebs, Waldsterben, Allergien, Aids (an dessen Ursachen auch kaum geforscht wird), durch sinkende Lebenserwartung und die Zunahme chronischer Krankheiten.
Mit den Antiterrorgesetzen, den Gesetzen zur Terrorisierung von Menschen im Widerstand, soll auch vergessen gemacht werden, daß der Staat die Bombe im Celler Gefängnis selbst gelegt hat und daß viele strafbare Handlungen von polizeilichen Lockspitzeln überhaupt erst angestiftet werden. Es geht den Herrschenden nicht unbedingt darum, nun gleich alle AktionistInnen zu verhaften. Es sind ja in Wirklichkeit auch gar nicht die konkreten Aktionen, die diesen Staat ins Wackeln bringen, sieht mensch sich die Lkw-Fahrer an, die Grenzen blockieren, und F. J. Strauß läßt grüßen, oder die Bauern, die in Bonn wg. berechtigten Zorns auf Ignaz Kiechle so dicht vor dessen Ministerium Spalier schimpfen dürfen, daß jede Anti-AKW-Initiative vor Neid erblaßt.
Allein der Verdacht einer Handlung nach § 129a ist für die Staatsorgane äußerst praktisch. Da wird alles möglich, wovon staatliche Sicherheitsorgane träumen: Telefortüberwachung, Beschlagnahmungen, Festnahmen, Ausforschung des sozialen Umfeldes usw. Voll gewalttätiger Hysterie will der Staat wissen: Wo könnte sich Widerstand regen, wenn mal wieder ein großtechnologisches Projekt durchgesetzt werden soll, ein Atomkraftwerk, ein Chemiebetrieb, ein Munitionsdepot? Wie sehen die Kommunikationsstrukturen bei uns aus? Er will ein soziales »Frühwarnsystem« und geht vom Menschen als Unsicherheitsfaktor und potentiellem Unruhestifter aus, den es in den Griff zu kriegen gilt. Das rechtfertigt dann angeblich alles: vom neuen Blockwart (Kontaktbereichsbeamten) bis zur Aufrüstung und Militarisierung der Polizei.
Ein Staat neigt dazu, immer mehr Macht anzuhäufen und einen immer größeren Gewaltapparat zu schaffen, um seine Herrschaft abzusichern. Das Gewaltmonopol des Staates zu akzeptieren heißt, ein Monopol der Gewalt zu akzeptieren, und bedeutet den Verzicht auf Widerstand, der mehr sein kann, als Protestbriefe zu schreiben oder mal was anderes zu wählen. Staatliche (Entscheidungs-)Gewalt zu dezentralisieren, an die Menschen zurückzugeben, heißt nicht, das Chaos ausbrechen zu lassen, sondern die ökologische Zerstörung und die soziale Verelendung um uns herum Schritt für Schritt zu beenden.
Damit wir über die Art staatlichen Terrors nicht reden, trat gleichzeitig, am 1. Januar 1987, ein weiteres sogenanntes Antiterrorgesetz in Kraft: Der § 130a (Anleitung zu strafbaren Handlungen) macht schon die Gesinnung zum Terrorakt. Er soll uns verbieten, zu reden und Meinungsverschiedenheiten auszutragen - nicht planen, sich nicht wehren, geschehen lassen. Wenn wir sagen, in diesem Land herrscht zuviel Gewalt gegen Mensch und Natur, sagen wir auch: Laßt uns überlegen, was dagegen zu tun ist. Dann können und sollen aus diesen Äußerungen rebellische Gedanken entstehen.
Solche Zensur von Meinungsfreiheit beseitigen wir, indem wir sie lächerlich machen und über Widerstandsformen sprechen. Das gleiche gilt für den § 129a: Wir können mit Phantasie und Energie ein politisches Klima schaffen, in dem Staatsanwälten und Gerichten der politische Boden zur Anwendung der sogenannten Antiterrorgesetze entzogen wird, zum Beispiel dadurch, daß wir uns provokative und aufrüttelnde, phantasievolle und überzeugende Aktionen ausdenken. Historische Beispiele gibt es genug.

Zum vierten Teiltext "Perspektiven" im Kapitel über Gewalt und Gewaltfreiheit als Fetisch

G8-Militanz: Identitäre Mackerei - am Beispiel

Berichte über Militanz in und um Rostock

Letztere bildeten einen sehr großen, so genannten „schwarzen Block“, hierbei fiel auf, dass viele Teilnehmer_innen vermummt waren, des weiteren gab es Dutzende miteinander verknotete Seitentransparente, Fahnen und mehrere Lautsprecherwagen. ... der schwarze Block lief überwiegend in Ketten, unter Sprechchören wie „A - Anti - Anticapitalista“ und „No Justice No Peace Fight the Police“ zog der Zug durch die Straßen. ... Leider war hier festzustellen, dass die Ketten bereits große Lücken aufwiesen, gleichwohl es hier kaum Polizei gab sollte zukünftig besser aufgepasst werden, ... Gleichwohl militante Proteste ihren Sinn haben, muss man eben diesen absprechen wenn, z.B. auf Grund von Polizeiangriffen, notwendige Gegenwehr in sinnlose Randale und Gewaltszenen umschlagen. Das Abbrennen und Entglasen von am Rand geparkten Autos oder aber die Zerstörung von Schaufenstern gehören in diese Kategorie. Es muss hier die Frage nach dem Warum gestattet sein. ...
Ich habe auf der Demo beobachtet, wie ohne erkennbaren Grund Gegenstände auf die Polizisten geworfen wurden. Als ein paar Demoteilnehmer Vermummte friedlich aufforderten, die Provokation seien zu lassen, drohten ihn die Vermummten Gewalt an. Hier gingen die Spaltungsversuche eindeutig von Leuten aus dem schwaren Block aus. (Indymedia zum 2.6.07)

Kommentierungen und Bewertungen

Wer den Text von Jochen Stay gegen "die" Militanten liest und danach sich die Zeillen von John Doe zu Gemüte führt, wird hinter dem oberflächlichen Rumgemackere beider um die richtige Meinung zum Widerstand viele Ähnlichkeiten feststellen: Beide sprechen über "die" Militanz bzw. "die" Randale - als gäbe es nur eine Form. Beide beschreiben zwei Teile von Bewegung und bezeichnen den Teil, dem sich sich selbst zuordnen, als "wir". Beide sprechen dann auch gleich für dieses ganze "wir", ohne sich überhaupt darum zu kümmern, ob noch jemand ihre als Allgemeinmeinung verklärte Privatauffassung teilt.
Dann geht es weiter ins Eingemachte identitärer Meiner-ist-der-Längste-Spielchen: "Der autonome Werbeblock zur Prime Time", so die bemerkenswerte Eigenbewertung, habe "allen anderen die Show gestohlen". Darum geht es wohl - so wie Jochen Stay nicht müde wurde, sein dolles 5-Finger-System als Topseller anzupreisen. Warum was wie funktionierte und wirkte, ist den PR-Strategen der identitären Blöcke schlicht egal. Natürlich dient das Eigene der Revolution: "Der Schwarze Block macht die Radikalität und Kompromisslosigkeit dieser Systemkritik sichtbar." Aha - und worin besteht die Systemkritik? John Doe meint nämlich nicht die bei näherer Betrachtung durchaus vorhandenen Ausnahmen inhaltlich vermittelter Militanz vor allem im Vorfeld der G8-Protest in Berlin, Hamburg, Lüsewitz und anderswo. Sondern er spricht von den Pflastersteinen, diekompromisslos die eigenen Genoss_innen am Hinterkopf treffen, oder den Feuerzeugen, die "radikal" Autos irgendwelcher Bewohner_innen von Rostock vernichten. "Wer nie das erotische Kribbeln beim Flambieren einer Wanne erfahren hat, wird es nie verstehen." Stimmt. Bei mir kribbelt es nie in dieser Weise, wenn ich Mackerei, Plattheit und Pseudoradikalität live erleben muss.

Im Original: Gewalt-Fetisch? ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Entgegnung von John Doe auf den Gewaltfreiheits-Vordenkers Jochen Stay in: Jungle World, 13.6.2007 (S. 19):
Ins Schwarze treffen! Die Randate war das Beste, was die G8-Proteste zu bieten hatten.
Nach dem furiosen Rambazamba in Rostock sitze ich gutgelaunt beim Frühstück, als mir Tim Laumeyer, der Pressesprecher der »Interventionistischen Linken«, durchs Radio in den Morgenkaffee pinkelt. Als Sprecher einer der derzeit wichtigsten linksradikaIen Zusammenschlüsse in diesem Land distanziert er sich von den militanten Demonstranten. Später lässt sein Verein wissen, dass diese Erklärung dem Stress und dem Lärm der Polizeihubschrauber geschuldet gewesen sei. Doch flirtet Herr Laumeyer offensichtlich mit den Reformisten, dabei stören die Autonomen. Darum lädt er unsereins vom Peacenik-Picknick vor Heiligendamm aus.
Während mich die taktische Distanzierung des linksradikalen Herrn Laumeyer ärgert, amüsieren mich die phantasievollen wie hysterischen Lügengeschichten der Medien über die Ereignisse in Rostock. Dabei muss man nicht einmal dort gewesen sein, es reicht, die Bilder und Berichte genauer zu betrachten, um zu erkennen, dass es sich bei diesen Darstellungen um maßlose, politisch motivierte Übertreibungen handelt. Zugleich zeigt der mediale Hype, dass der Schwarze Block mit dem bisschen Randale ins Schwarze getroffen hat. Nicht trotz, sondern wegen der Straßenkämpfe wurde der 2. Juni 2007 ein Erfolg!
Der Autonome Werbeblock zur Prime Time hat allen anderen die Show gestohlen. Der von der Bild-Zeitung zum »Bürgerkrieg« geadelte Krawall legt sich wie ein Tränengasnebel über die Inhalte der Demonstration. Und das ist auch gut so, denn der staatsfetischistische Quark von Attac und der antümperialistische Firlefanz aus dem gleichnamigen Block verdienen es, ohne Gehör zu bleiben.
Dabei ist der Schwarze Block im doppelten Sinne aufregend. Er hebt sich nicht nur durch seine ebenso bizarre und unterhaltsame Selbstinszenierung angenehm vom Rest ab. Neben vielen Spinnern, Pyromanen und Verkleidungskünstlern finden sich bei den Autonomen Gruppen und Personen, die mit der Systemkritik aufs Ganze gehen und gegen die Diktatur der Produktion über die Bedürfnisse das Primat der Bedürfnisse über die Produktion fordern.
Der Schwarze Block macht die Radikalität und Kompromisslosigkeit dieser Systemkritik sichtbar. Schon um der Glaubwürdigkeit willen muss das staatliche Gewaltmonopol in Frage gestellt werden. Kollektiv wird durch die Straftat „Vermummung“ das Demonstrationsrecht gebrochen. Alleine die Formierung eines solchen Blocks ist ein Zeichen von politischem Selbstbewusstsein. Der zur Schau gestellte Unwille, sich von den Knüppelschergen verkloppen zu lassen und gegebenenfalls zurückzuschlagen oder sogar selber anzugreifen, ist Teil einer politischen Strategie. Angriffe auf die Polizei sind Ausdruck einer Staatsfeindlichkeit, die wiederum Folge einer radikalen Gesellschaftskritik ist. Das in dieser symbolischen und trotzdem handfesten Auseinandersetzung dem einen oder anderen mitunter wehgetan wird, liegt in der Natur der Sache. Schön ist das nicht, aber mein Mitleid für Leute, die auf Befehl und für Sold andere Leute mit dem Knüppel bearbeiten, hält sich in Grenzen. Es ist eine politische Entscheidung' sich zum Werkzeug zu machen, wie es eine politische Entscheidung ist, militante Systenikritik zu betreiben.
In eher seltenen Fällen wie bei Castor-Transporten oder Antifa-Aktionen verfolgen militante Aktionen unmittelbare politische Ziele. Doch meistens ist das Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei ein Herumtollen auf einer abgesteckten Spielwiese. Das aber tut der Sache keinen Abbruch. Die propagandistische Simulation einer militanten Bewegung ist nicht mit einer militärischen Auseinandersetzung zu verwechseln. Und die Militanten wissen, dass die Rauferei mit der Staatsmacht nicht die Organisation einer alltäglichen, antikapitalistische Praxis ersetzt. Besser als alle anderen verstehen sie es, sinnlich und nachdrücklich die Wut auf die Zustände zu artikulieren. Die autonomen Straßenkünstler vollführen die Negation jeder Sinnstiftung für Staat, Nation, Kapital und die daraus resultierenden Gewaltverhältnisse. Und spätestens, seitdem sich die deprimierende Erkenntnis durchgesetzt hat, dass sie, sobald sie ernst genommen werden, im Knast landen, nehmen viele Militante ihre Militanz weit weniger ernst, als man von außen annehmen könnte.
Ach, es lässt sich nur schwer abstrakt über Militanz reden. In ein paar Minuten auf der Straße kann man manchmal mehr über die Verhältnisse lernen als beim jahrelangen Sitzen im Lesekreis. Da stellt man etwa schnell fest, dass ein rot-grüner Polizeiknüppel genauso wehtut wie ein schwarz-gelber. Wer nie das erotische Kribbeln beim Flambieren einer Wanne erfahren hat, wird es nie verstehen. Überhaupt, warum soll man angesichts der ungeheuren Gewalttätigkeit der Verhältnisse friedfertig bleiben? Nein, es gilt, auf die Barrikaden zu gehen und den Verhältnissen wenigstens symbolisch den Krieg zu erklären.


Kritik an militanten Identitätscodes
Aus Webin, Teodor: "Die militante Identität", in: Graswurzelrevolution 10/2007 (S. 18)
Die pubertäre Rebellion, die sich nicht nur gegen das Eltern­haus, sondern auch gegen die spießige Gesellschaft richtete, ist verständlich. Anders aber als pubertierende Jugendliche ist die linke Subkultur nie erwachsen geworden. Sie hat nicht gelernt, Verständnis oder Toleranz aufzubringen, für den Großteil der Gesellschaft, zu der sie doch gehört. Ein integratives Projekt, das Sozialismus als Alternative für alle nicht nur benannte, sondern auch lebte, hat sie nicht geschaffen. Sie beharrt darauf, ,anders' zu sein. Selbst ihre fortschrittlichsten Projekte, Kommunen, Genos­senschaften usw., waren reserviert für jene, die ihre (sub)kulturellen Codes verstanden, Die Linke war und ist - auch jene Teile, die sich als anarchistisch verstehen - exklusiv.
Spätestens deutlich wurde das mit den Autonomen' der 1980er und frühen 1990er Jahre: Wer den kulturellen Code nicht voll und ganz erfüllte, war ,Spitzel' oder wenigstens , Spießer'. Mir selber ist der Fall eines engagierten Alt-Autonomen bekannt, der, nach Berufsausbildung und entsprechend ,spießig' gekleidet, Anfang der 1990er Jahre aus einem Infoladen rausflog, weil dort keine ,Spitzel' erwünscht seien. Man wollte unter sich bleiben, pflegte seine Subkultur und kultivierte den schwarzen Kapuzenpulli und ähnliche Codes. Dass die sogenann'te soziale Frage' in diesem Kulturkuddelmuddel restlos unterging, ist kein Wunder. Denn jene, die sich diese notwendig stellen wollten, waren jene, die den Codes kaum entsprachen, die Kultur nicht verstanden und sie sich manchmal einfach nicht leisten können ...

Kommentar: Eine notwendige und bissige Kritik - allerdings in der GWR eher ein Beitrag zu deren eigener Identitätsbildung durch Angriff auf das Außen, die bösen Autonomen. Die Szene der Gewaltfreifans und Konsens-Basisdemokrat_innen ist genauso wie die Militanten von Codes durchsetzt - nur anderen.

Aus "Die Wiederkehr des Mobs" in: Jungle World, 13.6.2007 (S. 4)
Der Diskurs über die Praxis oppositioneller Gewalt ist immer hilflos gewesen, weil er versucht hat, sie in einen Katechismus zu fassen. Gewalt gegen Sachen, ja, Gewalt gegen Personen, nein. Oder auch bei Herbert Marcuse, der in seiner »Nachschrift 1968« zur »Repressiven Toleranz« noch das Recht von Minderheiten auf intolerante und militante Unduldsamkeit gefordert hatte »gegenüber Verhaltensregeln, die Zerstörung und Unterdrückung tolerieren«, 1977 jedoch, unter dem Eindruck der RAF-Aktionen, zwischen defensiver und offensiver Gewalt differenzieren wollte. Jeder, der einmal auf einer Demonstration gewesen ist, weiß, dass eine solch feinsinnige Unterscheidung nur für den Sonntag taugt.
Vielleicht vergisst der eine oder andere autonome Militante, wie wirksam symbolischer Protest sein kann. Denn dieser fordert mehr als sportlichen Einsatz, gelegentlich sogar einen Schuss Theorie. Das kann man und muss man kritisieren. Diese Kritik aber muss von links kommen. ...
Den militanten Autonomen jedenfalls fehlt diese Sensibilität, und das ist auch gut so. Bei allen Einwänden hat der Kollege in einem Recht, die Autonomen brauchen nicht erst die aktive Provokation der Polizei, um loszuschlagen. Es ist fast unerheblich, ob es Agents provocateurs gegeben hat oder ein paar Nazis, die sich unter die Demonstranten gemischt haben. Die Polizei als Stellvertreterin des Staates ist bereits die Provokation. Und genauso wenig braucht die Staatsmacht die Autonomen, um Gewalt gegen Demonstranten zu üben, denn deren Kritik, wenn sie denn radikal ist, ist bereits die Negation des Staates. Nicht nur, dass die Autonomen die einzigen auf dem G8-Festival waren, die ihre Kapitalismuskritik mit der Kritik des Antisemitismus verbanden, sie haben für ein paar Tage auch verhindert, dass die Proteste zu einer beliebigen zivilisatorischen Übung verkamen und Heiner Geißlers in der FAZ geäußerte Hoffnung, die Demonstrationen könnten der Kanzlerin nützen, enttäuscht wurde.

In einer Mail am 15.3.2009 zur Frage von Militanz hieß es: „Die Anarchisten sind frei von Heuchelei. Gewalt muß mit Gewalt beantwortet werden.“ Falsch. Und zwar vor allem wegen des "sind" und des "muß", denn beide Worte behaupten eine Eindeutigkeit. Anarchist_innen (oder soll der Satz oben nur die sich auch als männlich definierenden meinen, dann wird er vielleicht weniger falsch, aber noch lange nicht "richtig") agieren aus meiner Sicht in freien Vereinbarungen und eben ohne Dogmen und Normen. Daher "sind" sie nicht irgendwas und erst recht "muß" nicht irgendwas schematisch beantwortet werden. Daher ist der Satz aus meiner Sicht genauso blöd wie das Gelall der Gewaltfreien (sie sich ja oft auch als Anarch@s bezeichnen, auch wenn das schon deshalb unsinnig ist, weil sie gleichzeitig auch noch (Basis-)Demokrat_innen sein wollen). Die sagen immer, dass Gewaltfreiheit nur mit Gewaltfreiheit zu erreichen ist usw. Also auch eine Verhaltensnormierung jenseits irgendwelcher Überlegungen, wie die Rahmenbedingungen einer Situation sind, wie die Menschen gerade drauf sind, welche Handlungen aufeinander aufbauen könnten usw.
Anarchie ist die Vielfalt von Handlungsmöglichkeiten und die freie Wahl zwischen ihnen. Sie ist die Abwesenheit von Normen.

Endlich mal zurückgeschlagen?

Auch unter vielen der Randalierer_innen machte sich Hochstimmung breit. Endlich mal die Polizei zurückgedrängt. Manche Erlebnisberichte deckten sich mit der bürgerlichen Presse, die das Geschehen auch zum Bürgerkrieg hochstilisierte. Davon war es aber weit entfernt. Stattdessen: Steinwürfe aus der siebten Reihe (tatsächlich auf Fotos und Filmen massenhaft zu sehen), danach peinliches Fluchtverhalten, während andere die Prügel der Bullen einsteckten. Keine Inhalte. Sehr wenig Materialschaden bei der Polizei. Bei der auch ansonsten geringen Sachbeschädigungsquote ware keinerlei gezielte Auswahl zu erkennen. Sanitäter_innen berichteten von sehr vielen Demonstrant_innen mit Platzwunden am Hinterkopf. Friendly fire ...

Mehr Zitate pro Militanz im Kontext der G8-Proteste in Rostock und Heiligendamm 2007

Bei näherer Betrachtung ging es im Streit über Gewalt um pure Macht, um Definitionsmacht. Diese zentrale Säule moderner Machtausübung (Macht hat, wer durchsetzen kann, welche Norm gilt und wie sie ausgelegt wird) bildete den Antrieb. Ob Gewalt akzeptiert und was alles unter Gewalt gerechnet wird, ist seit Jahrzehnten Spielball der Hegemonialkämpfe in politischen Bewegungen. Das scheint auch in der Sprache durch: „Das Prinzip eines überwältigenden Konsenses muss durchgesetzt werden. Grenzen sind zu ziehen, oder gemeinsames Handeln ist nicht länger möglich. (...) Offensichtlich ist Zeit für einen Bruch. Let s make it real,“ war von Linksparteiideologen wie Brie und Brangsch zu hören. Nur - wie kann etwas ein Konsens sein, wenn es welche gibt, die anderer Meinung und sogar offenbar nur gewaltsam rauszudrängen sind??? Hier wird deutlich, dass Konsens ein Machtwort ist, weil in ihm die Frage, wer den definieren und durchsetzen kann, verklärt wird. Das gilt ganz ähnlich für das Wort „wir“. In fast allen Hetzreden gegen die Gewalt am 2. Juni 2007 in Rostock war es zu finden. Fast immer nur sprach eine Person. Wie Angela Merkel, wenn sie von „wir Deutschen“ spricht - oder irgendein provinzieller Robenträger, wenn er „im Namen des Volkes“ seine Privatmeinung daherlabert, die aber durch diese Aufwertung plötzlich ungeheure Wirkung entfaltet ... Da ist nur die Spitze des Eisbergs, dass viele Protestierende zwar kritisierten, wie Merkel, Sarkozy & Co. sich mit der Welt verwechselten, aber sie kritisierten nicht das Prinzip, sondern sahen sich selbst eher als Vertreter_innen der (ungefragten) Rest-Welt. Emanzipation sollte solche Verhältnisse eigentlich überwinden. In politischer Bewegung ist sie offenbar noch nicht angekommen, sonst würden diese ganzen Machtkämpfe hinter dem Symbol der Gewalt nicht diese durchschlagende Bedeutung haben.

Nicht besser - die Gegenseite: Identitäre Gewaltfreiheit und der Wille zur Kontrolle

Gewalt - Ja oder nein?

Auslöser einer intensiven Debatte war ein Beitrag von Günther Anders, in dem er militante Aktionen befürwortete (dokumentiert im Buch von Günter Anders, 1987: "Gewalt - Ja oder nein", Knaur München)

Aus dem Interview mit Günther Anders, erstveröffentlicht in "natur" (Interviewer: Manfred Bissinger)
A.: Also, ich will erst einmal - und das mag Sie vielleicht erschrecken oder auch nicht - gestehen: Obwohl ich sehr häufig als Pazifist angesehen werde, bin ich inzwischen zu der Überzeugung gekommen, daß mit Gewaltlosigkeit nicht mehr zu erreichen ist. Verzicht auf Tun reicht nicht als Tun.
B.: Ist das eine neue Überzeugung?
A.: Es ist seit Tschernobyl deutlicher geworden ... Wir sind - das kann wohl nemand bestreiten - wirklich in einem Zustand, der juristisch als "Notstand" bezeichnet werden kann. Nein, muß. Millionen von Menschen, alles Leben auf der Erde, das heißt also auch das künftige Leben, sind tödlich bedroht ...
Von allen Gesetzbüchern, selbst vom kanonischen Recht, ist Gewalt im Zustand des Notstandes nicht nur erlaubt, sondern empfohlen. Zum Beispiel Strafgesetzbuch Paragraph 53, 1 bis 3. Das muß man den Mitmenschen klarmachen. Es ist nicht möglich, durch liebevolle Methoden, wie das Überreichen von Vergißmeinnichtsträußen, die von Polizisten gar icht in Empfang genommen werden können, weil sie ja Schlagstöcke in der Hand halten, effizienten Widerstand zu leisten. Ebenso unzulänglich, nein: sinnlos, ist es, für den atomaren Frieden zu fasten. Das erzeugt nur im Fastenden selbst einen Effekt, nämlich Hunger; und vielleicht das gute Gewissen, etwas "getan" zu haben. ... Das sind alles wirklich nur "Happenings". Unsere heutigen, angeblich politischen Aktionen ähneln diesen Schein-Aktionen, die in den sechziger Jahren aufkamen, wirklich aufs erschreckendste. ... Die diese durchführten, glaubten zwar, die Grenze des Nur-Theoretischen überschrietten zu haben, aber sie bleiben doch "akores" nur im Sinne von "Schauspielern". Sie spielten nur Theater. Und zwar aus Angst vor dem Wirklichhandeln. ...
Gewalt wird so lange nicht nur erlaubt, sondern gilt als moralisch legitimiert, als sie von der anerkannten Macht gebraucht wird. ... Auf Befehl der Macht darf man nicht nur gewalttätig sein, man soll und muß es sogar. ...
Ziel darf Gewalt für uns niemals sein. Aber daß Gewalt - wenn mit ihrer Hilfe Gewaltlosigkeit durchgesetzt werden soll und nur mit ihrer Hilfe Gewaltlosigkeit durchgesetzt werden soll und nur mit ihrer Hilfe durchgesetzt werden kann - unsere Methoden sein muß, das ist wohl nicht abstreitbar.
... sobald hunderttausend zusammen sind, wird automatisch ein lustiges Volksfest daraus. Dann gibt es Würtschl, Tschernobyl mit Würschtl. Und dann kommen die Gitarren. ...

Zum Vergleich: Bericht "Gorleben umzingelt" in: Junge Welt, 30.4.2012 (S. 5)
Von einem Wagen steigen hundert weißer Luftballons mit einem schwarzen Punkt in die Luft. In den Wipfeln von zwei Kiefern zeigen Kletterer ihr Können und spannen unter dem Beifall der Umstehenden ein weiteres Transparent über die Straße. Unten drunter auf den Asphalt haben andere Aktivisten mit gelber Farbe »Diamonds are forever, Atommüll noch viel länger« gepinselt.
Nach der Kundgebung machen sich die Demonstranten auf zu einer »kulturellen Umzingelung« des Bergwerksgeländes. Auf einem Waldweg spielt das zehnköpfige »Wendland Hippie Ohrkestra« mit Geige, Gitarre, Contrabaß und Klarinette Tanzmusik. Ein paar hundert Meter weiter intoniert ein Chor widerständige Lieder zum Mitsingen. Auch Clowns und Feuerschlucker treten auf. Eine Volxküche bietet Suppe, Tee und belegte Brote gegen eine Spende an. Biobetriebe aus dem Wendland offerieren Bratwurst und Apfelsaft. Ein paar junge Leute verteilen kleine Zettel: Sie wollen die sechs Tore des Bergwerks blockieren, und dafür suchen sie noch Mitstreiter. Die Blockaden sollen das ganze Wochenende andauern.

Im Original: Texte von Günter Anders an anderen Orten ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus "Reicht der gewaltlose Protest, in: Konkret 6/1987 (S. 89)
Gegen die bedrohlichen Monstra, die, während die Bäume absterben, in den Himmel wachsen, um die Erde morgen zur Hölle zu machen - gegen diese Monstra hilft kein "gewaltloser Widerstand", die können nicht fortgeschwatzt oder fortgebetet oder fortgefastet oder fortgestreichelt werden. Dies um so weniger, als ja diejenigen, die diese Monstra befürworten und installieren, die "Zimmermänner von heute" , in jedem Widerspruch unsererseits, auch im loyalsten, schon Widerstand sehen und in jedem Widerstand, auch im symbolischsten, Gewalttätigkeiten.
Nein, nun müssen wir damit beginnen, die bei uns installierten Monstra, die eine pausenlose, dinggewordene Angriffsdrohung gegen uns, gegen die Menschheit, also einen globalen Notstand darstellen, da sie ein Charos schaffen würden bzw. die Welt in ein Chaos zurückzustoßen drohen - nun müssen wir damit beginnen, diese Monstra in physischer Notwehr anzugreifen und systematisch unverwendbar zu machen. ...
Voll Schmerz, aber entschlossen erkläre ich daher: wir werden nicht davor zurückscheuen, diejenigen Menschen zu töten, die aus Beschränktheit der Phantasie oder aus Blödheit des Herzens vor der Gefährdung und Tötung der Menschheit nicht zurückscheuen.

Nach dem Interview kam es vielen öffentliche Reaktionen, die dann in einem Buch festgehalten wurden. Einige Auszüge:

Wer öffentlich zur Gewalt aufruft, soll selbst bereit sein, ins Feuer zu gehen. Das wird der von mir sehr ernstgenommene Günther Anders sicher nicht tun. Er trägt nun die Verantwortung dafür, daß sich jeder Terrorist auf ihn berufen kann.
Ich halte seinen Aufruf nicht nur für falsch, sondern für unverantwortlich. Ich werde mich weiter strikt an den Satz halten: "Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen." Das gilt für alle Seiten des mörderischen Konfliktes, in dem wir stehen.
(Heinrich Albertz, S. 37)
Gewalt gegen Sachen wird zu "Terrorismus" erklärt, um den vielfältigen, diffusen Widerstand treffen und kriminalisieren zu können zur Durchsetzung des von der Bevölkerung abgelehnten Atomprogramms. Ganz anders, wenn es um die Interessen der Großindustrie geht. Dann bleibt Gewalt gegen Sachen im Werte von vielen hundert Millionen und sogar Gewalt gegen Menschen unverfolgt oder ein Kavaliersdelikt. Die, die gleich tonnenweise und vorsätzlich Gift in den Rhein und damit in unser Trinkwasser schütten sitzen mit dem Minister am Konferenztisch und feilschen darüber, daß sie in Zukunft doch bitteschön freiwillig auf solche Gewalt verzichten.
Für die Regierenden ist offensichtlich nicht Gewalt gleich Gewalt. Es kommt für sie darauf an, wer in welchem Interesse das staatliche Gewaltmonopol verletzt. Es wird Zeit, daß die da oben ihr Verhältnis zur Gewalt überprüfen. Ihre Beteuerungen der Abscheu vor Gewalt klingen so unglaubhaft.
(Hans-Christian Ströbele, S. 80f.)
Gewalt ist nicht Gewalt. Es kommt darauf an, wer wann wo für welche Gewalt ist. Es ist etwas anderes, ob einer, der keine Gewalt hat (außer der sprachlichen) für Gewalt ist, so wie der ehrenwerte Günther Anders, ob ob einer wie der Staat, der vor Gewalttaten strotzt, Gewalt abzulehnen vorgibt. (Joseph von Westfalen, S. 85)

Im Original: Weitere Texte im Buch ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Charles Meunier ( Übersetzung durch Günther Anders am 28.9.1986, im Buch auf S. 89)
Keiner von denen - und ich sprech vor allem von Politikern, Generälen, Wissenschaftlern und Journalisten - keiner von denen, die die atomare Massenbedrohung oder den Massenmord vorbereiten, mit diesem drohen oder die Möglichkeit des Massenmordes durch sogenannte friedliche Atomanlagen mindestens in Kauf nehmen - keiner von denen darf mehr oder soll mehr seines Lebens sicher sein. Da sie uns pausenlos programmatisch und professionell in Angst versetzen, sollen nun endlich auch sie in Angst leben müssen. Die uns bedrohen, sollen von uns bedroht werden. Und nicht nur bedroht werden, sondern dadurch, daß wir unsere Drohungen hier und dort wahrmachen, eingeschüchtert, dadurch zu Einsicht gebracht und dadurch zur Umkehr veranlaßt werden. Damit am Ende niemand mehr bedroht sei, nicht wir und auch sie nicht. Ob uns das gelingt, ob wir durch unsere Gegenbedrohung die Gefährdung der Menschheit noch neutralisieren können, das weiß ich nicht. Aber daß wir das ohne unsere Gegendrohung nicht können, das weiß ich.

Aus dem imaginären Interview mit Günther Anders (von ihm selbst verfaßt) im gleichen Buch
... Das Recht auf Notwehr tödlich Bedrohter und in jeder Sekunde Angreifbarer ist natürlich natürlich! Selbst das Naturrecht ...
Die Absage an Gewaltlosigkeit nennen Sie "Notwehr"?
Schon wieder dieses "Nennen"! Sie ist Notwehr! Und da die Bedrohung total und die mögliche Vernichtung global ist, hat unser Notwehr total und global zu werden. Zum Verteidigungskrieg aller Bedrohten. Und das heißt: aller Menschen heute und morgen. (S. 91)
Wir Atomgegner kämpfen also, wie gesagt, einen Verteidigungskampf gegen so enorme Bedroher, wie es deren nie zuvor gegeben hatte. Also haben wir das Recht, Gegengewalt auszuüben, obwohl hinter dieser keine "amtliche" und "rechtmäßige" Macht, also kein Staat, steht. Aber Notstand legitimiert Notwehr, Moral bricht Legalität. Diese Regel zweihundert Jahre nach Kant eigens zu begründen, erübrigt sich ja wohl. (S. 93)
"Chaoten" nennen sie uns also deshalb, weil wir das Monopol ihrer auf Gewalt (d.h.: auf Droh- und Schlagfähigkeit) beruhenden Macht nicht anerkennen. Da sie die Macht, ihre Macht, als Ordnung ausgeben, gelten wir eo ipso als "Unordentliche" und als solche eben als "Chaoten", denen sie dann sogar die Haartracht, die für Dürer oder für Schiller noch selbstverständlich gewesenen langen Haare, als Beweis von Verwahrlosung, also von Kriminalität, also von Sowjethörigkeit ankreiden. (S. 94)
Happenings sind nicht genug!
(Befremdet:) Happenings! Dieser Vergleich überschreitet doch wohl ...
Nein. Gar nichts überschreitet er. Und ist auch nicht nur ein Vergleich. Gewaltlose Widerstandsaktionen ähneln nicht nur Happenings. Sie sind Happenings.
Und warum sind sie das?
Deshalb, weil Happinings verspielte Scheinakte sind und Als-Obs, die so tun, als seien sie mehr: nämlich wirkliche Aktionen oder mindestens Bastarde von Sein und Schein, von Ernst und Spiel. (S. 98)
... die Als-Ob-Täter prahlen ja noch mit ihrem Als-Ob. Sie geben ja ihre Harmlosigkeit pompös als "Humantität" oder als Ehrfurcht oder gar als "Geist der Bergpredigt" aus. Nichts schrecklicher übrigens, als wenn sich solche Bravheit und solcher "Mut zur Feigheit" auf Jesus zu berufen wagt. (S. 99)
Unsere Gewaltausübung darf immer nur als Verzweifelungsmittel, immer nur als Gegengewalt, immer nur als Provisorium eingesetzt werden. (S. 102)
Gewaltlosigkeit gegen Gewalt taugt nichts. Diejengen, die die Vernichtung von Millionen Heutiger und Morgiger, also unsere endgültige Vernichtung vorbereiten oder mindestens in Kauf nehmen, die müssen verschwinden, die darf es nicht mehr geben. (S. 104)
Auf Sie als Pazifisten kann man also nicht mehr rechnen.
Doch. Aber Frieden ist mir nicht Mittel, sondern Ziel. Und deshalb kein Mittel, weil Frieden das Ziel ist. (S.108)

Aus Zuschriften und Reaktionen auf die Texte von Günther Anders (dokumentiert im Buch)
Es ist in der Geschichte der Menschheit noch nie gelungen, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Versuche enden stets im vielfach gesteigerten Chaos und schwerstem Unglück. (Leonore Eckert, Oberursel, S. 113)
Seit Auschwitz sollte eigentlich allen endgültig klar sein, daß die Gewaltlosigkeit der Machtlosen nicht in der Lage ist, die Mächtigen von der amoralischen Ausübung der Gewalt abzuhalten. (Hans-Werner Krauss, Frankfurt, S. 116)
Die Alternative zu den nun leider wenigen wirkungsvollen Demonstrationen ist nicht automtatisch Gewalt, sondern eine nur durch menschliche Phantasie begrenzte Palette von Widerstand.
(Thomas Lang, Sulzbach, S. 121)
... was prinzipiell eher bedeutet, daß ich einem Gegner, der mich mit einem Tötungsgegenstand bedroht, doch zunächst einmal die Waffe aus der Hand schlage, anstatt den Menschen gleich umzuhauen. (Felicia H.H. Molenkamp, Kassel, S. 122)
Die tägliche kliene Sabotageaktion, angefangen von Kaufboykott bestimmter Produkte, über zubetonierte Abwasserrohre, bis hin zum umgeknickten Stormmast - vielfach, phantasievoll und unkontrollliert eingesetzt, gibt uns eine noch lange nicht ausgeschöpfte Kraft. ... Angst machen den Mächtigen nicht einige Gewaltaktionen, sonden die zunehmenden Sympathien hierfür in wachsenden Bevölkerungskreisen.
(K. Lauer, Saarbrücken, S. 123)
Da sitzen wir nun am Tisch, wir Gewaltlosen, schlagen natur auf und beginnen zu blättern. Wir sind zwar für Widerstand, aber gewaltlos muß er sein. ... Gewalt ist moralisch verwerflich und wird schwer bestraft. Außerdem provoziert man damit die Poizei, die einen dann verprügelt. Gewaltos wollen wir werden und gewaltlos auch dorthin kommen.
Doch dann das Gespräch mit Günther Anders über Notstand und Notwehr. Es macht uns neugierig und wir lesen. Was steht da?! Was spricht er da aus? Aber er spricht es aus! Ganz schön mutig, dafür kann man ins Zuchthaus kommen, neuerdings! - Wir meinen, in uns bewege sich etwas, oberhalb des Magens, und ein Kloß im Hals läßt uns den Kopf anheben, um zu schlucken. Ein seltsames Kribbeln durchströmt den Körper, als strahle ein warmer Hoffnungsschimmer auf die verkrämpfte Backe, und wir stellen fest, daß wir kaum zuvor einen Text so verschlungen haben.
Doch - Nein! - Nein, wie sind doch gegen Gewalt, keine Gewalt gegen Menschen und auch nicht gegen Sachen!. Wie kann man nur so etwas schreiben?!
Wir legen den Text weg, stehen auf und sehen zum Fenster raus: Die Fichten auf dem Hügel sind durchsichtiger denn je. Die Autos vor der Ampel unten machen einen Höllenlärm ... auf einem LKW erkennen wir den Schutt des alten Fachwerkhauses aus der Nachbarstraße ... Eine Frau an der Ampel schlägt ein Kind, weil es nicht bei Fuß bleiben will ...
Auf jeden Fall sind wir gegen Gewalt. Wir müssen nur noch zahlreicher auf die Straße! - Nein, nicht für Politiker oder die Bevölkerung, die uns sowieso nicht hören, sondern um Eindruck zu schinden beim großen Gewalo, Schutzpatron der Gewwaltlosen, der hoffentilch bald zu uns kommt und zur Belohung die Atomkraft abschafft und die Raketen und vielleicht auch ein bißchen die Chemie-Industrie und ein paar Autos und ... und ... und ...
(Carl Christian Rheinländer, Kirn, S. 127f.)
Welches Verhängnis, wenn Menschen gutgläubig nachgeben, auf Gewalt verzichten, weil sie an die Gewaltlosigkeit glauben! Sie werden dann nur um so radikaler von der Gewalt überwunden!
(Steffen Sanermann, Mannheim, S. 130)

Günther Anders im gleichen Buch: "Die Atom-Resistance - neue ausgewählte Stücke zum Thema "Notstand und Notwehr"
Unsere (furchtbarerweise wohl unvermeidbare) Gefährdung von Menschen widerspricht ja nicht - auf diese Tatsache kann man die Mitwelt gar nicht oft und gar nicht eindringlich genug aufmerksam machen - den Prinzipien unserer Gegner. Umgekehrt sind diese ja, da sie glauben, Waffen herstellen zu müssen, grundsätzlich gewaltbereit. Gegen Gewalt als solche haben sie gar nichts. Allein etwas gegen jede Störung ihres Gewaltmonopols, gegen jede (gegen ihre Gewalt eingesetzte) Gegengewalt. (S. 143)

Peter Kafka im gleichen Buch: "In Sachen Gewalt"
Danke, Günther Anders! Wenn Du geschwiegen hättest, wärst Du womöglich Philosoph geblieben. Wir brauchen aber jetzt keine philosophischen Lehren, sondern gesellschaftliche Diskussion. Dein hoffnungslos abenteuerlicher Aufruf gegen die Hoffnung hat diese Diskussion neu entzündet und wird sie hoffentlich weiter anfachen. "Nur Schwärmer überschätzen die Macht der Vernunft", hast Du gesagt; "Gewaltlosigkeit gegen Gewalt taugt nichts". Welcher Vernünftige würde dem zu widersprechen wagen? Doch daß etwa die Gewalt etwas taute, folgt daraus nicht! Nur Schwärmer überschätzen deren Macht. (S. 167)
Warum also nicht auf in den Kampf? Ulrich Klug versucht, es zu erklären: "Wo aber bleibt der unerläßliche Beweis, daß hier und heute gewaltloses Handeln nicht mehr ausreicht, und Gewaltanwendung deshalb erforderlich wird? Ohne den Nachweis dieser akuten Erforderlichkeit gibt es keine Rechtfertigung, weder nach Notwehr- noch nach Notstandsgrundsätzen." Erkennen Sie die Falle? Es ist das alte Problem der Umkehrung der Beweislast. (S. 173)

D.H. Gollwitzer im gleichen Buch: "Dank für die Warnung"
Das Wort "Gewalt" selbst taugt für unsere Problematik so gut wie nichts. Im Englischen kann man deutlich unterscheiden zwischen force, power und violence, im Lateinischen zwischen potentia, potestas und vis. Im Deutschen dagegen: elterliche Gewalt, Staatsgewalt, Gewaltenteilung, Gewaltanwendung - alles ein Wort, bis zur "Vergeistigung" des Gewaltbegriffs durch die Interessen der Herrschenden im Bonner Strafrecht: Gewalt bei gewaltloser Sitzblockade! (S. 181)
... eine Beseitigung des Präsidenten Reagan oder eines Regierungschefs der NATO-Staaten würde an unserer Situation nicht das geringste positiv ändern; alle diese Charaktermasken sind mühelos austauschbar, ohne daß sich die Grundlinien der Politik dadurch ändern würden. (S. 183)
Anders sieht mit Überdruß, wie unsere Demonstrationen zu Händchen-Halten-Happenings verkommen und nur der Selbstbefriedigung dienen, weil noch so große Teilnehmerzahlen und noch so flammende Reden und überzeugende Argumentationen in den Zirkeln der Mächtigen nichts bewirken. Mag bei den gewaltübenden Gruppen im Umkreis unserer Protestbewegung noch so sehr persönlicher Frust und Rachebedürfnis eine Rolle spielen - es muß doch sachlich gefragt werden, ob ihre Aktionen - Steine, Molotowcocktails, Mastensprengungen, Attacken auf Polizisten usw. - vielleicht das Positive an sich haben, daß sie die Machtbesitzer hinsichtlich ihres bisherigen Kurses verunsichern, die Kosten-Nutzen-Rechnung dieses Kurses erschweren ... (S. 184)

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Letzte grundlegende Überarbeitung: Januar 2014 ++ Letzte Detailänderung: So., 25.06.2017