Globalisierung mit
zwei Gipfeln
Von Matthias Greffrath
Während sich in New
York das Weltwirtschaftsforum trifft, versammeln sich in Porto
Alegre seine Kritiker. Sie wissen: Nur große Schritte helfen
weiter.
Die Globalisierungseliten
tagen, wie immer, getrennt. Das Davoser Weltwirtschaftsforum, auf
dem dreitausend Topmanager und Spitzenpolitiker Verabredungen über
die Zukunft der Welt treffen, ist umgezogen. Der „Gipfel der Gipfel“,
wie sein Gründer, der Ökonomieprofessor Schwab, das Treffen
in zutreffender Einschätzung des Verhältnisses von Wirtschaft
und Politik nennt, tagt diesmal im Hotel Waldorf-Astoria in New York
und wird, wie immer, „Empfehlungen abgeben, die als Grundlage für
Treffen der G-8-Staaten dienen können“. Thema des Treffens ist
die „globale Sicherheit“ nach dem 11. September. Wirtschaftliche
Sicherheit - für Schwab sind das die „höheren Kosten“ für
Kontrollen und die Frage, „ob eine globale Just-in- time-Lieferung künftig
noch möglich ist“. Und politische Sicherheit: die Abwehr eines
„neuen Primats der Politik“. Denn der Staat, der „für Sicherheit
sorgen“ muss, wird damit stärker. „Auch das kann negative Folgen
haben“: für „ungehinderten Welthandel“, den „Containertransport“
und den freien Nachschub an Arbeitskräften. Globalisierung braucht
freie Märkte, aber, so betont Schwab, „auch kulturelle und soziale
Aspekte“. Er denkt dabei an Unternehmen, die Obdachlosenzeitungen
gründen, oder den „Global Compact“, in dem sich 500 Konzerne
- ohne rechtliche Bindung oder Kontrollinstanz - zu sozialem Wohlverhalten verpflichtet haben.
Die andere Globalisierungselite
tagt im brasilianischen Porto Alegre. 2001 kamen zehntausend Delegierte
von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) aus fünf Kontinenten:
eine bunte Mischung aus Gewerkschaftern, Landlosen, Entwicklungsexperten,
Feministinnen, Befreiungstheologen, Kritikern der genetisch aufgerüsteten
Großagrikultur, Arbeitslosen, Ökologen. „Eine andere Welt
ist möglich“ war die Parole. Ihre Botschaft, auch für Treffen
der traditionellen Politiker wie etwa das in Genua, lautet: Ihr stellt
die richtigen Fragen, aber wir suchen echte Lösungen.
Porte Alegre 2, so zeigen
die vorbereitenden Papiere, wird mehr sein als ein Erster Mai der
globalen Bürgerbewegung. Auf die Protestparole von der „anderen
Globalisierung“ folgt ein politisches Programm: Strategien, die zu
wirklicher Sicherheit führen, zu sicherem Leben, sicherem Wasser,
sicherer Zukunft. In Porto Alegre werden die Umrisse eines „globalen
Marshallplans“ vorgestellt, Antworten auf vier Leitfragen gesucht:
Wie müsssen Handel und Kapitalverkehr so organisiert werden,
dass eine gleichmäßige Entwicklung aller Gesellschaften
möglich wird? Wie können die „globalen Güter“ Umwelt,
Wasser, Wissenschaft, genetisches Erbe nachhaltig bewirtschaftet
und gerecht verteilt werden? Wie können die Migrationsströme
politisch und sozial gelenkt, wie kann das Flüchtlingselend
abgebaut, die Wissenslücke zwischen Nord und Süd geschlossen
werden? Welche neuen Institutionen braucht eine demokratische Weltordnung,
wie viel Souveränität brauchen die Nationen des Südens,
um sich autonom zu entwickeln, und welche Rechte muss die Weltgemeinschaft
haben?
Susan George, die Weltmarkttheoretikerin
und Vordenkerin von Attac, hat, gesponsert von George Soros, kürzlich
einen Global Compact skizziert, der mehr wäre als die freiwillige
Beseitigung ökonomischer Kollateralschäden durch ihre Verursacher.
Und Attac, maßgeblich an der Vorbereitung des Weltsozialforums
beteiligt, unterbreitet dort einen ausgefeilten Vorschlag zur Finanzierung
dieses „planetarischen Gesellschaftsvertrags“. Unter Leitung einer
reformierten UNO sollen zwei weltweite Fonds gegründet werden:
einer zur Stabilisierung der Wechselkurse und der Rohstoffpreise,
der andere zur direkten Finanzierung von Technologietransfer, Bildung,
Gesundheit, Energieversorgung und Umweltsanierung, vor allem im Süden.
Finanziert werden sollen die Fonds durch drei globale Steuern: eine
auf die Finanztransaktionen - die Tobin-Steuer -, eine auf die
Direktinvestitionen der Multis und eine „Einheitssteuer“, die es
ihnen unmöglich macht, ihre Gewinne dorthin zu schieben, wo sie gering oder gar nicht besteuert werden.
Die „Leitpapiere“ der Foren
in Porto Alegre schießen zusammen zur Architektur eines New
Deal zwischen Nord und Süd, Arm und Reich. Ob das Konzept „Entwicklungshilfe“
durch das der „globalen Steuern“ ersetzt wird, ob eine neue politische
Rahmenordnung entworfen wird, die jedem Land die Autonomie gibt,
seinen Entwicklungspfad selbst zu wählen - immer sind die Überlegungen
bezogen auf die Leitidee der globalen Zivilgesellschaft, den Bürgern
in allen Weltregionen und Nationen die verlorene Souveränität
zurückzugeben. Die Alternative zur konzerngetriebenen Globalisierung
ist, fern von aller rückwärts gewandten Nostalgie, ein
„wirklicher Globalismus“ (Samir Amin), „der die Ungleichheit zwischen
Regionen und Ländern durch ein komplexes Bündel von Verhandlungen,
politischen Maßnahmen und Regelwerken systematisch reduziert“.
Utopie? Eher ein Realismus,
der nicht der Illusion verfällt, starke, destruktive Interessen
durch gutes Zureden zu zähmen. Utopisch wäre es, anzunehmen,
dass ein anderer Weg als der eines rechtlich gesicherten Ausgleichs
der Welt Sicherheit geben kann: in der Subsahara, in Mittelost, in
Manhattan. Es geht um eine zeitgemäße Globalisierung der
Demokratie. Die großen demokratischen Revolutionen der Neuzeit
entzündeten sich am Kampf um die Besteuerung; das Recht auf
Steuern ist die Basis der Volkssouveränität. Heute ist
die Wirtschaft global, aber der Rahmen, in dem sie steht, ist es
noch nicht. Die erste zentrale Forderung einer weltweiten Demokratiebewegung
sind konsequenterweise ein weltweites Steuersystem und die
Demokratisierung der großen internationalen Institutionen von
der Welthandelsorganisation bis zur Weltbank. Das ist die Botschaft
von Porto Alegre und seine Antwort auf den 11. September. Sie ist
radikaler als alle sozialen Predigten an Manager, sie ist gerechter
als „Infinite Justice“, sie ist friedensstiftender als die Einladung
von vierzig Religionsführern ins Waldorf-Astoria. „Eine andere
Welt ist möglich“ - auch Porto Alegre gibt eine „Empfehlung,
die als Grundlage für Treffen der G-8-Staaten dienen“ kann:
einen globalen Sicherheitspakt, der nicht auf Waffen, Kontrolltechnik
und Elitenkooperation beruht, sondern auf der Umlenkung eines geringen
Teils des überakkumulierten Kapitals aus den Krisen schaffenden
Finanzmärkten zur Mehrung des „Reichtums der Nationen“.
Die Botschaft lautet: Die
Instrumente liegen auf dem Tisch. Überprüft sie, kritisiert sie,
setzt euch auseinander! Oder sagt, dass ihr sie nicht wollt. Sagt, dass
der Schock von Manhattan noch nicht groß genug für euch war.
Dass ihr immer noch die Utopie hegt, das Abgleiten der Welt in mehr Ungleichheit,
mehr Hunger, mehr Chaos und mehr Terror könnte mit weniger als großen
Schritten vermieden werden.
MATTHIAS GREFFRATH
Vorbereitungspapiere: www.portoalegre2002.org,
Susan George: www.tni.org/
george/talks/clusters.htm
taz Nr. 6661 vom 28.1.2002,
Seite 12, 241 Zeilen (Kommentar),
MATTHIAS GREFFRATH,
taz-Debatte
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