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Nine Eleven (9/11)
11.9.2001: Der mediale Aufstieg aller "Verschwörungstheorien"

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Dass "Verschwörungstheorien" in aller Munde und in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, verdanken sie vier Flugzeugen und ihren Entführern - jedenfalls, wenn mensch den offiziellen Verlautbarungen dazu glaubt. Denn tatsächlich kursieren über die spektakulären Anschläge auf die Twin Tower des World Trade Centers am 11.9.2001 in New York derart viele Beschreibungen, dass es eigentlich nichts gibt, was nicht irgendwie bereits bestritten wurde. Selbst die von Tausenden Menschen beobachteten und von vielen gefilmten Einschläge der Flugzeuge in die Hochhäuser werden von Einigen bestritten, die dann eigene Erklärungsmuster verbreiten. Angesichts der Vielzahl von Analysen und Beschreibungen der Geschehnisse und ihrer Hintergründe scheint es zunächst überraschend, dass keine von ihnen auch nur ansatzweise brauchbar belegt ist. Doch genau das ist für "Verschwörungstheorien" ebenso wie für autoritäre Politiken und alle Populismen der Welt geradezu typisch: Der Vorgang dient dazu, eine gewünschte Wahrnehmung zu erzeugen, eine vorher auserwählte Ursache zu bestätigen und für ein bestimmtes Erklärungsmodell Akzeptanz zu erzeugen.
Nirgendwo ist das umfangreicher und konsequenter geschehen als rund um den 11. September 2001. Kein Wunder, denn hier ging es um nichts Geringeres als das Gewaltmonopol und die Definitionsmacht über Gut und Böse im globalen Maßstab. Nicht nur die herrschende Politik reagierte aufgeregt bis durchgedreht: Die NATO erklärte den weltweiten Verteidigungsfall (und nutzte das für einige Angriffskriege, die wenig bis keinen Zusammenhang zum Vorgang boten). Die USA organisierten umfangreiche Trauerarbeit, formten HeldInnen, "vergaßen" gleichzeitig z.B. auf den Listen der Gestorbenen die Obdachlosen im Untergeschoß der Türme - ein aus Regierungssicht hilfreicher Beitrag zur erwünschten Sozialpolitik. Schließlich wurden Länder angegriffen, die vermeintlich den TerroristInnen Heimat boten (dabei kamen die - jedenfalls den offiziellen Ermittlungen nach - aus Hamburg, wo aber keine Bomben fielen).
In diesem weltweiten Wettrennen um Aufmerksamkeit, Auflagenhöhen und Eitelkeiten schossen auch Kritiken der staatlichen Erklärungsversuche wie Pilze aus dem Boden. Sie analysierten die offensichtlichen Fehler und interessengeleiteten Ursachenbenennungen staatlicher Verlautbarungen mitunter recht präzise. Von diesen unterschieden sie sich dann bei der eigenen Wahrheitsverkündung zwar in den Interessen und Zielen, jedoch nicht in den Methoden der Vereinfachung und Manipulation. Denn auch sie arbeiteten mit der Erkenntnis, dass in der öffentlichen Wahrnehmung einfache Erklärungsmuster und personalisierbare Schuld bessere Chancen haben. Bin Laden war auf dem Titel der Tageszeitungen oder im Auftaktbeitrag der "tagesschau" einfach besser unterzubringen als eine komplexe Analyse von Machtinteressen. Das galt auch für die Gegenentwürfe: Bankiersfamilien, Rüstungsfirmen oder Geheimdienste verhasster Staaten (mal wieder vor allem aus USA und Israel) waren die Projektionsflächen der regierungskritischen Beiträge zum 11.9. - also quasi die "Bin Ladens" der anderen Seite.

Beispiele wie dieses den Aufstieg einfacher Welterklärungen und "Verschwörungstheorien" stark fördernden 11. Septembers können gut illustrieren, wie einfach "Verschwörungstheorien" gestrickt werden können. Das diskreditiert nicht den Zweifel an offiziellen Versionen zum Ablauf des Geschehens. Dafür gibt es angesichts der überwiegend hanebüchenen Erzählungen von Regierungsseite einschließlich offensichtlicher Vertuschungsmanöver zu eigenen Verstrickungen auch keinen Grund. Doch eine berechtigte Kritik einerseits und eine eigene fundierte und selbstkritische Recherche andererseits sind offenbar zwei Paar Schuhe. Folglich sind viele Storys über den 11.9.2001 beeindruckend simpel gestrickt. Zum Beispiel die Sache mit der Zahl "23". Das ist die zentrale Nummer der Illuminaten. Welch ein Zufall, dass die vermeintliche Quersumme aus dem Datum des New Yorker Geschehens genau diese Zahl ergibt! 11+9+2+0+0+1 summierten triumphierend die AnhängerInnen illuminatorischer Verschwörung zu 23. Doch: Fällt Ihnen da etwas auf? Nein? Na dann weiterhin viel Spaß mit der leichtgläubigen Hingabe an die KopfverdreherInnen dieser Welt. Doch gemerkt? Dann ist es gut. Die Formel passt nämlich gar nicht. Warum wird die Jahreszahl "2001" in ihre vier Ziffern zerlegt und das Tagesdatum "11" nicht? Die Antwort ist einfach: Damit es 23 ergibt. Eigentlich wäre nämlich 14 oder 2021 das Ergebnis, aber das hätte nichts Spannendes bedeutet. Probiert es selbst aus: Ihr werdet aus (fast) jedem Datum oder jeder Zahlenkombination am Ende "23" herausbekommen. Genau das ist der Trick der scheinbaren Wiederholungen von Erklärungsmustern: Mensch muss nur lange genug nach der passenden Formel suchen - und zack: Schon ist die Verschwörungsstory wieder einmal gestrickt und bestätigt sich selbst ...

Im Original: Demonstriert: Verschwörung ausgedacht ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Daniel Kulla (2006): "Entschwörungstheorie", Systemausfall '90 in Berlin (S. 25 f.)
Worin bestand denn die direkte wirtschaftliche Folge der Anschläge vom 11. September 2001? Durch die allgemeine Flugangst brachen die Passagierzahlen der zivilen Luftfahrt um bis zu 20 Prozent ein und der größte Hersteller von Großflugzeugen, der US-Konzern Boeing, mußte seine technischen Weiterentwicklungen deutlich bremsen. Seitdem begann der Aufstieg des Airbus als europäischem Herausforderer, dessen erfolgreiche zivile Sparte wiederum den militärischen Luftfahrtsektor des niederländischen Konzerns EADS mitfinanzierte, der Heimat von Eurocopter und Eurofighter sowie des riesigen neuen Militärtransporfflugzeugs A400M, der 30 Tonnen Kriegsgüter in den Nahen Osten und immer noch 20 Tonnen nach Zentralafrika oder an die US-Ostküste fliegen kann. Während vom zivilen Airbus A380 bisher nur 159 Stück bestellt wurden, davon 19 von der Lufthansa, sind drei Jahre vor Auslieferungsbeginn schon 195 Modelle des A400M geordert, 60 von der Luftwaffe.
Erinnern wir uns außerdem an die deutsche Vorgeschichte von 9/11, an die maßgeblich verwickelte Terrorzelle in Hamburg-Harburg. Oliver Schröm und Dirk Laabs schreiben dazu in ihrem Buch "Tödliche Fehler": "Der CIA-Agent Thomas Volz hatte in Hamburg noch vor den Anschlägen versucht, Darkazanli umzudrehen. Das dortige LfV ist eine der kleinsten Verfassungsschutzbehörden der Bundesrepublik. (. . . ) Als sie ihm einmal mehr erklären, daß sie es für ausgeschlossen halten, Darkazanli 'umzudrehen', knallt ihnen Volz ein Handbuch des Anfängerlehrgangs der CIA auf den Tisch. Darin können sie nachlesen, wie man Spitzel anwirbt. Volz versucht es schließlich auf eigene Faust. Als die Hamburger Ermittler davon Wind bekommen, machen sie dem CIA-Agenten unmißverständlich deutlich, daß sein Alleingang in ihren Augen Spionage ist. (...) Die 'Operation Zartheit' lief damals schon mehr als drei Jahre. Allerdings hatten es die Ermittler vom BND in Köln nicht für nötig erachtet, über die Ausspähaktion und deren Ergebnisse ihre Kollegen vom LfV zu unterrichten."
Warum also ist nie die Frage nach einer Verschwörung von europäischer Rüstungsindustrie und deutschen Sicherheitsbehörden im Zusammenhang mit 9/11 gestellt worden? Warum haben Sie soviel von der "Neocon-Verschwörung" und der "Kosher Conspiracy" gehört und noch nie etwas von der Airbus-Verschwörung? Einerseits aus dem beschriebenen Grund, daß die Bösewichte seither eindeutig ausgemacht sind und niemandem von den Verschwörungstheoretikern in den Sinn käme, nach einer von Amerika oder Israel unabhängigen Schuld oder Verstrickung zu fragen. Zum andern, weil ich mir die "Airbus-Verschwörung" zu Demonstrationszwecken selbst ausgedacht habe.
Diese Verschwörungstheorie krankt an der selben Logik der meisten anderen: aus dem Ausnutzen eines Vorteils wird die Unterstellung der Beauftragung, aus der Schlappheit der deutschen Schlapphüte wird ihre absichtsvolle Unterstützung für die Terroristen; für amerikanische Leser ist gar ein Held in der Geschichte. Immerhin operiert diese Verschwörungstheorie mit gern übersehenen Zusammenhängen, zeigt also, daß eine spielerische Verschwörungsszene in Deutschland durchaus ihre aufklärerische Berechtigung hätte.

Die Zahl von Theorien über das Geschehen am 11. September 2001 und mögliche Ursachen für diesen größten Fall des Verschwörungstaumels in der neueren Geschichte ist ist hoch. Gegenseitig zerlegen sich die verschiedenen ProtagonistInnen in mitunter durchaus unterhaltsamen, auf jeden Fall aber auflagenstarken Büchern. Allen KritikerInnen gelingt sehr schnell, den regierungsamtlichen und polizeilichen Erklärungsversuchen Widersprüchlichkeiten und Lücken nachzuweisen. Doch Versagen, Manipulationen und interessengeleitete Diskurssteuerung sind nicht - wie in komplexen Herrschaftssystemen ja nie - von einheitlichen Interessen angetrieben. Verschiedene Personen und Personenkreise handeln, sie fälschen und unterschlagen Informationen aus verschiedenen Motiven heraus. Die einen wollen Kriege legitimieren, andere eigenes Versagen vertuschen oder anderen die Verantwortung zuschieben, wieder andere Wahlkämpfe gewinnen oder Auflagenzahlen hochtreiben. Heraus kommt immer eine Story als bunter Mix tatsächlicher, aber ausgewählter Erkenntnisse, Halb- und Unwahrheiten.
Davon leben die Verschwörungsaufdecker mit ihren Büchern, Filmen und Vorträgen. Doch bei ihren Versuchen, selbst das Geschehen zu erklären, machen sie genau das Gleiche wie die von ihnen Kritisierten: Sie reihen zu ihren Vorinterpretationen passende Details aneinander, lassen andere weg und bauen so ein neues, ebenso widersprüchliches und vereinfachtes Bild. Einige von sehr vielen Behauptungen:

Um sich eine Vorstellung zu machen, wie wahrscheinlich solche Theorien generalstabmäßiger und einheitlicher Vorgehensweisen bei riesigen Operationen sind, ist ein Hineindenken in die Lage nützlich, wie sie wäre, wenn alles tatsächlich eine große Verschwörung US-amerikanischer Institutionen gewesen wäre. Tausende, wenn nicht Zehntausende Menschen hätten mitgemacht und dichtgehalten - bis heute. Das ist in einer komplexen Gesellschaft bereits unwahrscheinlich, auch in den führenden Eliten. Dort treten - wie im sonstigen Leben auch - ständig Dissonanzen zwischen Personen auf. Menschen entfremden sich voneinander, wirtschaftliche Kontakte zerbrechen, Beziehungen enden in wildem Streit, Gruppen rivalisieren um Deutungshoheiten. Das Ergebnis ist oft, dass Loyalitäten aufgekündigt werden. Es hätte längst irgendeine eingeweihte Person gegeben, die von ihrer Beteiligung und den wirklichen Abläufen berichtet hätte. Doch die gibt es nicht. Weil alle Flugzeuginsassen tatsächlich gestorben sind. Weil niemals so viele Bilder von Amateur- und Profikameras der einschlagenden Flugzeuge gefälscht werden können, ohne dass es irgendwo auffällt ...

Dass dennoch vieles an der Geschichtsschreibung der Regierenden falsch sein dürfte, bedarf gar keiner Annahme umfangreicher Verschwörungen. Sie erklärt sich ausreichend aus den komplexen Herrschafts- und Interessenslagen der Gesellschaft. An der vermeintlichen Aufklärung sind viele Einzelpersonen, Gruppen und Firmen beteiligt. Sie alle entwickeln spätestens im Laufe ihrer Arbeit Vorlieben, entscheiden sich für Lieblingstheorien der Ursachen. Schon dadurch entsteht ein Meinungskampf, welche Sichtweise obsiegt. Hinzu kommen eigene Verstrickungen, die befreundeter Personen, Gruppen, Organisationen oder Firmen. Versagen bei Ermittlungen oder Schutzmaßnahmen soll gedeckt werden - vielleicht auch die eine oder andere aktive Mitwirkung oder Duldung. Mitunter lassen Polizei und Geheimdienste die von ihnen Beobachteten eine Zeit lang gewähren, um weitere Verbündete enttarnen zu können. Wenn in dieser Phase dann so etwas passiert, könnten sie an der Vertuschung ihrer Strategie interessiert sein. Dafür gibt es hinsichtlich des 11.9.2001 kaum Anhaltspunkte, aber auch keine Gegenbeweise - die Aufzählung dient hier nur als ein Beispiel für viele, warum Informationen manipuliert und Abläufe vertuscht worden sein könnten. Daraus auf eine umfassende Verschwörung zu schließen, ist abenteuerlich. Zu glauben, es hätte keine Manipulationen gegeben, aber auch.
Es gab und gibt viele Interessen, die sich mit dem Geschehen und dessen Aufarbeitung verbinden. Das ist Alltag in den vermachteten Räumen von Staaten, Institutionen, Firmen und Organisationen.

Insgesamt ist nur ein einziges Resümee naheliegend: Die umfallenden Großbauten und die vielen Toten dienten vom Aufschlag der Flugzeuge an einer modernen Leichenfledderei. Die einen suchten lukrative Geschäfte, vermarkteten von Gedenkutensilien bis zu Popmusik oder behaupteten Enthüllungsstories alles, was geht. Andere schürten autoritäre Politiken, rüsteten sich für den Kampf der Kulturen und das ewig nervende Säbelrasseln der Religionen. Wieder andere nutzten das Geschehen für neuformulierte Hasstiraden gegen böse Weltbeherrscher. Alle hatten schon vorher klar, wer warum handeln würde. Nur die Handlung selbst musste noch geschehen, die im vorgefertigten Sinn zu interpretieren war. Als die Türme umfielen, stülpten alle ihre Denkschablone über die Trümmerhaufen. Spätestens im Laufe der Debatte bildeten sich die Details aus, die die jeweilige Sichtweise zu belegen schienen. Schließlich ist niemand der vielen Beteiligten noch frei von einem selbstbestätigenden Konglomerat voller Einseitigkeiten, Vereinfachungen und Manipulationen - weder die amtlichen Theorien noch alle anderen. Die Kritik ist folglich genau richtig. Das eigene Behaupten, es gäbe eine "wahre" oder "objektive" Erzählung der Vorgänge, aber kein Stück besser.

Ähnliche Logiken gibt es bei unzähligen anderen Ereignissen:

Links und Materialien

Büchlein "Den Kopf entlasten?"

Ein kleines Büchlein über "Verschwörungstheorien" und vereinfachte Welterklärungen: Woher kommen sie? Was bewirken sie? Und was ist von ihnen zu halten? 72 S., quadratisch.

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