Den Kopf entlasten?
Verschwörungstheorien: Woher kommen sie? Was bewirken sie? Und was ist von ihnen zu halten?
Warum? ++ Definition ++ Theorien und Widerlegung ++ Probleme und Interpretationen ++ Nutzen ++ Gegengifte ++ Links
Warum dieser Text?
Analytisches Denken ist anstrengend. In einer komplexer werdenden oder aufgrund des Zugangs zu mehr Informationen so erscheinenden Welt geht Orientierung verloren. Diese muss durch intensiveres Hinschauen, Hinterfragen, Recherchieren und Abwägen wiedergewonnen werden - oder mensch geht den bequemeren Weg, sich vorgegebenen Meinungen, Ideologien und Sinnstiftungen anzuschließen oder im Trüben der Informationsüberflutung nach vereinfachten Welterklärungen zu fischen, die einem zumindest scheinbar wieder ein Handwerkzeug geben, dass erstens das Böse sichtbar macht und zweitens dabei nicht allzu anstrengend ist für den eigenen Kopf. Um Letztere soll es hier gehen. Sie sind ein Mittel, den Versuch aufzugeben, die eigene Lage, das Umfeld und die gesellschaftlichen Verhältnisse zu durchschauen. Sie sind damit aber auch einer der Gründe, warum politischer Protest ständig ins Leere läuft. Wo die Fähigkeit zur analytischen Kritik des Ist-Zustandes fehlt, mutiert die Gegenwehr zum Kampf gegen Windmühlen oder zerläuft im Gefühl von Ohnmacht gegenüber den bösen Mächten dieser Welt, die alles steuern und in den Händen halten.
Was dieses Böse ist, fällt je nach politischer Strömung oder ideologischem Background sehr unterschiedlich aus - es reicht von abstrakten Sphären wie "dem Kapital" oder noch vereinfachter "dem Finanzkapital" bis zu konkreten Bankerfamilien, die die Welt lenken. Je steiler das Welterklärungsmodell auf eine einzige Ursache eingeengt wird, desto kruder fallen in der Regel die Erzählungen über das Böse in der Welt aus. KritikerInnen solcher vereinfachter Erklärungen werfen deren UrheberInnen mal "verkürzte Kapitalismuskritik" oder Antiamerikanismus vor. Für die am stärksten auf einzelne Ursachen oder VerursacherInnen zugespitzten Theorien wird in der Regel der Begriff "Verschwörungstheorien" gebraucht. Gemeint ist damit, dass hier kleine Kreise bewusst das Böse organisieren, die Welt unterwerfen und nach - oft ungenannten (!) - Kriterien sortieren.
Dieser Text will einen kurzen, einführenden Blick in die Logiken vereinfachter Welterklärungen werfen - ob nun naive Verkürzungen oder zugespitzte Verschwörungstheorien. Er enthält weder eine vollständige Liste der vielen Einzelfälle und -erzählungen noch der verschiedenen Welterklärungen, die mit Vereinfachungen arbeiten. Außerdem muss hinzugefügt werden, dass es hier nur um die nicht-offiziellen Vereinfachungen geht. Letztlich ist jede Religion und jede andere Heilslehre (z.B. Esoterik) eine solche Vereinfachung und stellt damit einen Großangriff auf das menschliche Denkvermögen dar. Bislang unerklärliche Naturphänomene und aus Interessenlagen heraus geschaffene Hierarchien werden auf eine externe Größe (Gott, kosmische Energie, Weltgeist oder was auch immer) projiziert und damit dem menschlichen Erkenntnisdrang entzogen. Das wollen auch vereinfachte Welterklärungen und Verschwörungstheorien. Religionen, Esoterik, viele politische Ideologien und Diskurse sind wesentlich verbreiteter als die Beispiele dieses Textes. Das darf nie vergessen werden. Wer zu den VereinfacherInnen des Weltgeschehens auf Distanz geht, sollte Religionen, Esoterik, staatlich dominierte Diskurse usw. nicht vergessen. Es gibt viel zu tun auf dem Weg, das eigene Denken und eine kritische Debatte zu entfachen - als Gegengift gegen alles, was uns Schubladen anbietet, in die wir unseren Kopf legen sollen ...
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Unter diesem Header wurde eine Presseinformation zu den Gentechnik-Seilschaften gebloggt - ein schönes Beispiel für die Weltvereinfachungssuppe. Irgendwie alles Böse zusammengepanscht:
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Definitionen
Als Verschwörungstheorie bezeichnet man im weitesten Sinne jeden Versuch, ein Ereignis, einen Zustand oder eine Entwicklung durch eine Verschwörung zu erklären, also als zielgerichtetes, konspiratives Wirken von Personen zu einem illegalen oder illegitimen Zweck. Sie bieten damit einfache Erklärungsmodelle für die als unbefriedigend empfundene Lage. Wer immer die Entwicklung der Welt nicht mag, wer Ungerechtigkeiten spürt oder selbst in einer bedrückenden Lage ist, kann mit Verschwörungstheorien zwar keine Verbesserung erreichen, aber wenigstens die Schuldfrage klären, ohne allzuviel Denkkraft zu investieren. Denn Herrschaft ist meist komplex. Es wäre anstrengend, die verschiedenen Mechanismen, Konkurrenzen und Elitestrukturen auch nur annähernd zu erfassen, um zu begreifen, warum was und wie geschieht. Denn es fehlt ein klar lokalisierbares Zentrum der Welt - ebenso ein alles prägender Mechanismus. Daraus folgt nicht, dass alle Menschen gleichberechtigt sind, sondern die Menschen haben je nach Stellung, Beziehungen, Fähigkeiten und Mitteln unterschiedliche Gestaltungsmacht in dieser Gesellschaft. Aber niemand, auch keine Institution oder Gruppe, hat den Steuerknüppel exklusiv in der Hand. Es gibt sie einfach nicht, die oft gesuchten und mitunter vermeintlich gefundenen StrippenzieherInnen der Welt. Das ist doof für alle, die schnell und einfach die Welt erklären wollen. Darum haben Verschwörungstheorien Hochkonjunktur: Wie schön entlastet es doch den Kopf, wenn mensch sich einreden kann, irgendwo säßen die Bösen, die alles lenken - oder es existiere ein diffuser großer Keilriemen, der die Welt antreibt. Doch solche Sparsamkeit im Denken ist nicht nur gefährlich, weil auf diesen Bildern auch alle bisherigen Vernichtungsphantasien (historisch vor allem gegen „die Juden“, heute oft gegen „den Islam“ oder „die USA“) basieren. Sie sind zudem eher für die nützlich, denen sie eigentlich entgegentreten sollen: Den Funktionseliten moderner Herrschaftssysteme, die ungestört in den intransparenten und zentrumslosen Sphären gesellschaftlicher Gestaltungsmacht agieren, während viele unzufriedene Menschen sich mit Chemtrails, Zinseszins- und Finanzkapitalhetze oder an ausgewählten Bankiersfamilien dieser Welt abarbeiten ...
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Aus Wikipedia zu Verschwörungstheorie
„Theorie“ bezeichnet eine modellhafte, korrekturfähige Vereinfachung der Wirklichkeit, die von Einzelereignissen oder Umständen abstrahiert, um übergreifende Zusammenhänge zu beschreiben. Genau das leistet eine Verschwörungstheorie aber nicht, da sie zwar vereinfachende Muster anbietet, aber kein Modell. Verschwörungstheorien leisten keine Abstraktion, sondern nehmen im Gegenteil eine Konkretion vor, die unzulässigerweise verallgemeinert wird. Während die Abstraktion Komplexität erhält und nur die Beobachtungsebene verändert, ist die unzulässige Konkretion verlustbehaftet. Die nachgelagerte Verallgemeinerung basiert also auf einer Vereinfachung. ...
Der Begriff Verschwörungstheorie wird oft kritisch oder abwertend verwendet. In der Rhetorik ist die mediale Diskreditierung des Gegners vermittels eines solchen Vorwurfs ein erprobtes Instrument. Die Charakterisierung als Verschwörungstheoretiker ist Gegenstand von Diskussionen.
Grundlage vieler Verschwörungstheorien ist ein dezidiertes und vereinfachendes Welt- und Geschichtsbild, das auf der Grundannahme basiert, dass Strukturen der sozialen Wirklichkeit durch Handlungen von Personen direkt steuernd beeinflusst werden können. Vor dem Hintergrund der gegenseitigen strukturellen Abhängigkeiten und hochgradigen Vernetzungen komplexer sozialer Systeme gilt diese Voraussetzung heute jedoch allgemein als unplausibel. Sozialwissenschaftliche Modelle zeigen, dass sich weitreichende Ereignisse in Gesellschaft, Wirtschaft oder Staat nicht allein durch das zielgerichtete Handeln von Personen oder Personengruppen verursachen lassen. Man geht hier vielmehr vom Zusammenwirken vieler verschiedener subjektiver Gründe und objektiver Bedingungen aus, die aus Strukturen, Konjunkturen, Absichten, Gegenabsichten, Irrtümern und schlichten Zufällen bestehen und sich zudem gegenseitig beeinflussen. Die Auffassung, eine relativ kleine Personengruppe könne wichtige gesellschaftliche Ereignisse zentral steuern, gilt daher als unterkomplex.
Karl Popper drückt dies – bezogen auf einen speziellen Typus von Verschwörungstheorie – folgendermaßen aus: „Um meine Gedanken zu verdeutlichen, werde ich in kurzen Zügen eine Theorie beschreiben, die weit verbreitet ist, aber das genaue Gegenteil dessen annimmt, was ich für das eigentliche Ziel der Sozialwissenschaften halte; ich nenne sie die Verschwörungstheorie der Gesellschaft. […] Diese Ansicht von den Zielen der Sozialwissenschaften entspringt natürlich der falschen Theorie, daß, was immer sich in einer Gesellschaft ereignet, das Ergebnis eines Planes mächtiger Individuen oder Gruppen ist.“ – Karl Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde – Band II – Falsche Propheten: Hegel, Marx und die Folgen
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Typisch für „conspiracism“ ist dabei seine Immunisierung gegen jede Form von Widerspruch. Wer an den angebotenen Erklärungen zweifelt, gilt entweder als getäuscht, erpresst oder gar als Mitwisser der Verschwörung. Die Verschwörungsideologie kann dann nicht mehr widerlegt werden. Gerne wird von Verschwörungstheoretikern gerade das Fehlen von Beweisen als Beweis für eine Verschwörung gewertet, da dies eben die unheimliche Effektivität der Verschwörer zeige. Eine Parodie auf diesen Umstand ist etwa die im Internet zirkulierende „Bielefeldverschwörung“. Da die vermuteten Verschwörungen als strukturell unbeweisbar konstruiert werden, gilt ihnen eine Expertenmeinung nicht als höherwertig als eine private Spekulation. ...
Der Zusammenhang zwischen Verschwörungsideologie und Vernunft kann auch umgedreht werden. Der Historiker Dieter Groh vermutet hier eine „Dialektik der Aufklärung“ im Sinne Adornos: Verschwörungstheorien sind als „das Andere der Vernunft“ Schattenseite und gleichzeitig Gegenbewegung einer zu schnell sich vollziehenden Rationalisierung aller gesellschaftlichen Beziehungen; denn das Aufkommen der Verschwörungsideologien hängt gerade mit der Aufklärung und Säkularisierung zusammen, die irrationale Welterklärungen durch rationales Wissen ablösen und zurückdrängen will; wenn man nicht mehr alles mit dem Wirken eines allmächtigen Gottes erklären kann, wächst die Neigung, unerfreuliche Phänomene den Machenschaften einer Verschwörergruppe zuzuschreiben, da irgendjemand ja dafür verantwortlich sein muss. Für diesen Zusammenhang von technischem Fortschritt und Rationalität auf der einen Seite sowie mentaler Modernitätsverweigerung und Antirationalismus auf der anderen prägte der Philosoph Ernst Bloch auch den Begriff der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“. Jüngere ethnologische Untersuchungen legen einen ähnlichen Zusammenhang nahe zwischen Verschwörungsideologien und der Bedrohung einer traditionalen Gesellschaft durch Modernisierung. J. Clyde Mitchell hat bei seinen Untersuchungen der Volksgruppe der Yao in Sambia aufgedeckt, dass mit der Unübersichtlichkeit des sozialen Wandels dort die Anklagen wegen witchcraft (allgemeiner magischer Schädlichkeit) zunahmen, wohingegen die angeblichen Fälle von sorcery (konkretem Schadenzauber) abnahmen: Sie dienen offenkundig dazu, soziale oder stammespolitische Konflikte auszutragen.
Definition auf der Seite der Skeptiker (GWUP), die aber auch wiederum selbst oft vereinfacht argumentieren
Eine Verschwörungstheorie ist die sachlich unbegründete Annahme, ein bestimmtes, meist negatives Geschehen sei das Ergebnis einer Verschwörung. Durch ihre Argumentation widersetzen sich Verschwörungstheorien jeglicher logischen Widerlegung, deshalb sind sie wissenschaftlich wertlos. Viele Vertreter von parawissenschaftlichen Behauptungen versuchen, ihre Thesen durch Verschwörungstheorien zu stützen (Beispiele s.u.).
Grundlage einer Verschwörungstheorie ist nach dem Modell von Thomas Grüter der Verschwörungsglaube, d. h. der Verdacht, dass eine Personengruppe heimlich Böses plant. Stärker ausgearbeitet als der Verschwörungsglaube ist die Verschwörungslegende, die bestimmte Ereignisse als Ergebnis eines Komplotts erklärt, ohne dies jedoch schlüssig zu beweisen. Die Verschwörungstheorie schließlich bündelt Verdacht und Legenden zu einem fest gefügten System.
Verschwörungstheorien enthalten teils reale Elemente, verquicken diese jedoch mit Erfundenem und bloßen Mutmaßungen zu einer „Parallelwirklichkeit“. Im Gegensatz zur rationalen Ursachenforschung zeichnen sich Verschwörungstheorien durch ihre Immunisierung aus. Äußert eine Person Zweifel oder führt sie Gegenargumente an, wird sie mit dem Vorwurf konfrontiert, selbst zu den Verschwörern zu gehören. Damit wird die Verschwörungstheorie der wissenschaftlichen Überprüfung entzogen. Die vorgebrachten Argumente für die Verschwörung halten jedoch keiner kritischen Untersuchung stand.Weitere Infos zu Verschwörungstheorien:
- Artikel zum Thema von Jörg Bergstedt in grünes blatt 2/2010
- Eine leider etwas simpel gestrickte Sammlung war www.esowatch.org, inzwischen zwangsabgeschaltet
- Daniel Kullas Buch „Entschwörungstheorien“ mit vielen Beispielen (leider ohne Belege und Quellen)
- Buch von Colin Goldner: "Die Psycho-Szene. Das Buch über den Psychomarkt" und eines von Claudia Barth: "Über alles in der Welt - Esoterik und Leitkultur: Eine Einführung in die Kritik irrationaler Welterklärungen"
- Sammlungen zu Verschwörungstheorien von Tobias Jaecker
- taz-Sammlung "Die 21 besten Verschwörungstheorien"
- Wer die andere Seite mal angucken will, kann das Verlagsverzeichnis des Kopp-Verlags durchblättern. Da ist alles drin, was den Kopf entlastet ...
Was braucht es für eine überzeugende Verschwörungstheorie oder wirksame, einfache Welterklärung?
- Einfache Feindbilder: Viele Verschwörungstheorien sind attraktiv, weil sie einen greifbaren Gegner zu lokalisieren scheinen. Es sind nicht mehr abstrakte Antriebskräfte wie die Verwertungslogik, das Streben nach Profit oder der Selbsterhalt von Macht, sondern konkrete Personen oder Personengruppen, die für das verantwortlich sind, was auf der Welt als schlecht empfunden wird. So kann der Hass auf etwas Konkretes projiziert werden.
- Geheimnisvolle FädenzieherInnen: Allerdings würden allein klare Feindbilder unmittelbare Handlungsoptionen nach sich ziehen - wie es in der Geschichte ja auch ständig der Fall war von Kreuzzügen über Hexenverbrennungen und Holocaust bis zu modernen Hetzkampagnen gegen AusländerInnen oder SozialhilfeempfängerInnen. Verschwörungstheorien dienen aber meist der Kultivierung eigener Ohnmacht. Wer sich als Opfer inszeniert, muss keine Gedanken an die eigene Verwicklung in gesellschaftliche Abläufe und damit den eigenen Anteil an der Lage der Dinge verschwenden. Die klare Grenzziehung zwischen Gut und Böse wird gefördert, wenn die Personen, denen in den einfachen Welterklärungsmodellen die Macht zukommt, in irgendeiner Weise auf normalen Wegen unerreichbar sind. So ranken sich die Mythen steuernder Mächte selten um (abwählbare) PolitikerInnen oder die real handelnden Bosse großer Konzerne. Sie werden meist als Marionetten von Kräften gesehen, die im Hintergrund die Fäden ziehen. Diese Kombination einer beschreibbaren, aber wegen derer geheimnisvoller Kräfte nicht exakt lokalisierbaren Sphäre mit unangreifbaren Personen stellt die typische Form des herbeiphantasierten Zentrums der Welt dar.
- Schlichte Ursache-Wirkungsketten: Damit das Welterklärungsmodell gut in die Köpfe geht, darf es nicht zuviele Einflussfaktoren aufweisen. Am besten ist ein einziges Motiv der Mächtigen und Bösen, z.B. Geld, Posten, Rohstoffe, religiöse Mission oder ganz einfach das Erringen der Weltherrschaft. Damit werden dann alle Geschehnisse, mit oder ohne gezielte Umdichtungen, auf diese Ursache gebracht. Es entsteht schließlich der Eindruck, dass hier ein übermächtiges und unkontrollierbares Prinzip oder eine entsprechende Gruppe von Menschen tätig ist. Das löst Angst aus - und Angst ist immer ein Verstärker politischer Verunsicherung. Sie ruft nach Hilfe, öffnet Köpfe und Herzen für einfache Losungen und Lösungen und schwächt die Fähigkeit zur skeptischen Analyse. In der Geschichte gibt es viele Beispielen für diesen Effekt. Die Religionen bauten und bauen ihre Macht auf der selbsterzeugten Angst vor Gottes Strafe (im Hier&Jetzt oder als (Höllen-)Qual nach dem Tod) auf. Moderne Innen- oder KriegsministerInnen schüren Ängste, um Akzeptanz für Präventionsmaßnahmen, Waffen und deren Anwendung zu schaffen. Wer es geschickt anstellt, kann nach diesem Wirkprinzip sogar gesellschaftliche Einzelfragen, darunter auch auffällige Nebensächlichkeiten, zu monströsen Einflussgrößen aufblasen. Unter den unten genannten Beispielen vereinfachter Welterklärungsmodelle findet sich z.B. die Sache mit der Zinstheorie. Dessen behauptete Wirkung auf das gesamte wirtschaftliche Geschehen ist ein extremes Beispiel solcher Empörungs-Aufwertung.
- Stetige Wiederholung: Eine Personengruppe oder ein Mechanismus können nur dann als dominant gefühlt werden, wenn ihre Wirkung sich überall und wiederholend bestätigt. Ob dass durch eigene Anschauung oder ständige Legenden und Hilfskonstrukte geschieht, ist dabei in der Wirkung ähnlich. Garniert werden muss das (scheinbare) Erleben von gleichen Wirkungsmuster mit der dazugehörigen Legende von Strippenzieherei. Sonst reicht es nicht. Denn selbst wenn mensch z.B. annimmt, dass die "Bilderberger" oder die Bankiersfamilie Rothschild (siehe Beispiele unten) die Strippen dieser Welt ziehen, wäre das im eigenen Alltag kaum spürbar. Es bedarf daher Wirkungsketten, die - oft über viele Ecken und Kanten - ein Ereignis auf die gewünschte Ursache zurückführt. Bei Personen geht das nach dem einfachen Muster: Der kennt den, der wieder den usw., so dass schon nach einigen Stationen der gewünschte Personenkreis im Spiel scheint. Dass die moderne Soziologie längst weiß, dass über 5 bis 10 Ecken fast jedeR mit jeder/m verwandt, bekannt oder irgendwie verflochten ist, muss natürlich verschwiegen werden, um das Aha-Erlebnis nicht zu relativieren.
Ähnlich funktioniert es mit abstrakten Wirkmechanismen. Geld, Zins, Rohstoffe, religiöse Muster - irgendwie lässt sich davon immer zumindest ein bisschen überall nachweisen. Daraus abzuleiten, dass es auch die Ursache ist, ist dann der Verschwörungsaspekt in der Welterklärung. Sie überzeugt, weil sie so schön einfach ist, in dem sie immer nur den einen Aspekt erwähnt und ihn zur Hauptursache aufbläst.
Letztlich gehören auf diese Art die einfachen Welterklärungen und Verschwörungstheorien zu den Populismen, denn sie arbeiten sehr gezielt damit, kopfgängige und schnell akzeptierte Begründungsmuster mit hohem Empörungspotential zu verbreiten. Komplexe Einflüsse werden ebenso weggelassen wie Zweifel und Gegenbeispiele. Typisch ist, alle möglichen Geschehnisse dann auf das einmal als dominant erklärte Muster zu projizieren: "Siehste, schon wieder ...", heißt es dann schnell. Und so entsteht die sich selbst bestätigende Ideologie und der Glaube an deren Dominanz. Andere Erklärungsmöglichkeiten werden gar nicht mehr ins Auge gefasst. Es reicht der gelungene Versuch, das beobachtete Geschehen auf die als zentral empfundene Universalursache zurückführen zu können. Dass dafür immer wieder Details uminterpretiert oder hinzuerfunden werden müssen, geht im Gesamtempörungsmischmasch unter, der aus den populistischen Erklärungsmustern regelmäßig entsteht.
Der mediale Aufstieg aller Verschwörungstheorien: Nine Eleven (9/11)
Dass Verschwörungstheorien in aller Munde und in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, verdanken sie vier Flugzeugen und ihren Entführern - jedenfalls, wenn mensch den offiziellen Verlautbarungen dazu glaubt. Denn tatsächlich kursieren über die spektakulären Anschläge auf die Twin Tower des World Trade Centers am 11.9.2001 in New York derart viele Beschreibungen, dass es eigentlich nichts gibt, was nicht irgendwie bereits bestritten wurde. Selbst die von Tausenden Menschen beobachteten und vielen gefilmten Einschläge der Flugzeuge in die Hochhäuser werden von Kreisen bestritten, um dann eigene Erklärungsmuster zu verbreiten. Angesichts der Vielzahl von Analysen und Beschreibungen der Geschehnisse und ihrer Hintergründe scheint es zunächst überraschend, dass keine von ihnen auch nur ansatzweise brauchbar belegt ist. Doch genau das hat einen guten Grund, auf dem Verschwörungstheorien ebenso wie autoritäre Politiken und alle Populismen der Welt aufbauen: Der Vorgang dient dazu, eine gewünschte Wahrnehmung zu erzeugen, eine vorher auserwählte Ursache zu bestätigen und für ein bestimmtes Erklärungsmodell Akzeptanz zu erzeugen.
Nirgendwo ist das umfangreicher und konsequenter geschehen als rund um den 11. September 2001. Kein Wunder, denn hier ging es mal um richtig viel - nämlich das Gewaltmonopol auf den Erdball und die Definitionsmacht über Gut und Böse im globalen Maßstab. Nicht nur die herrschende Politik reagierte aufgeregt bis durchgedreht: Die NATO erklärte den weltweiten Verteidigungsfall (und nutzte das für jede Menge Angriffskriege, die wenig bis keinen Zusammenhang zum Vorgang boten). Die USA organisierten umfangreiche Trauerarbeit, formten HeldInnen, "vergaßen" z.B. auf den Listen der Gestorbenen die Obdachlosen im Untergeschoß der Türme - ein aus Regierungssicht hilfreicher Beitrag zur erwünschten Sozialpolitik. Schließlich wurden Länder angegriffen, die vermeintlich den TerroristInnen Heimat boten (dabei kamen die - jedenfalls den offiziellen Ermittlungen nach - aus Hamburg, wo aber keine Bomben fielen).
In diesem weltweiten Wettrennen um Aufmerksamkeit, Auflagenhöhen und Eitelkeit schossen auch Kritiken der staatlichen Erklärungsversuche wie Pilze aus dem Boden. Sie analysierten die offensichtlichen Fehler und interessengeleiteten Ursachenbenennungen staatlicher Verlautbarungen mitunter recht präzise. Von diesen unterschieden sich in den Interessen und Zielen, jedoch nicht in den Methoden der Vereinfachung und Manipulation. Denn auch sie arbeiteten mit der Erkenntnis, dass in der öffentlichen Wahrnehmung einfache Erklärungsmuster und personalisierbare Schuld bessere Chancen haben. Bin Laden war auf dem Titel der Tageszeitungen oder im Auftaktbeitrag der "tagesschau" einfach besser unterzubringen als eine komplexe Analyse von Machtinteressen. Das galt auch für die Gegenentwürfe: Bankiersfamilien, Rüstungsfirmen oder Geheimdienste verhasster Staaten (mal wieder vor allem aus USA und Israel) waren die Projektionsflächen der regierungskritischen Beiträge zum 11.9. - also quasi die "Bin Ladens" der anderen Seite.
An ausgewählten Beispielen dieses den Aufstieg einfacher Welterklärungen und Verschwörungstheorien fördernden 11. Septembers sei deutlich gemacht, wie einfach Verschwörungstheorien gestrickt werden können. Das diskreditiert nicht den Zweifel an offiziellen Versionen zum Ablauf des Geschehens. Dafür gibt es angesichts der überwiegend hanebüchenen Erzählungen von Regierungsseite einschließlich offensichtlicher Vertuschungsmanöver zu eigenen Verstrickungen auch keinen Grund. Doch eine berechtigte Kritik einerseits und eine eigene fundierte und selbstkritische Recherche andererseits scheinen offen zwei paar Schuhe. Folglich sind viele Storys über den 11.9.2001 beeindruckend simpel gestrickt. Zum Beispiel die Sache mit der Zahl "23". Das ist die zentrale Nummer der Illuminaten. Welch ein Zufall, dass die Summe aus dem Datum des New Yorker Geschehens genau diese Zahl ergibt! 11+9+2+0+0+1 summieren triumphierend die AnhängerInnen illuminatorischer Verschwörung 23. Doch: Fällt Ihnen da etwas auf? Nein? Na dann weiterhin viel Spaß mit der leichtgläubigen Hingabe an die KopfverdreherInnen dieser Welt. Ja - dann ist es gut. Die Formel passt nämlich gar nicht. Warum wird die Jahreszahl "2001" in ihre vier Ziffern zerlegt und das Tagesdatum "11" nicht? Die Antwort ist einfach: Damit es 23 ergibt. Eigentlich wäre nämlich 14 oder 2021 das Ergebnis, aber das hätte nichts Spannendes bedeutet. Probieren Sie es selbst aus: Sie werden aus jedem Datum oder jeder Zahlenkombination am Ende "23" herausbekommen. Genau das ist der Trick der scheinbaren Wiederholungen von Erklärungsmustern: Sie müssen nur lange genug nach der passenden Formel suchen - und schon ist die Verschwörungsstory wieder einmal gestrickt und bestätigt sich selbst ...
Im Original: Demonstriert: Verschwörung ausgedacht ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Daniel Kulla (2006): "Entschwörungstheorie". Systemausfall '90 in Berlin (S. 25 f.)
Worin bestand denn die direkte wirtschaftliche Folge der Anschläge vom 11. September 2001? Durch die allgemeine Flugangst brachen die Passagierzahlen der zivilen Luftfahrt um bis zu 20 Prozent ein und der größte Hersteller von Großflugzeugen, der US-Konzern Boeing, mußte seine technischen Weiterentwicklungen deutlich bremsen. Seitdem begann der Aufstieg des Airbus als europäischem Herausforderer, dessen erfolgreiche zivile Sparte wiederum den militärischen Luftfahrtsektor des niederländischen Konzerns EADS mitfinanzierte, der Heimat von Eurocopter und Eurofighter sowie des riesigen neuen Militärtransporfflugzeugs A400M, der 30 Tonnen Kriegsgüter in den Nahen Osten und immer noch 20 Tonnen nach Zentralafrika oder an die US-Ostküste fliegen kann. Während vom zivilen Airbus A380 bisher nur 159 Stück bestellt wurden, davon 19 von der Lufthansa, sind drei Jahre vor Auslieferungsbeginn schon 195 Modelle des A400M geordert, 60 von der Luftwaffe.
Erinnern wir uns außerdem an die deutsche Vorgeschichte von 9/11, an die maßgeblich verwickelte Terrorzelle in Hamburg-Harburg. Oliver Schröm und Dirk Laabs schreiben dazu in ihrem Buch "Tödliche Fehler": "Der CM-Agent Thomas Volz hatte in Hamburg noch vor den Anschlägen versucht, Darkazanli umzudrehen. Das dortige LfV ist eine der kleinsten Verfassungsschutzbehörden der Bundesrepublik. (. . . ) Als sie ihm einmal mehr erklären, daß sie es für ausgeschlossen halten, Darkazanli 'umzudrehen', knallt ihnen Volz ein Handbuch des Anfängerlehrgangs der CIA auf den Tisch. Darin können sie nachlesen, wie man Spitzel anwirbt. Volz versucht es schließlich auf eigene Faust. Als die Hamburger Ermittler davon Wind bekommen, machen sie dem CM-Agenten unmißverständlich deutlich, daß sein Alleingang in ihren Augen Spionage ist. (...) Die 'Operation Zartheit' lief damals schon mehr als drei Jahre. Allerdings hatten es die Ermittler vom BN in Köln nicht für nötig erachtet, über die Ausspähaktion und deren Ergebnisse ihre Kollegen vom LfV zu unterrichten."
Warum also ist nie die Frage nach einer Verschwörung von europäischer Rüstungsindustrie und deutschen Sicherheitsbehörden im Zusammenhang mit 9/11 gestellt worden? Warum haben Sie soviel von der "Neocon-Verschwörung" und der "Kosher Conspiracy" gehört und noch nie etwas von der Airbus-Verschwörung? Einerseits aus dem beschriebenen Grund, daß die Bösewichte seither eindeutig ausgemacht sind und niemandem von den Verschwörungstheoretikern in den Sinn käme, nach einer von Amerika oder Israel unabhängigen Schuld oder Verstrickung zu fragen. Zum andern, weil ich mir die "Airbus-Verschwörung" zu Demonstrationszwecken selbst ausgedacht habe.
Diese Verschwörungstheorie krankt an der selben Logik der meisten anderen: aus dem Ausnutzen eines Vorteils wird die Unterstellung der Beauftragung, aus der Schlappheit der deutschen Schlapphüte wird ihre absichtsvolle Unterstützung für die Terroristen; für amerikanische Leser ist gar ein Held in der Geschichte. Immerhin operiert diese Verschwörungstheorie mit gern übersehenen Zusammenhängen, zeigt also, daß eine spielerische Verschwörungsszene in Deutschland durchaus ihre aufklärerische Berechtigung hätte.
Verschwörungstheorien und vereinfachte Welterklärungen in politischen Debatten
Es gibt unzählige Verschwörungsmythen und vereinfachende Erklärungsmuster für komplexe, gesellschaftliche Phänomene. Viele davon werden in möglicherweise etwas gelangweilten Kreisen immer wieder neu erzählt und sorgen für Entrüstung ohne jegliche Relevanz für eigenes Leben oder öffentliches Wirken. Ob es die im Winde flatternde Fahne bei der ersten Mondlandung ist (auf dem Mond gibt es doch gar keinen Wind ...) oder irgendwelche seltsamen Wetterphänomene sind - es gibt mindestens so viele Geschichten, wie rotwein-feuchte Abende oder andere Anlässe, bei denen solche Ideen entstehen, vorbeiziehen.
Einige der Erzählungen und Erklärungsmuster tauchen auch oder gerade in politischen Debatten auf. Das ist nicht überraschend, denn Verschwörungstheorien bieten einfache Erklärungsmodelle für eine als unbefriedigend empfundene Lage. Wer immer die Entwicklung der Welt nicht mag, wer Ungerechtigkeiten spürt oder selbst in einer bedrückenden Lage ist, kann mit Verschwörungstheorien zwar keine Verbesserung erreichen, aber wenigstens die Schuldfrage klären, ohne allzuviel Denkkraft zu investieren. Es wäre ziemlich anstrengend, die verschiedenen Mechanismen, Konkurrenzen und Elitestrukturen moderner Herrschaftsstrukturen auch nur annähernd zu erfassen. Aber genau das wäre nötig, um zu begreifen, warum was geschieht. In der Komplexität bestehender Hierarchien und Diskurse haben Menschen zwar unterschiedliche Gestaltungsmacht, d.h. es existiert ein - mitunter sehr steiles - Gefälle der Macht. Doch nirgendwo hat das Geflecht hegemonialer Teile und Mechanismen ein Zentrum.
Im Zusammenhang mit Umweltzerstörung, Globalisierung und Konzernmacht werden etliche Verschwörungstheorien und vereinfachte Welterklärungen besonders häufig benannt.
Einige von ihnen sollen im Folgenden kurz vorgestellt werden - ohne Anspruch auf Vollständigkeit sowohl hinsichtlich der Liste von Theorien wie auch der möglichen Varianten und der skeptischen Fragen bis Widerlegungen, die möglich sind. So wenig wie die vereinfachten Welterklärungen die Wahrheit wiederspiegeln, als deren Enthüllung sie sich gern inszenieren, so wenig hat auch dieser kritische Text einen Anspruch auf höhere Erkenntnis. Der Feind vereinfachter Welterklärungen oder Politanalysen ist der bohrenden Skeptizismus, also das ständige Hinterfragen. Er aber ist immer nützlich. Und so sollten auch die folgenden Widerlegungen von Verschwörungstheorien nicht als neue Wahrheit einfach nur akzeptiert werden. Mögen einige auch noch so einleuchtend klingen ...
Mythen über Deutschland
Es mag an der bizarren Vergangenheit liegen, dass gerade über Deutschland derart viele Theorien gebildet werden, dass es einem oft schaudernd den Rücken herunterläuft. Braucht diese Nation, die in ihrem identitären Taumel und willigen VollstreckerInnentum so widerlich und schrecklich, aber auch absurd gehandelt hat, eine besondere Zuwendung verklärender Geschichts(um)interpretation, um einen gewissen Nationalstolz erhalten oder neu aufbauen zu können?
Es gibt Hunderte, wenn nicht Tausende von Varianten, was denn Deutschland und seine Geschichte eigentlich ist. Warum solche Mythenbildungen gerade Deutschland treffen und sich selbst Nicht-Deutsche in aller Welt mit den Phänomenen beschäftigen, mag viele Gründe haben, die von dem Versuch einer Rechtfertigung für eine Nation mit äußerst brutaler Vergangenheit über den Willen zur Restauration früherer Zeiten bis zur besonderen Geeignetheit Deutschland für viele Mythen reichen. Letzteres wäre dann ähnlich der ebenfalls vorhandenen Vorlieben, den Staat Israel zum Gegenstand absurdester Theorien zu machen. Denn Deutschland wie Israel sind in ihrer jetzigen Form wenig gewachsene, weitgehend geschichtslose, sondern künstlich verrechtlichte Verwaltungseinheiten, in die sich alle möglichen Interessen und Ränkespiele bestens hineininterpretieren lassen - interessanterweise immer zum Zwecke der Entschuldigung deutschen Wirkens und zur Beschuldigung israelischer Politik. Aber das mag bereits zur Aufklärung über die Motive hindeuten. An dieser Stelle sollen zunächst Beispiele für Mythen und Verschwörungstheorien über Deutschland aufgezählt werden.
1. Die BRD existiert gar nicht oder nur als GmbH
Bei dieser Theorie werden eine Menge sogenannter Beweise angeführt, dass Deutschland nicht in seiner behaupteten Form existiert, sondern nur als GmbH oder Verwaltungsbehörde z.B von Besatzungsmächten. Dafür werden viele Belege wie vermeintliche Einträge in Registern, Gesetzesblättern oder Beschlüsse der Allierten herangeführt. Andere behaupten sogar, die BRD würde gar nicht existieren, weil die Verfassung nie vom Volk angenommen wurde. Formal würde immer noch das Deutsche Reich bestehen. Teile der Menschen, die so argumentieren, haben sich als "Reichsdeutsche" sogar mit Exilregierung, eigenen Verwaltungsstrukturen wie dem "Deutschen Amt", Ausweisen und eigenen Verträgen oder gesetzesähnlichen Schriften eingerichtet.
Was ist davon zu halten?
- Nichts. Denn die Grundannahme, Deutschland hätte keine Verfassung, sondern nur ein Grundgesetz, das nie vom Volk beschlossen wurde, stimmt zwar, ist aber leider nicht relevant. Aus staatskritischer Sicht wäre es ja zu begrüßen, wenn Staaten nicht existieren würden, deren Verfassung nie vom „Volk“ (was ist das?) angenommen wurde. Schließlich würden dann ziemlich viele vom Globus verschwinden. Deutschland im übrigen komplett, denn was die Reichsdeutschen da brabbeln, gilt ja für 3. Reich und alle Vorphasen genauso. Tipp daher: Den Reichsdeutschen zustimmen und das Argument erweitern. Sollte nämlich ein Staat nur existieren, wenn er eine vom "Volk" (was ist das?) legitimierte Verfassung hat, so gab es Deutschland nie und gibt es bis heute nicht. Super - doch meistens gucken die Reichsdeutschen dann ganz blöd und finden diese Vorstellung nicht mehr so toll. Ein Argument, warum gerade die Machtergreifung zum "Dritten Reich" oder die spontane Bismarcksche Laune einer Reichsgründung besser legitimieren sollen als die BRD, fällt ihnen nämlich nicht ein.
- Staat ist, wer das Gewaltmonopol hat: Ob ein Staat formal gegründet wurde oder nicht, ist völlig egal. Manche Staaten lassen sich die von kleinen Kreisen nach ihrem Gutdünken ausgearbeitete Verfassung nachträglich durch eine Volksabstimmung legitimieren. Dass sie dieses überhaupt können, zeigt schon, dass sie nicht erst durch die Verfassungsgebung entstehen, sondern umgekehrt. Die Verfassungsgebung wird durch den bereits vorher vorhandenen Machtapparat im Staat inszeniert. Die Verfassung braucht den Staat, nicht umgekehrt. Insofern startet jeder Staat ohne Legitimation - manche besorgen sich eine scheinbare später, andere lassen das. Letzteres ist pragmatisch, denn Staaten legitimieren sich durch ihre Waffen, Gefängnisse usw. (Gewaltmonopol genannt). Nichts anderes. Das trifft auch auf Deutschland zu, ist aber kein Kennzeichen gerade dieser Nation.
- Selbst wenn es so sein sollte, dass Deutschland auch als GmbH irgendwo eingetragen ist, ändert das wenig, denn es beweist erstens nicht, dass der Staat nur eine GmbH ist, und führt zweitens zu keiner praktischen Wirkung. Da Staaten sich ausschließlich auf das Gewaltmonopol stützen und durch die Macht des Faktischen und Möglichen aufrecht erhalten, kommt es auf ihre formale Grundlage gar nicht an.
2. Besatzung und Friedensvertrag
Nah dran an obigen Wirrnissen ist die Behauptung, es gäbe noch Besatzungsrecht und keinen Friedensvertrag. Folglich wäre die BRD ein Verwaltungskonstrukt der Allierten und die deutschen PolitikerInnen wären nicht souverän. Gesteigert wird das durch aufhetzende Phrasen, dass Deutschland ausgenommen wird, sich die Siegermächte von Deutschland bezahlen und mästen lassen usw. Beowulf von Prince jammert mit anderen in der Schrift "Tue Deine Pflicht ...", dass "die Alliierten Deutschland nicht ständig wie eine Kuh melken" sollten. Sein Credo: "Die Vorenthaltung eines Friedensvertrages ist ein Betrug am Deutschen Volk".
Stimmt das?
- Zunächst: Es ist einfach falsch. Die 2plus4-Verträge, die zur deutschen Einheit führten, sind genau das, was angeblich fehlen soll. Die Alliierten haben dort alle eigenen Rechte abgegeben. Das lässt sich in den Verträgen ganz einfach nachlesen, z.B.: "Die Französische Republik, die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, das Vereinigte Königreich Großbritannien und Nordirland und die Vereinigten Staaten von Amerika beenden hiermit ihre Rechte und Verantwortlichkeiten in bezug auf Berlin und Deutschland als Ganzes. Als Ergebnis werden die entsprechenden, damit zusammenhängenden vierseitigen Vereinbarungen, Beschlüsse und Praktiken beendet und alle entsprechenden Einrichtungen der Vier Mächte aufgelöst." Deutlicher geht es wohl kaum. Interessanterweise kommt der 2plus4-Vertrag in den meisten Veröffentlichungen dieser Kreise über den vermeintlichen Status von Deutschland nicht vor.
- Zudem: Ausgerechnet über die BRD zu behaupten, dass sie wirtschaftlich ständig geplündert wird, ist historisch und auch aktuell nicht nur purer Nonsens. Sondern es ist auch eine enorme Dreistigkeit angesichts der Stellung Deutschlands in der Welt. Denn es gab auf Seiten der Siegermächte nach dem zweiten Weltkrieg nur kurzzeitig Überlegungen, aus dem permanent aggressiven Staat eine bäuerliche Ökonomie zu formen (Morgenthau-Plan). Aber dieser wurde schnell fallengelassen. In der hereinbrechenden Blockkonfrontation geschah dann das genaue Gegenteil. Während die DDR tatsächlich Reparationen leisten musste, wurde die BRD (wie andere westeuropäische Länder auch) mit Milliarden an Wirtschaftshilfe gerade durch die USA vollgestopft (Marshall-Plan). Diese Milliarden kamen der deutschen Wirtschaft zugute. Sie - und nicht die US-amerikanische - wurde zum Exportweltmeister. In Deutschland lief ein riesiges "Wirtschaftswunder" ab, dass binnen kürzester Zeit einen ungeheuren (wenn auch nicht gleich verteilten) Reichtum schuf, während die von Deutschland zerstörten Länder rundherum deutlich langsamer wieder auf die Beine kamen - wenn überhaupt.
- Deutschland war bis 2009 Exportweltmeister. Die Berechnung erfolgt auf Basis absoluter Zahlen, d.h. Deutschland hatte mehr Warenwert exportiert als jedes andere Land der Welt. Es ist dann von China überholt worden - nicht hingegen von anderen westlichen Ländern, auch nicht von den USA. Das ist bemerkenswert, denn gegenüber den USA, Russland oder China ist Deutschland ja ein sehr kleines Land. Obwohl es nur ein Fünfzehntel der Bevölkerung von China hat, produzierte es bis 2009 mehr Exportwaren als dieses viel größere Land - nicht pro Kopf, sondern absolut. Pro Kopf ist die Exportleistung der BRD immer noch viel höher als der genannten, größeren Nationen. Unter solchen Bedingungen zu behaupten, Deutschland blute aus, ist genau so absurd wie die Behauptung autoritärer (A)SozialpolitikerInnen, Deutschland müsse die Lohnkosten senken, weil es international nicht konkurrenzfähig sei. Hier werden Mythen gesponnen - aus erkennbaren Motiven.
Übrigens: In einer Tabelle der europäischen Staaten zum Zeitraum 2000 bis 2007 (Quelle: FR) nimmt Deutschland Platz 1 bei den Exporthöhen und Platz 3 bei den Unternehmensgewinnen, jedoch jeweils den schlechtesten Platz bei der Entwicklung von Löhnen und Gehältern, der Lohndiskriminierung von Frauen, der Langzeitarbeitslosigkeit, der Hochschulabschlussquote und dem Schulversagen ein. Zu behaupten, das sei Einfluss von außen, lenkt von einer klaren Schuldzuweisung für die asoziale Politik in diesem Lande ab. Das sagt etwas über den Zustand in Deutschland aus. Es sind die inneren Politiken gewollten Reichtumsgefälles, die Armut und Diskriminierung schaffen - nicht irgendwelche fremden Mächte!
Im Original: 2plus4-Vertrag ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Wikipedia zum 2plus4-Vertrag
Der Zwei-plus-Vier-Vertrag (vollständiger amtlicher Titel: Vertrag über die abschließende Regelung in bezug auf Deutschland) ist ein Staatsvertrag zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik Deutschland sowie Frankreich, den Vereinigten Staaten, dem Vereinigten Königreich und der Sowjetunion. Er machte den Weg für die Wiedervereinigung Deutschlands frei, wurde am 12. September 1990 in Moskau unterzeichnet und trat am 15. März 1991, dem Tag der Hinterlegung der letzten Ratifikationsurkunde, mit einer offiziellen Zeremonie in Kraft. ...
„Die Französische Republik, die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, das Vereinigte Königreich Großbritannien und Nordirland und die Vereinigten Staaten von Amerika beenden hiermit ihre Rechte und Verantwortlichkeiten in bezug auf Berlin und Deutschland als Ganzes. Als Ergebnis werden die entsprechenden, damit zusammenhängenden vierseitigen Vereinbarungen, Beschlüsse und Praktiken beendet und alle entsprechenden Einrichtungen der Vier Mächte aufgelöst.“ – Artikel 7 Abs. 1 Vertrag über die abschließende Regelung in bezug auf Deutschland
Unter dem Titel „Vertrag über die abschließende Regelung in bezug auf Deutschland“ verzichteten die Vier Mächte, die Hauptalliierten im Zweiten Weltkrieg, auf ihr Vorbehaltsrecht in Bezug auf Deutschland. Der Zwei-plus-Vier-Vertrag wurde erst 1991 durch alle Vertragsstaaten – zuletzt am 4. März 1991 durch den Obersten Sowjet der UdSSR – ratifiziert, wobei die Annahme des Vertrags bis zum Schluss hochumstritten und keineswegs gesichert war. Aufgrund dessen gaben die Vertreter Frankreichs, der Sowjetunion, des Vereinigten Königreichs und der Vereinigten Staaten am 1. Oktober 1990 (BGBl. II, S. 1331 f.) in New York eine Erklärung ab, nach der ihre „Rechte und Verantwortlichkeiten in bezug auf Berlin und Deutschland als Ganzes mit Wirkung vom Zeitpunkt der Vereinigung Deutschlands bis zum Inkrafttreten des Vertrags über die abschließende Regelung in bezug auf Deutschland ausgesetzt“ seien. ...
Der Vertrag – er wird auch als Souveränitätsvertrag bezeichnet – regelt in zehn Artikeln einvernehmlich die außenpolitischen Aspekte wie auch sicherheitspolitischen Bedingungen der deutschen Vereinigung und wird hinsichtlich seiner Wirkung als Friedensvertrag zwischen Deutschland und den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges behandelt, auch wenn – weil „praktisch gegenstandslos“ – er „ausdrücklich diese Bezeichnung nicht erhielt“ (s.u.) und selbst in den Potsdamer Beschlüssen stattdessen eine „friedensvertragliche Regelung“ vorgesehen war. Der Zwei-plus-Vier-Vertrag bildet damit „praktisch das außenpolitische Grundgesetz des vereinten Deutschland“. Durch die Übertragung noch bestandener alliierter Rechte wurden unter anderem die bis dahin gültigen Potsdamer Beschlüsse abgelöst. Das Ergebnis war die Wiederherstellung der deutschen Einheit und die Wiedererlangung der endgültigen „vollen Souveränität Deutschlands über seine inneren und äußeren Angelegenheiten“.
„[…] in dem Bewusstsein, daß ihre Völker seit 1945 miteinander in Frieden leben, […] eingedenk der Prinzipien der in Helsinki unterzeichneten Schlußakte der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, in Anerkennung, daß diese Prinzipien feste Grundlagen für den Aufbau einer gerechten und dauerhaften Friedensordnung in Europa geschaffen haben, […] in Anerkennung dessen, daß dadurch und mit der Vereinigung Deutschlands als einem demokratischen und friedlichen Staat die Rechte und Verantwortlichkeiten der Vier Mächte in bezug auf Berlin und Deutschland als Ganzes ihre Bedeutung verlieren, […]“ – Präambel des Vertrages über die abschließende Regelung in bezug auf Deutschland ...
Die Annahme des Zwei-plus-Vier-Vertrages war Voraussetzung der Vier Mächte zu deren Zustimmung zur deutschen vollständigen Souveränität, da ein Friedensvertrag nach dem Zweiten Weltkrieg nicht abgeschlossen wurde und auch seither „weder geplant ist noch Sinn machte“. Denn ein Friedensvertrag ist völkerrechtlich nicht die einzige Möglichkeit der Kriegsbeendigung. Diese kann auch durch einseitige Erklärungen, gestufte Teilregelungen oder schlicht durch faktische Wiederaufnahme der friedlichen Beziehungen erfolgen. Das bestehende Einverständnis findet sich im übertragenen Sinne in der Sprachregelung anstatt eines Friedensvertrages wieder; diese wurde auch getroffen, um „u. a. eventuell noch nicht erledigte[n] Reparationsforderungen einzelner Drittstaaten“ nicht nachkommen zu müssen.
Lexikoneintrag zu den 2plus4-Verträgen
Mit 2+4 Vertrag wird der am 12.9.1990 zwischen der DDR und der Bundesrepublik sowie Frankreich, USA, dem Vereinigten Königreich und der UdSSR geschlossene Staatsvertrag bezeichnet, der abschließend die Vereinigung mit der DDR und die Beziehungen zu den Besatzungsmächten regelt. Die offizielle Bezeichnung lautet "Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland".
Durch den 2+4 Vertrag erhielt Deutschland die volle Souveränität zurück und verzichtete dafür endgültig auf die Gebiete jenseits der Oder-Neiße-Linie, auf ABC-Waffen und die Führung eines Angriffskriegs. Durch diesen Vertrag wurden der Deutschlandvertrag und der Überleitungsvertrag größtenteils (siehe dazu unter Überleitungsvertrag) außer Kraft gesetzt.
Der 2+4-Vertrag schließt den 2. Weltkrieg endgültig ab und kann damit inhaltlich einem Friedensvertrag gleichgestellt werden.
Ähnlich sieht es mit der Behauptung aus, Deutschland hätte keine Verfassung, sondern nur ein Grundgesetz. In Letzterem steht, dass dieses nur solange gilt, bis sich das "Volk" eine Verfassung gäbe. Soweit stimmt das. Der politische Gehalt der ständigen Betonung des allgemein Bekannten wird aber nicht: Was ist der konkrete Unterschied zwischen den Begriffen? Wird Unterdrückung besser, wenn sie eine Verfassung im Rücken hat? Eine Rundmail am 7.2.2012 in Kreisen der WeltvereinfacherInnen suggeriert das: "Ich halte dies für ein primär wichtiges Ziel, weil alles andere (inkl. "unserer" CT-Problematik) von einem selbstbestimmten Staat und seiner Souveränität anderen Mächten gegenüber abhängt. Da bin ich mir so sicher, weil das Symptom, dass niemand auf meine Protestbriefe wahrheitsgemäß antwortet, ein Untertanensymptom ist, weil niemand antworten DARF!"
3. Von fehlenden Unterschriften bis zur Missachtung der tollen Gesetze
Damit nicht genug: Die VerschwörungstheoretikerInnen kommen bei ihrer fortwährenden Suche nach Beweisen für ihre Theorie, mit Deutschland sei etwas nicht in Ordnung, auf immer neue skurrile Gedanken. So wird behauptet, dass im Kaiserreich geschaffene Gesetze ein "wahres Meisterwerk" seien, aber leider die heutigen "Richter und Staatsanwälte mit Hilfe auch der Rechtsanwälte unsere erstklassigen Gesetze umgehen und aushebeln". Hier wird also das Recht als Quelle des Guten und seine Nichtanwendung als Ursache für das Böse betrachtet. Dabei geht es nicht nur um Einzelvorgänge, sondern auch um vermeintlich systematische Missachtung der geltenden Gesetze. Als Indiz hierfür und für einige andere Theorien (z.B. dass die RichterInnen formal gar nicht im Amt sind, weil die BRD oder wesentliche Gesetze gar nicht mehr existieren) wird immer wieder angeführt, dass Urteile und gerichtliche Beschlüsse nicht von den RichterInnen unterschrieben werden. Sie seien folglich auch nicht wirksam.
Die Frage, ob eine solche juristische Argumentation der Unwirksamkeit nicht unterschriebener Schriftstücke (wie Urteile) stichhaltig ist, ist erneut irrelevant. Der Grund ist der gleiche wie schon unter Punkt 1.: Ein Staat braucht keine Legitimation - und seine Handlungen und Handelnden daher auch nicht. Es kommt allein darauf an, ob er die Mittel hat, seine Rechtsetzungen durchzusetzen. Ob ein Urteil unterschrieben ist oder nicht, ist für die Frage, ob eine darin verhängte Freiheitsstrafe vollzogen wird oder nicht, völlig ohne Bedeutung. Denn Menschen einsperren kann, wer das Gewaltmonopol hat und einsetzt: Die Knarre, Handschellen, Überwachungskameras, Computer voller Daten und vergitterte Räume spielen die Hauptrolle, nicht die Unterschrift.
Stimmt also die Legende vom guten Recht und seiner schlechten Anwendung gar nicht?
- Der allmähliche Übergang von klerikaler oder kaiserlich-fürstlicher Willkürherrschaft zum modernen Rechtsstaat ist aus bestimmten Blickwinkeln ein Gewinn, z.B. an Vorhersehbarkeit staatlichen Handelns. Doch dass die Gesetze dem Schutz der Angeklagten dienen sollten und auch tatsächlich dienten, ist eine Legende. Diese dient dann wiederum als Grundlage, um dem heutigen Staat nachsagen zu können, er hätte Errungenschaften vernichtet. Tatsächlich aber zeigt die deutsche Geschichte, dass es immer ohne Probleme möglich war, Menschen zu unterdrücken, Recht zu beugen usw. Weder das Kaiserreich mit seiner Sozialistenverfolgung noch die Schreckensära der Nazis mussten die bestehenden Gesetze aufheben. Gesetze standen Willkür noch nie im Weg. Ob krasseste Diktatur, verträumte Monarchie oder Demokratie im Dauerwahlkampf - sie alles ähneln sich hinsichtlich der Existenz von Gesetzen und Gerichten.
- Dass es bei Recht und Unrecht nur auf die Frage der Durchsetzungsgewalt ankommt, erkannte schon Gustav Radbruch - immerhin einer der wichtigsten Rechtstheoretiker dieses Landes. Er sagte das so: "Die Rechtsordnung gilt, die sich faktisch Wirksamkeit zu schaffen vermag ... Wer Recht durchzusetzen vermag, beweist damit, daß er Recht zu setzen berufen ist." Oder anders gesagt: Recht und Faustrecht sind kein Gegensatz, sondern Recht ist eine Formalisierung des Faustrechts. So drückte es auch Georg Büchner in "Der Hessische Landbote" aus: "Das Gesetz ist das Eigentum einer unbedeutenden Klasse von Vornehmen und Gelehrten, die sich durch ihr eigenes Machtwerk die Herrschaft zuspricht." Da ist diese Formulierung doch schon richtig vertraut: "Recht bekommt, wer sich im Daseinskampf durchzusetzen versteht." Sie stammt nun allerdings aus einem 1939 verfassten Vorwort von Richard Donnevert zum Nazi-Propagandabuch "Wehrmacht und Partei". Es gilt also immer und zu allen Zeiten: Das Recht des Stärkeren und die Stärke des Rechts sind ein- und dasselbe. Gebrauch und Missbrauch von Recht, Gerechtigkeit und Willkür sowie schließlich Recht und Unrecht sind in der gesetzesbasierten Herrschaftsstruktur Staat Begriffe für das Gleiche. Alles andere ist Propaganda. Deren Enthüllung ist wichtig, aber es bedarf keiner Verschwörungstheorie, um zu begründen, warum Rechtsprechung immer Willkür ist. Das ist, herrschaftsanalytisch gedacht, nie anders zu erwarten gewesen.
4. Deutsche Geschichte - werde selbst deren Manipulator?
Geschichtsschreibung ist Herrschaft. Dieses Erkenntnis ist zwar nicht neu, aber wenig präsent. Wer definieren kann, was die Menschen als Vergangenheit an- und hinnehmen, kann darüber bestimmte Gegenwartspolitiken durchsetzen. Geschichte ist Diskurs. Es ist daher aus herrschaftskritischer Sicht sinnvoll und notwendig, die dominante Geschichtsschreibung in Frage zu stellen. Wenig Sinn macht es jedoch, die eine interessensgeleitete, d.h. durch Interpretation, Erfindung und Weglassen gesteuerte Geschichtswahrnehmung durch eine andere zu ersetzen, die selbst auch wiederum engstirnig eine vorgegebene Wahrheit oder Ideologie pseudo-argumentativ untermauern soll. Das aber ist in Verschwörungstheorien weit verbreitet und geschieht ganz offen. So wurde an mehreren Abenden auf den Vortragsrundreisen über deutsche Gentechnik-Seilschaften ("Monsanto auf Deutsch") von BesucherInnen, zum Teil aber sogar von den VeranstalterInnen im Auditorium oder später am Kneipen- bzw. Frühstückstisch in Zweifel gezogen, dass der zweite Weltkrieg durch Deutschland angezettelt oder Juden im Dritten Reich umgebracht wurden. Nähere Nachfragen konnte niemand nennen. Stattdessen wurde immer nur wiederholt, es hätte noch niemand beweisen können, dass ... Dann benannte mensch Fotos, Berichte und auch logische Fakten. Aber darauf folgt immer nur: "Haben Sie das selbst gesehen oder überprüft?" Natürlich nicht - und schon ist der nach einfachen Modellen suchende Kopf befriedigt.
Dabei soll hier nicht für die Anerkennung von Wahrheiten gestritten werden. Auch für die deutsche Geschichte gilt, dass Skeptizismus nichts als feststehend und unverrückbar anerkennt. Nichts ist nur deshalb, weil es schon immer so war. Aber aus dem skeptischen Blick folgt ja nicht das Gegenteil, sondern eben immer der analytische Blick auf das vorhandene Wissen. Die hinter Theorien, Informationen und Geschichtsschreibung stehenden Interessen werden kritisch beäugt, bei Bedarf argumentativ zerpflückt. Endgültige Klarheiten haben keinen Selbstwert - aber aus der ständigen Offenheit gegenüber neuen Erkenntnissen abzuleiten, dass alles nur erfunden ist, was nicht in den eigenen (ideologischen) Kram passt, wäre die gleiche Leichtgläubigkeit - nur umgekehrt.
Im Original: Wirrungen über Deutschland ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Beowulf von Prince u.a.: "Tue Deine Pflicht ..."
Nur ein einwandfreies Recht(s)system (Recht(s)staat) garantiert Wohlstand und Arbeit für alle ... (S. 7)
Unsere Vorfahren haben 1877 mit der Schaffung des Gerichtsverfassungsgesetzes, der Zivilprozess- und Strafprozessordnung ein wahres Meisterwerk hinterlassen. All diese Gesetze dientem im Grunde nur einem Zweck, nämlich Angeklagte nicht wie bisher in Geheimprozessen abzuurteilen, sondern sie vor Willkürurteilen zu schützen. ... Dieses Buch soll nun beschreiben, wie es möglich ist, dass Richter und Staatsanwälte mit Hilfe auch der Rechtsanwälte unsere erstklassigen Gesetze umgehen und aushebeln. ... Oder sind Sie dafür, dass in unserem Land wieder Ordnung und Wirtschaftswachstum einkehrt? (S. 14)
Die Richter in der BRD sprechen das Urteil "Im Namen des Volkes". Wieso steht hier nicht "Im Namen des Deutschen Volkes"??? Zur Zeit Hitlers gab es noch Urteile im Namen des Deutschen Volkes (...). Damals existierte auch noch eine Verfassung. (S. 115)
Die Regierung der BRD handelt nur in dem von den Siegermächten erlaubten Rahmen. ... (S. 53)
Deutschland hat keinen Friedensvertrag. Der Zusammenschluss BRD und DDR war nur der Zusammenschluss zweiter Besatzungskonstrukte zu einem Besatzungskonstrukt.
Schließlich haben die Besatzungsmächte die oberste Gewalt in ihren Händen. (S. 136)
Die Allierten haben bis heute sämtliche Rechte an Patenten aus der BRD. ...
Es kann nicht sein, dass wir ausgeplündert werden. ... Deshalb sollten die Alliierten Deutschland nicht ständig wie eine Kuh melken. (S. 138)
Die Vorenthaltung eines Friedensvertrages ist ein Betrug am Deutschen Volk. (S. 138)
Die ganzen Mythen über Deutschland lassen sich nicht nur im Detail wiederlegen. Sie verstellen vor allem den Blick auf die Mechanismen, die in modernen Herrschaftssystemen wie dem Staat, dem globalen Netz konkurrierender Nationen, einer kapitalistischen Wirtschaft und in den von patriarchalen, rassistischen und sonstig diskriminierenden Logiken durchzogenen Alltagsleben vorherrschen. Sie verursachen die Probleme, die von den VerschwörungstheoretikerInnen - oftmals gut begründet - angeprangert, für die aber dann manipulativ vereinfachte Erklärungen hergeleitet werden. Diese Vereinfachungen haben dann den Vorteil, schneller gedanklich erfassbar zu sein und sich zudem durch den nachfolgenden selektiven Blick auf Abläufe und Ursachen selbst zu bestätigen. Sie sind damit aber tatsächlich selbst zum Teil des Problems geworden. Denn sie lenken ab von einer scharfen, herrschaftskritischen Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse und vom notwendigen Ringen um Verbesserungen und neue gesellschaftliche Modelle sowie vom Kampf gegen die Verteidigung des Bestehenden. Verschwörungstheorien helfen den Institutionen, Organisationen und Mechanismen, die die Welt aktuell dominieren - weil sie ablenken und höchstens mal zufällig Teile der VerursacherInnen oder ein strukturelles Detail treffen, was mit deren Geschehnissen zusammenhängt. Blindes Huhn find' auch mal ein Korn", wird dann zur Bestätigung der Theorie umgedeutet - wie ein schlechtes Horoskop. Eine weitergehende Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse aber wird so nicht nur verschwiegen, sondern durch den vereinfachten Blick selbst vertuscht. Das ist im Sinne derer, die eigentlich kritisiert werden sollen, weil sie von den Verhältnisse profitieren bzw. diese die zur Zeit privilegiert steuern können.
Dabei haben die MythenerzählerInnen oft selbst bemerkenswerte Wertvorstellungen: "Ordnung und Wirtschaftswachstum". So jedenfalls wünschen es Beowulf von Prince & Co. im bereits genannten Buch.
ChemTrails und andere Vergiftungsaktionen
Unter dem Begriff werden ähnliche Phänomene mit unterschiedlichen Zielen gefasst. Die gemeinsame Story:
In die Abgase von Flugzeugen werden absichtlich Stoffe gemischt, damit ... ja, da sind sich die Verschwörungsfans nicht einig. Es gibt verschiedene Vorschläge, was der Sinn der ganzen Aktion sein soll.
Eine These ist,
dass dort Gifte enthalten sind, um die Weltbevölkerung zu reduzieren. Angeblich gäbe es Pläne, die Bevölkerung zu reduzieren, z.B. - wie eine Vortragende auf der Anti-Zensur-Konferenz in der Schweiz spekulierte - auf 500 Mio. Menschen.
Die Nummer mit den Giften in Flugzeugabgasen enthält dafür aber einige Seltsamkeiten - schon allein, weil die meisten Flugzeuge über Europa und Nordamerika herumfliegen. Sollen also vor allem NordamerikanerInnen und EuropäerInnen ausgelöscht werden? Wie retten sich die Verantwortlichen vor ihren eigenen Giften?
Die Sache mit solchen VerschwörungsTrails ist gefährlich, weil sie andere Informationen in den Hintergrund drängt:
- Es gibt tatsächlich Biopolitiken und auch Bevölkerungskontrollprogramme, die sich vor allem gegen Asien und Afrika wenden. Sie werden von denen entworfen, die die Spirale von Armut, Hunger und Abhängigkeit selbst am Laufen halten. Zudem sind sie geschickt verpackt z.B. als finanzielle Hilfen für Geburtenkontrolle, AIDS- oder Hungerhilfe. Das ist noch harmlos. Verdeckte Mittel wie für ganz andere Einsatzzwecke deklarierte Medikamente und notlindernde Nahrungsmittel enthalten Beimischungen in Form von Fruchtbarkeitshemmstoffen. Sie wurden zumindest entwickelt, möglicherweise sind sie auch schon im Umlauf.
- Zudem ist klar, dass in Flugzeugabgasen viel Gift enthalten ist und Fliegen deshalb auch ein Problem darstellt. Das Problem sind aber nicht die Beimischungen, sondern das Kerosin und die Flughäfen selbst.
Zu unterscheiden von den Theorien der Bevölkerungsvernichtung durch ChemTrails sind Informationen und Spekulationen über militärische oder Wettermanipulationen mittels chemischer Stoffe in der Atmosphäre. Fraglos ist das denkbar. Kapitalismus und Imperialismus neigen immer dazu, technische Möglichkeiten auch zur Steigerung von Macht und Profit auszunutzen. Wieweit solche Techniken tatsächlich entwickelt sind oder auch schon angewendet werden, ist allerdings wenig bekannt.
Israel
Immer wieder: Mensch spricht über irgendein Thema, kritische Worte zu offiziellen Politiken fallen - und plötzlich streut jemand irgendetwas ein, was mit Israel zu tun hat. Das passt gar nicht, aber es passiert trotzdem. Ob es der Geheimdienst Mossad (eine perfekte Figur für Verschwörungstheorien), Waffenlieferungen von Deutschland an den kleinen, aber hochgerüsteten Mittelmeerstaat oder die Besatzungspolitik auf palästinensischen Autonomiegebieten ist - irgendwie findet sich eine Verknüpfung zum jeweiligen Gespräch.
Ebenso ist es mit dem Verweis auf die Religionszugehörigkeit von Firmenchefs. Der "jüdische Konzern Monsanto" heißt es dann. Das ist nicht nur falsch, sondern auch seltsam. Bezeichnet irgend jemand BASF als "christlichen Konzern"? Offenbar interessiert die Religionszugehörigkeit vor allem, wenn die jüdisch ist oder dieses, was meist reicht, vermutet wird.
Es ist klar:
- Israel ist ein kapitalistischer und Rechtsstaat, also in einer Art und Weise autoritär und menschenfeindlich organisiert, wie das für alle solchen Staaten der Fall ist. Das schafft Konkurrenz nach außen und soziale Gefälle nach innen - wie überall.
- Israel ist hochgerüstet, was in der konkreten Lage, d.h. umzingelt (ursprünglich rundherum) von Staaten, die Israel vernichten wollten und wollen, mehr verständlich ist als bei vielen anderen Ländern (z.B. Deutschland)
- Die Gründung des Staates Israel hat zu Konflikten und Verdrängung von Menschen geführt, d.h. die Sicherung der vom eliminatorischen Antisemitismus verfolgten jüdischen Bevölkerung wurde auf dem Rücken auch von vielen Unbeteiligten und für die Judenverfolgung nicht verantwortlichen Personen ausgetragen. Es wäre "gerechter" gewesen, Teile der Holocaust-Nation Deutschland zu räumen, um den Staat Israel dort zu errichten. Doch es ist anderswo geschehen und damit zum Nachteil Anderer. Für Deutsche ist es deshalb angemessen, als Profiteure dieser Verlagerung sehr vorsichtig mit der Kritik an der vor Jahrzehnten entstandenen Lage zu sein.
- Da Israel ein auf Gewaltmonopol, Kapitalismus und Machtsicherung aufgebautes System ist (wie alle Industriestaaten und die meisten anderen Staaten auch), reagiert es auf Störungen, Bedrohungen und Instabilität autoritär.
Doch aus all dem folgt nur, dass Israel ein durch und durch normaler Staat ist, der wegen der außergewöhnlichen, außenpolitischen Bedrohungslage einem besonders ausgeprägten Militarismus frönt. Militär und strategische Überlegungen prägen das politischen Geschehen im Land mehr als in irgendeinem mitteleuropäischen Land, welches von jeder Bedrohungslage Tausende von Kilometern entfernt liegt.
11.9.2001
Nochmal zurück zum größten Fall des Verschwörungstaumels in der neueren Geschichte: Der 11. September 2001 (siehe im Text weiter vorne). Die Zahl von Theorien über das Geschehen und seine Ursachen ist hoch. Gegenseitig zerlegen sich die verschiedenen ProtagonistInnen in mitunter durchaus unterhaltsamen, auf jeden Fall aber auflagenstarken Büchern. Der Nachweis gelingt allen KritikerInnen sehr schnell, dass die regierungsamtlichen und polizeilichen Erklärungsversuche äußerst dürftig ausfallen. Es war und ist ein Leichtes, in ihnen Widersprüchlichkeiten und Lücken nachzuweisen. Doch Versagen, Manipulationen und interessengeleitete Diskurssteuerung sind nicht - wie in komplexen Herrschaftssystem ja nie - von einheitlichen Interessen angetrieben. Verschiedene Personen und Personenkreise handeln, fälschen und unterschlagen Informationen aus verschiedenen Motiven heraus. Die einen wollen Kriege legitimieren, andere eigenes Versagen vertuschen oder anderen die Verantwortung zuschieben, wieder andere Wahlkämpfe gewinnen oder Auflagenzahlen hochtreiben. Heraus kommt in jedem Fall immer eine Story als bunter Mix tatsächlicher, aber ausgewählter Erkenntnisse, Halb- und Unwahrheiten.
Davon leben die Verschwörungsaufdecker mit ihren Büchern, Filmen und Vorträgen. Doch bei ihren Versuchen, das Geschehen zu erklären, machen sie genau das Gleiche wie die von ihnen Kritisierten: Sie reihen Details aneinander und bauen daraus ein neues, ebenso widersprüchliches und vereinfachtes Bild. Einige von sehr vielen Behauptungen:
- Die Flugzeuge: Sie seien gar nicht in den Turm geflogen, sondern daran vorbei - oder seien komplett nur Simulationen gewesen. Stattdessen oder zusätzlich seien die Twin Towers gesprengt worden, das Pentagon wurde von einer selbst abgefeuerten Rakete getroffen und das vierte Flugzeug sei nie abgestürzt.
- Die Türme müssen gesprengt worden sein, sonst wären sie niemals so gerade eingestürzt. Dafür werden verschiedene Belege angeführt, z.B. Bilder von Rauchwölkchen in den unteren Geschossen usw.
- Verschiedene, in der Tat mysteriös wirkende Details über Fluchtautos oder Lücken in der Überwachung wiesen darauf hin, dass die ganze Aktion von offiziellen Stellen vorbereitet und durchgeführt oder wissentlich toleriert worden.
- Vermeintliche Handlungen vor dem 9.11.2001 wie Aktivitäten an den Börsen oder Betriebspausen bei bestimmten Firmen deuteten darauf hin, dass die Geschehnisse zentralen Kreisen vorher bekannt gewesen seien.
- Die hochgerüstete Luftabwehr der USA hätte völlig versagt - das könne kein Zufall sein. Insbesondere das Pentagon sei derart geschützt, dass ein Angriff nicht ohne Duldung der Verantwortlichen hätte erfolgreich sein können.
Um sich eine Vorstellung zu machen, wie wahrscheinlich solche Theorien einheitlicher Vorgehensweisen bei riesigen Operationen sind, denken wir uns einmal in die Lage hinein, wie sie wäre, wenn alles tatsächlich eine große Verschwörung US-amerikanischer Institutionen gewesen wäre. Dann müsste mensch annehmen, dass Tausende, wenn nicht Zehntausende Menschen mitgemacht und dichtgehalten haben - bis heute. Das ist in einer komplexen Gesellschaft bereits undenkbar, auch in den führenden Eliten. Denn auch dort treten ständig Dissonanzen zwischen Personen auf. Menschen entfremden sich voneinander, wirtschaftliche Kontakte zerbrechen, Beziehungen enden in wildem Streit, Gruppen rivalisieren um Deutungshoheiten. Das Ergebnis ist immer, dass Loyalitäten aufgekündigt werden. Es hätte längst irgendeine eingeweihte Person gegeben, die von ihrer Beteiligung und den wirklichen Abläufen berichtet hätte. Doch die gibt es nicht. Weil alle Flugzeuginsassen tatsächlich gestorben sind. Weil niemals so viele Bilder von Amateur- und Profikameras der einschlagenden Flugzeuge gefälscht werden können, ohne dass es irgendwo auffällt..
Dass dennoch vieles an der Geschichtsschreibung der Regierenden falsch sein dürfte, erklärt sich genauso aus den komplexen Herrschafts- und Interessenslagen der Gesellschaft. An der vermeintlichen Aufklärung sind Hunderte, wenn nicht Tausende beteiligt. Und alle entwickeln spätestens im Laufe ihrer Arbeit Vorlieben, entscheiden sich für Lieblingstheorien der Ursachen. Schon dadurch entsteht ein Interessenskampf, welche Sichtweise obsiegt. Hinzu kommen eigene Verstrickungen, die befreundeter Personen, Gruppen, Organisationen oder Firmen. Versagen bei Ermittlungen oder Schutzmaßnahmen soll gedeckt werden - vielleicht auch die eine oder andere aktive Mitwirkung oder Duldung. Mitunter lassen Polizei und Geheimdienste die von ihnen Beobachteten eine Zeit lang gewähren, um weitere Verbündete enttarnen zu können. Wenn in dieser Phase dann so etwas passiert, könnte sie an der Vertuschung ihrer Strategie interessiert sein. Dafür gibt es keine Anhaltspunkte, aber auch keine Gegenbeweise - es dient hier nur als ein Beispiel für viele, warum Informationen manipuliert und Abläufe vertuscht worden sein könnten. Daraus auf eine umfassende Verschwörung zu schließen, ist abenteuerlich. Zu glauben, es hätte keine Manipulationen gegeben, aber auch.
Es gab und gibt viele Interessen, die sich mit dem Geschehen und dessen Aufarbeitung verbinden.
Die umfallenden Großbauten und die vielen Toten sollten der modernen Leichenfledderei dienen: Für lukrative Geschäfte und autoritäre Politiken, für den Kampf der Kulturen und das ewig nervende Säbelrasseln der Religionen. Kaum jemand der vielen Beteiligten ist am Ende noch frei von irgendwelchen solchen Orientierungen, so dass auch die amtlichen Theorien wie alle anderen auch ein Konglomerat von Einseitigkeiten, Vereinfachungen und Manipulationen sind. Die Kritik daran ist folglich genau richtig. Das eigene Behaupten, es gäbe eine einheitliche Erzählung der Vorgänge, ist hingegen kein Stück besser.
Finanzkapital und Zinsknechtschaft
Bei anderen Argumentationsketten geht es mehr um vereinfachende Mechanismen, weniger um klare Personenkreise. Auch diese Theorien klingen erstmal irgendwie kritisch und plausibel. Beispiel Raubtierkapitalismus: Die Banken und Firmenbosse werden immer reicher. Mit ihrem Kapital kaufen sie Firmen, Firmenanteile oder Grundstücke und regieren schon auf diese Weise die Welt. Sie sind in vielen Aufsichtsräten vertreten und sogar mit Regierungsinstitutionen direkt personell verflochten. Von den Spekulationen an Börsen sind ganze Wirtschaftszweige und Nationen abhängig - ein Börsencrash oder Währungsverfall bedroht Volkswirtschaften und schließlich auch die Menschen in ihnen.
So entsteht die Erzählung vom bösen Teil des Wirtschaften - ehrlich schaffendes und unehrlich raffendes Kapitel, Finanzspekulation gegen Investition, "ein natürliches und ein tödliches" Wachstum (Humanwirtschaft Okt. 2002, S. 52), rheinischen gegen Manchesterkapitalismus, Zocker gegen ehrlichen Mittelstand, Casino- gegen "Zivilisierung des globalen Kapitalismus" (Felix Kolb von Attac in Junge Welt, 2.1.2002) und vieles mehr. Gut gegen böse.
Doch so plausibel das scheint und eine wunderbare Projektionsfläche für den ganzen Hass aus sozialem Elend und Ausbeutung bietet, es ist doch abwegig.
- Im heutigen Wirtschaftsgeschehen läuft überall ein permanenter Druck zur erneuten Verwertung aller Werte, zur Steigerung von Profit und zur Akkumulation wirtschaftlicher Machtmittel (Kapital, Boden, Patente ...). Konzerne, Banken und Regierungen führen das aus, aber sie sind nicht die Ursache. Spekulative Finanzaktionen unterscheiden sich in dieser zentralen Logik nicht von anderen Wirtschaftsarten.
- Die These, Spekulation bremse produktives Wirtschaften, ist durch nichts bewiesen und auch unwahrscheinlich. Geld ist prinzipiell in unendlichen Mengen verfügbar, weil es dort, wo genügend Rendite zu erwarten ist, auch eingesetzt, d.h. dorthin umgeleitet oder auch neu "gedruckt" wird (heute meist eher in bargeldloser Form).
- Außerdem ist die Grenzziehung überhaupt nicht klar: Was z.B. sind Immobiliengeschäfte, Geldanlagen in Produktionsmittel oder verzockte Ernten - Spekulation oder Produktion? Was ist, wenn Spekulationen mit Aktien, Devisen usw. der Finanzierung von Investitionen dienen? Werden sie dann plötzlich gut?
- Und: Wäre der Welt wirklich geholfen, wenn weniger in Devisen und mehr in Rüstung, Atomkraftwerke, Flughäfen und Palmölplantagen investiert würde?
Einige verkürzen ihre ökonomische Analyse weiter. Nicht einmal mehr das ohnehin künstlich abgegrenzte und herausgegriffene Finanzkapital sei das Problem, sondern nur noch kleinste Details des wirtschaftlichen Geschehens. Attac schimpft auf die Steueroasen, FreiwirtschaftlerInnen geißeln den Zins und behaupten, der Zwang zur Begleichung des Zinseszinses präge alles ökonomische Geschehen. Dadurch, dass alles oder der größte Teil des Wirtschaftens (ob nun Produktion, Häuslebauen oder Autokauf) über Kredite finanziert wird, stecke überall der Zins drin. In jeder Produktionsstufe werde ein neuer Kredit aufgenommen und so stecke in jedem Produkt hauptsächlich Zins. Der Mensch schufftet als für nichts als den Wucher. Doch das ist auch Unsinn:
- Wie schon geschildert, sucht Kapital immer den Ort der höchsten Rendite. Das gilt mit oder ohne Zins.
- Es gibt Volkswirtschaften auf der Welt, in denen der Zins, z.B. aufgrund religiöser Vorgaben, verboten ist. Der Unterschied im kapitalistischen Geschehen ist - erwartungsgemäß - kaum spürbar.
- Viele ZinskritikerInnen stellen ihre "natürliche Wirtschaftsordnung" als alternative Ökonomie dar. Der Begründer der Freiwirtschaftstheorie, Silvio Gesell, aber formulierte gegensätzlich und sehr deutlich, warum er den Zins abschaffen oder sogar in einen negativen Wert (also den Verfall von Guthaben) umkehren wollte: "Umsatz, Umsatz, Umsatz". Als Unternehmer hoffte er, dass dann alles Geld schneller ausgegeben und so die Wirtschaft angekurbelt würde.
- Die bedrückenden Berechnungen der FreiwirtschaftlerInnen, wieviel Zins in den Produkten steckt (siehe z.B. die Abbildung auf dem Bierdeckel), sind nichts als die Folge eines Rechenfehlers - der allerdings nicht versehentlich passiert. Denn die Annahme, dass jeder Schritt in der Produktion wieder über einen neuen Kredit finanziert werden müsse und sich somit die Zinsen der Beteiligten addieren, ist offensichtlich Unsinn. Denn wenn einer einen Kredit aufnimmt und die anderen damit bezahlen würde, bräuchten diese keinen eigenen Kredit. Also nimmt entweder ein Beteiligter den Kredit auf - dann aber die anderen nicht mehr. Oder jeder nimmt den Kredit für den hinzugefügten Produktionsschritt, also einen kleinen Teil am späteren Gesamtpreis, auf. Dann aber addieren sich die Zinsen nicht, sondern bleiben einmal als Prozentanteil im Preis.
Im Original: Zitate aus der Freiwirtschaft... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Thomas Seltmann, "Wirtschaftswachstum kontra Klima kontra Wachstum" in: Humanwirtschaft Okt. 2002 (S. 52)
... "Wirtschaftswachtum". Was ist das eigentlich? Dazu sollte als erstes geklärt weren, dass es zwei verschiedene Arten von Wachstum gibt: ein natürliches und ein tödliches. Natürliches Wachstum kennen wir von den Pflanzen, Tieren und Menschen: Als Kinder wachsen wir anfangs sehr schnell und dann immer langsamer, bis wir die "erwachsene" Größe erreicht haben. Bei Flora und Fauna ist es genau so: Es gibt keine Bäume, die in den Himmel wachsen, und es gibt keine Maikäfer, die so groß wie Schildkröten sind.
Anders das tödliche Wachstum. Zwei Stichworte sagen schon genug: Atombombe und Krebs.
Aus Helmut Creutz, "Befreit uns vom Kapitalismus!" in: CGW-Rundbrief Juni 2009 (S. 16)
Es geht also nicht um eine ,Rettung des Kapitalismus', sondern um dessen Unterordnung unter die Marktkräfte und damit um die Befreiung der Marktwirtschaft vom Kapitalismus!"
Aus Günter Hannich, "Der Marionettenstaat" Kopp-Verlag in Würzburg (S. 83 f.)
Ein zentraler Punkt der Effizienz war die Rollenverteilung der Geschlechter. Die ursprüngliche Rollenverteilung orientierte sich dabei zwangsläufig an den biologischen Gegebenheiten. Frauen sind körperlich weniger leistungsfähig und schwächer als der Mann. Da sie zudem die Kinder bekamen und in der Aufzucht der Kleinen auch begabter waren als die Männer, erhielten sie von selbst die Aufgabe, sich um das Wohl der Gemeinschaft zu kümmern, oder kurz: sich um das Steinzeitdorf im Innern zu sorgen. Aus dem gleichen Grund erhielten die Männer die Aufgaben, die ihrer biologischen Prägung am besten entsprach: Jagd und Verteidigung des eigenen Stammes - oder kurz: alles, was es außerhalb des Steinzeitdorfs zu erledigen gab. Da Männer besser strategisch und zukunftsorientiert planen können, während Frauen mehr soziale Netzwerke knüpfen und am Bestehenden festhalten, übemahmen Männer die Planungen außerhalb der Gemeinschaft, während Frauen sich um die sozialen Dinge innerhalb der Gemeinschaft kümmerten. Das alles hatte nichts mit »Unterdrückung« eines Geschlechtes oder damit zu tun, daß einer minderwertiger als der andere angesehen worden wäre. Es entsprach einfach der unter den widrigen Umständen bestmöglichen Organisationsform. ...
Durch diese Rollenverteilung hat sich auch über die Jahrhunderttausende die Denkweise der Geschlechter den Aufgaben angepaßt. Die Denkweise, von Mann und Frau unterscheiden sich dabei grundlegend. Wie sich mit der Computertomographie eindeutig nachweisen ließ, nutzen die unterschiedlichen Geschlechter völlig verschiedene Hirnbereiche bei ihren Aktionen. Die Resultate sind, daß Männer zu logisch-rationalem Denken neigen und Frauen von der Hirnstruktur eher emotional denken. ...
Unsere heutige emanzipierte und durch den Feminismus veränderte Welt ist eine reine »Schönwetter-Welt«, die überhaupt nur so lange existieren kann, solange die Verhältnisse einigermaßen stabil bleiben. In der Menschheitsgeschichte ist dies jedoch eine absolute Ausnahmeerscheinung, und angesichts der wirtschaftlichen und politischen Instabilitäten unseres Systems wird sich dies auch sehr bald wieder ändern. Der Feminismus hat also zu einer künstlichen, der natürlichen Entwicklung entgegengesetzten Rollenverteilung geführt. Wie wir weiter sehen werden, geht und ging es dabei auch weniger um eine gerechtere oder zweckmäßigere Aufgabenverteilung, sondern mehr um die Durchsetzung einer Ideologie. ...
Die klassische Aufspaltung der Gesellschaft besteht in der zwischen Unternehmer und Arbeitnehmer. Vergessen wird bei diesem Streit, daß sich beide nur um die Brotkrumen streiten und die eigentlich großen Summen als Zinsgewinn an die kreditgebende Bank gehen. Dabei würde sich in einem stabilen System alles durch Angebot und Nachfrage nahezu von selbst regeln. (S. 146)
Aus Günter Hannich, "Börsenkrach und Weltwirtschaftskrise" Kopp-Verlag in Würzburg (S. 67f.)
Jedes Lebewesen hat einen Selbsterhaltungstrieb, wovon sich der Eigennutz letztlich ableitet. In der Wirtschaft spielt dieser Trieb die Hauptmotivation: Sieht das Individuum keinen Lohn für seine Anstrengungen, so fehlt die Motivation zur Arbeit und die Leistung sinkt. Im Kapitalismus wird dem Leistungsprinzip durchaus Rechnung getragen, da der einzelne letztlich nur die Wahl hat, entweder im System maximale Leistung zu erbringen oder langfristig zugrundezugehen. Ganz anders ist dies im Staatssozialismus oder Kommunismus: Hier fehlt der Leistungsanreiz völlig, da jede Gewinnausschüttung normiert ist und ein tüchtiger Arbeiter nicht wesentlich mehr erhält als ein fauler. Das führt dazu, dass sich die Arbeitskraft am schwächsten oder faulsten orientiert.
Josef Hüwe über Silvio Gesell mit Zitaten aus dessen Buch "Die Natürliche Wirtschaftsordnung", 1949
"Die Auslese durch den freien, von keinerlei Vorrechten mehr gefälschten Wettstreit wird in der Natürlichen Wirtschaftsordnung vollständig von der persönlichen Arbeitsleistung geleitet, wird also zu einem Sichauswirken der Eigenschaften des einzelnen Menschen. Denn die Arbeit ist die einzige Waffe des gesitteten Menschen in seinem "Kampfe ums Dasein". Durch immer bessere, höhere Leistungen sucht sich der Mensch im Wettbewerb zu behaupten. Von diesen Leistungen hängt es allein ab, ob und wann er eine Familie gründen, wie er die Kinderpflege üben, die Fortpflanzung seiner Eigenschaften sichern kann."
Gesell meint, dass die wirtschaftlich Schwächeren wegen geringerer Einkommen weniger Kinder zeugen werden: "Entsprechend ihrer geringeren Leistungen stoßen sie bei der Familiengründung, bei der Kinderpflege auf größere Hemmungen, die sich in eine geringere Nachkommenschaft umsetzen müssen." Und es steht für ihn "außerhalb jeden Zweifels", dass der freie Wettbewerb den Tüchtigen begünstige und seine stärkere Fortpflanzung zur Folge habe.
- Extra-Seite zu Freiwirtschaft
Wie immer ist auch die Geschichtsschreibung Gegenstand der Ränkespiele um Dominanz, hier vor allem der Diskurse, also dessen, was so allgemein gedacht wird. Die MacherInnen verkürzter Wirtschaftskritik berufen sich geschickt auf vermeintlich gute, alte Zeiten, in denen die Regulierung der Finanzmärkte einen guten Kapitalismus geschaffen hätte: "Ursprünglich hatten die Finanzmärkte eine Service-Funktion für Produktion und Handel, also für die Realwirtschaft. Mit ihrer Liberalisierung und Deregulierung nach 1973 setzte ein historischer Umbruchprozess ein." Das sagte Peter Wahl, eine der zentralen Figuren von Attac in den Jahren der dominanten Stellung des Verbandes in politischen Bewegungen ("Eine Welt für alle" in: Publik Forum Dossier Mai 2007, S. 4 f.). Es klingt auf den ersten Blick für Viele plausibel, kann Empörung auslösen und mag sicher manch Medienaufmerksamkeit oder Spendeneingang für Attac gebracht haben. Doch was ist dran?
- Peter Wahl behauptet allen Ernstes, bis 1973 wären die Finanzmärkte und ihre ProtagonistInnen an der Organisierung und Finanzierung von Kriegen, Kolonialpolitik und Ausbeutung nicht beteiligt gewesen. Wer in die Geschichte der sogenannten "Entwicklungsländer" schaut, bemerkt schnell, dass deren Unterwerfung in den nach Wahls Behauptung noch guten Zeiten äußerst brutal und vor allem umfassend war. Imperialistische Eroberungskriege prägten die Tagesordnung der Weltpolitik - und das alles war finanziert aus den Quellen, die heute als "Finanzmarkt" gelten. Peter Wahl aber verschleierte ihre Rolle als "Service-Funktion".
- Wahl leitet aus dieser gerichteten Geschichtsschreibung dann seine Ideologie ab: Deregulierung führe zum Raubtierkapitalismus. Damit will er die Hoffnung wecken, erneut regulierende Nationalstaaten würden für ein gutes Wirtschaften sorgen. Woher diese Erwartung rührt, wird außer mit der schrägen Geschichtsinterpretation nirgends begründet. Das würde auch nicht gelingen, denn bisher war der Standortkonkurrenzkampf der Industrienationen ein Grund und Antrieb für Unterdrückung und Ausbeutung, nicht deren Gegenprogramm.
Von Bilderbergern, Rothschilds und Rockefellern - die nicht zufällig ausgewählten Feindbilder
Die größte Vereinfachung in der Erklärung aller Weltabläufe aber lautet noch anders: Zwei Familiendynastien würden die Welt regieren. Ihre Namen: Rothschild und Rockefeller. Sie sind gut ausgesucht, denn Antiamerikanismus und Darf-man-ja-heute-nicht-mehr-sagen-Antisemitismus feiern hier ihre fröhliche Zuspitzung oder Wiederauferstehung. Dabei soll nicht bestritten werden, dass die Patriarchen aus den benannten und anderen Clans sicherlich keine Wohltätigkeitsunternehmen sind. In der Sicht der VerschwörungstheoretikerInnen aber sind sie mehr als gut organisierte, rücksichtslose Abzocker im kapitalistischen Konkurrenzkampf mit langer Tradition. Es würde "eine Handvoll Schurken das Schicksal von Milliarden Menschen diktieren" (besser leben 27/2011 =Kent-Depesche). Sie hätten überall ihre Finger drin und würden sich auf geheimen Treffen die Welt aufteilen. "Ohne die Rockefellers gäbe es heute keine Gentechnik" (Quelle: wie oben). Doch solch versteckte Weltregierungen im Hintergrund haben in der komplexen Realität heutiger Gesellschaften keine Basis.
- 7 Milliarden Menschen lassen sich nicht von einer Stelle steuern. Das geht schon logistisch nicht. Außerdem sind die Sphären der Macht sichtbar von Konkurrenzen durchzogen, z.B. USA gegen Europa oder wahlweise gegen China, BASF gegen Monsanto, EADS gegen Boing, Microsoft gegen Google, Papst gegen Ajatollahs, Arm gegen Reich, Links gegen Rechts, Punk gegen Schlager, Linux gegen Windows, BMW gegen Rolls Royce usw.
- Moderne Herrschaftseliten arbeiten nach ganz anderen Prinzipien. Es sind Funktionseliten, die kein Zentrum haben, sondern gleiche Interessen bei gleichzeitigen Konkurrenzen. "Eine Hand wäscht die andere" ist ein durchgängiges Prinzip, so dass platte Korruption, Bestechung oder Erpressung, wie sie die Film- und Medienwelt zu Unterhaltungszwecken auf die Leinwände bringen, eher die Ausnahme, weil überflüssig sind.
Abgeschwächte Formen des Glaubens an die großen StrippenzieherInnen der Welt benennen nicht einzelne Personen oder Familien, sondern dubiose Netzwerke, die es überwiegend auch tatsächlich gibt, deren Einfluss aber überschätzt und deren interne Konkurrenzen unterschätzt werden. Ganz oben in der Rangliste benannter Personenkreise stehen, neben Illuminaten, Mafia oder Freimaurern, die "Bilderberger" - benannt nacht dem Bilderberger-Hotel, in dem die Treffen zu Beginn stattfanden. Doch an ihnen lässt sich gut zeigen, was auch für Konzerne, Institutionen und mehr gilt: Es sind abstrakte Runden, in denen die konkreten Personen wechseln. Kaum ein Konzern ist heute noch ein Familienunternehmen. Es sind juristische Personen, die trotzdem ihr eigener Zweck sind. Die AG, GmbH oder Genossenschaft selbst soll wachsen, größer und mächtiger werden - nicht die Menschen in ihnen, nicht die ManagerInnen und schon gar nicht die ArbeiterInnen. Das lebende Beiwerk ist austauschbar und ausbeutbar zu Gunsten des abstrakten Ganzen. Kapitel und Wirtschaft kennen keine Fürsten, sie sind selbst der entscheidende Antrieb des Geschehens. Alle Menschen sind letztlich ihre Sklaven, wenn auch mit deutlichen Unterschieden im sozialen Status innerhalb der Sklaverei und auf dem Konto.
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Aus besser leben 34/2007 (Kent-Depesche), S. 11 (auch hier so zu lesen)
Zu Monsanto gehören das französische Unternehmen Limagrain, Astra Zeneca (auch Pharmaproduzent) in Großbritannien und Schweden, Sakata in Japan sowie die deutsche KWS AG ...
Hinweis: Dass AstraZeneca, Limagrain oder KWS zu Monsanto gehören, ist frei erfunden. Die Agrarsparte von AstraZeneca wurde mit der entsprechenden von Novartis zu Syngenta verschmolzen - also ein europäischer Gentechnik-Gigant. Auch zu Sakata ließ sich kein Beleg finden, dass der japanische Saatguthersteller zu Monsanto gehört.
Aus besser leben 27/2011 (Kent-Depesche)
Es läuft alles darauf hinaus, die unabhängigen Länder und Völker der Erde zu unterwerfen, auszubeuten, zu versklaven und alle Energie, alles Geld und die gesamte Lebensmittelproduktion der Erde unter die Kontrolle der Supermächtigen zu bekommen. Das ist das Monopoly-Spiel.
Doch wer sind die Spieler? Waren die "Fabiane" in früheren Zeiten noch militärische Tyrannen, die sich als Gottkaiser auf Erden feiern ließen, wie ein Cäsar oder Napoleon, so heißen die Finanztyrannen heutiger Tage eben Rockefeller oder Soros. ...
Darf Demokratie bedeuten, dass zwei Wölfe und ein Schaf abstimmen, was es zu Mittag gibt? Dass eine Handvoll Schurken das Schicksal von Milliarden Menschen diktieren darf? ...
Doch wer sind diese Machtbesessene, die danach trachten, unser aller Schicksal zu beherrschen? Viel wurde darüber spekuliert - und beinahe egal, welche Insider-Berichte man auch studiert, landet man immer wieder bei derselben Handvoll amerikanischer Familien, die vor langer Zeit damit begannen, die Fäden eines dichten Netzes zu spinnen. Eines Netzes, das irgendwann keinem Land dieser Erde mehr Spielraum gewähren sollte, eigene Entscheidungen zu treffen, geschweige denn ein selbstbestimmtes Leben zu führen ... Eine Familie tat sich hier besonders hervor: Die Familie Rockefeller ...
Wenn Soros öffentlich schreibt, was als nächstes in Europa zu geschehen habe, offenbart er nicht etwa seine Meinung, sondern diktiert über das Medium der Financial Times seine Forderungen an seine Lakeien und Höflingen in den europäischen Regierungen ...
Pflegt etwas der Rockefeller-Clan mit Monsanto, dem berüchtigten multinationalen Gentechnikkonzern, eine Art Freundschaft? ...
Ohne die Rockefellers gäbe es heute keine Gentechnik.
Die Gedankengänge von WeltvereinfacherInnen und VerschwörungstheoretikerInnen enden immer wieder in einem Weltbild, in dem ein Zentrum alles lenkt. Eine solche Reduzierung komplexer Herrschaftssysteme auf einzelne StrippenzieherInnen hat in der Geschichte der Menschheit schon viel Schaden verursacht - allen voran der Antisemitismus mit seiner Extremform der Vernichtungsphantasien und -praxis. Sie kostete Millionen Menschen jüdischen Glaubens des Leben.
Die Absage an eine zentrale Steuerbarkeit der Welt bedeutet nicht, dass alle Menschen gleichberechtigt sind. Ob wirtschaftliche Macht, Einfluss auf Regierungshandeln oder die Steuerung von Diskursen - manche Menschen haben mehr Einfluss, andere weniger oder gar keinen. Doch die privilegierten Sphären sind nicht an feste Personen gebunden, sondern eher horizontale Netze. In sie kann jedermensch hineinkommen. Voraussetzung ist, die Verhaltensregeln und Codes zu akzeptieren und selbst anzuwenden, die die Funktionseliten zusammenhalten und zum dominierenden Netz der Vielen machen.
Mehr Beispiele für vereinfachte Welterklärungen und Verschwörungstheorien
- Text zur sogenannten Klimalüge aus Weltvereinfachungs-Kreisen
- Ökologie von rechts
An dieser Stelle enden die ausgewählten Beispiele. Sie stehen für viele weitere, hier ungenannte Geschichten und Theorien, die die Welt oder Teile dieser zu erklären vorgeben. Wer mehr lesen will, findet Bücher oder Internetseiten, zum Beispiel diese:
- Liste auf www.taz.de: Die 21 besten Verschwörungstheorien
- Weitere Liste
- Wikipedia
Weitere Arten vereinfachter Welterklärung
Der Glaube an höhere Mächte, externe Quellen, ein übermenschliches "Off"
Ableitungen aus Natur und Biologie
AkteurInnen
Es gibt eine Menge von Personen, Gruppen und vor allem AkteurInnen im Internet, mit Verlagen und Medien, die sich nicht nur der klassischen Welterklärungsvereinfachungen bedienen, die überall bestimmte politische Interessen stützen sollen, sondern die daraus ganze Theorien oder Zusammenschlüsse formen. Der Blick hinter die Kulissen offenbart aber mitunter kommerzielle, immer aber Rattenfängerziele: Hier sollen Menschen mit primitiven, aber emotional anrührenden Behauptungen gewonnen werden.
Im Original: Anti-Zensur-Koalition (AZK) ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Hinter der AZK steht die unangefochtene Führungsperson Ivo Sasek, dann seine (große!) Familie und eine größere Runde von UnterstützerInnen, die recht willenlos den religiös formulierten Wünschen des Heilslehrers folgen. Nicht erkennbar sind dabei umfangreiche Ausbeutungsideen. Doch Ivo Sasek und die von ihm initiierten Projekte OCG, Gemeinde-Lehrdienst sowie - dort mehr hintergründig - die von der Zielgruppe breitere AZK verfolgen fundamentalistisch-christliche Ziele. Die folgenden Zitate stammen aus Schriften von Ivo Sasek oder seiner Projekte.
Aggressiver Heterosexismus
Aus "Selbstlose Homosexualität", in: "Anstatt- oder Christus", S. 102f. ("sie" = Pfarrer)
Wieso stellen sie sich nun plötzlich hinter die homosexuelle "Liebe", die nachweisbar allem anderen als einem selbstlosen und enthaltsamen Wesen entspringt? Jahrtausendelang beschwoeren uns von Gott gesandte Propheten und lehrten uns wie auch die Pfarrer, dass jeder Ungehorsam gegen Gottes Wort (Bibel) zu unserem sicheren Schaden und Verderben ausschlagen würde. Sie führten uns Sonntag für Sonntag anhand der Bibel das Schicksal vergangener Generationen vor Augen und bewiesen uns unwiderruflich: Wo immer das Volk den Weisungen Gottes treu war, da war das Ergebnis Segen, Wohlstand, Friede, Lebensfülle. Wo immer es dagegen von den Geboten Gottes abwandte, da waren Fluch, wilde Tiere, Kriege, Krankheit, Hungersnöte. Und nun verkündigen der synodale Entscheid von Anfang Dezember und das momentane Suchen nach konkreten Formen zu dessen Umsetzung neue Praktiken, die, für jedermann nachlesbar, entgegen der Heiligen Schrift sind.
Aus "Schwule, Lesben und das ewige Gericht", in: "Anstatt- oder Christus", S. 115
Landesweit berichteten unsere Medien am 2. April in mehrheitlich ungehemmt zustimmendem Ton von den ersten vier gleichgeschlechtlichen Vermählungen in Amsterdem. Mit der Akzeptanz dieser vier kleinen "Ja" hat die Menscheit gleichzeitig vier grosse "Nein" besiegelt: 1. Das "Nein" zu jahrtausenden alten Warnungen der Heiligen Schrift! 2. Das "Nein" zu bewährten Erfahrungen unserer Vorfahren!! 3. Das "Nein" zum natürlichen Empfindungsvermögen! 4. Kurzum: Das "Nein" zu Gott!
Aus "Wie cool ist schwul?", in: "Anstatt- oder Christus", S. 120
Meine besorgte Schlussfolgerung: Wenn wir uns irren und die Bibel, wie Jesus es sagte, dennoch Gottes heiliges, zeitloses und vollkommenes Wort ist, dann wird das ungestrafte Tolerieren von Unzucht, Homosexualität, Sodomie und dergleichen unseren Völkern letztlich mehr Schaden zufügen als jede Form des so gefürchteten Terrorismus.
Pro Keuschheit
Aus "Gesetzlich einwandfreie Unmoral", in: "Anstatt- oder Christus", S. 110
Die Heilige Schrift dagegen darantiert dem sexuellen Suchverhalten die schlimmsten Folgen überhaupt. Wohl daher jedem Land, das die christlichen Werte i seiner Gesetzgebung mit eiserner Entschlossenheit bewahrt und umsetzt.
Aus "Mit 101 - das beste Pferd im Stall", in: "Anstatt- oder Christus", S. 124
Meine Prognose: Wenn wir unsere Lüste und Begierden weiterhin der Zügellosigkeit überlassen, wird uns der Himmwelt in Zucht nehmen - durch Schicksalsschläge jeder nur erdenklichen Art. Davor bewahre uns Gott!
Strafen, strafen, strafen!
Aus "Die Herkunft der Drogenstrafe", in: "Anstatt- oder Christus", S. 112f.
Seit je war die Strafverfhängung daher einzigeine natürliche Abwehrreaktion gegen zerstörerische Einflüsse in unserem Lande. So traten eines Tages z.B. die ersten Drogenfälle mit all ihren verheerenden Begleiterscheinungen auf. Wer immer damals noch klaren Sinnes war, konnte an einer Hand ausrechnen, wie lange es in etwa dauert, bis aus dem ersten "Drogenvirus" ein höllische Suchtepidemie erwachsen sein würde. Um also eine Suchtkatastrophe auf breiter Ebene zu verhindern, führten wir stattdessen die rechtzeitige Bestrafung des Einzelnen ein. Die eingeführten Strafen richteten sich somit nicht gegen Menschen und deren Freiheitsrechte, sondern unstreitig gegen hereinbrechende Mächte und Kräfte, die uns - himmelhoch überlegen - zerstören würden, wo immer wir denselben nicht bereits in den ersten Ansätzen erfolgreich wehrten. Wie die Frucht im Nachhinein zeigt, waren die Strafmassnahmen aber wesentlich zu milde!
Gegen Abtreibung
Aus "Wenn Recht zu Unrecht und Unrecht zu Recht wird", in: "Anstatt- oder Christus", S. 116f.
Bei all dem überhandnehmenden Unrecht sei darauf hingewiesen, dass selbst Jesus Christus und seine Apostel die Abtreibung öffentlich "Kindermord" nannten ... Abtreiben ist keine Privatsache, weil Blutschuld das ganze Land unter einem Fluch bringt!
Unbedingter Gehorsam einfordert
Auszug aus einem Schreiben zur AZK
Organische Christus-Generation - Ivo Saseks fundamentalistisch-religiöse Gruppe
Ivo Sasek auf der Visualisierungskonferenz über die OCG: "höhere Klasse" und "OCG ist das Göttliche". Zu den anderen: Ihr seid "Natur".
Einfache, antisemitische Welterklärungen
Aus "Stimme und Gegenstimme" (Redaktion: Ivo Sasek) Nr. 4
Während eines Fernsehauftritts bei Mega-TV sprach der Metropolit von Piräus im griechischen Fernsehen markante Worte. Er nennt jüdische Familien wie Rockefeller, Rothschild und Soros, die das internationale Bankensystem kontrollieren. ... In seiner Ansprache stelle er die Ziele des internationalen Zionismus heraus und beschuldigte sie des Planes der Versklavung Griechenlands und des orthodoxen Christentums. Als weitere Ziele des internationalen Zionismus nennte er die Zerstörung der Familien durch Förderung der Alleinerziehung, Homo-Ehen usw.
- Die gesammelten Rundschreiben "Anti-Zensur-Zeitung" und "Stimme und Gegenstimme Nr. 1-5" (Nr. 6-9 ++ Nr. 9-11) zum Mit- und Nachlesen
- Jammern über schlechte Bewertungen im Internet (aus einer in der Tat dubiosen Ecke)
- Ivo Sasek ist Gründer der fundamental-christlichen Gemeinschaft OCG: Mehr auf der Homepage von Ivo Sasek ++ Wikipedia ++ Bericht eines Aussteigers ++ Kritik auf EsoWatch ++ OCG-Jugend ++ Familienkult Sasek ++ Bekenntnisse von Menschen aus und um die OCG
Anfällig sind viele Occupy-Aktive für einfache Welterklärungen. Das ist aus der geringen theoretischen Tiefe leicht zu erklären. Occupy ist quasi der aktivistische und teilweise Jugendpart des EmpörungsbürgerInnentums: Aufregen über die oberflächlichen Skandale der Welt, wenig gesellschaftliche Theorie und Analyse, Reinfallen auf die zentralen Diskurse. So fand sich im Frühjahr 2012 schnell in Occupy-Veröffentlichungen (z.B. Human Mic Febr. 2012 aus Hamburg) der Verdacht, Bundespräsident Wulff könnte wegen einer EU-kritischen Rede abgesägt worden sein. Überall auf den Camps liegen Flyer mit klassischen Verschwörungstheorien herum. Etliche Aktive wähnen sich im Kampf für das Gute - in ihren Augen Rechtsstaat und Demokratie.
Vermeintliche und tatsächliche Defizite: Aufgezeigt und missinterpretiert
Einfache Erklärungen des Schlechten (Bösen?) in der Welt benennen oft gesellschaftliche Defizite, die auch aus emanzipatorischer Perspektive kritisierbar wären. Das gilt auch für ihre weitererzählten Geschwister, die Verschwörungstheorien. Ihr Fehler liegt regelmäßig nicht in der Benennung dieser Mangelsituation, sondern in pauschalisierenen oder frei erfundenen Verknüpfungen von Ursachen und Wirkungen bzw. der Überbetonung von Einzelaspekten zur Hauptursache.
Wo kommt das Denken in Vereinfachungen und Populismen her?
Einfache Welterklärungen oder gar Verschwörungstheorien sind dabei gar nichts Besonderes. Sie sind nur Zuspitzungen der auch sonst üblichen Art, politische Kontexte zu benennen, gesellschaftliches Geschehen darzustellen und Erzählungen zu verbreiten. Dieses Alltägliche, welches in den Verschwörungstheorien zur vollen Blüte kommt , ist das eigentlich Erschreckende. Überall werden die Köpfe der Menschen weich gemacht durch Ängste, Erinnerungen und Hoffnungen, mit deren Hilfe sich dann Interessen und Politiken durchsetzen lassen. Schaufensterreden in der Politik, Berichte in den Medien und Positionen von Parteien, LobbyistInnen, Konzernen und NGOs wimmeln nur so von Populismen und anderen Formen der Vereinfachung. Auch im Bereich der Unterhaltungskunst ist Vereinfachung und Pauschalisierung eher der Alltag denn die Ausnahme. Meist wird dort einem benannten Problem nur eine Ursache zugeordnet - und dann eine scheinbar passende Lösung angeboten. Abläufe werden vereinfacht und standardisiert, Klischees und Denkschubladen füllen Texte und Reden.
Spielfilme und Bücher mit ihren Erzählungen sind ein guter Spiegel dieser Tendenz zur Vereinfachung und Bildung grober Raster. Europa und USA, Männer und Frauen, Arbeiterklasse und Kapitalisten (meist noch so antiquiert, dass die rein männliche Bezeichnung belassen wird), Bayern München und Borussia Dortmund, raffendes und schaffendes Kapital (oder verschleiernd: Finanzkapital und Mittelstand), Deutschland und China, Deutsche und AusländerInnen, wir und die - ohne Analyse der Vielfalt werden Schubladen eröffnet und auf deren Basis die Welt interpretiert.
Auf dem Humus solcher Vereinfachung gesellschaftlicher Komplexität können monokausale Welterklärungen und ihre Extremform, die Verschwörungstheorien, wunderbar gedeihen. Selbst wenn nicht alle Menschen dem Gesamtbild folgen, dass z.B. Finanzkapital, USA, Monsanto oder die Bilderberger alleine schuld sein sollen. Aber die Bilder setzen sich doch fest. Kaum jemand bemerkt noch, dass schon die Schubladen nicht passen - und zwar von Anfang an. Denn alle Genannten sind keine einheitlichen Gebilde. Sie unterliegen mehr oder weniger ausgeprägten internen Konkurrenzkämpfen, Veränderungen und Abhängigkeiten in den Geflechten der Macht. Sie sind Teil eines komplexen Ganzen, in dem sich viele Zentren und Peripherien gegenseitig beeinflussen, unterstützen oder bekämpfen - mit fließenden Übergängen. Dabei sind alle oder fast alle von dominanten Wirkungsmechanismen erfasst und getrieben. Dazu gehört der Zwang zu Profit und Verwertung im Kapitalismus, der Sicherung von Macht und Privilegien innerhalb von Hierarchien sowie der Steuerung von Diskursen als wichtigstes Einflussmittel in Medien- und Wissensgesellschaften. Doch solches komplex zu analysieren, erreicht die Masse der Menschen mit ihrer Abneigung, intensiv zu leben und zu denken, nicht mehr. Selbst moderne Bewegungsagenturen wie Campact, die ja Bildungsoberschichten erreichen wollen (mit ihren Spendenaufrufen), werben dafür, bei ihnen "schon mit ein paar Minuten Zeit in der Woche" (Internetseiten von Campact, Stand: 1.7.2010) Politik zu machen. Da passen dann nur simple Erklärungsmodelle des politischen Geschehens hinein.
Wer Aufmerksamkeit will, neigt zu Vereinfachung. Wiederholungen fördern dann die einmal begonnene, einseitige Wahrnehmung. Werden dann über lange Zeit Vereinfachungen und Schubladendenken in die öffentlichen Debatten gestreut, gelingt es, nicht nur die vereinfachten Erklärungen und Schubladen unhinterfragt als gegeben in die Köpfe zu bringen, sondern den ständig benannten, aber künstlichen Einheiten auch noch Eigenschaften zuzuschreiben. So funktionierte der früher allgemein als wahr akzeptierte und auch heute immer noch nicht überwundene Rassismus. Zunächst wurden die Rassen gebildet. Dabei war die Einteilung nach Hautfarbe bei näherer Betrachtung völlig willkürlich. Es hätten auch - mit genauso viel bzw. eher genauso wenig Berechtigung - Nasenform, Haarfarbe oder Pimmellänge zur Einteilung herangezogen werden können. Dann ordnete mensch diesen Kategorien bestimmte Eigenschaften zu. So sollten Weiße intellektueller, Schwarze sportlicher usw. sein. Ganz ähnlich funktioniert der Antisemitismus. Zuerst wird eine einheitliche Gruppe ("die" Juden) gebildet. Dann werden dieser einheitliche Wesensmerkmale hinzugedichtet wie Geldgier oder Unaufrichtigkeit. Falsch war immer schon die Einteilung. Denn alle Kategorien, in die Menschen eingeteilt werden, sind höchstens einen Einzelaspekt beschreibende Hilfsmittel. Wer z.B. sagt, dass sounsoviele Menschen hungern oder X-Tausend AnhängerInnen eines bestimmten Popstars sind, so sagt das ansonsten über Ähnlichkeiten oder Unterschiede zwischen diesen Menschen genau nichts aus. Jede aus dem einen Aspekt (der oft schon unscharf ist) hinausgehende Vereinheitlichung hätte bei näherem Hinsehen keinerlei Entsprechung in der Realität. Vielmehr herrscht innerhalb aller Menschengruppen eine hohe Vielfalt unterschiedlicher Individuen. Doch leider sind pauschalisierende Einteilungen weit verbreitet und immer gefährlich, dienen sie doch als Grundlage für Pauschalisierungen und Populismen.
Das Vereinfachen betrifft nicht nur vermeintliche Kategorien, also die Struktur der Gesellschaft. Auch inhaltlich lassen sich Diskurse anstossen und steuern. Angst und Empörung sind Waffen, die in der Normalität und, dann zugespitzt, in Verschwörungstheorien auftreten. Wer z.B. ständig über Übernahmen deutscher Firmen durch US-Konzerne skandalisierend berichtet und das Umgekehrte weglässt, wird im Laufe der Zeit den Eindruck erwecken, dass die KonzernchefInnen von der anderen Seite des Atlantiks schlimmer sind als der sanfte europäische Kapitalismus. So ließen sich endlos viele Beispiele nennen. Jede Form von Diskurssteuerung ist möglich, auch wenn nicht jede gleich gelingt, wie die trotz ständiger Wiederholung erfolglose Märchenerzählung vom steigenden Hunger wegen dem Ausbleiben der Gentechnik zeigt.
Ein beeindruckendes Beispiel von Diskurssteuerung sind immer die Gehirnwäschen im Zusammenhang mit Kriegen. Was die Nazis mit dem Sender Gleiwitz versuchten, machen heutzutage externe ExpertInnen. Hochkarätige Werbeagenturen werden bezahlt, um die Gründe für Angriffe oder, wie es heute heißt, "humanitäre Intervention" zu erfinden. Beeindruckend war ebenfalls die Berichterstattung über die vermeintlichen "Aufstände" in arabischen Ländern ab Anfang 2011. Jede Handlung wurde als Revolte ausgelegt, egal ob politische Aktion oder platte Gewalt. In einer bemerkenswerten Dreistigkeit griffen NATO-Truppen beliebige Länder an - immer im Auftrag ihrer Humanität. Als es im Sommer 2011 dann in London zu Revolten kam, waren das asoziale Gangs, Kriminelle usw. Wären die gleichen Leute und gleichen Handlungen im Jemen gewesen, wäre es eine Befreiungsbewegung gewesen.
Ein weiteres beeindruckendes Beispiel ist die Sache mit der gefühlten Kriminalität - einer der perfektesten Diskurse unserer Zeit. Von Tageszeitung über Kriminalromane und Tatort bis zur gehirnwaschenden Frontsendung "Aktenzeichen XY" finden Verbrechen zwischen Fremden, in dunklen Ecken und hinterhältig statt. Das produziert Angst und dient wie die gezielt geschürte Fehlinformation, die Kriminalität wachse ständig, als Grundlage für bestimmte Innenpolitiken. Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus: Gewalt und Verbrechen finden überwiegend zwischen Menschen statt, die sich kennen - bei der brutalen Gewalt (Mord, Totschlag, Vergewaltigung usw.) steigt der Anteil auf fast 100 Prozent. Tatorte sind nicht Waldränder, dunkle Straßen oder leere Landschaften, sondern der Alltag, also Ehe oder Beziehungen, Familien, Geschäftskontakte, Partys, Klient-/Patientenbeziehungen, katholische Heime - mitten im Leben also. Um solche Gewalt zu verhindern, bedarf es keiner Aufrüstung der Polizei und auch keiner neuen Kameras auf Marktplätzen. Die nützen sowieso nicht - wenn, dann müssten sie ja auch eher in Wohnzimmern oder Arztpraxen hängen. Wichtiger wäre eine kommunikativere Gesellschaft, eine Entanonymisierung des Lebens. Was heute geschieht, dient dem Machtausbau des Staates. Die falschen Bilder werden als Legitimation gestreut. Erfolgreich. Denn Denken und Wahrnehmen lassen sich in der Welt, in der skeptisch-analytisches Denken als anstrengend empfunden und meist gelassen wird, beliebig ausrichten. Der genannten Techniken bedienen sich Verschwörungstheorien auch. Sie erzeugen gezielt Bilder, die zur gefühlten Umwelt werden - zum Bestandteil des Normalen im eigenen Leben. Von daher sind sie strukturell nicht das Gegenprogramm zur herrschenden Welt, sondern ein Teil der großen Gedankenverarschung - einer wegen Denkfaulheit aber weiterhin "selbstverschuldeten Unmündigkeit", aus der auch weiterhin nur als Ausweg bleibt, sich des "eigenen" Verstandes zu bedienen.
Kritiken und Forderungen aus politischer Bewegung: Oft auch vereinfacht bis populistisch
Die Grenzen zwischen Verschwörungstheorien und allgemein verbreitetem Denken verschwimmen auch deshalb, weil es viele, darunter einige bedeutende NGOs gibt, die an solchen Vereinfachungen mitbasteln. Dazu gehören die KritikerInnen des spekulativen bzw. Finanzkapital. Der größte von ihnen heißt Attac. Gebetsmühlenhaft wird dort (zum Glück nicht von allen) das überbordende Finanzkapital als Ursache von Wirtschaftsproblemen gegeißelt und deren Regulierung gefordert. Mini-Reförmchen wie die Finanztransaktionssteuer (Tobin Tax) oder die Schließung von Steueroasen (Regionen oder Staaten mit Niedrigsteuersätzen) sollen die eigentlich gute, kapitalistische Welt retten. Doch die Zweiteilung in Finanzkapital und Investionen hinkt - wie oben bereits gezeigt.
Kapital sucht immer den Ort der größten Rendite. Es lässt sich steuern, wohin es fließt, aber das eigentliche Problem, der Drang nach maximalem Profit und maximaler Rendite, bleibt. Die werden durch die Ausbeutung von Mensch, Rohstoffen und Natur erzielt. Der Profit steigt, wenn sie möglichst billig erfolgt oder ausgedehnt werden kann. Das ist keine Besonderheit des Finanzkapitals, sondern des kapitalistischen Wirtschaftens insgesamt. Wer das ändern will, muss für eine andere Ökonomie kämpfen und nicht für eine Verlagerung innerhalb der Schreckens ständiger Verwertung. Davon begreifen Leute wie Sven Giegold (Mitbegründer und für lange Zeit deren wichtigstes Aushängeschild) nichts. Sie träumen, es "würden schon die Verwirklichung von Forderungen wie Schuldenstreichung oder eine Steuer auf Devisenspekulationen reichen, um die extremsten Formen von Armut zu beseitigen. Für mich wäre das eine andere Welt." (Interview in der Zeitschrift "Neon"). FreiwirtschaftlerInnen beschränken ihre Forderungen auf die Abschaffung des Zins und wollen damit sogar die echte Marktwirtschaft stärken. Andere benennen andere Einzelursachen - und können damit durchaus AnhängerInnen finden in einer Gesellschaft, die nach einfachen Erklärungen lechzt, weil ihr das eigenständige Denken längst zu anstrengend geworden ist. Eine der Gründergruppen von Attac hatte das am 17.5.2000 sogar strategisch vorgedacht: "Eine tiefergehende Kritik der Dominanz des Ökonomischen ist zwar auch unser Thema, soll aber nicht Teil unserer Kampagnenarbeit werden", weil mit komplexen Analysen keine UnterstützerInnen gewonnen werden könnten.
Im Original: Raffendes und schaffendes Kapital ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Ann Pettifor, "Schulden" in: Christine Buchholz u.a., 2002, "Handbuch für Globalisierungskritiker", KiWi in Köln (S. 125)
Wir leben heute in einem globalen Wirtschaftssystem, das wieder, wie schon in den 20er Jahren, vom internationalen Finanzkapital beherrscht wird.
Aus Susan George, "Die Globalisierung der Konzerne" in: Christine Buchholz u.a., 2002, "Handbuch für Globalisierungskritiker", KiWi in Köln (S. 50)
Wir leben in einer Zeit der von Unternehmen geführten, von Konzernen diktierten Globalisierung.
Aus Susan George, "Die Globalisierung der Konzerne" in: Christine Buchholz u.a., 2002, "Handbuch für Globalisierungskritiker", KiWi in Köln (S. 58)
Täglich werden allein auf den Devisenmärkten 1,5 Billionen US-$ umgesetzt und ein großer Teil davon ist rein spekulativ und hat mit der realen Wirtschaft nichts zu tun.
Aus Attac-Manifest 2002 "Mit ATTAC die Zukunft zurückerobern"
Frankreich und Europa haben wie alle OECD-Staaten das große Problem der Arbeitslosigkeit, das verschiedene Ausprägungen annimmt. Die Wurzel des Übels liegt in der zunehmenden Ausrichtung der Wirtschaft auf die Finanzmärkte. Das führt zu einem verhängnisvollen Teufelskreis: die spekulativen Blasen an den Finanzmärkten profitieren zwar von Produktivitätszuwächsen, die Gewinne daraus werden aber nicht an die Arbeitnehmer weitergegeben.
Aus dem Selbstdarstellungstext von Share am 17.5.2000)
Entscheidend sind dabei wichtige BündnispartnerInnen. Dazu gehören neben Umwelt- und Sozialverbänden besonders Gewerkschaften und kirchliche Gruppen. Um diese Unterstützung gewinnen zu können, müssen wir unsere Forderungen auf möglichst klare, erreichbare Ziele beschränken. Eine tiefergehende Kritik der Dominanz des Ökonomischen ist zwar auch unser Thema, soll aber nicht Teil unserer Kampagnenarbeit werden.
Aus dem Memorandum "Wege zu einer Alternativen Weltwirtschaftsordnung (AWWO)", Positionen in Attac Deutschland (Dritter Entwurf, September 2004)
Angesichts der Tatsache, dass nicht Geld, sondern Menschen arbeiten, ist ein Ziel von Attac, alle Instrumente zu verwirklichen, welche Renditeerwartungen von spekulativen Geschäften schwächen.
Eine weitere Zitate aus dem bisher einzigen inhaltlichen Beitrag auf der Internetseite von SHARE:
"Die täglichen Devisenumsätze auf den Weltkapitalmärkten sind von ca. 80 Mrd. US-Dollar im Jahr 1980 auf rund 1,5 Billionen US-Dollar pro Börsentag angewachsen. Rund 97% dieses Betrags dienen nicht mehr produktiven, sondern rein spekulativen Zwecken, und haben sich damit weitgehend von ihrer primären Funktion - der Finanzierung von Investitionen und Handel mit Waren und Dienstleistungen - entfernt. ...
Internationale Finanzmärkte müssen wieder ihrer primären Funktion, der Finanzierung von Investitionen und Handel, zugeführt und angemessen besteuert werden, um eine weltweit sozial gerechte und nachhaltige Entwicklung zu ermöglichen. Diese Ziele können nur durch eine stärkere politische Regulierung erreicht werden.
- Mehr Zitate auf der Seite zu Attac-Inhalten
Die Überbetonung der Finanzmärkte und die Behauptung, diese seien strukturell von anderen Wirtschaftsbereichen zu trennen, führt zu zahlreichen Andockpunkten antiemanzipatorischer Ideologien an die Positionen von NGOs, Initiativen und "linken" Parteien. Das stärkt Gemeinsamkeiten und solche Projekte, die manipulativ und vereinfachend argumentieren oder schlicht menschenfeindliche Ziele verfolgen.
Weit verbreitet ist zudem ein offener oder unterschwelliger Antiamerikanismus. Meist drückt er sich nur in der Überbetonung von US-amerikanischen Firmen und Politiken aus. Es kommt aber auch zu grundlegenden Kritiken über die vermeintliche Überflutung Europas mit USA-Kultur und -Waren. Einseitig werden z.B. die in den USA tatsächlich eher schwache Regulierung von Finanzbranchen oder Militär gerügt oder auf das dort stärker auf Firmeninteressen ausgerichtete Patentrecht hingewiesen. Solche Kritik ist berechtigt, aber sie benennt nur Nuancen zwischen den verschiedenen kapitalistischen Staaten und keine einheitliche Tendenz. Denn an anderer Stelle sind die USA wesentlich verbraucherInnenfreundlicher als die meisten Länder Europas und gerade Deutschland - z.B. im Haftungsrecht. Gleiches gilt für das Akteneinsichtsrecht, welches hierzulande erst sehr spät und nur auf erheblichen Druck der EU eingeführt wurde. Es muss auch heute noch regelmäßig über Gerichtsentscheide erkämpft werden, weil Regierungen und Behörden es widerrechtlich verweigern. Das wäre allerhand Stoff für antieuropäische Verschwörungstheorien, made in USA.
Es wäre passender, die kapitalistischen oder schlicht alle Staaten zu kritisieren statt die USA herauszupicken. Es gibt Bereiche, in denen die USA deutlicher zu kritisieren sind als z.B. Deutschland - etwa bei aktuellen Kriegsstrategien, die Deutschland aufgrund seiner relativen militärischen Schwäche so nicht verfolgen kann. Andererseits ist Deutschland bei der Polizeiausbildung und oftmals in wirtschaftlicher Unterwerfung prägender. Wer über den Umgang von GM mit Opel lamentiert, vertuscht damit die handstreichartige Übernahme von Chrysler durch Daimler und so manche andere US-Firmeneroberung durch deutsche Konzerne. Wer bei der Gentechnikkritik immer nur an Monsanto denkt, nur Monsantofelder öffentlich kritisiert (wie es Greenpeace auf seiner Genmaiskarte jahrelang machte) oder nur Monsantoprodukte im Fokus hat (wie z.B. BUND- oder Nabu-Bundesverband), schafft Firmen wie Bayer, BASF, KWS oder Syngenta Platz und den deutschen Gentechnikfeldern Ruhezonen.
Im Original: Böse USA, gutes Europa ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Gerhard Schröder, zitiert nach "T-34" August 2002 (S. 9)
Mit mir ist eine Amerikanisierung der deutschen Gesellschaft nicht zu machen ... Nur Europa steht für den wirtschaftlichen, den sozialen, den kulturellen und den ökologischen Ausgleich.
Aus Bernd Hamm, „Hausaufgaben gemacht?“ in: Politische Ökologie Mai/Juni 2002 (S. 39)
Wenn es gelänge, im IWF eine eigenständige europäische Position, eine an nachhaltiger Entwicklung orientierte, durchzusetzen, dann wäre wahrscheinlich mehr für diesen geplagten Planeten zu erreichen.
Aus einem Interview mit dem Theaterregisseur Zadek im Spiegel:
Zadek: Der Irak-Krieg ist noch lange nicht zu Ende. Er hat gerade erst begonnen. Für Amerika wird er ein neues Vietnam werden. Ich stimme meinem alten Freund Harold Pinter zu, dessen Antikriegsgedichte "War" Elisabeth Plessen und ich gerade übersetzt haben - erscheinen übrigens demnächst. Pinter sagt, die Amerikaner seien heute mit den Nazis zu vergleichen. Der Unterschied besteht darin, dass die Nazis vorhatten, Europa zu besiegen; die Amerikaner aber wollen die ganze Welt besiegen. [...]
Zadek: Die Nationalsozialisten hatten auch ihren Idealismus und glaubten, immer das Richtige zu machen.
Zweites Zitat:
SPIEGEL: Heißt das, Sie treten gern an im Kampf altes Europa gegen neues Amerika?
Zadek: Bei diesem Kulturkampf bin ich dabei. Ich war sofort dafür, als Rumsfeld das gesagt hat mit dem alten Europa. Endlich hat es einer ausgesprochen. Schade, dass wir es nicht waren. Denn peinlich ist doch nur der Minderwertigkeitskomplex, den wir Europäer noch immer haben.
Aus "Die Botschaft der Athene" in FR, 27.12.2003 (S. 7)
Seitdem die US-Amerikaner damit begonnen haben, militärisches Potential in politische Stärke zu transformieren und sie nicht länger den Europäern gegen ein gewisses Entgelt zur Verfügung zu stellen, haben die Europäer ein Problem: Entweder sie akzeptieren ihre Festlegung auf den Status eines Tellerwäschers, eines untergeordneten Verbündeten, der im Großen und Ganzen zu parieren hat, oder sie stellen ein Mindestmaß an Fähigkeiten zur militärischen Selbstbehauptung bereit, auch und gerade bei der Stabilisierung der europäischen Peripherie - zu der auch der Nahe und Mittlere Osten gehört -, und entwickeln so einen selbständigen weltpolitischen Gestaltungswillen.
Aus einem Interview mit Peter Strutynski, Friedensratschlag und (selbst-)ernannter Sprecher der Friedensbewegung in Deutschland, in: Junge Welt, 23.12.2004 (S. 2)
Wir haben vor einigen Tagen als Motto der Proteste vorgeschlagen: »Europa pfeift auf Bush«.
Aus Franz Alt (2005), "Entwicklungspolitik ist Friedenspolitik" in: Alt, Franz/Goldmann, Rosi/Neudeck, Rupert (2005): Eine bessere Welt ist möglich, Riemann-Verlag in München (S. 35 f., S. 50 f.)
Seit die "alten" Europäer Nein zum Irak-Krieg gesagt haben und sich erstmals wirklich von den USA emanzipierten, haben sich die Chancen eines alternativen Europa gegenüber dem neoliberalistischen Amerika verbessert. ... Die Arroganz der Macht, welche die Bush-Regierung nachhaltig pflegt, provoziert die Wut der Ohnmächtigen und Abhängigen. Macht braucht Gegenmacht, wenn sie nicht allzu gefährlich werden soll. Das eher pazifistisch gestimmte Europa war plötzlich Vorbild und Partner bei allen Zivilgesellschaften der Welt. ... "Venus Europa" (Robert Kagan) war plötzlich attraktiver als der waffenstarrende "Mars Amerika". Und auf der Weltfinanz-Bühne wurde der neue Euro rasch zur Konkurrenz des alten Dollar. Die einzig verbliebene Supermacht USA bekommt endlich das größer werdende Europa als gesundes - und vielleicht sogar heilsames - Gegengewicht.
Hans-Werner Deim in: Maurer, Ulrich/Modrow, Hans (2006), "Links oder lahm?", Edition Ost in Berlin (S. 41)
Die aktivere Emanzipation der EU von den USA kann die Dominanz der USA in der NATO beenden und diese Organisation vollständig in den Dienst Europas stellen oder in USA-hörige und USA-müde Mitglieder teilen.
Kommentar von Rouven Schellenberger, in: FR, 25.7.2008 (S. 13)
Wir hoffen, dass Barack Obama etwas mitnimmt nach Amerika. Er soll das Land klüger machen und bescheidener, sozialer und ökologischer. Kurz: Er soll ein Stück Europa in die USA tragen.
Aus der "Duisburger Erklärung" von "deutschen Intellektuellen"* in der FR 16.4.2004 (S. 9)
Zu den Aufgaben gehört es auch, weiterhin und in Zukunft noch verstärkt die eigenen wirtschaftlichen, politischen und ökologischen Interessen gegenüber Washington offen und selbstbewusst zu vertreten.
Einleitung zum Kommentar "Die netten Europäer" von Werner Balsen, in: FR, 16.5.2008 (S. 13)
Lateinamerika gewinnt an Gewicht. Und der "alte Kontinent" steht dort hoch im Kurs. Die EU aber hält sich im Fahrwasser Washingtons und nutzt ihre guten Chancen kaum.
Zitiert nach: Diana Johnstone, "Wettlauf um Einfluß" in: Junge Welt, 1.6.2005 (S. 10)
Francois Bayrou, Chef der liberalen Sammelpartei UDF: "Die Welt wird von der US-amerikanischen Macht dominiert, der die chinesische Macht als Konkurrent entgegentritt. Wollen wir die Vorherrschaft dieser beiden Imperien hinnehmen, und ihre Gesellschaftsmodelle? ..."
Dominique Strauss-Kahn drückt sich noch klarer aus: "Wir brauchen den europäischen Verfassungsvertrag, um dem amerikanischen Hegemonismus Paroli zu bieten."
Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie verschiedene Kreise mit Hang zu Vereinfachungen oder Verschwörungstheorien dieses auch in bürgerlichen Kreisen und Protestgruppen gepflegte Bild der bösen Weltmacht USA aufgreifen und zur Grundlage eines einfachen Denkmusters über Geschehnisse machen, die mit einer Ursache erklärt werden sollen. Ist dieser Schritt erst einmal gelungen, wird alles diesem Bild untergeordnet und danach interpretiert - so wie es die Logik der Verschwörungstheorien eben auszeichnet. Wie das geht, zeigte sich z.B. in der Freiwirtschaftszeitung "CGW-Rundbrief" 3/2004 (S. 19): "Wenn nun US-Präsident Bush darauf drängt, dass die Türkei und andere Oststaaten möglichst schnell der EU beitreten dürfen, so will er damit den wirtschaftlichen Kollaps der Union beschleunigen, weil diese neuen Mitgliedstaaten allesamt Nettoempfänger wären und von Deutschland, Frankreich etc. zusätzlich "durchgefüttert" werden müssten. Damit aber wäre Europa als ernsthafte wirtschaftliche Konkurrenz zu Amerika ausgeschaltet." Es ist zwar wahrscheinlich, dass die USA in der Tat (wie die EU, Deutschland und andere auch) ihre eigenen Machtinteressen in jedem Politikschritt prüfen - aber darauf, dass der Vorschlag zum EU-Beitritt der Türkei nicht den offensichtlichen und lange bekannten, strategischen Interessen der USA in Nahen Osten folgt, sondern das vermeintlich so gebeutelte Europa schwächen soll, muss mensch erstmal kommen ...
Ganz ähnlich dem Muster des Antiamerikanismus funktionieren Hassbilder gegen Konzerne. Leuchtendes Beispiel ist die US-amerikanische Firma Monsanto. Deren Name steht seit Jahren als Synonym für dunkle Geschäfte, dubiose Netzwerke und die Materialisierung des Bösen schlechthin. Wer "Monsanto" ausruft, hat hohe Aufmerksamkeit, Empörung und Spendeneingänge sicher, zudem fast alle Leute auf der eigenen Seite. So manche Genversuchsfeldbesetzung wurde unterstützt, weil die Leute etwas gegen Monsanto hatten - völlig gleichgültig, ob das Feld überhaupt etwas mit Monsanto zu tun hatte. Und der Film zu Monsanto (der gut ist!), wäre wahrscheinlich weder vom Europapropagandasender Arte unterstützt noch überhaupt so häufig angeschaut und vorgeführt worden, wenn er "Bayer. Mit Gift und Genen" gehießen hätte. Dieser Monsantohass trieb seltsame Blüten. Die Karte der Genfelder, die Greenpeace durch die Jahre verbreitete, enthielt die als Forschung etikettierten deutschen Gentechnikfelder nicht. Eine besondere Begründung dafür wurde nie gegeben. Es fällt aber nicht schwer, hier die Handschrift der für Spendeneingänge zuständigen Abteilungen der Verbandszentrale zu vermuten. Den Vogel schoss aber jemand anders ab, der damals (Frühjahr 2009) noch Bundesumweltminister war und seitdem marode Organisationen aufzupäppeln versucht. Als Sigmar Gabriel noch seines Amtes waltete, saß er in einem Ministerrat der EU. Dort wurde darüber abgestimmt, ob Mitgliedsstaaten der EU den eigentlich zugelassenen MON810 für ihr Land verbieten können. Gabriel stimmte dem zu - für Deutschland eine ungewöhnliche Sache. Also wurde er gefragt, warum er das getan habe. Er antwortete am 2. März 2009: „Ich kann den gesellschaftlichen Mehrwert der Genprodukte von Monsanto nicht erkennen“. Und fügte hinzu - grad so, als gäbe es BASF, Bayer und KWS gar nicht: „Man stelle sich vor, diese Debatte um Gentechnik-Produkte gäbe es in den USA, und die einzige Firma, die ein Interesse daran hätte, dieses Präparat dorthin zu verkaufen, wäre eine europäische: Ich möchte einmal wissen, ob der amerikanische Kongress sich derart ins Zeug legen würde zur Verfolgung europäischer Wirtschaftsinteressen eines einzelnen Unternehmens, wie es jetzt die EU-Kommission zur Verfolgung der Wirtschaftsinteressen eines amerikanischen Unternehmens tut.“ Wenige Tage später ging Gabriel in seinem Heimatländle auf Firmenbesuch. In Einbeck flanierte er durch die Gewächshäuser der deutschen Gentechnikfirma KWS Saat AG. Nun fand er etwas andere Worte, wie das Göttinger Tageblatt am 12.3.2009 berichtete: „'Wir wollen gentechnisch veränderte Pflanzenzucht auf jeden Fall zulassen', so der Minister, 'aber nicht mit Kollateralschäden in der Natur.' Forschung in diesem Bereich sei unabdingbar. Denn den Herausforderungen, die die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung und ihr Energiehunger stellten, könne man anders kaum beikommen." So teilte er präzise in gute und böse Gentechnik. Peinlich für ihn, dass die KWS ihre gv-Pflanzen zusammen mit Monsanto entwickelt. Gabriel hatte also die gleichen Pflanzen im Blick. Er deklarierte sie als nützlich, wenn sie deutsch, und unnütz, wenn sie US-amerikanischer Herkunft waren. Solche primitiven Muster helfen mindestens zweien: Die EinfacherklärerInnen der Welt können an die einseitige Schuldzuweisung an nur einzelne Firmen und nur aus bestimmten Ländern ihre Ideologie von den StrippenzieherInnen der Welt andocken. Zudem dürften sich BASF, Bayer und KWS im Schutz des Monsantohasses ganz wohl fühlen und unbedrängter ausbreiten können. Dabei soll gar nicht in Abrede gestellt werden, dass auch US-Firmen überwiegend recht widerliche, damit aber schlicht typisch kapitalistische Ausprägungen haben. Wie die europäischen und alle anderen eben auch.
Ein weiteres, ständig wiederkehrendes Bild von Gut und Böse in NGOs und politischen Gruppen ist das Begriffpaar Recht und Unrecht. Ersteres bildet dabei eine Schublade für das Gerechte und Gewünschte. Letzteres ist das Falsche, zu Verhindernde, Störende. So macht sich eine schöne Zweiteilung auf, an dem sich einfache Erklärungsmodelle orientieren können. Kein Wort fällt da zur Funktion und Entstehungsgeschichte von Recht, obwohl doch nur Weniges ein derart komplexer Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse ist wie die Gesetze und ihr stetiger Auslegungskampf vor den Gerichten. Erinnert sei nur an die medialen Schlachten um Urteile des Verfassungsgerichts. Da es die Regierungen, Konzerne und Großorganisationen selbst waren, die in den letzten Jahrhunderten Rechtssystem und Gesetze prägten, konnten sie ihre Dominanz gegenüber BürgerInnen und politischen Netzwerken auch in die Gesetzesform gießen. Paragraphen und richterliche Entscheidungen sind meist auf ihre Interessen ausgerichtet und formalisieren Hierarchien, Eigentum und Reichtumsgefälle, soziale Ausgrenzung und Überwachungssysteme. Wer Recht aber als vermeintlichen moralischen Eigenwert ideologisch überhöht, muss in der Praxis der Rechtsanwendung dann das Wirken dunkler Mächte gegen Recht und Gesetz wittern. Genau das gibt dann wieder die Anknüpfungspunkte für Verschwörungstheorien und einfache Welterklärungen.
Verschwörungstheorien und einfache Welterklärungen überhöhen in der Regel Teil- oder Scheinursachen gesellschaftlicher Abläufe zu Regelmäßigkeiten, die Dogmen gleichen. Statt eines analytischen Blickes wird der feststehende Erklärungsansatz auf alles angewendet und, wenn nötig, passend zurecht gebogen. Mit diesem Prinzip ähneln sie Religionen, esoterischen Lehren und auch vielen nicht-religiösen Ideologien. Zwar mag das jeweilige Muster, durch das alles betrachtet wird, unterschiedlich und in manchen Fällen (z.B. dem dogmatischen Marxismus) als Teilerklärungsansatz sogar tauglich sein. Doch wenn es alleinig, ständig und alternativlos angewendet wird, formt der Blickwinkel das Geschehen so stark, dass es zum prägenden Faktor wird. So geschieht es auch bei den Verschwörungstheorien.
Hinzu kommt, dass sich die Erklärungsmuster ähneln können. So stehen Bilder von höheren Mächten, externen Energien oder geheimnisvollen Verbindungen zwischen den Menschen in einer deutlichen Nähe zu Erzählungen aus der Esoterik. Allmachtsphantasien aus Religion können denen in Verschwörungstheorien gleichen. Und die Reduzierung des Bösen in der Welt auf das Finanzkapital ist nicht so weit weg von der marxistischen Idee, die Welt sei Ökonomie.
Können Verschwörungstheorien auch zu etwas nützen?
Ja - und zwar sogar zweifach. Zum einen starten viele mit einer deutlichen Skepsis gegenüber offiziellen Verlautbarungen. Das ist im Prinzip gut, um die Mechanismen von Manipulation, Diskurssteuerung und Erfindungen zu demaskieren und sich aus der Ohnmacht angesichts ständiger Fälschungen aus Herrschaftskreisen und Funktionseliten von Politik, Wirtschaft, Medien, Bildung und Justiz zu emanzipieren.
Doch ein Lossagen allein von herrschenden Diskursen ist zu wenig. Es muss ein allgemeines, skeptisch-analytisches Denken hinzukommen - also eines, dass sich auf die eigenen Ideen, Recherchen und Analysen bezieht. Doch leider werden die ganzen Verschwörungstheorien den Anforderungen, die analytische VerschwörungstheoretikerInnen an regierungsamtliche Erklärungsmodelle stellen, selbst nicht gerecht. Sie sind regelmäßig platte Vereinfachungen und lassen bei ihren AutorInnen genau jene Denkschärfe vermissen, mit der die offiziellen Welterklärungen abgelehnt werden. Also wie beim beschriebenen Fallbeispiel 9/11: Teilweise gute Enthüllungen der Lügen und Verdrehungen offizieller Seite, aber leider eigene Storys, die genauso vereinfachende Schlussfolgerungen stellen. Das ideologische Ziel prägt die Analyse - hüben wie drüben: Die einen wollten den Islam oder wahlweise anzugreifende Staaten als Verursacher konstuieren - und dabei vertuschen, welchen Anteil sie selbst an der Ausbildung und Ausstattung der als zentral inszenierten "TäterInnen" hatten. Die anderen wollten (mal wieder) die bösen USA brandmarken, um bei passenden Gelegenheiten auch noch kleine Nebenstorys mit einzubauen, die wie zufällig Finanzkapital, Israel und andere Bilder in die Gesamtkomposition des Bösen einfließen lassen.
Skeptizismus ist eine wunderbare Sache, hält das ständige Hinterfragen doch den eigenen Kopf in Schwung. Doch Misstrauen nur gegenüber anderen, aber nicht gegenüber eigenen Welterklärungen zu hegen, ist dann auch kein sonderlicher Fortschritt. So werden nur die einen gerichteten und manipulativen Erklärungen durch andere ersetzt.
Zum anderen kann jedes schlechte Beispiel zum kritischen Hinterfragen und Fortentwickeln des eigenen skeptischen Denkens dienen. Denn mit kritischem Blick entlarvt sich schnell selbst, dass und wie bei Verschwörungstheorien, einfachen Welterklärungen und reduzierten Gesellschaftskritiken gearbeitet wird. Da die Verkürzungsmuster denen der vermeintlich entlarvten Mächtigen und Institutionen dieser Welt stark ähneln, hilft die kritische Auseinandersetzung mit Verschwörungstheorien und einfachen Welterklärungen als Training gegen das, was überall Diskurse hervorruft, gestaltet und steuert: Weglassen, täuschen, vereinfachen. Analytisches Denken folgt keinem festen Schema und hat keine vorhersehbaren Ergebnisse. Es ist das ständige Aktivbleiben im Kopf. Nichts und niemand darf davor sicher sein, kritisch beäugt zu werden.
Gegenmittel: Skeptisches Denken
Eigentlich hätten die ideologischen Propagandamaschinen von Regierungen, Institutionen, Konzernen, "think tanks" und anderen bessere GegnerInnen verdient als die lange Palette der WelterklärerInnen unterschiedlicher Vereinfachungsgrade von Anti-Finanzkapital (Attac & Co.) bis zu Weltverschwörungen kleiner Kreise oder Außerirdischer. Doch unabhängiges Denken, Hinterfragen, Recherchieren und Gegenöffentlichkeit sind rar.
Dabei wäre genau das ein Gegengift zur Manipulation des Kopfes: Das Nutzen und dabei Trainieren des eigenen kritischen Denkens. Es bedeutet nicht nur kein Rückgriff mehr auf vorgekaute Informationen und Wertungen aus offiziellen Ecken, sondern gar keine gutgläubige Übernahme wohlklingender oder scheinbar schlüssiger Erklärungsversuche. Alles, was mit einfach scheinenden Erklärungen herüberkommt, sollte kritisch beäugt werden. Oder besser: überhaupt alles. Denn dazu ist der Kopf da - und das beste Gegengift zu Verschwörungstheorien und Regierungspropaganda heißt schlicht, immer skeptisch zu sein, zu hinterfragen und viele Quellen zu nutzen. Beginnen Sie gleich mit diesem Text und diesem Buch insgesamt: Auch das ist keine unhinterfragbare Weisheit. Nichts ist eine Bibel - schon gar nicht die Bücher, die sich dreist auch noch so nennen, um besonders wichtig genommen zu werden. Ihr Kopf ist der Partner, auf den Sie sich am meisten verlassen können. Und schon der macht viele Fehler (die zu entdecken, Skeptizismus auch helfen kann)!
Kritisches Hinterfragen hat viele Vorteile, unter anderem auch eine bessere Abwehr gegen das Eindringen rechten und anti-emanzipatorischen Gedankenguts in eigene Überzeugungen. Das ist vielerorts nötig, z.B. in der Gentechnikkritik: Da treiben sich mitunter mehr oder weniger offen NPDlerInnen herum, weit häufiger aber noch krude HeimatschützerInnen bis zu Menschen, die einem erzählen wollen, hinter allem ständen jüdische und/oder US-amerikanische Konzerne, Geheimdienste oder gar Außerirdische. Die Ausweitung einer herrschaftskritischen und emanzipatorischen Position bietet die notwendige und deutliche Abgrenzung gegenüber solchen und anderen antiemanzipatorischen Blickwinkeln. Am besten wird sie mit dem offensiven Formulieren einer Zukunft kombiniert, in der nicht die Zunahme von Kontrolle, Macht und Reglementierung, sondern deren Verschwinden die menschliche Produktivkraft für ein besseres Leben nutzbar macht. Solange aber nur Sorgen um Gesundheit und Umwelt die Kritik ausmachen, können sich Rechtsextreme, FreundInnen entfesselter Regulierungswut durch immer neue Gesetze und Ordnungstruppen (Kameras an allen Feldern?) und AnbeterInnen fremder Mächte (von kosmischer Energie bis zu irgendwelchen Göttern, deren Willen zu befolgen sei oder deren Werke mit der Gentechnik besudelt würden) problemlos einreihen. Die Unterschiede würden nicht auffallen. Sie wären im Kern ja auch gar nicht vorhanden. Wo aber eine emanzipatorische Orientierung prägend wird, entspannt sich die Lage. Wer sich um die Machtfülle von Staaten oder Göttern, die Reinheit von Völkern oder die Unversehrtheit von Heimat sorgt, steht dann im Widerspruch dazu. Abgrenzungen sind dann nicht mehr künstlich nötig, weil eine inhaltliche Nähe nie da wäre.
Allerdings hat skeptisches Hinterfragen auch Nachteile, jedenfalls gefühlte. Denn es beseitigt die schönen Klarheiten, die bisher den festen Anker des eigenen politischen Denkens bildeten. Es fehlen nämlich plötzlich die einfachen Erklärungsmodelle, ebenso die geistigen Führungsfiguren und Leitideologien oder -kulturen. Fortan ist nichts mehr selbstverständlich, sondern die - sich durch Übung schärfenden - Sinne beobachten, hinterfragen, analysieren. Bei Bedarf werden Menschen selbst recherchieren, unangenehme Fragen stellen. Nichts ist schon vorher klar, nichts mehr einheitlich. Die Gesellschaft besteht nicht weiter aus festen Kategorien, sondern zerfällt in eine unendliche Vielfalt, die zudem dynamisch ist, d.h. sich ständig verändert. Sie ist eine Welt, in der viele Welten Platz haben.
Was immer gilt: Kritische Analyse statt feststehender Wahrheiten
Zum skeptischen Denken gehört auch die prinzipielle Skepsis gegenüber eigenen, gerade für sinnvoll gehaltenen Analysen und Überzeugungen. Es gibt keine Dogmen. Jede Meinung, die sich selbst für ewig wahr hält, ist ein Dogma. Denn wer heute meint, dass eine Überzeugung auch morgen noch Bestandskraft haben soll und wird, definiert sich selbst außerhalb der Fortentwicklung von Wissen und Möglichkeiten. Das machen aber nicht einmal PhysikerInnen auf der Suche nach dem Ursprung der Materie - warum also sollte es bei Erklärungsmodellen für soziale Abläufe gelten, wo doch noch vielmehr verändernde Einflüsse und grundsätzliche Möglichkeitserweiterungen hineinspielen.
Aus "Eine herrschaftskritische Warnung" von Jörg Bergstedt, im Text: "Gentechnik und Herrschaft: Eine Kritik aus emanzipatorischer Perspektive"
Aus der Idee von Unbestimmtheit der Zukunft folgt aus herrschaftskritischer Sicht eine Position, die manch radikalem/r GentechnikgegnerIn vielleicht zunächst aufstößt: Es ist nie emanzipatorisch, die Zukunft festschreiben zu wollen. Über das Geschehen in einigen Jahren, Jahrzehnten oder Jahrhunderten entscheiden nicht die Menschen jetzt, sondern dann. Deshalb ist es problematisch, nicht rückholbare Veränderungen vorzunehmen. Zwar ist Wandel auch immer ein Teil von Natur und Kultur (die ohnehin nicht trennbar sind), aber dennoch müssen grundlegende Eingriffe besonders gut überlegt und begründet werden. Das ist ein wichtiges Argument gegen Gentechnik. Allerdings folgt daraus nicht, dass auch unter gewandelten, z.B. herrschaftsfreien Verhältnissen jede Gentechnik abzulehnen ist. Denn diese Situation ist aus der heutigen heraus nicht wirklich plan- und vorstellbar. Daher wäre eine Festlegung ein anti-emanzipatorischer Akt, weil es Menschen der Zukunft Handlungsschranken auferlegen will. Daher sollte eine emanzipatorische Kritik der Gentechnik immer die konkreten Formen dieser Technik benennen und die Rahmenbedingungen, unter denen sie steht. Daraus kann eine grundlegende Ablehnung der Gentechnik folgen, denn alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens unterliegen aktuell sowohl der Profit- wie auch der Machtmaximierung, z.B. auch die Medizin. Es ist sogar sehr naheliegend, die Gentechnik unter aktuellen Bedingungen ganz abzulehnen. Aber eben nicht für immer, weil es grundsätzlich nicht sinnvoll ist, für Situationen etwas festlegen zu wollen, die mensch nicht kennt. Jedenfalls aus herrschaftskritischem Blick wäre das fatal. Denn die radikal herrschaftskritische Perspektive ist dort aufgehoben, wo aus politischen Positionen, die aus aktuellen emanzipatorischen Überlegungen resultieren, feststehende, nicht mehr hinterfragbare Dogmen werden. Herrschaftsfreiheit kennt keine Klarheiten außer der, das immer die Menschen selbst der Ausgangspunkt sind. Nicht steht höher als sie - keine Religion, Moral, kein Gesetz und keine Ideologie, auch wenn alle die das immer von sich so behaupten und mit Macht durchsetzen.
- Zur Dynamik von Welt und menschlicher Gesellschaft
Wer klärt auf und enthüllt Verschwörungstheorien?
Es gibt eine Menge Menschen und Gruppen, die sich gegen vereinfachende Welterklärungen wenden. Von einem Teil dieser lässt sich aber nicht nur Gutes vermelden, denn sie demaskieren zwar mit herzerfrischendem Skeptizismus die kruden Thesen von Verschwörungen, wenden dann aber immer wieder selbst vereinfachte Muster oder Schubladen an. Das treibt das Ganze dann auf die Spitze: Die KritikerInnen derer, die bei der Kritik manipulierter, offizieller Informationen selbst manipulieren und vereinfachen, sind ebenfalls manipulierend und vereinfachend unterwegs!
Noch schlimmer: Fast alle leben - wie ihre KontrahentInnen aus der Verschwörungs-Ecke - in identitären Zirkeln, wagen sich nicht in offene Debatten und verkümmern spürbar auf dem eigenen, verbohrten Blickwinkel.
- Etliche FunktionärInnen und Aktive aus dem Lager atheistischer bzw. humanistischer Verbände in Deutschland bekämpfen mit Inbrunst und analytischer Schärfe den Glauben an Überpersonen (wie Götter), klerikale Dogmen und Hierarchien sowie die daraus resultierende Unmündigkeit von Gläubigen. Viele wenden sich auch gegen metaphysische oder parapsychologische Erzählungen. Doch immer wieder neigen sie dazu, ihre eigenen Lehren als absolut zu setzen, organisieren in eigenen Schriften und auf eigenen Treffen Meinungseinfalt oder überziehen ihre KritikerInnen mit Kommunikationsblockern wie Rücktrittsforderungen. Der Idee von Vielfalt, Offenheit und Streitkultur folgt das nicht.
- Die lange meistbeachtetste Internetseite www.esowatch.org reihte Daten zu Verflechtungen aneinander, konstruierte die Szene der VerschwörungstheoretikerInnen aber ganz ähnlich, wie diese die vermeintlichen WeltherrscherInnen beschreiben. Zudem war die Seite voller unbelegter Mutmaßungen und Fehler (ohne damit in Frage stellen zu wollen, dass auch viele wichtige Kritiken und Verflechtungen aufgedeckt wurden).
- Ausgerechnet die Zeitung "Skeptiker", Zentralorgan der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) reagierte auf eine Kritik an einem Artikel zur Agrogentechnik sehr kritikunfähig. Denn der Text, der vermeintlich die geistige Verwirrung der GentechnikkritikerInnen aufzeigen wollte, war von einem Gentechnikanwender geschrieben worden, über dessen Institute an der Uni Erlangen inzwischen so manche Betrügereien im Umgang mit Forschungsgeldern und -feldern bekannt waren. Sicherlich - so etwas kann mal passieren, dass mensch einen Aufklärungstext wünscht, aber leider einen Autor schreiben lässt, der eigene Interessen verfolgt und dafür manipulative Informationen aneinanderreiht. Bemerkenswert aber war, dass die Redaktion eine Kritik dazu nicht einmal anhören, geschweige veröffentlichen wollte. Wie absurd: Die AufruferInnen zu skeptischem Denken scheuen skeptische Analyse ihrer eigenen Texte wie der Teufel das Weihwasser ...
- Eine weitere vielbeachtete Schrift gegen einfache Welterklärungen ist Daniel Kullas Buch „Entschwörungstheorien“. Der Autor reiht viele Beispiele aneinander. Dabei arbeitet er vollständig ohne Quellenangaben. Für ein Buch, dass vor allem mit seinen vielen Zitaten überzeugen will, ist das schlecht. Denn diese können nun nicht überprüft, ja oft nicht einmal konkreten Personen oder Kontexten zugeordnet werden. Dadurch gleichen auch hier die Methoden der Verschwörungstheorie-DemaskiererInnen denen derer, die sie kritisieren.
Beispiele für komplex-analytische Kritiken an Umweltzerstörung und gesellschaftlichen Verhältnissen
- Text von Birgit Peuker: Gesellschaft und Agrar-Technik
- Text von Hauke Benner (Aktionsnetzwerk Globale Landwirtschaft): Radikale Technikkritik
- Weitere Texte zum Verhältnis von Gesellschaft und Technik
- Jörg Bergstedt:"Gentechnik und Herrschaft: Eine Kritik aus emanzipatorischer Perspektive"
- "Was ist emanzipatorischer Umweltschutz?" (aus der Internetseite www.umwelt-und-emanzipation.de.vu)
Links und Materialien
Zum Thema ist eine Broschüre in der politischen Reihe aus der Projektwerkstatt erschienen:
Den Kopf entlasten? ... Richtwert 1 Euro
Ein kleines Heftchen über Verschwörungstheorien und vereinfachte Welterklärungen: Woher kommen sie? Was bewirken sie? Und was ist von ihnen zu halten? 20 S., A5-Format.
Ab 3 St. 0,80 Euro.
Weitere Links
- Daniel Kullas Seite
- Weitere Seite zu Verschwörungstheorien und der Kritik daran ++ Artikel in der Konkret 11/2001 (S. 25)
- Wer die andere Seite mal angucken will, kann das Verlagsverzeichnis des Kopp-Verlags durchblättern. Da ist alles drin, was den Kopf entlastet ... (das ist keine Werbung, sondern eine Warnung - aber es ist eine Form skeptischen Denkens, sich rein zu wagen in die Welt derer, die es zu demaskieren gilt)
Materialien
Kritische Analysen aus dem SeitenHieb-Verlag - bestellbar über den Buchhandel oder auf www.aktionsversand.de.vu:
- Demokratie. DIe Herrschaft des Volkes. Eine Abrechnung
Demokratie ist zur Zeit das Lieblingsthema fast aller politischen Klassen, Strömungen, Parteien, sozialen Bewegungen und internationaler Politik. Mit seinem Buch will der Autor Keile in die Harmonie treiben: Ist Herrschaft des Volkes wirklich etwas so Gutes? Volk als konstruiertes, identitäres Subjekt existiert nur in Form seiner Stellvertretung. Wenn die dann herrscht "im Namen des Volkes" über die Menschen - was daran ist gut? Und wenn dann noch Bomben fallen, um die Demokratie weltweit zu exportieren - was unterscheidet diese Kriege von der Brutalität der Kolonialisierung und religiös motivierter Missionen bis Kreuzzüge früherer Zeiten?
208 S., ISBN 978-3-86747-004-9 ++ 14 Euro - Nachhaltig, modern, staatstreu?
Staats- und Marktorientierung aktueller Konzepte von Agenda 21 bis Tobin Tax
Aktuelle Vorschläge aus politischen Gruppen werden auf ihre Wirksamkeit untersucht. Die Herrschaftsfrage wird gestellt: Steigern die Vorschläge Macht- und Ausbeutungsverhältnisse?
A5, 220 Seiten. ISBN 978-3-86747-007-0 ++ 14 Euro - Herrschaftskritik
Analysen. Aktionen. Alternativen.
A5, 180 S., viele Fotos. ISBN 978-3-86747-038-4 ++ 10 Euro - Monsanto auf Deutsch
Seilschaften der Agro-Gentechnik zwischen Firmen, Behörden, Lobbyverbänden und Forschung - von Aachen bis Rostock! Das Buch zum brisanten Thema mit 2000 Quellenangaben und Hunderten von Personen- und Organisationsdaten. Ein präzises Stichwortverzeichnis erleichtert die Arbeit mit dieser Enzyklopädie der Seilschaften in der Agro-Gentechnik.
Großes Format 22,5 x 24 cm, 240 S. ISBN 978-3-86747-043-8 ++ 18 €
Rezensionen
Es gibt einen Haufen von Büchern und CDs/DVDs zu allen möglichen Welterklärungen. Wer einmal hineinschnuppern will, kann sich einige dieser Werke in den Bibliotheken der Projektwerkstatt anschauen oder durchlesen. Das Internet bietet auch eine unendliche Fundgrube - wie immer gefährlich für die Download-und-Klick-Generation, statt Recherche in die Fülle einzutauchen und zu vergessen, worum es eigentlich ging beim Einschalten des Computers.
Beowulf von Prince u.a.
Tue Deine Pflicht ... schenke der Welt Frieden ... und rette damit Deine Existenz!
(2009, Book on Demand, 152 S.)
Das A4 große Buch listet nacheinander verschiedene Vorfälle aus dem Gerichtsgeschehen auf. Dabei werden Belege aus Behördenschreiben und -unterlagen dafür gebracht, dass es zum einen bei Gerichtsverhandlungen und -urteilen recht willkürlich zugeht und zum zweiten vermeintliche Formfehler wie fehlende Unterschriften an der Tagesordnung sind. Daraus leiten die AutorInnen, die diese Fälle offenbar aus persönlichem Erleben kennen, die Erkenntnis ab, dass Deutschland gar nicht als Rechtsstaat existiert, sondern nur eine Verwaltungsbehörde im Auftrag ferner Besatzungsmächte ist. Bemerkenswert an dem Buch ist, dass es vorhandene Dokumente, die das Gegenteil beweisen könnten (z.B. 2plus4-Verträge, in denen die allierten Kriegsgegner des faschistischen Deutschland explizit alle Rechte abgeben), nicht einmal erwähnt werden. So argumentiert es sich leicht. Doch Willkür im Gerichtssaal ist kein Hinweis auf fehlendes Recht, sondern gerade auf die Dominanz des Rechts, welches durch seine (willkürliche) Auslegung wirksam wird. Insofern lohnt die Lektüre des Buches, denn mit kritischem Blick entlarvt sich schnell selbst, dass genau so gearbeitet wird, wie es der Gegenseite (zu Recht!) vorgeworfen wird: Weglassen, täuschen, vereinfachen.
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