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Den Kopf entlasten?
Sog. "Verschwörungstheorien": Woher kommen sie?
Was bewirken sie? Und was ist von ihnen zu halten?

Abschnitte dieser Seite: Definition ++ Wirkungsweise ++ Beispiele ++ Nutzen ++ Gegengifte ++ Aufklärer_innen ++ Reaktionen ++ Links
Link auf diese Seite: www.kopfentlastung.tk (ehemals: www.kopfentlastung.de.vu)


Vortrag "Den Kopf entlasten" am 20.2.2016 in der Kolbhalle in Köln (Referent: Jörg Bergstedt)

Film "Empörung und Verschwörung" ++ Veranstaltungsangebot: "Den Kopf entlasten"

Warum dieser Text?

Im Original: Persönliche Erlebnisse ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Mehrfach nach Vorträgen über deutsche Gentechnik-Seilschaften ("Monsanto auf Deutsch") wurde von BesucherInnen, zum Teil aber sogar von den VeranstalterInnen im Auditorium oder später am Kneipen- bzw. Frühstückstisch in Zweifel gezogen, dass der zweite Weltkrieg durch Deutschland angezettelt oder Juden im Dritten Reich umgebracht wurden. Kritische Nachfragen konnte niemand beantworten. Stattdessen wurde wiederholt, das alles hätte noch niemand beweisen können. Benannte mensch dann Fotos, Berichte und auch logische Fakten, so folgte darauf: "Haben Sie das selbst gesehen oder überprüft?" Ersteres natürlich nicht - und schon war manch nach einfachen Modellen suchender Kopf befriedigt.

Und massenweise z.B. im Internet. Unter dem Header "Willkommen im Faschismus" wurde beispielsweise eine Presseinformation zu den Gentechnik-Seilschaften gebloggt - ein schönes Beispiel für die Weltvereinfachungssuppe. Irgendwie alles Böse zusammengepanscht:

Analytisches Denken ist anstrengend. In einer komplexer werdenden oder aufgrund des Zugangs zu mehr Informationen so erscheinenden Welt geht Orientierung verloren. Diese muss durch intensiveres Hinschauen, Hinterfragen, Recherchieren und Abwägen wiedergewonnen werden - oder mensch geht den bequemeren Weg und schließt sich vorgegebenen Meinungen, Ideologien und Sinnstiftungen an. Eine dritte Variante wäre, im Trüben der Informationsüberflutung nach vereinfachten Welterklärungen zu fischen, die einem zumindest scheinbar wieder ein Handwerkszeug geben, die so anstrengend komplizierte Welt zu erklären. Sie geben Antworten darauf, wo die Guten (einschließlich einer/m selbst) und wo die Bösen (Anderen) stehen, machen die Welt des Bösen sichtbar und sind dabei nicht allzu anstrengend für den eigenen Kopf. Um diese Weltvereinfachungen soll es hier gehen. Mit ihrer Hilfe wird der (anstrengende) Versuch aufgegeben, die eigene Lage, das Umfeld und die gesellschaftlichen Verhältnisse zu durchschauen. Auf diese Weise entsteht nicht nur Anfälligkeit gegenüber gefährlichen, z.B. diskriminierenden Denkschablonen, sondern die verkürzten Analysen sind einer der Gründe, warum politischer Protest ständig ins Leere läuft. Denn wo die Fähigkeit zur analytischen Kritik des Ist-Zustandes fehlt, mutiert die Gegenwehr zum Kampf gegen Windmühlen oder zerläuft im Gefühl von Ohnmacht gegenüber den vermeintlich entdeckten, bösen Mächten dieser Welt, die alles steuern und in den Händen halten.
Was dieses Böse ist, fällt dabei je nach politischer Strömung oder ideologischem Background sehr unterschiedlich aus - es reicht von abstrakten Sphären wie "dem Kapital" oder noch vereinfachter "dem Finanzkapital" über zur Achse des Bösen erklärten Staaten oder Konzernen bis zu konkreten Bankerfamilien, die die Welt lenken. Je steiler das Welterklärungsmodell auf eine einzige Ursache eingeengt wird, desto kruder fallen in der Regel die Erzählungen über das Böse in der Welt aus. KritikerInnen solch vereinfachter Erklärungen werfen deren UrheberInnen mal "verkürzte Kapitalismuskritik" oder Antiamerikanismus vor. Für die am stärksten auf einzelne Ursachen oder Verursacher_innen zugespitzten Theorien wird in der Regel der Begriff "Verschwörungstheorien" gebraucht. Angegriffen würde damit die Vorstellung, dass kleine Kreise bewusst das Böse organisieren, die Welt unterwerfen und nach ihren eigenen Interessen oder Kriterien sortieren. Welche das sein soll, ist in den "Verschwörungstheorien" überraschend häufig gar nicht benannt. Das Böse in der Welt ist einfach so da. Es steuert und zerstört mit seltsamen Motiven - oder schlicht ohne.

Diese Texte sollen einen einführenden Blick auf die Logiken vereinfachter Welterklärungen werfen - ob nun naive Verkürzungen oder zugespitzte "Verschwörungstheorien". Er enthält weder eine vollständige Liste der vielen Einzelfälle und -erzählungen noch der verschiedenen Welterklärungen, die mit Vereinfachungen arbeiten. Außerdem muss hinzugefügt werden, dass es hier nur um die nicht-offiziellen Vereinfachungen geht. Letztlich bilden alle Religion und jede andere umfasssende Heilslehre (z.B. in der Esoterik) solche Vereinfachungen. Statt Analyse und Erkenntnisgewinn, präsentieren sie globale Großerklärungen, die mensch glauben soll. Sie stellen damit einen Großangriff auf das menschliche Denkvermögen dar. Bislang unerklärliche Naturphänomene und aus Interessenlagen heraus geschaffene Hierarchien werden auf eine externe Größe (Gott, kosmische Energie, Weltgeist oder was auch immer) projiziert und damit dem menschlichen Erkenntnisdrang entzogen. Das wollen auch vereinfachte Welterklärungen und "Verschwörungstheorien". Religionen, Esoterik, viele politische Ideologien und Diskurse sind wesentlich verbreiteter als die Beispiele dieses Textes. Das darf nie vergessen werden. Wer zu den VereinfacherInnen des Weltgeschehens auf Distanz geht, sollte Religionen, Esoterik, staatlich dominierte Diskurse usw. nicht vergessen. Es gibt viel zu tun auf dem Weg, das eigene Denken und eine kritische Debatte zu entfachen - als Gegengift gegen alles, was uns Schubladen anbietet, in die wir unseren Kopf legen sollen ...

Definitionen

Als "Verschwörungstheorie" werden im weitesten Sinne alle Versuche bezeichnet, ein Ereignis, einen Zustand oder eine Entwicklung durch eine Verschwörung zu erklären, also als zielgerichtetes, konspiratives Wirken von Personen zu einem illegalen oder illegitimen Zweck. Sie bieten damit einfache Erklärungsmodelle für die als unbefriedigend empfundene Lage. Wer immer die Entwicklung der Welt nicht mag, wer Ungerechtigkeiten spürt oder selbst in einer bedrückenden Lage ist, kann mit "Verschwörungstheorien" zwar keine Verbesserung erreichen, aber wenigstens die Schuldfrage klären, ohne allzuviel Denkkraft zu investieren.

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Aus Wikipedia zu Verschwörungstheorie
„Theorie“ bezeichnet eine modellhafte, korrekturfähige Vereinfachung der Wirklichkeit, die von Einzelereignissen oder Umständen abstrahiert, um übergreifende Zusammenhänge zu beschreiben. Genau das leistet eine Verschwörungstheorie aber nicht, da sie zwar vereinfachende Muster anbietet, aber kein Modell. Verschwörungstheorien leisten keine Abstraktion, sondern nehmen im Gegenteil eine Konkretion vor, die unzulässigerweise verallgemeinert wird. Während die Abstraktion Komplexität erhält und nur die Beobachtungsebene verändert, ist die unzulässige Konkretion verlustbehaftet. Die nachgelagerte Verallgemeinerung basiert also auf einer Vereinfachung. ...
Der Begriff Verschwörungstheorie wird oft kritisch oder abwertend verwendet. In der Rhetorik ist die mediale Diskreditierung des Gegners vermittels eines solchen Vorwurfs ein erprobtes Instrument. Die Charakterisierung als Verschwörungstheoretiker ist Gegenstand von Diskussionen.
Grundlage vieler Verschwörungstheorien ist ein dezidiertes und vereinfachendes Welt- und Geschichtsbild, das auf der Grundannahme basiert, dass Strukturen der sozialen Wirklichkeit durch Handlungen von Personen direkt steuernd beeinflusst werden können. Vor dem Hintergrund der gegenseitigen strukturellen Abhängigkeiten und hochgradigen Vernetzungen komplexer sozialer Systeme gilt diese Voraussetzung heute jedoch allgemein als unplausibel. Sozialwissenschaftliche Modelle zeigen, dass sich weitreichende Ereignisse in Gesellschaft, Wirtschaft oder Staat nicht allein durch das zielgerichtete Handeln von Personen oder Personengruppen verursachen lassen. Man geht hier vielmehr vom Zusammenwirken vieler verschiedener subjektiver Gründe und objektiver Bedingungen aus, die aus Strukturen, Konjunkturen, Absichten, Gegenabsichten, Irrtümern und schlichten Zufällen bestehen und sich zudem gegenseitig beeinflussen. Die Auffassung, eine relativ kleine Personengruppe könne wichtige gesellschaftliche Ereignisse zentral steuern, gilt daher als unterkomplex.
Karl Popper drückt dies – bezogen auf einen speziellen Typus von Verschwörungstheorie – folgendermaßen aus: „Um meine Gedanken zu verdeutlichen, werde ich in kurzen Zügen eine Theorie beschreiben, die weit verbreitet ist, aber das genaue Gegenteil dessen annimmt, was ich für das eigentliche Ziel der Sozialwissenschaften halte; ich nenne sie die Verschwörungstheorie der Gesellschaft. […] Diese Ansicht von den Zielen der Sozialwissenschaften entspringt natürlich der falschen Theorie, daß, was immer sich in einer Gesellschaft ereignet, das Ergebnis eines Planes mächtiger Individuen oder Gruppen ist.“ – Karl Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde – Band II – Falsche Propheten: Hegel, Marx und die Folgen ...
Typisch für „conspiracism“ ist dabei seine Immunisierung gegen jede Form von Widerspruch. Wer an den angebotenen Erklärungen zweifelt, gilt entweder als getäuscht, erpresst oder gar als Mitwisser der Verschwörung. Die Verschwörungsideologie kann dann nicht mehr widerlegt werden. Gerne wird von Verschwörungstheoretikern gerade das Fehlen von Beweisen als Beweis für eine Verschwörung gewertet, da dies eben die unheimliche Effektivität der Verschwörer zeige. Eine Parodie auf diesen Umstand ist etwa die im Internet zirkulierende „Bielefeldverschwörung“. Da die vermuteten Verschwörungen als strukturell unbeweisbar konstruiert werden, gilt ihnen eine Expertenmeinung nicht als höherwertig als eine private Spekulation. ...
Der Zusammenhang zwischen Verschwörungsideologie und Vernunft kann auch umgedreht werden. Der Historiker Dieter Groh vermutet hier eine „Dialektik der Aufklärung“ im Sinne Adornos: Verschwörungstheorien sind als „das Andere der Vernunft“ Schattenseite und gleichzeitig Gegenbewegung einer zu schnell sich vollziehenden Rationalisierung aller gesellschaftlichen Beziehungen; denn das Aufkommen der Verschwörungsideologien hängt gerade mit der Aufklärung und Säkularisierung zusammen, die irrationale Welterklärungen durch rationales Wissen ablösen und zurückdrängen will; wenn man nicht mehr alles mit dem Wirken eines allmächtigen Gottes erklären kann, wächst die Neigung, unerfreuliche Phänomene den Machenschaften einer Verschwörergruppe zuzuschreiben, da irgendjemand ja dafür verantwortlich sein muss. Für diesen Zusammenhang von technischem Fortschritt und Rationalität auf der einen Seite sowie mentaler Modernitätsverweigerung und Antirationalismus auf der anderen prägte der Philosoph Ernst Bloch auch den Begriff der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“. Jüngere ethnologische Untersuchungen legen einen ähnlichen Zusammenhang nahe zwischen Verschwörungsideologien und der Bedrohung einer traditionalen Gesellschaft durch Modernisierung. J. Clyde Mitchell hat bei seinen Untersuchungen der Volksgruppe der Yao in Sambia aufgedeckt, dass mit der Unübersichtlichkeit des sozialen Wandels dort die Anklagen wegen witchcraft (allgemeiner magischer Schädlichkeit) zunahmen, wohingegen die angeblichen Fälle von sorcery (konkretem Schadenzauber) abnahmen: Sie dienen offenkundig dazu, soziale oder stammespolitische Konflikte auszutragen.

Definition auf der Seite der Skeptiker (GWUP), die aber auch wiederum selbst oft vereinfacht argumentieren
Eine Verschwörungstheorie ist die sachlich unbegründete Annahme, ein bestimmtes, meist negatives Geschehen sei das Ergebnis einer Verschwörung. Durch ihre Argumentation widersetzen sich Verschwörungstheorien jeglicher logischen Widerlegung, deshalb sind sie wissenschaftlich wertlos. Viele Vertreter von parawissenschaftlichen Behauptungen versuchen, ihre Thesen durch Verschwörungstheorien zu stützen (Beispiele s.u.).
Grundlage einer Verschwörungstheorie ist nach dem Modell von Thomas Grüter der Verschwörungsglaube, d. h. der Verdacht, dass eine Personengruppe heimlich Böses plant. Stärker ausgearbeitet als der Verschwörungsglaube ist die Verschwörungslegende, die bestimmte Ereignisse als Ergebnis eines Komplotts erklärt, ohne dies jedoch schlüssig zu beweisen. Die Verschwörungstheorie schließlich bündelt Verdacht und Legenden zu einem fest gefügten System.
Verschwörungstheorien enthalten teils reale Elemente, verquicken diese jedoch mit Erfundenem und bloßen Mutmaßungen zu einer „Parallelwirklichkeit“. Im Gegensatz zur rationalen Ursachenforschung zeichnen sich Verschwörungstheorien durch ihre Immunisierung aus. Äußert eine Person Zweifel oder führt sie Gegenargumente an, wird sie mit dem Vorwurf konfrontiert, selbst zu den Verschwörern zu gehören. Damit wird die Verschwörungstheorie der wissenschaftlichen Überprüfung entzogen. Die vorgebrachten Argumente für die Verschwörung halten jedoch keiner kritischen Untersuchung stand.

In "Stimme&Gegenstimme" Nr. 40/13 (S. 1) wird im Vorwort die Existenz von Verschwörungen beschrieben:
Auch diese S&G wirft ein Licht darauf, wie umfassend sämtliche Lebensbereiche allerorts von Überwachung und Verschwörung durchsetzt und verseucht sind. Man mag es kaum glauben: Dies alles ist langfristig geplant und wird mit allen Mitteln systematisch durchgesetzt. Wer sind die Drahtzieher hinter den Kulissen, die Köpfe dieser gezielten Zerstörung? Sie und ihre Machenschaften gilt es ans Licht zu bringen, ihrem Treiben ein Ende zu setzen und sie zur Verantwortung zu ziehen.

Aus dem Kapitel „Verschwörungstheorien“ in: Jörg Lorenz (2013): „Das Chemtrailhandbuch“, jmp-Verlag in Hannover (S. 11 ff.)
Verschwörungstheorien gibt es nicht erst seit jüngster Zeit, sondern wahrscheinlich schon immer. Zu den bekanntesten gehören sicher die zum Attentat auf John F. Kennedy, die zur Mondlandung und die zu den Ereignissen von 9/11 in New York.
Gekennzeichnet sind Verschwörungstheorien dadurch, dass Vorgänge, Ereignisse, Zustände und andere Sachverhalte durch Verschwörungen erklärt werden, die äußerst geheim stattgefunden hätten. So würde davon in der Öffentlichkeit nicht berichtet, sondern es würde vertuscht und abgelenkt. Die Verschwörungstheoretiker ("Truther", "lnfokrieger") selbst seien diejenigen, die die tatsächliche Wahrheit kennen würden. Diejenigen, die nicht an die Verschwörungstheorien glauben, seien "Schlafschafe" oder vom System bezahlt und sollten mal aufwachen.
Als Verantwortliche für die Verschwörungen werden immer wieder unterschiedliche Personen, Gruppierungen, Organisationen, Länder usw. benannt. Meist ist die Rede jedoch von Juden, USA + Israel, Freimaurern, Illuminati, Reptiloiden, CIA, Finanzelite. Gemeinsam ist aber, dass es etwas Böses sei, dem man angeblich ausgeliefert sei. Schließlich wurde ja schon immer gelogen und vertuscht, Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurden schon immer begangen.
Die Methoden bei der Verbreitung der Verschwörungstheorien ähneln sich meist. Zunächst ist wichtig, dass nicht jedermann die Behauptungen wissenschaftlich prüfen kann, die aufgestellt werden. Nach dem Aufstellen von Behauptungen wird alles gesucht, was irgendwie dazu passen könnte (einschließlich Aussagen von Personen, deren Titel, Berufe usw. wichtig klingen) und es werden Zusammenhänge hergestellt, die für Außenstehende plausibel klingen, wissenschaftlichen Untersuchungen jedoch nicht standhalten.
Eine weitere Methode ist, dass die Verschwörungstheoretiker Vermutungen aufstellen und diese mit dem Konjunktiv formulieren: "Es könnte doch sein, dass …“. In der Folge gehen sie langsam dazu über, das im Konjunktiv Formulierte als Tatsache darzustellen: "Wenn es aber so ist, dann …“. Die ursprüngliche Vermutung ist nun auf einmal eine Tatsache, auf der alles aufgebaut wird: "Da es so ist, dann ...“.
Gern wird dazu bei entsprechenden Verschwörungstheorien ein Phänomen genutzt, dem wir alle unterliegen, die selektive Wahrnehmung. Die Verschwörungstheoretiker lenken den Blick auf Sachverhalte bzw. Vorgänge, die es schon immer gab, die wir aber noch nie bewusst beobachtet haben. Schon konnten wir etwas Neues entdecken: Stimmt, an der Behauptung muss etwas dran sein, denn es ist ja wirklich so.
Unterstützt wird dies dadurch, dass sich sicher nicht jeder alles erklären kann. Die Verschwörungstheoretiker drücken also aus, dass da etwas seltsam sei, also etwas nicht stimmen würde. Deshalb könne das auch nicht normal sein. Dass es für alles Fachleute gibt und man nicht alles wissen kann, wird dabei ausgeblendet.
Durch Nutzung des Internets werden die Inhalte der Verschwörungstheorien besonders dort verbreitet, wobei die Quantität zählt. Die "Truther", "Wahrheitssucher", Infokrieger" oder wie sich die Vertreter der Verschwörungstheorien auch immer nennen, zeigen dabei mehr oder weniger Fanatismus bei der Umsetzung des Ziels, möglichst viele Menschen zu erreichen. Und da es heute jedermann möglich ist, Inhalte ins Internet zu stellen, ist dies für sie auch kein Problem. Dadurch werden diese Inhalte natürlich auch durch die Suchmaschinen gefunden.
Darauf aufbauend kommt eine weitere Methode zum Einsatz: Die Vertreter der Verschwörungstheorien rufen auf, nach den jeweiligen Inhalten zu suchen. Und wenn wir nach etwas suchen, bekommen wir die entsprechenden Inhalte als Suchergebnisse. Suchen wir also nach "Weihnachtsmann", werden wir die Inhalte dazu bekommen. Suchen wir nach "9/11" oder "Chemtrails", werden wir ebenfalls die entsprechenden Inhalte finden.
Und weil mittlerweile viele Menschen schon danach gesucht haben, bietet Google bei der Eingabe der Suchbegriffe zweckmäßiger weise auch gleich die Suchen zu den Verschwörungstheorien an. Somit wird der Blick gezielt auf die Inhalte der Verschwörungstheorien gelenkt. Auf die Idee, nach den anderen Inhalten zu suchen, kommen viele Menschen nicht. Und da eben gerade massig Inhalte ins Netz gestellt wurden, kann man auch feststellen, dass es schon viel dazu gibt.
Wer vertritt nun die Verschwörungstheorien bzw. wer glaubt an sie? Hier sind einige Beispiele:
In erster Linie werden es natürlich die Personen sein, die sich fachlich noch nicht ausreichend mit dem Inhalt der Verschwörungstheorie, mit der sie unbewusst konfrontiert werden, auseinandergesetzt haben. Wenn man Schatten, die auf Fotos von der Mondlandung nicht parallel verlaufen sieht, muss man entweder Kenntnisse in der Optik oder sich zumindest schon mit Bildaufbau in der Fotografie beschäftigt haben. Dann wüsste man, dass auch auf der Erde Schatten nicht immer parallel verlaufen.
In der Verschwörungstheorie wird edoch genau auf dieser Unkenntnis aufgebaut; es werden Zusammenhänge konstruiert und es wird ausgedrückt, dass das auf dem Bild zu sehende physikalisch unmöglich sei und schon besteht die Gefahr, dass man bei der Konfrontation mit der Verschwörungstheorie diesem Inhalt verfallen ist.
So hätte also niemand an der Mondlandung gezweifelt, wenn nicht Verschwörungstheoretiker Bilder falsch interpretiert hätten. Und bei einem Himmel mit hoher Bewölkung würde man immer noch davon ausgehen, dass eine Wetteränderung bevorsteht, wenn nicht die Chemtrail-Gläubigen den "verschmierten" Himmel als Folge von Chemtrail-Sprühungen bezeichnen würden.
Man darf bei den hier betroffenen Personen allerdings nicht den Fehler machen und sie generell als "dumm" o.ä. einschätzen. Diese Personen können in anderen Bereichen topfit sein. Selbst Fachleute können unter bestimmten Umständen betroffen sein dass ein Flugzeug in niedrigen Höhen auch schnell fliegen kann, ist durchaus auch nicht allen Aviatik Fachleuten bekannt, weil dieser Vorgang doch recht selten und auf Flugshows beschränkt ist.
Dadurch, dass die Verschwörungstheorien nach außen hin aber so konstruiert sind, dass Scheinzusammenhänge gerade durch Fachfremde leicht verstanden werden können, kann es auch diesen Personen passieren, dem zunächst Glauben zu schenken.‘
Allerdings hätten viele dieser Personen ein leichtes Spiel, die Verschwörungstheorien zu durchschauen. Sie müssen dazu nicht einmal Fachkenntnisse im entsprechenden Bereich haben, sondern es muss zuerst die Bereitschaft vorhanden sein, sich überhaupt damit auseinanderzusetzen. Dann brauchen sie noch die methodische Kompetenz; sie müssen also wissen, auf welchen Wegen sie sich mit den Inhalten auseinandersetzen können. Und hier ist es besonders wichtig, dass sie sich nicht auf die Quellen konzentrieren, die die Inhalte der Verschwörungstheorien wiedergeben.
- Weiterhin verfallen Menschen diesen Verschwörungstheorien, die selbst in irgendeiner Art und Weise im Leben versagt haben oder Misserfolge hatten und die Schuld woanders als bei sich selbst suchen. Diese Misserfolge können verschiedenste Hintergründe haben sei es eine gewisse Perspektivlosigkeit nach der Wende in der ehemaligen DDR, sei es der Verlust des Arbeitsplatzes, Scheidung, Sucht usw. Hier bieten die Verschwörungstheorien den geeigneten Boden. Auch bei ihnen geht es schließlich darum, dass irgendwelche Mächte die Schuld an den Inhalten der Verschwörungstheorien haben. DIE sind schuld.
- Man kann an den Verschwörungstheorien viel Geld verdienen, zum Beispiel durch Eintrittspreise zu Veranstaltungen, durch Seminarbeiträge, durch den Verkauf von irgendwelchen Unterlagen (Literatur, DVDs usw.) und in Abhängigkeit von der Jeweiligen Verschwörungstheorie am Verkauf von irgendwelchen Techniken/Mittelchen. Nicht zuletzt finden wir auf den einschlägigen Websites auch immer wieder Spendenaufrufe. Ob diejenigen Personen selbst an die Inhalte der Verschwörungstheorien glauben oder ob sie die nur als Mittel zum Geldverdienen einsetzen, ist natürlich fraglich.
- Viele Verschwörungstheoretiker sind anfällig für Schuldzuweisungen an etwas Böses. Dieses Prinzip verfolgen auch politisch extreme Kräfte, indem sie bestimmte Personengruppen verantwortlich für mögliche Missstände machen. Somit sind auch die Verschwörungstheoretiker eine geeignete Zielgruppe für deren Gedankengut, wobei hier auch der allgemeine Antiamerikanismus ins Spiel kommt, für den die Zielgruppe gut eingesetzt werden kann.
Natürlich könnte zu den Verschwörungstheorien noch viel mehr analysiert werden damit beschäftigen sich sogar viele Leute. Hier sollte es aber nur ein kleiner und relativ allgemeiner Überblick sein.

Die bestehenden Herrschaftsverhältnisse hingegen sind komplex. Es wäre anstrengend, die verschiedenen Mechanismen, Konkurrenzen und Elitestrukturen auch nur annähernd zu erfassen, um zu begreifen, warum was und wie geschieht (siehe die Texte, Definitionen und Thesen auf www.herrschaft.tk sowie in den Büchern des Seitenhieb-Verlages). Denn bei genauerem Hinsehen fehlt ein klar lokalisierbares Zentrum der Welt - ebenso ein alles prägender, außerhalb der Gesellschaft liegender Mechanismus. Daraus folgt nicht, dass alle Menschen gleichberechtigt sind, sondern die Menschen haben je nach Stellung, Beziehungen, Fähigkeiten und Mitteln unterschiedliche Gestaltungsmacht in dieser Gesellschaft. Aber niemand, auch keine Institution oder Gruppe, hat den Steuerknüppel exklusiv in der Hand. Es gibt sie einfach nicht, die oft gesuchten und mitunter vermeintlich gefundenen StrippenzieherInnen der Welt. Das ist doof für alle, die schnell und einfach die Welt erklären wollen. Denn gerade darum haben "Verschwörungstheorien" Hochkonjunktur: Sie entlasten so schön den Kopf, wenn mensch sich einreden kann, irgendwo säßen die Bösen, die alles lenken - oder es existiere ein diffuser großer Keilriemen im metaphysischen "Off", der die Welt antreibt. Doch solche Sparsamkeit im Denken ist nicht nur gefährlich, weil auf diesen Bildern auch alle bisherigen Vernichtungsphantasien (historisch vor allem gegen „die Juden“, heute oft gegen „den Islam“, "die Ausländer", "das Finanzkapital" oder „die USA“) basieren. Sie sind zudem eher für die nützlich, denen sie eigentlich entgegentreten sollen: Den Funktionseliten moderner Herrschaftssysteme. Sie können ungestört in den intransparenten und zentrumslosen Sphären gesellschaftlicher Gestaltungsmacht agieren, während viele unzufriedene Menschen sich mit Chemtrails, Zinseszins- und Finanzkapitalhetze oder an ausgewählten Bankiersfamilien dieser Welt abarbeiten ...

Was braucht eine vereinfachte Welterklärung und was macht sie attraktiv?

Wodurch überzeugen "Verschwörungstheorien" oder einfache Welterklärungen? Was macht sie aus? Es sind mehrere Merkmale.

1. Vereinfachungen, gepaart mit ...
2. ... ständigem Einhämmern der simplen Losungen ...
3. ... und einem Schuss geheimnisvollen Welten
Dazu der Charme der Weltrettung ...

In Konferenzen, Filmen, auf Internetseiten, Online-Nachrichtenportalen usw. frönen die VordenkerInnen der einfachen Welterklärung der Vorstellung, sie seien die Auserwählten der Weltrettung. Damit machen sie die nächste Vereinfachung auf: Enttäuschte, Empörte, Verwirrte, VerliererInnen neoliberaler Umwandlung, Internet- und Smartphoneverstörte und viele mehr verlagern den Wunsch nach Veränderung von sich selbst und ihrem eigenen Leben (Handeln, Denken ...) auf Führungsfiguren, die in großen Inszenierungen symbolischer Beteiligungsdebatten ihre Stellung zelebrieren. Nie geht es z.B. bei den großen Kongressen um offene Diskussion. Vielmehr ist alles gesteuert, mehrfach aufgefangen in Moderations- und Interventionsstrukturen. Billiger Applaus, wie er für einfache Erklärungsmodelle immer schnell kommt, schafft den Schein kollektiven Zusammenhandelns. Ob Anti-Zensur-Konferenz (AZK), die Handzettel und Konferenzen von "Stimme und Gegenstimme" oder der Aufbruch "Gold-Rot-Schwarz" (Start war am 9.11.2012 in Alsfeld) - das Management ist immer das Gleiche.

Im Original: Abschriften/Auszüge 9.11.2012 Alsfeld ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Verlaufsbeschreibung und Zitate (kursiv) aus Reden und Ergebnisprotokollen (Quelle: Videos auf Internetseite)
Anfang: Ein Mann spricht davon, das Weibliche zu fördern. Seine Frau macht eine Atemmeditation, dann kommen wieder zwei Typen aufs Podium, um Inhalte und Regieanweisungen des Treffens vorzugeben.
Konferenzregime: In Eingangsrede erklärt Jo Conrad (Macher von www.bewusst.tv) den Ablauf. Es gibt Arbeitsgruppen, die sollen was erarbeiten. Für alle Gruppen sind "MediatorInnen" vorgesehen. Die sollen vor allem störende Einzelmeinungen verhindern: "Bitte arbeiten Sie mit an den einzelnen Bereichen, und versuchen Sie nicht, Ihre eigenen Vorstellungen durchzusetzen, denn natürlich möchte jeder mit seinen Ideen gerne Anerkennung finden. " ... "Und lassen Sie uns um die Unterstützung der geistigen Welt bitten, die nur zu freudig bereit ist, uns zu helfen, wenn sie darum gebeten wird. Denken Sie daran, dass wir alle geistige Wesen sind, die sich entschieden haben, hier zu inkarnieren, und dass dies ein wichtiger Tag für uns alle sein kann, wenn wir den Respekt für alles, das uns begegnet, aufbringen."
Michael Vogt trägt zudem anfangs vor, dass ein Rahmentext, der eigentlich das Ergebnis sein soll, bereits im Internet steht. Protest regt sich nicht. Von der Bühne folgt ständiges Bedanken dafür, dass alle Leute da sind, dass viele unterstützen ... "es ist wie geführt ... bleibt in Eurer Energie"
Arbeitsgruppen werden vorgestellt.
Mikrofon kaputt ... "Nehmen wir das nächste, ist ja nicht wie bei armen Leuten"
Als eine Frau eine Stelltafel trägt: "Oh guck mal, starke Frauen".

Nach Arbeitsgruppenphase folgt eine Mediation über gemeinsame Ideale ... "Eure Wurzeln am Steißbein fallen lassen, Euch erden ... Stellt Euch jetzt vor: Wie sieht die Welt aus, in der Ihr idealerweise leben wollt (meditative Musik mit Vogelgezwitscher folgt, mehrere Minuten, dazwischen gesagt:) und fühlt in Eurem Körper: Wie fühlt sich diese Vision in Eurem Körper an ... was Ihr aussendet, was Ihr in die Welt strahlt, dass ist das, was Ihr bekommt ... Lasst uns Liebe in die Welt strahlen ... dann könnt Ihr langsam wieder ankommen, aber ich möchte Euch bitten, den Fokus zu halten auf diese Vision, auch wenn Ihr wieder hinausgeht in die Welt da draußen" (Applaus).
Moderator: "Wir bauen hier ein Bewusstseinsfeld auf, das weit über Alsfeld hinausgeht ... geht mal in das Wesen, dass Ihr wirklich seid ... seid Euch bewusst: Ihr seid göttliche Wesen und dann können die, die immer denken, sie können hier über uns bestimmen, nämlich einpacken ... jeder Einzelne hier könnte eine bessere Politik machen als die in Berlin"
Vorstellung AGs (alle bekamen Textvorlagen, die einige Tage später als weitgehende Abschrift aus einer Burschenschaftszeitung identifiziert werden konnten):
- AG "Forschung, Wissen, Weisheit" will, dass außerweltliche Phänomene als Forschungsgegenstand anerkannt werden ... "Die ethischen Gesetze und die Achtung vor der Einzigartigkeit der Schöpfung wird in allen Bereichen der Forschung geachtet und hat die Suche nach der kosmischen Wahrheit zum höchsten Ziel." (Applaus, Moderation: "Sehr schön")
- AG "Wirtschaft und Finanzen": Vergleicht Moderatorin mit Löwenbändigung ... wollen Aufklärung: Was ist Geld? ... Zinsthematik: "Aufklärung über die Zinsproblematik, daß die Zinsen ja nicht mitgeschöpft werden, der parabolische Anstieg der Schulden, Zwangsläufiges Scheitern eines Zinsgetriebenen Fiat-Money-Systems, Gründe des Zinsverbotes in Religionen und Geschichte." ... "Anschaulich erklären, simple Beispiele verwenden." ... "wir haben alle etwas Göttliches in uns" ...
- AG "Medien und Kommunikation": Hetze gegen Dagegensein "FÜR eine Sache einzutreten ist wesentlich. Gegen eine Sache zu kämpfen erzwingt Gegenkampf. ... "Respekt und Wertschätzung der deutschen Sprachkultur" (spontaner und fetter Applaus) ... "ich bin in der Seele deutsch" (Daumen hoch vom Moderator) ... "ich liebe die deutsche Sprache, da darf keiner etwas sagen drüber" (wieder spontaner Applaus) ... "Aufrechterhaltung des hohen Energieniveaus der deutschen Sprache"
- AG "Kunst und Kreativität": Durch Vertrauen in den kreativen Prozess kann Schönheit entstehen.
- AG "Spiritualität und Bewusstseinsentfaltung": Auszug "Ich lebe aus göttlichem Ursprung nach universellen Gesetzen mein bewußtes Sein in Liebe zum Wohle allen Lebens. Ich bin Schöpfer meiner eigenen Realität. Spiritualität und Bewußtseinsentfaltung dienen allen Lebensbereichen, insbesondere in Bildung und Forschung werden kosmische Gesetze gelehrt, erforscht und gelebt." (Reaktion Moderation: "wunderbar")
- AG "Regierung und Politik": Rätebildung, orientiert am Thing ... "natürliche Netzwerke" ... "Wir setzen uns ein, für ein freies Europa der Heimatländer und für ein freies Deutschland als Ganzes"
- AG "Recht und Sicherheit": "Jeder Mensch hat unveräußerliche Rechte, die ihm von der Schöpfung gegeben und nicht beschnitten werden dürfen. ... Das Recht dient den schöpfungsgegebenen Menschenrechten." ... "Die Polizei – die Exekutive - hat die Aufgabe, die Menschen vor Straftaten zu schützen." ...
- AG "Außen-/Bündnis- & Sicherheitspolitik" (vorgetragen von Michael Vogt): "Deutschland nimmt sein Schicksal in eigene Hände und stellt seine (immer noch nicht vorhandene) Souveränität auf der Basis des Völkerrechtes her. ... Diese Souveränität geht mit der Sicherung der eigenen Identität einher. ... Deutsche Verteidigungstechnologie dient ausschließlich der Landesverteidigung. ... Das Asylrecht wird grundsätzlich beibehalten und zugleich auf die Länder, in denen tatsächliche Menschenrechtsverletzungen stattfinden, konzentriert. Einer demographischen Umgestaltung der autochthonen Gesellschaft wird durch Einführung von Visumspflicht vorgebeugt. Das Asylrecht wird durch gezielte Entwicklungshilfe vor Ort ergänzt. ... Deutschland muß aus der Haft durch die Stationierung us-amerikanischer ABC- und anderer Massenvernichtungswaffen heraus. ... Deutschland nimmt seine Landesverteidigung in eigene Hände. Dazu dient eine Truppe, die mit den dazu nötigen Mitteln ausgestattet und entsprechend auf- und ausgebaut wird. ... Vor dem Hintergrund der gemeinsamen Geschichte und der Bedeutung des Landes als europäischer Nachbar kommt darüber hinaus den guten und freundschaftlichen Beziehungen zu Rußland eine besondere Bedeutung zu." ... (ständiger Zwischenapplaus)
- AG "Familie und Kinder": "Familie: Mutter - Vater - Kind (kleinste Einheit der Gesellschaft)... Wertschätzung der verbindlichen Partnerschaft" ... Werbung für freileben.org
- AG "Umwelt ...": Definition "Umwelt – die Welt die uns umgibt. Immer und überall, mit der wir zutiefst verbunden sind – im feinstofflichen und im Energiefeld."
- AG "Landwirtschaft" (Friedhelm Berger):
- AG "Bildung ...": "Jeder der kann, darf lehren (Bsp.: Omas - Kochen, Opas – werken, bauen, Väter – Information)"

Endmoderation Jo Conrad: "Wir senden hier auch etwas aus. Es kommt ein Massenbewusstsein in das morphogenetische Feld ..." Michael Vogt: "Und irgendwann sind wir die 99%." (Applaus) "Wenn wir ans Herz gehen, dann sind wir in einer anderen Qualität, die ist nicht zu erreichen für Manipulation." ... "Hambacher Fest 2.0"
Meditationsfrau macht Abschluss und bedankt sich bei den "Männern im Hintergrund", dass sie hier für alle Frauen reden darf, ohne darum kämpfen zu müssen (Applaus). Dann Mediation mit Händchenhalten im Kreis (fast alle machen mit): "Atmet durch die linke Hand ein und durch die rechte Hand aus." Am Ende: "Das war Nineeleven Germany - und jetzt umarmt Euch, was das Zeug hält!"

Reproduktion patriarchaler Frauen-Männer-Bilder und Deutschtümelei schon im Aufruf vor der Konferenz: "Integration von Frauenbewegungen, die sich mit den spirituellen Kräften verbinden und zur Heilung von Mutter Erde und vielen Menschen beitragen. Die Vereinigung der weiblichen und männlichen Kräfte birgt für uns ein riesiges Potential ... Ausrichtung an dem hohen geistigen Erbe der Deutschen"

Ging es um Geld? Ganz absurd ist die Frage nicht, denn auch vereinfachte Welterklärer_innen stellen ihre Spendenkonten und -kassen oft in den Vordergrund. So wie die Internetseite zur obigen Veranstaltung ...

Mit ihrer gezielten Art, kopfgängige und schnell akzeptierte Begründungsmuster mit hohem Empörungspotential zu verbreiten, gehören die einfachen Welterklärungen und "Verschwörungstheorien" zu den Populismen. Komplexe Einflüsse werden ebenso weggelassen wie Zweifel und Gegenbeispiele. Typisch ist, alle möglichen Geschehnisse auf das einmal als dominant erklärte Muster zu projizieren: "Siehste, schon wieder ...", heißt es dann schnell. Und so entstehen die sich selbst bestätigende Ideologie und der Glaube an deren Dominanz. Andere Erklärungsmöglichkeiten werden gar nicht mehr ins Auge gefasst. Es reicht der gelungene Versuch, das beobachtete Geschehen auf die als zentral empfundene Universalursache zurückführen zu können. Dass dafür immer wieder Details uminterpretiert oder hinzuerfunden werden müssen, geht im Gesamtempörungsmischmasch unter, der aus den populistischen Erklärungsmustern regelmäßig entsteht.


Empfehlungsliste auf Youtube (Screenshot am 28.5.2014): Hoher Anteil am Thema "Verschwörungen"

... und ein Jammern über die eigene Lage (vermeintliche Zensur, Ausgrenzung usw.)

Die endlosen Listen mit Vorwürfen wegen Zensur bieten eine perfekte Anschauung über das zentrale Wirkungselement vereinfachter Welterklärungen. Mitunter geht dieser eine eigene, durchaus nützliche und intensive Analyse der Mainstream- bzw. herrschenden Meinung voraus. Dann aber kommt das, was alle Weltvereinfachungen kennzeichnet: Die eigene Matrix, das politische Interpretationsmuster, wird auf die Angelegenheit gedrückt. So geschieht es im Buch „Die Akte Wikipedia“ von Michael Brückner. Minutiös werden die Manipulationen in der Online-Enzyklopädie aufgelistet – durchaus zumindest eine Fleißarbeit. Der Blick auf führende Personen und ihre Interessenlagen deckt die fraglos bestenden Machtapparate auf. Dann allerdings verfällt das Buch in einen Jammerstil, dass vor allem die eigenen Meinungen ausgegrenzt würden. Schnell werden Feindbilder ausgemacht: Die Linken müssen das Projekt "Wikipedia" beherrschen. Beweise für diese These liefert das Buch nicht. Wer Kapitel über "Gentechnik" oder andere Themen durchliest, stellt auch schnell fest, dass diese Auffassung absurd ist. Wikipedia ist ein Projekt der gesellschaftlichen Eliten - konzernnah, technizistisch und feindlich gegenüber allem, was Markt und moderne Rechtsstaaten kritisch sieht.
Vom gleichen Autor, zusammen geschrieben mit dem ebenfalls als Enthüllungsschreiber mit bemerkenswertem Buchausstoß bekannten Udo Ulfkotte, stammt „Politische Korrektheit“. Es ist eine dramatisch daherkommende Sammlung von Fallbeispielen für vermeintlich absurde gesellschaftliche Zustände und Akzeptanz des Schlechten. Fast überall lauert das Böse – stets bereit, die Rechtschaffenen und das Lieblingsopfer aller bösen Mächte, die Deutschen und ihr Land, zu unterdrücken. Klassisch die Zweiteilung: Zum Teile gute Kritik herrschender Meinungen, gepaart mit überwiegend quellenlosen und regelmäßig frei konstruierten Herleitungen, in denen die vorab vorhandene Interpretationsmatrix deutlich wird. Auffällig ist die Schludrigkeit des Buches, welches – angesichts der Schreibwut der Autoren vielleicht nicht überraschend – bemerkenswerte Schnellschüsse an die Stelle von Argumenten und Logik setzt. Nicht immer ist es dabei so seltsam wie auf Seite 200, wo oberflächliches Wissen über Kriminalitätsstatistiken mit der Matrix des Ausländer_innenhasses belegt wird: „Dabei sind in Deutschland bei Mord und Totschlag 28 % aller Täter Ausländer – Tendenz steigend“ (immerhin mit Quellenangabe: Die BILD-Zeitung). Dann folgt der Satz: „Nimmt man Totschlag noch mit hinzu, dann stellen Ausländer mehr als ein Drittel der Tatverdächtigen.“ Eine schöne Kombination: Erstens war Totschlag bei ersten Satz schon drin, zweitens wechselt der Begriff ganz unmerklich von „Täter“ auf „Tatverdächtiger“. Dass häufiger Nicht-Deutsche verdächtigt oder z.B. kontrolliert und deshalb gefasst werden, könnte auch ganz andere Ursachen haben … z.B. der Hass gegen alles Fremde, den die Autoren zwei Seiten weiter offen zeigen: „Deutsche werden regelmäßig von Migranten grundlos auf der Straße zu Tode geprügelt.“ Welch ein Satz – und schon rein logisch ganz unverständlich: Was ist denn mit regelmäßig gemeint? Jeden Dienstag um 12.21 Uhr? So geht es Thema für Thema, alles wird irgendwie angerissen und dann teils bemerkenswert oberflächlich abgetan. Kostprobe: „Dummerweise ist Gender bei näherer Betrachtung nichts anderes als Blödsinn“ (S. 279).

Das Buch "Unzensiert 2013" von Andreas von Rétryi überrascht durch zweierlei. Zum einen enthält es keine einzige Quellenangabe. Das ist für ein Werk, welches als Enthüllungsbuch auftritt, schon bemerkenswert. Offenbar scheint der Autor der Meinung zu sein, dass das einfache Erzählen von Stories, die empören sollen, reicht. Zum zweiten sind in dem Buch wenig Sachen zu entdecken, die nicht schon aus den Mainstreammedien bekannt sind. Es sind also gerade keine unterdrückten Informationen, die nun über dieses Buch ans Tageslicht kommen, sondern all das, was als zwar von der Durchschnittsmeinung abweicht, aber durchaus längst bekannt ist. Das ist selbst für den Kopp-Verlag unüblich, der ja regelmäßig quellenlosen Empörungsjournalismus Raum bietet, aber meist nicht auch noch derart langweilig geschrieben.

Nicht nur die eigenen Meinungen werden als "zensiert" behauptet, sondern die gesamte Medienlandschaft sei zensiert. "Lügenpresse" ist das dafür in solchen Kreisen gebräuchliche Wort. Alle Medien seien zensiert und zentral gesteuert. Manche Ideologen behaupten sogar, dass z.B. die CIA alle Redaktionen steuere und die Texte schreibe, die dann anderntags erschienen (z.B. Holger Strohm, siehe die Zusammenstellung seiner Zitate im Film "Empörung und Verschwörung". Absurd ist, dass gleichzeitig fast alle Werke, die überhaupt Quellen angeben, vor allem solche Zeitungen benennen, die besonders reißerisch agieren (Bild, Welt, Spiegel usw.). Wenn "Lügenpresse"-Rufer_innen für ihre eigenen Werke ausschließliche die "Lügenpresse" als Quelle nutzen - was sind sie dann selbst???

Aus Bernd Höcker (2015): "Böse Gutmenschen", Kopp Verlag in Rottenburg (S. 73)
Das "Unwort des Jahres 2014" lautet übrigens "Lügenpresse". Man darf also die Wahrheit über die Presse nicht mehr sagen.

Angst bis zur Apocalypse

Aus "Schon über 300.000: Immer mehr Deutsche besorgen sich einen kleinen Waffenschein", in: Focus, 9.2.2016
Der sprunghafte Anstieg zeige die wachsende Verunsicherung der Bevölkerung, sagte Mihalic. "Wenn jedoch immer mehr Menschen Waffen tragen, wird das eher zur Eskalation als zur Beruhigung der Lage beitragen", so die Fraktionsexpertin für innere Sicherheit.

Aber eigentlich ist es selten mehr als die Projektion eigener Annahmen auf das Geschehen in der Welt

Zentrales Mittel der Konstruktion ist das Hineinpressen von vorher feststehenden Interpretationen in ein Geschehen, d.h. es gibt keine Ursache, aus der sich das Geschehen entwickelt, sondern es passiert etwas und dann wird es der Denkschablone entsprechend interpretiert. Anschließend erscheint die Sache dann so, als hätte die benannte Ursache. Berühmtestes Beispiel sind die einstürzenden WTC-Türme in New York am 11.9.2001. Angesichts der Vielzahl an Interpretationen ist ein Durchdringen zu den Ursprungsvorgängen kaum (noch) möglich. Aber es geschah, was vorher klar war: JedeR an den Spekulationen Beteiligte projizierte seine Erwartung in das Geschehen. So fand die US-Regierung islamistische Gruppen als Täter - es hätte nicht anders kommen können im Jahr 2001. US-feindliche "VerschwörungstheoretikerInnen" entdeckten hingegen, was sie immer schon im Kopf hatten: Die CIA. Antideutsche nannten die Palästinenser usw. Recherche ist dafür nicht nötig.
So ging es bei zahlreichen anderen Fällen - und fast alles wird heute gerichtet interpretiert: Der Abgang von Bundespräsidenten, Doktortitel-BetrügerInnen oder Päpsten ... alles wird zur großen Verschwörung.
In der Abbildung ein Beispiel aus der Nachrichtensammlung von solchen einfachen Welterklärungen, diesmal zum Amoklauf von Winnenden. Keine Quelle wird genannt, überwiegend nur spekulative Punkte aneinandergereiht. Aber im Kopf bleibt hängen: Da stimmt was nicht - böse Mächte haben da was manipuliert. Dabei ist nicht gesagt, dass das falsch ist. Das lässt sich gar nicht beurteilen, denn die Interpretation folgt einem gerichteten Blickwinkel, d.h. kümmert sich nicht um eine Analyse, sondern projiziert das vorher feststehende Ergebnis auf das Geschehen. Rein statistisch ist wahrscheinlich, dass ab und zu auch mal der eine oder andere Punkt stimmt. Darauf kommt es aber gar nicht an.

Rechts und unten: Beispiele aus "Stimme&Gegenstimme" mit einfachen Spekulationen über Morde als Mittel der Beschneidung des (offenbar gewünschten) Waffenbesitzes (also Lobbyarbeit pro Waffenbesitz).

Im Original: Alles taugt für Erklärungsmysterien ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus dem Katalog des KOPP-Verlages:


... und: Titanic-Untergang, Rücktritte von Wulff oder Papst Benedikt ...

Ähnlichkeit mit dem Aufdrücken eines festen Interpretationsrasters auf jedes Geschiehen hat die zunächst bei jeder Analyse wichtige Frage "Cui bono?" oder auf deutsch: "Wem nützt es?" Allerdings ersetzt das keine Beweisführung. Dass z.B. einer Regierung oder einem Konzern etwas nützt, ist kein Beweis, dass sie auch die Ursache sind. Wahrscheinlich freuen sich die jeweils Mächtigen in den nutznießenden Institutionen über das Geschehen. Sie werden es in ihrem Sinne interpretieren. Sie unterlassen vielleicht auch manche Handlung, die Abläufe zu verhindern oder in ihrer Wirkung zu verringern. Aber ob sie auch die Ursache waren, ist nicht dadurch bereits bewiesen, dass es ihnen nützt. Oft ist es außerdem so, dass die Mächtigen durch ihre Macht in der Lage sind, ein Geschehen so umzudeuten, dass es für sie nützlich wird. Ohne diese Umdeutung wäre es das gar nicht, d.h. die "Verschwörung" wäre die Deutung, nicht das Geschehen selbst. Selbstverständlich: Ausgeschlossen ist es damit nicht, dass die Nutznießenden auch die Verursacher_innen waren. Es ist möglich, aber nicht notwendig so.

Da stören dann auch nicht mehr ... absurde Widersprüche

Es sind zu großen teilen die gleichen Leute, die ...

Vereinfachte Welterklärungen an Beispielen

Es gibt unzählige Verschwörungsmythen und vereinfachende Erklärungsmuster für komplexe, gesellschaftliche Phänomene. Viele davon werden in möglicherweise etwas gelangweilten Kreisen immer wieder neu erzählt und sorgen für Entrüstung ohne jegliche Relevanz für eigenes Leben oder öffentliches Wirken. Ob es die im Winde flatternde Fahne bei der ersten Mondlandung ist (auf dem Mond gibt es doch gar keinen Wind ...) oder irgendwelche seltsamen Wetterphänomene sind - es gibt mindestens so viele Geschichten, wie rotwein-feuchte Abende oder andere Anlässe vorbeiziehen, bei denen solche Ideen entstehen. Nicht dass die empörten Berichte immer völlig aus der Luft gegriffen sind - aber trotz auch anderer möglicher Erklärungen ziehen sie im Schnellschuss das gewünschte Fazit. Viel schlimmer aber: Sie sind für das praktische Leben so interessant wie eine verpasste oder, schlimmer, mitverfolgte "Wetten, dass ..."-Sendung.
Einige der Erzählungen und Erklärungsmuster tauchen gerne in politischen Debatten auf. Das ist nicht überraschend, denn "Verschwörungstheorien" bieten einfache Erklärungsmodelle für eine als unbefriedigend empfundene Lage. Wer immer die Entwicklung der Welt nicht mag, wer Ungerechtigkeiten spürt oder selbst in einer unfreundlichen Lebenslage schmort, kann mit "Verschwörungstheorien" zwar keine Verbesserung erreichen, aber wenigstens die Schuldfrage abhaken, ohne allzuviel Denkkraft zu investieren. Es wäre nämlich anstrengend, die eigene oder allgemeine Situation mit ihren vielen Mechanismen, Konkurrenzen, Deutungs- und Funktionseliten in modernen Herrschaftsstrukturen auch nur annähernd zu erfassen. Aber genau das ist nötig, um zu begreifen, warum was geschieht. In der Komplexität bestehender Hierarchien und Diskurse haben Menschen zwar unterschiedliche Gestaltungsmacht, d.h. es existiert ein - mitunter sehr steiles - Gefälle der Macht. Doch nirgendwo hat das Geflecht hegemonialer Teile und Mechanismen ein klares Zentrum.
Umweltzerstörung, Globalisierung und Kapitalmacht sind besonders häufige Kontexte für vermeintlich enttarnte Verschwörungen oder vereinfachte Welterklärungen. Einige von ihnen sollen im Folgenden kurz vorgestellt werden - ohne Anspruch auf Vollständigkeit sowohl hinsichtlich der Liste von Theorien wie auch der möglichen Varianten und skeptischen Fragen bis Widerlegungen. So wenig wie Vereinfachungen die Wahrheit widerspiegeln, als deren Enthüllung sie sich gern inszenieren, so wenig hat auch dieser kritische Text einen Anspruch auf höhere Erkenntnis. Der Feind aller Vereinfachung und Verkürzung ist die bohrende Skepsis, also das ständige Hinterfragen. Das gilt immer. Folglich sollte auch diese Kritik am Vereinfachten nicht als neue Wahrheit akzeptiert werden. Möge einiges auch noch so einleuchtend klingen ...

Zu den einzelnen "Theorien", Personen und Hintergründen werden Links angegeben, die zum Teil auf die Seiten der Benannten selbst führen oder auf Seiten über diese. Dazu gehört www.psiram.com - eine Art Wikipedia vereinfachter Welterklärungen. Die Quellenlage ist dort mitunter schwierig und deutet an, dass auch die Kritik eher vom Sofa und vereinfachend formuliert wird. Dennoch ist es die umfangreichste Datenquelle mit Links und vielen Zusatzinformationen, weshalb ein Blick dorthin in der Regel lohnt. Selbst zu denken, ist ja ohnehin immer gut - also auch (und gerade) bei Psiram ... und auch bei diesem Text!

Richtig dumm: Was „Verschwörungstheoretiker_innen“ so von sich geben ...

... und trotzdem angesagt sind. Oder deshalb?

Wenn Akif Pirincci sein Buch „Deutschland von Sinnen“ schon auf dem Titel mit dem Zusatz „Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“ versieht, ahnt mensch schon nichts Gutes. Denn mit dem „Kult“ um die drei Gruppen, die zusammen die überwältigende Mehrheit der Menschen stellen, sind nicht extravagante bis exotistische Bühnenshows oder Comingsouts in den Glamoursphären der Gesellschaft gemeint, sondern der Versuch, Benachteiligungen und Unterdrückung von Menschen aufzuheben. Dass dabei nicht immer alles sinnvoll ist oder für andere Zwecke genutzt wird – geschenkt. Wo ist das nicht. Aber Pirincci macht aus seinem Hass und offenbar aus Langeweile ("da ich grad nix Besseres zu tun habe") eine Anklageschrift, noch dazu in einem Stil, der seinem selbst benannten Ziel gerecht wird: „Ich hoffe trotzdem inbrünstig, daß ich Sarrazin in dieser Beziehung mit dem vorliegenden Buch den Rang ablaufen werde“.

Nirgends erklärt wird, wie die Buchreihe, die Pirincci jetzt berühmt machte, zu ihrem Namen kam: „Lichtschlag in der Edition Sonderwege“ steht unten auf dem Titel. Ein Autor der Edition ist Andre F. Lichtschlag. Wäre er der Namensgeber, würde das passen. Denn in seiner neoliberal-weltvereinfachenden Zeitschrift „eigentümlich frei“ (Sept. 2014, S. 34) findet sich der wohl dümmste Spruch zum Thema Frauen und Gleichberechtigung: „Eine für den Mann kochende Frau ist ein transzendentales Urerlebnis, vergleichbar mit dem Öffnen des ersten Dosenbiers, dem Jagen eines wilden Tieres oder dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft.

Im Original: Princci von Sinnen ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Akif Pirincci (2014), „Deutschland von Sinnen“, Edition Sonderwege
Deutschland, o du goldenes Elysium! Du kraftvoller Stier! Du bist die Macht, die ganz Europa trägt! Du bist das schönste aller schönen Länder! Du bist das warme Licht des Südens und das kühle Meer des Nordens, darüber die sternenklare Nacht! Niemals möge der Adler seine wachsamen Augen von dir abwenden, und immerdar mögen seine scharfen Fänge und sein starker Schnabel dich beschützen! Du bist das Paradies, und ganz gleich, wieviele Hurensöhne dich noch verraten werden, am Ende wirst Du sie alle überleben.
Wären wir bei einem Blogeintrag im Internet, würde der Leser jetzt auf den für Begriffsstutzige ausgedachten Zusatz »Ironie off« warten. Von wegen, ich meine es wirklich ernst! Dort, wo ich herkomme, heißt die Heimat nicht Vaterland, sondern Mutterland. Und so nenne ich auch dich, meine Hübsche, »Mutter«, auch wenn ich nur dein Adoptivsohn bin. Aber du hast es mich nicht spüren lassen. Keine Sekunde lang.
Wie augenschmeichelnd du daherkommst. Grün bist du, oben vom Flugzeugfenster aus betrachtet, grün, nichts als grün, mit Einsprengseln von pittoresken Dörfern, kleinen Ortschaften und wenigen Großstädten, und selbst die schwelgen in Grün. Ein einziger Naturpark. Deine Wälder, deine riesenhaften und geheimnisvollen Wälder, in denen die deutsche Seele fest verankert sein soll, in denen Arminius' Herz blutete und sich einst Hänsel und Gretel verirrten. Deine Seen, deine Flüsse, dein Wasser wußtest du, daß das erste Mineralwasser aus einer deiner Quellen in die Welt kam? Viele Namen stehen für dich; der schönste ist Grimm. Durch ihn nistest du dich ein in die Seelen der Kinder, wo immer diese auch leben. Beim Erfinden warst du schon immer spitze. Du hast den Computer vor dem Computer erfunden und die Rakete vor der Rakete. Ohne deinen Erfindungsgeist existierte nicht die moderne Welt, wie wir sie kennen. »Wir sind alles, ihr seid nichts!« Ironie on. Aber nur ein bißchen. Denn mia san mia! … (S. 11)
Man darf in diesem Land in einer Kneipe nicht mehr rauchen, aber nach der eingeatmeten rauchfreien Luft einer Kneipennacht und deren süßer Folge ein Kind abtreiben. Und die komplette linksversiffte Presse applaudiert dazu. … (S. 12)
Geisteskrankheit namens Gender Mainstreaming ... (S. 16)
Und so ist die Ehe vor Urzeiten für die Stabilität einer Familie »erfunden« worden und keineswegs, damit man eine tolle Party namens Hochzeit feiert und anschließend dem Familienmodell »Papa, Papa, Strichjunge« frönt. … (S. 21)
die Schwulen und Lesbenlobby ist hierzulande die mächtigste gleich nach dem Beamtenbund … (S. 23)
Ich werde jetzt erklären, wie es dazu kam, daß aus den tapferen Deutschen, brüderlich mit Herz und Hand, das größte Hosenscheißervolk der Welt wurde. … (S. 83)
Enteignungen von Privatvermögen zugunsten von Sozialparasiten oder Parasitenstaaten, Sozialklimbim noch und nöcher und Wohltaten für alles und jeden … (S. 87)
Da ich grad nix Besseres zu tun habe, zähle ich mal schnell die öffentlich rechtlichen Hörfunkprogramme auf: … (S. 178)
Und mehr Vertreter von Umweltverbänden sind diesmal dabei. Schließlich muß ja jemand das doofe Volk via Staats-TV mit der Lüge versorgen, daß es eine tolle Sache ist, wenn es durch den Umwelt- und Energiewende-Schwachsinn immer mehr verarmt. Diese Lüge wird clever bearbeitet, und das Volk wähnt sich mittels Klimawandel Horrorszenarien sogar im eiskalten Mai in den Tropen. Vertreter von Umweltverbänden (also gewissenlose Naturhasser und Umweltschänder a priori) … (S. 181)
Der deutsche Intellektuelle der Gegenwart ist von Natur aus dumm, … (S. 200)
Sobald jemand unter Sarrazin-Verdacht gerät, ist er praktisch schon tot. Ich hoffe trotzdem inbrünstig, daß ich Sarrazin in dieser Beziehung mit dem vorliegenden Buch den Rang ablaufen werde, … (S. 214)
Die zweite Todsünde der Frauenbewegung war der Umstand, daß sie sich von Lesben infiltrieren und dominieren ließ, bei näherem Hinsehen hauptsächlich einer Lesbenveranstaltung auf den Leim ging, welche man nach außen hin als »die Sache der Frau« verkaufte. Da sieht man mal wieder, wie manipulierbar Frauen sind, um nicht das Wort »doof« in den Mund zu nehmen. (S. 248)

Können "Verschwörungstheorien" auch zu etwas nützen?

Ja - und zwar sogar zweifach.

Teilweise gute Analyse offizieller Erklärungsversuche

Zum einen starten viele vereinfachte Welterklärungen mit einer deutlichen Skepsis gegenüber offiziellen Verlautbarungen. Das ist im Prinzip gut, um die Mechanismen von Manipulation, Diskurssteuerung und Erfindungen zu demaskieren und sich aus der Ohnmacht angesichts ständiger Fälschungen aus Herrschaftskreisen und Funktionseliten von Politik, Wirtschaft, Medien, Bildung und Justiz zu emanzipieren. Doch ein Lossagen allein von herrschenden Diskursen ist zu wenig. Es muss ein allgemeines, skeptisch-analytisches Denken hinzukommen - also eines, dass sich auf die eigenen Ideen, Recherchen und Analysen bezieht. Doch leider werden die eigenen Interpretationen und Erklärungen den Anforderungen, die "VerschwörungstheoretikerInnen" an regierungsamtliche Erklärungsmodelle stellen, selbst nicht gerecht. Sie sind regelmäßig platte Vereinfachungen und lassen bei ihren AutorInnen genau jene Denkschärfe vermissen, mit der die offiziellen Welterklärungen abgelehnt werden. Das beschriebene Fallbeispiel 9/11 zeigt das gut: Teilweise sauber recherchierte Enthüllungen der Lügen und Verdrehungen offizieller Seite, aber dann leider eigene Storys, die genauso vereinfachende Schlussfolgerungen ziehen. Das ideologische Ziel prägt die Analyse - hüben wie drüben: Die einen wollten den Islam oder wahlweise anzugreifende Staaten als Verursacher konstruieren - und dabei vertuschen, welchen Anteil sie selbst an der Ausbildung und Ausstattung der als zentral inszenierten "TäterInnen" hatten. Die anderen wollten die bösen USA brandmarken, um bei passenden Gelegenheiten auch noch kleine Nebenstorys mit einzubauen, die wie zufällig Finanzkapital, Israel und andere Bilder in die Gesamtkomposition des Bösen einfließen lassen.
Skeptizismus ist eine wunderbare Sache, hält das ständige Hinterfragen doch den eigenen Kopf in Schwung. Misstrauen nur gegenüber anderen, aber nicht gegenüber eigenen Welterklärungen zu hegen, ist aber kein sonderlicher Fortschritt. So werden nur die einen gerichteten und manipulativen Erklärungen durch andere ersetzt.

Einfache Erklärungen des Schlechten (Bösen?) in der Welt benennen oft gesellschaftliche Defizite, die auch aus emanzipatorischer Perspektive kritisiert werden müssen. Das gilt auch für ihre größeren Geschwister, die "Verschwörungstheorien". Der Fehler liegt meist nicht in der Benennung der Mangelsituationen, sondern in pauschalen oder frei erfundenen Verknüpfungen von Ursachen und Wirkungen bzw. der Überbetonung von Einzelaspekten zur Hauptursache.
"Verschwörungstheorien" und einfache Welterklärungen überhöhen in der Regel Teil- oder Scheinursachen gesellschaftlicher Abläufe zu Regelmäßigkeiten, die Dogmen gleichen. Statt eines analytischen Blickes wird der feststehende Erklärungsansatz auf alles angewendet und, wenn nötig, passend zurecht gebogen. Mit diesem Prinzip ähneln sie Religionen, esoterischen Lehren und einigen nicht-religiösen Ideologien. Zwar mag das jeweilige Muster, durch das alles betrachtet wird, unterschiedlich und in manchen Fällen (z.B. dem dogmatischen Marxismus) als Teilerklärungsansatz sogar tauglich sein. Doch wenn es alleinig, ständig und alternativlos angewendet wird, formt der Blickwinkel das Geschehen so stark, dass es zum prägenden Faktor wird. So geschieht es auch bei den "Verschwörungstheorien".
Hinzu kommt, dass sich die Erklärungsmuster ähneln können. So bewegen sich Metaphern von höheren Mächten, externen Energien oder geheimnisvollen Verbindungen zwischen den Menschen nahe an Erzählungen aus der Esoterik. Allmachtsphantasien aus Religion können denen in "Verschwörungstheorien" gleichen. Und die Reduzierung des Bösen in der Welt auf das Finanzkapital ist nicht so weit weg von der marxistischen Idee, die Welt sei Ökonomie.

Denkhilfe als schlechtes Beispiel

Zum anderen kann jedes schlechte Beispiel zum kritischen Hinterfragen und Fortentwickeln des eigenen skeptischen Denkens dienen. Denn mit kritischem Blick entlarvt sich schnell selbst, dass und wie bei "Verschwörungstheorien", einfachen Welterklärungen und verkürzten Gesellschaftskritiken gearbeitet wird. Da die Vereinfachungsmuster denen der vermeintlich entlarvten Mächtigen und Institutionen dieser Welt stark ähneln, hilft die kritische Auseinandersetzung mit "Verschwörungstheorien" und einfachen Welterklärungen als Training gegen das, was überall Diskurse hervorruft, gestaltet und steuert: Weglassen, täuschen, vereinfachen. Analytisches Denken folgt keinem festen Schema und hat keine vorhersehbaren Ergebnisse. Es ist das ständige Aktivbleiben im Kopf. Nichts und niemand darf davor sicher sein, kritisch beäugt zu werden.

Gegenmittel: Skeptisches Denken

Eigentlich hätten die ideologischen Propagandamaschinen von Regierungen, Institutionen, Konzernen, "think tanks" und anderen bessere Gegner_innen verdient als die lange Palette der Welterklärer_innen unterschiedlicher Vereinfachungsgrade von Anti-Finanzkapital bis zu Weltverschwörungen kleiner Kreise oder Außerirdischer. Doch unabhängiges Denken, Hinterfragen, Recherchieren und Gegenöffentlichkeit sind rar. Dabei wäre genau das ein wirksames Gegengift zur Manipulation des Kopfes: Das Nutzen und dabei Trainieren des eigenen kritischen Denkens.
Es gibt keine Pillen gegen verkürzte Analysen. Skeptisches Denken ist eine Form hinterfragender Wahrnehmung aller Informationen und Eindrücke. Es fühlt sich anstrengend an – am Anfang. Wer aber das skeptische Denken zum Alltag macht, wird merken, wie der Kopf mitgeht und zu einem verlässlichen Werkzeug wird, sich von nichts und niemandem mehr einfach einlullen und zu einer neuen „eigenen“ Meinung bringen zu lassen. Wer genau hinguckt und hinterfragt, emanzipiert sich nicht nur von vorgekauten Informationen und Wertungen aus offiziellen Ecken, sondern benötigtz gar keine gutgläubige Übernahme wohlklingender oder scheinbar schlüssiger Erklärungsversuche mehr. Alles, was mit einfach erscheinenden Erklärungen herüberkommt, sollte kritisch beäugt werden. Oder besser: überhaupt alles. Denn dazu ist der Kopf da - und das beste Gegengift zu "Verschwörungstheorien" und Regierungspropaganda heißt schlicht, immer skeptisch zu sein, zu hinterfragen und viele Quellen zu nutzen. Beginnt gleich mit diesem Text: Auch er ist keine unhinterfragbare Weisheit. Nichts ist eine Bibel - schon gar nicht die Bücher, die sich dreist auch noch so nennen, um besonders wichtig genommen zu werden. Dein Kopf ist der Partner, auf den Du Dich am meisten verlassen kannst in dem Sinne, dass Du einen immer Einfluss auf die Faktoren hast, die in ihm wirken. Jedoch bedenke, dass jeder Mensch - also auch Du - eine lange soziale Zurichtung abbekommen hat, unter den Diskursen der Zeit steht und sich all das in der Art der Wahrnehmung und Wertung verfestigt hat. Das lässt sich nicht abstellen, aber es gibt Hilfsmittel, um den eigenen Projektionen und erst recht denen anderer auf die Schliche zu kommen.
Kritisches Hinterfragen hat viele Vorteile, unter anderem auch eine bessere Abwehr gegen das Eindringen rechten und anti-emanzipatorischen Gedankenguts in eigene Überzeugungen. Das ist vielerorts nötig, z.B. in der Gentechnikkritik: Da treiben sich mitunter mehr oder weniger offen NPDler_innen herum, weit häufiger aber noch krude Heimatschützer_innen bis zu Menschen, die einem erzählen wollen, hinter allem stünden jüdische und/oder US-amerikanische Konzerne, Geheimdienste oder gar Außerirdische. Die Ausweitung einer herrschaftskritischen und emanzipatorischen Position bietet die notwendige und deutliche Abgrenzung gegenüber solchen und anderen antiemanzipatorischen Blickwinkeln. Am besten wird sie mit dem offensiven Formulieren einer Zukunft kombiniert, in der nicht die Zunahme von Kontrolle, Macht und Reglementierung, sondern deren Verschwinden die menschliche Produktivkraft für ein besseres Leben nutzbar macht. Solange aber nur Sorgen um Gesundheit und Umwelt die Kritik ausmachen, können sich Rechtsextreme, Freund_innen entfesselter Regulierungswut durch immer neue Gesetze und Ordnungstruppen ebenso problemlos einreihen wie die Anbeter_innen fremder Mächte von kosmischer Energie bis zu irgendwelchen Göttern, deren Willen zu befolgen sei oder deren Werke mit der Gentechnik besudelt würden. Die Unterschiede würden nicht auffallen. Sie wären im Kern ja auch gar nicht vorhanden. Wo aber eine emanzipatorische Orientierung prägend wird, entspannt sich die Lage. Wer sich um die Machtfülle von Staaten oder Göttern, die Reinheit von Völkern oder die Unversehrtheit von Heimat sorgt, steht dann im Widerspruch dazu. Abgrenzungen wären nicht mehr nötig, weil eine inhaltliche Nähe fehlt.

Dem skeptischen Hinterfragen steht der Verlust einfacher Orientierung im Leben gegenüber. Die schönen Klarheiten, die bisher den festen Anker des eigenen (politischen) Denkens bildeten, verschwinden. Ebenso fehlen geistige Führungsfiguren, Leitideologien und -kulturen. Fortan ist nichts mehr selbstverständlich, sondern die - sich durch Übung schärfenden - Sinne beobachten, hinterfragen, analysieren. Bei Bedarf werden Menschen selbst recherchieren, unangenehme Fragen stellen. Nichts ist schon vorher klar, nichts mehr einheitlich. Die Gesellschaft besteht nicht weiter aus festen Kategorien, sondern zerfällt in eine unendliche Vielfalt, die zudem dynamisch ist, d.h. sich ständig verändert. Sie ist eine Welt, in der viele Welten Platz haben.

Was immer gilt: Kritische Analyse statt feststehender Wahrheiten

Zum skeptischen Denken gehört auch die prinzipielle Skepsis gegenüber eigenen, gerade für sinnvoll gehaltenen Analysen und Überzeugungen. Es gibt keine Dogmen und keine Wahrheiten. Jede Meinung, die sich selbst für ewig richtig hält, ist ein Dogma. Denn wer heute meint, dass eine Überzeugung auch morgen noch Bestandskraft haben soll und wird, definiert sich selbst außerhalb der Fortentwicklung von Wissen und Möglichkeiten. Das machen aber nicht einmal PhysikerInnen auf der Suche nach dem Ursprung der Materie - warum also sollte es bei Erklärungsmodellen für soziale Abläufe gelten, wo doch dort deutlich mehr verändernde Einflüsse und grundsätzliche Möglichkeitserweiterungen hineinspielen.

Die kritisch-skeptische Analyse sei daher geübt und zum Alltag des Denkens gemacht. Sie stellt mindestens die folgenden Fragen an jede Information:

Das ist sicherlich nur eine unvollständige Liste, wie mensch auf Texte, Informationen usw. gucken kann. Dabei bitte immer bedenken: Wahrheit, „das ist bewiesen“ oder Objektivität sind Kategorien von Herrschaft. Tatsächlich können Menschen nicht frei von Zurichtungen, Interessen und Vorlieben denken und formulieren! Das ist daher auch nicht verwerflich, es kommt aber darauf an, diese mitschwingen Intentionen zu entdecken und abzuwägen. Denn des Menschen Stärke ist seine Fähigkeit, abzuwägen – und sich dafür ganz gezielt auch skeptische bis abweichende Meinungen einzuholen.
Neben dem skeptischen Blick auf alle Informationen hilft es, ganz gezielt nach abweichenden Meinungen zu suchen – also in den Quellen, die mensch selbst vielleicht nicht so mag: Wie wird dort argumentiert, wie sind die Interessen gelagert usw.? Gibt es gar Entgegnungen zur gerade erhaltenen Informationen? Und was bieten die?

Aus "Eine herrschaftskritische Warnung" von Jörg Bergstedt, im Text: "Gentechnik und Herrschaft: Eine Kritik aus emanzipatorischer Perspektive"
Aus der Idee von Unbestimmtheit der Zukunft folgt aus herrschaftskritischer Sicht eine Position, die manch radikalem/r GentechnikgegnerIn vielleicht zunächst aufstößt: Es ist nie emanzipatorisch, die Zukunft festschreiben zu wollen. Über das Geschehen in einigen Jahren, Jahrzehnten oder Jahrhunderten entscheiden nicht die Menschen jetzt, sondern dann. Deshalb ist es problematisch, nicht rückholbare Veränderungen vorzunehmen. Zwar ist Wandel auch immer ein Teil von Natur und Kultur (die ohnehin nicht trennbar sind), aber dennoch müssen grundlegende Eingriffe besonders gut überlegt und begründet werden. Das ist ein wichtiges Argument gegen Gentechnik. Allerdings folgt daraus nicht, dass auch unter gewandelten, z.B. herrschaftsfreien Verhältnissen jede Gentechnik abzulehnen ist. Denn diese Situation ist aus der heutigen heraus nicht wirklich plan- und vorstellbar. Daher wäre eine Festlegung ein anti-emanzipatorischer Akt, weil es Menschen der Zukunft Handlungsschranken auferlegen will. Daher sollte eine emanzipatorische Kritik der Gentechnik immer die konkreten Formen dieser Technik benennen und die Rahmenbedingungen, unter denen sie steht. Daraus kann eine grundlegende Ablehnung der Gentechnik folgen, denn alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens unterliegen aktuell sowohl der Profit- wie auch der Machtmaximierung, z.B. auch die Medizin. Es ist sogar sehr naheliegend, die Gentechnik unter aktuellen Bedingungen ganz abzulehnen. Aber eben nicht für immer, weil es grundsätzlich nicht sinnvoll ist, für Situationen etwas festlegen zu wollen, die mensch nicht kennt. Jedenfalls aus herrschaftskritischem Blick wäre das fatal. Denn die radikal herrschaftskritische Perspektive ist dort aufgehoben, wo aus politischen Positionen, die aus aktuellen emanzipatorischen Überlegungen resultieren, feststehende, nicht mehr hinterfragbare Dogmen werden. Herrschaftsfreiheit kennt keine Klarheiten außer der, dass immer die Menschen selbst der Ausgangspunkt sind. Nichts steht höher als sie - keine Religion, Moral, kein Gesetz und keine Ideologie, auch wenn viele das behaupten oder mit Macht durchsetzen.

Von Schein gesteuerter Verhältnisse

Der Verdacht, etwas sei von zentraler Hand gesteuert, entsteht oft (auch) deshalb, weil sich Verhältnisse ähneln.

Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Doch der Schein trügt. Wer die tatsächlich spürbare Gleichschaltung von Verhaltensweisen als Beleg für die Steuerung durch zentrale Gruppen wertet, unterschätzt die Macht der Diskurse und Verhältnisse. Diese dringen nämlich viel tiefer in die Poren des Lebens ein, bis in die kleinsten Ritzen des Alltags. Fast alle Menschen, die über genügend Geld verfügen, leben in Wohnungen, wollen arbeiten, jagen Billigangeboten hinterher, gucken stundenlang pro Tag Fernsehen und Internet, glauben an die Existenz voneinander unterscheidbarer Geschlechter, Rassen usw. Für all das gibt es nirgends Steuerungsgruppen, die solches Denken verordnen. Sondern die Gesamtheit der Einflüsse prägen die Menschen (auch jede_n Einzelne_n von uns). So ist es auch im Großen: Alle Firmen müssen Profite machen und Kapital akkumulieren - bei Strafe der Insolvenz. Ihre Angestellten sind die Vollstrecker_innen dieses Zwangs. Sie sind damit Marionetten - aber nicht konkreter Machtkreise, sondern der Verhältnisse und Interessen, die von einer amorphen Sphäre von Elite exekutiert wird.

Als Beispiel mag Wikipedia dienen. Wer meint, das sei eine offene Plattform, bei der alle mitarbeiten können und so verschiedene Blickwinkel auf eine Sache geworfen werden können (was herrschaftstheoretisch und wissenschaftlich das Beste ist, was erreichbar ist), irrt. Wikipedia vertritt die - völlig unwissenschaftliche - These, dass es Wahrheit gibt. Diese folgt aus einem "neutral point of view" (NPOV). Doch so etwas können Menschen gar nicht haben. Tatsächlich ist es die Meinung derer, die bei Wikipedia die Macht haben. Wird etwas Abweichendes geschrieben, so zensieren die Adminstrator_innen (eine Art Wikipedia-Polizei) das Unerwünschte weg. Statt Argumenten wird einfach behauptet, es sei nicht NPOV - also nicht die Wahrheit. Wie von Geisterhand gesteuert neigt nun Wikipedia dazu, tendenziell vor allem fortschrittsgläubige und pro-kapitalistische Positionen zu fördern. Doch die Geisterhand sind auch hier die Diskurse und Verhältnisse. Die Administrator_innen sind kein Querschnitt der Bevölkerung, sondern Akademiker_innen, die viel am Computer machen. Sie wollen sich zudem bei den Bildungseliten einschleimen. Und schließlich braucht das Projekt nicht nur Anerkennung bei den Eliten, sondern schlicht auch Geld. Alles zusammen reicht, um einen Druck auszuüben, der sich in Einseitigkeit niederschlägt. Eine direkte Steuerung bedarf es dafür nicht.

Konkrete Kritik mit umfangreicher Analyse verbinden

Konkrete Gegenpolitik muss greifbare Missstände oder Symbole thematisieren und angreifen, um wahrnehmbar zu werden. Das schafft die Gefahr, die Kritik auch auf den Einzelpunkt zu reduzieren, um so schnelle Erfolge oder gute PR zu machen. Da aber die Missstände immer auch einen komplexe Hintergrund haben, läge darin bereits eine Form der Vereinfachung. Gegenmittel ist, mit der konkreten Kritik die Benennung der dahinterliegenden Gesamtverhältnisse zu verknüpfen.

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Aus einem Gespräch mit Axel Köhler-Schnura von der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG) zu Konzernkritik und zum Verhältnis zu den Gewerkschaften, in: Direkte Aktion, Nov 2014
Frage: Konzernkritik birgt ja immer so eine gewisse Gefahr, den Kapitalismus mit seinem Wachstumszwang zu verkürzen. Problematisch ist es ja etwa bei Banken, die gerne mal als Feindbild dienen. Besteht nicht schon eine gewisse Tendenz bei Kritik an einer Branche bzw. einem Unternehmen?
Das ist tatsächlich ein Problem. Es gibt die Gefahr, dass alle Probleme auf „die Konzerne“ oder „das Finanzsystem“ verkürzt werden. Deshalb ist es wichtig, dass Konzernkritik eingebettet ist in Gesellschafts- und Systemkritik und dass die gesellschaftlichen Zusammenhänge immer mitthematisiert werden. Das tun wir bei der CBG. Wir verstehen uns als kapitalismuskritisches Netzwerk und thematisieren die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen mit ihrem Profitzwang mit. Wir haben sogar in den 80er Jahren mal ein Umbauprogramm für den Bayer-Konzern debattiert. Wir haben dann zum 125-jährigen Jubiläum des Konzerns einen Umbau-Kongress in Leverkusen organisiert, und da hat das eine große Rolle gespielt. Man kann einen Konzern nicht umbauen, ohne die Gesellschaft umzubauen. Wir bringen das auf die Formel, dass der Bayer-Konzern unter demokratische Kontrolle gestellt werden muss – wie alle Konzerne überhaupt. Und da wird sofort deutlich: Unsere konzernkritische Arbeit zu Bayer ist beispielhaft für die konzern- und gesellschaftskritische Arbeit insgesamt, mit „Verkürzung“ und „Branchenblindheit“ hat das nichts zu tun.

Wer klärt auf und enthüllt "Verschwörungstheorien"?

Es gibt eine Menge Menschen und Gruppen, die sich gegen vereinfachende Welterklärungen wenden. Von einem Teil dieser lässt sich leider auch nur wenig Gutes vermelden, denn sie demaskieren zwar mit herzerfrischendem Skeptizismus die kruden Thesen von Verschwörungen, wenden dann aber immer wieder selbst vereinfachte Muster oder Schubladen an. Das treibt das Ganze dann auf die Spitze: Die KritikerInnen derer, die bei der Kritik manipulierter, offizieller Informationen selbst manipulieren und vereinfachen, sind ebenfalls manipulierend und vereinfachend unterwegs!
Noch schlimmer: Fast alle leben - wie ihre KontrahentInnen aus der Verschwörungs-Ecke - in identitären Zirkeln, wagen sich nicht in offene Debatten und verkümmern spürbar auf dem eigenen, verbohrten Blickwinkel.

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Pro PID und pro Gentechnik
Aus Michael Schmidt-Salomon (2012), "Keine Macht den Doofen"
Ziel der PID ist es, durch eine frühzeitige Untersuchung künstlich befruchteter Eizellen nur solche Embryonen in die Gebärmutter einzupflanzen, die die bestmögliche Aussicht auf eine gesunde Entwicklung haben. Eigentlich eine gute Idee, sollte man meinen vor allem wenn man bedenkt, welch hohe physische und psychische Kosten die betroffenen Frauen ohnehin tragen müssen, wenn sie den beschwerlichen Weg einer künstlichen Befruchtung gehen. Dennoch stimmten 43 Prozent der deutschen Parlamentarier für ein rigoroses Verbot der PID, während die Mehrheit für eine Gesetzgebung votierte, die die Zulässigkeit der PID auf einige wenige Fälle begrenzte. Was waren die Gründe für diesen Akt der politischen Bevormundung? ...

Tomaten ohne Gene?
Es ist nicht erstaunlich, dass die Grünen von diesen veränderten Verhältnissen am stärksten profitieren konnten. Immerhin treten sie schon seit Jahrzehnten entschieden gegen die Nutzung der Kernenergie ein. Nicht nur deshalb ist man geneigt, den Grünen größere Kompetenz in ökologischen Fragen zuzubilligen als anderen Parteien. Allerdings sind auch die Grünen gegen Ökologiotie keineswegs gefeit. Am deutlichsten zeigt sich dies wohl in ihrer rigorosen Abwehr der Gentechnik.
Dass gentechnisch veränderte Lebensmittel gesundheitsgefährdend und ökologisch bedenklich seien, gehört zum festen Glaubenssystem jedes ordentlichen grünen Politikers. Bemer-kenswerterweise ist ihnen nach der AKW Kritik allerdings auch dieses Alleinstellungsmerkmal verloren gegangen. Denn mittlerweile tun sich Politiker aller Parteien dadurch hervor, den europäischen Markt vor der vermeintlichen Gefahr transgener Produkte beschützen zu wollen. Fragen wir uns: Worauf ist diese merkwürdige Einigkeit der politischen Klasse zurückzuführen? Etwa auf wissenschaftliche Studien, die die Bedenklichkeit genetisch veränderter Pflanzen nachgewiesen hätten? Nein, so etwas würde Realpolitiker nicht beeindrucken. Auch in diesem Fall war und ist für die politische Entscheidungsfindung nicht die argumentative Sachlage, sondern die allgemeine Interessenlage maßgeblich: Politiker aller Fraktionen wettern deshalb gegen gentechnisch erzeugte Nahrungsmittel, weil dies erstens im Sinne ökologischer wie konventioneller europäischer Landwirtschaftsverbände ist und weil zweitens in der Bevölkerung die Angst vor diesen Produkten so stark verbreitet ist, dass es einem politischen Selbstmord gleichkäme, das Gegenteil zu tun.
Dass alle großen Wissenschaftsorganisationen die Grüne Gentechnik gänzlich anders bewerten als die Politik, stört offenbar niemanden. Dabei sprechen die Fakten für sich"' wenn man denn bereit ist, sich auf diesem Gebiet auf rationale Argumente einzulassen (was ich, wie ich zugeben muss, als alter Greenpeace Sympathisant lange Zeit auch nicht tat"): Gentechnisch veränderte Nahrungsmittel sind in der Regel weniger umweltzerstörend, weniger gesundheitsgefährdend, weniger allergen als konventionelle Landwirtschaftsprodukte, ja, sie sind in diesen Punkten sogar »Bio Erzeugnissen« überlegen. Vor allem aber zeichnet sich die Grüne Gentechnik durch nachhaltig höhere Erträge aus insbesondere in Gebieten mit ungünstigen ökologischen Rahmenbedingungen.
Die deutsche Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein Volhard brachte den Stand der Forschung auf den Punkt, als sie feststellte, »dass die Anwendung der Gentechnik in der Pflanzenzüchtung ein noch unausgeschöpftes Potenzial für den ökologischen Landbau, für verbesserten Umweltschutz, die Erhaltung der Artenvielfalt und die Gesundheit bietet«. Die Vorteile liegen auf der Hand: »Pflanzen, die resistent gegen Motten, Pilzbefall, Viren und Nematoden sind, müssen nicht gespritzt werden. Pflanzen, die besser an ungünstige Wachstumsbedingungen, Salzböden, Karst, Trockenheit angepasst sind, können so gezüchtet und angebaut werden, um verödetes Land wieder fruchtbar zu machen.«Natürlich bietet jede potente Technik neben Chancen auch Risiken, aber in diesem Fall ist das Urteil der Wissenschaft erstaunlich eindeutig: Die rigorose Absage an die Gentechnik ist - anders als dies von Umweltschützern gemeinhin angenommen wird - kein Ausdruck von ökologischer Weitsicht, sondern von ökologischer und ökonomischer Unvernunft.
Wenn man die Dinge etwas genauer betrachtet, kann man sich des Eindrucks kaum erwehren, dass die grassierende Anti-Gentechnik Hysterie ein Luxus Spleen verwöhnter Europäer ist, die es sich leisten können, irrational romantischen Ökomythen zu folgen, statt die ökonomischen und ökologischen Potenziale einer Technik auszuloten, die gerade den Ärmsten der Armen Chancen auf eine bessere Zukunft bietet. Dabei beruht die fast ausschließlich in reichen Nationen verbreitete Angst vor transgenen Produkten nicht zuletzt auf Unwissenheit. So kamen Umfragen Ende der 1990er Jahre zu dem Ergebnis, dass 35 Prozent der EU Bürger und 65 Prozent der US Amerikaner glaubten, dass konventionell gezüchtete Tomaten keine Gene enthielten. Noch größere Bevölkerungsanteile dürften sich im Unklaren darüber sein, dass selbstverständlich auch die kon-ventionelle Züchtung, die wir Menschen seit rund 12 000 Jahren betreiben und ohne deren Erfolge wir verhungern würden, notwendigerweise mit Eingriffen ins Erbgut verbunden ist. Im Grunde besteht der Unterschied zwischen traditioneller Zucht und moderner Gentechnik allein darin, dass der Eingriff ins Erbgut heute etwas gezielter erfolgen kann." Wahr ist allerdings, dass mithilfe der neuen biotechnischen Verfahren auch genetische Informationen fremder Arten in das Genom einer Kulturpflanze eingeschleust werden können. Dieser »horizontale Gentransfer« ist tatsächlich ein neues Verfahren für uns Menschen, unnatürlich, wie viele meinen, ist es jedoch nicht, denn in der Natur kommt es schon seit Jahrmillionen vor, dass Pflanzen genetische Sequenzen aus anderen Organismen und Viren aufnehmen.
Dass viele Europäer Gentechnik als » unnatürlich« ablehnen, beruht nicht nur auf einer Unkenntnis der Biotechnologie, sondern auch auf einem inadäquaten Naturverständnis. Viele Ökologiebewegte begreifen die Natur noch immer als etwas Statisches, das man in einem bestimmten Zustand erhalten müsste, obwohl die Natur stets im Fluss ist (Evolution) und sich die Genome der Organismen selbstverständlich auch ohne Eingriff des Menschen wandeln würden. Dabei sind wir Menschen keineswegs die einzigen Lebewesen, die ins Erbgut fremder Organismen eingreifen - Mikroorganismen tun dies schon seit Jahrmilliarden. Kurzum: Die Vorstellung, es sei eine Art »Sündenfall«, wenn der Mensch das Erbgut anderer Organismen verändert, ist nichts weiter als ein ökologiotischer Mythos, der sich vornehmlich aus drei antievolutionären Quellen speist: a) dem theologischen Mythos von einer gottgeschaffenen Konstanz der Arten (den Darwin widerlegte), b) dem romantischen Mythos einer »heilen Natur« (der all die Übel ignoriert, die in der Natur real vorherrschen), sowie c) dem anthroposophischen Mythos einer in »kosmischer Harmonie« stehenden Landwirtschaft (die Pflanzen »wesensgemäß« züchten will, weshalb nicht nur jegliche Gentechnik, sondern auch schon die Kreuzung von Weizen und Dinkel verpönt sind).
Halten wir fest: Die Tatsache, dass gentechnisch veränderte Lebensmittel nicht mit dem Bio Siegel ausgezeichnet werden dürfen, ist nicht darauf zurückzuführen, dass transgene Produkte unökologisch oder gesundheitsgefährdend wären. Der Grund hierfür liegt vielmehr in den höchst irrationalen (teils auch politisch reaktionären) Vorstellungen, die die ansonsten so verdienstvolle ökologische Landwirtschaft von Anfang in sich trug."' Da diese Irrationalismen innerhalb der Ökologiebewegung nie kritisch aufgearbeitet wurden, gelangten sie über Bündnis90/Die Grünen, die Lobbypartei der ökologischen Landwirtschaft, in die Politik. Allerdings dauerte es nicht lange, bis sich auch die traditionellen Parteien auf die Grüne Gentechnik einschossen. Denn das entsprach nicht nur der Haltung vieler Wähler, die nach all den Lebensmittelskandalen der jüngeren Vergangenheit zutiefst verunsichert waren, sondern vor allem auch den Interessen der konventionellen Landwirtschaftsverbände, die sich mithilfe eines Einführverbots von gentechnisch veränderten Lebensmitteln auf elegante Weise gegen unliebsame außereuropäische Konkurrenz schützen konnten. Dass diese Marktabschottung gerade Schwellen- und Entwicklungsländern großen Schaden zufügte, die von gentechnisch veränderten Kulturpflanzen besonders profitieren, bekam der Verbraucher, der sich einbildete, es ginge bei der Anti Gentechnik Politik in erster Linie um seine Gesundheit, gar nicht mit.
Ein rationaler Umgang mit moderner Biotechnologie würde Grüne Gentechnik weder als Teufelszeug verdammen noch als Wundermittel zur Lösung aller Probleme anpreisen. Argumentationszugängliche Politiker sollten begreifen, dass die moderne Biotechnologie hilfreich sein könnte, um das Problem des Welthungers zu lösen, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass entsprechende politische und ökonomische Rahmenbedingungen geschaffen werden. Die entscheidende Frage sollte daher nicht lauten, ob Grüne Gentechnik überhaupt eingesetzt werden darf (es wäre unverantwortlich, es nicht zu tun), geklärt werden muss vielmehr, wie sie sinnvollerweise eingesetzt werden sollte. Die von den Grünen und von Greenpeace vorgebrachte Kritik am Geschäftsgebaren der Firma Monsanto hat in dieser Hinsicht selbstverständlich ihre Berechtigung. In der Tat wäre es verheerend, wenn eine einzige Firma den globalen Markt mit transgenen Kulturpflanzen beherrschen würde. Nur: Eine solche Monopolstellung verhindert man nicht durch eine fundamentalistische Blockade der Gentechnik, sondern durch eine verantwortungsvolle Forcierung der öffentlichen Forschung!


Gut und Böse, wahr und falsch
Aus Michael Schmidt-Salomon (2016), "Die Grenzen der Toleranz", Piper in München (S. 10)
Es ist eines der Grundübel unserer Zeit, dass ein Großteil der Menschen entweder nicht willens oder nicht fähig ist, zwischen Humanem und Inhumanem, Recht und Unrecht, Wahrheit und Propaganda, Vernünftigem und Widersinnigem zu unterscheiden. Insofern besteht das zentrale Problem, mit dem wir zu kämpfen haben, nicht in einem Mangel an Toleranz, sondern in einem Übermaß an Ignoranz.
Achse des Guten

Ohnehin - die seltsame Kombination von Populisten, Anarchokapitalisten usw. unter dem Internetlabel "Achse des Guten" hat es einigen Kritiker_innen der vereinfachten Welterklärungen angetan. Leute wie Henryk M. Broder, Prototyp vereinfachter Welterklärungspropheten, wurden in "linken" und intellektuellen Kreisen zum Teil hoch angesehen, weil ihre Vereinfachungen gegen andere Vereinfachungen gerichtet waren (z.B. ein "Israel ist toll" gegen das "Israel ist böse"-Gerede ... fraglos beides peinlicher Kopfentlastungsübungen). Henryk M. Broder hat am 19.9.2014 in "Die Welt" (Springer-Tageszeitung) heruntergeschrieben, was alles eigentlich "unter die Theke gelacht" gehört und "unter normalen Umständen allenfalls komisch" wäre, aber in der Welt ernst genommen wird - nach seiner Meinung zu Unrecht.

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Aus "Die Welt", am 19.9.2014
1997 wurde die eheliche Vergewaltigung ebenso zum Straftatbestand erklärt wie die außereheliche und damit ein jahrhundertealtes Vorrecht der Männer abgeschafft. Mit dem "Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung" aus dem Jahre 2000 wurde allen Kindern "ein Recht auf gewaltfreie Erziehung" zugesichert. Nicht nur "körperliche Bestrafungen", auch "seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen" wurden für "unzulässig" erklärt.
Gleichgeschlechtliche Paare, die "heiraten" wollen, können seit 2001 eine "eingetragene Lebenspartnerschaft" eingehen, die der Zivilehe sehr nahekommt. Die völlige rechtliche Gleichsetzung hetero- und homosexueller Ehen ist nur eine Frage der Zeit. Anfang 2013 stellte das Bundesverfassungsgericht fest, dass auch gleichgeschlechtliche Lebenspartner mit Kindern als "geschützte Familie im Sinne des Grundgesetzes" anzusehen sind. ...
Der soziale Wandel in der Bundesrepublik hat nicht nur mit alten Traditionen aufgeräumt, er hat auch ganz neue Maßstäbe für ein gedeihliches Miteinander geschaffen.
Weil Arbeit, Leistung und Entlohnung nicht mehr aufeinander bezogen sind, wird über die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens für alle diskutiert, das soziale Unterschiede ausgleichen soll. "Soziale Gerechtigkeit" steht in den Programmen aller Parteien an prominenter Stelle. Als sozial ungerecht und unzumutbar gilt bereits, wenn die wöchentliche Unterrichtszeit an Gymnasien in Niedersachsen von 23,5 auf 24,5 Stunden erhöht werden soll. Dann gehen Lehrer auf die GEW-Barrikaden und sagen aus Protest Klassenfahrten ab. Gerecht und angemessen ist es dagegen, wenn ein Jobcenter einem Hartz-IV-Empfänger eine Reise nach Indonesien bezahlt, damit der seinen in Surabaya lebenden Sohn aus einer gescheiterten Beziehung besuchen kann. ...
In jedem Fall aber müssen wir uns fragen, welchen Preis wir dafür bezahlen, dass wir den Faktor "Risiko" durch "Planungssicherheit" ersetzt haben. Von Unfällen im Haushalt und Straßenverkehr einmal abgesehen.
Der Preis des Glücks liegt in der Entkoppelung von der Realität. Wie Truman Burbank, gespielt von Jim Carrey in der "Truman Show", haben wir uns in einer virtuellen Welt gemütlich eingerichtet, aus der das Böse verbannt wurde. Niemand ist böse. Niemand meint es böse, nicht einmal die Taliban oder die Kopfjäger des Islamischen Staates. Auch die Täter sind, genau genommen, Opfer historischer oder gesellschaftlicher Verhältnisse; wenn es nicht die Kolonialzeit ist, die nachwirkt, dann eine schwierige Kindheit voller Entbehrungen. Es gibt keinen Konflikt, den man nicht friedlich, auf dem Verhandlungswege, lösen könnte. Am Hindukusch ebenso wie in Neukölln. ...
Erst bestreiten wir, dass es eine "Armutswanderung" überhaupt gibt, dann "helfen" wir den überforderten Kommunen bei der Bewältigung jener Probleme, die mit der Armutswanderung ins Land gekommen sind. Das hält uns nicht davon ab, nach Bulgarien und Rumänien auch der Ukraine den Weg in die EU zu ebnen. ...
Der Islam, hören wir täglich, ist eine Religion wie jede andere auch, man müsse nur genau zwischen Islam und Islamismus unterscheiden, obwohl niemand weiß, wo das eine aufhört und das andere anfängt. ... Wir nehmen solche Ansinnen ebenso gelassen hin, wie wir es hinnehmen, dass wir von Genderforschern und -forscherinnen dahingehend belehrt werden, die Geschlechtszugehörigkeit eines Menschen sei keine biologische Tatsache, sondern ein gesellschaftliches Konstrukt. Wer so etwas behauptet, wird nicht unter die Theke gelacht, er beziehungsweise sie wird mit hoch dotierten Preisen ausgezeichnet. ...
Im Reich der Illusionen bestimmt eben nicht das Sein das Bewusstsein, sondern die Angst vor der Vertreibung aus einem Paradies ...
Beispiele für komplex-analytische Kritiken an Umweltzerstörung und gesellschaftlichen Verhältnissen

Was sagen die Kritisierten zur Kritik?

In der Regel findet keine Debatte statt. Das liegt auch an den vereinfachten Kritiken der vereinfachten Welterklärungen. Beide Seiten bezeichnen sich in der Regel als Teil irgendwelcher Verschwörungen/Weltgefährdungen und hauen am liebsten fein aufgeteilt in ihren identitären Gruppen aufeinander ein. Die Abgrenzung vom Außen schafft das Innen - das zählt meistens auf allen Seiten politischer Auseinandersetzungen.
Mit den flachen und im Detail vielfach von Unkenntnis geprägten Kritiken an vereinfachten Welterklärungen helfen die KritikerInnen den WeltvereinfacherInnen mitunter sogar, weil nun der Verweis auf die falschen Kritiken das Märchen der Verschwörung noch unterstützt.
Kommt (was leider selten ist) aber qualifiziete Kritik, passiert etwas Anderes: Die, die ständig gegen Zensur wettern, greifen selbst zu ihr ...

Im Original: Tellerrand ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Am 16. November 2012 bekamen es auch die ersten Weltvereinfacher mit und machten einen Blog:
Jörg Bergstedt entlarvt - Ein weiterer Desinformant
Auch ich habe den Vortrag von Jörg Bergstedt ("Monsanto auf Deutsch"), den er bei einer AZK-Konferenz gehalten hat, auf meinem Blog veröffentlicht. Ich möchte mich hiermit von diesem Pseudo-Aufklärer distanzieren. Er ist ein Wolf im Schafspelz. Er ist mitverantwortlich für die Unterwanderung der Occupy-Bewegung. Alle Beweise liefert er in folgendem Video selbst. Wenn sie die wahre Weltsicht dieses Desinformanten sehen wollen, dann lesen sie sein Werk "Den Kopf entlasten!" [Hier "widerlegt" er "Verschwörungstheorien"]. Er ist ein vehementer Vertreter des Gender Mainstreaming und anderer NWO-Projekte.


Seitdem Jörg Bergstedt seine Recherchen veröffentlicht hat, zieht er wüste Beschimpfungen aus dem Lager der Verschwörungsgläubigen bis rechten Kreise auf sich. Widerlegt werden seine Aussagen dabei nicht, dafür gibt es auffällig viele wüste Beschimpfungen, die aus nichts als Fäkalsprache oder Ähnlichem bestehen. So entlarvt sich die Plattheit dieser Kreise selbst. Ein Beispiel sind Kommentare unter den Youtube-Filmen, z.B. zum Vortrag "Den Kopf entlasten".

Links und Materialien

Weitere Infos zu "Verschwörungstheorien":

Zum Thema ist ein Büchlein in der politischen Theoriereihe aus der Projektwerkstatt erschienen:

Den Kopf entlasten? ... Richtwert 3 Euro

Ein kleines Büchlein über "Verschwörungstheorien" und vereinfachte Welterklärungen: Woher kommen sie? Was bewirken sie? Und was ist von ihnen zu halten? 72 S., quadratisch.
  Ab 3 St. 2,50 Euro.

Im Original: An ungewöhnlicher Stelle ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Die Kritik an vereinfachten Welterklärungen tauchte in einem Roman auf (aus Eugen Pletsch: "Banalanga", 2013, S. 158)
„Ehrlich gesagt fühle ich mich nicht so ganz richtig verstanden. Saatgut- Monopolisierung betrifft nicht nur unsere Gesundheitsbranche, sondern jeden Menschen. Es ist ein ganz reales und aktuelles Thema. Wenn wir das jetzt mit teilweise sehr dubiosen und paranoiden Verschwörungstheorien vermischen, könnte das kontraproduktiv sein und dem Image unserer Zeitschrift schaden.“
„Dubiose Verschwörungstheorien?“ fuhr die schlaue Helene in unbekannter Heftigkeit dazwischen. „Kennst du denn die geheimen Pläne zur neuen Weltordnung?“
Anke holte tief Luft, um ruhig zu bleiben. „Ich möchte nur sagen, dass es auch andere Aspekte gibt.“
„Und welche?” forschte die Chefin.
„Vor ein paar Wochen nahm ich in einer Projektwerkstatt an einem Seminar über Verschwörungstheorien teil. Es ging um die Frage: ‚Woher kommen sie, was bewirken sie und was ist von ihnen zu halten?‘”
„Sehr interessant“, sagte die Chefin. „Kannst du das Ergebnis zusammenfassen?"
„Nicht in einem Satz, das Thema ist zu komplex, aber ich kann mal aus meinen Workshop-Notizen zitieren.“
Anke kramte in ihren Papieren rum, während ihre Kolleginnen sie misstrauisch beäugten. „Ach ja, hier: ,Wer immer die Entwicklung der Welt nicht mag, wer Ungerechtigkeiten spürt oder selbst in einer bedrückenden Lage ist, kann mit Verschwörungstheorien zwar keine Verbesserung erreichen, aber wenigstens die Schuldfrage klären. Verschwörungstheorien dienen meist der Kultivierung eigener Ohnmacht.‘ (www.kopfentlastung.tk) In diese Richtung wird da gedacht …“
„Du meinst, Verschwörungstheorien bieten einfache Erklärungsmodelle für eine als unbefriedigend empfundene Lage?" hakte die Chefin nach.
„Ich habe nur zitiert. Ich muss mich intensiver damit beschäftigen, aber unabhängiges kritisches Denken, Hinterfragen und Recherchieren wird dringend empfohlen. Wie Marianne sagte: ,Suchet in der Tiefe!'“
Die Mitarbeiterinnen schwiegen verstimmt. Die tolle Stimmung war futsch.
Man hätte so viele gruselige Artikel abschreiben können.
„Wir werden darüber ein andermal weiter diskutieren“, beschloss die Chefin.
Veranstaltung "Den Kopf entlasten"

Außerdem sind Vorträge und Workshops zum Thema möglich.

Materialien zu politischer Analyse

Kritische Analysen aus dem SeitenHieb-Verlag - bestellbar über den Buchhandel oder auf www.aktionsversand.tk:

Rezensionen

Es gibt einen Haufen von Büchern und CDs/DVDs zu allen möglichen Welterklärungen. Wer einmal hineinschnuppern will, kann sich einige dieser Werke in den Bibliotheken der Projektwerkstatt anschauen oder durchlesen. Das Internet bietet auch eine unendliche Fundgrube - wie immer gefährlich für die Download-und-Klick-Generation, statt Recherche in die Fülle einzutauchen und zu vergessen, worum es eigentlich ging beim Einschalten des Computers.

Beowulf von Prince u.a.
Tue Deine Pflicht ... schenke der Welt Frieden ... und rette damit Deine Existenz!
(2009, Book on Demand, 152 S.)
Das A4 große Buch listet nacheinander verschiedene Vorfälle aus dem Gerichtsgeschehen auf. Dabei werden Belege aus Behördenschreiben und -unterlagen dafür gebracht, dass es zum einen bei Gerichtsverhandlungen und -urteilen recht willkürlich zugeht und zum zweiten vermeintliche Formfehler wie fehlende Unterschriften an der Tagesordnung sind. Daraus leiten die AutorInnen, die diese Fälle offenbar aus persönlichem Erleben kennen, die Erkenntnis ab, dass Deutschland gar nicht als Rechtsstaat existiert, sondern nur eine Verwaltungsbehörde im Auftrag ferner Besatzungsmächte ist. Bemerkenswert an dem Buch ist, dass es vorhandene Dokumente, die das Gegenteil beweisen könnten (z.B. 2plus4-Verträge, in denen die allierten Kriegsgegner des faschistischen Deutschland explizit alle Rechte abgeben), nicht einmal erwähnt werden. So argumentiert es sich leicht. Doch Willkür im Gerichtssaal ist kein Hinweis auf fehlendes Recht, sondern gerade auf die Dominanz des Rechts, welches durch seine (willkürliche) Auslegung wirksam wird. Insofern lohnt die Lektüre des Buches, denn mit kritischem Blick entlarvt sich schnell selbst, dass genau so gearbeitet wird, wie es der Gegenseite (zu Recht!) vorgeworfen wird: Weglassen, täuschen, vereinfachen.

Etliche Texte und Zitate sind mit, andere ohne Namen - das liegt zum einen daran, wie wir die Texte bekommen haben, zum anderen können die, deren Texte hier abgedruckt sind, auch selbst bestimmen ... Mail genügt und der Name wird gestrichen bzw. hinzugefügt.