Erster Castor-Platzverweis
oder: Warum es dringend nötig ist, Eliten zu überwinden – auch in den eigenen Reihen!
Sonntag, 12.10.2002, Lüneburg. Die Elite des Castorprotestes
trifft sich zum sogenannten Delegiertentreffen. Probleme mit StellvertreterInnentum
gibt es hier von vorneherein nicht. Doch die Elite will Elite sein – mit
allen modernen Mitteln der Herrschaft. Und so erfolgte als Tagesordnungspunkt
1, auf Antrag des Delegierten einer autoritären Partei, der Rauswurf
eines Akteurs aus dem Treffen. Was in der Debatte um diesen Rauswurf geschah,
zeigt deutlich, wie sich Eliten organisieren und verteidigen. Welche Rolle
ihre willfährigen UnterstützerInnen spielten und warum es nötig
ist, endlich einen Schlußstrich zu ziehen unter Jahrzehnte herrschaftsförmiger
politischer Arbeit gerade in Deutschland.
Überraschend war das alles nicht. Rein zufällig verabredeten sich
in Lüneburg im gleichen Haus und zur gleichen Zeit zwei „Szenen“ zu
einer Vorbesprechung zu den Castortransporten. Einerseits die Eliten der
Anti-Atom-Bewegung, vor allem älterer Männer (und wenige Frauen),
die in immer ähnlicher Zusammensetzung die Köpfe der unabhängigen
Anti-Atom-Zusammenhänge bilden. Sie sind neben X-tausendmalquer und
dem NGO-Spektrum eine der großen Drei im Anti-Atom-Filz, der zwar das
gegenteilige Ziel verfolgen, aber eine ähnliche Struktur aufweist wie
die Pro-Atom-LobbyistInnen und die ihnen zuarbeitende Staatsgewalt. Die Anti-Atom-Konferenzen
sind ihre Großtreffen, einige Rundbriefe und die anti atom aktuell
überwiegend ihr Sprachrohr. Soweit – sogut. Das allein wäre noch
nicht herrschaftsförmig. Doch die Wichtig-Männer (und wenige Frauen)
der Szene betreiben die Absicherung ihres Elitedaseins durchaus systematisch.
Die zweite Runde, die sich am gleichen Ort traf, war kleiner und zu dem Zeitpunkt
noch unvollständig. Anwesend waren schon zwei Menschen aus verschiedenen
Städten, die miteinander im „Netzwerk für kreativen Widerstand“
(http://www.projektwerkstatt.de/hoppetosse/index.html) vernetzt sind und dort mit anderen über
Ideen gegen den Castor diskutiert hatten. In diesem Zusammenhang gibt es
kein StellvertreterInnentum, keine SprecherInnenräte, PressesprecherInnen
und andere Formen von Eliten. Herrschaftsverhältnisse treten dort auch
auf (leider), ihr Abbau ist aber ständig Gegenstand von Debatte und
Handeln.
Einzelne der beiden Runden kannten sich und so lud ein Mensch der ersten
die beiden Anwesenden der zweiten ein, doch am Delegiertentreffen teilzunehmen,
da ja über dasselbe geredet werden sollte und so eine Koordination möglich
wäre. Tatsächlich verteilten LüneburgerInnen dann auch eine
Tischvorlage mit Aktionsvorschlägen für Lüneburg – das wollen
die Kreativ-Widerständler ja auch. Doch es gab einen kurzen Prozeß.
Noch bevor es losging, fragte der für ständige Rauswurf-Anträge
bekannte C. vom BundessprecherInnenrat der autoritären Partei Ökologische
Linke: „Finden wir es o.k., daß wir hier im Raum mit jemandem zusammen
tagen, der Kontakte zum VS hatte?“ Und damit begann das fröhliche Eindreschen
auf eine Person, die mensch ohnehin weghaben wollte, war sie doch bekannt
als entschiedener Gegner der Existenz von Eliten und hierarchischen Strukturen.
Der eigentliche Vorwurf eines knapp 2 Jahre alten VS-Kontaktes (jenseits
der Kritik an dem Kontakt gibt es keine konkreten Vorwürfe, daß
Aussagen, Kooperation u.ä. vorgekommen seien) schien denen, die den
Rauswurfen organisieren wollten, denn auch wenig zukräftig – und so
wurde wild durcheinander alles mögliche festgestellt:
- Der Betreffende sei „Kollaborateur“, sagte ein Mann aus Lüneburg (?) ohne weitere Begründung.
- Der Eliteangehörige F. aus Bremen formulierte, daß
der Betreffende seinen VS-Kontakt auch heute noch richtig findet. Da das
Gegenteil zum einen bereits in dem Bericht über den VS-Kontakt zu finden
ist und F. auch persönlich bekannt ist (Workshop auf dem Wendlandcamp
dazu), ist klar, daß er hier bewußt log, um die Elite von einem
Kritiker zu befreien.
- Die beiden Hinzugekommenen seien keine richtigen Delegierten
(was stimmt, da sie zwar aus einer Diskussion mehrerer Basisgruppen heraus
auf das Treffen fuhren, aber diese eben nicht vertreten, weil solche Vertretung
als Herrschaftsform abgelehnt wird) – und wer sich den Spielregeln der Elite
nicht unterwerfe, sei nicht gewünscht.
- Es sei jetzt alles unter Zeitdruck und deshalb könne
nicht mehr drüber diskutiert werden – um aber den Castor-Widerstand
nicht zu schwächen, möge die betreffende Person doch selbst gehen.
Ein Mann aus Lüneburg (?) steigerte das zum Vorwurf des unsolidarischen
Verhaltens. Die Täter-Opfer-Struktur wurde dadurch komplett umgedreht.
- Nicht-dominante Personen in der Runde (von denen einige
auch da waren) zeigten ein anderes Verhalten: Sie verließen unter Protest
den Raum und kündigten an, erst wiederzukehren, wenn die betreffende
Person weggegangen sei oder entfernt würde. Damit gaben sie „ihren“
Eliten ein neues Argument, nämlich den Hinweis darauf, daß es
doch wichtig sei, daß die alle teilnehmen könnten – offenbar gibt
es mindestens zwei Klassen ... die auf deren Anwesenheit verzichtet werden
kann und die, die zum Clan gehören. Der Abgang einer weiteren Person
als Reaktion auf den Rausschmiß z.B. war ALLEN Anwesenden komplett
gleichgültig – eine exakte Wiederholung eines ähnlichen Vorkommnisses
bei einem Treffen in Stuttgarter Zusammenhängen, nur daß dort
ein ganz anderer Grund benannt wurde ... der ist ja auch weitgehend egal!
- Das Gespräch lief ständig als Debatte von ca.
10 gegen 1. Zudem wurde die eine Person ständig unterbrochen und beschimpft
bzw. aufgefordert, zu verschwinden (als Zwischenruf). Als die einmal den
Ökoli-Vertreter, als dieser zum x-ten Mal unterbrach, anschnauzte „Halt
doch mal Dein Maul!“, entstand sofort eine Debatte über den bösen
Stil der betreffenden Person. Auch hier wird Wahrnehmung manipuliert. Unterbrechen,
Beschimpfen usw. sind in elitär ausgerichteten Herrschaftsstrukturen
immer dann akzeptiert, wenn sie sich gegen die richten, die sich der kollektiven
Identität, dem Clan/Seilschaft entziehen und gegenüber dieser eine
eigenständige Position beziehen.
- Ein früherer Ausschluß gegen AktivistInnen
rund um das Atomforum in Stuttgart wurde als Argument angebracht, daß
alles schon diskutiert und eine erneute Entscheidung nicht nötig sei.
- Immer wieder wurde sich auf einen „Konsens der Linken“
bezogen. Dieses Gerede ist typisch für das Ringen um Machterhalt der
Eliten. Sie bestimmen, was die Meinung der Linken ist über gerichtete
Kommunikation – und verklären diese Setzungen als „Konsens“, als hätte
es jemals ein Treffen oder irgendeinen anderen Abstimmungsprozeß aller
Linken gegeben. Solche Kritik an Abweichenden ist ja bereits in sich widersprüchlich,
weil die Existenz von Kritik bereits beweist, daß es den Konsens nicht
gibt.
Es ließen sich einige Beispiele für die Art von Herrschaftsausübung
nennen. Doch das Detail ist ebenso uninteressant wie der konkrete Vorgang
überhaupt. Wichtiger ist etwas anderes: Insgesamt ist das Ganze nämlich
nur ein kleiner Baustein für eine Praxis von herrschaftsförmiger
Organisierung, wie sie in den politischen Strukturen ganz besonders in Deutschland
gang und gebe ist: Ob in „linken“ Zeitungen, in Netzwerken oder NGO, Internetprojekten
oder Camp-/Kongreßvorbereitungsgruppen – immer gibt es die Eliten,
bestehend oft nur aus einer oder wenigen Personen. Sie sichern ihre Macht
ab über regulierte Informationsflüsse, abgeschottete Treffen, Sicherung
des Zugriffs auf Daten und Ressourcen (Geld, Materialien, Räume, Posten
usw.). über gerichtete Kommunikation in Rundbriefen, bei Redebeiträgen
auf Demos und Treffen bis hin zu Ausgrenzungen, wo das alles nichts hilft.
Kein Zusammenhang in Deutschland ist zur Zeit sichtbar, wo das nicht so ist.
Das aber hat viel damit zu tun, wie wirksam politische Aktion in der Gesellschaft
ist. Die Strukturen entsprechend weitgehend dem Staat selbst. Die AkteurInnen
verhalten sich kungelig nach innen, die Eliten absichernd, die Machtressourcen
umklammernd. Nach außen (z.B. zu anderen politischen Zusammenhängen
mit ähnlichen Innenstrukturen) verhalten sie sich dagegen hochkonkurrend.
Eben wie Parteien zueinander, wie Nationen, Fußballmannschaften, usw.
Jetzt über den Lüneburger Vorgang, die Selbstverteidigung der Elite*
gegen ihre Infragestellung, zu diskutieren, ist verkürzt. Wichtig wäre
eine grundsätzliche Debatte – und vor allem das Handeln. Gegen herrschaftsförmige
Gesellschaft, gegen Markt und Staat, Diskriminierung und gerichtete Kommunikation
kann nur eine Bewegung erfolgreich sein, die diese „Spielregeln“ nicht selbst
reproduziert. Und zwar nicht, weil Herrschaft nur ohne Herrschaft gebrochen
werden kann (solche Axiomen, d.h. Dogmas ohne weitere Begründung, setzen
eher die FetischistInnen der Gewaltfreiheit oder der ArbeiterInnenklassenlehre),
sondern weil Emanzipation niemals ein einmaliger Akt sein kann, sondern nur
ein immerwährender Prozeß – der aber nicht gelingen kann, wenn
nur eine Elite durch die andere ersetzt wird oder zu einen Elite (Staat,
Konzerne, Medien & Co.) eine weitere in den internen Strukturen hinzu
kommt.
Hinzu kommt, daß Eliten immer untereinander durchlässig sind und
das gemeinsame Interesse verfolgen, als Elite zu bestehen. Staat und Markt
stützen Eliten, so fordert z.B. das Demorecht eine Demoleitung und Ordner,
das Vereinsrecht einen Vorstand, die Presse fordert SprecherInnen – und die
meisten politischen Gruppen unterwerfen sich diesen Spielregeln ... oft auch
gerne, denn das eigene Bedürfnis der Eliten, Elite zu sein, wird so
zusätzlich abgesichert. Ebenso springen Menschen, die in der Elite agieren,
zwischen Eliten hin und her. Die Leitungsgremien, Geschäftsstellen usw.
von NGOs, Parteien, Konzernen, Netzwerken, Medien usw. sind untereinander
durchlässig ... dazu bedarf es keiner neuen Beweisführung unter
dem Label „attac“, solche Prozesse sind sei Jahrzehnten Praxis.
Das Gegenmodell ist das der „Organisierung von unten“. Niemand vertritt mehr
jemanden anders. Keine Runde kann per se Entscheidungen treffen, die andere
betreffen. Alles ist das Miteinander, die freie Kooperation und Vereinbarung
der AkteurInnen und ihrer Zusammenschlüsse. Wo immer darüber diskutiert
wird, was dann viele angehen soll, müssen auch diese immer zugelassen
werden. Es gibt keine Form von „Illegalität“, sprich der Ausgrenzung
als Übernahme der Spielregel soziale Ausgrenzung oder Ausweisung von
Menschen. Nichts gilt per se, sondern alles ist Gegenstand der Vereinbarung.
Die Organisierung erfolgt ebenso als Handeln der konkreten Menschen und ihrer
Gruppen. Ein umfangreicheres Ideenpapier dazu ist auf einen Treffen zu „Organisierung
von unten“ entstanden. Es ist ein Diskussionspapier, parallel dazu entwickelte
sich eine Praxis der Organisierung, z.B. die offenen Presseplattformen (statt
in Eliten ernannter oder selbsternannter PressesprecherInnen) oder der Aufbau
offener Infrastruktur bei Aktionen (Direct-Action-Points) oder dauerhaft
(Projektwerkstätten usw.).
Diese Modelle stehen grundsätzlich gegeneinander. Über besonders
extreme Formen der Machtausübung, wie in Lüneburg geschehen, zu
streiten, wäre falsch. Es wäre eine Debatte, die die Herrschaft
der Eliten modernisiert. Die Frage, die nötig ist, ist die nach der
Existenz der Eliten. Sie machen seine Fehler, ihre Existenz ist der Fehler.
Sie sind Teil einer Organisationsstruktur, die die Spielregeln der existierenden
Gesellschaft übernimmt und eine Kollektivität konstruiert, die
der Nation im Kleinen ähnelt. Dieses grundsätzlich zu überwinden
und eine Form kreativer Widerständigkeit und selbstorganisierter Selbstbestimmung
in Alltag und Politik zu entwickeln, wäre die grundsätzliche Alternative.
Fuck Eliten! Hier und überall! Herrschaft runterfahren!
Über den/die AutorIn dieses Textes darf spekuliert werden
– das machen Eliten und ihre willigen Vollstrecker gern. Weitere Infos zu
Organisierung jenseits von Elitismus und Herrschaft: http://www.projektwerkstatt.de/von-unten und http://www.projektwerkstatt.de/ovu. Der Text ist verfaßt worden für das "Streitblatt" in Lüneburg und auf deren Anfrage hin.
*Elite ist keine abgegrenzte „Schicht“ oder „Klasse“. Die Personen können
wechseln (wenn auch ein Eindringen in Eliten meist der Akzeptenz der bestehenden
Elite bedarf), es können auch neue Teile von Elite entstehen – immer
aber gibt es die Elite als strukturell mehr oder weniger gut erkennbare Ebene.
Neuere Eliten in der Bewegung oder der Gesellschaft entstanden z.B. durch
attac oder die Antideutschen – jenseits der Kritik an ihren politischen Konzepten
bzw. Konzeptionslosigkeit sind beide von Beginn an als Elite organisiert). |