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Einleitung
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Zum Umgang mit dem Sexismusvorwurf
gegen mich
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Klärung der Fragestellung
und des Kontextes
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Widerlegung von Lügen
und Unterstellungen, Eingeständnis von Fehlern
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Antisexistische Praxis
statt Denunziation von Einzelnen!
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Seit Anfang September 2000 kursiert ein Papier, in dem mir Sexismus vorgeworfen
und dafür die Höchststrafe, den Rauswurf aus allen linken Zusammenhängen
und und sozialen Räumen gefordert wird. Dieses Papier trägt den
Absender GIgA (Gießener Initiative gegen Atomanlagen) und vier falsche
Namen.
Die Entscheidung, ob ich auf das Papier antworte, treffe ich hiermit
positiv. Ich fühle mich dazu gezwungen. Nicht von dem Brief, sondern
von der Reaktion vieler anderer, die den Rauswurfantrag unterstützen,
OHNE (!) den Brief überhaupt gelesen zu haben. Hauptargument ist „keine
Lust mehr zur Debatte, also raus“ oder ähnliches.
In allen bisherigen Fällen, in denen über den Brief in meiner
Anwesenheit diskutiert wurde, hatte ich den Brief selbst dort eingebracht,
weil er offenbar bislang nur über sehr unvollständige Verteiler
(vor allem im Anti-Atom-Bereich) verbreitet wurde. Jedesmal habe ich überlegt
und mit etlichen Einzelpersonen Rücksprache gehalten, wann denn das
Einbringen dieses Themas günstig wäre, da klar war, daß
die Thematisierung sofort die vorgesehene Tagesordnung sprengen würde.
Spontane Forderungen nach einem sofortigen Rauswurf von mir ohne Kenntnisnahme
des Briefes gab es auch immer – das zeugt von einem Zustand der Diskussions-
und Entscheidungsunfähigkeit in politischen Zusammenhängen, die
sich offenbar freuen, wenn irgendjemand ihnen das Denken abnimmt und eine
Forderung stellt. Begründet wird dieses üblicherweise über
ein festdefiniertes Definitionsrecht. Das halte ich als solches nur für
einen Zwischenschritt und eine Notlösung angesichts der bestehenden
relativen Dominanz von Männern und der ständigen Verschleppung
von Konsequenzen bzw. der typischen Zerlaberung aller Themen in Plena linker
Gruppen. Allerdings trifft es auf meinen „Fall“ gar nicht zu, denn es stützt
sich auf das Definitionsrecht des Opfers, das mittlerweile zu einem Definitionsrecht
der Frau mutiert ist – bislang aber immer noch im Zusammenhang mit einem
tatsächlichen Übergriff stehen mußte, also als Definitionsrecht
der betroffenen, nicht irgendeiner unbeteiligten Frau.
Das alles trifft auch mich nicht zu. Es gibt keinen Vorwurf eines Übergriffs.
Es gibt keine betroffene Frau, die sich äußert. Bei genauer
Analyse des Textes über mich, reduziert sich der Vorwurf auf einige
Texte von mir, die mehr als 5 Jahre alt sind. Auf diese Texte will ich
auch eingehen, weil ich selbst längst nicht mehr hinter allem stehe,
was ich damals (mangels Auseinandersetzung mit vielen Punkten und aus der
Wut der damaligen Situation heraus) geschrieben habe. Das ist den SchreiberInnen
der Anklage gegen mich auch bekannt. Noch mehr: Es sind überwiegend
Menschen, die mit mir in den Jahren danach und bei voller Kenntnisse der
Texte und Vorgänge aus 1993-95 teilweise intensiv zusammengearbeitet,
z.T. zusammen gewohnt haben. Daß selbst die beiden dominanten Frauen
unter den AbsenderInnen jeweils mit mir mehrere Monate bis einem Jahr zusammen
gewohnt und z.B. in Projekten (Anti-Gentechnik, Anti-Atom und Ö-Punkte,
wo eine Person Redakteurin war) zusammen gearbeitet haben, aber ihnen aus
dieser Zeit nicht ein einziges Beispiel für sexistische Übergriffe
einfiel, zeigt, wie wenig Material da ist.
Alle Behauptungen, die noch zusätzlich zu den Zitaten genannt
werden, sind gelogen oder gezielt mißverständlich und unterstellend.
Ich gehe darauf ein.
Zum Beginn stehen Überlegungen zum Umgang mit dem Brief
- ich möchte verdeutlichen, daß es mir angesichts der sehr widersprüchlichen
und teils (gewollt oder ungewollt) unerfüllbaren Forderungen an mich
nicht möglich ist, "richtig" zu handeln. Alle weiteren Schritte, auch
die Veröffentlichung dieser Stellungnahme, sind Ergebnisse von Abwägungen,
bei denen ich jeweils selbst immer Gründe sehe, die ein anderes Handeln
sinnvoller erscheinen ließen - aber dann spricht auch wieder vieles
gegen die andere Wege.
Als zweites möchte ich die Fragestellung klären und
den Kontext. Das ist wichtig. Diese Passagen enthalten Denunziationen gegen
die Absenderinnen des Briefes gegen mich. Es wird deutlich, daß es
sich um einen persönlichen und politischen Konflikt handelt. Es ist
schmutzige Wäsche. Ich wasche sie nicht freiwillig, sehe aber keine
Alternative dazu.
Anschließend gehe ich auf den Brief im Detail ein und
widerlege Lügen bzw. Unterstellungen, will aber auch meine eigenen
Äußerungen kritisieren, wenn ich nicht (mehr) hinter ihnen stehe.
Am Ende folgen einige Überlegungen zu antisexistischer
Praxis - sehr kurz. Der Abschnitt ist mir aber dennoch der Wichtigste.
Mit geht es nicht um das eigene Überleben innerhalb der Bewegung gegenüber
dem Versuch, mich rauszuwerfen, sondern um die Weiterentwicklung politischer
Positionen und Strategien - Theorie und Praxis. Den Willen dazu erkenne
ich heute in großen Teilen der "Linken" nicht mehr. Ich kann das
nicht trennen, die Denunziation mit dem Sexismusvorwurf einerseits und
die Unfähigkeit zum tatsächlichen antisexistischen Verhalten
andererseits.
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Zum Umgang mit dem Sexismusvorwurf
Offen bleibt für mich der weitere Umgang mit dem Brief. Die auf dem
Bundes-Infoladen-Treffen (dem ich neben ziemlicher Konzeptionslosigkeit
klar vorwerfe, selbst die primitivsten Errungenschaften der Sexismusdebatte
nicht beachtet zu haben – so gab es z.B. durchgehend eine rein männliche
Moderation, Entscheidungsfindungen immer nur im dominanzfördernden
Großplenum usw.) an mich gerichtete Forderungen, z.B. vor jedem Treffen
an alle potentiellen TeilnehmerInnen den Brief zu schicken mit der Anfrage,
ob ich kommen kann, mich immer gleich als Tagesordnungspunkt 1 selbst zu
setzen oder eben einfach nirgends mehr hinzukommen (formuliert von einer
Frau, die zu diesem Zeitpunkt gerade gehört hatte, daß es einen
Brief gäbe), lehne ich ab. Ich kann weder schematisch immer gleich
zu Beginn mich „inszenieren“ noch bin ich verantwortlich dafür, daß
die Denunziation gegen mich auch perfekt durchgeführt wird. Ich möchte
mit Menschen diskutieren, sinnvolle Handlungsmöglichkeiten finden,
lernen können usw. Auf Treffen vor dem Bundes-Infoladen-Treffens (B.I.L.T.)
hatte ich immer sofort den Brief angesprochen. Dann wurde erregt diskutiert,
von Einzelnen mein Rauswurf ohne weitere Diskussion gefordert. Aus Protest,
daß das nicht geschah, gab es auf der Karawane nach Prag zunächst
die Abreise einer Frau. Als der Brief dann verteilt war, war die Debatte
sofort komplett beendet - die abgereiste Frau kehrte zurück. Ich habe
auch darauf noch viele Menschen direkt angesprochen, um Gespräche
gebeten usw. Ich muß und will dann immer wieder neu entscheiden,
wie ich damit umgehe.
Vierter Tag Karawane nach Prag
In der Nacht gab es zum ersten Mal einen kleinen Regenschauer,
der Tag wurde jedoch so sonnig wie zuvor.
Um Zehn gabs Plenum, das im ersten Teil auch sehr
konstruktiv verlief. Mit der Streckenplanung gab es auch keine Probleme,
die Polizisten zeigten sich kooperativ und geduldig. Es schien fast moeglich
schon mal vor 12 loszukommen. Doch dann wurde etwas in das Plenum eingebracht,
wodurch sich die Abfahrt bis um 14 Uhr verzoegerte: Sexismusdiskussion.
Ein Mann eroeffnete, dass ein Brief an verschiedene
linke Projekte im Umlauf ist, in dem gegen ihn ein Sexismus- und sogar
Vergewaltigungsvorwurf erhoben wird. Daraufhin ergab sich eine heftige
und emotionale Auseinandersetzung. Problematisch daran war, das der
Brief selbst nicht vorlag. So wurde dann lange versucht ihn als Fax zu
empfangen, was auch noch mit technischen Problemen verbunden war.
Schliesslich wurde er per Laptop empfangen und beschlossen,
erstmal loszufahren und ihn in Eschwege auszudrucken und zu kopieren. In
einer Pause wurde einige Exemplare davon verteilt und er konnte gelesen
werden. Der Vergewaltigungsvorwurf war nur ein zitierter Leserbriefsatz:"Ich
bin mir sicher dass xx und yy Vergewaltiger sind" wozu kurz darauf geschrieben
wurde "Es handelt sich um keinen konkreten
Vergewaltigungsvorwurf, sondern um einen potentiellen
...". Im uebrigen ging es mehr um Meinungsdifferenzen um Sexismus und um
schmutzige Waesche, mit der allerdings die Aufforderung zum Ausschluss
von xx "aus unseren Zusammenhaengen" verbunden war. Nach dem Lesen des
Briefes war fuer viele dies Thema abgeschlossen.
Ansonsten war die Fahrt anstrengend aber schoen, die
Bullen waren freundlich und hilfsbereit. Spaet in der Nacht kamen wir muede
in Haina an, konnten uns an einem grossen warmen Raum mit Sofas und an
einem
leckeren Essen erfreuen.
(Aus dem Bericht von der Karawane, Quelle:
www.prag.squat.net)
Auf dem B.I.L.T. hatte ich entschieden, das Ganze nicht sofort thematisieren,
zumal ich beim Auftaktplenum noch gar nicht da war und auch erst am gleichen
Tag entschieden hatte, dahinzufahren (weil ich mit dem Aktionsmobil nicht
über die tschechische Grenze nach Prag kam). Ich habe aber selbst
den Brief verbreitet und mit etlichen Leuten Gespräche geführt.
Mehrheitlich sprachen sie sich gegen eine Thematisierung auf dem B.I.L.T.
aus. Auch die Vorbereitungsgruppe entschied so und formulierte das in unsicherer
Sprachform am Sonntagvormittag. Die daraufhin an mich gerichteten Vorwürfe
mit den schematischen Vorschlägen (siehe oben) finde ich wenig hilfreich
bis scheiße. Sie dienen weder einem Umgang noch einer Klärung,
sondern provozieren eine Entscheidung ohne Klärung. Ich unterstelle,
daß dies auch gewollt ist. Ich bin für das nächste B.I.L.T.
offiziell ausgeladen. Dort soll dann entschieden werden – ohne mich. Der
Ansatz, zu glauben, daß eine Klärung für Außenstehende
möglich ist, ist aber völlig irrig. Es wird Aussage gegen Aussage
bestehen bleiben, d.h. es kann nur frei interpretiert werden. Insofern
riecht alles danach, daß die Diskussion ausbleiben wird, das Urteil
aber schon gefällt ist, weil das vorläufige nicht aufhebbar ist,
denn „Klärung“ kann nicht gelingen in einem „Fall“, in dem Außenstehende
nur auf die Aussagen der Beteiligten vertrauen können – und wieweit
dieses Vertrauen geht, war gut zu messen, daß ein Mann auf dem B.I.L.T.
schon bei meinem Bericht, auf anderen Treffen hätte ich das früh
angesprochen, bemerkte, daß könne ja eine Lüge sein. Wenn
es schon so früh anfängt, braucht die Debatte auch nicht geführt
werden. Wer ohnehin nur vorhat, sie zu torpedieren, um dann darauf zu hoffen,
daß Nicht-Klärung den Rauswurf aufrechterhält, dann nützt
auch diese Stellungnahme nichts. Es stellt sich die Frage nach einer Debatte
in der Sache oder einem Tauziehen um den Rauswurf, hinter dem ganz andere
Interessen und Streitpunkte ungenannt stehen.
Ich habe am Schluß dieser Stellungnahme auch aus diesen und anderen
Kritikpunkten eigene Vorschläge für eine antisexistische Praxis
formuliert. Sie ist von meiner Seite nicht neu. Sie gehört aber zu
den verschiedenen Texten, die in der politischen Linken dieses Landes derzeit
nicht gewünscht sind – und Zensur, Macht- und Filzstrukturen sind
ja genauso Normalität in der „Linken“ wie alle Formen der Diskriminierung,
seien sie gegenüber Frauen, Nicht-Deutschen, Kindern oder anderen
Menschen.
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Die Fragestellung
Im Papier gegen mich wird die Höchststrafe gefordert, der Rauswurf
aus allen Zusammenhängen und Räumen. Im Rahmen der Sexismusdebatte
wäre nach bisherigen Diskussionen eine solche Forderung sinnvoll,
wenn
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es sexuelle Gewalt/Übergriffe gegeben hat
-
sexistische oder patriarchale Positionen vertreten werden, die über
die überall verhandene patriarchale „Normalität“ hinausgehen.
Diese Feststellung treffe ich deshalb, weil es meines Erachtens keinen
Sinn macht, Menschen nur überhaupt irgendwelche sexistischen oder
patriarchalen Verhaltensweisen nachzuweisen. Das ist nämlich bei allen
Menschen (Frauen, Männern und selbstbestimmten Menschen, die sich
danach nicht einordnen lassen) der Fall. Auch bei mir. Antisexistische
Praxis heißt, Denken und Handeln zu hinterfragen auf direkte oder
versteckte Muster sozialen Verhaltens, dem patriarchale Rollenlogiken usw.
zugrundeliegen. Diese Rollenlogiken, die sozialen Konstruktionen sowie
das daraus folgende Verhalten zu „dekonstruieren“, muß Ziel antisexistischer
Praxis sein.
Damit möchte ich den patriarchalen Normalzustand (und ebensowenig
die ganzen anderen Unterdrückungsverhältnisse und Diskriminierungen)
keinesfalls verharmlosen, sondern nur einfordern, daß nicht bereits
der Normalzustand Grund für einen Rauswurf sein kann, weil dann alle
(Frauen und Männer) rauszufliegen hätten, denn sie alle reproduzieren
die gesellschaftlichen Rollenlogiken ständig oder doch immer wieder.
Das zu ändern, muß unser Ziel sein, aber nicht die Voraussetzung.
-
Der Punkt 1. muß nicht untersucht werden, weil es keinen Vorwurf
dieser Art gibt. Zwar ist mir vor vielen Jahren eine Vergewaltigung vorgeworfen
worden, aber es ist geklärt, daß dieses eine gezielte Denunziation
war. Auch im Brief wird die Falschheit des Vorwurfs nicht in Frage gestellt,
sondern die (unglaubliche!!!) Position vertreten, ein falscher Vergewaltigungsvorwurf
sei nicht so schlimm ... daß er damals sogar mit einem Aufruf verbunden
wurde, mich zu töten (!), wird taktisch geschickt verschwiegen.
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Insofern bleibt Punkt 2: Vertrete ich derart sexistische Grundpositionen,
daß ein Rauswurf gerechtfertigt ist? Diese Frage möchte ich
in einem konkreten Blick auf das Papier beantworten.
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Der Kontext
Es gibt zwei Bezüge, die wichtig sind. Zum einen der, aus dem heraus
der damalige Streit in der Unzensiert entstanden ist. Der beschriebene
Kontext ist falsch.
Zum zweiten ist wichtig, wer eigentlich warum diesen Brief schreibt
und wie die Gruppe GIgA zur unterzeichnenden Gruppe wurde.
1. Der historische Kontext
Anfang der 90er Jahre gründete sich in Gießen ein Bauwagendorf
von Obdachlosen, Dorf Wagenstein genannt. Bisher Obdachlose versuchten
dort, im Wagen zu leben und Werkstätten aufzubauen. Eine der Personen
dort (später „Opfer“ der Dominanzstrukturen im Dorf) hatte einige
Zeit in der Projektwerkstatt, also mit mir zusammen gelebt – so auf Zeit
in einem sonst anders genutzten Zimmer. Vom Wagendorf ging eine intensive
politische Arbeit aus, die unsere Unterstützung fand. Wir beteiligten
uns z.B. an Aktionen in Parteizentralen, an der BerberInnenzeitung „Starkstrom“
oder an der „Nacht der Ausgegrenzten“ in Gießen.
Innerhalb des Dorfes Wagenstein existierten beschissene Strukturen.
So gab es eine krasse Dominanz auf eine Person ausgerichtet. Ebenso war
der Sprachgebrauch im Dorf ähnlich dem, der auf der Straße zwischen
Ausgegrenzten oft herrscht – vulgär, sexistisch, dominanzgeprägt
(„stammtischmäßig“). Gegen beides haben wir uns in der Kooperation
mit dem Dorf intensiv ausgesprochen.
Das Dorf stand unter ständiger Gefahr der Räumung. Eine FrauenLesben-Gruppe,
die auch innerhalb der Zeitung Unzensiert durch einen Sonderstatus für
die Frauen in der Redaktion die volle Kontrolle hatten, sprach eine Entsolidarisierung
gegen dem Dorf Wagenstein wegen sexistischer Verhaltensweisen aus. Wir
haben diesen Sexismus nie bestritten, aber die Forderung, z.B. eine Räumung
durch Bullen zu akzeptieren, haben wir nicht mitgetragen – und mit uns
die meisten anderen politischen Gruppen in Gießen nicht. Über
die Unzensiert wurden etliche Gruppen denunziert und deren Ausgrenzung
gefordert. Eine Spaltung war die Folge. In diesen Streit hinein erschien
in der Unzensiert eine Serie von Interviews mit Frauen. Ohnehin entnervt
durch den Streit habe ich mich damals über die Aneinanderreihung sexistischer
Sprüche gegen Männer sehr aufgeregt – antisexistische Praxis
stelle ich mir anders vor als Behauptungen, alle Männer waschen sich
nie u.ä., und Akzeptanz von Räumungen von Wagendörfern.
Ich war damals nicht in linksradikalen Debatten und auch nur wenig mit
antisexistischen Debatten vertraut – über 15 Jahre zwar radikale,
aber doch recht reine Öko-Arbeit hatte ich auf dem Buckel. In diesem
Kontext schrieb ich meinen entnervten Leserbrief – ein Abkotzbrief. Dieser
Brief war falsch, enthält unmögliche Verallgemeinerungen usw.
Im Nachhinein verstehe ich ihn selbst kaum noch. Er ist ein Ausdruck von
Wut – und noch heute steigt diese in mir, wenn ich die alten UnZensiert-Ausgaben
lese. Es diskrediert die Sexismusdebatte, wenn zu lesen ist (und sich dann
viele positiv darauf beziehen, wie z.B. die SchreiberInnen des Briefes
gegen mich): „haben ... alle Männer ein kultisches Verhältnis
zu ihren Schwänzen“, „viele Männer sind einfach dreckig und stinken“,
„Penetration erwiesenermaßen – und besonders durch unsaubere Männer
– das Muttermundkrebs-Risiko erheblich fördert“, „daß sie (alle
Männer, Anmerkung von mir) meist „auf Jagd“ sind – suchen, wo sie
ihre Schwänze am besten „unterbekommen“ können – und sammeln
„Trophäen“ – also Frauen ... Jäger und Rammler“, „auf Sauberkeit
kaum irgendwie Wert gelegt hätte ... Filzläuse“, „weitergedacht
müßten doch Männer, die sich uns als antipatriarchal präsentieren,
aktiv ihre Privilegien ablegen und das glaubhaft, das heißt sie müssen
auf ihren Schwanz – ihre ständige Bewaffnung – verzichten und eine
aktive Abrüstung vornehmen, den Schwanz als Waffe – auch als potentielle
– ablegen (lassen)“, „Männer wollen immer gerne penetrieren“, „Männer
sind ständig auf der Suche nach einem Loch zum Reinstecken“, „stehen
viele Typen besonders auf oralen Sex ... als würde eine Frau auf nichts
schärfer sein, als eine Mordwaffe in den Mund zu nehmen“, „Männer
reden, sprechen grundsätzlich nicht über ihre Sexualität“,
„Weiterreichen vom Vatertäter an den nächsten Vergewaltiger“,
„es liegt im Interesse eines jeden Mannes, sich die Frau „gefügig“
zu machen“, „Faschisten im Bett“ (alle Zitate aus UnZ 33, auf diese Texte
bezog sich mein Leserbrief), „alle Männer hatten aufs Rasieren keinen
Bock“, „daß die Typen sich seltener waschen, auch ihre Unterwäsche
oder Bettwäsche selten wechseln“, „Sterilisation ist so eine Art Freifahrtschein
für Männer“ (UnZ 37).
Meine Reaktion auf diese Art von Sexismusdebatte war von der Form und
Verallgemeinerung her falsch. Fraglich aber finde ich auch heute noch,
ob sie sexistisch war. Verschiedene Meinungen über antisexistische
Praxis zu haben, kann noch nicht per se sexistisch sein.
2. Der personelle Kontext
Der Brief gegen mich ist unterzeichnet mit GIgA und vier falschen Namen.
Dieser Absender täuscht über die wahren Verhältnisse hinweg.
Die GIgA hatte, wie in der Einleitung des Briefes steht, mich als Referenten
eingeladen. Sie tat das in vollem Wissen um die Vorgänge viele Jahre
zuvor. Nach dem Bekanntwerden sind eine Frau, die nur sporadisch bei der
GIgA tätig ist, plus von ihr mobilisierte Personen zu den Gruppentreffen
gegangen und haben dort zunächst die Absetzung des Vortrages und dann
das Schreiben und Verschicken des Briefes mit dem Absender der Gruppe,
über Verteiler der Gruppe und mit dem Geld der Gruppe durchgesetzt.
Ein großer Teil (eventuell sogar die Mehrheit?) der eigentlichen
Gruppe war dagegen. Es kam zu Auseinandersetzungen in der Gruppe bis zu
Handgreiflichkeiten (die nach meiner Kenntnis keineswegs einseitig waren).
Die eigentlichen Initiatorinnen des Briefes gegen mich sind aber keine
Personen aus der GIgA, sondern Frauen, mit denen ich in der Vergangenheit
zusammen gewohnt und z.T. politisch gearbeitet habe. Zwischen ihnen und
mir (und anderen) ist es zu Streitpunkten gekommen, in deren Mittelpunkt
die Projektwerkstatt stand mit die Frage, ob das Haus ein Wohn- oder ein
politisches Projekt sein sollte. Diese Verhältnisse sind zum Verständnis
des Vorganges nötig – auch wenn es sich um schmutzige Wäsche
handelt, auf die ich gerne verzichtet hätte.
Die Hauptperson: Uta-Sophia Neubauer: Sie hat ein halbes Jahr
mit mir und anderen in einer gemischten WG im Wohnhaus an der Projektwerkstatt
gewohnt. Ich habe mit ihr im Anti-Atom- und im Anti-Gentechnik-Bereich
zusammengearbeitet. Zudem war sie die Widerstandsredakteurin der Ö-Punkte
(und zwar, wie ich finde und hier nicht zum ersten Mal aussage, die bisher
beste in dieser Rubrik!). Ende 1997 hat sie vorgeschlagen, im Wohnhaus
eine FrauenLesben-WG aufzubauen. Das wurde kontrovers diskutiert, ich habe
die Idee von Beginn an unterstützt und mir einen Bauwagen auf dem
Grundstück umgebaut. Es war Konsens, daß die politischen Räume
gemischt bleiben. Leider verlief die Zeit der FrauenLesben-WG aus meiner
Sicht richtig Scheiße. Die Frauen kümmerten sich kein Stück
um die politischen Räumen, die reproduktive Arbeit außerhalb
des FrauenLesben-Hauses verrichtete ich alleine, alles von Telefon bis
Essen wurde von mir finanziert bzw. von den Konten des politischen Projektes
genommen. Die Frauen hatten zugesagt, sich um das Heizholz zu kümmern
für den nächsten Winter, was nicht geschah. Immer wieder schleppten
die Frauen Materialien aus den politischen Räumen in ihrer Zimmer
(Videogerät, Videos, Bücher usw.), die z.B. für mich und
einige Gruppen dann nicht mehr genutzt werden konnten. Ca. am 1. Oktober
1998 verließ die FrauenLesben-WG das Haus, als „wir anderen“ gerade
für einige Tage weg waren. Als wir wiederkamen, fanden wir das Wohnhaus
leer wieder, aber verseucht mit 1.000en von Flöhen. Das Haus war unbewohnbar.
Im letzten Monat von dem Auszug der FrauenLesben-WG war ich im Gefängnis.
Ein direkter Rausschmiß ist schon von daher völlig konstruiert.
Im Vorfeld verhielt sich die FrauenLesben-WG sehr taktisch. Ihr Ziel
war, das gesamte Haus unter Kontrolle zu bringen und ein FrauenLesben-Wohnprojekt
zu verwirklichen (ein vollausgebautes Haus für sich selbst nutzen
zu können, ist attraktiv ...). Zeitweise wurde diskutiert, das Haus
zu besetzen – das wäre dann sicher ein einmaliger Vorgang gewesen:
Die Besetzung eines autonom-politischen Zentrum zum Zweck der Privatisierung.
Obwohl das FrauenLesben-Haus für Männer gesperrt war, luden sie
einen der Vorständler des Fördervereins (Hausbesitzer) zu sich
ein. Ich fand den ganzen Vorgang sehr peinlich, wie dieser Mann hofiert
wurde – offensichtlich weil die Frauen hofften, sich mit seiner Hilfe durchsetzen
zu können.
Während des Wohnens entzog sich die FrauenLesben-WG dem Projektwerkstattsplenum,
machte ihr eigenes Frauenplenum im u.a. für mich ja unzugänglichen
Wohnhaus. Die WG verhielt sich sehr abweisend auf Gäste, u.a. anderem
auch sexistisch gegenüber Männern und Hetero-Frauen, deren Sexualität
als unterentwickelt bezeichnet wurde. Zeugnis davon bietet auch der Kalender
„Nacht für Nacht“, an dem die Saasener FrauenLesben-WG wesentlich
mitwirkte. Zudem zeigt sich an diesem Projekt auch die politische Gleichgültigkeit
der WG. Die Bestelladresse für den Kalender war die Projektwerkstatt.
Die Frauen verschwanden aber ohne jegliche Adresse, offensichtlich baten
sie in ihrem Umfeld auch darum, ihre neue Adresse nicht weiterzugeben.
Bei uns gingen ca. 1.500 Kalenda-Bestellungen ein, die nicht ausgeführt
werden konnten, weil wir weder die Kalenda noch eine Adresse hatten.
Der Bruch und der Auszug ging meines Erachtens eindeutig von den Frauen
aus. Ich habe erst über ein Jahr später Uta-Sophia wiedergetroffen
und sie gefragt, ob es überhaupt nochmal eine Kommunikation geben
sollte. Sie verneinte. Allerdings: Von Sexismus war auch zu dieser Zeit
nie die Rede.
Beteiligt: Christine Dettmer: Christine Dettmer ist im Brief
gegen mich erwähnt, darum halte ich eine Aufklärung ebenfalls
für nötig. Christine ist im Herbst 1999 in die Projektwerkstatt
gezogen – sie kam von Lutter, wo nach einem Probewohnen ihrem Einzug nicht
zugestimmt wurde. In der Projektwerkstatt war damals das Wohnhaus völlig
leer. Daher kamen zwei Interessen zusammen: Christine brauchte schnell
eine Wohnung, die Projektwerkstatt brauchte eine Person, die im Winter
heizt, BesucherInnen hereinläßt usw. Auf dieser Basis kam es
schnell zum Einzug. Eine politische Zusammenarbeit entstand nie. Nachdem
zunächst (und damit anders als bei der FrauenLesben-WG) Christine
einiges für den reproduktiven Bereich gemacht hat, ließ das
nach zwei Monaten nach. Handwerkliche Arbeiten am Haus wollte sie nur noch
gegen Bezahlung machen. Die letzte Zeit war ich damit wieder fast auf mich
alleingestellt. Ich war viel unterwegs, mußte aber immer, wenn ich
in Saasen vorbeikam, erstmal Heizholz für die Zentralheizung sägen.
Christine bezahlte absprachegemäß weder für Wohnen noch
für Essen – allerdings hatte sie zugesagt, dafür das Haus aufrechtzuerhalten.
Das war Anfang 2000 für mich nicht mehr der Fall, ich akzeptierte
es aber. Als dann Christine mir mitteilte, daß sie auch ihre privaten
Telefonate nicht bezahlen will, habe ich sie gebeten, wieder auszuziehen
(diese Aufforderung wird im Brief gegen mich in einen Kontext zu sexistischen
Angriffen auf Frauen gestellt, was eine Lüge ist). Das wollte sie
ohnehin und tat es auch wenig später.
Wichtig erscheint mir noch ein Hinweis: Auch Christine bezog sexistische
Positionen. Bei einer Diskussion um „Homo-Ehen“, bei der ich anzweifelte,
ob es politisch sinnvoll ist, den gleichberechtigten Zugang zu etwas Beschissenem
(Ehe) zu fordern, äußerte sich Christine so, daß nur schwule
Beziehungen immer „normal“ sein wollten, lesbische aber widerständig
orientiert werden. Ich halte diese Position für sexistisch und habe
das auch gesagt.
Weitere Beteiligte sind mir zwar bekannt, aber ich erwähne sie
nicht, weil zum einen eindeutig Uta-Sophia Neubauer die dominante Person
in dem Kreis ist und zum anderen ich mit den anderen kein persönliches
Verhältnis hatte, daher nicht weiß ob bzw. welche Beweggründe
sie zu diesem Angriff gegen mich haben. Bei den beiden Benannten aber bin
ich mir sicher, daß der Grund für den Brief nicht mein angeblicher
oder tatsächlicher Sexismus ist, sondern andere, vor allem persönliche,
aber auch politische Unterschiede, die Auseinandersetzungen um die Projektwerkstatt.
Alles ist eine Auseinandersetzung um persönliche und politische Unterschiede,
aber nie eine um Sexismus gewesen. Alle Personen haben mit mir zusammengearbeitet
und –gewohnt, obwohl sie alles schon kannten, was sie jetzt im Brief „enthüllen“.
Sie haben es in der Phase der Zusammenarbeit selbst nicht so eingestuft,
wie sie es jetzt tun.
Damit wird meines Erachtens der Sexismusvorwurf instrumentalisiert.
Ich halte es für wichtig, diesen Mißbrauch entschieden zurückzuweisen,
soll nicht Tor und Tür geöffnet werden, daß anonym Vorwürfe
erhoben und damit Personen rausgeworfen werden. Die Leidtragenden wären
auch die, die berechtigt solche Vorwürfe erheben und im Mischmasch
nicht mehr erkannt werden könnten.
Um es nochmal zu verdeutlichen:
Die Tatsache, daß auch ich sexistisch handele bzw. patriarchale
Rollenmuster reproduziere, soll mit obigen Äußerungen nicht
bestritten werden. Ich habe versucht, darzulegen, daß selbst die
Schreiberinnen des Briefes gegen mich gar nicht der Meinung sind, daß
die Sexismusvorwürfe stimmen. Sie benutzen sie, weil sie sich davon
bessere Möglichkeiten erhoffen, mich loszuwerden.
Es ist nicht der erste Vorgang. Ich habe schon einige Androhungen in
den letzten Jahren erhalten, daß ich wegen Sexismus angegriffen werden
soll, wenn ich meine Kritik an diesem oder jene Projekt nicht einstelle.
Es war immer offensichtlich, daß es ein Mißbrauch wäre,
weil nicht wirklich der Sexismusvorwurf der Anlaß war, sondern andere
Auseinandersetzungen, innerhalb derer dann der Sexismusvorwurf taktisch
eingebracht worden wäre - unabhängig von der Frage, ob er stimmt
oder nicht, darum wäre es gar nicht gegangen. In Folge meiner massiven
Kritiken an Filz und Machtstrukturen in der radikalen und in der Pseudolinken,
als Folge meiner massiven Gegenwehr gegen jegliche Entradikalisierung oder
Entpolitisierung von Projekten und Einrichtungen, an denen ich mitarbeite,
und auch als Folge etlicher Fehler und Fehleinschätzungen, die ich
in den Jahren gemacht habe, gibt es verdammt viele Menschen, die mich gerne
weghaben wollen. Die Absenderinnen des Briefes gehören dazu – deutlich
zu erkennen auch an den (mir vorliegenden) Entwürfen zu dem Brief
gegen mich, deren Sprachstil viel klarer zeigt, daß es Haß
auf mich ist, der die Briefschreiberinnen angetrieben hat. Dort wurde mir
„Frauenhass“ vorgeworfen oder meine Wohnsitzlosigkeit angegriffen (darf
mensch inzwischen nicht mal mehr die Wohnsituation selbst bestimmen?).
Weitere Zitate aus den Entwürfen: „entlarvte den Brief ... als täterschützend“,
„Jörg dein Gefasel ist zum Kotzen!!!“, „wie sein genereller Umgang
mit FrauenLesben ist (beleidigend, diffamierend ...)“, „lächerlich
wirkt die Frage Jörgs ...“, „wie absurd!!!“, „weicht der mit der Aussage
aus“, „verdreht den Diskussionsverlauf“, „wie können es Frauen/Lesben
nur wagen, Kritik an Herrn von Bergstedt zu üben???“, „was für
eine ungeheuerliche Unterstellung“, „versucht seine Interessen durchzusetzen“,
„zeigt, wie wichtig er sich nimmt“, „antirassistische und antipatriarchale
Arbeit etc. ist somit in seinen Augen völlig überflüssig“.
Dennoch ist eine Debatte über meinen Sexismus genauso wichtig und
richtig wie über den aller anderen – aber unabhängig von dem
Mißbrauch dieser Debatte durch Personen, die etwas ganz anderes damit
verfolgen.
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Stellungnahme zum konkreten Brief
Im folgenden gehe ich auf einzelne Passagen des Briefes ein und widerlege
sie, kommentiere sie oder akzeptiere sie – je nachdem. Ich habe Auszüge
des Briefes kursiv gestellt, meine Kommentierung folgt dann jeweils.
-
Nach der Einladung gab es innerhalb der GIgA eine Diskussion
zu seiner Person. Unwahr: Die Diskussion ist von außen in die
GigA getragen worden. In der GigA gab es von einem erheblichen Anteil der
Anwesenden Widerstand gegen den Brief.
-
Wir erfuhren, daß Jörg noch heute verschiedenen
Leuten davon berichtet, daß ihm ungerechtfertigter Weise sexistisches
Verhalten und Vergewaltigung vorgeworfen wurde. Wahr ist, daß
ich erst in der letzten Zeit, sehr selten und immer erst im Verlauf von
Debatten über den Umgang mit Vergewaltigungsvorwürfen berichtet
habe, daß ich bereits einen gezielt-diffamierenden, erlogenen Vergewaltigungsvorwurf
erhalten habe. Ich habe mich aber nie dafür ausgesprochen, deshalb
solche Vorwürfe nicht ernst zu nehmen und z.B. die Beschuldigten bis
zur Klärung nicht auszugrenzen.
-
Sexismus- und Vergewaltigungsvorwürfe verjähren
nicht! Dieser Satz wiederholt den falschen Vergewaltigungsvorwurf und
damit eine gezielte Denunzierung gegen mich.
-
Dort hat es bis zu diesem Jahr immer wieder dominantes
und sexistisches Verhalten von Jörg gegenüber FrauenLesben gegeben.
Obwohl
konkrete sexistische Übergriffe eine sehr viel griffigere Beschuldigung
gegen mich wären, werden im folgenden keine genannt. Stattdessen:
-
Aufgrund der Materialfülle haben wir uns auf seine
UnZ-Texte beschränkt. Das ist ein guter Trick, der den Mangel
an Vorwürfen kaschieren soll. Es gibt keine konkreten Vorwürfe
über die viele Jahre alten Texte hinaus – warum wären sie wohl
sonst nicht benannt worden?
-
Die ablehnende Haltung ... Dieser Absatz zeugt davon,
wie umstritten der Vorgang selbst in der Gruppe war (zumal die Gruppe mich
als Referenten eingeladen hatte, obwohl die alten Vorgänge immer bekannt
waren). AugenzeugInnenberichte an mich (sicherlich ebenso subjektiv) schildern
den Ablauf ähnlich, allerdings mit der Veränderung, daß
die körperliche Gewalt zuerst gegen den Mann eingesetzt wurde, um
ihn aus der Gruppe rauszuschmeißen. Richtig ist zudem, daß
sich mind. zwei Männer und eine Frau gegen den Brief und gegen das
Vorgehen ausgesprochen haben. Das wird (taktisch klug) verschwiegen. Ich
habe mit allen GegnerInnen des Briefes keinen intensiven Kontakt und lehne
Kumpanei ab. Sollten Begründungen tatsächlich gefallen sein (was
bezweifelt wird), daß die Benennung eines Sexismusses bei mir falsch
sei, weil ich „gute Arbeit“ leiste, so lehne ich solche Begründungen
ab. Selbstverständlich kann es nicht gelten, daß „wichtige Leute“
von Kritik verschont bleiben. Kritik übe ich an der Denunzierung von
Menschen aus der eigenen Gruppe – wer eine andere Meinung vertritt, wird
gleich mit öffentlich denunziert, der Kumpanei bezichtigt usw. Das
nährt den Verdacht von Denunziation aus Machtpolitik.
-
Was ist passiert? Der historische Kontext ist, wie
schon beschrieben, falsch (siehe oben).
-
Obwohl daraufhin mehrmals sein Leserbrief kritisiert wurde,
hat er weder reagiert noch sich zu dem Sexismusvorwurf geäußert.
Die Aussage ist doppelt unwahr. Zum einen gab es nie eine Aufforderung
an mich zur Stellungnahme – und aufgrund der Veröffentlichung mit
Namen, Adresse und Tötungsaufruf hatte ich keine Lust an weiterer
Öffentlichkeit. Ich habe aber zum anderen mit etlichen Personen über
die ganze Auseinandersetzung geredet, u.a. auch mit Frauen aus der damals
gegen mich agierenden Gruppe, die wiederum als Einzelpersonen in Zusammenhängen
aktiv waren, wo ich auch agierte – und kein Problem mit mir äußerten
(z.B. in der Initiative „Ökohof statt Golfplatz“, aus der heraus damals
Besetzungen der Baustelle heraus organisiert wurden). Diese Frauen rieten
mir, nichts zu tun, da es keine Chance für mich gäbe, aus der
entstandenen Lage herauszukommen.
-
Die PW rief 1995 mit zu einer Kurdistan-Demo auf. In ihrem
Redebeitrag forderten Frauen/Lesben den Ausschluß Jörgs aus
der Demo sowie eine Stellungnahme der PW zu seinem Verhalten. Den anderen
an der Demo beteiligten Gruppen waren die Vorgänge bekannt. Die Rede
der Frauen/Lesben wurde von den VeranstalterInnen kritisiert, weil der
Redeinhalt vorher falsch angegeben wurde. Das sagt nicht über die
Richtigkeit des Redeinhaltes, wohl aber über die Situation zwischen
Gießener Gruppen damals aus. Der Satz zeigt aber, daß nicht
ich zu einer Stellungnahme aufgerufen wurde, sondern die Projektwerkstatt,
wie sie mit mir umgehen wolle. Ich habe bei allen Besprechungen darüber
aus eigenem Wunsch nicht teilgenommen, um die Beeinflussung zu reduzieren.
Unter anderem wurde gefordert, daß in der im Projektwerkstattsumfeld
erstellten Politzeitung „Widerhaken“ der Sexismusvorwurf gegen mich veröffentlicht
wurde. Das lehnte die Redaktion (in meiner Abwesenheit, s.o.) ab.
-
Plenum entlarvte den Brief von Jutta als täterschützend
... diese „Entlarvung“ lohnt sich zu lesen, sie zeigt, welche denuziatorische
Richtung bestimmend war.
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hansjoachim peters Diese Person legte einen bemerkenswerten
Eifer bei den Angriffen gegen die Projektwerkstatt an den Tag. Er ist auch
jetzt wieder an dem Brief gegen mich beteiligt. Wo er zugehört bzw.
wo er herkommt, ist uns unbekannt.
-
Erst nach der Aufforderung eines Mannes ... Geschickt
formuliert. Das soll suggerieren, daß ich Frauen nicht ernst nehme.
Verschwiegen wird, daß es überhaupt die erste Aufforderung an
mich war. Zudem war ich damals keineswegs sicher, daß sich hinter
dem Namen ein Mann verbirgt ... auch der jetzige Brief ist zur Hälfte
mit Männervornamen unterschrieben – soviele Männer haben meines
Wissens gar nicht mitgearbeitet.
-
Sein Diskussionsstil: Ich anerkenne und diskutiere
die Kritik an meiner dominanten Rolle in vielen politischen Zusammenhängen.
Dominanz ist meines Erachtens aber nicht das Ergebnis von einseitigen Führungshandlungen,
sondern entsteht aus dem Zusammenhang heraus, wenn Menschen verschiedene
Dominanzrollen spielen und die Strukturen bewußt oder durch Nichtdiskussion
der Strukturen Dominanzen zulassen. Ich bemühe mich intensiv, vor
allem dominanzabbauende Strukturen voranzubringen und Diskussionen über
Dominanzen zu führen (siehe z.B. Expo-Widerstand, auch unser Kritikpapier
nach der Expo-Aktionsaktionswoche, wo wir im allgemeinen auch speziell
unsere Dominanz angegriffen haben). Der Vorwurf, daß ich dominant
auftrete, ist berechtigt. Hinzufügen möchte ich aber auch, daß
ohne meine Gegenwehr z.B. gegen die Privatisierung der Projektwerkstatt
in ein Frauen-Wohnprojekt das Zentrum nicht mehr existieren würde,
die Gegenwehr z.B. gegen die Versuche des Aufbaus zentraler Strukturen
im Expo-Widerstand das Experiment einer „Bewegung von unten“ nie versucht
worden wäre (siehe Prag-Widerstand – von deutscher Seite aus nur über
Kungel und von oben organisiert, weil ich, zusammen natürlich mit
anderen, diesmal nicht durchsetzungsfähig war), oder mein Einsatz
für die Autonomie der Ö-Punkte-Redaktionen, ohne die diese längst
eingeschränkt wäre usw. Es gibt etwas zu verteidigen. Die "Linke"
ist nicht emanzipatorische, sie entwickelt sind ständig in Machtstrukturen
und informelle Hierarchien bis etablierten Verbandsformen hinein. Dieser
Prozeß ist nur über eine organisierte Gegenwehr aufzuheben,
die Privatisierung, Hierarchisierungstendenzen usw. dominant gegenüber
auftritt. In einer emanzipatorischen Bewegung wäre das nicht nötig,
aber diese existiert nicht.
-
Jörg B. verwendet den Begriff "Unterdrückung"
im Sinne von „unity of oppression“ ... das tue ich in der Tat. Ich
bin der Meinung, daß es keine Priorität von Unterdrückungs-
und Diskriminierungsformen gibt – und das sie vor allem eine Folge gesellschaftlicher
Konstruktionen sind. Daraus zu folgern (wie im Brief geschehen), ich würde
Antisexismus für unwichtig halten u.ä., ist allerdings frei erfunden.
Meine Gegenkritik lautet: Was hier von den AbsenderInnen des Briefes gegen
mich versucht wird, ist die Konstruktion eines Hauptwiderspruches. Den
lehne ich ab. „Triple oppression“ (es gibt drei Unterdrückungsformen,
d.h. die Psychiatrisierung von Menschen, die Erziehung und Unterdrückung
von Kindern usw. findet nicht statt) ist eine falsche Theorie! Gesteigert
wird das noch in einem Beitrag gegen mich von hansjoachim peters in der
UnZ 45, wo er meine Ausführungen zur Diskriminerung verschiedener
Menschen quittiert mit „ Fehlt also nur noch die vegane Variante dieser
Frage: Kann Kopfsalat unterdrückt werden?" Mal abgesehen von der Ahnungslosigkeit
zu Veganismus (VeganerInnen essen Salat!), macht hansjoachim peters hier
einen Vergleich zwischen Menschen (z.B. Kindern, Psychiatrisierten, sog.
Behinderten usw.) mit Kopfsalat. Solche Formulierungen sind meines Erachtens
klar diskriminierend - nach eigener Logik müßte hansjoachim
peters folgerichtig überall rausgeworfen werden. Das aber will und
werde ich nicht fordern, weil antidiskriminierende Praxis einen Lernprozeß
aller mit allen über direkte Intervention und Reflexion beinhaltet.
Ich halte es jedoch in jedem Fall für zulässig, meinen Positionen
zu Herrschaftsverhältnissen zu widerzusprechen. Allerdings ist es
nicht sexistisch, eine andere Theorie zum Sexismus zu haben!
-
Aussagen von vor 1 1/2 Jahren werden zu Mißverständnissen
... ich habe keine Ahnung, was gemeint ist. Ohne konkreten Vorwurf
kann ich darauf nicht eingehen.
-
MigrantInnen als "Ausländerlnnen“ ... meines
Erachtens wird hier der denunziatorische Charakter des Briefes gegen mich
gut deutlich. Alles, was irgendwie geeignet ist, wird als Schlamm eingesetzt.
Auch in der Sache widerspreche ist: Formal ist der Begriff „MigrantInnen“
unvollständig. Diskriminiert werden auch Menschen, die hier geboren,
aber nichtdeutsch sind. Andererseits gibt es MigrantInnen, die keine AusländerInnen
sind (die Gleichsetzung AusländerIn = MigrantIn machen also die SchreiberInnen
des Briefes gegen mich, nicht ich).
-
"Männer, vergast (!) Euch, denn Ihr könnt Euch
nicht ändern!" Dieser Satz von mir ist daneben. Hinweisen möchte
ich aber darauf, daß „Faschisten im Bett“ der gleichen Problematik
unterliegt.
-
Das könnten Protokolle von der Couch sein ...
Dieser Satz ist ebenfalls daneben. Ich kann mir nur erklären, daß
ich meine Wut über die Sexismusdebatte sehr unüberlegt rausgeschreiben
habe. Meine Kritik an den Texten bleibt inhaltlich aber bestehen.
-
Unterdrückung von FrauenLesben z.B. mit denen von
Nicht-Abiturientinnen ... für diese Behauptung fehlt jeglicher
Nachweis. Meine Aussage, daß Diskriminierung und Unterdrückung
auf gleichen Prinzipien beruhen (vor allem der Konstruktion von sozialen
Rollen und Verhaltennormen), heißt nicht, daß auch die Quantität
der Unterdrückung gleich ist. Ganz im Gegenteil ist die Wirkung einer
Diskriminierung sehr ungleich je nach Herrschaftskontext – will heißen:
Die Kritik an einer dominanten Person hat eine andere Wirkung als an einer
Person, die gesellschaftliche vordefiniert eine nichtdominante Rolle innehat.
-
Durch sein Unterdrückungsverständnis wird klar,
daß er die Sexismusdiskussion für überflüssig hält
...
Diese Ableitung aus meinem Zitat halte ist für frei erfunden. Sie
liegt auch nicht nahe.
-
(im folgenden sind einige Aussagen in dem Brief, die sich
wiederholen, daher verzichte ich auf eine Entgegnung)
-
nur Diffamierungen sind zu lesen ... schon aus den
wenigen Zitaten, ausgewählt danach, was am schlechtesten für
mich wirkt, wird deutlich, daß das nicht stimmt.
-
unterdrücken sich Menschen gegenseitig („aus unterschiedlichen
Blickwinkeln betrachtet"). Und da es sich ja nur um Unterdrückungsformen
handelt (s.o.), sind diese beliebig austauschbar und vor allem gleichwertig
...
Diese Interpretation ergibt sich aus meinen Ausführungen nicht. Ich
vertrete diese Position auch nicht.
-
Ich selbst bin auch in wieder ganz anderen Unterdrückungsmechanismen
ganz unten ... Das ist doch ohne Zweifel richtig (z.B. Repression aufgrund
politischer Aktivität, Wohnsitzlosigkeit, fehlendem Abschluß
oder Eigentum) und von mir nur erfolgt, um an einem Beispiel zu illustrieren,
was ich mit der Benennung durchgängiger Herrschaftsprinzipien meine.
-
Es handelt sich um keinen konkreten Vergewaltigungsvorwurf,
sondern um einen potentiellen Vergewaltigungsvorwurf ...
diese Passage finde ich ziemlich krass. Warum haben die SchreiberInnen
des Briefes nicht klargestellt, daß der Vergewaltigungsvorwurf falsch
war. So wird mir plötzlich die Schuld zugeschoben – nicht der falsche
Vorwurf ist in der Kritik, sondern das ich mich darüber aufrege. Das
paßt dann zu dem Muster, daß von Opfern sexueller Übergriffe
gefordert wird, sich nicht aufzuregen – was mit Recht kritisiert wird!
Zu alledem ist die Formulierung gelogen. Es handelte sich nicht um einen
potentiellen Vergewaltigungsvorwurf. Daher zitiert aus dem Text von damals:
„wäre ich eine radikale Feministin, würde ich vielleicht sagen,
da hilft nur noch töten ... ich bin mir sicher, daß auch ...
und Jörg (Projektwerkstatt, Ludwigstr. 11, 35447 Reiskirchen-Saasen)
Vergewaltiger
sind(Unterstreichung im Original!) ... Ich
rufe deshalb auf zu militantem bewaffneten Widerstand gegen Vergewaltiger“.
Anschließend folgt eine poetische Einlage – eine Kurzgeschichte,
wo eine Frau einen Mann massakriert. Der Brief gegen mich ist verharmlosend.
Ein sexueller Übergriff ist kein Kavaliersdelikt, ein falscher Vergewaltigungsvorwurf
mit Tötungsaufruf aber auch nicht!
-
dass ein Vergewaltiger ausgegrenzt gehört und Ausnahmen
davon gut überlegt sein wollen ... Heute fällt mir schwer,
mich zu erinnern, welche Ausnahmen ich gemeint haben könnte. Ich würde
daher diesen Satz heute nicht mehr so vertreten.
-
Er diffamiert FrauenLesben, akzeptiert die Erfahrung von
FrauenLesben nicht ... Mehrfach tritt diese Verallgemeinerung auf –
FrauenLesben werden zu einer geschlossenen Gruppe erklärt. Wer einige
angreift, greift alle an. Das aber ist eine Rekonstruktion von Frauen als
einheitlich abgrenzbare Gruppe, folglich selbst sexistisch.
-
negiert, dass das Private politisch ist ... das stimmt
nicht und ist auch durch keine Bemerkung von mir belegt. Richtig ist aber,
daß ich den Satz tatsächlich für dumm halte, weil er genau
das falsch macht, was eigentlich bekämpft werden soll. Der Satz bedeutet,
daß die Behauptung, nur das Politische sei wichtig, anerkannt wird.
Das Private wird dadurch auch wichtig, daß es auch politisch ist.
Genau dadurch wird der Vorrang des Politischen zusätzlich konstruiert.
Ich würde eher behaupten: Das Private ist wichtig – auch dann, wenn
es nicht politisch ist (d.h. nach außen wirkend ist – so jedenfalls
mein Politikbegriff).
-
das sexistische Verhalten von Männern) sollen nicht
angegriffen werden ... frei konstruiert, ist von mir nirgends ausgesagt
und sehe ich auch nicht so.
-
Glaubt er ernsthaft, daß es FrauenLesben aus dem
sog. „Linken Spektrum“ (oder was noch davon übrig ist) gibt, die mit
ihm über Sexismus diskutieren wollen, zumal er bis 95 offensichtlich
nicht bereit war (und wie wir wissen auch bis heute nicht ist!) sich tatsächlich
auseinanderzusetzen?? Wie absurd!!! Die Aussage dieses Absatzes ist
mir unbegreiflich. Zum einen konstruiert er FrauenLesben wieder als einheitliche
Gruppe. Dann scheinen die BriefeschreiberInnen allen FrauenLesben einen
Verhaltenskodex vorgeben zu wollen. Zudem ist die Behauptung falsch, denn
ich diskutiere mit vielen Frauen über Sexismus. Das allerplatteste
aber ist: Das habe ich auch mit den SchreiberInnen des Briefes durchaus
intensiv gemacht – wäre es nicht zum Zerwürfnis gekommen, hätte
ich mit der Hauptakteurin der BriefeschreiberInnen zusammen eine Schwerpunktausgabe
„Sexismus in politischen Gruppen“ der Ö-Punkte gemacht. Insofern ist
das alles eine absichtliche Lüge.
-
Dies führte dazu, daß über kurz oder lang
alle (einschließlich einer FrauenLesben-WG) aus der PW wieder ausgezogen
sind. Im Frühjahr 2000 wurde eine Frau von Jörg erklärter
Maßen rausgeschmissen. ... Erstens: Es hat
keinen Rausschmiß gegeben, wohl aber die Aufforderung zum Auszug
(genauere Beschreibung oben unter „der personelle Kontext“. Daß die
dominante Frau der FrauenLesben-WG jetzt ihren Aus einem Wohnhaus,
daß sie selbst mittels Flöhen unbewohnbar gemacht haben, als
Angriff gegen mich einsetzt, finde ich ziemlich verlogen. Zweitens: Das
alles hat mit Sexismus nichts zu tun – und wird hier nur taktisch geschickt
suggeriert. Drittens: Die tatsächliche Gründe für Auszüge
liegen zum einen im geplanten Ende eines Aufenthaltes (die meisten Menschen
wollte nur für begrenzte Zeit in der Projektwerkstatt wohnen), am
zweithäufigsten in Etablierung und Zuwendung zu privatorientierten
Lebensformen, Ehe, Studium u.ä. sowie in seltenen Fällen in einer
Auseinandersetzung über einen privaten oder politischen Charakter
der Projektwerkstatt. In diesem Kontext bin auch ich einmal für ein
halbes Jahr ausgezogen – als Niederlage gegenüber den Entpolitisierungsbestreben,
die sich glücklicherweise dann aber von selbst erledigten. Die Projektwerkstatt
ist die einzige Kommune, die auch nach zehn Jahren noch vollständig
und als Gesamtprojekt ein politischer Widerstandsort ist. Das hat mit einer
massiven Gegenwehr gegen Privatisierung und Etablierung zu tun, die auch
von mir ausging. Darüber kann geredet werden. Ich stehe dazu, finde
die Strategie der Projektwerkstatt richtig. Wir haben in der Zwischenzeit
aus den Auseinandersetzungen gelernt. Personen mit Privatisierungstendenzen
werden nicht wieder so schnell in das Haus einziehen können.
-
ihm noch einmal zu erklären ... Das und andere
Bemerkungen suggerieren, daß ich mich Diskussionen verweigert hätte.
Tatsächlich habe ich sie aber gesucht – und sie sind von der/n anderen
Seite(n) verweigert worden.
-
fordern wir den Ausschluß von Jörg Bergstedt
aus allen linken Zusammenhängen und sozialen Räumen!!! Das
ist die Höchststrafe, die in der Bewegung möglich ist. Vom Straßmaß
her stände ich damit auf einer Stufe mit Vergewaltigern. Und es stellt
sich die Frage: Bei Anlegung gleicher Maßstäbe – müßten
nicht ALLE (Frauen und Männer, denn alle reproduzieren die patriarchalen
Verhältnisse immer wieder – und erst recht andere Unterdrückungsformen,
z.B. im Umgang mit Kindern) folgerichtig ausgeschlossen werden. Ich halte
aber eher für wahrscheinlich: Diese Forderung war das erste, was die
BriefeschreiberInnen klar hatten. Die Gründe dafür wurden danach
gesucht.
-
Bereits in der UnZ 33 hat Jörg selbst seinen Vornamen
mit Adresse angegeben ... offenbar soll das „entschuldigen“, warum
der Vergewaltigungsvorwurf und Tötungsaufruf mit Adresse erfolgt ist.
Ich finde das eine schlechte Begründung.
|
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Ergänzend zu den vielen Einzelerwiderungen möchte ich
noch meine Einschätzung aussprechen, daß die BriefeschreiberInnen
nicht alle Formulierungen konsequent reflektiert haben. Es gibt zwar mindestens
zwei Vorentwürfe (soviele liegen mir vor), aber dennoch will ich nicht
behaupten, daß alles, was in dem Brief gegen mich steht, tatsächlich
die endgültige Meinung ist. Sonst müßte ich den Vorwurf
des Sexismus umgekehrt erheben, denn viele Ausführungen sind das.
Menschen aber sind keine Computer – weder ich beim Abfassen meines Abkotz-Leserbriefes
von 1994 noch die SchreiberInnen des Briefes gegen mich.
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Eigene Positionen zur antisexistischen
Praxis
Zu den einzelnen Punkten habe ich bereits etliche Positionen benannt. Ich
möchte sie an dieser Stelle nochmal zusammenfassend benennen. Im übrigen
lassen sich die Positionen, die ich vertrete, auch an verschiedenen Stellen
nachlesen, z.B. in den Bänden des Buchprojektes „Agenda, Expo, Sponsoring“
(Band 1: Recherchen im Naturschutzfilz, Band 2: Perspektiven radikaler,
emanzipatorischer Umweltschutzarbeit) oder im neuen Buch „Freie Menschen
in Freien Vereinbarungen“. Aus letzterem möchte ich auch einige Absätze
zitieren:
Tradierte Vorstellungen von Wertigkeiten,
Erziehungsmuster zu immer wiederkehrenden gesellschaftlichen Rollen und
Inhalte von Bildung, Medienbeeinflussung usw. führen zu nicht willkürlichen,
sondern typischen und sich immer wieder reproduzierenden Mustern. Für
diese sozialen Konstruktionen gibt es sehr offensichtliche Beispiele. So
beruht das Gefälle zwischen Männer und Frauen bei Lohnhöhen,
bei der Präsenz in Führungspositionen oder beim Zugriff auf Geld,
Eigentum usw. auf der immer wieder erneuerten sozialen Konstruktionen von
Wertigkeitsunterschieden. Zur Rechtfertigung solcher sozial konstruierten
Wertigkeitsunterschiede wird die Verschiedenheit von Menschen herangezogen:
seien es geschlechtliche, biologische, ethnische Unterschiede oder unterschiedliche
Neigungen, Verhaltensweisen oder sonstige Merkmale, die sich zur Zuschreibung
von „Eigenschaften“ eignen. Diese realen Verschiedenheiten werden zu homogenen
„Eigenschaften“ von Gruppen von Menschen umgedeutet, um sie als Rechtfertigung
zur diskriminierenden Behandlung dieser Gruppen zu verwenden.
Rollenbildung und Wertigkeiten zwischen Männern
und Frauen entstehen nicht durch das biologische Geschlecht, sondern aufgrund
der allgegenwärtigen, von (fast) allen Menschen ständig reproduzierten
Bilder und Erwartungshaltungen gegenüber den anderen Menschen und
sich selbst, z.B. in der elterlichen Erziehung und Beeinflussung, Schule,
Arbeitswelt, Medien usw. „Mannsein“ oder „Frausein“ als gesellschaftliche
Rolle, als soziales Geschlecht, ist folglich eine Zuweisung der Person
zu diesem Geschlecht durch gesellschaftliche Bedingungen. Dieser Prozeß
reproduziert sich wegen der subjektiven Funktionalität [?Funktionalität,
subjektive], die diese Rollen für die Menschen im täglichen Überlebenskampf
und für langfristige Perspektiven zumindest aktuell haben, ständig
selbst, so daß die Rollen von Generation zu Generation weitervermittelt
werden und in fast allen Lebensfeldern vorkommen. Dadurch wirken sie so,
also wären sie ein Naturgesetz. Den betroffenen Menschen kommt ihre
gesellschaftliche Rolle wie eine Bestimmung vor, der sie nicht entgehen
können und die sie an nachfolgende Generationen weitergeben.
Ähnlich wie diese soziale Konstruktion zwischen
Männern und Frauen finden sich solche zwischen Alten und Jungen, sogenannten
Behinderten und Nicht-Behinderten, In- und AusländerInnen, Menschen
mit und ohne Ausbildung usw. Immer werden Wertigkeiten abgeleitet, die
zu unterschiedlichen Möglichkeiten der eigenen Entfaltung, d.h.und
zu Herrschaftsverhältnissen führen.
Die äußeren und verinnerlichten Herrschaftsverhältnisse,
sozialen Rollenzuschreibungen und die wie ein unabwendbares Schicksal erscheinenden
Beeinflussungen der individuellen Lebens- und Gesellschaftsentwürfe
finden sich zwischen einzelnen Menschen, zwischen Gruppen und auch global
z.B. zur Zeit zwischen Nationen oder Staatenbünden (wie der EU). Eine
festgezurrte Rollenverteilung gibt es zwischen einzelnen Menschen ebenso
wie zwischen Regionen, Stadt und Land, armen und reichen Ländern.
Die inneren Zwänge werden dabei oft durch biologistische Setzungen
pseudowissenschaftlich gerechtfertigt. Sei es die „natürliche Neigung
der Mutter zum Kind“ oder die „gefühls-/körperbetonten Schwarzen“
– auch in der neuesten Zeit kursieren viele solcher Behauptungen, bei denen
immer aus biologischen Tatsachen oder Behauptungen Ableitungen auf gesellschaftliche
Rollen und Wertigkeiten erfolgen. Biologische Unterschiede zwischen Menschen
sind vorhanden, aber nicht geeignet, daraus soziale Rollen zu erklären.
Dennoch geschieht es, wobei die biologischen Unterschiede als Hilfsargument
dienen, die Herrschaftsinteressen und kapitalistische Verwertungslogik
zu verschleiern. Menschen lassen sich durch die Macht- und Profitorientierung
sowie ihr eigenes Bemühen, durch Zuordnung zu vorgegebenen und erwarteten
Lebensläufen ihr eigenes Leben scheinbar besser gestalten zu können,
bestimmten Rollen zuordnen. Die biologischen Begründungen dienen der
Verschleierung dieser tatsächlichen Interessen.
...
Freie Menschen in freien Vereinbarungen – das „Frei“sein
entspringt der vollständigen Dekonstruktion aller Herrschaftsverhältnisse
sowie aller sozialen und formalen Setzungen, die Unterschiede zwischen
den Menschen konstruieren. Die Menschen werden nicht gleich sein im Sinne
des konkreten Lebensentwurfes. Aber sie können alle gleichermaßen
frei entscheiden, welchen Weg sie beschreiten – eben in freien Vereinbarungen,
die nur dann frei sind, wenn keine Zwänge herrschen. Heutige Verträge
sind in diesem Sinne eben nicht frei, weil die Menschen zwar bei manchen
Verträgen im speziellen Fall Nein oder Ja sagen können, aber
durch die bestehenden Zwänge die Entscheidungsspielräume eingeengt
sind (z.B. in den Bereichen von Arbeitsverträgen, Ausbildung, Ehe,
wo wirtschaftlicher oder sozialer Druck zu bestimmten, normierten Verhaltensweisen
drängt).
...
Gleichberechtigung üben: Ein wichtiges
Übungsfeld sind die Gruppen selbst, in denen sich Menschen für
emanzipatorische Visionen oder Teilthemen engagieren. Diskussionsabläufe,
Rollenverteilung in den Gruppen und Organisationen, Entscheidungsprozesse
und vieles mehr sind wichtige Praxisfelder. Für sie müssen Konzepte
entwickelt und ausgetauscht werden. Gleichberechtigtes Miteinander ist
an jedem Ort der Gesellschaft ein wichtiges Ziel – jede reale Gruppe ist
damit als Teil der Gesellschaft ein mögliches Umsetzungsfeld.
Die zur Zeit meist angewendeten Methoden des Dominanzabbaus
in Gruppenprozessen, z.B. Supervision, verregeltes Redeverhalten und Moderation,
sind ungeeignet, das Ziel von Gleichberechtigung zu erreichen. Statt eines
Dominanzabbaus werden formalisierte Dominanzverschiebungen z.B. hin zu
den moderierenden Personen vorgenommen. Oftmals entstehen dadurch versteckte
Hierarchien, weil ModeratorInnen nicht mehr in demokratischen Prozessen
bestimmt werden, sondern unklar ist, ob bzw. wem gegenüber sie in
einem direkten Abhängigkeitsverhältnis stehen (AuftraggeberIn,
AnsprechpartnerInnen für Rückklärungen usw.). Gleichberechtigung
im Sinne einer Dekonstruktion formaler und verinnerlichter Dominanzverhältnisse
ist nur in einem offensiven und offenen, von allen getragenen Prozeß
machbar. Ohne Verantwortung an dafür bestimmte Personen zu übertragen,
müssen alle Menschen in einem Gruppenzusammenhang die Idee des gleichberechtigten
Miteinanders tragen und umsetzen – als Anspruch an sich selbst und als
Gesamtprozeß in gegenseitiger Mitteilung und Kontrolle. Die Menschen
sind die AkteurInnen, immer und gleichberechtigt, auch und gerade bei der
Durchsetzung gleichberechtigter Verhältnisse.
Diskriminierung entgegentreten: Diskriminierungen
sind zur Zeit Alltag - Abwertungen und Ausgrenzungen nach Geschlecht oder
sexueller Orientierung, nach körperlicher Fitneß oder Ausbildungsgrad,
nach Alter oder Herkunft. Nicht Gesetze oder Verregelungen werden Diskriminierungen
beseitigen, sondern die unmittelbare Intervention der Einzelnen. Darum
muss gerungen werden. Notwendig sind Diskussionen und Entschlüsse
in bestehenden Zusammenhängen und das Herausholen des Widerstands
gegen Diskriminierungen aus der Theoriedebatte oder der verregelnden Strukturdiskussion,
um ihn an das direkte Handeln der Menschen als Einzelpersonen zu übergeben.
Es wäre falsch, Menschen nur schuldig sprechen zu wollen, wenn sie
bewußt oder als Folge ihrer bisherigen Erfahrungen Unterdrückung
oder Diskriminierung reproduzieren. Wichtiger ist, direkt zu intervenieren,
die Vorgänge offenzulegen, zu klären, sich die emanzipatorischen
Ziele zu verdeutlichen und dann fortzufahren auf dem gemeinsamen Weg, sich
durch direktes Intervenieren gegenseitig voranzubringen. Die Diskussionen
um konkrete Personen und deren Ausgrenzung müssen beendet werden und
die Diskussionen um die Möglichkeiten direkter Intervention müssen
beginnen. Die Menschen werden in ihrer Entwicklung die GestalterInnen emanzipatorischer
Verhältnisse sein, nicht Gruppendruck und Verregelung. Unmittelbares
Verhalten verändert die Gegenwart. Den übergeordneten Strukturen
die Verantwortung für solch zentrale Fragen wie den Abbau von Diskriminierungen
zu überlassen, zeigt nur einen überkommenen Glauben in die Weisheit
der Mächtigen.
(Quelle: Gruppe Gegenbilder, 2000: Freie Menschen
in Freien Vereinbarungen, Selbstverlag. Bestellbar über die Projektwerkstatt,
Ludwigstr. 11, 35447 Reiskirchen. Download als PDF über www.projektwerkstatt.de/download.
Diskussionsforum unter www.opentheory.org/proj/gegenbilder)
|
Kritik:
Ich halte die aktuelle Sexismus-Debatte für ...
-
restaurativ bis reaktionär (Wiederherstellung von Machtstrukturen)
in Bezug auf die Weiterentwicklung herrschaftsarmer (Ziel: -freier) Strukturen
in politischer Bewegung und im Alltag. Sie blockiert Diskussionen, Reflexionen
und Experimente.
-
rekonstruktiv, d.h. die Schubladen „Mann“ und „Frau“ als Ableitung der
biologischen Geschlechtlichkeit werden ständig rekonstruiert, wenn
gezielt „Frauen“ (biologisch abgegrenzt) gefördert werden (der linke
Antisexismus gleicht dem Empowerment von Frauen im Neoliberalismus!). Machtstrukturen,
Diskriminierung, Sexismus und die Konstruktion von „Frau“ und „Mann“ werden
nicht in Frage gestellt bzw. „dekonstruiert“, sondern gestärkt und
zur Grundlage des Antisexismus (der dann allerdings keiner mehr ist).
-
machtfördernd und –verschleiernd durch eine einseitige Förderung
dominanter Frauen, aber nicht aller Frauen bzw. nichtdominanter Menschen
insgesamt.
-
spaltend in Bezug auf eine emanzipatorische Politik gegen jede Form von
Diskriminerung und Herrschaft („triple oppression“ schafft eine Rangfolge
sexistischer und rassistischer Diskriminierung vor anderen, z.B. der Unterdrückung
von Kindern, der Psychiatrisierung von Menschen usw. – solche Hauptwiderspruchstheorien
stehen emanzipatorischer Veränderung durch spaltende und ausgrenzende
Wirkung im Weg)
-
mißbrauchsgefährdet, weil nicht eine offene, reflektierende
Debatte stattfindet, sondern Definitionsrechte pauschal verteilt und damit
Diskussionen und Reflexionen abgewürgt werden.
-
machtfördernd, weil nicht der Prozeß, sondern die Entscheidungsgewalt
im Mittelpunkt steht.
-
kontraproduktiv, weil nicht berücksichtigt wird, daß Diskussionen
und Prozesse immer stattfinden müssen (es gibt kein Endergebnis, Emanzipation
ist ein immerwährender Prozeß der Ablösung von äußeren
und verinnerlichten Machtverhältnissen), damit wir uns weiterentwickeln
und neue Menschen in die Diskussionen aufgenommen werden.
-
veraltet, weil sie auf theoretischen Fundamenten steht, die in der Theorie
längst als falsch oder unvollständig begriffen werden. So findet
z.B. keine Debatte um antisexistische Praxis auf der Grundlage der Dekonstruktion
statt.
|
Vorschläge:
Für eine antisexistische Praxis halte ich für wichtiger,
...
-
eine Praxis der Dekonstruktion zu entwickeln, d.h. der Abwehr einer sozialen
Einteilung von „Frau“ und „Mann“ und der daran gekoppelten patriarchalen
Rollenlogik.
-
Strategien und Praxis direkter Intervention gegen sexistisches Handeln
(und alle andere Formen der Diskriminierung) immer und überall zu
entwickeln. Nur daraus kann der Abbau des überall verbreiteten Sexismus
als Prozeß folgen. Das Rauswerfen von Personen mit diskriminierenden
Verhaltensweisen kann zwar trotzdem richtig bleiben, hilft aber beim alltäglichen
Sexismus nichts.
-
die offensive Entwicklung und Erprobung von antisexistischen (im speziellen)
und antidiskriminierenden Politikformen, z.B. innerhalb von Gruppen, Camps,
politischen Aktionen usw., voranzutreiben.
-
die Dezentralisierung von Entscheidungsstrukturen auch in politischen Zusammenhängen
zu erreichen. Filz- und Machtstrukturen, Kader und Klüngel müssen
transparent, Plena entmachtet werden. Politische „Bewegung von unten“ entsteht
aus der Autonomie und Selbstbestimmung aller Menschen und der von ihnen
getragenen Gruppen. Je größer und unklarer eine Struktur, desto
schneller entwickeln sich formale und/oder informelle Hierarchien.
|
Zu meinem eigenen Verhalten
Mir ist klar, daß ...
-
auch mir ständig Fehler unterlaufen, ich oft unsensibel reagiere und
meine zweifelsfrei vorhandene Fähigkeit zu dominantem Redeverhalten
auch unbedacht einsetze.
-
ich (wie alle anderen auch) ohne Diskussion und Reflexion nicht in der
Lage bin, Veränderungen an Verhalten und politischen Strategien zu
erreichen.
|
Meine (begrenzten) Versuche antisexistischer
Praxis sind zur Zeit ...
-
die Durchsetzung dezentraler Entscheidungsstrukturen in politischen Zusammenhängen,
sichtbar geworden z.B. in der Struktur des Expo-Widerstandes oder der Ö-Punkte-Redaktionsstruktur,
in die Vorschläge von mir mit einflossen und wo ich (zusammen mit
anderen) immer wieder und auch mit meinen Mitteln zur Dominanz/Gegendominanz
Versuche der Zentralisierung von Macht abgewehrt habe.
-
die intensive Entwicklung neuer Gruppenmethoden, Diskussionsformen usw.
zum Dominanzabbau, z.B. immer wieder Vorschläge bei der Planung von
Seminaren und Treffen in Richtung Kleingruppen, Alternativen zu Podien/Moderation/Verregelung
usw.
-
die direkte Intervention dort, wo ich diskriminierendes Verhalten beobachte
(ich gehöre zu denen, die z.B. auf Camps, Kongressen usw. am häufigsten
sofort einschreiten, wenn Diskriminierungen gegen Frauen, Kinder ... stattfinden)
– ich bin eher schockiert, wieweit auch in linken Zusammenhängen konkrete
Praxis fehlt, ganz im Gegenteil zu den ausschweifenden Laberdebatten, die
offenbar das Fehlen konkreten Handelns auch verschleiern (Antrag auf Plenumsdebatte
statt eigenem Handeln).
-
interne und öffentliche Diskussion zur Praxis antidiskriminierenden
Verhaltens, z.B. in der Projektwerkstatt, in politischen Gruppen, über
dafür speziell entstehende Redaktionen in den „Ö-Punkten“ (Antisexismus-,
Antinationalismus-Redaktionen und einige weitere im Aufbau), im Internet
unter www.projektwerkstatt.de/debatte und an verschiedenen anderen Orten).
Diese Beispiele sollen nicht den Eindruck erwecken, ich würde
alle Kraft genau in antidiskriminierende Aktivitäten richten. Ich
halte es nicht für sinnvoll und richtig, öffentlich solche Aktivitäten
zu benennen. Ich fühle mich (berechtigt oder unberechtigt?) dazu gezwungen.
Lieber wäre mir eine Auseinandersetzung im antisexistische Praxis
im allgemeinen und Antidiskriminierung im speziellen. Eine politische Bewegung,
die in der Sexismusdebatte schon von der Theorie her weit hinterherhinkt,
kaum eine Praxis und zu vielen anderen Diskriminierungsformen (Psychiatrie,
Einteilung Arbeit und Nichtarbeit, Unterdrückung von Kindern usw.)
noch nicht einmal eine Begrifflichkeit oder Vorstellung hat, ist alles
andere als emanzipatorisch. Das fast rituelle Gezeter alle paar Wochen
um Einzelpersonen mag zwar berechtigt sein, kann aber nicht darüber
hinwegtäuschen, daß die „Linke“ in Deutschland ein theorieschwacher,
von Macht- und Filzstrukturen durchzogener, um eigene Dominanz kämpfender
und daher sich ständig spaltender Haufen ist, der in dieser Form keine
Chance hat, interventionsfähig zu sein und überhaupt gesellschaftliche
Alternativen zu entwickeln (geschweige denn zu verwirklichen).
Insofern finde ich wichtiger als die Frage nach meinem Rauswurf aus
einer Bewegung, die ohnehin wenig Relevanz hat, die Frage: Wie entwickeln
wir politische Inhalte, Visionen, Strategien und Aktionsformen weiter –
u.a. die antisexistische Praxis?
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