Siehe auch: Übersicht über die Debatten
(Papier Gruppe AC/PC & H.A.R.A.K.I.R.I. GmbH - 2. Fassung, November 2000)
Vorwort zur 2. Auflage:Unser Text hat einige Diskussionen ausgelöst – darunter auch Kritiken,
Hinweise auf mißverständliche Formulierungen oder Auslassungen.
Wir möchten das verändern, was wir als fehlerhaft, ungenau oder
unvollständig begreifen. Gegenüber einigen Kritiken bleiben wir
bei unseren Positionen.
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EinleitungMit diesem Text möchten wir in die bestehende Debatte eingreifen.
Sie läuft bereits sehr lange, erreicht dabei insgesamt und zunehmend
wenig Ergebnisse und tatsächliche Veränderungen von Herrschaftsverhältnissen,
verfehlt eher die eigentlichen Ziele oder erreicht das Gegenteil. Länge
und Umfang der Debatte hat aber eine große Vielfalt von Positionen
geschaffen, die jedoch oft nicht zugelassen und in einem Prozeß weiterentwickelt,
sondern meist denunziert werden. Für uns bedeutet diese Vielfalt aber:
Unsere Kritik richtet sich immer nur gegen einen Teil des Ganzen. Wir wissen,
daß es viele Teile gibt und niemals alle von einem Kritikpunkt betroffen
sind. Viele Zusammenhänge und Diskussionsprozesse sind unseren Überzeugungen
sehr nahe, andere sind sehr entfernt – und wir halten sie z.T. für
falsch. Letztere bilden die Mehrheit oder zumindest die lautstärksten
Teile. Besonders bedauerlich finden wir, daß abweichende Positionen
in der Debatte um Sexismus, antipatriarchale Politik usw. fast immer sehr
schnell denunziert werden, zudem oft ohne faktische Argumente, sondern
allein über den Vorwurf des Sexismus und mit Berufung auf das sich
selbst angeeignete Definitionsrecht der denunzierenden Person bzw. Gruppe. Unser Text teilt sich in zwei Teile:
Vorweg möchten wir darauf hinweisen, daß sich unser Text
nur auf die antisexistische Praxis im Verhältnis von Männern
und Frauen bezieht – nicht jedoch innerhalb der Geschlechter oder unabhängig
von Geschlechtszugehörigkeit zur Diskriminierung von sexuellen Orientierungen,
Formen sexueller Praxis usw. Dort gelten andere spezifische Prinzipien
der Diskrimierung – gleich bliebe allerdings unser Hinweis auf die Notwendigkeit
einer grundsätzlich herrschaftskritischen Theorie und Praxis.
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KritikDie folgenden Kritikpunkte befassen sich mit verschiedenen Aspekten. Unsere Auflistung ist weder gewichtet noch vollständig. Wir haben sie gewählt, um die verschiedenen Aspekte greifbarer und transparenter zu machen. Tatsächlich gibt es eine Menge von Bezügen untereinander. 1. Die Diskussion orientiert sich an Details und Einzelfällen, eine gesamtgesellschaftliche Sicht fehltWie in anderen politisch-praktischen Diskussionen beziehen sich die antisexistischen Debatten meist auf Einzelfälle. Sie diskutierten Mechanismen und auch die vorgeschlagenen Maßnahmen orientieren sich nicht an gesellschaftlichen Zielen und Utopien. Daher fehlt ihnen der Maßstab, Theorie und Praxis leben „von der Hand in den Mund“. 2. Die Diskussion zum Verhältnis von Männern und Frauen orientiert sich am biologischen Geschlecht„Frau“ und „Mann“ werden meist nur in einigen die Sexismusdiskussion bislang wenig prägenden Zusammenhängen und Foren (z.B. „Gender“-Debatte) absolut in Frage gestellt. In der „normalen“ Debatte werden sie sogar rekonstruiert. Alle verbreiteten Formen antisexistischer Praxis basieren auf dem biologischen Geschlecht. Die konkreten Maßnahmen und Forderungen richten sich an Menschen in ihrer Form als „Mann“ oder „Frau“, nicht aber an sozialisierte Menschen, z.B. die Dominanten, die Nicht-Dominanten, die vielen Zwischenformen und anderen Variante, an andere soziale Rollen und Individualitäten usw. 3. Auch die „fortschrittlichen“ Begriffe rekonstruieren das biologische Geschlecht oder reduzieren „Mann“ und „Frau“ auf ihre Sexualität Viele Veränderungen im Sprachgebrauch, die im Zuge der Sexismusdebatten
in breiten Kreisen „linker“ Bewegung durchgesetzt wurden, orientieren sich
am biologischen Geschlecht, nicht aber an Dominanzverhältnissen. Das
macht solche Veränderungen zwar nicht unnütz, denn z.B. die geschlechtsneutrale
Sprache ist eine Fortentwicklung im Sinne der Gleichberechtigung. Gleichzeitig
ist aber erkennbar, daß es im Kern der Debatte um die Stärkung
von Frauen geht, womit eine „Schublade Frau“ gebildet wird und diese „Gruppe“ über ihre Biologie definiert ist.
4. Die inflationierende Benutzung von Begriffen wie Vergewaltigung, Sexismus, aber auch z.B. von Faschismus im Rahmen der Debatte verharmlost das, was tatsächlich hinter den Begriffen steht Immer unklarer wird der Begriff der Vergewaltigung. Er reicht von der
sexuellen Berührung bis zum gewaltsam durchgesetzten Geschlechtsverkehr.
Unbestritten handelt es sich bei den meisten beschriebenen Vorgängen
um sexuelle Übergriffe und damit ein Verhalten, daß nicht akzeptiert
werden kann. Aber vielfach ist es keine Vergewaltigung. Wenn das gälte,
müßte in Zukunft jede und jeder fürchten, der die FreundIn
z.B. zur Begrüßung ohne Rückfrage umarmt, küßt
u.ä., daß zwei Tage später diese Handlung öffentlich
als sexueller Übergriff bezeichnet würde.
5. „Frauen sind besser als Männer“ – eine sexistische Position In der Debatte werden immer wieder bestimmte Verhaltensweisen ausschließlich
Männern zugewiesen. Dabei werden „Frau“ und „Mann“ nach ihrer biologischen
Geschlechtlichkeit unterschieden, nicht aber nach ihrer Sozialisation („gender“).
Das bedeutet eine Rekonstruktion der biologischen Frau. Tatsächlich
ist unter den realen Verhältnissen die biologische Frau auch immer
in der sozialen Rolle „Frau“, da die soziale Konstruktion ab der Geburt
erfolgt. Dennoch darf eine antisexistische Praxis diesen Zusammenhang nicht
weiter rekonstruieren, weil sie ihn schließlich überwinden,
d.h. dekonstruieren will.
6. Die konkreten Mittel antisexistischer Arbeit sind meist Empowerment und nicht Dominanzabbau Die meisten der gängigen Mittel zur Stärkung der Situation
von Frauen zielen nicht auf den Abbau von Dominanz, sondern auf ihre Stärkung
in den weiter bestehenden Herrschaftsstrukturen. Damit zeigen sie die gleiche
Logik wie die Politik des Empowerments, der neoliberalen Gleichberechtigungspolitik
einer globalen Wirtschaft, die Frauen fit (leistungsstark) machen will
für die Anforderungen des Marktes. Vergleichbares gilt für „linke“
politische Bewegungen, wenn Voraussetzungen geschaffen werden, um Frauen
„fit“ zu machen für die vorhandenen Dominanzstrukturen. Je nach Grad
formaler Hierarchie reicht die Spanne konkreter Praxis von der Quotierung
bei der Besetzung von Vorstandsämtern über kollektive Jubelorgien,
wenn überhaupt mal eine Frau in einem Führungsgremium sitzt (z.B.
einige Verbände) bis hin zur quotierten Redeliste. Sie alle fördern
die „Frau“ als biologisches Wesen; soziale Kategorien werden nicht geführt.
Die dahinterstehende biologistische Logik, Frauen seien per se nicht dominant
und Männer per dominant ist aber nicht nur absurd, sondern einfach
nur sexistisch. Die Folge ist nicht, daß weniger dominante Menschen
oder alle Frauen gefördert werden, sondern gezielt dominante Frauen.
Eine Redeliste mit Frauenquotierung führt in der Regel dazu, daß
die wenigen dominanten Frauen sehr viel reden können, weil sie selbst
dann, wenn sie sich das 20. Mal melden, noch bevorzugt werden – auch gegenüber
einem Mann, der sich nach zwei Stunden das erste Mal meldet. Abweichende,
an Dominanzabbau viel eher orientierte Quotierungen (z.B. die Bevorzugung
derer, die sich das erste Mal melden) setzen sich in der „Linken“ kaum
durch – ein deutliches Zeichen, daß es nicht um Dominanzabbau, sondern
um Empowerment und Machtgewinn für dominante Personen geht - hier
für dominante Frauen.
7. Die Reduzierung antisexistischer Praxis auf die Selbsterfahrungsebene wirkt entpolitisierend Es entspricht zwar der aktuellen Logik „linker“ Debatte auch in anderen
Themen, aber das macht es nicht besser: Bei der Formulierung praktischer
Möglichkeiten wird als einziger Vorschlag oft formuliert, Männer
(natürlich wieder am biologischen Geschlecht definiert) sollten sich
mit sich selbst beschäftigen. Oft fehlt sogar jeder Hinweis auf das
Was, Wie und Wozu. Die Beschäftigung mit dem Thema verkommt zum Selbstzweck
– auch (besonders auffällig) in Plena oder auf Treffen, wo oftmals
die Beschäftigung mit dem Thema Sexismus ohne konkrete politische
Bezüge eingefordert wird. Damit wird nicht nur der Eindruck erweckt,
das Reden könne konkrete Veränderungen ersetzen bzw. die Quantität
des Geredes könne die schlimme Realität irgendwie verbessern.
Nein, es wird immer wieder formuliert, daß ein zu geringer Zeitanteil
für Sexismusdebatte schon ein Zeichen für Sexismus sei. Damit
wird Sexismus entpolitisiert und zum Argument für die Durchsetzung
gewünschter inhaltlicher Schwerpunkte und Tagesordnungspunkte.
8. Eine abgetrennte Sexismusdebatte ist unvereinbar mit HerrschaftskritikZur „normalen“ Sexismusdebatte gehört die Position, daß Sexismus eine ganz besondere, eigenständige Form der Unterdrückung sei. Daraus wird abgeleitet, daß es lohnenswert sei, Sexismus separat zu diskutieren und möglichst abzuschaffen (durch Empowerment der nach ihrer Biologie definierten Frauen, d.h. ihrer Stärkung und z.B. beruflichen, rhetorischen, ämterbezogenen Förderung innerhalb der bestehenden Herrschaftsverhältnisse). Auf diese Art werden andere Unterdrückungsverhältnisse verdrängt. Die Argumentationsweise ist ähnlich der früher (und z.T. heute auch noch) gängigen, erst müsse der Kapitalismus abgeschafft werden, dann regele sich alles weitere von selbst. Jedoch: Herrschaftsverhältnisse sind prägendes Element der gesellschaftlichen Situation von der „großen Politik“ bis in die Kleinstrukturen auch „linker“ Bewegung oder Beziehungen zwischen „linken“ Menschen hinein. Frauen sind nicht wichtiger als Kinder, Nicht-Deutsche, sog. „Behinderte“ oder viele andere, die die Herrschaftsstrukturen aufgrund der gesellschaftlichen Setzungen härter treffen als andere. Der Kampf muß überall und immer gegen die Herrschaftsverhältnisse gerichtet sein, die Logik von Haupt- und Nebenwidersprüchen, Rangfolgen der Wichtigkeit von Unterdrückungsverhältnissen usw. zeigt dagegen eine Wertigkeits-Rangfolge zwischen Menschen. 9. Definitionsmacht ist herrschaftsfördernd, die absolute Definitionsmacht von Frauen ist sexistisch Jegliche Form von Definitionsmacht ist Herrschaft. Wo die subjektive
Wahrnehmung einzelner Menschen zur objektiven Wahrheit definiert wird,
d.h. die individuelle Wahrnehmung ist gleich der von allen zu akzeptierenden
Wahrheit, geht jeglicher sozialer Prozeß verloren. Die Existenz von
Macht, d.h. der Verfestigung und Verstetigung unterschiedlicher Möglichkeiten
von Menschen, aber ist immer auch die direkte Vorstufe zum Mißbrauch
von Macht. Die Ablehnung von Definitionsmacht sagt allerdings nicht aus,
daß ein Schutzbedürfnis der sich als angegriffen fühlenden
Person negiert wird. Opferschutz geht vor Täterschutz – aber grundsätzlich
gibt es keine gepachtete Wahrheit!
10. Die einseitige und alleinige Schuldzuweisung an Männer ist sexistisch und verhindert VeränderungenBeispiel: In einem aktuellen anarchistischen Flugblatt wird die Aufteilung von „Politischem (Männer) und Privatem (Frauen)“ beklagt und ursächlich auf Männer zurückgeführt. Zum einen findet sich wieder die Einteilung in die biologischen Geschlechter, zum zweiten übersieht diese Theorie die wahren Ursachen, nämlich die gesellschaftliche Konstruktion von Identitäten und Rollen, Erwartungshaltungen und persönlichen Zielvorgaben. Die Verteilung von Dominanz und Rollen in der Gesellschaft wird gerade nicht von Einzelnen handgreiflich/physisch durchgesetzt (Ausnahmen bestätigen die Regel), sondern ergeben sich wie von selbst als Folge der Vorgaben, Rahmenbedingungen, einem Gemenge von Belohnung, Drohungen und Androhung von Entzug sowie der kontinuierlichen Identitätsbildung z.B. in den Kategorien Mann/Frau. Auch aus konkreten Erfahrungen heraus ist uns bekannt, daß immer wieder viele Frauen (aber nicht nur Frauen und auch längst nicht alle, denn es ist keine Folge des biologischen Geschlechts!!!) die Priorität des Privaten einfordern und sich sogar dann um das Private kümmern, wenn ausdrücklich eine gleichberechtigte Verteilung oder, je nach konkreter Lage, eine gemeinsame Auseinandersetzung mit politischen Aktivitäten gewünscht ist. Das ist auch nicht überraschend, sondern die Folge der Konstruktion gesellschaftlicher Rollenverteilungen, die „wie von selbst“ ständig und von (fast?) allen reproduziert werden. Mit der Negierung dieser Tatsache entstehen falsche Analysen und Vorschläge für eine Veränderung der Situation – eben nicht die Dekonstruktion patriarchaler Machtverhältnisse, sondern das Empowerment der Frauen und die Entstehung des „entgeschlechtlichten“ Patriarchats (will heißen: Die patriarchalen Rollenlogiken bleiben in der Gesellschaft vorhanden, wenn auch die offensichtlichen Positionen vermischbar sind, d.h. immer mehr Frauen typische Männerrollen einnehmen und umgekehrt – die Rollen aber bleiben). 11. Die Qualität der Diskussion leidet unter Machtkämpfen, Denunzierung und ZensurDie „mainstream“-Debatte im Sexismus ist ausgrenzend und arrogant. Sie versucht, abweichende Positionen zu verhindern. Als Mittel wird dabei der Sexismusvorwurf selbst angewendet, d.h. nach dieser Logik ist bereits ein Sexist, wer eine definierte Vorgabe, was Sexismus ist und was nicht oder wer wann was definieren kann usw., in Frage stellt. Regelmäßig werden in „linken“ Zeitungen (z.B. in einigen der letzten Ausgaben der Interim) Texte als sexistisch denunziert, die selbst gar nicht mehr abgedruckt werden. Eine solche Diskussion spielt sich auf unterstem Niveau ab und hat nichts mit politischer Auseinandersetzung zu tun. Zensur als aktives und gezieltes Steuerungsmittel in laufenden Debatten ist nie richtig, sondern ist stets die Ausübung von Macht. Eine Debatte, in der eine Seite „geschwärzt“ wird, ist inhaltlich nicht vorwärtsbringend. Unserer Einschätzung nach geht es dabei oft auch nicht um die Durchsetzung antisexistischer Politik intern und extern, sondern um Schaffung bzw. Erhaltung eigener Macht oder die gezielte Entmachtung Anderer. 12. Es fehlt eine kontinuierliche Weiterentwicklung von Theorie und Praxis – antisexistisches Eventhopping Antisexistische Diskussion und Praxis unterliegt seit Jahren keiner
kontinuierlichen Weiterentwicklung mehr. Ganz im Gegenteil sind immer öfter
Rückschritte zu verzeichnen. So sind Schritte, die vor Jahren aus
der Diskussion heraus erfolgt sind, heute wieder vergessen oder nicht mehr
selbstverständlich – z.B. Quotierungen (auch dann, wenn wir hier ihre
Überwindung im Sinne einer Weiterentwicklung fordern, kritisieren
wir das ersatzlose Zurückfallen hinter dieses Prinzip) oder geschützte
Frauenräume auch auf zeitlich begrenzten Treffen (Camps, Aktionen,
Kongresse).
13. Nicht der Sexismus wird angegriffen, sondern die (tatsächlichen oder vermeintlichen) Sexisten Bislang gibt es nur sehr wenige und auch nur Details verbessernde praktische
Veränderungen (wobei die trotzdem wichtig sind). Häufig wird
heute der Sexismus als Unterdrückungsform nicht als solches angegriffen,
sondern einzelne Personen. Dies verschleiert, daß die sozial konstruierten
Rollenverteilungen und Herrschaftsverhältnisse durchgängig vorhanden
sind. Diese antisexistische Politik ähnelt z.B. solchen Formen antifaschistischer
Kämpfe, die nur Einzelne (z.B. Glatzen) als Ziel ihrer Aktion sehen,
aber die faschistoide Normalität übersehen, oder z.B. Umweltschutzorganisationen,
die glauben, ökologische Ziele über kapitalistische Logiken umzusetzen
und daher in Staat oder Konzernen ihre Partner finden.
14. Die Unfehlbarkeit von FrauenLesben-Zusammenhängen trägt reaktionäre Positionen in die „Linke“Einige (keine Mehrheit) FrauenLesben-Gruppen, -Einrichtungen (z.B. Seminarhäuser), -redaktionen u.ä. bringen über ihren Status der Unangreifbarkeit und des Selbstdefinitionsrechts reaktionäre, vor allem esoterische, mythische Positionen ein. Zu finden sind sie inzwischen massenweise in linken Zeitungen, in den Auslagen und Terminprogrammen linker Zentren usw. Eine Kritik an solchen Frauenzusammenhängen ist kaum möglich, weil sie sich selbst als FrauenLesben absondern und Kritik an ihren Positionen mit Hinweis auf eigene Selbstbestimmungsrechte abwehren – aber auch, weil diese Kritik von anderen sofort als „frauenfeindlich“ abgewiesen wird. 15. Die Debatte um Sexismus verhindert unmittelbare Intervention Sexismusdebatten erkennen meisten Herrschaftsstrukturen und Stellvertretungslogiken
an, d.h. die Einzelnen sind nicht mehr verantwortlich für sich und
das Geschehen. Statt unmittelbarer Intervention und direkter Reaktion auf
alle Formen von Unterdrückung werden Sexismusdebatten in Plena oder
andere Entscheidungsstrukturen hineingetragen. Das stärkt die Machtstrukturen
und verhindert das kontinuierliche antisexistische Verhalten der Einzelnen.
16. Die Gewichtung auf einen oberflächlichen Verhaltenskodex verhindert grundlegende VerbesserungenNeben dem Vorwurf sexistischer Übergriffe bis zur Vergewaltigung steht die Kritik an falschen Verhaltensweisen z.B. im Sprachgebrauch im Mittelpunkt. Die männliche Sprachform (ohne „Innen“) bis hin zu lauten, gestikreichen Redebeiträgen werden dabei angegriffen. In einigen Fällen wird dabei eine Gleichheit angestrebt, die der Entfaltung der Persönlichkeiten entgegensteht. Gleichzeitig werden grundlegende Veränderungen verhindert oder verzögert, weil das Hauptaugenmerk auf die Einhaltung des Verhaltenskodex gerichtet ist. Das ermöglicht wiederum Männern mit guter Rhetorik und Erfahrung, durch perfekte Übung im antisexistischen Vokabular nach neuen Mustern alte Dominanzen zu schaffen. Der Blick auf diskriminierungsfreie Sprache und Gestik ist wichtig, wirkt aber unserer Einschätzung nach kontraproduktiv, wenn er zum Hauptkriterium wird oder die Vielfalt von Persönlichkeiten einschränkt über das Ziel der Sexismusbekämpfung hinaus. |
KonsequenzenWir behaupten, daß die derzeit vorherrschende, „normale“ Sexismusdebatte,
die in der Unterdrückung von Frauen als biologisch definierten Wesen,
nicht aber in den Unterdrückungsverhältnissen insgesamt (unter
denen Frauen tendenziell deutlich mehr stehen als Männer, was nicht
bestritten werden soll!) den Schwerpunkt setzt, nicht nur eine antisexistische
Praxis verhindert, sondern den Sexismus und die Konstruktion von „Frau“
und „Mann“ fördert! Daraus möchten wir Vorschläge ableiten. 1. Entwicklung gesellschaftlicher Ziele und VisionenUm überhaupt eine kontinuierliche und sich fortentwickelnde Debatte zu ermöglichen, bedarf es der Benennung gesellschaftlicher Ziele und Visionen. Die konkreten Diskussionen bis hin zu Vorwürfen müssen sich an diesen Positionen messen. Gleiches gilt für alle vorgeschlagenen Sanktionen, Veränderungen, Strategien und Maßnahmen – seien sie im Einzelfall oder im allgemeinen, z.B. bei der Organisation von Treffen, beim Ablauf von Diskussionen usw. 2. Antisexistische Arbeit als emanzipatorische PolitikAlle Formen der Diskriminierungen, von der direkten Gewaltanwendung über Unterdrückung und Ausbeutung bis zu den vielen kleinen, alltäglichen Formen der Unterschiedlichkeit zwischen Menschen, ihren Möglichkeiten, Zugängen zu gesellschaftlichen Prozessen usw. sind die Folge der gesellschaftlichen Machtverhältnisse und der Konstruktion von Rollen, Erwartungshaltungen und Identitäten. Emanzipatorische Politik muß die Dekonstruktion aller zum Ziel haben – auch deshalb, weil sich viele in ihrer Wirkung verknüpfen, unterstützen usw. Die Aussonderung bestimmter Hauptwidersprüche (sei es „nur“ Kapitalismus oder Sexismus oder sei es eine Dreierauswahl wie „triple oppression“) ist politisch nicht gerechtfertigt und lenkt auch von den Problemen ab, denn kein Herrschaftsverhältnis kann separat gelöst werden – es kann überhaupt nicht gelöst werden, solange die Herrschaftsverhältnisse bestehen bleiben. 3. Direkte Intervention statt Verregelung und StellvertretungEin Abbau von Herrschaft muß mindestens aus der Entwicklung von Positionen, Visionen, Theorien, in der Analyse usw. (Theorie) sowie aus der direkten, unmittelbaren oder symbolischen Aktion (Praxis) bestehen. Verregelungen, Stellvertretungsdebatten über Ausgrenzungen oder Regeln z.B. in Plena sind demgegenüber weder emanzipatorische Theorie noch Praxis. Gerungen werden muß darum, daß Herrschaftsverhältnisse und –ausübung immer und überall klar zurückgewiesen bis, wenn nötig, angegriffen wird. Das Schweigen der vielen zu den Tausenden sexistischer, rassistischer Übergriffe, dem „linken Normalzustand“ der Kinderunterdrückung usw. ist der Skandal, nicht die zu geringe Häufigkeit abschreckender Plena-Debattiererei. Statt starrer, sich selbsterhaltener Regeln sind direkte Intervention, Reflexion, Lernen und Sich-Verändern im Prozeß, ein kontinuierlicher Prozeß der Weiterentwicklung von Theorie und Praxis sowie die gleichberechtigte Zuständigkeit aller für alles die Basis des Abbau von Diskriminierungen. 4. Dekonstruktion statt EmpowermentEs geht nicht darum, Frauen (nach dem biologischen Geschlecht definiert) an den Machtstrukturen zu beteiligen, sondern die Strukturen zu beseitigen. Dazu werden die jeweils aufgrund der bestehenden Bedingungen dominanten Menschen (bei den Geschlechterunterschieden also z.Zt. die Männer) auf ihre Privilegien verzichten müssen. Ihre Beteiligung als Reflexion über ihre Rolle und den Abbau ihrer Macht ist einzufordern. Wer sich weigert, muß aktiv entmachtet werden. Ziel ist die Nicht-Existenz von Macht und Diskriminierung, der Weg dahin jedes Stück von Machtabbau – nicht jedoch das Auswechseln von Mächtigen. 5. Kontinuierlicher Prozeß statt ArroganzDie oft formulierte Position, es müßte endlich mal soweit kommen, daß alle etwas kapiert haben und danach handeln, verkennt völlig, daß die gesellschaftliche Konstruktion von Identitäten und Machtverhältnissen bestehen bleibt. Sie schafft immer wieder neu Ungleichheiten, soziale Akzeptanz von Wertigkeiten usw. Zudem kommen immer neue Menschen in politische Bewegungen (oder wie „holen sie woanders ab“), denen eine Diskussion über die Konstruktionen in der Gesellschaft fehlt. Es ist daher falsch, jemals die Debatte um Herrschaftsverhältnisse für beendet zu erklären und einzufordern, ab jetzt müßten es alle endlich kapiert haben. Ganz im Gegenteil: Spätestens jede Ausübung von Herrschaft (und daran mangelt es leider nicht) muß Grund sein, neu zu begründen, warum wir diese nicht wollen. Gleichzeitig müssen wir anerkennen, daß Menschen lernen und sich verändern können - und daß sie es müssen. Kontinuierlich, alle ... einschließlich von uns selbst. 6. Entwicklung einer Praxis der Veränderung von Bewußtsein und SelbstbewußtseinAntisexistische Praxis umfaßt den Abbau von Herrschaftsverhältnissen und Diskriminierung – immer zusammen! Das muß Anspruch einer emanzipatorischen Praxis sein: So wie auch antifaschistische Kämpfe, soziale Ziele oder Umweltschutz nicht ohne einen emanzipatorischen, d.h. auf das Ende aller Herrschaftsverhältnisse abzielenden Anspruch sinnvoll sind, ist es auch in der antisexistischen Theorie und Praxis. Dennoch bleibt eine spezifische Aufgabe, das Bewußtsein und Selbstbewußtsein von Frauen und Männern zu verändern, um die von Geburt an gnadenlos verlaufenden sozialen Rollenzuweisungen und Konstruktionen in vielfach weiterer Form bis hin zu den typischen Selbstwerteinschätzungen nach Geschlechtszugehörigkeit zu überwinden. Frauen, gerade auch schon als Mädchen, müssen dabei gezielt gefördert werden – eine Praxis dazu innerhalb politischer Bewegung bedarf noch der Entwicklung. 7. Es gibt keinen Grund, innezuhalten – auch nicht diese Kritik an der Qualität der SexismusdebatteDenkbar ist, daß diesem Papier Sexismus vorgeworfen wird – eine der Möglichkeiten, eine Auseinandersetzung zu verhindern und das Empowerment von Frauen, eventuell auch ganz individuell die eigene Machtkiste oder Abrechnung mit einer ungeliebten Person weiterzubetreiben. Noch schlimmer wäre, wenn diese Kritik den augenblicklich Dominanzen (also vor allem Männern) als Grundlage böte, erstmal innezuhalten mit der Debatte und Praxis antisexistischer Politik. Dieses Papier kritisiert die Form der heute gängigen Sexismusdebatte – wir wollen nicht weniger, sondern mehr und schneller antisexistische Intervention und Veränderung! Und wir fordern alle sofort zu mehr eigener Sensibilität, Reflexion, der Infragestellung eigener Gewohnheiten und Privilegien auf. Kontakt:
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