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Vorwärts vom 5.11.2004, S. 6 (erscheint
in der Schweiz)
Jeder hat die Kritiker, die er verdient
Matthias Pfeiffer. Attac ist ein Medienphänomen. Von der übrigen
Bewegungslinken wird die Gruppe dabei teilweise kritisch betrachtet.
Das Buch "Mythos Attac" kritisiert den deutschen Ableger
aus anarchistischer Position.
Als derzeitiger Klassenprimus unter den "neuen linken" Organisationen
gibt Attac-Deutschland ein lohnendes Buchthema ab. Der Hybrid zwischen
Netzwerk und regulärer Nichtregierungsorganisation ist die Erfolgsgeschichte
des aktuellen globalisierungskritischen Schubs. Im Jahr 2000 gegründet,
zählt Attac jetzt annähernd 15000 Mitglieder und ist ein
Liebling der Medien.
Jörg Bergstedt, Spiritus Rector der "Projektwerkstatt Saasen",
nimmt sich in "Mythos Attac" als Herausgeber dem Stoff an.
Die Projektwerkstatt ist ein Veranstaltungszentrum in der Nähe
von Giessen, in dem "kreativ und widerständig" ökologische
und anarchistische Projekt durchgeführt werden. Heftige Kontroversen
löste dabei ein Vorhaben Bergstedts aus, mit dem bundesdeutschen
Verfassungsschutz zusammenzuarbeiten. Bergstedt war der Meinung, bei
Kontaktaufnahmen des Geheimdienstes diesen zu unterminieren, indem
man haarklein seine Kindheitsgeschichte darlegt. Wegen dieser Idee
gilt Bergstedt bei der Solidaritäts- und Antirepressionsorganisation
"Rote Hilfe" in der BRD als Unperson. Die Rote Hilfe ruft
zur konsequenten Aussageverweigerung gegenüber allen Staatsorganen
auf.
Zu Bergstedts Buch "Mythos Attac" schreibt der Verlag: "Mit
dem Buch liegt erstmals eine kritische Analyse der Gründe für
den Erfolg der Organisation, ihrer Ziele und Inhalte sowie ihrer Struktur
vor." Das weckt grosse Erwartungen. Schliesslich ist Attac in
der Linken mindestens so umstritten wie das Netzwerk erfolgreich ist.
Seine Konzepte eines "lieben" Kapitalismus' hinter revoluzzernden
Parolen, eine einseitige Medienorientierung, die Anbiederung an Institutionen
der Staatsgesellschaft und mangelnde Kontrolle der Führung durch
die Mitglieder stehen schon lange in der Kritik.
Das alles fundiert zu untersuchen, könnte die 208 Seiten von
"Mythos Attac" leicht füllen. Leider ist das aber nicht
der Fall. Zwar behandelt Hauptautor Bergstedt in einigen Kapiteln
das Verhältnis von Attac zu den Medien, die politische Argumentation
der Organisation und das Organisationsmodell, aber zu einer fundierten
Analyse kommt Bergstedt nicht. Er benennt und beklagt lediglich die
Probleme und wiederholt sich endlos darin. Bergstedt konkretisiert
seine Kritik nicht, etwa durch gründlich untersuchte Beispiele,
und er formuliert auch keine Begriffe für das Wesen der aufgeworfenen
Probleme.
Den medialen Erfolg von Attac hält Jörg Bergstedt für
das gezielte Machwerk einer Medienmacherclique im Umfeld der Organisation,
um den radikalen Protest zu überdecken: "Ein Teil von ihnen
(den Medien, AdV) ist von Attac als Organisation nicht zu trennen,
sondern war von Beginn an wesentliches Rückgrat von Attac. (...)
Sie hofften, über Attac die Wirkung politischer Aktionen steuern
und fokussieren zu können", schreibt er. So wird ein beinahe
verschwörungstheoretisches Konglomerat gebaut, anstatt das zu
untersuchen, was Attac wirklich ist: für die Produzenten der
Medienöffentlichkeit durch professionelle Pressearbeit wahrnehmbar
und verwertbar. Und genau daran fehlt es den von Bergstedt mit der
Projektwerkstatt protegierten anarchistischen Ökogruppen, die
vielfach zu klein oder zu unfähig für gute Pressearbeit
sind. Nicht an allem, was schlecht läuft, ist die Vereinnahmungsstrategie
von Attac schuld.
"Mythos Attac" klärt weder, wie sich politische Inhalte
via Medien in die Öffentlichkeit einklinken, noch welcher Gehalt
in einer derart konstruierten Plattform liegt, noch was Alternativen
zum Vermitteln politischer antagonistischer Inhalte erfordern. Berg-stedt
schrammt an allen spannenden Fragen, die Attac im Verhältnis
von Politik, Medien und Öffentlichkeit aufwirft, vorbei. Er wiederholt
diesen Fehler auch bei den anderen Themen des Buches.
Ein Wissensgewinn über das Funktionieren des Medienphänomens
Attac bleibt dadurch aus. Übrig bleibt öko-anarchistischer
Neid auf den Erfolg eines integrativen Projektes. Das Buch misst sich
so im mangelnden Tiefgang seiner Kritik mit der reformistischen Inhaltsleere
von Attac. Vielleicht hat ja jeder die Kritiker, die er verdient.
Gegendarstellung des Autors
Gegendarstellung
zum Artikel "Jeder hat die Kritiker, die er verdient"
in "vorwärts, 5.11.2004" von Matthias Pfeiffer.
Matthias Pfeiffer nutzt im Vorwärts vom
5.11.2004 eine Rezension des Buches "Mythos Attac" zu
einer persönliches Attacke auf mich als Autor. Das ist nun
nichts Ungewöhnliches innerhalb politischer Bewegungen, wo
Ausgrenzung und Dominanzkämpfe an der Tagesordnung sind. Selbstverständlich
ist eine Kritik am Buch "Mythos Attac" zulässig,
wenn auch der Text von Matthias Pfeiffer erstaunlich wenig konkrete
Aussagen enthält, sondern mehr allgemeine Angriffe. Entlarvend
ist jedoch der dritte Absatz. In diesem greift Pfeiffer mich persönlich
an - und zwar bei einem Thema, das mit dem Buch nichts zu tun hat.
Zudem ist jeder Satz dieses Absatz schlicht eine Lüge. Quellenangaben
unterlässt Pfeiffer denn auch - er hat keine!
Zur
Sache:
- Die Aussage, ich hätte mit dem bundesdeutschen
Verfassungsschutz zusammengearbeitet oder würde solche Verhalten
für richtig halten, ist frei erfunden. Das Gegenteil ist
der Fall und auch z.B. im Internet deutlich beschrieben. Richtig
ist, dass ist den totalen Nichtkontakt mit dem Verfassungsschutz
für falsch halte, sondern dafür plädiere, Strategien
für Aktionen GEGEN den VS zu entwickeln. Ich halte das bisherige
ausschließlich defensive Taktieren politischer Gruppen für
falsch.
- Die Aussage, ich würde es für sinnvoll
halten, dem Verfassungsschutz Angaben aus der eigenen Kindheit
zu machen, ist frei erfunden. Das Gegenteil auch hier der Fall.
- Die Aussage, ich sei in politischen Gruppen im
Repressionsschutzbereich zur Unperson erklärt, ist frei erfunden.
Vielmehr arbeite ich an vielen Projekten und in vielen Städten
auch mit Gruppen der Roten Hilfe zusammen, u.a. in der Organisierung
von Veranstaltungen, Seminaren sowie Aktionen gegen Repression.
Tatsächlich haben Teile der Führungsstrukturen der Roten
Hilfe AkteurInnen der Projektwerkstatt in der Vergangenheit mehrfach
ausgegrenzt. Hier geht es um unterschiedliche Meinungen in den
Strukturen politischer Organisierung. In der Projektwerkstatt
werden Hierarchien und Dominanzgehabe grundsätzlich abgelehnt,
was auf die Kritik verschiedener Führungskader politischer
Gruppen stößt.
- Die Aussage, die Rote Hilfe rufe zur Aussageverweigerung
gegenüber allen Staatsorganen auf, ist falsch. Tatsächlich
ist das die Position nur weniger politischer Gruppen, u.a. der
Projektwerkstatt. Rote-Hilfe-FunktionärInnen wie viele andere
linke Führungspersonen auch sprechen sind immer wieder für
die Anmeldung von Demonstrationen mitsamt Kooperationsgesprächen
mit der Polizei im Vorfeld, für Gespräche mit städtischen
Kontrollbehörden hinsichtlich sogenannter "autonomer
Zentren" in städtischen Liegenschaften usw. aus. AkteurInnen
aus der Projektwerkstatt haben Rote-Hilfe-FunktionärInnen
sowie viele andere Führungskader politischer Gruppen auch
wegen dieser Kooperationsbereitschaft mit Staats- und sogar Repressionsorganen
in Verbindung mit der nach außen plakativ geäußerten
Ablehnung, die folglich eine Lüge ist, kritisiert. Die Positionen
und Ideen von AkteurInnen aus der Projektwerkstatt einschließlich
meiner eigenen sind im Internet unter www.projektwerkstatt.de/antirepression nachzulesen. Der Autor Matthias Pfeiffer und die Zeitung "Vorwärts"
haben sich die Rezension des Buches "Mythos Attac" billigerweise
benutzt, um einen internen Konflikt mit unfairen Mitteln zu führen.
Jörg Bergstedt, 9.11.2004
Zum Selbernachlesen: Die Internetseiten
zur Auseinandersetzung um die Frage kreativ-feindlicher Kontakte
zum VS. Andere Quellen und Informationen gibt es nicht. Ob Matthias
Pfeiffer die Seiten kennt oder ohne jegliche Quellen agierte, ist
unklar.
Der Verlag hat sich inzwischen für
die ungeprüfte Übernahme dieser Rezension, insbesondere
den Absatz zur Person des Autors, entschuldigt (siehe Ausschnitt
aus Folgeausgabe rechts).
"iz3w" 281, Nov/Dez
2004, www.iz3w.org
Mythen stricken
Das Bashen von Attac ist in weiten Kreisen der radikalen Linken
längst zum Standardprogramm geworden. Nicht zu Unrecht: Neokeynesianische
Sozialstaatsromantik, auf Finanzmärkte und Neoliberalismus
beschränkte Kapitalismuskritik sowie auf Medien und Prominenz
schielende Repräsentationsformen tragen tatsächlich
dazu bei, dass die "Globalisierungskritik" Staat, Nation
und Kapital eher affirmiert denn radikal in Frage stellt. Insofern
war es längst überfällig, dass den zahlreichen
Attac-freundlichen Publikationen nun endlich auch ein Buch beiseite
gestellt wird, in dem dieses Netzwerk von links kritisiert wird.
In Mythos Attac greift der bereits als scharfer Kritiker der Öko-Bewegung
bekannt gewordene Aktivist Jörg Bergstedt die verbreitetsten
Vorwürfe gegen den Politikstil von Attac Deutschland auf:
Entradikalisierung der Bewegung, Funktionärstum, Staatsfetischismus.
Einen sonderlichen Erkenntnisgewinn bietet Bergstedts Darstellung
aber nicht. Seine Methode ist denkbar simpel: "Entlarven"
und Denunzieren. Bergstedt zweifelt an der persönlichen Integrität
der Attac-Führungspersönlichkeiten, wirft ihnen wiederholt
Karrierestreben vor. Besonders unangenehm stößt dabei
auf, dass er sich an vielen seiner früheren politischen und
persönlichen WeggefährtInnen abarbeitet. Bergstedts
Verratsvorwürfe gehen aber ohnehin ins Leere. Die Organisierungs-
und Politikformen von Attac beruhen weniger auf der Korrumpierung
seiner AktivistInnen als vielmehr auf deren politischem Weltbild.
Die Beeinflussung der "großen Politik" durch gebündelte
Massenproteste, Lobbying, Medienpräsenz und alternative Expertise
sind ein von den allermeisten Attacies offen ausgesprochenes Programm
- kein überraschendes im übrigen, denn viele von ihnen
sind enttäuschte ParteianhängerInnen oder NGO-MitarbeiterInnen,
die sich und ihren Überzeugungen treu bleiben möchten.
Vor lauter Empörung nimmt Bergstedt es mit den Fakten nicht
so genau. Nur einige Beispiele: Attac-Unterstützer Oskar
Lafontaine hat - zumindest bis zum jetzigen Zeitpunkt - keinen
"Ausstieg" aus der SPD vollzogen, sondern ist nur von
Ministeramt und Parteivorsitz zurückgetreten. Der von Bergstedt
als Bewegungsfunktionär kritisierte Thomas Seibert ist nicht
Geschäftsführer von medico international (das ist Thomas
Gebauer). Die BUKO (Bundeskoordination Internationalismus) ist
nicht "später" als medico bei Attac "eingestiegen",
sondern gar nicht.
Anstatt den Mythos Attac durch methodisch korrekte und politisch
abgewogene Ideologiekritik zu entzaubern, strickt Bergstedt selber
Mythen - etwa jenen von den bösen "Führungskadern"
und den guten "kreativ-spritzigen Aktionsmethoden aus den
lokalen Attac-Gruppen". Nun mag es ja durchaus richtig sein,
dass die strategisch denkenden Köpfe vom Attac-Koordinierungskreis
durch allerlei Taktiererei ein allzu (verbal)radikales Auftreten
etwa bei Demonstrationen zu verhindern wissen. Ob das allerdings
nicht eher das kleinere Übel ist, sei dahingestellt. Es sind
jedenfalls gerade die Attac-Ortsgruppen und kleineren Arbeitskreise,
die unsägliche antiamerikanische und antiisraelische Pamphlete
verfassen oder die Freiwirtschaftlern, Neurechten und anderen
obskuren Gestalten eine Bühne bieten.
Ein Gutes hat das Buch von Bergstedt somit: Es lässt Platz
für weitere Publikationen zur Kritik von Attac. Christian
Stock
Anmerkung: Christian Stock ist beim BUKO
aktiv, der im Buch "Mythos Attac" ebenfalls sehr kritisch
beleuchtet wird - unter anderem wird nachgewiesen, dass ein großer
Teil von BUKO-Eliten auch Funktionen bei Attac innehat.
Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen 2/2005 (S. 133)
Mythos Attac
Hintergründe, Hoffnungen, Handlungsmöglichkeiten
Frankfurt am Main: Brandes & Apsel Verlag 2004
Verfilzte Herrschaftsstrukturen, keine tiefgehende und radikale Kritik, sowie eine breite Basis, die alles mit sich machen lässt: So oder so ähnlich stellt sich der Autor Attac als neuen Typus Organisation vor. Geschrieben wurde das Buch zum einen, weil es an der Zeit schien, endlich eine nicht "Attac-freundliche" Kritik wiederzugeben. Zum anderen wurde der Anspruch formuliert, konstruktive Kritik für Mitglieder von Attac zu diskutieren, um zum Nachdenken zu animieren. Doch leider bleibt die konstruktive Kritik in weiten Teilen aus. Verwirrungen und Widersprüchlichkeit, ja zum Teil auch eigens initiierte Mythen ziehen sich durch das gesamte Buch. Zu Anfang erfolgt eine Darstellung der Gründungsphase einer Organisation, die europäisch ausgestaltet ist. Mehrfach wird bereits hier der Vorwurf erhoben, dass Attac ihre Medienpräsenz einsetzt, ausspielt und benutzt, um Inhalte zu transportieren, die nur von einem sehr kleinen Kreis, dem Koordinierungskreis, formuliert werden. Als Beispiel werden die Proteste in Genua 2001 genannt, wo Attac-Gruppen quantitativ nicht so stark vertreten waren, aber die Medien den Anschein einer dominierenden Gruppe abbildeten. Medien werden in der Kritik des Autors als eines der Übel angesehen, die basisdemokratische Strukturen verhindern. Attac ist aber nicht nur ein Produkt der Öffentlichkeit, Attac sorgt auch dafür, Produkt zu werden und zu bleiben, indem personelle "Verfilzungen" dafür sorgen, immer wieder in mediale Erscheinung zu treten. Dabei wäre eine kritische Auseinandersetzung, was Attac wirklich ist, welche Ziele und Einflüsse tatsächlich im Umgang der Menschen mit Globalisierung erreicht wurden, wesentlich bedeutender. Damit bei Attac neue Zeiten eintreten, gibt der Autor am Schluss Tipps und Tricks für einen besseren Umgang mit und in einer solchen Organisation. Damit erfüllt er zumindest das Versprechen, perspektivisch zu sein. Neben Begriffsklärung werden auch konkrete Hinweise gegeben, beispielsweise sollen durch mehr Vernetzung unabhängigere Handlungsmöglichkeiten entstehen können.
Stephanie Schmoliner, Flensburg
Anmerkung: Das Blatt ist recht eindeutig in der Hand von Bewegungseliten, die attacnah oder in Attacgremien vertreten sind. Das im Buch "Mythos Attac" Medien als solches kritisiert werden, ist freie Erfindung der Rezensentin - vielmehr wird die Medienorientierung von Inhalten und Aktionen von Attac kritisiert.
DAMID 6/2004
Mythos Attac
Als sich die Friedensbewegung gegen den Irak-Krieg und der Protest gegen den Sozialabbau hierzulande formierten, ist "Attac-Deutschland" von der ersten Minute an deren politisches Sprachrohr. Seit 2003 ist auch die Umweltbewegung auf dem Weg in den sicheren Hafen "Attac".
Der Medien-Hype um Attac hat politischen Protesten mehr öffentliche Wahrnehmung gebracht. Konkrete Forderungen wie die Tobin Tax oder das Ende des Irak-Krieges sind populär geworden. Fraglich aber bleibt, was durch die Popularität erreicht wurde. Hat Attac den politischen Protest gestärkt? Oder ist der Aufbau einer professionellen Kampagnen-NGO einer der Gründe, warum in Deutschland vielfältige Basisbewegungen wie in Spanien, Italien und anderen Ländern immer noch fehlen? Sind die großen Demonstrationen gegen Kriege oder Sozialabbau ein Erfolg oder mehr ein Grund dafür, daß konkreter, alltäglicher Widerstand kaum stattfindet? Wer steckt hinter Attac? Wer verfolgte mit der Gründung welche Ziele und wie haben sich diese durch den Erfolg der NGO gewandelt?
Das Buch "Mythos Attac - Hintergründe, Hoffnungen, Handlungsmöglichkeiten" liefert präzise Informationen über die Gründung und Entwicklung von Attac, die Ideologie und die Strukturen, die gegenüber konventionellen Verbandsformen bisheriger NGO eine erhebliche Effizienzsteigerung brachten.
Die Analyse fällt sehr kritisch aus - und doch stellt das Buch klar, daß Attae ein vielfältiges Projekt ist. Die ideologische Verengun g in den Führungskadern verbindet sich mit teilweise kreativ-spritzigen Aktionsmethoden in den Basisgruppen. Die Kritik an Attac ist daher verbunden mit perspektivischen Entwürfen hin zu einer handlungsfähigen, vielfältigen und horizontal vernetzten, offenen Basisbewegung.
("Mythos Attac Hintergründe, Hoffnung, Handlungsmöglichkeiten", Autor: Jörg Bergstedt, ca 192 S., ISBN 3-86099-796-3)
Brandes und Apsel
Scheidwaldstraße 33
60385 FrankfurtIMain
Tel. 069 / 95 73 01 86
Fax 069 / 95 73 01 87
E-Mail: brandes-apsel@tonline.de
Jörg Bergstedt:
Mythos Attac. Hintergründe, Hoffnungen, Handlungsmöglichkeiten.
Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2004, 206 Seiten
Diese Publikation ist, läßt sich dem Vorwort entnehmen, ein kollektives Produkt von Projekt-Praktikern aus AG »Attac-Buch« bei Schöner Leben Göttingen und Aktiven aus der Projektwerkstatt Saasen. Ein Wagestück, den Streit als Produktivkraft zu protegieren.
Worum geht es? Dieser Frage, die den einleitenden Textteil überschreibt, folgt gleich das Satzgefüge: Am Anfang steht der kritische Blick: Konnte Attac die Handlungsfähigkeit politischer Bewegung stärken? Oder vereinnahmten Eliten den Protest für ihre Zwecke und von oben definierte Positionen und Projekte? Wie ist Attac strukturiert und wie sieht die gesellschaftliche Analyse aus? Wie stehen Attac-Führung und die Basis zueinander? Geschichte und Struktur von Attac werden kurz aufgezeigt. Danach folgen die Hauptkritiken zu Strukturen und Strategien, Positionen und Politik, Bündnisse und Verfilzungen von Attac.
So viele Attacs in einem Abschnitt. Vielleicht auch nicht zu viele. Es geht schließlich darum, einen Mythos zu enträtseln. Eine NGO nicht wie die anderen? Denn diese warteten öfter, wollen sich die Autoren entsinnen, mit erfolgreichen Jahresberichten, Mitglieder- und Spendenzuwächsen auf als mit widerständig-frechen Aktionen oder visionären Projekten. Nur teilweise treffe die Beschreibung einer Nichtregierungsorganisation auf Attac zu. Und im Hinblick auf ihre bundesweiten Strukturen sei sie ein Zwitter aus NGO und kampagnenorientiertem Netzwerk. Daher ein Mythos?
Mythen werden herkömmlich durch Mären übermittelt. Oder sie werden erdichtet, z.B. von Meritokratien, die sich im dämmrigen Weltalter der mikroelektronischen Revolution als vierte Gewalt auftun, zusammengefaßt im Wort Mediakratie. Sie haben den Kometen und großen Hoffnungsträger nicht aus dem Boden gestampft, aber seinem Aufstieg kräftig den Rücken gestreift. Als fünfte Kolonne gemästet?
Vieles wurde darüber gesprochen und geschrieben. Mit diesem Buch sei es aber anders. Das Buch will zu Streit anregen. Es vertritt keine Wahrheiten, sondern Gedanken, Kritiken und Vorschläge. Streit ist eine Produktivkraft. Sie kann und soll das Denken und Handeln schärfen, aber auch erweitern hin zu neuen Ideen und Experimenten. Kritik darf und soll nicht verurteilen, sondern klären und hintertfragen. Dabei muss sie immer auch selbst wieder kritisch gesehen werden. Streit ist ein endloser Prozess und dieses Buch eine kleine Wegmarke - wichtig vielleicht, weil sie ein Korrektiv ist in einer sehr einseitigen Wahrnehmung von Attac und politischer Bewegung.
Man muß es lesen, auch wenn darin vieles kontradiktorisch vorkommt. Denn es enthält eine Menge facettenreicher Fakten und Fabeln aus dem linkslastigen Szenentheater, auch wenn sie anarchisch strukturiert erscheinen sowie den Eindruck von Protokollen und Notizen erwecken, die auf öffentlichen Meetings, organisatorischen Gesprächen oder ähnlichen Treffen aufs Papier gebracht wurden. Die Spannweite der Themen erstreckt sich von der Ideenphase der attraktiven (Teilweise)-NGO und dem Attac-Hype ab Sommer 2001 über die Strategien und Säulen des Dominierens, Vereinnahmens, Verbalaktivismus und staatsfetischistischen Angleichens sowie über das Umfeld der Mitläufer, Nachahmer und Filz bis hin zu Anstößen und Chancen.
Jörg Bergstedt, Mitarbeiter in der Projektwerkstatt Saasen, und seine Mitautoren wollen perspektivisch sein und Handlungsoptionen auch für all diejenigen beschreiben, die in oder mit Attac aktiv sind und es bleiben wollen oder die nach Alternativen suchen. Wird man dem anfangs erhobenen Anspruch, das Ringen ... um gesellschaftliche Utopien und Kritik am Bestehenden fortzusetzen, gerecht, indem man die Kritik auf Korrektur der Koexistenz reduziert, damit darauf verzichtet, das verschimmelte Bestehende zugunsten des Utopischen zu beseitigen. Daher rückt im Mythos Attac die NGO-Industrie kaum in den abfälligen Blickfang des Autoren-Kollektivs. Ihre Ratschläge bleiben dementsprechend wie Postulate brav und sentimental, auch wenn sie z.B. heißen: Konkrete Vorschläge und Utopien verbinden, Autonomie gegenüber Markt, Staat und Medien, Normalität brechen, offene Plattformen aufbauen, kollektive Identitäten vermeiden u.a.. Wer lenkt nun den Emanzipationszug, zu welchem Zielbahnhof? Und wie lautet die utopische Alternative zum gegenwärtigen endkapitalistisch superimperialistischen System, dessen Truppen-Trucks im hohen Tempo unterwegs sind, die kosmopolitanen Lebenswelten aalglatt zu walzen sowie den kollektiven Besitzstand allgültig zu enteignen? Nicht etwa das alte Gespenst Kommunismus, der voraussetzt, das Privateigentum als Grundsäule der global auftürmenden Kastenpyramide zu überwinden?
Alles in allem läßt sich der vorliegende Band, der über ausgiebiges Gesprächsmaterial verfügt, als einen angemessenen Beitrag zu kommenden Szene-Debatten betrachten. Aber nicht nur. Gut daran ist, daß er mit den Anti-Attac-Attitüden nicht alles attackiert, was einem Neidhammel von üblem Geruch erscheint.
NM
P.S. die linke Züricher Zeitung, 2.6.2005
Eine andere Welt?
Hat die neue soziale Bewegung, der europäische Medien mit „Attac" einen prägnanten Stempel aufzudrücken ver suchten, ihre beste zeit schon hinter sich? Für hämische Abgesänge ist es zu früh. Doch kritische Fragen zu stellen, scheint sinnvoll.
Hans Steiger
An diesem Wochenende findet in Freiburg das zweite Schweizer Sozialforum statt. Attac gehört zur breiten Trägerschaft (...). Debattiert wird über die Perspektiven der Bewegung «für eine andere Welt». Attac, eigentlich «Aktion für eine Besteuerung der Finanzmärkte zur Hilfe der Bürger», ist zumindest in Europa eine wichtige Trägerin des globalen Aufbruchs. Doch sie steckt «seit etwa zwei Jahren in einer Orientierungskrise», wie Bernard Schmid zum Jubiläum der deutschsprachigen Ausgabe von «Le Monde diplomatique» feststellt. Gewisse Aktionsformen begannen sich totzulaufen, die Grösse der «globalisierungskritischen» Demonstrationen war kaum noch steigerbar. Bei der Suche nach neuen Formen und Wegen wurden inhaltliche Differenzen der grossen Koalition sichtbar.
Attac - mit Promis mild Profis
Einen aufschlussreichen Blick hinter die Kulissen von Attac erlaubt ein Buch von Jörg Bergstedt, das laut Vermerk des Autors «in enger Zusammenarbeit» mit Aktiven aus Basisgruppen entstand. Leuten also, die teils selbst bei Attac waren oder sind, zum Teil lange vor dem AttacBoom an Widerstands-Netzwerken knüpften. Hie und da werden Rivalitäten spürbar, der Neid gegenüber einer von den Medien plötzlich hochgejubelten Strömung. Das spricht nicht gegen die «kritische Analyse der Gründe für den Erfolg der Organisation, ihrer Ziele und Inhalte sowie ihrer Struktur». Aber es ist beim Würdigen der Kritik wiederum kritisch zu bedenken. Sichtbar wird am Exempel von Attac Deutschland manch ein Problem, das sich jeder Gruppierung stellt, die - bedingt durch Umstände, Zufälle und geschickte Regie - zum „Hoffnungsträger“ aufsteigt. Parallelen etwa zu Greenpeace sind unverkennbar. Gerade das Grundmuster des Defizits an Demokratie, die oft bei bestem Willen nicht spielt oder vielleicht nie wirklich gewollt war, macht die Darstellung über den aktuellen Modellfall hinaus wichtig und spannend.
Beschlüsse nur bei Einstimmigkeit - ist das nicht der Inbegriff von Basisdemokratie? Möglicherweise wird dann der Kurs ohne grosse Beschlüsse durch die Meinungen eimiger Promis via Medien bestimmt. Wie könnte denen widersprochen werden? Sind nicht alle stolz, die international bekannten Köpfe der Bewegung, «wie Popstars präsentiert», an Kongressen und Treffen bei sich zu haben? Standing-Ovations lassen Kritik als kleinlich erscheinen. Typisch der Auftritt des brasilianischen Präsidenten Lula am Weltsozialforum 2003. Enthusiastisch gefeiert, « obwohl er direkt von Porto Alegre zum Weltwirtschaftsgipfel in Davos flog, gegen den das WSF die Gegenveranstaltung sein sollte». Solches funktioniert auch im Kleinen. Durch eine populistische Eventkultur wird die ohnehin vorhandene «instrumentelle Herrschaft der Eliten» noch verstärkt; die öffentliche Wirkung derartiger Auftritte «degradiert diejenigen, die nicht zu Stars werden, zu Fans». Protestainment.
Hinzu kommen Mechanismen der Professionalisierung. Sie liessen sich beim enorm raschen Wachstum der Organisation kaum diskutieren, geschweige denn kontrollieren. Attac Deutschland wurde selbst von der SPD und vom DGB zunehmend hofiert, eine funktionierende Administration wurde gebraucht, grössere Büros, bald schon kamen Kampagnenprofis zum Einsatz. Wobei das aussergewöhnlich breite Spektrum der Mitgliedschaft sowie die Vielfalt der Aktivitäten blieben, gar bewusst als Markenzeichen gepflegt. Geld fliesst anteilig auch in die lokale, relativ autonom geplante Arbeit. „Attac-Basisgruppe zu sein, bedeutet Freiheit und Unterwerfung zugleich.“ Vereinnahmungen durch die professionelle PR-Arbeit lassen sich kaum vermeiden. „Oben und unten haben keine geregelte Beziehung zueinander.“ Mit dem Ausgrenzen radikaler Elemente scheint es allerdings zu klappen. Denn da machen nicht zuletzt die Medien gerne mit.
Vereinnahmung - andersherum
Zweifelsfrei neigt der Autor dem radikalen Flügel zu. Via www.projektwerkstatt.de lässt sich sein Umfeld erkunden. Er liefert denn auch im hinteren Teil des Buches vor allem Gleichgesinnten «konkrete Tipps», wie sie ihre Anliegen in lokalen Basisgruppen besser einbringen und durchsetzen könnten. Sich nicht «auf die verkürzte Gesellschaftskritik von Attac» und minimalreformerische For derungen beschränken lassen. «Eine andere Welt ist möglich!» - das ruft nach visionären Debatten und entsprechenden Taten, auch die Arbeitsstruktur muss dazu passen. «Vorstände sind überflüssig.» Funktionsposten und Hauptamtliche sollten eher abgebaut werden. «Ziel ist, als Gruppe handlungsfähiger zu werden, aber auch die Einzelnen zu stärken für die ständige Intervention, Aktion und Kommunikation im Alltag. » Energien der Basis sollen nicht von einer Zentrale und vom Filz, den es auf oberen Ebenen leicht gibt, vereinnahmt werden können.
Klingt gut. Doch dann wächst das Gefühl, dass es Vereinnahmung auch andersherum gibt. Warum, fragt Bergstedt locker, immer nur als «Attac X-Stadt oder Y-Dorf» auftreten? Mit den zur Verfügung stehenden Mitteln liesse sich ein offener Treff schaffen, von dem auch ganz anderes ausgehen kann, unter anderem Namen. Vielleicht nur von einem Teil der Gruppe, vielleicht in lockerer Kooperation mit andern. «Wichtig ist, dass aus dem Einbringen materieller. Ressourcen kein Anspruch an Kontrolle geknüpft ist. » Noch heikler wirken einige Passagen zu Stichworten wie Militanz, Gewalt oder Subversion. «So entsteht eine Strassenblockade, wenn per anonymern Anruf der Polizei glaubhaft gemacht wird, dass auf einer Kreuzung Straftaten geschehen.» Zwar wird in einer Fussnote empfohlen, eigentliche Notrufnummern zu meiden. Doch nach der subtilen Kritik an Manipulationen von oben missfällt mir bereits der Gedanke, dass «die Gegenseite zu eigenen Zwecken umgelenkt werden» soll.
Was die politischen Inhalte betrifft, weist das Attac-Buch zuecht auf Diskrepanzen hin, die zwischen dem kleinen gemeinsamen Nenner - das technokratisch bescheidene Postulat der Tobin Tax bildet seit dem Start den Keim des Zusammenschlusses - und dein grossen Anspruch einer globalen Neuorientierung bestehen. Revolution? Reform? Reförmchen? Während die militante Basis gegen IWFTagungen mobilisiert, erklären Repräsentanten von Artac nach Gesprächen mit Gewerkschaftsvertretern, dass die Umsetzung ihrer ,Forderungen eigentlich «die genuine Aufgabe des Internationalen Währungsfonds» wäre. Auch manche «Symbolfiguren der Kritik an Grosskonzernen» seien genau besehen «durch und durch herrschafts- und kapitalismusfreundlich», beklagt Bergstedt, sie möchten den Kapitalismus lediglich reregulieren, mit wieder etwas mehr Staat «zivilisieren». Gemäss seinem polemischen Zwischentitel: «Eine andere Welt ... wollen wir gar nicht!»
Widerstand, De-Globalisierung
Ein kleines, aber markantes Beispiel der von Bergstedt kritisierten Instrumentalisierung scheint mir der Umschlag des zweiten, hier vorzustellenden Buches: Vom eine Galerie junger Frauen mit viel Pace und Peace. Sie kommen in den Texten - auch pauschal als Basisbewegung - kaum vor. Hinten wird der Autor. Walden Bello neben Naomi Klein, Susan George und Noam Chomsky als «der international renommierteste Globalisie rungskritiker» präsentiert und als «Schlüsselfigur der globalen Sozialforumsbewegung». Dieser verhelfe er mit seiner Eloquenz und Schärfe, die sich in den versammelten Essays zeige, «zu ihrer Bedeutung als Hoffungsträger für soziale Gerechtigkeit und Solidarität». Ob die zum Blickfang degradierten Friedensdemonstrantinnen sich mit seinem Aufruf zur Solidarität mit dem «Volkswiderstand» im Irak, den er ziemlich euphorisch als ein neues Vietnam feiert, identifizieren könnten? Sicher, da würden «neben US- und Koalitionskombattanten sowie Söldnern auch Zivilisten getroffen», und beim Versuch, den Krieg mit Anschlägen in deren «heimisches Territorium» zu tragen, wurden «ebenfalls unglücklicherweise» Hunderte von Unschuldigen getötet. «Solche Akte sind nicht zu rechtfertigen» - doch sollte ins Urteil einbezogen werden, «dass das wahllose Töten von Zehntausenden von Zivilisten durch die US-Armee allein im ersten Jahr der Besatzung auf derselben moralischen Ebene angesiedelt» war.
In einem Vorwort tönen die Herausgeber an, dass Teile der globalisierungskritischen Bewegung mit den islamistischen und nationalistischen Strömungen mehr Probleme haben als Bello. Mit seinen Einschätzungen und historischen Parallelen liege dieser «gelegentlich auch ein wenig schief», etwa wenn er dem Krieg im Irak den Stellenwert einräumen möchte, den der spanische Bürgerkrieg für die Arbeiterbewegung der 1930er Jahre hatte. Doch gerade sein Pathos, «sein Optimismus und sein Glaube daran, für eine gerechte und richtige Sache einzustehen, macht ihn authentisch und zu einer willkommenen Gegenfigur zu den sterilen post-modernen intellektuellen, die keine Wahrheit mehr kennen». Trotzdem: auch hier empfiehlt sich eine kritische Lek türe. Gut ist, dass der Sammelband eine wich tige Kontroverse über die Freihandelsstrategie für den Süden kontradiktorisch dokumentiert.
Erhellend für uns ist die Süd-Sicht, die Walden Bello mit seiner Professur auf den Philippinen und dem Engagement bei «Focus on the Global South» in die meist westlich-nördlich geprägten Debatten einbringt. «De-Globalisierung soll eine emanzipatorische Strategie des globalen Südens gegen die Übermacht des Nordens sein», fasst das Vorwort seine Position zusammen: «Sie bedeutet, dass die armen Länder aus ihrer Objekt-Rolle auf den Weltmärkten heraustreten und in anderen Strukturen im Innern sowie mit neuem Selbstbewusstsein nach aussen ihre Autonomie zurückgewinnen und dadurch den St)jelraum für soziale Umwälzungen erweitern.» Zumindest in Ansätzen machen die sich thematisch ergänzenden Analysen aus den letzten Jahren deutlich, was das in der Praxis heisst. Was die Nichtreformierbarkeit der Welthandelsorganisationen betrifft, lässt der Autor - fast - keine Zweifel. Er anerkennt entsprechende Vorschläge eigentlich nur als Taktik. Zentral sei der Kampf gegen weitere Liberalisierungen, wie sie zur Zeit vorangetrieben werden. Treffend habe ein Freihandelsverfechter den Freihandel und die WTO mit einem Fahrrad verglichen - «Wenn sie sich nicht vorwärts bewegen, stürzen sie. » Dies müsse, ganz im Sinne der Anfangserfolge in Seattle, ein strategisches Ziel der Bewegung sein.
Eine neue grosse Welle?
Dass ein Erfolg solcher Kämpfe, zumal dank der elementareren Kraft der Widerstände im Süden, keineswegs hoffnungslos ist, lässt sich aus «Forces of Labor» schliessen, einer Langzeitstudie, welche «Arbeiterunruhen» seit 1870 zu erfassen und in ihrer komplizierten Dynamik zu vergleichen versucht - weltweit und mit Blick auf Schlüsse für die Zukunft. Dabei zeigt sich, dass Wechselwirkungen von widerstand und Anpassung, Repression und Konzession, Kapitalflucht und Migration zwar nicht in feste Muster zu pressen sind aber gewisse Gesetzmässigkeiten zeigen.
Auslagerungen von Industriezweigen oder die Einführung neuer Technologien können Widerstandsbewegungen gegen den Kapitalismus zwar schwächen. Wie wir es derzeit ernpfinden. Doch sie können anderswo neu wachsen. «Wohin das Kapital auch geht, die Konflikte gehen mit.» Das zeigte sich bei der Textil- wie bei der Automobilindustrie, die in der Untersuchung als sich zeitlich ablösende Leitbereiche speziell unter die Lupe genornmen werden. In den Niedriglohnländern entstehen bald neue Unruhe, neue Dynamik, neue Solidaritäten. Ob und wie diese sich in Zukunft international vernetzen lassen oder ob Krisen wieder mit Flucht in Nationalismus, gar neue Kriege beantwortet werden, bleiben gefährlich offene Fragen. Doch nach der Stagnation und dem Niedergang der Arbeiterbewegung am Ende des letzten Jahrhunderts gibt es zu Beginn des 21. durchaus Indizien, dass eine neue grosse Welle des Widerstandes bevorsteht. Asien, speziell China, könnte dabei der brisanteste Ort sein. Oder ist es schon? «Ein offizieller Bericht schätzt zum Beispiel die Zahl der Demonstrationen allein für das Jahr 2000 auf etwa 30 000.» Meist waren es Proteste gegen Arbeitsplatzverluste, nicht ausbezahlte Löhne und Renten. Nach dem Beitritt zur WFO sind weitere vierzig Millionen staatliche Arbeitsplätze bedroht.
Neu ist, dass die Globalisierung jetzt offensichtlich auch ans ökologische Limit stösst. Da hilft die Ideologie einer Problemlösung durch weiteres Wachstum nicht. «Während sich das Zusammenfallen der rassischen Grenzen mit den Wohlstandsgrenzen im Weltmassstab verfestigte hat sich der ökologische Niedergang in einem in der menschlichen Geschichte beispiellosen Tempo und Ausmass fortgesetzt.»Somit sehen sich Arbeiterinnen und Arbeiter der «ultimativen Herausforderung» gegenüber, nicht nur gegen die eigene Ausbeutung, den eigenen Ausschluss zu kämpfen,« sondern für eine internationale Ordnung, die den Profit tatsächlich der Existenzsicherung aller unterordnet» . Womit wir wieder bei der anderen Welt sind.
Jörg Bergstedt: Mythos Altac. Hintergründe, Hoffnungen, Handlungsmöglichkeiten, Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2004, 206 Seiten, Fr. 22.70
Walden Bello.. De-Globalisierung. Widerstand gegen die neue Weltordnung Herausgegeben von Oliver Nachtwey und Peter Strotrnann. VSA-Verlag 2005, 166 Seiten, Fr 26.60
Beverty J Silver: Fortes of Labor. Arbeiterbewegungen und Globalisierungen seit 1870. Aus dem Amerikanischen von wildcat & friends. Assoziation A Berlin und Hamburg 2005 284 Seiten, Fr. 27
Frankfurter Lehrerzeitung 3/2005
"Mythos Attac"
von Jörg Bergstedt
Auch innerhalb der GEW hat Attac einen gewissen Einfluss. Attac steht grob gesprochen - für eine Politik, die international und in Deutschland noch dagegenhält, Leute mobilisiert, die dagegenhalten wollen! Dass das dringend nötig ist das steht gewiss außer Zweifel.
Umso mehr wird es - hoffentlich produktive - Verärgerung auslösen, dass der Brandes & Apsel Verlag Kritikern von Links" die Möglichkeit eröffnet hat, den Mythos Attac zu untersuchen und zu kritisieren. Der Teufel steckt ja bekanntlich im Detail, und detailliert bemüht sich Jörg Bergstedt, durch die Analyse von Dokumenten und Äußerungen von Sprechern der Attac nachzuweisen, wie "systemstabilisierend" Attac eher eine Ventilfunktion für großen Unmut bietet, als eine wirklich nachdrückliche Opposition gegen Kapitalismus und deutsche Expansion! Eine Streitschrift, deren Lektüre, ob man zustimmt oder nicht, einen auf jeden Fall anregt, genauer hinzuschauen, genauer zu lesen und nicht auf den ersten Anschein (oder die erste Hoffnung) hin einfach unkritisch auf Attac zu setzen.
Mythos Attac
von Jörg Bergstedt, Brandes & Apsel (2004) EUR 14,90
Zusammengestellt und empfohlen von Benjamin Ortmeyer
Zeitschrift für Politikwissenschaft 2/2005
Bergstedt, Jörg: Mythos Attac. Hintergründe, Hoffnungen, Handlungsmöglichkeiten. In enger Zusammenarbeit mit: AG "Attac-Buch" bei Schöner Leben Göttingen und Aktiven aus der Projektwerkstatt Saasen, Frankfurt a. M.: Brandes & Apsel 2004; 206 S.; pb., 14,90 e, ISBN 3-86099-796-3,
Der Autor und die mit ihm an diesem Buch beteiligten Gruppen analysieren Attac aus der Perspektive von Aktivisten, die sich in verschiedenen globalisierungskritischen Basisprojekten engagieren. Attac wird nicht hinsichtlich seiner generellen Zielsetzung kritisiert, wohl aber in Bezug auf seine interne Struktur und verschiedene politische Positionen. Insbesondere stören sich die Autoren daran, das Attac keine basisdemokratische Vielfalt mehr zulasse, weil es "mit modernsten Kommunikationsmethoden und ebenso modernen 1Herrschaftsstrukturen" ausgestattet sei (10). Bergstedt und seine Koautoren stellen sowohl die Entwicklung von Attac als auch die Organisationsformen und die wesentlichen politischen Argumentationen vor. Attac erscheint dabei als eine Organisation, die ihren Basisgruppen zwar einerseits Freiheit gewährt und durchaus vielfältige Aktivitäten erlaubt, die aber andererseits vor allem durch ihre professionellen Strukturen, insbesondere im Hinblick auf die PR-Arbeit, alle für die Ziele der Führung vereinnahmt. Die Autoren halten es hingegen für wichtig, herrschaftsfreie, emanzipatorische Strukturen und Aktionsformen zu entwickeln und kritisieren Attac deshalb durchgehend. Es stimmt allerdings bedenklich, dass sie dafür auch Gewalt als Mittel nicht von vornherein ablehnen, sondern den Einsatz militanter Protestformen von der jeweiligen Situation abhängig machen wollen. Sie begründen dies u. a. mit dem dümmlichen Argument, die Behauptung, eine gewaltfreie Gesellschaft könne man nur ohne Gewalt schaffen, sei gleichbedeutend mit der Forderung, im Kampf für eine atomstromfreie Zukunft dürfe man nur Solarstrom benutzen. Mit dieser Entgleisung fällt ein sehr dunkler Schatten auf diesen im Ganzen durchaus aufschlussreichen Blick auf eine sehr schnell handlungsmächtig gewordene NGO. WR
Aus: kontinente 6/2004
Jörg Bergstedt
MYTHOS ATTAC
Mythen sind in unserer Zeit oft ebenso schnell wieder verschwunden, wie sie gekommen sind. 2001 war in Deutschland Attac plötzlich da. Ihren Namen Attac hatte sie von der französischen pro-Tobin-Tax-Bewegung "geborgt". Autor Jörg Bergstedt nennt das, was dann entstand, ein Zwischending zwischen Nichtregierungsorganisation und Netzwerk, ein neues Sammelbecken der heimatlosen Linken. Attac wurde trotz weniger Mitglieder von den Medien in die vorderste Front des Widerstandes gerückt. Der Autor beleuchtet die Hintergründe kritisch, So stellt der fest, dass eine wirkliche Basisarbeit bei Attac kaum stattfindet. Jeder darf mitmachen, aber nicht unbedingt mitbestimmen. Oben stehen die professionell Bewegten. Sie machten Attac zu einer öffentlich wahrgenommenen Organisation. Der Autor und seine Mitarbeiter wollen nicht, dass der Mythos Attac \Nieder verschwindet, vielmehr wollen sie eine Perspektive zur Weiterentwicklung von Attac geben. (Brandes & Apsel, Frankfurt 2004, 208 Seiten, € [DI 14,go; € [A] 15,40; sFr 22,70)
KNV Koch, Neff & Volckmar GmbH
Mythos Attac
von Bergstedt, Jörg Hintergründe, Hoffnungen, Handlungsmöglichkeiten. In enger Zusammenarbeit mit: AG 'AttacBuch' bei Schöner Leben Göttingen und Aktiven aus der Projektwerkstatt Saasen. 206S. 2004 Brandes & Apsel ISBN 3-86099-796-3 KNV-Titelnr.: 12903486 14.90EUR (inkl. USL)
Eine der neuen internationalen Organisationen, die nur ganz wenig mit den etablierten Großinstitutionen gemein hat, ist attac, der Zusammenschluss unterschiedlich motivierter Globalisierungskritiker. Für viele Medien und Prominente wurde attac schnell zum Lieblingskind, dem es in kurzer Zeit gelang, eine Protestbewegung ins Leben zu rufen, wie es sie in Deutschland seit dem NATO-Doppelbeschluss nicht mehr gab. Neu an diesem Buch ist nun, dass es sich als "kritische Analyse" versteht, aber z.T. unter Mitarbeit von attac-Mitgliedern entstanden ist. Der Blick von außen und von innen soll zusammengeführt werden, um zu prüfen, was dran ist an dem "Mythos aftac". Kritisiert wird vor allem das Machtgefälle zwischen den Führungsgremien und der heterogenen Basis. Ideologie und öffentliches Auftreten würden von oben bestimmt. Eine verkürzte Argumentation nach außen, unkritische Positionen gegenüber dem Staat und Karrierestreben seinen dort allenthalben zu finden. In mehreren Themenblöcken werden die Organisationsstruktur, Argumentationsmuster und das Umfeld von attac beschrieben und bewertet. Dabei werden allerlei Thesen aufgestellt, die zumindest im Buch nur z.T. belegt werden und mitunter auf wackligen Beinen stehen.
Fazit: Vor allem Basisgruppen von attac, die der Führungsriege kritisch gegenüber stehen, finden hier reichlich Material für ihre Argumentation sowie konkrete Tipps für die interne Auseinandersetzung.
Rezensiert von Dipl.-Pol. Henrik Flor
Borromäusverein Bonn (www.borro.de)
Bergstedt, Jörg
Mythos Attac
Hintergründe, Hoffnungen, Handlungsmöglichkeiten / Jörg Bergstedt. - 1. Aufl. - Frankfurt am Main : Brandes & Apsel, 2004. - 206 S. : graph. Darst. ; 21 cm ISBN 3-86099-796-3 kt. : 14,90
So2.53
Walter Brunhuber
Kritische Analyse von A ttac, den Hintergründen des Erfolgs, der Ziele und Inhalte sowie der Strukturen.
Attac ist heute bekannt als internationale Nicht-Regierungs-Organisation, die gegen die negativen Folgen der Globalisierung kämpft. Wofür aber steht Attac genau? Wie ist die Entwicklungsgeschichte zu bewerten? Dieses Buch geht den Fragen nach und erhebt schwere Vorwürfe gegen die wichtigsten Initiatoren von Attac-Deutschland. Bergstedts Buch, das unter der Mitarbeit verschiedener Basisgruppen zustande gekommen ist, kann als linke Attacke auf Attac verstanden werden, deren Kernvorwürfe mangelnde demokratische Strukturen und mangelnde politische Radikalität sind. Um sich über Attac zu informieren, gibt es sicherlich objektivere Quellen - als publizistischer Beitrag zum Phänomen Attac und die damit zusammenhängenden Themen ist das Buch für einen bestimmten Leserkreis aber sicherlich von Interesse.
Walter Brunhuber
Aus: Zeitschrift Entwicklungspolitik 9/2005, S. 59)
Jörg Bergstedt, Mythos attac. Hintergründe, Hoffnungen, Handlungsmöglichkeiten. Verlag Brandes & Apsel, Frankfurt/M. 2004, 206 Seiten, 14,90 EUR
Attac kennt fast jeder, Aber was und wer ist attac? Jörg Bergstedt hat nun ein vorwurfsvolles Buch zur Beantwortung dieser Frage aufgelegt, das schon einige Beachtung gefunden hat. Sein Titel "Mythos attac" und der editorische Vorspann versprechen Aufklärung wie Enthüllung. Der Topos vorn Mythos nimmt gemäß der Pathogenese linker Organisationsgeschichte alte Diagnostik vorweg: Der Zenit einer Bewegung ist überschritten, wenn sie mythisch wird. Wobei gern übersehen wird, dass die als Mythos denunzierte Bewegung eine beständige Sache werden kann, weil ihr so gesehener Zustand immer nur beschworen, selten aber analytisch durchdrungen wird.
Man kann daher getrost nach Lektüre der Einleitung die Broschüre wieder aus der Hand legen. Wer will, mag das mit zustimmendem Kopfnicken tun: der Autor stellt sein Urteil allem voran, bevor er umfangreich Fakten und Personalia, Vorwürfe und Fehler in Serie referiert. Alles stimmt so, wie's immer stimmte, ein redundanter Kreis von Kreisen: Zunächst war da Erwartung, die "Jugendliche und Ältere" erfasste, die ihrer früheren Erfahrungen mit den alten Mythen wegen "mit den Jahren kraftloser geworden waren". Warum das stets so geht? Man weiß es nicht. Es möchten die NROs Schuld haben, die professionell Geld requirierten und Spontaneitäten in ihre Sterilität einbanden. Doch plötzlich wieder, "um den Jahrtausendwechsel", "rauchte das soziale Gewissen ... .. international baute sich Protest auf', der gallische Hahn krähte - nur "Deutschland blieb vorerst noch ruhig". Dann aber "wendete sich auch hier das Blatt'. Es bleibt fortan in Bergstedts Text bei dieser Metaphorik der simplifizierenden Vereinfachung, bei der sich immer etwas einpendelt, eskaliert, hochschaukelt und gewaltig vernetzt - und am Ende wieder sich abschwächt.
Historisch materialistische Kritik ist das nicht mehr. Auch sonst und jenseits davon steht dem Autor, der seine Argumentationen kollektiv erarbeitet, kein irgendwie taugliches Erkenntnisinstrument zur Verfügung. Der reduktive Rest dessen, was Kritik sein soll, aber nicht ist, erbringt Denunziation. Die aber ist und bleibt auch dann eine, wenn sie zutrifft - und wenn der Autor "Beweise" en masse vorlegt.
Methodisch arbeitet das linke Basisressentiment mit einem stereotypen Generalvorwurf. Bürokratie trat an die Stelle libertärer Haltung, "Filz" wucherte, Funktionäre besetzten Posten. Verbunden mit dem antimodernistischen Vorwurf, bei attac verfüge man über "modernste Kommunikationsmethoden", die offenbar linear zu "ebenso" identischen "modernen Herrschaftsstrukturen" führen. Ende der Durchsage. Und was könnte Rettung sein? Da capo al fine: Neu beginnen und "Gegenmodelle einer Organisierung von unten schaffen", Wie oft hat man das schon gehört? Wie äußerst selten hat dieser naive Appell je genutzt? Die Route "Neue Bewegung -Mythos - Kritik am Mythos" samt anschließender Sauerstoffdusche zur Wiederbelebung ist so oft schon frustrierend zurückgelegt worden, dass sie endlich ad acta gelegt gehört.
Krankheit als Medizin
Der Autor, der als Arzt zum Krankenbett attae eilt, verschreibt als Medizin erneut die Krankheit selber: Die Abwehr kritischen Denkens und die bloße Fetischisierung von "Bewegung". Attac war nie genuines Produkt einer Bewegung. Sondem Ideenpool eines soziologisch einschlägig verfassten Kreises linker, liberaler und auch konservativer französischer Geisteseliten, die eines explizit nicht wollten: das Kapital bekämpfen, den Staat verdammen und libertäre Praxis entwickeln. Ihnen war darum zu tun, die diskursive Hegemonie der herrschenden Verhältnisse zu brechen, wozu es einer differenzierten Strategie und Taktik auf dem Terrain des Diskurses selbst bedarf. Die Idee einer Tobin-Tax beispielsweise, durch denIroK-0-präsentiert auf einer symbolischen SteuerOase, die man auf der Alster schwimmen ließ. Prototyp all der vielen konstruktiv-betrieblichen Verbesserungsvorschläge, die für sich in Anspruch nehmen, mit einem kleinen Kniff, würde er nur von den Mächtigen erhört, Armut und Arbeitslosigkeit, Hunger und medizinische Unterversorgung aus der Welt zu schaffen. Übertrieben?
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