Offener
Brief an das „Netzwerk zur demokratischen Kontrolle der Finanzmärkte“ (wurde später in Attac umbenannt)
Das deutsche Netzwerk sucht
derzeit UnterstützerInnen für seine „Erklärung für
eine demokratische Kontrolle der internationalen Finanzmärkte“ (siehe
u.a. www.share-online.de/Finanzmärkte). Diese soll am 31.5.2000 auf
einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Wir vom
BUKO-Arbeitsschwerpunkt möchten mit diesem Offenen Brief einige Kritikpunkte
an der Erklärung benennen. Es geht uns dabei nicht um Abgrenzung,
sondern um solidarische Kritik, denn wir begrüßen die Initiative
des Netzwerkes, auf einige zentrale Probleme des gegenwärtigen globalen
Kapitalismus aufmerksam zu machen. Doch die inhaltlichen Widersprüche
und Vereinfachungen sowie die politisch-strategische Ausrichtung der Erklärung
können unseres Erachtens nicht unwidersprochen bleiben.
Die Erklärung erweckt
den Eindruck, als seien „wachende Instabilitäten“ und Krisen „in immer
kürzeren Abständen“ ein Phänomen der derzeitigen kapitalistischen
Globalisierungswelle und des damit verbundenen Aufstiegs der internationalen
Finanzmärkte. Der Kapitalismus ist jedoch seit seiner Entstehung im
19. Jahrhundert von Finanz-, Währungs-, Verschuldungs- und Inflationskrisen
begleitet. Seine immanente, unausweichliche Krisenhaftigkeit allein auf
die quantitativ gestiegenen Kapitalflüsse spekulativen Charakters
zurückzuführen, ist zu kurz gegriffen. Denn die monetäre
Sphäre der Finanzmärkte ist eben nicht zu trennen von der realökonomischen,
„produktiven“ Sphäre. Beide sind funktional aufeinander angewiesen,
ihre Krisenlogik ergänzt und überlagert sich in hohem Maße.
Der Aufstieg der Finanzmärkte beruht auf den (Über-)Akkumulationsprozessen
der „Realökonomie“ und ist strukturell mit ihren Verwertungskrisen
verbunden. Eine simplifizierende dichotomische Sichtweise verbietet sich
daher.
Ähnliches gilt für
den in der Erklärung erweckten Eindruck, als „unterdrückten“
die internationalen Finanzmärkte die demokratischen Regierungen, die
eigentlich ganz anderes wollen, als ihnen die Märkte diktierten. Diffenziertere
Analysen weisen darauf hin, dass die Globalisierung der (Finanz-)Märkte
eben nicht mit einem Rückzug der Nationalstaaten aus Regulierungsprozessen
einhergeht, sondern mit einer Redefinition seiner Interventionsformen.
So weist z.B. die Finanzmarkt-Expertin Susanne Lütz (in der PROKLA
118, 2000/1, S. 61-81) darauf hin, dass die Staaten zwar nationale Standards
bei der Regulierung von Kapitalflüssen reduziert haben, aber seit
den 90er Jahren Bestandteil von public-private-partnerships in der Bankenregulierung
wurden, die wiederum in pluralisierte Abstimmungsnetzwerke auf internationaler
Ebene eingebunden sind. Mit anderen Worten: Die gegenwärtige Struktur
des globalen Finanzmarktes wurde nicht gegen Staaten oder Regierungen,
sondern durch sie bzw. mit ihnen verwirklicht.
Die etatistische und neokeynesianische
Schlagseite des Netzwerkes und der gesamten ATTAC-Bewegung halten wir daher
für wenig angebracht. Die modernen bürgerlichen Nationalstaaten
als potenzielles Gegengewicht zum Kapitalismus (miss-)zu verstehen und
nicht als sein integraler Bestandteil, verweist auf ein Staatsverständnis,
das im Nationalstaat eine an sich neutrale Instanz sieht, derer sich alle
gleichermaßen bedienen können, um ihre Interessen zu verwirklichen.
Nicht nur materialistische Staatstheorie, sondern auch die historische
Erfahrung lehrt jedoch das Gegenteil. Aus diesem Grund ist auch die Forderung
nach der „demokratischen Umgestaltung internationaler Finanzinstitutionen“
irreführend. Es ist die zentrale Aufgabe dieser Institutionen, das
auf Ausbeutung und Ungleichheit basierende Geldverhältnis zu stabilisieren
und die Verwertung von Kapital zu organisieren. Die in der Erklärung
verwendete Forderung „Wir brauchen eine andere Politik“, die mit der Hoffnung
verknüpft wird, die Probleme des globalen Kapitalismus ließen
sich „eindämmen“, wenn die Staaten bzw. die gewählten Regierungen
nur die richtige Politik betrieben, ist daher aus unserer Sicht eine fatale
Illusion. Sie trägt zur Legitimierung derjenigen Institutionen und
Verhältnisse bei, die Teil des Problems sind, nicht dessen Lösung.
Analog dazu ist auch die Unterscheidung von gutem und schlechtem Kapital
problematisch. Im Aufruf zur Gründung des Netzwerkes ist die Rede
davon, die Finanzmärkte müssten wieder ihrer eigentlichen Funktion,
nämlich der Finanzierung „produktiver Investitionen“, zugeführt
werden. Damit wird erstens der Schein erweckt, das primäre Ziel des
Kapitals sei nicht der Profit. Zudem ergibt sich dieser aber auch bei produktiven
Investitionen aufgrund der zugrundeliegenden Herrschaftsverhältnisse.
Abgesehen davon, ob die
Wahl von Staaten und Finanzinstitutionen als Adressaten der Forderungen
nicht darauf hinausläuft, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben (diese
religiös gefärbte Metapher sei uns hier erlaubt), stellt sich
auch die Frage, ob die vom Netzwerk vorgeschlagenen Maßnahmen selbst
aus einer rein systemimmanenten, technischen Sichtweise überhaupt
geeignet sind, die proklamierten Ziele zu erreichen. Die Tobin-Steuer als
zentrale Forderung des Netzwerks beispielsweise wird selbst von solchen
WissenschaftlerInnen für zweifelhaft befunden, die das Netzwerk auf
seiner Pressekonferenz am 31.5. aufbietet, um seine Position zu untermauern.
Elmar Altvater und Birgit Mahnkopf urteilen in ihrem Standardwerk „Grenzen
der Globalisierung“: „Die Tobin-Steuer wäre also nur eine „Gut-Wetter-Steuer“
und ungeeignet, die in der Finanzkrise aufgepeitschten Wogen zu glätten.
Obendrein wäre es naiv, von einer Tobin-Steuer die Stabilisierung
des Kapitalismus zu erwarten. Denn auch innerhalb eines Währungsraumes
ohne grenzüberschreitende Transaktionen finden spekulative Kapitalbewegungen
statt“ (S. 216). Es scheint, als ob innerhalb des Netzwerkes noch einige
Diskussionen über die Tobin-Steuer nötig sind...
Besonders irritiert waren
wir durch folgende Formulierung in der Erklärung: „Durch Finanzcrashs
werden jahrelange wirtschaftliche Anstrengungen ganzer Volkswirtschaften
über Nacht zunichte gemacht.“ Gab es evtl. Leute, die aufgrund der
jahrelangen Anstrengungen der „Volkswirtschaften“ profitiert haben? Hier
verschmelzen die „Mehrheit der Menschen“ und die „Kapitalbesitzer“, die
an anderer Stelle in der Erklärung unterschieden werden, wieder zu
nationalen Wertschöpfungsgemeinschaften. Eine derart extrem und unseres
Erachtens unzulässig verkürzte Kapitalismuskritik beschwört
jedoch Missverständnisse und die Vereinnahmung des Netzwerks für
nationalistische Argumentationsfiguren geradezu herauf. Bei allem Verständnis
für das im Wesen des Lobbyismus begründete Bedürfnis nach
griffigen Parolen, hier werden die Grenzen des Zulässigen überschritten.
Wir würden es begrüßen,
wenn das Netzwerk einen Schritt weiter in die richtige Richtung gehen würde:
nicht nur die vermeintlichen Auswüchse einer scheinbar aus dem Ruder
laufenden globalen Finanzwirtschaft anzugehen, sondern den Kapitalismus
selbst zum Gegenstand der Kritik zu machen. Darüber und wo und wie
Widerstand gegen die Zumutungen der „Globalisierung“ geleistet werden kann,
das möchten wir vom 6. bis zum 8. Oktober in Berlin beim 23.
BUKO-Kongress diskutieren. Dazu laden wir alle interessierten Individuen
und VertreterInnen von sozialen Bewegungen ein - und damit natürlich
auch die Mitglieder des Netzwerkes zur demokratischen Kontrolle der Finanzmärkte.
BUKO-Arbeitsschwerpunkt
Weltwirtschaft (24.5.2000) |