Flugblatt zum Attac-Kongress 19.-21.10.2001

Siehe auch: Attac +++ Tobin Tax +++ Pro Staat +++ NGOs und Staat +++ Lobbyismus
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Attac, Lafontaine & Co.:

Alter Wein in neuen Schläuchen!

Was hier als neue Bewegung vorgestellt wird, ist eher der Versuch, einen sich neu und international vernetzenden, teilweise widerständigen, in jedem Fall aber vielfältigen und basisorientierten Protest in eine kontrollierbare Form zu gießen und für eine kritische Mitarbeit an der Verbesserung von Staat und Markt im Kapitalismus zu gewinnen – statt mit klaren Aktionen, Projekten, Positionen und neuen Visionen die Herrschaft und Ausbeutung überwinden zu wollen.

Das Märchen vom guten Staat

Die entfesselten Märkte seien Schuld am Elend der Welt, an Armut, Hunger und Krieg. Sagt Attac, sagt Lafontaine, sagen viele. Aber sie haben nicht recht. Denn Hunger, Krieg und Armut gab es schon vor dem Neoliberalismus und der sogenannten Globalisierung. Sie sind vor allem eine Folge genau dessen, was jetzt von Attac, Lafontaine & Co. als neue Lösung benannt wird: Den Nationalstaaten. Regierungen und ihre Armeen, ihre „Entwickungshilfe“, ihre Handelsinstitutionen usw. haben Ausbeutung und Unterdrückung organisiert. Einen sogenannten „freien Markt“ würde es gar nicht geben, wenn nicht Polizei, Weltbank, NATO, Gerichte usw. ihn durchsetzen würden – global oder in jedem Dorf. Der Staat und alle Herrschaftsverhältnisse sind die Voraussetzung und damit eine entscheidende Ursache für Ausbeutung und Zerstörung. Sie sind nicht die Schützer der Menschen, sondern die Täter des Kapitalismus, der Brutalität von Ausbeutung und Unterdrückung. Der Neo-Keynesianismus, wie die falsche Hoffnung heißt, daß mehr Regeln (also mehr Staat und Herrschaft) die Lage verbessert, ist so alt wie falsch. Es sind Regeln, nämlich Gesetze, Polizei, Gerichte und Institutionen, die den Markt als Organisationsform des Lebens gegen die Selbstorganisation der Menschen durchprügeln. Mit Steuern oder noch mehr Regeln ändert sich daran nicht. Wer hinguckt, bemerkt das: So war Lafontaine als Ministerpräsident des Saarlandes der erste neoliberale Spitzenpolitiker – er hat die Industrie des Landes an die internationalen Konzerne verkauft. Er hat als Vorsitzender und Programmkommissionschef die SPD modernisiert dahin, wo sie heute ist. Nicht Schröder. Die Regulierung ist nicht das Gegenteil vom freien Markt, sondern notwendige Voraussetzung.

Zentrale Organisation mit Namen „Netzwerk“

Attac bezeichnet sich als Netzwerk, um die Selbstinszenierung als Sprachrohr der vielen Gruppen und BasisakteurInnen glaubhaft zu machen. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus: Attac hat nur lose verbundene Basisgruppen, weil die Führungsgruppe die Basis als Legitimation braucht, aber nicht zur Diskussion. Die Gründergruppen von Attac sind noch schlimmer: Share, Weed usw. – sie haben gar keine Basis und agieren in ihren fördermittel- und spendengetragenen Büros völlig unabhängig herum. Diese Abhängigkeit vom Fluß der  Spenden und der Zustimmung von außen legt jedoch derartigen, von oben
eingerichteten und geführten Institutionen immer ein Verhalten nahe, daß sich eher am gesellschaftlichen Mainstream als an der Kritik der herrschenden Verhältnisse versucht. Einige Forderungen von attac zeigen bereits jetzt, wie sehr man auf die Meinung der Basis pfeift und wieviel wichtiger es für eine solche Organisation ist, bei Regierungen und im unkritischen Mainstream als akezeptabel zu gelten. Beispiel: Inzwischen fordert Attac die Aufhebung des Bankgeheimnisses – Einmütigkeit mit Eichel und Schily für eine politische Position, die niemals mit Basiszusammenhängen diskutiert wurde. Die Attac-Führungsgruppe kann völlig losgelöst handeln. Wie „radikal“ die Basisgruppen sind, ist egal. Die Politik machen die Zentralen in Bonn und Verden. Attac ist kein „Netzwerk“, sondern eine ungewöhnlich zentralistische und staatsnahe Struktur.
Das alles wäre eine interne Sache von Attac und wer solche Strukturen braucht und den Staat liebt, kann dort hingehen. Es wird aber doch wichtig für alle, weil sich gerade diese antidemokratische Führungsgruppe des staatsnahen Attac selbst als „Kerngruppe“ (attac-Zeitung) oder Dachverband der globalisierungskritischen Gruppen inthronisiert. FR, taz, Spiegel, Junge Welt und alle die regierungsnahen Medien, die eine kritische Bewegung verhindern wollen, helfen nach besten Kräften mit, Attac und die Tobin Tax als „zentrale“ Gruppe oder Forderung in die Köpfe zu bringen. Das hat System, soll unabhängige Politik verhindern und ist deshalb wichtig.

Wer Herrschaft abbauen will, kann nicht neue fordern. Wer die Folgen der Ausbeutung im Markt beweint, kann nicht weiter auf den Markt setzen. Wer eine „Demokratisierung der Finanzmärkte“ will, kann nicht die Stärkung der Kontrollinstitionen fordern. Demokratisierung ist eine Abfolge von Reformen, die die Mitbestimmungsrechte der Menschen verbessern – nicht der Staaten oder der internationalen Institutionen! Radikal gedacht, ist die Demokratisierung  ein endloser Prozeß hin zu einer Welt ohne Herrschaft und Verwertung, ohne Zwänge, Nationen, Grenzen, Verwertung von Eigentum, Patente usw.).
 
 

Die Alternativen:
FreiRäume erkämpfen!
Widerstand und Vision verbinden!
Organisierung von unten!

Attac, Lafontaine & Co. sind nicht das Ende aller Möglichkeiten. Aber sie sind Modernisierer von Markt und Staat und daher definitiv nicht der passende Rahmen, um Ausbeutung und Unterdrückung, Herrschaft und Verwertungsverhältnisse anzugreifen und zu überwinden. Der Gang durch die Institutionen (bei Attac, Grünen, Parlamenten usw. mitmachen, um Grundlegendes zu verändern) ist uneffizient und bislang immer erfolglos geblieben. Daher müssen wir andere Formen politischer Arbeit finden:

Emanzipation als gemeinsamer Nenner aller!

Es geht NICHT um den ewigen Streit von Revolution oder Reform. Sondern um die Frage der Emanzipation, d.h. der „Befreiung“ von Menschen aus ihren äußeren Zwängen (Arbeitszwang, Herrschaftsinstituationen, Abhängigkeiten usw.) und den verinnerlichten Wertkategorien (Geschlechterrollen, sogenannte Rassen, Behinderungen usw.). Gut ist eine Revolution oder eine Reform dann, wenn sie emanzipatorisch ist, also die Selbstbestimmung der Menschen (oder als Schritt dahin die Mitbestimmung, die Beteiligung oder die Demokratisierung) fördert. Die Tobin Tax oder die Aufhebung des Bankgeheimnisses aber stärken Herrschaft durch neue Gesetze, Institution und Überwachung einschließlich ihrer Legitimierung (mit der Tobin Tax wird die Weltbank plötzlich zum Partner von Widerstandsgruppen, ohne sonst etwas zu ändern!). Solche Reformen sind antiemanzipatorisch. Aber es gäbe andere Reformen, die Selbstbestimmung fördern und Herrschaft abbauen. Um sie lohnt sich die politische Aktion. Gleiches gilt für eine Revolution, bei der hinterher nur eine Organisation (z.B. eine Partei) alles dominiert - sie ist antiemanzipatorisch. Aber Revolutionen, die nicht um die Macht streiten, sondern Herrschaft abbauen, sind genial! Was wir brauchen, sind große Visionen und kleine Schritte, die Stück für Stück Herrschaft abbauen.

FreiRäume erkämpfen – die Welt Stück für Stück „befreien“!

Jede Gruppe, jedes Büro, jedes Haus und jeder Platz, jede Aktion und jeder zeitweise besetzte Raum (Zug, Veranstaltungsraum, Bühne usw.), den wir uns schaffen, erobern oder aneignen, kann ein Ort sein, in dem wird herrschafts- und verwertungsfreie Räume schaffen – gegenüber den Zwängen von außen („Freie Republiken“, unabhängige Gruppen, Medien usw. gründen) und gegenüber dem eigenen herrschaftsförmigen Verhalten und Strukturen.
Visionen und Positionen – there are many alternatives!
Wir brauchen mehr Mut. Nicht das Elend wird viele Menschen dazu bringen, Veränderungen zu wollen, sondern die Faszination einer besseren Welt – die Vision! Diese ist zudem Maßstab für die kleinen Schritte und Forderungen, denn deren Qualität hängt davon ab, ob sie ein Schritt sind auf dem Weg zu mehr.
Organisierung von unten – Basisbewegung, widerständig und kreativ!
Statt großer Namen, Prominenter und zentraler Kader brauchen wir eine gleichberechtigte Vernetzung von Basisgruppen sowie intelligente Konzepte für Aktionsformen und Öffentlichkeitsarbeit, in der Verschiedenheit zur Stärke wird. Also nicht einen Verband, der zwei oder drei zentrale Forderungen im Namen aller (ungefragt!) vertritt, sondern ein Konzept der Vielfalt mit dem gemeinsamen Nenner der Emanzipation von Herrschaft und Verwertung. Das stellt die bestehenden Organisation nicht in Frage, aber schafft einen anderen Weg mit anderen Mitteln und anderen Zielen.

Es geht nicht um Ausgrenzung, sondern um Unabhängigkeit und klare Positionen. Wer seine staats- und marktkonformen Positionen immer mit dem Deckmäntelchen des „kleinsten gemeinsamen Nenners“ durchboxt und viele, viele Gruppen und BasisakteurInnen ungefragt instrumentalisiert, ist nicht der richtige Rahmen. Der muß er noch geschaffen werden – nicht von oben, mit zentralen Büros, Prominenten und viel Geld, sondern durch einen Prozeß, in dem die Gruppen in ihrer Vielfalt und mit ihren unterschiedlichen Vorlieben und Möglichkeiten zusammenkommen und sich organisieren - unter dem klaren gemeinsamen Nenner der „Emanzipation“ (revolutionär: Abschaffung von Herrschaft und Verwertung; reformerisch: Demokratisierung der Gesellschaft). Fangen wir damit an und verlassen wir die langweiligen Pfade endlich!

Wer Lust hat, an diesem Prozeß mitzuwirken, den laden wir gerne ein:
Organisierung von unten: Siehe Texte unter www.projektwerkstatt.de/hoppetosse, Treffen vom 2.-4.11. in Saasen und „Februartreffen“ vom 22.-24.2. in Düsseldorf
Hoppetosse – Netzwerk für kreativen Widerstand: www.projektwerkstatt.de/hoppetosse
Umweltschutz von unten: http://go.to/umwelt und Bundes-Ökologie-Treffen vom 21.-25.11. in Berlin

Zu Hoppetosse +++ projektwerkstatt.de +++ Direct Action. Zum Anfang.