HANDELSBLATT, Montag,
24. Juni 2002
Schwierige Suche nach
Alternativen zum „Neoliberalismus“
Politiker umwerben die Globalisierungskritiker
Von Frank Matthias Drost, Handelsblatt
Auf dem G8-Gipfel in Kanada werden die
Globalisierungskritiker diese Woche wieder Flagge zeigen. Im Zentrum steht
dabei die Bewegung Attac (Association for the Taxation of Financial Transactions
for the Aid of Citizens), die sich international großen Zulaufs erfreut.
Vor vier Jahren in Frankreich aus der Taufe gehoben, zählt Attac heute
bereits 30 000 Mitglieder, davon 7 000 in Deutschland.
BERLIN. Die Proteste der Globalisierungsgegner
sind öffentlichkeitswirksam. Seit der Tagung der Welthandelsorganisation
WTO in Seattle ist Attac „ein Selbstläufer geworden“, sagt Birger
Scholz von Attac Berlin. Selbstverständlich sei, dass Attac-Aktivisten
auch gegen den G8-Gipfel protestieren werden, auch wenn die Staats- und
Regierungschefs im abgelegenen Kanananskis in den kanadischen Rocky Mountains
tagen.
Für Scholz - ein Student der Volkswirtschaftslehre
- zeigt die Attraktivität Attacs eine große Unzufriedenheit
in der Bevölkerung. „Die neoliberale Ausprägung der Globalisierung
hat mehr Verlierer als Gewinner produziert“, urteilt Scholz. Das „rot-grüne
Reformprojekt“ in Deutschland habe es dabei nicht verstanden, die richtigen
Antworten zu geben, sagt das SPD-Mitglied.
„Eine soziale Antwort auf die Folgen der
Globalisierung fehlt. Das ist der wesentliche Grund für die Entstehung
der neuen sozialen Bewegung Attac“, bestätigt Lutz Mez, Politologie-Dozent
am Berliner Otto-Suhr-Institut. Es sei offensichtlich, so Mez mit Blick
auf die europaweit schwache Wahlbeteiligung, dass die Parteien derzeit
in den Augen der Wähler nicht die Interessen des Allgemeinwohls verträten.
Die politischen Akteure in Berlin halten
Attac nicht mehr für ein kurzfristiges Phänomen. „Wer oder was
ist Attac?“, fragt sich die Konrad-Adenauer-Stiftung. „Linksextremistischen
Gruppen ist es gelungen, entscheidenden Einfluss auf den Kurs von Attac
zu gewinnen“, lautet eine Erkenntnis der Studie.
Auch Außenminister Joschka Fischer
warnt, dass Attac nicht in alte linksradikale Positionen verfallen dürfe.
Gleichzeitig konzediert der führende Grünen-Politiker, dass die
gerechte Gestaltung der Globalisierung die entscheidende Frage der Gegenwart
sei. Oskar Lafontaine hat Attac schon als Retter der Demokratie gerühmt.
Attac setze sich mit Recht dafür ein, dass die Regierungen die Märkte
kontrollieren und nicht umgekehrt, so der ehemalige SPD-Chef. Auch der
Bundeskanzler fühlt sich gefordert. Man müsse der Globalisierung
eine politische Richtung geben müsse, da sie kein Wert an sich sei,
sagt Gerhard Schröder.
„Die Globalisierung wird bisher einseitig
von mächtigen Wirtschaftsinteressen dominiert, von großen Banken,
Investmentfonds, transnationalen Konzernen und anderen großen Kapitalbesitzern“,
heißt es in einer Attac-Erklärung. Doch schlichter Antikapitalismus
ist es nicht, den sich die Attac-Anhänger auf die Fahnen geschrieben
haben. Gefordert wird eine ökologische und solidarische Weltwirtschaftsordnung.
Um die Volatilität der Finanzmärkte einzudämmen, setzt man
sich für eine Steuer auf Devisentransaktionen (Tobin-Tax) ein, die
den Entwicklungsländern zu Gute kommen soll.
„Bei allen Themen steht die Entwicklung
von Alternativen im Vordergrund“, heißt es undogmatisch in einer
Attac-Erklärung. Attac weitet das Betätigungsfeld kontinuierlich
aus. Man wettert gegen die Privatisierung
öffentlicher Dienstleistungen und
äußert sich zur desolaten Lage der Bankgesellschaft Berlin.
Mit der Sensibilisierung für Globalisierungsthemen hat Attac Erfolg.
Ist die Gründung einer Attac-Partei geplant? „Alles kann man sich
vorstellen, nur nicht, dass Attac den traurigen Weg der Grünen geht“,
sagt Mitglied Hugo Braun. |