Traute
Kirsch,
27.
1. 2002
A
t t a c: Eine Bewegung mit vorprogrammiertem Scheitern
Zur
Veranstaltung von „attac-Göttingen“ am 26. 01.2002
Mit
der These „Eine andere Welt ist möglich“ übt attac eine Sogwirkung
aus für Menschen mit Unzufriedenheiten und Kritik an der Gesellschaft
jeglicher Art . Nur eine einzige Kritik ist unerwünscht, und
zwar die an Politikern.
Die
agierenden Personen stammen aus den Verbänden (BUND, NABU, Eurosolar)
der Friedensbewegung und den Grünen, die meinen, dort ein Umfeld und
Unterstützer für das Abreagieren ihrer Profilneurosen zu finden
und erpicht darauf sind, sich als Verkünder einer Heilslehre (Wir
wissen, wie man alles besser machen kann) auf die Markplätze
ihrer Wohngemeinde zu stellen. Dazu kommen in großen Mengen junge
Leute, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben und die Fußtruppe
bilden.
Die
Parallelen zur Entstehung der Grünen, der Bildung des Castor-Widerstandes
und der Begeisterung für Mitwirkung an „Runden Tischen“ sind unübersehbar.
Auffallend ist die Betonung, dass es bei „attac“ darum geht vor Ort Aktivitäten
zu entfalten, was einen Gegensatz zu den zentralen Thesen von der anderen
möglichen Welt und den weltweiten Finanzströmen als zu beseitigendes
Übel darstellt.
Im
Mittelpunkt der Kritik steht die Globalisierung. Bezeichnend ist, dass
großer Wert auf die Aussage gelegt wird, man lehne die
Globalisierung nicht grundsätzlich ab, man sei kein Globalisierungs-gegner.
Man müsse bei der Globalisierung das Gute und Schlechte abwägen,
um dann Bilanz zu ziehen. „Gut“ und „Schlecht“ wurde dann erläutert
von Prof. Elmar Altvater, der die Rolle des geistigen Mentors bei attac
übernommen hat.
Er
setzte als positiv Globalisierung mit Freihandel und Mobilität für
die Menschen gleich.
Als
negativ und damit als Ursache alles derzeitigen Übels bezeichnete
er das ungehinderte weltweite Fließen der Finanzströme. Ohne
den Zusammenhang zur Globalisierung herzustellen, kritisierte er, dass
die Märkte nicht mehr regulierend wirkten und die Privatisierung öffentlicher
Güter wie Wasser, Luft und Boden ihre Vermarktbarkeit zu privater
Gewinnerzielung beinhalte.
Von
mir kamen in der Diskussion folgende Einwände:
Globalisierung
dürfe nicht mit Freihandel gleichgesetzt werden. Der Begriff werde
derzeit nur für den Vorrang für die Konzerne und die damit verbundene
Missachtung von Natur, Umwelt, Lebensgrundlagen, d.h. für die Missachtung
der Menschen weltweit verwendet. Es sei irreführend in der öffentlichen
Diskussion, diesen Begriff anders zu verwenden, da dies von dem, was unter
diesem Begriff passiere, ablenke.
Die
Globalisierung werde auf amerikanischen Imperialismus hinauslaufen.
Dafür
bekam ich lebhaften Beifall aus dem Auditorium, in dem attac-Anhänger
nur in der Minderzahl waren.
Altvater
ignorierte die Aussage zu Freihandel und Globalisierung. Er griff aber
die Aussage zum amerikanischen Imperialismus auf und wehrte sie damit ab,
dass der Begriff des Imperialismus die Auflösung nationaler Grenzen
bedeute und davon könne man doch nicht sprechen.
Traute
Kirsch
27. 1. 2002
A
t t a c Kritik An Hand der Veranstaltung von „attac-Göttingen“ am
26. 01.2002
Die
beiden grundsätzlichen Aussagen von attac lauten:
-
„Eine
andere Welt ist möglich.“ (Wir wissen wie sie zuschaffen ist)
-
„Wir sind
keine Globalisierungsgegner, sondern Globalisierungskritiker“ (Wir wollen
nicht gegen etwas sein, sondern für etwas. Globalisierung hat Schlechtes
und Gutes)
Doch eine „andere Welt“ ist nicht nur möglich, sondern notwendig um ein menschenwürdiges
Leben - vielleicht sogar das menschliche Überleben für die Menschen
- zu sichern. Diese Aussage fehlt jedoch und damit der These jeglicher
Biß.
Den
Biß lässt auch die 2. Aussage vermissen, attac-Mitglieder seien
keine Globalisierungsgegner, die immer sehr nachdrücklich betont wird.
Globalisierung
bedeutet Entmachtung der Politik und Entwicklung hin zur Wirtschaftsdiktatur,
zur Zerstörung der Demokratie. Wer da nicht ausdrücklich und
bewusst Gegenposition bezieht, bekundet Akzeptanz zu dieser Entwicklung.
Mit
den beiden Grundsatzaussagen bindet sich attac in die Werbe-kampagne von
Politik und Wirtschaft für die Globalisierung ein. Ziel dieser Werbekampagne
ist es nämlich, wahrheitswidrig Globalisierung als zukunftsfähig
gestaltbar und als gesellschaftlich akzeptabel darzustellen, um von den
wirklichen Absichten hinter der bewusst betriebenen Globalisierungsentwicklung
abzulenken. D. h. attac betätigt sich als Helfershelfer für Wirtschaftsvorrang und Entdemokratisierung.
Diese
Fehlentwicklung ist darauf zurückzuführen, dass man bisher bei
attac noch nicht ernsthaft analysiert hat, was es mit der Globalisierung
auf sich hat. Die bei attac vorhandenen Vorstellungen zur Globalisierung,
die u. a. auch aus der Rede von Prof. Elmar Altvater ersichtlich wurden,
sind irreführend und falsch.
Da
wird nämlich Globalisierung mehr oder weniger als Freihandel und
Freizügigkeit zwischen den Staaten definiert, die grundsätzlich
zu begrüßen - also gut - sei, da sie Mobilität für
die Menschen gewährleiste und über den verbesserten Güteraustausch
den Wohlstand für die Menschen anhebe. Das Schlechte seien eben
nur die frei fließenden Finanzströme, die man regulieren müsse.
Doch
Freihandel existiert schon seit eh und jeh und funktioniert bestens. Er
hat mit dem, was derzeit unter dem Stichwort Globalisierung diskutiert
werden sollte, nichts zu tun.
Globalisierung
zielt darauf ab, dass weltweit politisches Handeln danach ausgerichtet
wird, den internationalen Konzernen größtmögliche Gewinnmaximierung
auf Kosten von Menschen und Lebensgrundlagen zu garantieren.
Jüngstes
Beispiel: die USA wehren sich unter Verweis auf angebliche Freihandelsprinzipien
dagegen, dass die Bundesrepublik verlangt, aus den USA einzuführende
genmanipulierte Produkte sollten als solche gekennzeichnet werden.
In
Wirklichkeit geht es bei diesem vermeint-lichen Freihandelsprinzip
darum, dass die Industriestaaten nicht mehr entscheiden sollen, ob und
welche Maßnahmen gegen die Konzerne zum Schutze der Bevölkerung
zu treffen sind. Ihr Handlungsspielraum wird so weitgehend eingeschränkt,
dass unmittelbare Gefahren drohen müssen, um ein Eingreifen zu ermöglichen.
Globalisierung
heißt demnach: Weltweit sollen die besten
Gewinnmaxi-mierungsmöglichkeiten
unter Verzicht auf kostenträchtige Maßnahmen zum Schutz
der Bevölkerung geschaffen werden.Das wird belegt durch die Aussage
des Präsidenten der Welthandelsorganisation (WT0) Renato Ruggiero,
„We are writing the constitu-tion of a single global economy“ (Wir schreiben
die Verfassung für eine einzige Weltwirtschaft)
Ergo:
Die Regierungen weltweit haben sich dem Willen der transnationalen Konzerne
zu unterwerfen.
Die
in den Industriestaaten vorhandenen Verfassungsprinzipien, nach denen die
Menschen dem Staat gegenüber einen Anspruch auf Schutz von Leben,
Gesundheit und Eigentum besitzen, müssen dann missachtet werden.
Für
diese Missachtung wurden in den Industriestaaten in übereinstim-mender
Weise bereits die Voraussetzungen geschaffen. Die Parlamente erließen
Gesetze, in denen sie uneinschränkbare Ansprüche auf Investi-tionen
und Gewinnmaximierung für die Unternehmen festschrieben. Die
Politiker verpflichteten sich damit, nur noch im Interesse der Wirtschaft
zu handeln, was langfristig bedeutet, dass sie vorwiegend als Dienst-leister
-Handlanger- für die internationalen Konzerne zu fungieren haben.
Da
die meisten und größten transnationalen Konzerne in den USA
angesiedelt sind, läuft die Entwicklung auf einen amerikanischen Imperialismus
hinaus.
Dieser
Entwicklung entsprechen die derzeitigen militärischen Opera-tionen,
die dort stattfinden, wo wirtschaftliche Interessen nämlich
die der amerikanischen Ölmultis eine Rolle spielen.
In
seinem Vortrag wies Elmar Altvater darauf hin, dass ein negatives Ergebnis
der Globalisierung sei, dass die Märkte keine Regulierungs-funktion
mehr besäßen. In der Tat auch die Regulierungsfunktion der Märkte
ist schon seit langem den Wirtschaftsvorrangbestrebungen zum Opfer gefallen.
Die
Regulierungsfunktion der Märkte war abhängig von dem Bestehen
einer sozialen Marktwirtschaft. Mit ihr wurden die Gewinne der Unterneh-men
gerechtfertigt.
Die
These war, dass dank einer großen Konkurrenz Unternehmer mit den
qualitativ besten und preisgünstigsten Angeboten die Nachfrage befriedigen
und somit auch die Gewinne einer Minimierungstendenz folgen würden.
Mit
dem seit geraumer Zeit offen verfolgten Ziel, eine Angebotswirtschaft betreiben
zu wollen, hat die Politik die „soziale Marktwirtschaft“ aufgege-ben.
Angebotswirtschaft heißt im Grunde nichts anderes, als dass das Prinzip
der Gewinnmaximierung auf Kosten von Konkurrenten und Ver-brauchern das
wirtschaftliche Geschehen beherrscht. Güterproduktion erfolgt dann
nicht mehr unter dem Gesichtspunkt der besten Versorgung der Verbraucher,
sondern der kostengünstigsten Gestaltung für Großunternehmen
und Konzerne.
Die
beiden Grundsatzaussagen von „attac“ machen deutlich, dass hier eine Bewegung
entstanden ist, die, wie die anderen „gesellschaftskriti-schen“ Bewegungen
bisher auch, nicht bereit ist, das Grundsatzübel anzupacken, denn
dazu muß man ja gegen die Globalisierung sein und die politische
Selbstentmachtung und die Recht- und Schutzlosstellung der BürgerInnen
angreifen.
Doch
dazu fehlt offenbar der Mut. So beschränkt attac sich darauf,
den Kritiker zu spielen und Verbesserungsvorschläge zu machen.
Die
Politiker werden es sehr begrüßen, dass da im Wahlkampf noch
eine Gruppe auftaucht, die verschleiern hilft, welchen Verrat sie an unserer
Demokratie begehen.
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