Vorschläge für Attac aus dem Buch "Mythos Attac"
(Auszüge)
Das
Buch "Mythos Attac" enthält
einige Vorschläge für Organisierungsformen ohne Hierarchien,
instrumentelle Herrschaft, kollektive Identität, Stellvertretung
usw. Im Folgenden sind einige besonders für Attac geeignete dokumentiert.
Aus dem Vorwort
Dieses Buch will zu Streit anregen. Es vertritt keine Wahrheiten,
son-dern Gedanken, Kritiken und Vorschläge. Streit ist eine Produktivkraft.
Sie kann und soll das Denken und Handeln schärfen, aber auch
erweitern hin zu neuen Ideen und Experimenten. Kritik darf und soll
nicht verurteilen, sondern klären und hinterfragen. Dabei muss
sie immer auch selbst wie-der kritisch gesehen werden. Streit ist
ein endloser Prozess und diese Buch eine kleine Wegmarke - wichtig
vielleicht, weil sie ein Korrektiv ist in einer sehr einseitigen Wahrnehmung
von Attac und politischer Bewegung.
Wir als AutorInnen dieses Buches, die vor allem aus den beteiligten
Gruppen und Projekten in Göttingen und rund um die Projektwerkstatt
Saasen stammen, wollen den Streit und das Ringen um Weiterentwick-lung,
Aktionsmethoden, gesellschaftliche Utopien und Kritik am Beste-henden
gerne fortzusetzen. Wer Kontakt aufnehmen will, mitmischen und mitstreiten
will, wer uns für Diskussionen, Veranstaltungen, weitere Texte
o.ä. gewinnen will, kann sich melden:
Projektwerkstatt
Ludwigstr. 11, 35447 Reiskirchen-Saasen, Tel. 06401/903283
saasen@projektwerkstatt.de,
www.projektwerkstatt.de/saasen
Aus der Einleitung
Das emenzipatorische Modell wäre die "Organisierung von
unten", der Verzicht auf identitäre Geschlossenheit und
vereinheitlichte Positionen - ohne "Wir" und "SprecherInnen".
Bewegung ist Kooperation und Vernet-zung der Vielen. Der Spruch "Eine
Welt, in der viele Welten Platz haben" wird auf die Organisierungsform
übertragen. Das taktische Geschick, die gute Strategie richtet
sich darauf, möglichst viel zu verbinden, Kooperationen zu ermöglichen,
Streit zu organisieren, Austausch und gemeinsame Nutzung von Ressourcen
aufzubauen, um mehr zu ermöglichen als im schlichten Nebeneinander.
Das abschließende Kapitel stellt die Möglichkeiten direkter
Aktion, gleichberechtigter Kooperation und offen-kreativer Gruppenstrukturen
vor - als Anregung, nicht als Rezept.
Aus dem Perspektivenkapitel "Was ist zu
tun?", Einleitung dort
Dieses Buch soll perspektivisch sein und Handlungsoptionen auch für
all diejenigen beschreiben, die in oder mit Attac aktiv sind und es
bleiben wollen oder die nach Alternativen suchen. Kritik und Demaskierung
tragen das Risiko, dass Menschen resignieren, weil "alles nichts
bringt". Darum folgt ein umfangreiches Kapitel mit konkreten
Ideen - ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Denn eine reine Kritik
bliebe auf der reaktiven Ebene stehen. Sie ist nicht perspektivisch
und vorwärtsdrängend, sondern lässt sich durch Vorgaben
anderer lenken. Kritisiert werden kann nur, was andere schon machen
oder entwickelt haben. Zudem ist die Kritik selbst in der Analysequalität
begrenzt, wenn sie sich nicht mit der Erfahrung der Praxis verknüpft.
Das Wesen einer perspektivischen Kritik ist gerade das ständige
Hinterfragen einer Praxis, die sich aus der Reflexion heraus immer
weiter entwickelt - fragend auf den Weg machen, wie es die Zapatistas
formulierten. Wo Kritik neben dem Geschehen steht und nicht teil-hat
an der Erprobung von Praxis, werden wichtige Elemente genommen, die
die Qualität einer Kritik ausmachen.
Kapitel "Chancen und Risiken einer radikalen
Attac-Kritik"
Die folgenden Vorschläge sind kein Rezept, kein neuer "Stein
der Wei-sen", sondern Anstöße, die sich neben Vorschläge
stellen, die bereits gemacht wurden oder noch formuliert werden. Als
dynamische Entwürfe sind sie spätestens bei jeder Umsetzung
zu hinterfragen und weiterzuentwickeln. So sind sie auch entstanden.
Sie entstammen der Praxis herrschaftskritischer, kreativ-widerständiger
Gruppen in Deutschland, die zwar klein sind und von größeren
Organisationen und ihren Eliten meist ausgegrenzt werden. Dennoch
sind sie im lokalen, regionalen und auch überregionalen Rahmen
spürbar. Sie bilden keine feste Organisation, haben keinen gemeinsamen
Namen, stehen in keinen Abhängigkeitsver-hältnissen und
können genau das tun, was die Menschen, die sich dort engagieren,
tun wollen. Die größeren Ressourcen wie Geld und materieller
Ausstattung, Zugang zu den Eliten in Politik, Wirtschaft und Medien,
Posten in den Bürokratien von SchülerInnen-, Studierenden-
und Gewerkschaften werden von anderen besetzt und kontrolliert. Dennoch
lassen sich viele Einzelaktionen auswerten, zudem hilft ein Blick
über den Tellerrand Deutschlands hinaus. In anderen Ländern
sind selbstorganisierte, unabhängige und kreative Basisbewegungen
häufiger.
Es gibt keinen "Tag X", an dem sich alles dahin wandeln
muss. Es gibt den heutigen Tag, an dem jede Gruppe und jeder Zusammenhang
die Veränderung beginnen kann. In Hinblick auf Attac kann das
für die eine Gruppe bedeuten, in Zukunft genauer hinzugucken,
zu hinterfragen und sich kritischer zu entscheiden, was mitgetragen
wird und was nicht. Eine andere Gruppe beginnt die Veränderung
mit kleinen Schritten aus der bisherigen Praxis heraus, setzt auf
eigene Ideen oder verwirklicht Anstöße aus den folgenden
Texten. Andere brechen radikaler mit der Vergan-genheit bei Attac
- und machen weiter als selbstbestimmte, unabhängige Gruppe.
Jeder dieser Wege kann sich lohnen.
Kapitel " Konkrete Tipps für Gruppen"
Das Subjekt jeglicher emanzipatorischer Politik sind nicht Gruppen,
Klas-sen oder Schichten, auch nicht die kollektiven Identitäten
einer "Basis" oder gar des "Volkes", sondern die
Menschen. Ihre Selbstentfaltung als dauernder Prozess der Loslösung
aus Zwängen und der Erweiterung von Möglichkeiten ist das
Ziel der Emanzipation. Diese grundlegende Posi-tion muss in einer
emanzipatorischen Politik sichtbar werden - in den Positionen wie
in den Aktionsformen.
Die Menschen schließen sich nach eigener Überzeugung und
ohne Aufgabe ihrer Handlungsautonomie dort, wo sie nicht allein agieren
wol-len, zu Gruppen zusammen. Diese konkreten Gruppen - seien sie
dauer-haft oder für eine konkrete Aktivität organisiert
- sind die Grundlage der politischen Organisierung von unten. Daraus
folgt zweierlei: Zum einen bedeutet die Wichtigkeit der handlungsfähigen
Gruppen, dass deren in-terne Struktur und Arbeitsweise entscheidend
für die Umsetzung emanzi-patorischer Ideen ist. Wenn bereits
die Basisgruppen Dominanzen auf-weisen, wird auch die Vernetzung zwischen
Gruppen eine Kooperation der dominanten Kräfte der Gruppen sein
und deren Dominanz noch stei-gern. Denn die Unterschiede beim Zugang
zu Informationen, Handlungs-möglichkeiten und Infrastruktur steigt
bei fortschreitender Komplexität. Zum anderen muss Vernetzung
die Gruppen auch in ihrer unabhängigen Handlungsfähigkeit
stärken, den Kontakt und die Kooperation zwischen ihnen gleichberechtigt
gestaltet und alle gemeinsamen Aktivitäten immer aus dem Willen
der Gruppen entspringen und in der von den jeweils Inte-ressierten
entworfenen Art verwirklicht werden.
Im Anschluß an diesen Text folgen umfangreiche
Vorschläge für konkrete Aktionen. Sie gelten überwiegend
nicht nur für Attac-Gruppen. Unter den Vorschlägen sind
im Buch einige als speziell auf Attac bezogen bezeichnet worden. Diese
bilden jeweils einen Punkt in jedem Abschnitt - und sie sind hier
als Aus dem Buch dokumentiert:
- Konkrete Vorschläge und Utopien verbinden:
... Besondere Ideen für Attac-Gruppen: Nicht weiter auf die
verkürzte Gesellschaftskritik von Attac und die minimalreformistischen
Forderungen beschränken lassen. Mehr fordern - global und für
lokale Politik. Den Satz "Eine andere Welt ist möglich!"
endlich mit Inhalt füllen, visionäre Debatten führen
und Projekte mit visionärem Charakter anzetteln - von Umsonstläden,
Gratisessen, Utopie-Camps bis zu direkten Aktionen gegen Arbeitswahn,
Repression oder Regierungen.
- Autonomie: Unabhängigkeit von Markt, Staat
und Medien: ... Besondere Ideen für Attac-Gruppen: Unabhängigkeit
sichern sowohl von den Attac-Spitzen wie auch von staatlicher Unterstützung.
Ein möglicher Weg wäre, als Gruppe chamäleonhaft
aufzutreten - also nicht mehr nur als Attac. Warum soll nicht ein
Teil der AktivistInnen (oder wenn es passt, auch alle) unter anderem
Namen mal ganz andere Sachen machen. Frech, kreativ, subversiv und
flexibel sein ist wichtiger als gefördert und mit festem Label.
- Entscheidungsfindung und Gruppenstrukturen von
unten: ... Besondere Ideen für Attac-Gruppen: Formale FunktionärInnen
oder SprecherInnen abschaffen. Offene Strukturen entwickeln. Keine
Stellvertretung, niemand tritt für alle auf. Neue Methoden
für die interne Gruppenarbeit wie auch für öffentliche
Veranstaltungen und Aktionen ausprobieren.
- Rechtsformen: ... Besondere Ideen für Attac-Gruppen:
Nicht selbst Verein werden. Vorstände sind überflüssig.
Die eigene Arbeitsstruktur selbst festlegen. Überlegen, ob
die formalrechtliche Handlungsfähigkeit über einen Förderverein
hergestellt wird.
- Nieder mit kollektiven Identitäten: ... Besondere
Ideen für Attac-Gruppen: Nicht mehr als "Attac X-Stadt
oder Y-Dorf" auftreten bei Aktionen und politischen Erklärungen.
Die eigene Gruppe zum offenen Rahmen für Aktionen und Zusammentreffen
von Leuten verändern. Es gibt kein "Wir", sondern
die Kooperation und den sozialen Zusammenhang. Der offene Treff
und der soziale Zusammenhang kann weiter beworben werden. Er kann
auch "Attac ..." heißen. Dort aber wird nichts mehr
entschieden, sondern Austausch, gegenseitige Hilfe, Streit usw.
organisiert.
- Keine Hauptamtlichen in zentralen Bereichen: ...
· Besondere Ideen für Attac-Gruppen: Wo bestimmte Funktionsposten
geschaffen wurden oder gar Hauptamtliche existieren, sollte das
wie-der abgebaut werden. Als Vorschlag für die Attac-Organisierung
ein-bringen, dass Büros, Funktionen und Hauptamtliche nur noch
für kon-krete Projekte und Anliegen existieren, die aus der
Kooperation und Initiative von BasisakteurInnen kommen.
- Aktions-Knowhow aneignen: ... Besondere Ideen
für Attac-Gruppen: Trainings und Seminare zu Akti-onstechniken,
Kommunikationsstrategien, Subversion, Öffentlich-keitsarbeit,
direkter Intervention usw. veranstalten - und zwar so, dass nicht
nur das Wissen der Dominanten, sondern aller gesteigert wird. Ziel
ist, als Gruppe handlungsfähiger zu werden, aber auch die Einzelnen
zu stärken für die ständige Intervention, Aktion
und Kommunikation im Alltag.
- Experimente, Freiräume und Ausstiege: ...
Besondere Ideen für Attac-Gruppen: Die eigene Gruppe als Experi-ment
begreifen und sich nicht darauf reduzieren lassen, ab und zu abends
über Politik zu reden oder Aktionen vorzubereiten. Einkom-mens-
und Zeitausgleich in der Gruppe, Eigentumsteilung mit ande-ren Gruppen
oder der Aufbau von Projekten und Experimenten, die visionäre
Einblicke in eine Gesellschaft jenseits von Herrschaft und Verwertung
schaffen sind deutlich wertvoller als ausgedehnte Unter-schriftensammlungen
für belanglose Steuern oder Appelle an die Mächtigen.
Verändert die Städte und Regionen - Quadratmeter für
Quadratmeter!
- Normalität brechen: ... Besondere Ideen für
Attac-Gruppen: Das Brechen von Normalität in Aktionskonzepte
und -formen einzubauen, gilt für Attac genauso wie für
andere Gruppen. Doch eines erscheint zusätzlich wichtig: Attac
selbst ist das "Normale" in der politischen Arbeit geworden.
Dieser Anforderung zu entsprechen, normalisiert und kanalisiert
politische Aktion. Um kreativ-widerständig, unberechenbar und
damit auch wirksam im Sinne des Nachdenkens, des Erzeugens kritischer
und visionärer Kommunkation zu sein, kann gerade eine Attac-Gruppe
wirkungsvoll agieren - wenn sie überraschende politische Ideen
und Ak-tionen verwirklicht. Der Aufschrei des "Wie kann gerade
eine Attac-Gruppe so etwas machen?" würde mit einiger
Sicherheit durch die Medien rauschen - ein Indiz dafür, dass
gesellschaftliche Eliten einen Kontrollverlust fürchten. Damit
würden Attac-AktivistInnen auch an der Zuschüttung von
Gräben mitwirken, die zwischen verschiedenen politischen Gruppen
bestehen.
- Soziale und materielle Gleichberechtigung der
AkteurInnen: ... · Besondere Ideen für Attac-Gruppen:
Wie jede andere Gruppe auch kann eine Attac-Gruppe zur sozialen
Basisgruppe für die dortigen AkteurInnen werden. Wahlweise
kann sie sich an solchen Strukturen mit anderen Gruppen beteiligen
- Ziel ist so oder so die Schaffung materieller Gleichberechtigung
der AkteurInnen.
- Offene Plattformen aufbauen: ... Besondere Ideen
für Attac-Gruppen: Hortet Eure Möglichkeiten und Euren
materiellen Reichtum nicht für Euch, sondern schafft offene
Strukturen, damit viele das nutzen können, was vorhanden ist.
Das kann von einem Teil der Gruppe, der ganzen Gruppe oder einer
Kooperation mehrerer Gruppen ausgehen. Gerade letzteres ist besonders
attraktiv, denn dann können Attac-Aktive auch das nutzen, was
von anderen eingebracht wird. Offene Plattformen erhöhen den
Reichtum aller, weil dieser nicht mehr individuell ist. Denn Reichtum
ist nur dann sinnvoll, wenn er auch nutzbar ist. Da der Anteil materiell
gut gestellter Personen in Attac-Gruppen recht hoch ist, zudem Attac-Gruppen
und die mit ihnen verBUNDenen Organisationen teilweise erhebliche
Zuschüsse erhalten, wäre es besonders wichtig, dass sich
solche Gruppen am Aufbau offener Plattformen beteiligen. Wichtig
ist, dass aus dem Einbringen materieller Ressourcen kein Anspruch
an Kontrolle geknüpft wird.
- Gegenöffentlichkeit: ... Besondere Ideen
für Attac-Gruppen: Die meisten Attac-Gruppen gehen bislang
den bequemen, d.h. vor allem den normalen Weg. Mit oder ohne Beziehungen
zu Medien werden Presseinformationen geschrieben. Prominente helfen
dabei, bekannt zu werden. Subversive Elemente oder der Aufbau eigener
Medien gehören selten zum Repertoire des Handelns. Früher
oder später wird das für Attac-Gruppen ohnehin zum Verhängnis.
Wenn der Hype von Attac vorüber ist und der Name der Gruppe
nicht bereits den Abdruck in der Zeitung garantiert, fehlt die Übung
in anderen Formen der Öffentlichkeitsarbeit. Die Fixierung
auf die bürgerlichen Medien kanalisiert bereits heute den Inhalt
und die Form. Vieles ist dort nicht formulierbar, bleibt in der
Re-daktionszensur oder sogar in der Selbstzensur der Gruppe hängen.
Denn viele formulieren ihre Pressetexte ja bereits danach, was die
Presse typischerweise abdruckt. Radikalere Positionen und originelle
Aktionen fallen schon der eigenen Zensur zum Opfer. Attac-Gruppen
sollten sich die Methoden der Gegenöffentlichkeit erobern,
eigene Medienprojekte schaffen und zusätzlich die Formen der
subversiven Agitation erobern.
- Nie stehenbleiben - von der einheitlichen zur
offenen Gruppe: ... Besondere Ideen für Attac-Gruppen: Genau
diese Entwicklung ist möglich. Jede Attac-Gruppe (und jede
andere Gruppe auch!) hat die Möglichkeit, sich von einem eingeschränkten
Selbstverständnis als Untergruppe einer Großorganisation
mit festem politischen Profil zu einem offenen "Haufen"
viele Ideen und Teilprojekte zu entwickeln. Dieser Prozess kennt
kein Ergebnis und damit auch keinen Stillstand. Das "Offene",
das fehlende Selbstempfinden als feste Gruppe ist ge-nau das Spannende.
Die Frage "Wer seid Ihr?" ist nicht mehr zu be-antworten
- sondern bietet gleich einen Gesprächseinstieg über Iden-titäten
und offene Gesellschaft. Der Wandel der Gruppe wird zur Akti-on.
In einer Gesellschaft, die identitär organisiert ist, ist die
Existenz des Anti-Identitären bereits ein Bruch der Normalität.
Anschließend folgen im Buch umfangreiche
Hinweise zur Organisierung horizontaler Bündnisse.
Abschluß-Kapitel " Von Attac zur
unabhängigen, offenen Gruppe"
Die Frage "Attac - Ja oder Nein?" verkürzt das, um
was geht - nämlich um die Form der Organisierung, der direkten
Aktion, der offenen Plattfor-men und nicht-identitären Vernetzung.
Für alle, die bei Attac bleiben oder neu hinzustossen, heißt
das: Wie kann das unter dem Label "Attac" Erreichte so weiterentwickelt
werden, dass nichts verloren geht, was den AkteurInnen wichtig ist?
Wie kann auf der anderen Seite die eigene Arbeit so geöffnet
und das auch sichtbar gemacht werden, dass das Label "Attac"
nicht Türen verschließt, weil eine Gruppe, die Attac heißt,
oft identifiziert wird mit der Politik ihrer Chefetagen.
Ob Attac oder eine andere Gruppe - der Weg zu kreativen, offenen,
vielfältigen Aktionsformen, zur Verbindung mit visionären
Ideen und interner Gleichberechtigung ist ein weitreichender, aber
spannender und notwendiger Entwurf zu einer emanzipatorischen Praxis.
Es kann hilfreich sein, frühzeitig den Kontakt zu anderen Gruppen
zu suchen, denn von diesem Entwurf ist nicht nur Attac weit entfernt.
Wo Neues entsteht, sollte es von Beginn an als offener Prozess laufen,
d.h. offen für alle, die sich für Veränderungen hin
zu einer vielfältigen Bewegung interessieren. Emanzipatorische
Politik braucht viele neue, kreative Versuche, aber: Eine andere Organisierung
ist möglich!
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Strukturvorschläge und -debatten innerhalb von Attac
- Transparenz-Antrag
zum Attac-Ratschlag Ende Oktober 2004 in Hamburg
- Antrag für eine Angleichung
der Gehälter bei Attac-Hauptamtlichen auf dem Ratschlag Ende
Oktober 2004
- Aus dem Antrag
zu einer Umverteilung zwischen haupt- und ehrenamtlicher Arbeit
bei Attac
Um das Missverhältnis zwischen ehrenamtlich und hauptamtlich
Tätigen zu korrigieren, sollen Finanzmittel für das aufgeblähte
Bundesbüro gekürzt und insbesondere eine einheitliche Bezahlung
der hauptamtlich Tätigen auf max. BAT III (d.h. 3.900.-€
mtl. Brutto) beschränkt werden. In die Gehaltsstruktur ist ein
Sozialfaktor einzubauen.
Debattenbeiträge zum Transparenzantrag aus Stuttgart
(siehe auch Diskussionsforum
dazu bei Attac):
- Reaktion aus den Chefetagen, diesmal Harald
Klimenta, damals KoKreis-Mitglied, ... zum Transparenzantrag der Regionalgruppe
Stuttgart
diesen antrag lehne ich entschieden ab.
das verständnis von attac und die auffassungen über die
strukturen von attac von einigen leuten, die nicht (oder nicht mehr)
an deutschlandweiten treffen von arbeitszusammenhängen teilnehmen.
es geht mir um die zum ratschlag versendeten anträge, die ich
nicht verstehe.
a) der attac-stuttgart-antrag. schon im ersten satz wird auf ein buch
bezug genommen, das von einem menschen geschrieben wird, der attac
ans bein pinkeln will und nichts anderes. das gerede von "leitungsstrukturen"
kann jemand nur so haben, wenn er sich nicht an überregionalen
treffen beteiligt. es ist für mich ein katzenjammer, wenn sich
menschen über intransparenz bei attac beschweren. für mich
war es SCHON IMMER (und nicht nur seit oder weil ich im kokreis bin)
möglich, mir sämtliche fragen zu klären, indem ich
einfach rumtelefonniert habe. die telefonnummern stehen unter "strukturen"
im netz und die leute sind ungiftig. bei mir hat übrigens noch
nie jemand aus stuttgart angerufen. weiterhin missachtet der antrag
völlig, dass der mensch, der die fragelisten bearbeiten sollte,
nicht existiert. wenn da drinnen stehen würde, dass attac stuttgart
diese arbeit übernehmen würde - denn die informationen zu
den einzelnen fragen lassen sich ja auftreiben - dann sähe das
schon ganz anders aus. oder eben: attac stuttgart spendet jährlich
50.000 Euro pro jahr und dafür werden zwei stellen eingerichtet,
für leute die die arbeit machen. ressourcen umwidmen im büro:
tja, fahrt mal an irgend einem tag nach frankfurt und schaut euch
im büro um und fragt die leute, was sie tun, danach erübrigt
sich auch diese möglichkeit [das empfehle ich allen attacis in
deutschland]. ich vermute allerdings, dass es manchen mitgliedern
von attac stuttgart nicht um die beantwortung der fragen geht, sondern
um die artikulation von ressentiments (das vermute ich jetzt mal ohne
in stuttgart angerufen zu haben). ich behaupte: schon alleine das
intensive und gewollte engagement einiger stuttgarter attacis im kokreis
und die intensive mitarbeit im rat oder bei der AG genugfüralle
würde entweder diese personen in stuttgart isolieren oder - falls
die stuttgarter offen für neues sind - die einschätzung
der stuttgarter von attac deutschland grundlegend ändern. und
gerade stuttgart - frankfurt ist eine super zugverbindung, wobei zumeist
auch die übernahme von fahrtkosten möglich ist. Der zweite
antragsteil darunter ist ebenfalls geprägt von allertiefstem
misstrauen - offensichtlich einigen ganz wenigen personen gegenüber.
ich schätze mal gegenüber werner, peter und sabine. Liebe
Stuttgarter, habt ihr wirklich alle möglichkeiten genutzt, diese
Ressentiments mit diesen leuten abzubauen - ich halte alle 3 für
überwiegend ungiftig. denn wenn es dieses misstrauen nicht gäbe
und sich einige jene stutgarter attacis, die diesen antrag unterstützen,
an deutschlandweiten Arbeitsgruppen permanent und intensiv beteiligen
würden, vor allem der AG Gfa, dann wüßten sie, dass
die strukturen bei attac nicht dazu da sind, irgendwelche macht oder
druck aufzubauen. ja kommt doch einfach zu den sitzungen und überlegt
euch, was wir deutschlandweit im herbst machen sollen. aber konstruiert
nicht ein problem, wo ihr meiner einschätzung nach vorurteile
habt. einfach fragen. (und bitte: natürlich sind manche entscheidungen
intransparent und manche falsch. intransparent schon allein, weil
es leute gibt, die den ganzen tag nur attac-arbeit machen und deshalb
wissen akkumulieren, das für andere zwar theoretisch verfügbar
aber schon mangels zeit nicht vorhanden ist, was immer ein "oben-unten-gefühl"
erzeugt. hier hilft im akutfall der griff zum telefon - und falsche
entscheidungen wird es immer geben.) jetzt haben wir nach jahrelanger
debatte einen attac-rat, der genau die von stuttgart geforderten arbeiten
theoretisch leisten kann. praktisch macht er viel zu wenig. das sollte
der neue rat heftigst ändern! meines erachtens haben viele leute
angst vor der deutschland-ebene, die dann ein oben-unten-denken verstärken;
vielleicht sogar angst vor dem zugfahren? oder einfach nur andere
prioritäten? - jedenfalls ist dieser antrag nur möglich
geworden, weil m.e. einige bei attac stuttgart offenbar meinen, ein
mysteriöses "attac-oben" würde einer orwellschen
NGO-überwachungszentrale gleichen. [tja, franz groll aus stuttgart
unterstützt den antrag scheinbar nicht, er ist scheints zu aktiv
in deutschlandweiten zusammenhängen :-) ]
- Eine andere Person fordert den Abbau von Hierarchie
insgesamt:
Den Antragstellern würde ich in ihrer Interpretation zustimmen,
dass übergeordnete Gremien die Tendenz haben sich
zu Führungsorganen zu entwickeln. Dies scheint selbst dann so
zu sein, wenn nicht einmal die Beteiligten selbst es wollen. Ich halte
es allerdings für eine Illusion dieser
Tendenz durch basisdemokratische Kontrolle entgegenwirken
zu können.
Die Lösung liegt eben nicht in der Umkehrung der Hierarchie.
Statt Kontrolle von oben jetzt Kontrolle von unten. Sie liegt wohl
eher in der Abschaffung der Hierarchie selbst. Ohnehin haben wir diese
Probleme im Augenblick an der Basis genauso. Vielleicht sollten wir
noch deutlicher machen, dass dieser Koordinationskreis eben KEIN VERTRETUNGSORGAN
ist. Wir sollten seine Aufgaben deutlicher umreißen und vor
allem klären welchen Nutzen wir uns für unsere Arbeit erhoffen.
Als Misstrauensgremium wird er jedenfalls nicht funktionieren.
- Und noch ein Auszug:
Sollte Attac sich zu einer basis-demokratischen, emanzipatorischen
Bewegung fortentwickeln und entsprechende Strukturen geben wollen,
muss man sich die Herausbildung dieser Machtstrukturen bewusst machen
- und genau das tun die Stuttgarter, nur dass ihr Antrag leider eine
ungeschickte Form angenommen hat.
Insofern wäre es vielleicht sinnvoll, einen Selbstreflexionsprozess
über die Machtverhältnisse in Attac anzustoßen. Dieses
Mandat könnte z.B. einer wiederbelebten Struktur-AG mit auf den
Weg gegeben werden. Dabei sollte aber klar sein, dass die Denunziation
vermeintlicher oder realer MachtmonopolistInnen nicht zielführend
ist, da die Herausbildung von Machtstrukturen in großen Organisationen
geradezu ein Naturgesetz ist. Man kann nur versuchen, mit ihnen umzugehen,
sie möglichst zu neutralisieren.
Zwar können die Ergebnisse eines solchen Selbstreflexionsprozesses
nicht vorweggenommen werden, aber es spricht doch einiges dafür,
dass der derzeitige Zustand ohne Einführung eines Rotationsprinzips
in allen Gremien kaum zu verändern sein wird.
- Aus einem Antrag
zur künftigen Organisierung des Ratschlags, aus der Attac-Regionalkonferenz
Stuttgart
Bei der Vorbereitung und der Moderation des Ratschlags dürfen
keine Mitglieder des KoKreises beteiligt werden, sondern Mitglieder
des Rates und Vertreter von örtlichen Gruppen von attac.
Reaktion von Harald Klimenta: "ich finde, alles was aus
diesem antrag hervorquillt, ist misstrauen."
- Antrag
zu transparenten Entscheidungsfindungen innerhalb von Attac
An Grundsatz-, Richtungsentscheidungen sowie mittelfristigen Schwerpunktsetzungen
und an Wahlen zum Rat und zum Kokreis werden alle Attac-Mitglieder
und AktivistInnen direkt beteiligt. Diese erhalten die Möglichkeit,
sich mit einem Votum hierzu, das sie persönlich / an ihrem Wohnort
oder per Telekommunikation abgeben können, unmittelbar zu beteiligen.
(Im weiteren Antrag folgen konkrete Verfahrensvorschläge für
Basis-Abstimmungen)
- Antrag
zu Finanzen aus der Regionalgruppe Stuttgart
Die örtlichen Gruppen haben die Finanzhoheit.
In welchem Verhältnis die Einnahmen aus Mitgliedsbeiträgen
an die Bundesorganisation abgegeben werden, soll von den Ortsgruppen
gemeinsam auf dem Ratschlag beschlossen werden.
- Antrag
zur Steigerung der Hierarchien: Nur noch einE AttacsprecherIn
soll nach außen reden dürfen
1. Nur der Attacsprecher/die Attacsprecherin sind befugt, öffentliche
Interviews im Namen von Attac Deutschland zu geben. Darauf müssen
sich Attac-Mitglieder verlassen könnnen.
2. Wenn Ratsmitglieder oder KoKreismitglieder zu bestimmten Themenbereichen
Interviews geben wollen, so sind die Inhalte zuvor zwischen Rat und
KoKreis abzustimmen.
Im Falle, dass Rat und Kokreis den Inhalten des geplanten Interviews
zustimmen, muss vor dem Interview unbedingt die Zustimmung des Attacsprechers/der
Attacsprecherin zu den Inhalten des geplanten Interviews eingeholt
werden.
Ausschnitte aus dem Papier zur Zukunft von Attac
von Oliver Moldenhauer, Attac-KoKreis, vom 17.11.2004
Die Fraktionsbildung nimmt zu. Inzwischen spielt Linksruck keine Rolle
mehr bei uns aber zumindest die Stuttgarter, die AG Prekarisierung aus
Berlin und zu geringerem Maße Teile des Kokreises agierten als
abgegrenzte Gruppen. Bisher ist das noch nicht bedrohlich, aber der
mögliche Schaden einer stärkeren Fraktionsbildung ist kaum
überschätzbar. ...
Ein wichtiger quantitativer Indikator für geringeres Engagement
ist die gesunkene Zahl an Neueintritten und die gestiegene Zahl an Austritten.
Interessant sind hier übrigens Untersuchungen von Felix Kolb, der
eine Korrelation zwischen taz-Berichten über Attac und Globalisierung
und der Zahl der Neueintritte gefunden hat, während ein solcher
Anstieg der Neueintritte bei der Erwähnung von Attac im Zusammenhang
mit Hartz IV nicht oder sehr viel schwächer besteht. ...
Die Gründe für das nachlassende Engagement sind sicherlich
vielfältig. In Frage kommen folgende Ursachen: ...
4. Der Themenwechsel innerhalb von Attac. Viele Austritte sind explizit
mit unserem Engagement bei Hartz IV begründet worden. (Was nicht
heisst, dass mensch dass Thema unbedingt meiden sollte.)
5. Die Wahlalternative zieht uns Aktive ab. ...
Die massiven Probleme des unkritisch angewandten Konsensprinzips, sind
kaum im Bewusstsein. Deshalb möchte ich hier die wichtigsten Nachteile
aufführen.
1. Konsens hat strukturkonservative Auswirkungen. Im Zweifelsfalle bleibt
immer alles so wie es ist. Daher wird wahrscheinlich auch die jetzt
angestossene Strukturdebatte keine oder nur sehr minimale Ergebnisse
in Beschlussform zeigen.
2. Gruppen mit Konsensentscheidungen können sich gegen solche mit
effizienteren Entscheidungsverfahren nur schwer durchsetzen: Das gilt
z.B. für das Zusammenspiel von NGOs und Attac-AGs oder von Büro
und Kokreis.
3. Konsens führt tendenziell zu Entscheidungen in kleinen Gruppen,
Konsens-findungsgruppen fällen auf den Ratschlägen die eigentlichen
Entscheidungen.
4. Kontrolle der Leitungsgremien ist stark erschwert: Wie kann ein Ratschlag
einen Beschluss gegen den Kokreises durchsetzen, z.B. um ihn zu kritisieren,
wenn der Kokreis selber Veto-Player ist?
5. Bei Konsensentscheidungen sind machtpolitisch nur die Leute relevant,
die potentiell Vetos einlegen. Dies sind deutlich überproportional
ältere Männer und wesentlich weniger z.B. junge Frauen.
6. Entscheidungen, z.B. in Gruppenkonflikten werden nicht getroffen;
am Ende verlassen gerade diejenigen die Gruppe, die an effektiver Arbeit
interessiert sind.
7. Die Mächtigsten sind diejenigen denen am wenigsten am Projekt
liegt und die daher sagen können Dann passiert eben gar nichts..
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