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10 Thesen

Oligarchie/Aristokratie
Formalisierte Privilegien in der Gesellschaft

Johann Wolfgang von Goethe
Nichts ist widerwärtiger als die Majorität, denn sie besteht aus wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen, die sich akkomodieren, aus Schwachen, die sich assmilieren, und der Masse, die nachtrollt, ohne nur im mindesten zu wissen, was sie will.

Aus der Multiplikatorenmappe "Demokratie" (mehr Zitate)
Das demokratische Prinzip, Ämter durch Wahl und auf Zeit zu vergeben, führt mittel- und langfristig zu der praktisch möglichen Bestenauslese. Spätestens bei der Nachfolgefrage wird die Überlegenheit jenes Prinzips deutlich. Die Ablösung einer verbrauchten Führung vollzieht sich in der Demokratie dank der periodischen Wahl geradezu elegant. Im so genannten parlamentarischen Regierungssystem nutzt die Demokratie die Kraft des Wettbewerbs zweier politischer Mannschaften: Die eine Mannschaft - die Regierung und die sie tragende parlamentarische Mehrheit - übt gerade die politische Macht aus, während die andere - die parlamentarische Opposition - bereitsteht, um mit vergleichsweise geringen Einarbeitungskosten die Regierungsgeschäfte zu übernehmen.
Das demokratische Prinzip, Ämter durch Wahl und auf Zeit zu vergeben, verwirklicht nicht nur den Anspruch einer Gesellschaft auf Selbstbestimmung (Input). Sie führt auch im Ergebnis zu der praktisch möglichen Bestenauslese (Output). Pointiert gesagt: Demokratische Herrschaft ist die wahre Aristokratie (und keine fingierte oder angemaßte wie bei der Herrschaft eines Geburtsadels).

Die Herrschafts der Wenigen

Jeder Mensch ist gleich, manche sind gleicher.

Aus Christian Meier, "Die Parlamentarische Demokratie", dtv in München (S. 18 f.)
... ist unsere Gesellschaft anders als die Antike durch verschiedenste - und weitgehende - Spezialisierungen und Interessen ausgezeichnet; mit sehr starker zeitliche Beanspruchung vieler ihrer Mitglieder, bevor sie überhaupt daran denken können, sich der Politik zuzuwenden. ... Abbe Sieyes hat schon 1789 erklärt, die Repräsentation durch Abgeordnete sei ein Mittel, die Wirksamkeit des politischen Systems durch Arbeitsteilung und Kondensierung politischer Willensbildung zu steigern. ...
So weit, daß es gar nicht ausbleiben könnte, daß im Parlament beachtlicher Sachverstand, Erfahrungen und Beziehungen zusammenkommen und sich über Wahlperioden hinaus erhalten; es wäre ein großer Fehler, auf diesen Sachverstand, diese Erfahrungen und auch auf eine gewisse Kontinuität ihrer Weitergabe an jeweils jüngere Parlamentarier zu verzichten.

Kommentar "Demokratischer Putinismus" von Karl Grobe in: FR 4.10.2005 (S. 3)
Wahlen bergen das Risiko, dass die bisher Mächtigen die Macht einbüßen und durch konkurrierende Politiker ersetzt werden. Die Möglichkeit eines solchen Elitenwechsels ist der Kern der Demokratie.

Aus Bleicken, Jochen (1995): Die Verfassung der Römischen Republik. UTB Schöningh in Paderborn (S. 93)
Die Grundsätze aristokratischer Regierungspraxis
Jede durch Sozialprestige herausgehobene Schicht bildet feste Verhaltensregeln aus, die alle ihr zugehörigen Personen binden. Auch die römische Nobilität kannte solche Regeln, und da sie diejenige Schicht war, welche die römische Politik lenkte, waren diese Regeln ein Teil der aristokratischen Ordnung, auch wenn sie nicht in Rechtsnormen objektiviert waren. Ein wichtiger Teil von ihnen steckte in den Formen der Kommunikation der Nobiles untereinander. Da die Politik so gut wie ausschließlich von den Nobiles bestimmt wurde (...), ruhte auf diesen Kommunikationsformen auch der Prozeß der politischen Entscheidungsfindung.

Die Juristen an der Spitze des Rechtsstaates
Aus Max Weber: Politik als Beruf, in: Studienausgabe der Max-Weber-Gesamtausgabe, Bd. I/17, (S. 36-57), zitiert in: Weber-Fas, Rudolf (2003): Staatsdenker der Moderne, UTB Mohr Siebeck in Tübingen (S. 335, mehr Auszüge ...)
Die gewaltige Nachwirkung des römischen Rechts, wie es der bureaukratische spätrömische Staat umgebildet hatte, tritt in nichts deutlicher hervor als darin, daß überall die Revolutionierung des politischen Betriebs im Sinne der Entwicklung zum rationalen Staat von geschulten Juristen getragen wurde. ...
Der moderne Advokat und die moderne Demokratie gehören seitdem schlechthin zusammen ... Die Bedeutung der Advokaten in der okzidentalen Politik seit dem Aufkommen der Parteien ist nichts Zufälliges. Der politische Betrieb durch Parteien bedeutet eben: Interessenbetrieb.

Aus Forndran, Erhard (2002), "Demokratie und demokratischer Staat in der Krise?", Nomos in Baden-Baden (S. 76)
Verfassungen regeln nicht nur die Beziehungen zwischen Individuen und gesellschaftlichen Gruppen sowie zwischen Staatsorganen, sie beschreiben nicht nur die Freiheitsreichte des Einzelnen, sie formulieren in der Regel auch einen Grundkonsens der - dem Anspruch nach - für alle Angehörigen einer Nation geltenden Wertvorstellungen. In der politischen Praxis werden diese durch politische Eliten oder höchstens durch Mehrheitsbeschluß gefaßt, theoretisch aber verlangen sie die dauerhafte und grundsätzliche Zustimmung aller Bürger, soll aus ihnen eine Gemeinschaft begründet und das Gemeinwohl bestimmt werden.

Aus Hardt, Michael/Negri, Antonio (2004): „Multitude“, Campus Verlag in Frankfurt (S. 271, mehr Auszüge ...)
Es ist keineswegs nötig, dass die Repräsentanten detaillierte lokale Kenntnisse über die Repräsentierten besitzen (Nr. 56); am wichtigsten ist vielmehr, »als Regenten Männer zu finden, die genügend Weisheit besitzen, um das gemeinsame Wohl für die Gesellschaft zu erkennen, und genügend Tugend, um es zu verfolgen« (Hamilton/Madison/Jay 1788, Nr. 57, 347). Madison beharrt darauf, dass dieses Repräsentativschema, in dem wenige herrschen, weder eine Oligarchie (Nr. 57) noch eine Aristokratie nach britischem Vorbild ist (Nr. 63). Am besten lässt sich diese Regierungsform vielleicht mit Rousseau als Wahlaristokratie (im Gegensatz zu natürlichen oder erblichen Formen der Aristokratie) bezeichnen. Madison stimmt ohne Zweifel mit Rousseaus Ansicht überein, es sei »das beste und natürlichste Gesetz, dass die Weisesten die Masse regieren« (Rousseau 1762, 111,5, 78). Wieder einmal erkennen wir in diesen Diskussionen das wesentliche Element der Repräsentation: Sie verbindet die Bürger mit der Regierung und trennt sie gleichzeitig von ihr. Die neue Wissenschaft gründet genau auf dieser disjunktiven Synthese.

Aus Agnoli, Johannes (1967), "Die Transformation der Demokratie", Voltaire Verlag in Berlin (S. 43)
Genauer bildet der politische Staat das (durchaus klassisch zu nennende) rechtliche Werkzeug, die Massen von politischen Entscheidungen fernzuhalten und politische Herrschaft zum Reservat mehr oder minder geschlossener Gruppen zu machen. In der verfassungsstaatlichen Form liegt die Geschlossenheit keineswegs darin, daß zufälligen Einzelnen der Eintritt in diese Gruppen verwehrt wäre (obwohl der Zugang außerordentlich erschwert wird). Nur öffnet der Eintritt in die Gruppen allein den Weg zur Übernahme von staatlicher Macht.

Oligarchie im parlamentarischen Betrieb ... dabei den Schein wahren!
Aus Agnoli, Johannes (1967), "Die Transformation der Demokratie", Voltaire Verlag in Berlin (S. 59 ff.)
Fraglos ist das Parlament als "Legislative" und als Körperschaft, in der Volksinteressen gesetzgeberisch Ausdruck finden sollten, gegenüber der "Exekutive" bis zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken. Es ist nicht mehr in der Lage, selbständig Entscheidungen zu treffen, da es als Ganzes nicht mehr an den konkreten Vorbereitungen der Gesetze und an der Aufarbeitung des Materials beteiligt wird.
Auch im Parlament bilden sich oligarchische Zentren, die den größten Teil der Abgeordneten aus dem engeren Informationskreis ausschließen und so den Eintritt in den eigentlichen Entscheidungsmechanismus verwehren. ...
Überall in der westlichen Welt kann - hinter der Fassade verfassungsmäßig ausgewogener Gewalten- und Kompetenztrennungen - eine weitgehende Symbiose der Parlamentsführung mit den Spitzen des Exekutivapparates beobacht werden, die tendenziell den öffentlich-rechtlichen Breich überschreitet und sich bis in die Führungsstäbe der Produktionssphäre hinein verlängert - teilweise durch Personalunion. ...
Der "harte Kern" des Parlaments wird jedoch nicht entmachtet. Nicht alle Entscheidungen werden "anderswo" getroffen, da ein Teil der entscheidenden Gruppen wenn nicht als Parlemnt, so doch im Parlament wirkt. ...
Und genau das ist für eine erfolgreiche Herschaftsmethode unerläßtlich: daß ein Teil der politischen und gesellschaftlichen Oligarchien sichtbar im Parlament tätig (also dem Schein nach öffentlich kontrollierbar), sichtbar vom Volke gewählt (damit zum Herrschaftsakt demokratisch legitimiert) und sichtbar Träger von Macht (und in der Lage, moralisch verpflichtende Wählerwünsche durchzusetzen) ist. Wäre dem anders, würde die Bevölkerung sich gar nicht auf das parlamentarische Spiel einlassen, und sie würde die Wahlen nicht mehr als den wesentlichen Ausdruck ihrer politischen Freiheit betrachten. Mit einem Wort: erst die Präsenz der Macht im Parlament (und nicht etwa: die Macht des Parlaments) ermöglicht die Erfüllung der Aufgaben, die ihm als Organ (als Ganzem) zukommen. ...

Aus "876 Minuten im Parlament", in: Welt am Sonntag, 4.6.2006 (S. 4)
"Ich fürchte, daß die Föderalismusreform im Bildungsbereich zu einem Wettlauf nach unten führt, der so nicht gut ist", sagt zum Beispiel der SPD-Mann Swen Schulz aus Berlin-Spandau. So harmlos die Formulierung klingt: Hätte das sein Fraktionschef Peter Struck sieben Stunden früher gesagt, er hätte für Schlagzeilen gesorgt.

Profi-Politiker
Aus Michels, Robert, zitiert nach Gassner, Marcus, "Emanzipation als Maßstab für jegliche Organisation" in: Grundrisse 2/2002 (S. 32)
In der Kunst der Versammlungsleitung, der Anwendung und Auslegung der Geschäftsordnung, der Einbringung von opportunen Resolutionen, in den Kniffen, wichtige strittige Punkte aus der Diskussion auszuschalten oder auch eine ihnen gegnerisch gesinnte Majorität zu einer ihnen günstig lautenden Abstimmung zu veranlassen (...), sind sie Meister.

Aus Papier, Hans-Jürgen, "Einer Mutprobe für die Abgeordneten" in: FR, 27.2.2006 (S. 9)
Professionelle Lobbyisten sind in der Regel Experten auf ihrem Gebiet, deren Sachverstand sich für die Parlamentarier und deren Mitarbeiter - und übrigens genauso häufig auch für die Regierung und die Ministerialbürokratie - als weiterführend und wertvoll erweist. Gerade wirtschaftlich potente Interessengruppen bündeln häufig starke Ressourcen an Spezialwissen und Sachverstand, die sie der Politik in nicht geringem Umfang zur Verfügung stellen. Die diesbezügliche Unterstützung kann auch einmal bis zur Überlassung komplett ausgearbeiteter Gesetzentwürfe - auch und gerade in hochkomplexen rechtlichen Materien - reichen. ... Zunächst einmal ist offensichtlich, dass nicht alle innerhalb der Gesellschaft relevanten Interessen in gleicher Weise von gut organisierten Lobbyisten repräsentiert sind. Vielmehr entscheidet nicht zuletzt die wirtschaftliche Potenz einer Interessengruppe darüber, wie effizient deren Lobbyarbeit gestaltet wird und in welchem Maße die Interessengruppe auf den Politikbetrieb Einfluss nehmen kann. Eine echte Waffengleichheit der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen bei der Wahrnehmung ihrer Interessen mittels Lobbying wird es deshalb kaum geben. Schwächer repräsentierte Interessen können so leicht auch unter die Räder geraten. ...
Dies deshalb, weil die auf vielfältige Weise in Anspruch genommenen Abgeordneten mit dem Fachwissen und dem geballten Sachverstand einer starken Interessenvertretung nicht immer werden mithalten können. ...
... Abgeordnete als Person und Persönlichkeit und nicht als auswechselbares Glied von Parteilisten ...

* Papier war Präsident des Verfassungsgerichts, also Deutschlands formal oberster "Verfassungsschützer" (weitere Auszüge hier ...)

Aus der Rede von Gerhard Leibholz auf einer Tagung der Friedrich-Naumann-Stiftung, in: "Parteien, Wahlrecht, Demokratie", Westdeutscher Verlag in Köln (S. 58)
Gewiß, auch die parteienstaatliche Demokratie steht unter dem ehernen Gesetz, von einer politischen Elite geführt werden zu müssen nur daß diese eben nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben, d. h. von den Wählern und Parteibürgern vertrauensmäßig getragen sein muß, und daß die Führungsgremien nicht legitimiert sind, mit Hilfe des Parteiapparates und der Parteibürokratie unter Verwendung der modernen Organisationstechnik ihren Willen dem der Parteibürger und schließlich dem ganzen Volk aufzuerlegen. Sinn und Zweck des neuen Partelengesetzes wird es u. a. sein, für die notwendige Demokratisierung der Parteien, d. h. dafür Sorge zu tragen, daß Demokratie und Führung wieder stärker miteinander verbunden werden und die Autorität der Führungsgruppe sich auf den freien Willen der Geführten zurückführen läßt.

Die Aristokratie (griechisch αριστοκρατία - Adelsherrschaft, von ἀριστεύς - Bester, Fürst und κρατεῖν - herrschen) ist #eine Staatsform, in der der Adel die Macht ausübt #in der Neuzeit eine Bezeichnung für die Angehörigen des Adels (im Zusammenhang mit der französischen Revolution der zweite Stand), in Abgrenzung zu Klerus (erster Stand) und Bürgertum (dritter Stand) (zu letzterem vgl. auch Bürgertum, Bourgeoisie) #in der klassischen Verfassungstypenlehre des Aristoteles die Herrschaft der Besten. Dies ist auch die wörtliche Übersetzung aus dem Griechischen. Die Besten sind die Besten der Tugend nach oder der Tüchtigkeit nach. Im Gegensatz dazu steht nach Aristoteles die Oligarchie (wörtlich: Herrschaft weniger) die Machtausübung durch eine Minderheit, die die Macht an sich gerissen hat und den eigenen Vorteil sucht. Dem folgend wird die Aristokratie auch in der Theorie vom Kreislauf der Verfassungen des Polybios verwendet. Der heutige Parlamentarismus ist nach der klassischen Verfassungssystematik keine Demokratie, sondern - je nach Wertung - eine Aristokratie oder eine Oligarchie. (Quelle dieses Textes und der Links)

Im Original: Führungsschicht und einzelner Bürger ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Ellwein, Thomas (1967): "Politische Verhaltenslehre", W. Kohlhammer in Stuttgart (S. 180 ff. und 221, mehr Aus dem Text ...)
Daß viele Journalisten einen erheblich größeren Einfluß auf die Meinungsbildung in der Öffentlichkeit haben als die meisten anderen Menschen, ist ohnehin klar. Daß Wirtschaftsführer mit Hilfe ihres Geldes und wegen ihrer Position nicht nur in der öffentlichen Werbung ein entscheidendes Wort mitsprechen, versteht sich ebenso wie die Tatsache, daß z. B. Professoren einen weitaus ‘öffentlicheren’ Beruf haben als früher und ihr Einfluß nicht nur aus dem Umgang mit ihren Studenten resultiert. Geistliche beider Konfessionen sind vor allem in der Nachkriegszeit mehr als vordem auch in ihrer meinungsbildenden Funktion beachtet worden; beide Kirchen haben den Zugang zur Öffentlichkeit gesucht und gefunden; ihr ‘Öffentlichkeitsauftrag’ wird nicht bestritten. Auch Schriftsteller, leitende Beamte, führende Militärs, einflußsuchende Schauspieler wären in diesem Zusammenhang zu nennen. Verbandsvorsitzende, Mitglieder von Parteiführungsstäben, die leitenden Berufspolitiker schließlich haben einen gar nicht mehr zu übersehenden Einfluß. In der Demokratie gibt es, das ist zu folgern, eine ‘herrschende Schicht’, gibt es im einzelnen nie genau zu fassende Gruppen, deren Angehörige mehr Einfluß als andere haben, weil insgesamt die wichtigen Schalthebel der Willensbildung und des Vollzugs in ihren Händen liegen und sie deswegen über Amt, Macht oder Reputation leichter zueinander Zugang haben als die, die nicht 'dazu’ gehören.
Nur Anhänger utopischer Ideale verkennen solche Gegebenheiten oder lehnen sie ab. Sie erheben z. B. den Vorwurf, dies alles sei Kennzeichen der ‘Klassengesellschaff’. Indessen: Keine Organisation eines Gemeinwesens kann funktionieren, ohne daß Führungsaufgaben der verschiedensten Art wahrgenommen werden. Keine Organisation eines Gemeinwesens kann auch ausschließen, daß die Führungsfunktionen der verschiedenen Bereiche - wie Politik, Wirtschaft, Kultur - miteinander in gewissem Umfange verzahnt sind, also keine reinliche Scheidung erfolgt und im Gegenteil Kontakte der verschiedensten Art geradezu Voraussetzung des Funktionierens der gesamten Organisation sind. Nicht darin läßt sich deshalb ein Verstoß gegen das Leitbild der Demokratie sehen; tatsächlich sind durch dieses Leitbild andere Maßstäbe gesetzt und an ihnen müssen die gegebenen Verhältnisse gemessen werden.
Erstens schließt die demokratische Ordnung nicht das Vorhandensein einer Führungsschicht aus, verlangt aber, daß diese Schicht ‘offen’ ist. Eine solche ‘Offenheit’ kann angenommen werden, solange die Zugehörigkeit zur Führungsschicht nicht ausschließlich durch Abstammung, Besitz oder Bildungszertifikate vermittelt wird, sondern durch Wahl, durdi andere Beauftragung, durch eigene Leistung, durch selbständiges Betreten der ‘Sphäre der Öffentlichkeit’ mit Hilfe eigener Ideen, guter Vorschläge oder verständiger Kritik. Oft genug war von der Chancengleichheit in der Demokratie die Rede. Meist geht es dabei um die Aufstiegschancen; wir müssen hier aber die Chance, Zutritt zur Führungsschicht zu finden, immer mitdenken. ...
Zweitens schließt die demokratische Ordnung nicht das Vorhandensein einer Führungsschicht aus, verlangt aber, daß diese Schicht kein Herrschaftsmonopol innehat. Mindestens in begrenztem Umfange muß jeder Bürger auf die politische Willensbildung einwirken, die Handelnden beauftragen und kontrollieren und sich gegen erlittenes Unrecht zur Wehr setzen können. ...
Der Einfluß auf die Mitbestimmung ist verschieden. Die Freiheit des Bürgers ist nicht durch gesetzlichen Zwang oder brutale Gewaltdrohung beeinträchtigt, sondern durch die ‘Verhältnisse’ (= Sozialstruktur). Sie lassen es zu, daß abgesehen von den verantwortlichen Politikern wenige viel und viele wenig Einfluß auf die Willensbildung nehmen können.


Oben = glaubwürdiger ... die seltsame Logik der Jungen Welt
Kommentar zu einer Kritik des ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter an G.W. Bush, in: Junge Welt, 12.12.2007 (S. 8)
Die Stellungnahme Carters ist aus zwei Gründen beachtlich. Zum einen kommt sie aus dem politischen Establishment der USA. Sie ist deswegen nicht nur glaubwürdig, sondern für die Verantwortlichen auch schwer zu dementieren.
Links

Beschreibungen konkreter Staatsformen

USA: Oligarchie von Anfang an
Richter, Emanuel (2004): "Republikanische Politik", Rowohlt in Reinbek (S. 108)
Dementsprechend setzten sie die großflächig angelegten Mechanismen der Repräsentation gegen die kleinräumige Demokratie durch und etablierten eine Mischverfassung, in der dem Volk und seinen demokratischen Einflussmöglichkeiten eine von Fachwissen und Moralität geleitete Elite in den nationalen Exekutivorganen gegenübertrat - die demokratischen Impulse wurden durch aristokratische Führungsansprüche nivelliert.

Europa ist seine Elite
Aus Klas, Gerhard, „Welches Europa?“ in: Junge Welt, 12.6.2006 (S. 10)
»The Sound of Europe« – der Klang Europas – dieser Kongreß, so hieß es in der Ankündigung, sollte die EU den Bürgern wieder näherbringen. Doch einfache Bürger waren nicht erwünscht: Sie konnten nicht einmal Eintrittskarten für das Kongresscenter in Salzburg erwerben. Wie eine Bestätigung des elitären EU-Konzepts wirkten die Ereignisse bei der Eröffnung der Konferenz: Die einfachen Bürger sollten per Videoclip, projiziert auf große Leinwände, im Kongreßzentrum zu Wort kommen. Doch als die Straßeninterviews eingespielt werden sollten, sah man zwar die Bilder – aber die Stimme des Volkes blieb wegen eines »technischen Defekts« stimmlos. Auch nach dem zweiten Versuch.

Eliten

ExpertInnentum

Aus Eppler, Erhard (2005): "Auslaufmodell Staat?", Suhrkamp Verlag in Frankfurt (S. 83)
Der Nicht-Ökonom tut gut daran, den Streit über die ökonomische Funktion des Sozialstaates den Fachleuten zu überlassen.

Aus Zakaria, Fareed (2007): Das Ende der Freiheit?, dtv München (S. 216)
In einem Land ohne Geburtsadel bildeten die Juristen eine Amtsaristokratie, die sich trotz aller Privilegien stets ihren Gemeinsinn bewahrte. Als angesehene Bürger spendeten sie für den Bau von Krankenhäusern und Museen, riefen Bürgervereine ins Leben und mischten auf allen Ebenen der öffentlichen Verwaltung mit.

Informationsmonopole

Aus Gehrcke, Wolfgang, "Die Schere im Bundestag", in: FR, 4.2.2006 (S. 9)
Wenn "das Volk" keine oder Informationen in homöopathischen Dosen erhält, wird es von der Macht ausgeschlossen.

Pfründe und Filz
Im Original: Elitebegriff und -forschung ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Führer, Karl Christian u.a. (2004), "Eliten im Wandel", Westf. Dampfboot in Münster (S. 29 f.)
Somit geht Schluchters Elitebegriff nicht nur von einer integrierten Elite aus, sondern auch von potenziell möglichen Gegeneliten, deren gruppenspezifisches Wertbewusstsein die durch die herrschende Elite geprägten Normen zu verändem in der Lage ist. In Abgrenzung zu den Ansätzen Hans P. Dreitzels und Urs Jaeggi konstruiert Schluchter im Weiteren zunächst eine bipolare Definition von Elite als
  • Wertelite, bestimmt durch traditional-wertrationale Selektionskriterien
  • Funktionselite, bestimmt in Form der Selbstergänzung.
Erweitert wird diese Definition um eine dritte Kategorie: die der Repräsentationselite, geprägt durch emotional-utilaristische Selektionskriterlen in Form der "Delegation". Allen drei Kategorien ist eine jeweils spezielle Form der Leistungsqualifikation gemeinsam, die sich in der Schaffung verbindlicher Welt- und Gesellschaftsbilder ("Wertelite"), objektivierbarer Funktionstüchtigkeit ("Funktionselite") bis hin zur überproportionalen und zur zweckorientlerten Anpassung reichenden Identifikation mit Normen und latenten Interessen der Basisgruppen bzw. der Wähler ("Repräsentationselite") zeigt. Mit der Ausformung der dritten Elitekategorie trägt Schluchter der zunehmenden Bedeutung parlamentarischer Wahl- und Partizipationsformen des modernen Partelenstaates Rechnung, was für die Anwendbarkeit auf den Untersuchungszeitraum Kaiserreich und Weimarer Republik überaus sinnvoll, ja geradezu notwendig ist. An dieser Stelle wird deutlich, dass die Elitendefinition den jeweiligen historischen Rahmenbedingungen angepasst sein muss, schließlich hängt sie wesentlich von den Zeitumständen ab. Eine uneingeschränkte überzeitliche Definition von "Elite" wäre ein Widerspruch in sich. Die Tatsache, dass die Definition von Elite(n) abhängig von und nur in Relation zu zeitlichen Abläufen getroffen werden kann, führte und fährt zu erheblichen Kontroversen um die Begrifflichkeit und ihre Anwendbarkeit auf die historische Wirklichkeit.

Vor dem Hintergrund der allgemeinen politischen, sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklungen, die das späte 19. und das 20. Jahrhundert prägen, treten die heterogensten Institutionen und sozialen Aggregate als reale, d.h. empirisch nachweisbare, oder potenzielle Elitegruppen in Erscheinung. In konkretem Sinne werden jene Personen und Gruppen als zugehörig zur Elite verstanden, die in Wirtschaft, Politik, Kultur, Religion, Verwaltung und im Bildungsbereich eine herausragende Stellung einnahmen: Geburtseliten (z.B. der Adel), Politische Eliten (z.B. Berufspolltiker), Positionseliten Oustiz, Diplomatischer Dienst, Militär, wissenschaftliche Berater der Regierung), Wirtschaftseliten (Bankiers, Unternehmer, Syndici, Manager), Kulturelle Eliten (Hochschullehrer, Schriftsteller, Künstler, Wissenschaftler), Meinungsbildende Eliten (Journalisten) und religiöse Eliten. Zur notwendigen Eingrenzung der zur Elite hinzuzurechnenden Personen können darüber hinaus Indikatoren definiert werden, die diese Personen als tatsächlich zur gesellschaftlichen Elite zugehörig kennzeichnen:
  • Zur Funktionselite zählen solche Personen, die institutionell vorgegebene Kar riere- und Aufstiegsmuster und die Erfüllung systemimmanenter Leistungs- und Eignungskniterien aufweisen. Damit werden sowohl die zivilen als auch militärischen Beamtenkarrieren (so sie für den Untersuchungsgegenstand eine Rolle spielen) für die Besetzung von administrativen bzw. auch politischen Spitzen-Positionen wie die Aufstiegs- und Karrieremuster in politischen Parteien, ökonomischen Interessenvertretungen, kulturellen, sozialen oder religiösen Verbänden etc. für die Besetzung parteipolitischer und politischer Positionen, erfasst.
  • Die der Wertelite verhafteten Personen zeichnen sich dadurch aus, dass sie vorrangig Elitepositionen aufgrund der Zugehörigkeit zu typenprägenden, einem bestimmten Wertekodex verpflichteten Bezugsgruppen besetzen.
  • Die Angehörigen der Repräsentationselite nehmen zwar einerseits bestimmte Positionen mit eindeutigen Kompetenzbereichen vor allem in kulturellen Organisationen ein, andererseits rekrutieren sie sich aber häufig aus Personen mit individuellen Stellungen von Rang und Ansehen.
Zunehmend wird - vor allem hinsichtlich stadthistorischer Untersuchungen das Verfolgen eines nahezu ausschließlich deskriptiven Ansatzes deutlich, der auf der Basis der Auswertung senieller Massendaten und prosopografisch angelegter Quellen auf die Erfassung nahezu sämtlicher Inhaber (politischer) Machtpositionen an Hand eines Kataloges ausgewählter Untersuchungskategorien beruht." Die Übernahme einer solchen Methodik ist zumindest überdenkenswert, da die Fülle empirischer Eliteuntersuchungen mit ihren deskriptiv-sozialstatistisch abgesicherten Einzelergebnissen zu einem zunehmenden Defizit theoretischer Einordnung in gesamtgesellschaftliche Theonien des sozialen und politischen Wandels führt. Überdies verschleiert die rein deskriptive Methodik Erkenntnisziele wie etwa die Frage nach der Elite als Gesamtgruppe, der Zurechenbarkeit ihres sozialen Verhaltens, ihrer Repräsentativität und ihrer ideologischen Kohärenz. Im Rückgriff auf die durch Schluchter so definierte idealtypische Begriffstrias von Werte-, Funktions- und Repräsentationselite dagegen scheint eher ein perspektivisch innovativer Einstieg in das historische Untersuchungsfeld gegeben.

Geschichte ist die Geschichte der Elitenkämpfe

Aus Besson, W./Jasper, G. (1966), "Das Leitbild der modernen Demokratie", Paul List Verlag München (herausgegeben von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, S. 14)
Nicht die gleichförmig agierende oder bloß reagierende amorphe Masse ist das Spezifikum unserer Zeit, sondern die organisierten oder nicht organisierten Zusammenschlüsse der Träger gleicher Rollen, der Gleichgesinnten und Gleichinteressierten, durch die die industrielle Gesellschaft in ein ganzes Netzwerk menschlicher Beziehungen und Verbindungen aufgegliedert wird. Die industrielle Gesellschaft ist, solange sie freie, nicht von oben her zwangsweise geordnete Gesellschaft ist, deshalb immer auch pluralistische, in viele Gruppen aufgespaltene Verbandsgesellschaft.

Aus Agnoli, Johannes (1967), "Die Transformation der Demokratie", Voltaire Verlag in Berlin (S. 31, 36)
Innerhalb eines Systems hingegen gehen nur Führungskonflikte vor sich, die im wesentlichen Konkurrenzkämpfe zur Ablösung der jeweiligen Führungsgruppe sind und die der teilweisen Umgruppierung innerhalb eines Oligarchienkreises dienen. Die Verkürzung des Herrschaftskonflikts auf den Führungskonflikt reproduziert staatlich-politisch den gesellschaftlichen Vorgang - und den manipulativ vorgenommenen Versuch - der Reduzierung des Antagonismus auf den Pluralismus. Diese Verkürzung - das eigentliche technisch-politische Kernstück des Friedens - trägt wesentlich zur Anpassung und schließlich zur Auflösung eines antagonistischen Bewußtseins gegen den Oligarchien bei. ...
Es entwickelt sich ein neuartiger, durch die Zusammenarbeit der Parteiführungsstäbe untereinander bedingter Herrschaftsmechanismus, in dem verdinglichte, obrigkeitliche Machtzentren in sich zirkulierend ein Konkurrenzverhältnis eingehen. Es versteht sich: hier ist die Rede von Parteien verschiedener Richtung aber gleichen Typus: von Ordnungsparteien, die - spinozistisch gesprochen - sich in dem Modus, nicht in der Substanz einer konservativen Politik unterscheiden.

Zitat von Pareto Trattato, zitiert in: Gebhardt, Jürgen/Münkler, Herfried (1993), "Bürgerschaft und Herrschaft", Nomos in Baden-Baden (S. 227)
Die Geschichte ist ein Friedhof von Eliten.

Im Original: Globalisierung schafft weltweite Oligarchie ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Hardt, Michael/Negri, Antonio (2004): „Multitude“, Campus Verlag in Frankfurt (S. 353, mehr Auszüge ...)
Zunehmend wird deutlich, dass eine unilaterale oder »monarchische« Gestaltung der globalen Ordnung, die auf einem militärischen, politischen und ökonomischen Diktat der USA beruht, nicht tragbar ist. Die USA können ihren Alleingang nicht fortsetzen. Die Krise dieser Gestaltung ist die Chance für die »globalen Aristokratien«, das heißt für die multinationalen Unternehmen, die supranationalen Institutionen, die anderen dominierenden Industriestaaten sowie für einflussreiche nichtstaatliche Akteure.

Aber seltsam: Die NGOs mit ihren internen, z.T. krassen Hierarchien, sollten demgegenüber das Gute sein? Auszug S. 354
Wie wir ausführlich gezeigt haben, bringen diese Protestierer auf den Straßen, auf den Sozialforen und in den NG0s nicht nur Beschwerden über die Unzulänglichkeiten des gegenwärtigen Systems vor, sie liefern auch zahllose Reformvorschläge, die von institutionellen Veränderungen bis zur Wirtschaftspolitik reichen. Diese Bewegungen werden ohne Zweifel immer Gegenspieler der imperialen Aristokratien sein, und das ist unserer Ansicht nach auch völlig richtig so.

S. 355
Eines sollte dabei klar sein: Die globalen Aristokratien repräsentieren in keinster Weise die Multitude. Selbst mit einer neuen Magna Charta zielte das Projekt der Aristokratien nicht auf Demokratie ab, sondern lediglich auf eine andere Form imperialer Kontrolle. Die Multitude ist und bleibt notwendigerweise Widerpart dieser Aristokratien.
Gleiche Möglichkeiten?

Aus Besson, W./Jasper, G. (1966), "Das Leitbild der modernen Demokratie", Paul List Verlag München (herausgegeben von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, S. 7))
... als demokratisch kann eine Herrschaftsordnung nach unserer Meinung nur gelten, wenn alle Glieder des Volkes an der Führung des Gemeinwesens mit gleichen Chancen mitzuwirken vermögen und nicht einige bevorzugt und andere - wie in Griechenland die Sklaven - völlig ausgeschlossen sind.

Wahlen als Auswahl der Aristokraten

Aus: David Van Reybrouck (2016), "Gegen Wahlen", Wallstein Verlag in Göttingen (S. 94)
Man musste also bereits Verdienste haben, Achtung und Vertrauen ausstrahlen, vornehm sein, man musste bereits anders, besser, vortrefflicher sein als der Rest. Das repräsentative System war vielleicht demokratisch aufgrund seines Wahlrechts, doch es war von Anfang an auch aristokratisch aufgrund seiner Art der Rekrutierung: Jeder durfte wählen, aber die Vorauswahl war schon zugunsten der Elite erfolgt.

Kumulieren und Panaschieren fördert die Bekannten, die bei den Medien besser durchkommen, die mehr Beziehungen haben ...
Aus Gießener Allgemeine, Internet 28.3.2006
Bei der zweiten Wahl nach dem neuen Recht mit der Stärkung der Personenwahl haben sich die Erfahrungen aus dem Jahr 2001 bestätigt. Erneut sind quer durch fast alle Parteien die jungen Kandidaten die Verlierer des Wahlsonntags und büßten Plätze ein, während gestandene Bewerber, die über die Politik hinaus in der Stadt bekannt sind, nach vorne marschierten. Die Kumulier- und Panaschier-Könige wie Axel Pfeffer, Ursula Bouffier (beide CDU), Dieter Geißler oder Astrid Eibelshäuser (beide SPD), Prof. Heinrich Brinkmann (Grüne) oder Michael Janitzki (Linke) hatte die AZ bereits am Dienstag präsentiert.

Soziale Bewegungen selbst aristokratisch

Aus Agnoli, Johannes/Brückner, Peter (1967), "Die Transformation der Demokratie", Voltaire Verlag in Berlin (S. 15)
Ein solcher (demokratischer) Verband stört den gesamten Mechanismus der Herrschaft so empfindlich, daß es für die Herrschenden umumgänglich werden kann, ihn zu institutionalisieren - das heißt seine Führungsstäbe selbst an den Institutionen der Herrschaft zu beteiliggen. Dem kommt fraglos der Drang der Führungsstäbe entgegen, sich selbst unter Umgebung der breiten Mitgliedschaft in das Herrschaftssystem einzubauen - wohl der Kern des von Michels aufgedeckten autonomen Verbandsinteresses. Der aus diesem Prozeß entstehende (oligarchische) Verband mediatisiert seine Mitglieder: sie werden zum Werkzeug der Pläne und Interessen der F ührungsstäbe. Die Tendenz zur aktiven politsichen beteiligung wird dadurch neutralisiert. In ihrem Verhältnis zu Mitgliedern und Anhängern kennt die oligarchisierte politische Partei als Kampforganisation nur noch das Ziel, deren Zahl zu erhöhen, um damit ihre Machtposition in der Öffentlichkeit und in den öffentlichen Organen auszuweiten und zu festigen. Die Zustimmung der (aus der Beteiligung am Entscheidungsprozeß ausgeschlossenen) Massen bestimmt den Grad, nach dem die Partei selbst sich an der Verteilung der Machtpositionen (Mandate, Ministerposten - bis hinunter zu den Verwaltungsposten) beteiligen kann.

Ruf nach Vorbildern, Leitfiguren, FührerInnen
Aus Jutta von Freyberg/Wolfgang Gehrcke, "Verfassungsrecht und Klassenkampf", in: Junge Welt, 29.4.2006 (S. 12)
Ohne Wolfgang Abendroth ist die Herausbildung einer unabhängigen Neuen Linken in der Bundesrepublik undenkbar. Mit seiner Arbeit als Hochschullehrer für politische Wissenschaft hat er unzählige Studenten, Lehrer, Gewerkschafter an die Grundlagen marxistischen Denkens herangeführt. Die großen außerparlamentarischen Bewegungen der Bundesrepublik – Friedensbewegung, Kampf gegen die Notstandsgesetze, Bewegung gegen den Vietnamkrieg, die Studentenbewegung – sind von ihm mit beeinflußt worden. Seine Arbeiten zur Verfassung und zur Arbeiterbewegung sind von großer Bedeutung. Die Neue Linke verfügt nicht über viele geschichtliche Persönlichkeiten von seinem Format. Es ist für die Linke höchste Zeit, Professor Abendroth neu- und wiederzuentdecken.

Avantgarde

Aus Chomsky, Noam (2004): "Eine Anatomie der Macht", Europa Verlag in Hamburg (S. 283)
Das eigentliche Problem ist der Marxismus-Leninismus selbst - die Idee, eine "Avantgarde-Partei" habe das Recht oder die Fähigkeit, die Massen in eine Zukunft zu führen, von der sie, blöd wie sie sind, nichts verstehen und die daher mit der Peitsche regiert werden müssen. Herrschaftsinstitutionen neigen zur Selbstreproduktion - das scheint mit eine soziologische Binsenweisheit zu sein.

Aussage von Bakunin, zitiert in: Grosche, Monika (2003): "Anarchismus und Revolution", Syndikat A in Moers (S. 57)
Die Marxisten behaupten, daß allein die Diktatur, selbstverständlich ihre, die Freiheit des Volkes bewirken kann, darauf antworten wird, daß keine Diktatur ein anderes Ziel haben kann, als so lange wie möglich zu dauern ...

Karl Liebknecht (1918, Repräsentant der USPD), zitiert in Richter, Emanuel (2004): "Republikanische Politik", Rowohlt in Reinbek (S. 113)
In dieser Republik soll die gesamte exekutive, legislative und die jurisdiktionelle Macht ausschließlich in den Händen von gewählten Vertrauensmännern der gesamten werktätigen Bevölkerung und der Soldaten sein.

Aus Lenin, Werke, Band 5 (S. 436), zitiert nach Gassner, Marcus, "Emanzipation als Maßstab für jegliche Organisation" in: Grundrisse 2/2002 (S. 33)
Das politische Bewusstsein kann dem Arbeiter nur von außen gebracht werden, das heißt aus einem Bereich außerhalb des ökonomischen Kampfes, außerhalb der Sphäre der Beziehungen zwischen Arbeitern und Unternehmern.

Funktions- und Deutungseliten gegen egalitäre Losverfahren statt Wahlen
Aus: David Van Reybrouck (2016), "Gegen Wahlen", Wallstein Verlag in Göttingen (S. 129)
Als heftigste Gegner erweisen sich immer wieder politische Parteien und kommerzielle Medien. ... Kommt das, weil Presse und Politik es gewohnt sind, als Türhüter der öffentlichen Meinung zu dienen, und dieses Vorrecht nicht gern aus der Hand geben? Das ist sicher ein Punkt. Weil Presse und Politik zum alten elektoral-repräsentativen System gehören und daher auf neuere Formen der Demokratie nur schwer Einfluss nehmen können? Möglich. Weil jemand, der top-down arbeitet, vielleicht am ehesten Probleme bekommt durch das, was bottom-up entsteht? Nicht ausgeschlossen.

Verrat durch Revolution(führung)en

Aus: David Van Reybrouck (2016), "Gegen Wahlen", Wallstein Verlag in Göttingen (S. 94f)
Auch in den französischen Texten sieht man die Aristokratisierung der Revolution. Begann der Aufruhr zunächst mit einem Volksaufstand, wurde dieser im Laufe der Zeit von einer neumodischen, bürgerlichen Elite gedämpft, die „für Ordnung sorgen“ wollte, soll heißen: das Land regieren und ihre eigenen Interessen sichern. In den USA vollzog sich dieser Prozess zwischen der Unabhängigkeit von 1776 und der Verfassung von 1789 (mit Madison in der Hauptrolle), in Frankreich zwischen der Revolte von 1789 und der Verfassung von 1791. Der Aufstand, an dem das niedere Volk beteiligt gewesen war (einschließlich des mythisch überhöhten Sturms auf die Bastille), sollte kaum einige Jahre später in einer Verfassung münden, bei der die Mitsprache auf das Wahlrecht beschränkt und das Wahlrecht lediglich jedem sechsten Franzosen gewährt wurde.
In der Declaration des Droits de I'Homme et du Citoyen, dem wichtigsten Dokument aus dem Revolutionsjahr 1789, stand noch: „Das Gesetz ist der Ausdruck des allgemeinen Willens. Alle Bürger haben das Recht, persönlich oder durch ihre Vertreter an seiner Gestaltung mitzuwirken.“ Aber in der Verfassung von 1791 ist der persönliche Beitrag völlig verschwunden: „Die Nation, von der allein alle Gewalten ihren Ursprung haben, kann sie nur durch Übertragung ausüben. Die französische Verfassung ist eine Repräsentativverfassung.“ Innerhalb von drei Jahren verschob sich die gesetzgebende Initiative vom Volk zur Volksvertretung, von der Partizipation zur Repräsentation.

Neigungen zu Monarchie oder Oligarchie

Dieter S. Lutz, Ist die Demokratie am Ende?, in: Willy-Brandt-Kreis (Hrsg.), 2001, "Zur Lage der Nation", Rowohlt-Verlag, zitiert nach FR, 14.1.2001 (S. 6)
Demokratie bedeutet Herrschaft auf Zeit. Gerade der Versuch, über die Verknappung der Zeit die Gefahr des Machtmißbrauchs zu beschneiden, führt in der Realität aber zu einem Typus von Politiker und Politikerin, der geneigt ist, eher gegenwartsorientiert und machterhaltungsfixiert zu entscheiden und zu handeln als zukunftsorientiert und/oder gar unpopulär. ...

Aus Reinhardt, Volker, "Ganz ohne Gott und Teufel" in: FR, 28.2.2006 (S. 26)
Spräche jemand im öffentlichen Raum das halb-geheime Bekenntnis aus ,dass der Einzelne innerweltlich durch die Familie vorherbestimmt ist und dass daher auch in demokratischen Gesellschaften und ihren Staatseinrichtungen der Familienrang wieder die Geltung zurückgewinnen sollte, die er in dern älteren europätischen Geschichte besessen hat - ein Sturm der Entrüstung würde aufkommen, der den Tabubrecher aus allen öffentlichen Positionen hinwegfegen würde. Und doch glaubt ein großer Teil der heutigen Europäer genau daran. Diagnostizierbaren Ausdruck findet diese Gespaltenheit darin,dass immer mehr Politikerinnen und Politiker aus einer Startposition ins Rennen gehen, die man ironisch byzantinisierend als porphyrogenitoi, im Purpur geboren, bezeichnen könnte: Sie erben das Vernetzungskapital des Politiker-Vaters. Eine Diskussion über dieses Phänomen findet so gut wie gar nicht statt; die Haltung der Medien das als augenzwinkernd umrissen werden. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, werden wir in nicht allzu ferner Zukunft in europäischen Parlamenten wieder generationen-übergreifende Abgeordneten-Abfolgen vor Augen haben, mit der keineswegs unwahrscheinlichen Fortsetzung bis in die Spitze von Staaten - wie ind er Frühen Neuzeit.

Beispiele für Forderungen nach Zentralisierung von Macht aus sozialen Bewegungen
Geführt werden wollen ...

Aus Michels, Robert, zitiert nach Gassner, Marcus, "Emanzipation als Maßstab für jegliche Organisation" in: Grundrisse 2/2002 (S. 32)
Die Massen stehen zu ihrem Führer häufig in dem Verhältnis jenes Bildhauers im griechischen Altertum, welcher nachdem er einen Jupiter Donnergott modelliert hatte, vor seinem Machwerk auf die Knie fiel, um es anzubeten.

*Zitiert im Buch "Demokratie. Die Herrschaft des Volkes. Eine Abrechnung