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10 Thesen

Thomas Ellwein:
Politische Verhaltenslehre

Aus Ellwein, Thomas (1967): "Politische Verhaltenslehre", W. Kohlhammer in Stuttgart (S. 180 ff. und S. 218 ff.)

Führungsschicht und einzelner Bürger

Die uns bisher gestellte Frage lautet: Welche Möglichkeiten der politischen Einflußnahme und Kontrolle gibt es unter den gegebenen Verhältnissen für den einzelnen Bürger? Dabei wurden von vorneherein die Besonderheiten einzelner Berufe ausgeklammert. Daß viele Journalisten einen erheblich größeren Einfluß auf die Meinungsbildung in der Öffentlichkeit haben als die meisten anderen Menschen, ist ohnehin klar. Daß Wirtschaftsführer mit Hilfe ihres Geldes und wegen ihrer Position nicht nur in der öffentlichen Werbung ein entscheidendes Wort mitsprechen, versteht sich ebenso wie die Tatsache, daß z. B. Professoren einen weitaus ‘öffentlicheren’ Beruf haben als früher und ihr Einfluß nicht nur aus dem Umgang mit ihren Studenten resultiert. Geistliche beider Konfessionen sind vor allem in der Nachkriegszeit mehr als vordem auch in ihrer meinungsbildenden Funktion beachtet worden; beide Kirchen haben den Zugang zur Öffentlichkeit gesucht und gefunden; ihr ‘Öffentlichkeitsauftrag’ wird nicht bestritten. Auch Schriftsteller, leitende Beamte, führende Militärs, einflußsuchende Schauspieler wären in diesem Zusammenhang zu nennen. Verbandsvorsitzende, Mitglieder von Parteiführungsstäben, die leitenden Berufspolitiker schließlich haben einen gar nicht mehr zu übersehenden Einfluß. In der Demokratie gibt es, das ist zu folgern, eine ‘herrschende Schicht’, gibt es im einzelnen nie genau zu fassende Gruppen, deren Angehörige mehr Einfluß als andere haben, weil insgesamt die wichtigen Schalthebel der Willensbildung und des Vollzugs in ihren Händen liegen und sie deswegen über Amt, Macht oder Reputation leichter zueinander Zugang haben als die, die nicht >dazu’ gehören.
Nur Anhänger utopischer Ideale verkennen solche Gegebenheiten oder lehnen sie ab. Sie erheben z. B. den Vorwurf, dies alles sei Kennzeichen der ‘Klassengesellschaff’. Indessen: Keine Organisation eines Gemeinwesens kann funktionieren, ohne daß Führungsaufgaben der verschiedensten Art wahrgenommen werden. Keine Organisation eines Gemeinwesens kann auch ausschließen, daß die Führungsfunktionen der verschiedenen Bereiche - wie Politik, Wirtschaft, Kultur - miteinander in gewissem Umfange verzahnt sind, also keine reinliche Scheidung erfolgt und im Gegenteil Kontakte der verschiedensten Art geradezu Voraussetzung des Funktionierens der gesamten Organisation sind. Nicht darin läßt sich deshalb ein Verstoß gegen das Leitbild der Demokratie sehen; tatsächlich sind durch dieses Leitbild andere Maßstäbe gesetzt und an ihnen müssen die gegebenen Verhältnisse gemessen werden.
Erstens schließt die demokratische Ordnung nicht das Vorhandensein einer Führungsschicht aus, verlangt aber, daß diese Schicht ‘offen’ ist. Eine solche ‘Offenheit’ kann angenommen werden, solange die Zugehörigkeit zur Führungsschicht nicht ausschließlich durch Abstammung, Besitz oder Bildungszertifikate vermittelt wird, sondern durch Wahl, durdi andere Beauftragung, durch eigene Leistung, durch selbständiges Betreten der ‘Sphäre der Öffentlichkeit’ mit Hilfe eigener Ideen, guter Vorschläge oder verständiger Kritik. Oft genug war von der Chancengleichheit in der Demokratie die Rede. Meist geht es dabei um die Aufstiegschancen; wir müssen hier aber die Chance, Zutritt zur Führungsschicht zu finden, immer mitdenken.
Nun läßt sich zweifellos positiv wie negativ sehr vieles über diese Chancengleichheit und ihre Vorbedingungen in unserem Lande sagen. Würde die vorliegende Verhaltenslehre umfassendere Ansprüche erheben, dann wäre an dieser Stelle auch Platz für solche Ausführungen. Wir müßten z. B. fragen, ob die innerparteiliche Demokratie ausgeprägt genug ist, um befähigten und einsatzbereiten Mitgliedern den Aufstieg innerhalb der Partei zu ermöglichen. Wir müßten weiter z. B. fragen, wie es vergleichbar in den Verbänden und in sonstigen organisierten Gruppen steht, die alle von der Gefahr bedroht sind, daß sich eine selbstgenügsame Hierarchie ausbildet und sich gegenüber den Mitgliedern abschließt. Wir müßten auch fragen, ob denn ein ‘Unbekannter’ überhaupt noch Chancen hat, seine literarischen Produkte in Zeitungen, beim Funk, im Fernsehen oder bei einem Verlag unterzubringen und sich damit eine Plattform zu schaffen, von der aus sich allmählich eine selbständige Position aufbauen läßt. Wir wollen hier aber nicht in Einzelheiten gehen, deshalb nicht noch weitere Fragen markieren und auch die bereits genannten nicht beantworten.
Nur eines muß wohl gesagt werden: Einheitliche Antworten auf solche Fragen sind nicht möglich. Der eine vergleicht mit früheren Zeiten und kommt deshalb zu dem Ergebnis, die Chancengleichheit sei heute erheblich größer. Der andere geht ganz vom Begriff der Gleichheit aus und wird von daher kritisch die Verschiedenartigkeit der Startbedingungen würdigen. Dem dritten ist der Gleichheitsaspekt überhaupt fatal. Er geht von der Freiheit aus und rechnet es um ihretwillen zu den Selbstverständlichkeiten, daß ein jeder entsprechend seinen Fähigkeiten und Begabungen ‘aufsteigt’ oder auf seinem Startplatz verbleibt. Und so läßt sich ein ganzer Katalog von Beurteilungsmaßstäben aufzählen, an denen gemessen die Antwort auf unsere Fragen jedesmal anders ausfällt. In einer eigenen Antwort würde ich wie andere Freiheit und Gleichheit in einen sinnvollen Bezug zueinander setzen wollen, dabei aber der Auffassung sein, daß Wille und Fähigkeit zur Freiheit sehr wohl der Ausbildung bedürfen. Für sie zu sorgen ist Sache des einzelnen; das Gemeinwesen sollte ihm dabei helfen. Ich meine, es helfe ihm zu wenig, solange unser Schulwesen insgesamt noch nicht im Mittelpunkt unserer gemeinsamen Aufgaben steht und seine Organisation noch zu sehr von der ständischen Überlieferung geprägt ist - ganz anders als ‘die Gesellschaff’.
Wie dem auch immer: Zumindest teilweise ist hierzulande Chancengleichheit gegeben. Das Naserümpfen einiger ‘Akademiker’ über Minister, die früher einmal Facharbeiter waren, beweist das ebenso wie das Naserümpfen, das man bekanntlich auch bei Facharbeitern findet, die nicht Minister oder Gewerkschaftsvorsitzende geworden sind und nicht zuletzt deshalb ihre ehemaligen Kollegen für ungeeignet halten. jedenfalls ist das erste Grunderfordernis einer demokratischen Ordnung erfüllt, wenn die Zustände in dieser Hinsicht natürlich auch verbesserungsfähig sind. Im übrigen müssen wir den ganzen Komplex aber ausklammern, weil unsere Verhaltenslehre enger ist und sich nicht mit Aufstiegsproblemen und den Chancen solcher beschäftigt, die hauptamtlich in die Politik einsteigen möchten.
Zweitens schließt die demokratische Ordnung nicht das Vorhandensein einer Führungsschicht aus, verlangt aber, daß diese Schicht kein Herrschaftsmonopol innehat. Mindestens in begrenztem Umfange muß jeder Bürger auf die politische Willensbildung einwirken, die Handelnden beauftragen und kontrollieren und sich gegen erlittenes Unrecht zur Wehr setzen können. Das bisher in diesem Buch Ausgeführte erbringt den Beweis, daß an solchem Maßstab gemessen das zweite hier zu nennende Grunderfordernis einer demokratischen Ordnung weithin erfüllt wird, wenn sich auch wiederum manches verbessern ließe. Viele Bürger, die nicht zur führenden Schicht zählen, wirken nebenamtlich oder auch hauptamtlich am Vollzug politischer Entscheidungen mit.

Alle Bürger nehmen an der Beauftragung der Handelnden teil. jeder Bürger kann die Verantwortung der Handelnden durch kritische Herausforderung deutlich machen. jeder Bürger kann öffentlich Vorschläge für das Bewältigen der gemeinsamen Aufgaben vortragen und andere Vorschläge zurückweisen. Mindestens viele Bürger sind außerdem noch unmittelbar am Prozeß der politischen Willensbildung beteiligt. So gibt es wohl ein übergewicht der führenden Schicht, aber kein wirksames Monopol. Praktisch besteht eine klare Wechselbeziehung zwischen dieser Schicht und den übrigen Bürgern, die in der Wahl ganz deutlich wird. Sie könnte natürlich wirksamer sein, wenn sich mehr Bürger sinnvoll ihrer Möglichkeiten bedienten und mehr Angehörige der führenden Schicht bereitwilliger auf das hörten, was an sie herangetragen wird.
Drittens muß endlich die demokratische Ordnung dem einzelnen nicht nur irgendwelche Mitwirkungsmöglichkeiten einräumen. Freiheit setzt auch voraus, daß solche Möglichkeiten der Zahl nach unbegrenzt und der Art nach zumindest nicht zu sehr eingeschränkt sind. Das bedeutet: Werden Verhaltensmöglichkeiten derart stark kanalisiert, wie das z. B. in einem Strafverfahren der Fall ist, wenn dem Angeklagten nur die Alternative eingeräumt ist, sich über das Verhängen einer Untersuchungshaft zu beschweren oder gar nichts zu tun, dann hat das zwar prohibitive und kontrollierende Wirkung und läßt auch denjenigen, der so fragt, nicht ganz ohne Schutz, begrenzt aber seine Entschließungsmöglichkeiten mehr als es mit wirklicher Freiheit der Entscheidung zu vereinbaren ist. Freiheit verlangt die Möglichkeit der Wahl, und diese muß bis zu einem gewissen Grade unberechenbar sein, weil nur so die verschiedenartige Verhaltens- und Reaktionsweise der Menschen zum Ausdruck kommen kann. Das ist noch näher zu begründen.

Bürger und Politik

Der gehorsame Bürger

Demokratie hat die Tatsache der politischen Herrschaft nicht beseitigt. Wo es Menschen gibt, gibt es Herrschaft und damit auch Beherrschte. Sie sind der Herrschaft ‘untertan’ und müssen ihr gehorchen. Wir wenden uns zwar gegen die ‘Untertanengesinnung’, können damit aber nicht den Gehorsam aus der Welt schaffen, sondern nur den ‘untertänigen Gehorsam’ überwinden. ‘Untertanengesinnung’ äußert sich in Anbetung der Macht oder der politischen Führung, in Kritiklosigkeit aus Prinzip oder aus Angst vor der Gewalt und endlich darin, daß jedem Gebot der Obrigkeit gefolgt wird. Der Gehorsam des Bürgers in der Demokratie ist von anderer Art. Er ist idealiter vom Bürger sich selbst auferlegt und nicht von anderer Seite; tatsächlich ist er ein Gehorsam aus Einsicht, was nicht ausschließt, daß »die Einsichtigen den Uneinsichtigen deren Gehorsam aus Einsicht auferlegen werden« müssen (H. Krüger, ‘Allgemeine Staatslehre’, Stuttgart 1964, S. 985). Die Einsicht in die Notwendigkeit des Gehorsams kann wie dessen innere Begründung aus verschiedenen Quellen gespeist werden.

So heißt es z. B.: »Das richtige Verhältnis zwischen Gewissen und Staatsraison liegt dann vor, wenn der Gehorsam gegen das durch die Staatsraison Geforderte und der Eigenstand (= Selbständigkeit) des vor Gott sich verantwortlich wissenden Einzelnen sich im Gewissen einen zum eigenständigen Gehorsam. Nur in der strengen Schule eines eigenständigen Gehorsams wächst der Mensch heran, der bereit ist, seine politische Entscheidung nicht nur sachlich zu durchdenken, sondern sie auch vor Gott zu verantworten. Nur so reift der mündige Mensch heran, auf den keine Staatsform so angewiesen ist wie gerade die Demokratie. Es ist der Mensch, der den aus der Staatsraison sich ergebenden Forderungen bis an die Grenze des Möglichen gehorcht, der aber nie zum bloßen ‘Untertan’, zum Funktionär des Staates werden kann, weil Vernunft und Gewissen wach bleiben und weil er sich zu seinen eigenen und den Entscheidungen der Verantwortlichen kritisch verhält. Eine wahrhaft vernünftige Staatsraison wird nicht umsonst an Vernunft und Gewissen der Staatsbürger appellieren, wird aber darum auf ihre vernünftigen Einwände hören. Umgekehrt wird eine Staatsraison, die unvernünftig zu rasen beginnt, damit rechnen müssen, daß sie früher oder später dem Widerstand von Menschen begegnet, die auf die Stimme der Vernunft hören und im Gewissen wach bleiben.« (Theodor Ellwein, Freiheit und Bindung des Christen in der Politik, München 1964).
Eines hat der gehorsame Bürger aber mit dem Untertan gemeinsam: Politisch ist die Tatsache des Gehorsams entscheidend, auf die Motive kommt es erst in zweiter Linie an. Ob jemand die Straßenverkehrsordnung aus Einsicht in deren Notwendigkeit einhält oder weil er es so gelernt hat oder weil er die Polizei fürchtet, ist im Blick auf die Funktion des Gesetzes zunächst gleichgültig. Das Gesetz soll den Verkehr regeln. Daß damit erzieherische Wirkungen verbunden sein können, ist ein wünschenswertes Akzessorium. jeder Gesetzgeber ist deshalb gut beraten, der sich überlegt, ob von seinen Gesetzen positive erzieherische Wirkungen ausgehen können oder ob er negative Wirkungen heraufbeschwört.
Allerdings genügt uns diese vordergründige Anerkenntnis des Gesetzes nicht. Jedes totalitäre System und jedes monistische Gemeinwesen, das die verschiedenen Auffassungen der Gruppen unterdrückt, bemüht sich darum, die Einheit der Gesinnung herzustellen. Verherrlichung der Herrschaft, die Gläubigkeit und Bewunderung zur Folge haben soll, oder die Rechtfertigung durch eine Ideologie sind die dabei üblichen Methoden. In der Demokratie besteht hingegen Unsicherheit. Auch in ihr gibt es viele, die die Einheitlichkeit der Motivation für wünschenswert oder sogar für unerläßlich halten. Sie stellen Erziehungziele auf und sprechen staatlichen Institutionen - z. B. der Armee - das Recht zu, im Sinne solcher Ziele pädagogisch an den diesen Institutionen anvertrauten oder eingeordneten Menschen zu handeln. Wenn immer Einflüsse dieser Art im Rahmen politisch verfaßter Einrichtungen, denen der einzelne durch gesetzliche Anordnung zugehört, erfolgen und mit einem denkbaren Zwang verbunden sind, wird es gefährlich. Politische Instanzen haben sich in der Demokratie darauf zu beschränken, ihr Tun rational zu begründen und einsichtig zu machen. Das gilt auch für verbindliche Gebote, besonders für solche, die im allgemeinen als unangenehm empfunden werden. Wer immer Ideen, Ideale, Leitbilder oder Wertvorstellungen zu eng an politische Funktionen anbindet, die ihrerseits mit Macht verknüpft sind, gefährdet das Wesen freiheitlicher Demokratie. Heute verstehen wir unter ihr ein Gemeinwesen, in dem der Wettbewerb der Ideen frei ist und in dem auch durch Mehrheitsbeschluß keine Gesinnung verordnet werden kann. Deshalb müssen Gesetze zumutbar sein, d. h. sie müssen rational begründet werden können. Alles übrige ist Sache der freien Auseinandersetzung. In ihr soll sich jeder nach seinen Kräften bemühen, daß jenes Maß an Solidarität der Bürger erwächst, welches zur Sicherung des Gemeinwesens notwendig ist, und daß dahinter und darüber ein Gehorsam geübt wird, der als »unabdingbares Erfordernis der sittlichen Persönlichkeit erkannt und anerkannt« (H. Krüger) wird.
Das bedeutet: Der Gehorsam des Bürgers in der Demokratie kann verschiedene Wurzeln haben. Axiologisch betrachtet können einige dieser Wurzeln sogar durchaus ‘wertlos’ oder ‘wertfremd’ sein. Das ist aber nicht politisch relevant, sondern es wird zur Aufgabe der Aufklärung, die wir uns innerhalb der Gesellschaft untereinander schuldig sind. In diesem Sinne ist ‘unpolitisch’ und damit vor dem Hintergrund meiner Vorstellung vom Menschen zu sagen, daß der bürgerliche Gehorsam nicht unkritisch sein sollte. Kritischer oder eigenständiger Gehorsam erweist sich darin, daß nicht blindlings oder fatalistisch gehorcht wird, daß Gehorchen vielmehr -nicht immer, wohl aber immer einmal wieder - mit Oberlegen verbunden ist und mit der Bereitschaft, im äußersten Notfall um des dem Gesetz Übergeordneten willen den Gehorsam zu verweigern. Hier liegt das in der Demokratie notwendige ‘Mißtrauen’ begründet. Der gehorsame Bürger ist durch Verfassung und Recht ausdrücklich dazu legitimiert, den Vollzug politischer Entscheidungen und diese selbst zu kontrollieren und sich zu wehren, wenn Unrecht geschieht. Sein wachsames Mißtrauen ist systemimmanent eingeplant, weil das System menschlich ist, deshalb Fehler zuläßt und der Korrektur solcher Fehler bedarf.
Gehorsam ist also unerläßlich: Er unterwirft den Bürger dem Gesetz und dem, was dem Gesetz gemäß von ihm verlangt wird. Das gilt in aller Unerbittlichkeit. Deshalb gibt es politisch einzig und allein die staatliche Gewalt, von ihr ist alle andere Gewalt abgeleitet oder sie ist politisch illegitim. Allerdings schließt dieser Gehorsam in der rechtsstaatlichen Demokratie eben auch ein, dem Gesetze folgend zu prüfen, was diejenigen tun, die ein Amt haben. Bei der notwendigen ‘Erneuerung der Bereitschaft zum Gehorsam’ (H. Krüger) muß auch diese Seite des Gehorsams ins rechte Licht gerückt werden. Verantwortlicher Gehorsam ist idealiter gefordert; praktizierbar ist wenigstens gelegentlich kritischer Gehorsam. Von seinen Äußerungsformen war die Rede.

Der freie Bürger

Sprechen wir von Bürgern, dann kann das ständisch begriffen werden. In der Demokratie wäre das freilich abwegig. Hier ist jeder Bürger, was die Herkunft vieler demokratischer Vorstellungen aus der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadtkultur nicht ausschließt. In dieser entspricht dem politischen Begriff des Bürgers das humanistische Ideal von der Persönlichkeit. Persönlichkeiten ‘achten’ einander und haben ihr Persönliches je für sich. Ihr Zusammenleben wird unter dem Gesetz geordnet. Die bürgerliche Denkart, im Gesetz die notwendige Ordnung rational zu schaffen oder zu erkennen, ist Grundlage der rechtsstaatlichen Demokratie geworden.
Der Bürger soll in der Demokratie frei sein. Den Sinn dieser Freiheit zu bestimmen, bleibt ihm überlassen, solange er nicht die Rechte anderer, die Verfassung oder das Sittengesetz verletzt. (Der Begriff Sittengesetz findet sich im Grundgesetz.) Die politische Ordnung hat jene Freiheit zu ‘achten und zu schützen’, gleichgültig in welchem Lebensbereich sie sich äußert. Enger ist auf die politische Ordnung nur die politische Freiheit bezogen, der Teil der Freiheit eines Menschen, durch den umgekehrt wiederum die politische Ordnung bestimmt wird.
Zuletzt handelt es sich dabei lediglich darum, die Konsequenzen aus dem Satz, die Staatsgewalt gehe vom Volke aus, zu ziehen. Polltische Freiheit ist gegeben, solange es keinem Bürger durch Gesetz oder Zwangsmaßnahmen verboten oder verwehrt ist, an der politischen Willensbildung teilzunehmen. Durch solche Teilnahme realisiert der Bürger das Gegenüber seines Gehorsams. Er regiert zwar nicht, aber er bestimmt mit, wie regiert werden soll. Diese Mitbestimmung teilt sich gleichmäßig zwischen ihm und allen anderen Bürgern auf, soweit sie in der Wahl erfolgt. Der Einfluß auf die Mitbestimmung ist verschieden. Die Freiheit des Bürgers ist nicht durch gesetzlichen Zwang oder brutale Gewaltdrohung beeinträchtigt, sondern durch die ‘Verhältnisse’ (= Sozialstruktur). Sie lassen es zu, daß abgesehen von den verantwortlichen Politikern wenige viel und viele wenig Einfluß auf die Willensbildung nehmen können. In diesem Sinne ist uns der Ausgleich zwischen dem ‘jedem das seine’ und dem ‘jedem das gleiche’ nicht gelungen. Kann er gelingen? Die Anhänger verschiedener Ideologien behaupten das. Was sie an Beispielen vorweisen können, schreckt allerdings ab - noch immer wird Gleichheit erst durch Gewalt herbeigeführt und dann durch absolute und unaufhebbare Ungleichheit abgelöst. Demgegenüber haben die ‘Verhältnisse’ in den funktionierenden Demokratien den Vorzug erheblicher Relativität. Sie sind flexibel, können sich also insgesamt ändern und lassen dem einzelnen Spielraum. Sie geben Gleichheit im Angebot relativer Freiheit und damit »jedem eine Chance«. Gleichheit in politicis geben sie nicht.
Politische Freiheit ist demgemäß ein Angebot an den Bürger. Sie ist kein Geschenk. Ohne sein Zutun kommt der Bürger nur in den Genuß des Wahlrechts und selbst das empfinden manche noch als Zumutung. (Statistisch ist ermittelt, daß die Wahlbeteiligung mit der Entfernung zwischen Wohnung und Wahllokal abnimmt.) Im übrigen will die Freiheit errungen werden. Der Preis der Freiheit ergibt sich aus der aufzuwendenden Zeit und gelegentlich auch aus dem Maß geistiger Bemühung und finanzieller Beiträge - von Opfer ist nur selten zu sprechen. Im Preis der Freiheit kann aber auch das Risiko eingeschlossen sein. Ein Beamter, der seinen Minister kritisiert, kann nicht unbedingt mit baldiger Beförderung rechnen. Ein Bauunternehmer, der sich mit dem Oberbürgermeister auseinandersetzt, kann nicht gerade mit dem nächsten städtischen Bauauftrag rechnen. Dennoch ist das Risiko begrenzt. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, ist die persönliche Freiheit unbedroht - die faktischen Risiken liegen zumeist im wirtschaftlichen Bereich. Wer sie scheut, verzichtet auf Freiheit, denn die Vorstellung von einer risikolosen Freiheit ist albern oder bestenfalls Ausfluß unreflektierter politischer Romantik.
Noch etwas gehört dazu: Uns allen leuchtet ein, daß ein Minister Gegenstand öffentlicher Kritik sein muß. Der Bürger, der sich in die Politik einschaltet, muß sich dem gleichen Gesetz beugen. Er kann, wenn er seine Meinung dartut, nicht erwarten, daß es keine andere Meinung gibt und man ihn andächtig als einzig legitimierten Fachmann anhört. Tatsächlich wird man fragen, was er will, was seine persönlichen Interessen sind, mit wem er in Verbindung steht - unversehens ist die Sphäre der Öffentlichkeit gegeben. Das aber gehört zum Geschäft. Wer von seinem Stückchen Herrschaft Gebrauch macht, tritt damit als einer der Herrschenden auf und unterliegt zugleich der Kritik. Insofern löst sich die Entgegensetzung zwischen Regierenden und Regierten in der Demokratie immer wieder auf, weil immer wieder einzelne Bürger versuchen und versuchen müssen, nicht nur verantwortlich zu gehorchen, sondern auch auf die Weisungen Einfluß zu nehmen oder sie gar herbeizuführen. Selbst wenn sie zu Weisungen nicht durch ein Amt legitimiert sind, sich also wirklich mit der Einflußnahme begnügen müssen, so üben sie doch auch damit ein Stück Staatsgewalt aus, da sich diese nicht lediglich im Entscheiden selbst und im Vollziehen aktualisiert - alles Vorbereitende gehört dazu. Wir nähern uns nicht demütig der allein zuständigen Amtsgewalt, sondern fordern aus gutem Recht! Daß andere dieses Recht bestreiten oder ihr Recht dagegen setzen und wir dann für unsere Sache ‘eintreten’ müssen, gehört mit zum Preis der Freiheit.