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10 Thesen

Johannes Heinrichs

Revolution der Demokratie

Aus Heinrichs, Johannes (2003), „Revolution der Demokratie“, Maas Verlag in Berlin

(S. 12)
Dass der Parteienstaat nicht die Antwort auf die grosse Frage der Aufklärung, ja der Menschheit, nach dem guten Leben aller sein kann, bewegt Johannes Heinrichs. Sein Entwurf differenziert anspruchsvoll, gibt aber der Demokratie die erste wirkliche Chance. Heinrichs konzipiert vier Parlamente mit eigenständigen Aufgaben' eigenständiger Verantwortung und eigenständiger Besetzung, nämlich ein Grundwerteparlament, ein Kulturparlament, ein Politikparlament und ein Wirtschaftsparlament. Die Gesetze dieser Parlamente sind alle verbindlich. Das erfordert Kompetenzgrenzen oder Vorrangregelungen. Legitimation verschaffen die Entscheidungen des Grundwerteparlaments. Diese Entscheidungen können nicht diskursiv ermittelt werden, sondern müssen, den Zeitläufen gemäß, von Abgeordneten getroffen werden, die in das Vertrauen des Volkes eingebettet sind. Die Entscheidungen der anderen Parlamente müssen sich in die Grundentscheidungen einfügen.

(S. 15)
Als 1793 die erste republikanische Verfassung beschlossen wurde, definierte Robespierre seine Vorstellung von Demokratie:

"Die Demokratie ist ein Staat, in dein das souveräne Volk, von Gesetzen geleitet, die sein Werk sind, tut, was es tun kann, und durch Delegierte tun lässt, was es selbst nicht verrichten kann."

(S. 18)
Warum sich mit etwas derart Abgestandenem und Unglaubwürdigern wie Demokratie beschäftigen, in der Hoffnung, einen Leserkreis dafür zu interessieren und diesen womöglich zum Handeln zu bewegen? Zu welchem sinnvollen Handeln?
Um im Politikerjargon zu reden und mit rascher Antwort über diesen schmerzlichen Punkt, das Thema interessiere nicht, hinweghuschen zu können: Weil es zu Demokratie keine Alternative geben dürfte. Das ist diesmal sehr ernst zu nehmen und nicht die übliche, bloß rhetorische Verteidigung einer einmal eingenommenen fixen Position wie meist, wo es "keine Alternative" zu irgendeiner Fixierung gibt. Diesmal stimmt es: Wir können nicht zurück. Die wunderbare Idee einer Selbstregierung des Volkes existiert und fordert ihre Verwirklichung ein.
Wohl könnten wir uns in leere Sozialromantik flüchten und jede "Regierung" - von "Herrschaft" zu schweigen - als überflüssig erklären, angesichts einer "Selbstorganisation" oder "Autopoiesis" der vergesellschafteten Menschen: Ihr Zusammensein organisiere sich -so meinen Sozialromantiker - angeblich von allein, wachsend aus der puren, mehr oder weniger verstandesfreien Spontanität der Beteiligten gänzlich von unten her - anarchisch, das bedeutet ohne Regierung und ohne Repräsentanten der Gemeinschaft. Dergleichen Verhältnisse hat es in größeren Gemeinschaften wohl nie in der Geschichte gegeben. Aus dem Tierreich ist das auch nicht bekannt, gleich ob es sich um Rudel oder "Staaten" handelt: Überall finden wir Rang, Hierarchie, Ordnung als Evolutionsprodukt der Selbstorganisation.
Die Freiheitsfähigkeit des Menschen erfordert Ordnungsstrukturen. Eine selbst in Freiheit erdachte und mit der Freiheit des Einzelnen kompatible Ordnung. Sobald eine Gemeinschaft von Menschenwesen eine Schwelle von Größe erlangt hat, tritt sie als eine eigene Entität, als ein eigenes Wesen, ja "Lebewesen", den einzelnen Mitgliedern der Gemeinschaft gegenüber. Das ist unvermeidlich und macht die Würde und Ranghöhe eines Gemeinwesens aus.

Qualität als die Summe der Einzelnen, auch ein anderes als ein im Individuum liegendes Instinktprogramm, wie wir es im Bienenstaat finden. Deshalb muss dieses Mehr nach modernem Freiheitsverständnis "herrschaftsfrei" an den Einzelnen rückgekoppelt sein. Das heißt, er rnuss sich selbst in diesem Mehr der Gesamtheit wieder erkennen und es selbst gestalten können.
Der Ausdruck "Herrschaft" gehörte ursprünglich einer patriarchalischen Epoche der Menschheit an, in der es Herren als "Herr"schende gab und auf der anderen Seite Beherrschte. Im Wort Demokratie stecken die griechischen Worte demos (Volk) und kratein, was mit herrschen übersetzt werden kann, aber nicht unbedingt muss. Kratein kann auch mit Macht ausüben oder einfach regieren ins Deutsche übertragen werden.

Wir können demnach Demokratie statt mit „Volksherrschaft" weniger patriarchalisch mit "Volksregierung" oder "Selbstregierung" des Volkes übersetzen und an dem weltweit eingeführten, großen Wort ruhig für dieses Jahrhundert festhalten, um uns der Sache selbst zuzuwenden.

Es macht wenig Sinn, um alteingeführte Worte als solche zu streiten. Wer Worte und Begriffe zu unterscheiden vermag und um die Brüchigkeit ihrer Verbindung weiß, streitet nicht gern um Worte.
Die Idee der "Selbstbeherrschung", oder besser Selbstregierung, des Volkes enthält die der Selbstorganisation, wohl durchdacht und wohl durchgeführt. Aber eben nicht im an-archischen Sinn von Regierungslosigkeit oder gar Prinzipienlosigkeit (griechisch arche meint Anfang, Ursache, Ursprung, Prinzip). Die verbreitete Ansicht, das Wort Demokratie selbst beinhalte einen Widerspruch in sich, weil Subjekt und Objekt des Herrschens oder vielmehr Regierens zusammenfallen, ist seltsam oberflächlich.
Die dynamische Identität von Regierten und Regierenden und darin die Selbstbezüglichkeit der Gemeinschaft machen gerade die Pointe von Demokratie oder Selbstregierung aus.

(S. 21)
Demokratie braucht die emotionale Bindung, das Glück eines sich selbst aus Freiheit, in Freiheit und zur Freiheit organisierenden Volkes.

Demokratie hat entweder etwas mit dem Glück der Vergemeinschaftung, auch als staatliche Rechtsgemeinschaft, zu tun - oder ihre Sache ist vertan. Vielleicht ist das die eigentliche Alternative: Untätigkeit oder Mitgestaltung von Gemeinschaft?

(S. 22)
Demokratie ist, der Idee nach, eine wunderbare Staatsform. Sie bleibt jedoch bisher eine wenig durchdachte Utopie. Bezüglich ihrer Verwirklichung verharrt sie noch im Embryonalzustand.

(S. 25)
Die meisten Bürger können ebenso wenig positive Entwürfe vorlegen, Jedenfalls keine seriösen in Bezug auf Grundsatzfragen. Das ist -im Unterschied zu Fachwissenschaftlern oder politischen Experten -auch nicht ihre Aufgabe.

(S. 26)
Kurzum: Was die Hauptströmung der politischen Wissenschaft an "Angepasstem" über Demokratie produziert, bat mit der sozialen Realität des weit verbreiteten Unmuts und der, bisher noch stillen, Resignation des angeblichen Souveräns, des Volkes, kaum etwas zu tun. Eher mit egoistischer Selbstgenügsamkeit einer profitierenden Klasse.

(S. 37)
Die Menschheit bildet seit einer Weile einen kollektiven Organismus - und zwar einen solchen in voller Evolution: Die Defekte verstärken sich gegenseitig, ebenso wie die positiven Entwicklungen in jedem Land der Welt.

(S. 39)
Die wichtigsten ökologischen Initiativen (z.B. das CO2-Abkommen) scheitern am Eigeninteresse der Nationalstaaten bzw. der in ihnen dominierenden Wirtschaftsmächte: ein nationales wie internationales Demokratieproblem also!


(S. 40)
Es gibt in der Tat keine bessere Staatsform als Demokratie (im Sinne einer tendenziellen Identität von Regierenden und Regierten).

(S. 51)
"Das gründliche Deutschland kann nicht revolutionieren, ohne von Grund aus zu revolutionieren. Die Emanzipation des Deutschen ist die Emanzipation des Menschen. Der Kopf dieser Emanzipation ist die Philosophie, ihr Herz das Proletariat."

(S. 55 f.)
Nein, das spezifisch deutsche Durchdenken und Praktizieren von Demokratie steht bis heute noch aus! Damit soll nicht geleugnet werden, dass die Bonner Republik positive pragmatische Beiträge für beides geliefert hat. Sie tat das allerdings als eifrige Konvertitin und Novizin im Rahmen der unglaublich anspruchsvollen Aufschrift der Dollarscheine, des bestehenden novus ordo saeclorum, der neuen Weltordnung.
Es soll zwar nicht impliziert sein, dass jede Nation ihre eigene Demokratie entwickeln müsste, wohl allerdings ihre je eigene Demokratiepraxis. Wer aber eine Ahnung davon hat, eine wie essentielle Rolle das philosophische Denken der Deutschen spielte und dass dieses besonders von Kant bis Marx eine "wichtige, das ganze Menschengeschlecht betreffende Angelegenheit" war (Heinrich Heine), der wird nicht annehmen können, dass dieses Land in der Mitte Europas auf Dauer mit einer Import-Demokratie angelsächsischer Prägung zufrieden sein könnte. Nicht alles, was Heine vor wie nach der 1848er Revolution zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland von Paris aus schrieb, kann hundertfünfzig Jahre später noch gültig sein.

(S. 56)
Sind jene Hoffnungen also ersatzlos zu streichen? Man müsste dann davon ausgehen, dass das Eigentümliche der deutschen Kultur durch Hitler einerseits, durch den Amerikanismus anderseits ein für allemal erledigt sei.

(S. 125)
Als spezifisches Interaktionsmedium der Handlungs- und Systemebene Politik gibt es das Recht. Politik ist Handeln aus Macht bzw. in Bezug auf Macht. Die Willkür der Macht wird durch das Recht eingeschränkt, im Rechtsstaat ausdrücklich allein auf Grund von Rechtsregeln.
Recht ist die Kanalisierung von Macht nach Regeln, eine "Währung" der Macht, die scheinbare oder wirkliche Gewaltfreiheit bezweckt. Wo es kein gemeinsames Recht gibt, gilt nur das „Faustrecht" oder das „Recht" des Stärkeren. ...
Das Recht ist damit ähnlich das formelle Interaktionsmedium der politischen Sphäre wie das Geld dasjenige des Wirtschaftslebens.

(S 126)
Schon lange vor der formellen Fundierung des Staates im Prinzip Recht waren die Staaten "Rechtsverbände": Es galt ein Recht nach innen und außen. Kaiser, Könige und Fürsten "von Gottes Gnaden" sprachen Recht. Wieviel dies mit heutigen Rechtsvorstellungen oder auch damaliger Gerechtigkeit zu tun hatte, das sind ganz andere Fragen. Aber die staatlich-obrigkeitliche Organisation sollte einen Rechtsschutz nach innen und außen und klare Verhaltensregeln, eben das Recht, gewährleisten.

(S. 179)
Die Transformation der jeweiligen Letztwerte in allgemein anerkannte Grundwerte (Wahrheit, Gerechtigkeit, Menschenwürde,
Liebe ...) kann und muss sich auf einen humanistischen und darin spirituellen Grundkonsens aller Menschen guten Willens stützen. Diese humanistische Grundlage gibt es, zumindest in den westlichen Ländern.

(S. 303)
Das Verständnis der vereinigten Individuen als des ersten und alleinigen Souveräns ist ein wesentlicher Bestandteil von Demokratie.

(S. 391
Sogar das erforderliche Welt-Grundwerteparlament wird die Kontrolle und Überwachung der Menschenrechte allein nicht gewährleisten können, selbst wenn es einmal durch demokratische Wahlen unter paritätischer Beteiligung aller Weltanschauungen und Religionen ' also auch von spirituellen Philosophen und Ethikern, zustande kommt. Für die wirksame Kontrolle bedarf es exekutiver Organe und des Ausbaus eines Appellationsgerichtes für Menschenrechtsverletzungen, das nicht erst bei Kriegsverbrechen großen Ausmaßes tätig wird, sondern auch bei Menschenrechtsverletzungen, besonders struktureller Art, durch religiöse Gruppen und Institutionen. Der Internationale Strafgerichtshof der UNO mit Sitz in Den Haag dürfte dazu in seiner jetzigen Gestalt nicht ausreichen.

(S. 392 f.)
Ähnlich wie dies von Europa gesagt wurde, jedoch wiederum ganz anders, ermöglicht die Ebenendifferenzierung aber die Vieldimensionalität eines Menschheitsorganismus, eine mehrfache, vieldimensionale Einheit. Zum Teil rnuss diese dem schrittweisen geschichtlichen Werden überlassen werden, sofern sie nämlich nicht allein gedanklich vorweg bestimmt werden kann.
Zuletzt wurde nochmals auf die Wichtigkeit der. gesamtmenschlichen, integralen oder spirituellen Energien hingewiesen, die von den
großen Religionen sowohl gehandelt wie gebunden, geordnet wie kontrolliert und unterjocht werden. Wer an diesen Energien pragmatisch vorbeigehen will, versteht unmöglich die Ganzheit und Tiefe der menschlichen Vergesellschaftung, zumal der Menschheitsgemeinschaft.
Was angezielt ist mit den unentbehrlichen "integralen Energien" im Bereich der Demokratie kommt in einem alten, abgründigen Wort bündig zum Ausdruck:

Vox populi, vox Dei.
Volkes Stimme, Gottes Stimme.

Was immer man unter "Gott" verstehen mag - unübertrefflich bringt dieser Spruch die humane wie zugleich die transpersonale, spirituelle Grundlage der Demokratie als Selbstbestimmung und Selbstregierung eines kollektiven Organismus aus dem Fundus einer allgemeinen Wertekommunikation heraus zum Ausdruck.

Die spirituelle Dimension der Demokratie

Aus "Grundwerte in der Diskussion", einem Interview mit Johannes Heinrichs im Esoterik-Blatt "Tattva Viveka" Nr. 27 (S. 38 ff.)

Johannes Heinrichs, Professor für Philosophie und Sozialökologie, entwickelt seit vielen Jahren eine komplexe Theorie zu einer Demokratie, bei der die spirituellen Grundlagen eines sozialen Systems mindestens ebenso voll zur Geltung kommen wie die wirtschaftlichen. Derzufolge sollte die Politik in vier Bereiche eingeteilt sein: Grundwerte, Kultur, Politik und Wirtschaft. Insbesondere das Grundwerteparlament verdient Beachtung, denn es ist die ethisch-spirituelle Grundlage der anderen Bereiche und diesen gegenüber weisungsbefugt. Es umfasst Weltanschauung, Ethik, Religion und Mystik.

FRAGE: Ihr jüngstes Buch (gemeint: Johannes Heinrichs: Revolution der Demokratie) geht scharf ins Gericht mit dem gegenwärtigen Trott der Parteien-Demokratie und setzt ihm ein neues Konzept entgegen. Hat das auch etwas mit spirituellem Bewusstsein zu tun?
J.H.: Und ob! Es ist bedauerlich und gefährlich, dass politisches und spirituelles Bewusstsein in der heutigen spirituellen, esoterischen Bewegung so selten zusammenkommen. Die traditionellen Konfessionen versuchen dagegen durchaus, kräftig politisch »mitzumischen«.

FRAGE: Das kritisieren Sie ja sehr in dem Buch.
J.H.: Nicht etwa die Tatsache, dass die so genannten »großen« Kirchen überhaupt ins Gemeinwesen hineinwirken, sondern dass sie es mit unfairen, im Grunde noch immer staatskirchlichen Mitteln tun. Wir haben zwar offiziell keine Staatskirche mehr, aber einen Konfessionsstaat sondergleichen.

FRAGE: Woran machen Sie das fest?
J.H.: Um nur einige Punkte zu nennen, abgesehen von den so genannten Staatszahlungen als längst überholte »Wiedergutmachung« für die zu Napoleons Zeiten (!) säkularisierten Kirchengüter: Staatlich finanzierter und organisierter Religionsunterricht an allgemeinen Schulen, jeweils zwei theologische Fakultäten an den staatlichen Universitäten, was Milliardenausgaben des Steuerzahlers für »Wissenschaften« bedeutet, die gar keine Wissenschaften sind, weil sie auf »Glauben« (nicht etwa auf Erfahrung und Denken) aufbauen, darüber hinaus Konkordats-Lehrstühle sogar an den Philosophischen Fakultäten, die von der Zustimmung der Kirchen abhängen und somit die freie Philosophie seit langem wirksam untergraben. .

FRAGE: Da scheinen Sie selbst betroffen zu sein?
J.H.: Allerdings. Seit meinem Verzicht auf meine Professur bei den Jesuiten durch Ordens- und Kirchenaustritt habe ich keinen dauerhaften »weltlichen« Lehrstuhl mehr bekommen, obwohl meine Befähigung auch von denen betont wurde, die mich jahrzehntelang vor ihren Toren warten ließen. Ich hoffe aber, man merkt in dem Buch nicht zuviel von persönlicher Betroffenheit. Ich spreche ja allgemein genug über die rechtliche und finanzielle Überprivilegierung der steuerberechtigten Kirchen, auch im Bereich der sozialen Einrichtungen. Diese sind weitestgehend staatlich finanziert, werden aber durch den Arbeitgeber Kirche dirigiert, so dass nicht kirchensteuerzahlende Bewerber schwer Arbeit darin finden, gerade heute wieder. Und solche, die Arbeit in konfessionsgeführten Einrichtungen haben, z.B. Krankenschwestern, werden sich hüten, in ihrem Privatleben »auffällig« zu werden, »ketzerische« Ansichten laut zu äußern oder gar aus einer dieser Großkirchen auszutreten. Die Kirchen sind zusammen der größte Arbeitgeber und einer der mächtigsten Konzerne und Grundbesitzer Deutschlands! (Vgl. auch das Buch von Friedhelm Schwarz, Wirtschaftsimperium Kirche, 2005) Wie soll da echte Freiheit des religiösen Bekenntnisses möglich sein? Ohne wirkliche Bekenntnisfreiheit aber wird keine Demokratie möglich sein, vor allem nicht eine solche, die von den Grundwerten, nicht vom Geld bestimmt wird.

FRAGE: Ein »faires Miteinander« der Konfessionen und Weltanschauungen ist ein wesentlicher Aspekt des Grundwerteparlamentes, das Sie fordern, und zwar als übergeordnetes in der Hierarchie der vier voneinander unabhängig gewählten Parlamente: vor Kulturparlament, Politikparlament und Wirtschaftsparlament. Diese Viergliederung des Parlamentarismus bezeichnen Sie selbst als den Kern der Überwindung des heutigen Parteienstaats. Können Sie speziell auf das Grundwerteparlament etwas näher eingehen?
J.H.: Wir leben ja in einem angeblich »säkularisierten« Rechtsstaat. Aber die rechtlich, in unserem Grundgesetz nebenbei: das ist nach § 146 GG noch immer nicht die uns zustehende Verfassung! also die in unserem Grundgesetz niedergeschriebenen Grundwerte bedürfen der ethischen und spirituellen Begründung. Das positive Recht allein genügt nicht. Von den meisten Staatsrechtlern werden heute die philosophischen und ethischen (»naturrechtlichen«) Grundlagen des positiven Rechts wenigstens theoretisch wieder anerkannt. Über die Formulierung der Grundrechte in unserem Grundgesetz hinaus wird aber zunehmend deutlich: Das bloße Recht genügt nicht für den heute mehr als je spürbaren Bedarf an situationsgemäßer Anpassung an viele ethische und religiöse Fragestellungen, z.B. Gentechnik für Pflanze, Tier und Mensch oder die ganzen neuen Fragen um Geburt und Sterben, auch von dem berühmten, in der Praxis total missachteten »Recht auf Arbeit« oder anderen sozialen Teilhaberechten, den elementaren Rechten auf Gesundheit und körperliche Unversehrtheit ganz zu schweigen. c, nicht bloß einen von Kanzlers Gnaden beauftragten »Nationalen Ethikrat«.

FRAGE: Doch kann man über Wahrheit und Ethos nach Mehrheitsprinzipien befinden?
J.H.: Natürlich nicht. Aber heißt das, dass wir uns deshalb den angeblich bewährten traditionellen Autoritäten oder aber einer ebenso utopischen, weil rationalistischen »Diskursethik« anvertrauen müssen? Es geht in einem Grundwerteparlament gar nicht darum, über Wahrheit und letzte sittliche Axiome dogmatisch zu entscheiden. Dieses vierte und höchste Parlament ist vielmehr der Ort, wo künftig die eigens dazu gewählten, also mit Vertrauen und Kompetenzerwartungen ausgestatteten Volksvertreter eine Kommunikation über die letzten Wertgrundlagen unseres Gemeinwesens führen. Ich sage Kommunikation, genauer: Wertekommunikation.

FRAGE: Worin liegt der Unterschied zwischen Wertekommunikation und Diskurs? Diskurs ist heute ein Modewort, von »Wertekommunikation« habe ich dagegen außer in Ihrem Buch noch nicht gelesen.
J.H.: Wertekommunikation ist in der Tat etwas völlig Anderes als der rein rationale, argumentative Diskurs, wonach angeblich (nach Habermas und anderen) unsere Gesellschaft funktionieren und geordnet werden sollte, in. E. eine total rationalistische und unfruchtbare Fehleinschätzung. In eine Wertekommunikation gehen ganzheitlich auch die angeblich irrationalen, in Wahrheit rationalistisch kleingeredeten Faktoren wie Gefühl und persönliche (Wert)Erfahrung ein. Mit ihrer Anerkennung bekommen Glaube, Intuition, auch Inspiration, selbst die mehr oder weniger autoritär verstandene »Offenbarung« ihren berechtigten Platz im Gemeinwesen.

FRAGE: Würde dadurch unsere öffentliche Kommunikationssituation nicht noch chaotischer, als sie es schon ist?
J.H.: Man kann nicht den Teufel der zerbrechenden Kommunikation mit dem Teufel des rationalistisch verengenden Diskurses (im Sinne von Argumentation) austreiben. Dieser hat zwar an den Universitäten seinen Platz, sollte ihn vielmehr dort haben, ist aber keineswegs für all die Wertungsprobleme auf jeder Ebene des Gemeinwesens geeignet. Die Voraussetzung, die ich besonders für die Kommunikation und Metakommunikation über Letztwerte mache, ist allerdings: Man wird bei allen Menschen guten Willens eine gemeinsame Wertgrundlage, einen Wertekonsens finden, sofern es nicht um den privaten Glauben, sondern um die letzten Grundlagen für die Rechtsnormen unseres Gemeinwesens geht. Das Grundwerteparlament ist die Institution, wo eben diese Übersetzung aus der religiös-weltanschaulichen Wertung in geltendes Recht stattfindet. Die Unterscheidung von Recht und vorrechtlichen Werten ist zwar, soweit ich weiß, typisch abendländisch. Sie hat sich auch bei uns erst in der Aufklärung, insbesondere bei Kant, klar durchgesetzt. Sie muss jedoch in einem weltanschaulich pluralistischen Gemeinwesen notwendigerweise gemacht werden. Warum sollten wir den Beitrag des Westens zur geistigen Evolution der Menschheit gering achten?

FRAGE: Meinen Sie einen humanistischphilosophischen, also einen aus den verschiedenen religiös-weltanschaulichen Strömungen verallgemeinerten, in diesem Sinne »säkularisierten« Wertekonsens?
J.H.: Genau. Das Verständnis von »Säkularisierung«, wenn man dieses viel missbrauchte Wort verwenden will, beinhaltet dabei die Verallgemeinerung der religiösen Werterfahrungen, nicht die Verabschiedung der Religionen. Die verschiedensten Weltanschauungen könnten sich in einem Grundwerteparlament von Vertrauensleuten der Bevölkerung voll einbringen: in einen möglichst fairen und transparenten Austausch, der Wertekommunikation. jeglicher verbohrte Fundamentalismus irgendeiner Religion wird freilich nicht akzeptabel sein, wohl aber die Suche nach gemeinsamen, vom Geiste her akzeptierbaren Rechtsnormen des äußeren Verhaltens. Diese können recht verschieden begründet werden. Abgesehen davon, dass der Konsens zwischen den Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften in den entscheidenden Fragen der Würde des Menschen viel größer ist, als uns parteiische Konfessionsvertreter glauben machen wollen - beim Recht geht es bloß um einen pragmatischen Konsens fürs Handeln. Ohne die Voraussetzung, dass ein solcher pragmatischer Konsens möglich ist, könnte und dürfte es überhaupt keinen relligiös-weltanschaulichen Pluralismus geben, sondern nur die Herrschaft der einen oder anderen Mehrheits-Weltanschauung. Wozu die Fundamentalisten in allen Religionen (auch immer noch unsere staatstragenden christlichen Konfessionsvertreter!) neigen. Die philosophischen und wirklich spirituellen Geister in allen Religionen und Weltanschauungen neigen nicht zu solchem Separatismus. Diese konfessionelle Eigenbrödlerei geht insgeheim vielmehr aus Machtgelüsten hervor denn aus Sorge um Wahrheit und Menschenwürde (oder gar angeblich zu verteidigende Gotteswürde). Selbst modern sein wollende Kirchenleute (wie etwa der derzeitige EKD-Vorsitzende Wolfgang Huber, der mir hierzu einen Brief schrieb) leugnen, dass die pluralistische Gesellschaft eigene philosophisch-ethische Wertfundamente hat, zu denen die Konfessionen zwar Aspekte und Motivationen beisteuern können, für welche sie aber keineswegs unentbehrlich sind. Man vergisst dabei übrigens auch, dass Religion und Spiritualität mehr sind als Ethiklieferanten.

FRAGE: Wo kommen diese »philosophisch-ethischen Wertfundamente« her?
J.H.: Um einmal christlich-biblisch zu sprechen: Aus dem »Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in die Welt kommt« (jo 1, 9). Philosophie ist die wissenschaftliche Ausdeutung dieses Vernunft-Lichtes, von den Griechen wie dann auch im Johannes-Evangelium »Logos« genannt. Es sind viele gedankliche und religiöse Überlieferungen, die unser heutiges philosophisches Denken geschichtlich ermöglicht haben. Aber auf bestimmte Offenbarungen brauchen wir uns dazu nicht zu berufen.

FRAGE: Sie unterscheiden in Ihrem Buch Weltanschauung, Ethik, Religion und Mystik. Können Sie das kurz erläutern?
J.H.: Diesen Unterscheidungen liegt dasselbe Reflexions-Stufungsprinzip zugrunde wie der umfassenderen Unterscheidung der sozialen Systemebenen (Wirtschaft, Politik, Kultur und Grundwerte): Weltanschauung bezieht sich auf die objektive Welterkenntnis (1), sei diese durch Wissenschaft, Alltagserfahrung oder durch (wie immer verstandenen) Glauben begründet. Sie antwortet auf die Frage Was kann ich wissen? Ethik (2) antwortet dagegen auf die Frage Was darf ich oder soll ich tun? Sie geht vom (mehr oder weniger unterrichteten) subjektiven Gewissen der Handelnden aus. Religion (3) antwortet dagegen auf die Frage Was darf ich hoffen, um die berühmten drei Fragen von Immanuel Kant aufzugreifen. Religion erschöpft sich keineswegs in Ethiklehre und auch nicht in gelebter Moral. Ihre Grundfrage ist nicht: Was darf und soll ich? Vielmehr: Was erfüllt mich, wofür lohnt es sich, letztlich zu leben?

FRAGE: Könnten Sie näher erläutern, in welchen Aspekten Religion über Ethik hinaus geht?
J.H.: Eben die Frage »Was ist das letztlich Erfüllende?« ist keine Frage des Tun-Sollens, sondern des Leben-Könnens, anders gesprochen der Glückseligkeit oder der letztgültigen Sinnerfüllung. Das gute und pflichtgemäße ethische Handeln mag eine Voraussetzung für bleibende Glückseligkeit, auch nach dem physischen Tod, sein. Pflichterfüllung und moralische Gutheit sind jedoch selbst noch nicht die Antwort auf die Fragen nach letztem Sinn und Erfüllung.

FRAGE. Jetzt dürfte es aber schwer werden, Religion noch von Spiritualität als dem Vierten innerhalb des vierten Subsystems (»Legitimationssystem«) zu unterscheiden.
J.H.: Das zuletzt Gesagte trifft auch auf die persönliche Spiritualität zu. Mit Religion ist hier aber - im Unterschied zur persönlichen spirituellen Erfahrung - die »Rückbindung« (von religere oder religare) nicht allein ans Göttliche, sondern zugleich auch »Rückbindung« an eine Traditionsgemeinschaft gemeint. Religion ist nach der objektbezogen weltanschaulichen und der sub)ektbezogen ethischen die spezifisch kommunikative und kollektive Stufe der Interpretation der letzten Werte. Wir wissen, welch ungeheure Energien das religiöse Kollektiv entwickelt, auch verführerische und pervertierte Energien - wie überhaupt das Beste die schlimmsten Perversionen erlaubt. (Corruptio optimi pessima, sagt ein alter lateinischer Spruch.) Mit Spiritualität ist nun, im Unterschied zur Religion, das je persönlich verantwortete und möglichst selbst erfahrene Verhältnis des Einzelnen zum Sinn, zu „Allem“ oder zur Gottheit, gemeint. Zwar kann es auch hierbei sehr wohl tradierte Stile von Spiritualität geben, jedoch nur im Sinne einer Schulung zur vollkommenen persönlichen Selbständigkeit. Es kann auch das kollektive Zusammenklingen vieler spiritueller Menschen geben. Doch jede äußere Autorität, die mehr als ein Lernangebot wäre, ist dein mystisch erfahrenen oder spirituellen Menschen fremd. Meines Erachtens müssen wir auf Dauer hin zu jener Gemeinschaft im Heiligen kommen, die aus der völligen spirituellen Selbständigkeit der Einzelnen resultiert. Das Abendland tut sich viel zugute auf Individualisierung, und diese ist in der Tat notwendig. Doch abendländische Individualisierung ist vornehmlich eine rechtliche. »Person« war im antiken Rom bezeichnenderweise zuerst Rechtsperson. In spiritueller Hinsicht scheint die Individualisierung, als das Gehen des je eigenen Pfades, in Indien viel ausgeprägter zu sein. Dagegen pflegen wir bis heute im Abendland einen religiös-spirituellen Kollektivismus, wie er für spirituell fortgeschrittenere Asiaten gar nicht akzeptabel wäre.

FRAGE: Für Sie ist ja Recht das Medium der Politik im engeren Sinn der Machtregelung. Ist nicht dann doch die ganze politisch-rechtliche Sphäre sehr den eigentlichen, »letzten« Fragen des Menschen untergeordnet?
J.H.: Schon richtig, im demokratischen Zusammenhang geht es in der Tat nicht um ein entferntes künftiges Spiritualitätsideal, sondern um die Realität des heutigen Menschen. Eine künftige »Gemeinschaft der Heiligen« wird ohnehin nicht mehr primär in Rechtsnormen integriert sein. Auf längere Sicht aber ist das Recht die dominierende und das gesamte Gemeinschaftsleben bündelnde Art der Ordnung, wie in den noch gar nicht so alten Theokratien die Religion das Integrierende war. Rechtsordnung ist gleichbedeutend mit (Rechts-)Staat. Dieser »bündelt« viel mehr an gemeinschaftlichem Leben, als er selber ist. So bedarf, wie besprochen, alle Ethik der weiteren Begründung durch Seinsfundamente, durch letzte, vorgegebene Werte, die wir nicht willkürlich setzen können, nicht einmal im Miteinander. Die Rechtsordnung ist in der Tat eine, gewissermaßen „bornierte“, untergeordnete Art von Ordnung und Vergemeinschaftung. Aber wenn wir auf der Ebene des Rechts und damit der Politik nicht endlich eine demokratische Rechts- und Gerechtigkeitsordnung zu schaffen vermögen, die diese Bezeichnung verdient, dann versagen wir auch in spiritueller Hinsicht. In Hinblick auf diesen Schritt haben Viele, vielleicht die meisten Spirituellen bisher versagt. Wenn sie dennoch das umfassende Gemeinschaftsleben regeln wollten wie Konfuzius oder Mohammed oder die mittelalterliche Kirche, dann kamen meist Theokratien heraus, Gleichschaltungen von Religion/Sittlichkeit mit Recht, die für uns »Moderne« inakzeptabel geworden sind.

FRAGE: Sie sehen aber einen äußerst engen Zusammenhang zwischen Religion und Gemeinschaft, schon durch den für Ihr Denken typischen Begriff des Sinn-Mediums, den Alles-Gedanken, den jeder Mensch in sich trage und der alle Gemeinschaftlichkeit erst möglich mache. Sie zitieren dabei zustimmend aus dem Prolog des Johannes-Evangeliums: »das Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt« (Jo 1,9). Wenn diese spirituelle Dimension dermaßen das Verbindende in aller Gemeinschaft ist, wie können Sie dann die »persönliche Spiritualität« trotzdem von der »überlieferten Religion« einer Gemeinschaft absetzen?
J.H.: Diese Frage ist sehr berechtigt und führt sehr tief. Eigentlich ist das je-persönliche Verhältnis zum umfassenden Sinn-Medium und darin zum Göttlichen gerade das Verbindende und Gemeinschaft Bildende. Deshalb kann der Zusammenhang von Religion und Gemeinschaft geschichtlich wie systematisch überhaupt nicht eng genug gesehen werden. (Religiös und spirituell ~>unmusikalische« Soziologen oder Sozialphilosophen können deshalb nur schlechte sein.) Man spricht von der Moderne mit Recht als Zeitalter der Individualisierung. Es ist aber Kennzeichen der bisherigen neuzeitlichen Individualisierung, dass gerade dieses Gemeinsame und Verbindende, das Sinn-Medium, zur jeweiligen Privatsache geworden ist und das bloße Recht zur tonangebenden Integrationsform der Gemeinschaft (als Rechtsstaat) geworden ist. Wir müssen durch diese äußerste, gewissermaßen geistlose Individualisierung aber konsequent hindurch, um zu neuer geistiger Gemeinsamkeit zu finden. Das Grundwerteparlament ist der evolutiv notwendige Schritt dazu. Wir müssen, zumindest in kollektiver Betrachtung, die überlieferten Religionen als allgemeinverbindliche (mehr oder weniger verdienstliche) Traditionen hinter uns lassen. In individueller Betrachtungsweise handelt es sich um die Aufgabe, aus der jeweiligen, ganz persönlichen Erfahrung des Sinn-Mediums oder des Göttlichen zu einer höheren Gemeinschaft-in-individueller Freiheit zurück zu finden. Vorläufig in dem bornierten rechtlichen Rahmen, später vielleicht in neuer, mehr als rechtlicher Gemeinsamkeit der Grundwerte.

FRAGE: Würden Sie diese neue Gemeinschaft-in-Freiheit »postmodern« nennen?
J.H.: Zunächst, denke ich, müssen wir die Moderne, das heißt das Zeitalter der Differenzierung und Individualisierung, damit nicht zuletzt der Unterscheidung der Wertebenen Wirtschaft, Politik, Kultur und Religion, erst einmal konsequent durchführen. Darum ging es in ungeheuren, blutigen und unblutigen Kämpfen seit Beginn der Moderne bis heute. Erst die wirkliche Durchführung und Voll-Endung der Moderne kann uns eine Postmoderne bescheren, die aber jenseits der derzeit modischen Willkür-Vorstellungen liegt. Wirklich postmodern könnte die kundige Einheit von tatsächlicher individueller Selbstverwirklichung (selfrealization im Sinne der spirituellen Meister) und neuer spiritueller Gemeinsamkeit, neuer Gemeinschaft im Heiligen, sein. Davon sind wir noch ziemlich weit entfernt. Eine Bedingung dafür ist tatsächliche, nicht bloß angebliche Selbst-Individualisierung. Eine andere Bedingung: Dass wir die Fragen der Spiritualität und der Organisation des Gemeinwesens (Politik) allmählich wieder zusammenbringen. Eine Brücke dazu stellt das Gerechtigkeitsgefühl und das konkrete, wirtschaftliche Mitgefühl mit allen Menschen dar. Mit den wirtschaftlichen-politischen Strukturen müssen wir, selbst aus spirituellen Gründen, genauso und gleichzeitig ernst machen wie mit der persönlichen Selbstverwirklichung.

FRAGE: Damit kämen wir eigentlich zu den Ebenen Wirtschaft, Politik und Kultur, die Ihrer Grundwerteebene untergeordnet sind.
J.H.: Ja, die große Änderung der Bestimmungsrichtung unserer Demokratie: Statt Bestimmung des Ganzen von unten, von der (kapitalistischen) Wirtschaft nach oben, die Regulierung des Ganzen von oben, von den Grundwerten her, nach unten, bis hinein ins Wirtschaftliche. Allerdings nicht bloß einseitig-hierarchisch, sondern zugleich kreislaufartig-rückgekoppelt. Die Wirtschaft muss letztlich spirituell, von den Grundwerten her, gesteuert werden, aber die Grundwerte müssen sich mit den Gesetzen der wirklichen oder nur angeblichen wirtschaftlichen Knappheit arrangieren. Die Wirtschaft hat Anspruch auf ihre eigene Gesetzlichkeit. Sie darf nicht überfremdet werden, braucht aber klare Rahmenbedingungen aus Politik, Kultur und von den Grundwerten her.

FRAGE: Sie werden ja zum Schluss des Buches noch einmal ganz direkt spirituell, indem Sie das alte Wort anführen: Vox populi, vox Dei: Volkes Stimme, Gottes Stimme. Haben Sie nicht Angst, dass diese »politische Theologie« etwas zu populistisch klingt?
J.H.: Bei Lesern, die den Gedankengang mit durchlaufen haben, habe ich diese Befürchtung überhaupt nicht, abgesehen davon, dass ich die übliche Rede von »populistisch« ihrerseits sehr fragwürdig finde. Der Vorwurf des Populismus ist heute meist eine Ausflucht der Berufspolitiker vor dem, was der gesunde Menschenverstand nahe legt. Ihm wird unsere derzeitige Demokratie in keiner Hinsicht gerecht. Mir ging es zudem am Ende des Buches darum, noch einmal darauf zu pochen, dass Demokratie letztlich nur aus einer spirituellen Dimension zu begründen ist und dass wir diese viel missbrauchten Energien heute für eine wirkliche, sprunghafte Demokratie -Evolution, gleich Revolution, dringend »mobilisieren« müssen.

FRAGE: A propos Mobilisierung, wie glauben Sie, dieses doch sehr anspruchsvolle Konzept von Evolution/ Revolution der Demokratie populär machen zu können?
J.H.: Es handelt sich um eine neue Aufklärungsbewegung, eine konstruktive Aufklärung, im Unterschied zu der im Wesentlichen negativen, demaskierenden alten Aufklärung zur Zeit der Französischen Revolution, mit ihren vielen Nachfolgewellen bis heute. »Aufklärung« heißt im Englischen bezeichnenderweise »enlightenment« - dasselbe Wort, das auch »Erleuchtung« bedeutet. Es geht darum, nicht allein die intellektuellen, sondern nicht minder die spirituellen Kräfte zu entfesseln, die jeden Einzelnen aus dem Mitläufertum, der Resignation und dem Relativismus herausführen. Der geistige Relativismus ist eigentlich die Weltanschauung des Kapitalismus, für den im Grunde nur das Geld und dessen Selbstvermehrung zählen. jetzt geht es darum, statt von der so genannten materiellen Basis, die heute die gesamte Gesellschaft dominiert, das menschliche Gemeinwesen wieder von den Letzt- oder Grundwerten her neu aufzubauen. Eben deshalb handelt es sich in erster Linie um eine spirituelle Aufgabe (hierin bin ich mit Rudolf Bahro einig, meinem charismatischen Vorgänger als Professor für Sozialökologie an der Berliner Humboldt-Universität), wenngleich gänzlich verschieden von aller früheren Theokratie (hierin bestand nicht immer Einigkeit mit Bahro). Hegel sprach von der damaligen, ersten Aufklärungsbewegung als einer »lautlosen Ansteckung«. Eben eine solche muss auch für die neue, konstruktive Aufklärung in Gang kommen.

FRAGE: Auch dazu bedarf es gewisser institutioneller Formen. Bücher und Artikel werden in den heutigen Medien allein nicht viel bewirken können.
J.H.: Deshalb haben wir kürzlich ein »Netzwerk Viergliederung der Demokratie« gegründet, das auf einer Internet-Seite (www.netz-vier.de) informiert und um Unterstützer-Unterschriften wirbt. Materielle Unterstützung ist uns selbstverständlich wichtig und willkommen. Doch ideelle Unterstützung steht auch hier an erster Stelle: Es wird deutlich werden, dass es sich nicht um eine abgehobene Philosophenidee handelt.

FRAGE: Irgendwo habe ich ein Foto gesehen, das Sie mit dem Frankfurter Soziologen und Marxismus-Kenner Iring Fetscher im Treppenhaus der Humboldt-Universität zeigt, vor dem berühmten Marx-Diktum: »Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert. Es kommt aber darauf an, sie zu verändern« (11. These über Feuerbach).
J.H.: ja, genau, zu diesem praktischen Impuls ist die Philosophie gerade als weitergeführte Reflexions-Systemtheorie inzwischen reif geworden.

FRAGE: Haben Sie vor, in absehbarer Zeit als Partei anzutreten? Irgendwo muss die angezielte Veränderung der parlamentarischen Struktur, die Sie als Synthese von direkter und repräsentativer Demokratie bezeichnen, ja konkret über das jetzige Parlament laufen.
J.H.: Ein solches Auftreten als Partei, die dazu dienen soll, gegliederte Sachpartelen ganz neuen Stils aus sich zu entlassen, hängt zeitlich ganz und gar vom Gelingen der besagten Aufklärungsbewegung ab. Zwar könnte im Wahlkampf selbst ein besonderes Stück Aufklärung sein. Doch vorher müssen wir noch Erfahrungen sammeln und in anderen Aktionen, zum Beispiel in einem geplanten Demokratie-Pilgerweg, erproben, wie die »Ansteckung« funktioniert - vielleicht doch nicht nur lautlos. Wenngleich das eigentliche »enlightenment« wirklich ein durch und durch geistiges Geschehen ist, ein intellektuelles, emotionales und spirituelles.

Mehr Zitate

Ökologismus und esoterische Gesellschaftsmodelle Körper-Seele-Geist

Aus der Bewerbung des Buches von Johannes Heinrichs, "Ökologik" (P. Lang Verlag, Quelle)
Naturphilosophie wird hier als Ergründung der Natur-Mensch-Beziehung von einem anthropologischen Ansatz her verstanden. Die Triadik von Körper-Seele-Geist verbindet sich mit einem viergestuften Modell des Handelns und der Reflexivität. Beide Grundstrukturen erweisen sich als vereinbar mit einer siebenphasigen Prozeßtheorie. Das struktur-logische Denken verbindet einerseits mit der Mathematik, weist diese andererseits in ihre Schranken als Logik bloß der Körperwelt. Daneben entstehen die Fragen nach einer spezifischen Geist- und Seelenlogik. Die analogische Einheit dieser drei Logiken liegt in "harmonikalen" Beziehungen, wovon die Musik das Musterbeispiel liefert. Zahlreich sind die Folgerungen für konkrete ökologische Aufgaben sowie für eine Pädagogik naturgemäßer Ganzheit.

"Neue Gemeinschaften und die Evolution der Demokratie"

Aus einem Gespräch mit Johannes Heinrichs (Das gesamte Interview i, KursKontakte Nr. 135)
... Eurotopia-Redakteur Wolfram Nolte konnte nicht anders, als dem Urheber dieser gedanklichen Manifestation einige Fragen zu stellen. Dieser war kein Geringerer als Johannes Heinrichs, der als Nachfolger Rudolf Bahros viele Jahre an der Humboldt-Universität Sozialökologie gelehrt hat und nicht zuletzt mit seiner Real-Utopie einer „Revolution der Demokratie“ Aufsehen erregt hat.
...
Johannes Heinrichs: Ich hoffe sehr. Ich verstehe Demokratie als institutionelle, staatliche Form einer „kommunikativen Gesellschaft“, die Gemeinschaftscharakter trägt, weil in ihr strukturierte Kommunikation funktioniert. Mit dem Staat beschäftige ich mich, weil er auf lange Sicht die umfassende Rechtsinstitution bleibt. Er ist für mich die umfassende Rechtsgemeinschaft mit Gewaltmonopol. ...
Ein Kapitel meines Buches befasst sich mit der neu gedachten Dreiheit der Organisationsformen: privat – staatlich – öffentlich. ...
Frage: Im Moment dominiert die Wirtschaft. Wie sollten sich die Ebenen aufeinander beziehen?
Vor allem durch ein gestuftes Kompetenzensystem von vier unabhängig voneinander gewählten, aber natürlich aufeinander bezogenen Parlamenten für Wirtschaft, Politik, Kultur und Grundwerte, wobei die rahmensetzende Kompetenz beim Parlament der Grundwerte beginnt. ... Im Konfliktfall wirkt aber die rechtliche Rahmenkompetenz von oben nach unten. ...
Spirituelle Gemeinsamkeit kann auch bei Unterschieden im religiösen Bekenntnis bestehen, sofern man innerhalb dieser „metakommunikativen“ Ebene eine Ebene höher steigt: auf eine Ebene, wo sich die gemeinsamen spirituellen Grundwerte zeigen, auch bei Verschiedenheit der religiösen Formen und Riten. Das ist heute innerhalb der großen, nationalen Gemeinschaft eine Grundwerte-Philosophie (z.B. ausgedrückt in den Menschenrechten und der Erd-Charta), die zwar von den traditionellen Religionen geschichtlich gespeist wurde, genauso aber von den vorchristlichen und nachchristlichen Humanismen und naturreligiösen Anschauungen. ... Ich glaube, dass mit spiritueller (Meta-)Gemeinsamkeit eine Lebensgemeinschaft mehr Stabilität und mehr Sinn zu geben hat. ...
„Die Menschenwürde“ hat bereits spirituelle Fundamente: die Unendlichkeit, den gewissermaßen absoluten Charakter und Wert jedes Einzelnen. Die Kommunikationswerte, das Nett- und Liebsein miteinander, Zusammengehörigkeit und Verantwortung füreinander, tragen alleine zuwenig. Sie haben, genauer gesagt, ihre ethischen und spirituellen Voraussetzungen, und die müssen ausgedrückt werden. Sonst sinkt die Lebensgemeinschaft eines Ökodorfs auf eine bloß rechtlich-politische oder eine ökologische Wirtschaftsgemeinschaft herab. ...
Wir müssen aber diesen anthropologischen Grundtatsachen, z.B. dem Bedürfnis nach Sinn und Verbundenheit, auf moderne, reflektierte Weise Rechnung tragen. Das ist eine Botschaft, die von neuen Gemeinschaften ausgehen sollte. Das ist ebenso wichtig wie die Erprobung ökologischer Wirtschafts- und Eigentumsformen und neuer Formen kulturellen Lernens. ...
Nachdem unsere Kommunen nur noch selten Gemeinschafts-charakter tragen und zu möglichst anonymen Verwaltungsverbänden zusammengezwungen wurden, nachdem auch das ökologische Wirtschaften weithin in phrasenhaften Lippenbekenntnissen von „Umweltschutz“ und dergleichen stecken bleibt, wäre die Vorbild-Funktion der Ökodörfer ganz enorm.
Frage: Warum sagst du „wären“?
Weil ich bei der neuen Gemeinschaftsbewegung bisher zuwenig Hinordnung auf und Engagement für die Probleme der Gesamtgesellschaft auf nationaler Ebene wahrnehme. Verständlicherweise einerseits, weil die Regelung der internen Angelegenheiten schon viel Kraft kostet. Wir sollten aber nicht vergessen, dass es in der Weimarer Republik schon einmal eine große Blüte alternativer Lebensformen (die „Lebensreform“ usw.) gegeben hat – und sich all diese schönen Initiativen als Gesellschafts- bzw. Gemeinschaftsspiele auf der Titanic herausgestellt haben, weil die schwankende Demokratie von diesen Gruppen kaum Stärkung erfahren hat. ...

Johannes Heinrichs, geboren 1942 in Rheinhausen. Er lehrte von 1998 bis 2002 als Stiftungsprofessor für Sozialökologie an der Humboldt-Universität zu Berlin als Nachfolger Rudolf Bahros.

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