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Volk Stellvertretung Nation Religion? Gott? Wählen Multitude Konkurrenzen
10 Thesen

Im Namen des Volkes
Das Konstrukt des Kollektivsubjektes

Definitionen ++ Wer ist das Volk? ++ Gut und Böse ++ Kollektivität ++ Entstehung ++ Das Wir ++ Global ++ Die Teile ++ Links

Volk ist, wenn mensch nichts zu sagen hat ...
Um zu verhindern, dass Investoren Einfluss auf das Schienennetz bekommen, fordern wir die SPD-Bundestagsfraktion auf, ein Volksaktienmodell mit nicht stimmberechtigten Vorzugsaktien zu prüfen. (Beschluss des SPD-Parteivorstands vom 20.8.2007)

Wählen ist ein demokratisches Grundrecht. Wer wählt, entscheidet mit, wie das Land regiert wird und nimmt damit Einfluss auf die Politik. Wer nicht wählen geht, lässt zu, dass "die da oben" tatsächlich machen, was sie wollen. Politikerinnen und Politiker sind Vertreter des Volkes und das Volk bestimmt, wer es vertritt. "Das Volk", das sind wir alle, jede/r einzelne. Du und Sie! Und ja, Sie auch!
Wahlwerbung des (vom marxistischen Flügel kommenden) SPD-Landesvorsitzenden Thorsten Schäfer-Gümbel, 2008

Was ist das Volk?

Definition von "Volk" von der Kinder-Demokratieseite der Bundeszentrale für politische Bildung (www.hanisauland.de, Quelle für "Volk")
Das Wort "Volk" kommt aus dem althochdeutschen "folc" und hieß "viele". Ein Volk ist eine große Gruppe von Menschen mit gemeinsamer Abstammung. Alle Mitglieder dieser Gruppe leben in der Regel zusammen in einem bestimmten Gebiet, das deutsche Volk in Deutschland, die Franzosen in Frankreich usw. Ein Volk hat eine gemeinsame Herkunft, Geschichte, Kultur. Seine Menschen sprechen meist auch dieselbe Sprache. Allerdings muss das nicht immer zutreffen. Es gibt viele verschiedene Dialekte, auch ganz unterschiedliche Sprachen, wie man in der Schweiz sieht oder in Kanada. Zum Volk der Vereinigten Staaten gehören zum Beispiel Menschen vieler Hautfarben und ganz unterschiedlicher Herkunft. Man spricht in solchen Fällen auch von einer Nation (das kommt aus dem Lateinischen). Dieser politische Begriff verweist mehr auf das Zugehörigkeitsgefühl der Menschen eines Landes, in dem der Austausch zwischen den Menschen mit unterschiedlicher Herkunft gefördert werden sollte. Das entspricht dem Verständnis der modernen demokratischen Staaten, die in ihren Verfassungen festgelegt haben, dass kein Mensch wegen seiner Rasse, Hautfarbe, Sprache, Religion benachteiligt werden darf. Jeder Mensch darf in Freiheit - und ohne dabei behindert zu werden - leben.

Aus Christoph Dieckmann, "Das Gift für den Boden der Demokratie" in: Publik Forum, 9.7.2004 (S. 8f),* auch als Vortrag vor der "Regionalkonferenz der Bundesprogramme gegen Rechtsextremismus"
Aber ich musste begreifen, dass es auch Kollektiv-Subjekte und -Erfahrungen gibt. Es gibt Volk, es gibt Heimat und Nationalität, es gibt auch kulturelle Konkurrenzen; darüber zu reden sollten wir nicht den Rechtsextremen überlassen. Unser liberales Reden neigt zur Privatisierung des Freiheitsbegriffs. Doch Bindungen und Gemeinerfahrungen gehören zur freien Einzelexistenz wie das Dorf zum Haus; und jedes Dorf verludert, das, statt Gemeinsinn zu organisieren, alle paar Jahre die Bewohner austauscht.
Gemeinsinn teilt man mit immer weniger Menschen. Das ist nicht nur eine Ost-Erfahrung. Flexibilität, oft von der Not erzwungen, wird zum Freiheitswert umgeschwindelt. Wir wandeln uns zum Volk von Flachwurzlern. Patchwork-Biografien werden normal. Arbeitsverhältnisse, Wohnzeiten, Ehen verkürzen sich, damit auch unsere Loyalitäten. Das Volk beginnt zu nomadisieren. Gerade deshalb wächst sein Bedürfnis nach kollektiver Selbstvergewisserung.
Schon vor zehn Jahren ging Ohnmacht durchs Volk: als die Asylantenheime brannten. Damals halfen Lichterketten. Das Volk schaffte es, sein Entsetzen zu bündeln und zu artikulieren. Pathetisch gesprochen, hat es damals Rechtsextremismus und rassistische Gewalt für "undeutsch" erklärt. Lichterketten und Justiz - beides signalisierte, dass es ein Erreichtes geben muss, hinter das Gesellschaft und Staat ohne Verlust ihrer Würde nicht zurückfallen können, so unstrittig wie keine deutsche Regierung die Todesstrafe wieder einführen darf. Ebenso unstrittig ist jede deutsche Regierung der sozialen Marktwirtschaft verpflichtet, damit das Volk nicht zerfällt in Sieger und Menschen vom Müll. Jeder Dauerarbeitslose geht als Demokrat verloren. Solche Leute stützen keine Gesellschaft. Schon gar nicht betreiben sie einen Aufstand der Anständigen.

Aus "Ohne Demokratie keine Ökologie", in: "Ökologie&Politik", Journal der ÖDP, Nov. 2004 (S. 11)
Wilhelm von Humboldt sah "in der Welt zwei wohltätige Potenzen: Gott und das Volk". Diese Sichtweise rechtfertigt Vertrauen in das Volk.

Aus "Arafats letzter Sieg" in Junge Welt vom 12.11.2004 (S. 10, Autor: Werner Pirker)
Sein bleibendes Verdienst ist es, das palästinensische Volk auf das Niveau eines selbständigen Subjekts in der Weltpolitik gehoben ... zu haben.

Aus Hobbes, T., 1642: "Vom Menschen. Vom Bürger". Meiner Hamburg 1994 (S. 198)*
Das Volk ist eine Einheit mit einem Willen und ist einer Handlung fähig; all das kann von einer Menge nicht gesagt werden. Das Volk herrscht in jedem Staate, selbst in der Monarchie; denn da äußert das Volk seinen Willen durch den eines Menschen. ... und (wenn dies auch paradox ist) der König ist das Volk.

Aus Hardt, M./Negri, A, 2002: Empire. Campus Verlag Frankfurt (S. 117)*
Die Identität des Volkes wurde auf einer imaginären Ebene konstruiert, welche die Unterschiede entweder verbarg und/oder eliminierte; in der Praxis entsprechen dem die rassistische Unterwerfung und die soziale Säuberung. Der zweite grundlegende Schritt bei der Konstruktion des Volkes, der durch den ersten erleichtert wurde, besteht darin, die internen Unterschiede mittels Repräsentation der gesamten Bevölkerung durch eine hegemoniale Gruppe, Rasse oder Klasse zu verwischen.

Volk = Leute
Aus Ralf Burnicki (1998): "Anarchie als Direkt-Demokratie", Syndikat A in Moers (S. 9)
Wer ist das "Volk"? Die Antwort ist einfach. Dies sind alle Leute, die von einer Politik betroffen sind, egal, welche Sprache, Religion, Hautfarbe oder Ohrgröße sie haben.

Aus Wikipedia zu "Demokratie"
... das "Volk" (griech. demos), d.h. die Gesamtheit der vollberechtigten Bürger

Das Volk regiert bereits - mit Nation und Präsident ... oder in Form seiner Vertreter_innen (Parlamente)
Aus Abraham Lincoln, Gettysburg Address (19.11.1863), zitiert nach: Massing, Peter/Breit, Gotthard (2002): „Demokratie-Theorien“, Wochenschau Verlag Schwalbach, Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn (S. 165)*
... - daß wir hier feierlich erklären, diese Toten sollen nicht umsonst gestorben sein, daß die Nation, mit Gottes Beistand, eine Neugeburt der Freiheit erlebe und daß da Regieren des Volkes, durch das Volk und für das Volk von dieser Erde nicht wieder vergehen soll.

Aus einem Rundschreiben von Mehr Demokratie am 15.8.2016
Jetzt muss CETA auch in den 28 Mitgliedsstaaten ratifiziert weren. Und siehe da, das Volk hat also den Hut wieder auf. So soll es sein.

Im Original: Gibt es "Volk"?... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Martin H.W. Möllers (2014): „Volkssouveränität und Sicherheitspolitik“
Der Souverän steht damit auch über den von ihm selbst geschaffenen Gesetzen. Souveränität, die "suprema potestas", ist also die oberste oder höchste Gewalt im Staat, der Souverän Träger dieser Staatsgewalt, der kraft seines Willens die Geschicke des Staates bestimmt. …
Volkssouveränität bedeutet im Grundsatz, dass das Volk Träger der obersten Gewalt im Staat ist ("populi potentia omnium rerum"), dass also der "Volkswille" die Geschicke des Staates bestimmt. Wer alles zum "Volk" gehört, wird dabei hier unberücksichtigt gelassen, denn eine Mehrheitsherrschaft gibt keine Antwort auf die Frage, wie die Gruppe zusammengesetzt sein muss, innerhalb derer die Mehrheit entscheidet. (S. 19)
In einer entwickelten und sich weiter entwickelnden Gesellschaft gibt es nämlich nicht die "eine Wahrheit, wie sie in monistischen und totalitären Staatsformen (z. B. Nationalsozialismus oder Stalinismus) von oben als verbindliche Einheits Ideologie vorgegeben ist, sondern mehrere, verschiedenartige bis sogar gegensätzliche Meinungs und Interessenströmungen sowie die dazugehörigen Ideologien. Es herrscht also faktisch das pluralistische System der Parteien und Verbände dank der Pluralismustheorie Ernst Fraenkels. Pluralismus ist nämlich das Gegenbild zu dem Modell einer homogenen, bzw. - negativ - gleichgeschalteten Gesellschaft und zu autoritären bzw. totalitären Staatsvorstellungen. In einer pluralistischen Gesellschaft bleibt ein homogen gedachter Volkswille also immer Fiktion. Wenn voraussetzungsgemäß alle dasselbe wollen, müssten dennoch auftretende Konflikte geleugnet und unterdrückt werden. Das Volkssouveränitätskonzept der allumfassenden Handlungskompetenz des Volkes - wie es von der identitären Demokratietheorie vertreten wird - ist damit tatsächlich veraltet bzw. undurchführbar. …
Da es immer mehr Möglichkeiten des Erlebens und Handelns im 21. Jahrhundert gibt als durch den menschlichen Aufmerksamkeitsbereich aktualisiert werden können, muss der Mensch selektieren, um überhaupt sinnhaft erleben und handeln zu können.
Damit lassen sich nicht mehr einzelne Entscheidungssubjekte oder etwa das "Volk" als Träger des Entscheidungswillens festlegen. Vielmehr schafft die Ersetzung der traditionellen Merkmale von Demokratie durch funktionalistische Kriterien - im Hinblick auf die Fähigkeit des Systems sich selbst zu erhalten - keine echte Legitimitätsbasis für Demokratie. So ist nicht das Volk, sondern nur das politische System in seiner Gesamtheit souverän.
Das politische System in seiner Gesamtheit ist aber labil, insbesondere in Bezug auf die von ihm ausgehenden Entscheidungen. Nicht alle relevanten gesellschaftlichen Gruppen können angemessen Einfluss auf politische Entscheidungen ausüben. Zum einen besteht bei zu starkem Pluralismus die Gefahr, dass es zur völligen Zersplitterung der gesellschaftlichen Gruppen kommt, somit also zu Desintegration und Atomisierung der Gesellschaft und damit des gesamten politischen Systems. Zum anderen gibt es das Problem der sozialen Chancen(un)gleichheit. Es muss befürchtet werden, dass bei übermäßigem Druck und Einfluss partikularer Interessen(verbände) das Ge-samtinteresse der Gesellschaft, umgangssprachlich als Gemeinwohl bezeichnet, zu kurz kommt. …
Vor allem aber ist festzustellen, dass in den heutigen politisch gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen sich öffentliche und private Bürokratien verflechten und zum Teil auch neue Korporationen bilden, die weitere Interdependenzen begründen. Diese Verflechtungen unterlaufen dann das politische Entscheidungsmonopol. Zusätzlich vernetzen sich in fast allen wichtigen Regelungsbereichen die Handlungen von Politikern, Wissenschaftlern und Unternehmern und geraten in unübersehbare Abhängigkeiten von gesellschaftlichen Kreisläufen. Damit muss in Frage gestellt werden, ob tatsächlich überhaupt noch politische Entscheidungen von einem politischen System getroffen und verantwortet werden. So scheint auch das Souveränitätskonzept der Systemtheorie am Ende zu sein. … (S. 21ff)
Die herrschende Verfassungstheorie negiert die Existenz eines jeden Subjekts der Souveränität. Mit der gleichen Logik wie die Systemtheorie zieht auch sie nicht mehr das Volk als Träger von Willen in Betracht, sondern erniedrigt es zum bloßen Publikum und ordnet die Souveränität institutionalisierten und als System strukturierten Organisationskomplexen zu. … (S. 24)
Auf den ersten Blick scheint das Volk - wenigstens mittelbar - doch noch an den wesentlichen politischen Entscheidungen beteiligt zu sein. Denn es wählt ja den Bundesstag und die Landtage, die wiederum über die Wahl der Landesregierungen den Bundesrat zusammensetzen; Bundestag und Bundesrat wählen je zur Hälfte die Bundesverfassungsrichter, die somit letztendlich durch das Votum des Volkes legitimiert sind. Eine ähnliche Legitimationskette kann auch für die Wahl der Richter der anderen obersten Gerichtshöfe des Bundes aufgebaut werden. Die Beteiligung des Volkes reduziert sich aber schon aus einem rein formalen Grund auf null. Denn das Volk hat nicht die Möglichkeit, einen missliebigen Richter am Bundesverfassungsgericht abzuwählen, sondern muss geduldig bis zum Ablauf der regulär zwölf Jahre dauernden Amtszeit warten.
Aber selbst unterstellt, an den politischen Entscheidungen der Richter wäre das Volk noch beteiligt, dann gilt es zu untersuchen, ob - wenigstens - die Bundesrichter auch tatsächlich Aufgaben der permanenten verfassungsgebenden Gewalt wahrnehmen.
Die Gerichte sind nach Art. 20 Abs. 3 GG an Gesetz und Recht gebunden. Sie können daher de jure nicht die Verfassung der Dynamik gesellschaftlicher Entwicklungen anpassen, sondern zwängen gerade umgekehrt gesellschaftliche Veränderungen in die bestehende Verfassungsordnung. So müssen wir auch hier zu demselben bereits bei den Konzepten der System und Verfassungstheorien dargelegten Ergebnis kommen: In der gegenwärtigen Gesellschaft ist Souveränität faktisch abwesend. (S. 26)
Als konkreter Ausblick erscheint der Ansatz von Ingeborg Maus, der besagt: Das Volkssouveränitätskonzept muss die Forderung enthalten, dass die Verfassung der Dynamik gesellschaftlicher Entwicklung jeweils angepasst werden muss. Da gegenwärtig nur eindimensionale institutionelle und theoretische Anpassungsleistungen erbracht werden, ist es notwendig, die veränderten gesellschaftlichen Kontexte ausreichend zu berücksichtigen. Dies kann nur in der Initiative der Entwicklung des Rechts durch das Volk liegen. … (S. 29)

Das von den Kritikern ins Feld geführte Verständnis von "Staatsvolk" postuliert darüber hinaus im Akzent der Silbe "Volk" die Existenz einer vorgegebenen politischen Einheit. So definierte schon der berühmt berüchtigte Carl Schmitt den Staat als politische Einheit eines Volkes4 und den Pluralismus als eine "Theorie der Auflösung des Staates" bzw. der "politischen Einheit".Konstituierendes Element der politischen Einheit war für Schmitt das "Freund Feind Verhältnis". Der politische Feind „... ist eben der andere, der Fremde, und es genügt zu seinem Wesen, dass er in einem besonders intensiven Sinne existentiell etwas anderes und Fremdes ist, sodass im extremen Fall Konflikte mit ihm möglich sind.“ …
Ein „Staatsvolk“ als eine wesensmäßig gegebene politische Einheit konnte es für Kelsen nicht geben:
"Eben darum muß man sich von der üblichen Vorstellung emanzipieren, derzufolge das Staatsvolk ein räumliches Zusammensein, ein seelisch körperliches Konglomerat und als solche eine unabhängig von aller Rechtsordnung existente Einheit einer Vielheit von Menschen ist.“
Denn es ist „… eine Fiktion, wenn sich die durch die staatliche Rechtsordnung konstituierte Einheit einer Vielheit einzelmenschlicher Akte, indem sie sich als 'Volk' bezeichnet, als 'ein Inbegriff von Menschen' ausgibt und so vortäuscht, daß alle Menschen, die nur mit einzelnen ihrer von der staatlichen Ordnung gebotenen oder verbotenen Handlungen zum Staatsvolk gehören, mit ihrem ganzen Wesen dieses Staatselement bildeten."
Wenn sich überhaupt das "Staatsvolk" als "Einheit' begreifen lässt, dann - so Kelsen - nur als juristischer Tatbestand, als die „… Einheit der das Verhalten der normunterworfenen Menschen regelnden staatlichen Rechtsordnung... Als solche Einheit ist das 'Volk' gar nicht - wie die naive Vorstellung vermeint - ein Inbegriff, ein Konglomerat gleichsam von Menschen, sondern nur ein System von einzelmenschlichen Akten, die durch die staatliche Rechtsordnung bestimmt sind" und „... ist die Einheit des Volkes nur durch die Einheit der Rechtsordnung begründet." …
Der politische Status des Bürgers in der Gesellschaft wird folglich durch die dauerhafte "Normunterwerfung" - unter die zwischen den Bürgern ausgehandelte "gute Ordnung" (= Verfassung) - konstituiert. Insofern muss hier auch nichts mehr "integriert" noch darüber hinausgehende "Loyalitätsbekundungen" erbracht oder "Identitätskonflikte" befürchtet werden. …
„Das ist im Ausgangspunkt zutreffend, kann jedoch nicht zu einer Auflösung des Junktims zwischen der Eigenschaft als Deutscher und der Zugehörigkeit zum Staatsvolk als dem Inhaber der Staatsgewalt führen. Ein solcher Weg ist durch das Grundgesetz versperrt."

Das »Volk« ist keine Einzelinstanz mit einem freien Willen, sondern eine (meist sehr große) Anzahl von gleichberechtigten Individuen, von denen jedes seinen eigenen, freien Willen hat. Aufgabe demokratischer Systeme ist es also, sich so zu organisieren, dass dabei die Einzelinteressen ausgeglichen werden und sich die Entscheidungen nach einem emergierenden Gesamtwillen richten. Da in der Praxis jedoch das Staatsvolk nicht über jedes Detail des politischen Tagesgeschäftes entscheiden kann, haben sich alle bestehenden Demokratien dergestalt organisiert, dass – meist auf mehreren Ebenen wie Gemeinde, Land, Staat etc. gestaffelt – Teile der Souveränität in Einzelentscheidungen an gewählte Volksvertreter abgegeben werden. Das Volk gibt dann in Wahlen die »grobe Linie« vor, an der sich die Vertreter zu orientieren haben (bzw. in der Praxis orientieren, da davon ihre Wiederwahl abhängt). Diese Vertreter sollen als Repräsentanten der Wählergemeinde agieren, von der sie gewählt wurden und deren Interessen und Ziele sie in den entsprechenden Gremien im Interesse ihrer Wähler durchsetzen sollen. Der Einfluss, den das Volk als Souverän während der Amtszeit der gewählten Vertreter auf diese behält, unterscheidet sich in den unterschiedlichen Demokratieformen. In manchen Systemen wie in der Schweiz behält das Volk ein Vetorecht gegenüber den Entscheidungen der Volksvertreter, in anderen besteht lediglich ein Petitionsrecht, wieder andere beschränken sich auf das Wahlrecht für die Volksvertretung. Es gibt auch, darauf sei an dieser Stelle hingewiesen, immer wieder die Forderung nach einer Umsetzung von radikaldemokratischen Systemen, die ohne Volksvertreter auskommen sollen oder das Repräsentationsprinzip verachten (siehe z. B. Partizipatorische Demokratie). Dabei handelt es sich um theoretische Modelle, die in diesem Artikel nicht weiter betrachtet werden. Auch wenn Wahlen ein wesentliches Grundkriterium für Demokratien sind, so sind sie nicht die Einzige: Wesentlich zeichnet sich eine Demokratie durch die Freiheiten und Rechte aus, die ihre Bürger gegenüber dem Staat beanspruchen können. Damit muss eine Demokratie unabdingbar die Menschenrechte gewährleisten. Insbesondere sind in diesem Zusammenhang das bereits erwähnte Wahlrecht, das Diskriminierungsverbot, das Recht auf freie Meinungsäußerung und eine unabhängig funktionierende Judikative als konstituierende Grundbausteine einer Demokratie zu nennen.
(Quelle dieses Textes und der Links)

Steigerung von links: 5 Milliarden = ein Volk!
Aus einer Anzeige zu antichinesischer Politik rund um die Olympiade in Peking 2008 (unterzeichnet u.a. von Hans Heinz Holz, Uwe Hiksch, Ekkehard Lieberam, Ulla Loetzer, Hans Modrow, Norman Paech, Werner Pirker, Klaus von Raussendorff, Arnold Schölzel, Sahra Wagenknecht; abgedruckt in: Junge Welt, 29.5.2008, S. 6)
... das Volk, das ein Fünftel der Menschheit umfaßt, ...

Wer ist das Volk?

Volks-Herrschaft ist der Kampf um die Definitionsmacht
Wir sind das Volk ... der Spruch aus der Auflösungszeit der DDR. Er wandelte sich (unter tatkräftiger Propagandahilfe aus der BRD) in "Wir sind ein Volk". Aber auch die erste Version hatte es in sich: Hier definierten sich Menschen als Einheit und als das "echte Volk", während andere das nicht sind. Innen und außen werden nicht überwunden, sondern die Grenzen anders gezogen. Das Prinzip bleibt.

Wir sind das Volk (sprechen für das Volk), die anderen nicht!
Aus Lafontaine, Oskar, "Für Sozialaufbau", dokumentiert in: Junge Welt, 21.10.2006 (S. 10 f.)
Die große Koalition regiert am Volk vorbei. »Das Volk, welches die Macht ausübt, ist nicht immer dasselbe Volk wie das, über welches sie ausgeübt wird.« Diese Erkenntnis des liberalen Philosophen und Ökonomen John Stuart Mill ist über 150 Jahre alt. Seine kritische Einsicht ist in Deutschland längst Wirklichkeit geworden.

Nochmal Lafontaine - im Interview des Deutschlandradios, zitiert in: Junge Welt, 4.11.2006 (S. 4)
Der Bundestag entscheidet mit Mehrheit immer gegen das Volk ...

Ganz ähnlich Willi von Ooyen, ständig als selbsternannter Sprecher irgendeiner Friedensbewegung auftretend, in: Junge Welt, 28.3.2007 (S. 2)
Das Problem ist nicht so sehr Frau Merkel, sondern die fatale Mehrheit im Bundestag, die dem Streben des Volkes nach Frieden und Abrüstung keine Beachtung schenkt, geschweige denn nachkommen will.

Aus Karl Albrecht Schachtschneider (2012), "Die Souveränität Deutschland" (S. 38)
Volk ist ein Begriff der Ethik, also des Rechts, genauer: des Staatsrechts. Volk ist nur eine Ethnie, wenn das Staatsrecht das Volk ethnisch definiert. Wenn der Volksbegriff menschheitlich verfasst sein soll, muss er dem weltrechtlichen Prinzip der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit genügen. Zum Volk gehören danach grundsätzlich alle Menschen, die dauerhaft auf einem Gebiet wohnen. ... Die territoriale Rechtsgemeinschaft muss prinzipiell alle Menschen erfassen, die ein Gebiet bewohnen, um mit dem Recht den Frieden zu gewährleisten. Neben dem Volk kann eine Bevölkerung von Menschen ohne Staatsangehörigkeit dauerhaft nicht geduldet werden.
Um der allgemeinen Freiheit, die sich demokratisch in der Republik verwirklicht, eine Chance zu geben, muss das Volk hinreichend homogen sein (Rprp, s. 1177 ff).

Kein Volk, nur Propaganda

Aus: David Van Reybrouck (2016), "Gegen Wahlen", Wallstein Verlag in Göttingen (S. 28)
Dass diese Geschichte hinten und vorne nicht stimmt, ist hinlänglich bekannt. Es gibt nicht ein monolithisches Volk (jede Gesellschaft setzt sich aus diversen Teilen zusammen), es gibt nicht so etwas wie „Volksempfinden“. Und common sense ist das Ideologischste, was man sich vorstellen kann. Common sense ist Ideologie, die sich weigert, ihre eigene Ideologie zu sehen, ein Zoo, der aufrichtig glaubt, unberührte Natur zu sein. Dass jemand organisch mit der Masse verschmolzen sein kann, durchdrungen von ihren Werten und mit einem untrüglichen Bewusstsein für ihre veränderlichen Sehnsüchte, tendiert denn auch eher zu Mystik als zu Politik. Es gibt keine Grundströmung, nur Marketing.

Das Volk handelt ...

Aus "Es geht nur um ihn" von Markus Deggerich und Gunther Latsch, in: Spiegel 37/2005 (S. 48)*
Dort nämlich hat Oskar, mit "französischen Freunden", am Abend des Referendums die Ablehnung der Europäischen Verfassung gefeiert und "gespürt", dass "das Volk die Dinge wieder selbst in die Hand genommen hat"

Aus Joseph A. Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, zitiert in: Massing, Peter/Breit, Gotthard (2002): „Demokratie-Theorien“, Wochenschau Verlag Schwalbach, Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn (S. 184, mehr Auszüge ...)*
Kollektive handeln jedoch beinahe ausschließlich dadurch, daß sie eine Führung akzeptieren - es ist dies der beherrschende Mechanismus praktisch jedes kollektiven Handelns, das mehr ist als bloßer Reflex.

Aus Locke, John, "Zwei Abhandlungen über die Regierung" (II § 198), zitiert in: Gebhardt, Jürgen/Münkler, Herfried (1993), "Bürgerschaft und Herrschaft", Nomos in Baden-Baden (S. 165)
Denn wo die Majorität nicht auch die übrigen verpflichten kann, kann die Gesellschaft nicht als ein einziger Körper handeln und wird folglich sofort wieder aufgelöst werden.

William Penn,1644 - 1718 (aus einer Zitatesammlung)
Macht das Volk glauben, daß es regiert, und es wird sich regieren lassen.

Im Namen des Volkes

Aus dem Endplädoyer von Hermann Göring im Nürnberger Prozess 1946, zitiert nach Junge Welt, 14.3.2006 (S. 11)
Das einzigste Motiv, da mich leitete, war heiße Liebe zu meinem Volk, sein Glück, seine Freiheit und sein Leben.

Text von Werner Braeuner, JVA Oldenburg, Jan. 2005
"Augenblick der Wahrheit" heißt der Moment, in dem Stier und Torero sich in der Arna gegenüberstehen und der Kampf zur tödlichen Entscheidung kommt. Beinahe immer zieht der Stier dabei den kürzeren. Das Vieh ist zwar stark aber dumm und verwechselt den Angreifer mit dem roten Lappen, den dieser vor sich hält.
Angenommen, der rote Lappen sei ein Gesetzbuch, der Stier stünde für "das Volk" und der Torero für eine Große Strafkammer - mach ein solcher Vergleich Sinn? Sicherlich nicht für Menschen, die glauben, Recht habe etwas mit Gerechtigkeit zu tun, weil Gerichtsurteile "im Namen des Volkes" gesprochen werden. Zudem werden Rechtgläubige nicht zustimmen, jenes "Volk" sei - so wie ein Stief - zwar stark aber dumm. Über allem die Schwierigkeit, ein Volk nicht einmal befragen zu können, denn es besteht aus lauter verschiedenen Personen mit verschiedenen Einzelmeinungen.
Im weiteren zu sehen, wie ein ehemaliger französischer Justizminister solche Fragen umgeht; anstatt von Volk, spricht er einfach von "Gesellschaft". Die ist offenbar ein höheres Einzelwesen mit höherer Einzelmeinung, nämlich jener berüchtigten herrschenden Meinung, welche bekannt die der Herrschenden ist. Ganz in diesem Sinne sagte Robert Badinter, Justizminister der Regierung von Francois Mitterand, kürzlich anläßlich einer Rede in Paris folgenden bemerkenswerten Satz: "Keine Gesellschaft ist bereit, ihren Gefangenen bessere Existenzbedingungen zu bieten als ihren jeweils ärmsten Bevölkerungsschichten." (F.A.Z. vom 7.12.2005, Seite N3).
Es sei dem französischen Ex-Justizminister verziehen, Gesellschaft und Justizministerium zu verwechseln ...

Peinlich: Linksparteioberer zu Wahlen
Aus einem Interview mit dem hessischen Fraktionschef Willi van Ooyen, in: FR, 4.12.2008 (S. D8 Hessen)*
Einen Ackermann können die Menschen nicht wählen. Den Ministerpräsidenten und das Parlament als Kontrollinstanz schon.
*Peinlich deshalb, weil erstens hier "die Menschen" suggeriert, als wenn auch individuelle Meinungen zur Geltung kommen und nicht nur das Wahlergebnis als Kollektivausdruck. Und zweitens, weil der Ministerpräsident gar nicht in Wahlen bestimmt wird.

Der Kampf der Eliten: Wer spricht für das Volk?

Aus "Fusion abgesegnet" in: Junge Welt, 26.3.2007 (S. 1) aus einer Rede Oskar Lafontaines:
Es habe sich gezeigt, daß der Bundestag in schöner Regelmäßigkeit mit Zweidrittelmehrheit Entscheidungen fälle, die von mindestens zwei Dritteln des Volkes abgelehnt würden.

Aus "Kurzlebige Beschlüsse", in: Junge Welt, 26.3.3007 (S. 3) aus einer Rede von Klaus Ernst:
Wir brauchen eine starke Linke, damit das Volk überhaupt noch eine politische Vertretung hat, Kolleginnen und Kollegen.

Im Original: Eliten ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Martin H.W. Möllers (2014): „Volkssouveränität und Sicherheitspolitik“ (S. 23)
Vor allem aber ist festzustellen, dass in den heutigen politisch gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen sich öffentliche und private Bürokratien verflechten und zum Teil auch neue Korporationen bilden, die weitere Interdependenzen begründen. Diese Verflechtungen unterlaufen dann das politische Entscheidungsmonopol. Zusätzlich vernetzen sich in fast allen wichtigen Regelungsbereichen die Handlungen von Politikern, Wissenschaftlern und Unternehmern und geraten in unübersehbare Abhängigkeiten von gesellschaftlichen Kreisläufen. Damit muss in Frage gestellt werden, ob tatsächlich überhaupt noch politische Entscheidungen von einem politischen System getroffen und verantwortet werden. So scheint auch das Souveränitätskonzept der Systemtheorie am Ende zu sein.
Das Volk entsteht durch die Vertretung des Volkes

Hobbes, Thomas, "Leviathan", Chapter XVI: Of Persons, Authors, and Things Personated, zitiert in: Altvater, Elmar (2005), "Das Ende des Kapitalismus wie wir ihn kennen", Westf. Dampfboot in Münster (S. 201)
A multitude of men are made one person when they are by one man, or one person, represented.

Kollektive Identität im Kampf der Kulturen
Aus Gröhe, Hermann, „Karikaturenstreit mit Folgen“, in: chrismon 4/2006 (S. 10)
Wir im Westen sollten für unser Verständnis einer freiheitlichen Gesellschaft selbstbewusst eintreten, ...
*Der Autor ist CDU-Bundestagsabgeordneter und Herausgaben des christlichen Magazins „Chrismon“

Aus einer Rede von Raul Castro, amtierender Präsident von Cuba (von seinem Bruder dazu ernannt - wie sich das gehört in einem Führerstaat) auf der Konferenz der Blockfreien, dokumentiert in: Junge Welt, 18.9.2006 (S. 3)
Die hier Versammelten repräsentieren die gewaltige Mehrheit der Völker der Erde.

Aus der Rede von Hugo Chavez Frias nach dem Verfassungsreferendum am 15.2.2009, in: Junge Welt, 25.2.2009 (S. 10 f.)
Volk, befiehl, ich werde zu gehorchen wissen! Ich bin ein Soldat, ihr seid mein Chef. Ich bin ein Soldat des Volkes, verfügt über diesen Soldaten, entscheidet ihr, und ich werde dem Befehl des Volkes gehorchen. ...
Dieser heutige Sieg ist ein Sieg von ganz Venezuela, es ist auch ein Sieg derjenigen, die nicht abgestimmt haben, es ist sogar ein Sieg derjenigen, die mit »Nein« gestimmt haben, auch wenn sie das nicht akzeptieren und nicht verstehen. Das ist ein Sieg Venezuelas, und sie sind Teil dieses Landes. ...
Ich sage dies mit den Worten des heiligen Paulus, diesem Kämpfer für die Völker. Von heute an, erkläre ich, verzehre ich mich mein ganzes Leben lang im vollen Dienst für das venezolanische Volk, und ich werde mich gerne verzehren, wie es der heilige Paulus sagt. ...
Das Volk muß der Hauptakteur bei der Bewältigung dieser Aufgaben sein, denn diese Demokratie muß jeden Tag mehr authentischer, revolutionärer, protagonistischer und eine Volksdemokratie sein. ... Euch ist es gelungen, die Lüge zu besiegen und die Wahrheit durchzusetzen. ... von heute an ist ein großes Potential erwacht, daß geschlafen hatte, und dieses Potential heißt Heimatland, das ewige Heimatland, das bleibende Heimatland, das dauerhafte Heimatland, das große Heimatland, das, und ich wiederhole mich, niemals wieder diesen Banden in die Hände fallen wird, die das Volk und das venezolanische Heimatland ausplündern wollen.
Denn alle, die heute für das »Ja« gestimmt haben, haben für den Sozialismus gestimmt, für die Revolution; und alle, die heute für das »Ja« gestimmt haben, haben für Chávez gestimmt. Für Chávez zu stimmen bedeutet für euch selbst zu stimmen, für unsere Kinder, für unsere Zukunft. ...
Dieser Tag war lang, es war ein langer Tag voller Anstrengung und der Tag eines großen Sieges. Von hier aus wiederhole ich den Aufruf an alle, daß wir die nationale Einheit verstärken, die Einheit des Volkes, damit ganz Venezuela niemals wieder zurückfällt, damit die Zukunft des sozialistischen Heimatlandes jeden Tag größer wird. Was für ein großer Kampf, Vater! Was für ein großer Sieg, Mutter! Was für ein großer Sieg! Das heutige Beispiel ist ein weiteres Beispiel dafür, daß das venezolanische Volk wie ein großer kollektiver Lazarus von den Toten auferstanden ist und hier erneut sein neues Heimatland aufbaut, unser gutes Heimatland, unser schönes Heimatland. Gott segne euch, Jugendliche, Gott segne ganz Venezuela.
Immer bis zum Sieg! Heimatland, Sozialismus oder Tod! Wir werden siegen! Es lebe Venezuela! Es lebe das Volk!

Aus Alex Demirovic, "Wirtschaftsdemokratie, Rätedemokratie und freie Kooperationen", in: Widerspruch 55 (2/2008, S. 58 f.)
Die liberalen Demokratien der OECD-Staaten legen mehr oder weniger explizit fest, daß die Staatsgewalt vom Volke ausgeht. Daraus ergibt sich das unlösbare Problem aller modernen Demokratien und Demokratietheorien, daß sie sich auf eine Grundlage stützen, die sie selbst nicht begründen können: das Volk. Den Verfassungen oder demokratietheoretischen Unterstellungen zufolge gibt sich das Volk eine Verfassung und bestimmt die Ausübung staatlicher Gewaltausübung. Doch wer gehört zum Volk zu dem Zeitpunkt, da es sich die Verfassung erst noch geben wird? Als politisch verfasstes Volk existiert das Volk erst, nachdem es sich bereits die Verfassung gegeben hat, erst ab diesem Moment kann es definieren, wer dazu gehört und wer nicht. Es konstituiert sich also durch den Akt der Verfassungsgebung, der es als solches aber bereits voraussetzt. "Volk" ist ein irrationeller Ausdruck. Er kann nicht begründet werden. Das Volk gibt es vor der Verfassung nicht. Wird aber der Volkssouverän durch die Verfassung als politische Körperschaft konstituiert, muss er einen einheitlichen Willen haben, der die Gestalt von allgemeinverbindlichen Gesetzen annimmt. Doch die Einheitlichkeit des Willens des Volkes ist nicht möglich. Entsprechend gibt es ständige Auseinandersetzungen darum, was als allgemeiner Wille des Volkes verstanden werden kann und was seinem Wohl dient. Wird der Wille des Volks also nicht substanzialistisch unterstellt, insofern er im einmaligen Gründungsakt des Gemeinwesens selbst schon immer enthalten ist, so kann und muss pluralismustheoretisch angenommen werden, daß sich der Wille des Volks im Durchschnitt aller Entscheidungen durchsetzt.
Doch dieses Volk und sein Wille gelangen niemals zu einer letzten und authentischen Entscheidung. Soweit das Bürgertum glauben mochte, daß dies möglich sei, wurde es eines Besseren belehrt. Denn es erwies sich, daß der Bezug auf einen letzten Willen des Volkes letztlich zur Usurpation des allgemeinen Wohls zugunsten einer partikularen Gruppe führen musste. Die Politik und die Demokratie der bürgerlichen Gesellschaft basieren demnach auf der Instanz des Volkssouveräns, den es nicht gibt. Dennoch vollzieht sich in der Wirklichkeit alles so, als gäbe es ihn. Damit haben Volk und Volkssouveränität einen ähnlichen begrifflichen Status wie Gott: es gibt ihn nicht, dennoch bauen die Menschen Kirchen, Klöster und soziale Einrichtungen, sie beten und knien nieder, singen Lieder, töten andere im Namen Gottes und geben ihm damit Existenz ...

Ernst Robert Curtius
Je mehr die Nation Masse wird, um so nötiger sind ihr Eliten.

Legitimation: Das Volk sind die Besseren des Volkes

Götz Aly in einem Kommentar in der FR, 18.9.2012 (S. 10)
Unsere Politiker sind im Schnitt weit besser als wir, das von ihnen repräsentierte Volk; wir brauchen sie, weil sie für uns Konflikte lösen, die wir ohne sie niemals beherrschen könnten, weil sie sich - vergleichsweise dürftig bezahlt - für eine Gesellschaft abrackern, die sonst im Sumpf partieller Obsessionen und Egoismen versinken würde.

Der Souverän als Grundlogik aller Staatsformen

Souverän im Mittelpunkt und die Gesellschaft als sozialer Organismus
Aus Hardt, Michael/Negri, Antonio (2004): „Multitude“, Campus Verlag in Frankfurt (S. 361, mehr Auszüge ...)

Die gesamte Tradition der politischen Theorie scheint in einem grundlegenden Prinzip übereinzustimmen: Es kann nur »der Eine« herrschen, ganz gleich, ob man unter diesem Einen den Monarchen, den Staat, die Nation, das Volk oder die Partei versteht. Die drei traditionellen Regierungsformen, welche die Basis des antiken wie des modernen politischen Denkens in Europa bilden - Monarchie, Aristokratie und Demokratie -, reduzieren sich so betrachtet auf eine einzige Form. Bei der Aristokratie mag es sich um die Herrschaft der Wenigen handeln, aber dies auch nur insofern, als diese wenigen in einem einzigen Körper oder in einer einzigen Stimme vereint sind. Ähnlich lässt sich die Demokratie als die Herrschaft vieler oder aller auffassen, aber eben nur insofern, als sie zum Volk oder einem anderen Einzelsubjekt vereint sind. Dabei sollte jedoch klar sein, dass dieses Grundprinzip des politischen Denkens, wonach nur der eine herrschen kann, den Begriff der Demokratie unterhöhlt und negiert. Die Demokratie ist - in diesem Falle gemeinsam mit der Aristokratie - nur Fassade, denn de facto ist die Macht monarchisch.
Der Begriff der Souveränität bestimmt die Tradition der politischen Philosophie und dient gerade deshalb als Grundlage alles Politischen, weil ihm zufolge stets ein Einziger herrschen und entscheiden muss. Nur der eine kann souverän sein, so will uns die Tradition glauben machen, und ohne Souveränität gibt es keine Politik. Diese Ansicht wird von den Theorien der Diktatur wie etwa dem Jakobinismus ebenso vertreten wie von allen Spielarten des Liberalismus und dient jeweils als eine Art unvermeidliches erpresserisches Druckmittel. Die Wahl ist eine absolute: entweder Souveränität oder Anarchie! So sehr etwa der Liberalismus - und das sei hier besonders betont - für Pluralität und Gewaltenteilung eintritt, so sehr beugt er sich in letzter Instanz doch immer wieder den Notwendigkeiten der Souveränität. Irgendjemand muss herrschen, irgendjemand muss entscheiden. Das wird uns ständig als eine Art Binsenweisheit präsentiert, die sogar in sprichwörtlichen Wendungen Rückhalt findet: Viele Köche verderben den Brei. Um zu herrschen, um zu entscheiden, um Verantwortung und Kontrolle zu übernehmen, muss es einen Einzigen geben, alles andere endet in der Katastrophe. ...
Die Notwendigkeit des Souveräns ist die fundamentale Idee, die in der traditionellen Analogie zwischen dem gesellschaftlichen und dem menschlichen Körper ihren Ausdruck findet. Die Illustration, die das Frontispiz der Originalausgabe von Thomas Hobbes' Leviathan ziert und die von Hobbes selbst entworfen wurde, zeigt diese Idee auf ganz wundervolle Weise (vgl. dazu Schmitt 1938). Aus der Entfernung betrachtet, zeigt die Illustration den Körper des Königs, der die Erde überragt, aber bei näherem Hinsehen kann man erkennen, dass sich der Körper unterhalb des königlichen Kopfes aus Hunderten von winzigen Körpern der Bürger zusammensetzt, die seine Arme und seinen Oberkörper bilden. Der Körper des Souveräns ist hier im Wortsinne der soziale Körper als Ganzes. Diese Analogie dient nicht nur dazu, die organische Einheit hervorzuheben, sie soll auch die Teilung der sozialen Funktionen bekräftigen und als ganz natürlich erscheinen lassen. Es gibt nur einen Kopf, und die verschiedenen Gliedmaßen und Organe müssen dessen Entscheidungen und Befehlen gehorchen. Physiologie und Psychologie beglaubigen somit die offensichtliche Wahrheit der Souveränitätstheorie noch einmal. In jedem Körper gibt es eine einzige Subjektivität und einen rationalen Geist, der über die Leidenschaften des Körpers herrschen muss.
Wir haben weiter oben darauf hingewiesen, dass die Multitude aus genau diesem Grund kein sozialer Körper ist: Sie lässt sich nicht auf eine Einheit reduzieren und unterwirft sich nicht der Herrschaft des einen. Die Multitude kann nicht Souverän sein. Aus dem gleichen Grund lässt sich die Demokratie, die Spinoza als absolut bzw. »vollständig unumschränkt« bezeichnet, nicht als Regierungsform im traditionellen Sinne verstehen, denn sie reduziert die Pluralität jedes Einzelnen nicht auf die einheitliche Gestalt der Souveränität. Unter streng praktischen, funktionalen Gesichtspunkten, so erklärt uns die Tradition, kann die multiple Menge keine Entscheidungen für die Gesellschaft treffen und deshalb ist sie für die eigentliche Politik irrelevant.

Auch kommunistische bis anarchistische Ideen vom Leitgedanken der Souveränität geprägt
Aus Hardt, Michael/Negri, Antonio (2004): „Multitude“, Campus Verlag in Frankfurt (S. 389, mehr Auszüge ...)
Möglichkeit einer vollständigen und absoluten Demokratie. Das Projekt der Demokratie muss deshalb heute als Voraussetzung für die Einführung von Demokratie alle bestehenden Souveränitätsformen in Frage stellen. In der Vergangenheit war die Zerstörung von Souveränität Kernbestandteil des kommunistischen und anarchistischen Vorhabens von der Abschaffung des Staates. Lenin erneuerte diese Vorstellung in seiner Schrift Staat und Revolution theoretisch, und die Sowjets waren darauf ausgerichtet, sie während der Revolution in der Praxis neu zu erfinden. Als vorrangiger Ort der Souveränität, die über der Gesellschaft stehe, transzendent sei und demokratische Artikulation verhindere, galt der Staat.

Der Staat als Abstraktion des imaginierten Allgemeinwillens
Aus Bakunin, Michail: "Marxismus - Freiheit - Staat"
Außerdem ist der Staat ähnlich wie die Kirche schon von Natur aus ein großer Opferer lebendiger Wesen. Er ist ein Willkürwesen, in dessen Herzen alle positiven, lebendigen, individuellen und lokalen Interessen der Bevölkerung sich begegnen, zusammenstoßen, einander wechselseitig zerstören und absorbiert werden in jener Abstraktion, die man das Allgemeininteresse, das Allgemeinwohl, die allgemeine Sicherheit zu nennen pflegt, und wo alle realen Einzelwillen einander aufheben in jener anderen Abstraktion, die den Namen Wille des Volkes trägt. Daraus folgt, daß dieser sog. Wille des Volkes niemals etwas anderes ist als die Opferung und die Negation aller realen Einzelwillen der Bevölkerung; gerade so wie das sogenannte Allgemeinwohl nichts anderes ist als die Opferung ihrer Interessen. Aber damit diese alles verschlingende Abstraktion sich Millionen von Menschen aufzwingen konnte, mußte sie von irgendeinem wirklichen Wesen, irgendeiner lebendigen Kraft getragen und repräsentiert werden. Nun, dieses Wesen, diese Kraft hat immer existiert. In der Kirche ist es die Geistlichkeit und im Staat – die herrschende Klasse.

Aus Prantl, Heribert: "Apfelbau-Demokratie", in: SZ, 18.10.2010 (S. 4)
Auch im Grundgesetz gibt es keine Schlichtung; es gibt dort nicht einmal Bürger. Es gibt dorf nur das "Volk", die "Deutschen" oder Subjekte namens "Jeder" oder "Jedermann". Die Staatsgewalt geht laut Grundgesetz "vom Volke aus" und nicht vom Bürger, und sie wird vom Volk in Wahlen und Abstimmungen ausgeübt - und wenn sie dann ausgeübt ist, ist man ihr unterworfen, nach Maßgabe der Gesetze des öffentlichen Rechts.

NGOs = Zivilgesellschaft = Volk?

Eine bemerkenswerte Variante des Verständnisses von "Volk" präsentieren selbsternannte VertreterInnen von sozialen Bewegungen und NGOs: Sie selbst seien die Keimzellen neuartiger Zivilgesellschaft und die VorreiterInnen für moderne Volksidentität. Deshalb müssten sie an den politischen Entscheidungen beteiligt werden ... womit das Motiv für diese Theorien deutlich wird: Eigene Machtfülle!

Aus Franco Russo, "Wer gibt die Verfassung?" in: Sozialistische Zeitung SoZ 12/2005 (S. 14, Russo war Koordinator der "Versammlung für die Charta der Grundsätze eines anderen Europa" in Florenz)
In diesem Prozess müssen das Europaparlament und die nationalen Parlamente, vor allem aber die sozialen Akteure eine Rolle spielen - die Migranten, die Gewerkschaften, die NGOs, die Parteien, die Bewegungen. Das "Volk auf der Straße" wird keine Verfassung ausarbeiten, aber es braucht einen öffentlichen Raum, in dem demokratisch gewählte Vertreter und Zivilbürger diskutieren und entscheiden können. ...
Ein europäisches Volk kann sich durch einen "verfassungsbildenden Gesellschaftsvertrag" herausbilden, an dem alle beteiligt werden müssen.

Aus Christian Meier, "Die Parlamentarische Demokratie", dtv in München (S. 7, 268)
Es ist gut, wenn eine rechtschaffene demokratische Verfassung selbstverständlich und zur Routine wird; wenn ein Volk seine Ordnung unaufgeregt und vielleicht gar mit jener Gelassenheit lebt, die auch einmal fünf gerade sein läßt. ..
Europäische Gesellschaften wollen nicht von undurchschaubaren Mächten, welcher Art sie auch sein mögen, gelenkt werden. Sie wollen nicht irgendwo treiben, ohne zumindest zu wissen, warum, wozu und wohin. Sie wollen wenigstens verstehen, was mit ihnen vorgeht, wenn sie es schon - jedenfalls zuweilen - nicht ändern können.

Guido Westerwelle, FDP-Boss, nach den Anschlägen auf das WTC und Pentagon am 11.9.2001
In dieser Zeit kann es keine Regierungs- und keine Oppositionsparteien mehr geben, sondern nur noch Deutsche.

Das Volk ist gar nicht da ... der "wahre" Volkswille als "mutmaßlich allgemeines Bestes" ...
Aus Besson, W./Jasper, G. (1966), "Das Leitbild der modernen Demokratie", Paul List Verlag München (herausgegeben von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, S. 35 ff)
Repräsentation bedeutet in erster Linie Darstellung und, Vergegenwärtigung eines nicht ohne weiteres oder überhaupt nicht sichtbaren, Verkörperung eines gar nicht körperhaft bestehenden Gebildes. Wenn das Parlament das Volk repräsentiert, dann stellt es das gesamte Volk dar, handelt und beschließt für das Volk. Volk selbst aber umschließt nicht nur die augenblickliche Wählerschaft, sondern auch die Wahlunmündigen und Wahlunfähigen. Zum Volk gehören die Großväter ebenso wie die Enkel, es umfaßt die ganze Kette der Generationen. Unter diesem Blickpunkt handeln auch die Wähler nur stellvertretend für das Volk, tragen also selbst einen repräsentativen Charakter. ...
Doch enthält die Idee der Repräsentation noch mehr. Die Wahl’ soll in den parlamentarischen Vertretungskörperschaften sozu­sagen das bessere Ich der Wählerschaft hervorbringen. Wählen schließt den Versuch nüt ein, eine demokratische Aristokratie, eine politische Elite hervorzubringen, nachdem die Herrschaft einer ständisch abgehobenen, vererbbaren Aristokratie in der industriellen Zivilisation ebenso widersinnig und unmöglich geworden ist wie die Erbmonarchie. Die Mitglieder der gewählten Elite der Demokratie können freilich abberufen werden. ...
Diese Funktion im Prozeß der politischen Willensbildung besteht nach der repräsentativen Theorie darin, den „wahren“ Volkswillen zu erkennen, der sich am mutmaßlichen allgemeinen Besten orientiert und keineswegs identisch sein muß mit der augenblicklichen Summe der Meinungen eines Volkes. ...
Wahl bedeutet also nicht Delegation von Volksboten, die im ,Parlament lediglich die Wünsche ihrer Wähler vortragen, sondern enthält eine Vertrauenserklärung an die Gewählten und ihre Fähigkeit, die wahren Interessen des Volkes richtig zu erkennen.

Aus: Historisches Lexikon der Schweiz
Staatsform, in welcher das "Volk" (griech. demos), d.h. die Gesamtheit der vollberechtigten Bürger, nicht ein Einzelner oder eine kleine Gruppe Mächtiger, die Staatsgewalt innehat.

Aus dem Heidelberger Online-Lexikon der Politik
Der Volkswille ist fiktiv ...

Die Völker handeln als Subjekte
Aus der Präambel der Charta der Vereinten Nationen
Wir, die Völker der Vereinten Nationen, ... haben beschlossen ...

Aus Fichte, Johann Gottlieb, "Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre" (1796). PhB 256, Nachdruck 1991, zitiert in: Weber-Fas, Rudolf (2003): Staatsdenker der Moderne, UTB Mohr Siebeck in Tübingen (S. 200, mehr Auszüge ...)
Wo ist denn die Gemeine, und was ist sie? Ist sie denn etwas mehr, als ein bloßer Begriff: oder, wenn sie etwas mehr sein soll, wie ist sie denn zu realisieren?
Hinweis: Fichte setzt den Begriff "Gemeine" für Volk ein.

Gute und böse Klassen: Volk als Kampfbegriff


Schlagzeile in der Jungen Welt über der Werbung für die Rosa-Luxemburg-Konferenz, 12.1.2008 (S. 16)

Das Volk im DDR-Staatsdenken
Aus "Volk" in: Klaus, Georg/Buhr, Manfred (1975), "Philosophisches Wörterbuch", VEB Bibliographisches Institut Leipzig (S. 1269)
Volk im politisch-soziologischen Sinne ist eine historische Kategorie. Sie umfaßt all jene Klassen und sozialen Schichten der Gesellschaft, die daran interessiert und objektiv dazu fähig sind, den gesellschaftlichen Fortschritt zu verwirklichen. Die anderen Klassen oder Schichten oder Teile von diesen, deren Interessen gegen den historischen Fortschritt gerichtet sind, gehören in diesem Sinne nicht zum Volk, sondern zur Kategorie der Volksfeinde. Zu allen Zeiten sind die Werktätigen der entscheidende Teil des Volkes. ...
Mit dem Aufbau des Sozialismus ... mit der Entwicklung der politisch-moralischen Einheit des Volkes ... wird der Begriff Volk identisch mit Bevölkerung des sozialistischen Staates. ...
Von allen werktätigen Klassen und Schichten ist gegenwärtig die Arbeiterklasse die entscheidende, wichtigste und schließlich führende Kraft des Volkes.

Aus dem Pionierlied "Unsere Heimat"
Und wir lieben die Heimat, die schöne. Und wir schützen sie, weil sie dem Volke gehört, weil sie unserem Volke gehört."

Ganz ähnlich bei Mühsam, Erich: "Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat", zitiert in: Grosche, Monika (2003): "Anarchismus und Revolution", Syndikat A in Moers (S. 19)
(Zum Staat) Er ist zentraler Ausführungsdienst einer vom Volk gelösten Klasse zur Beherrschung des entrechteten und zur beherrschten Klasse erniedrigten Volkes.

Aus "Volksmassen" in: Klaus, Georg/Buhr, Manfred (1975), "Philosophisches Wörterbuch", VEB Bibliographisches Institut Leipzig (S. 1270)
Die arbeitenden Klassen und Schichten sowie alle auf Grund ihrer objektiven historischen Stellung und Rolle fortschrittliche handelnden Klassen und Schichten. Die Volksmassen sind Schöpfer und Hauptkraft der Geschichte.

Aussage von Bakunin, zitiert in: Grosche, Monika (2003): "Anarchismus und Revolution", Syndikat A in Moers (S. 42 ff.)
... die Unwissenheit und namentlich die politischen und religiösen Vorurteile welche dank den Anstrengungen der herrschenden Klassen heute noch das natürliche Denken des Arbeiters und seines gesunden Gefühls verdunkeln. ...
Die arme Klasse, welche das eigentliche Volk bildet ...
Die Volksmassen sind zu Opfern stets bereit, bilden eine Macht und sind deshalb so brutal, wild und entschlossen, Heldentaten zu vollbringen (...), weil sie, die wenig oder garnichts besitzen, nicht vom Besitzstreben verdorben sind. ...
Die besten Männer der bürgerlichen Welt von Geburt und nicht aus Überzeugung und Ehrgeiz, können nur unter einer Bedingung nützlich sein, daß sie im Volk aufgehen, in der Sache, die nur das Volk betrifft.

Aus Elsässer, Jürgen: "Kein Fußbreit den Aliens" in: Junge Welt, 13.1.2006 (S. 10 f.)
Wichtigstes Element des Bolivarismus ist die Definition von Demokratie als Volksherrschaft im ursprünglichen Sinne. Der gesamte Umbau von Staat und Gesellschaft erfolgte durch plebiszitäre Akte: Bei den Präsidentschaftswahlen im Dezember 1998 entfielen 56 Prozent der Stimmen auf Chávez, im April 1999 stimmten 88 Prozent der Wähler für die Einberufung einer Konstituante, im Dezember desselben Jahres 71 Prozent für die neue Verfassung des nun als »Bolivarische Republik Venezuela« bezeichneten Staates. In dieser Verfassung ist die bürgerliche Gewaltenteilung nicht aufgehoben, aber durch direktdemokratische Möglichkeiten erweitert: Sowohl die Abgeordneten als auch der Präsident können ab der Mitte ihrer Amtszeit per Referendum abgewählt werden.
Alle Macht dem Volke
»Der Treibstoff der Geschichtsmaschine ist das sich bewußte und organisierte – nicht anarchische – Volk«, postuliert Chávez. ...
Die Linke muß den demokratischen Willen der Bevölkerung exekutieren, die aber will kurz- und mittelfristig nur den rheinischen Kapitalismus erhalten. ...

Jürgen Elsässer in: Maurer, Ulrich/Modrow, Hans (2006), "Links oder lahm?", Edition Ost in Berlin (S. 108 ff.)
Wichtigstes Element des Bolivarismus ist die Definition von Demokratie als Volksherrschaft im ursprünglichen Sinne. ...
»Der Treibstoff der Geschichtsmaschine ist das sich bewußte und organisierte - nicht anarchische - Volk«, postuliert Chavez. Daß dies auch für Europa gilt, zeigten die Volksabstimmungen im Frühsommer 2005, wo in Frankreich und den Niederlanden große Mehrheiten die neue EU-Verfassung ablehnten. So blockierte die direkte Demokratie den Vormarsch der Heuschrecken auf dem Kontinent - ihr erster großer Rückschlag in den Metropolen. ...

Aus Williams, Jessica (2006) , "50 Fakten, die die Welt verändern sollten", Goldmann Verlag München (S. 380)
Das amerikanische Volk ist der Ansicht, die Ausgaben für die Vereinten Nationen sind ihr Geld wert - nun bleibt ihm nur noch, seine Führer davon zu überzeugen.

Aus Kommentierungen von Hugo Chavez, dokumentiert in: Junge Welt, 9.8.2007 (S. 10 f.)
Wir sind auf dem Weg zum Sozialismus. Das Volk hat diesen Weg zum Sozialismus gewählt. Es will den Sozialismus ebenso wie das Vaterland ihn braucht.

Aus der Rede Mao Zedongs zum 28. Jahrestags der Gründung der KP Chinas am 30. Juni 1949 in: Ausgewählte Werke, Bd. IV, S.437–452; in: Junge Welt, 24.2.2007 (S. 15)
Im Inneren muß man die Volksmassen erwecken. Das bedeutet, die Arbeiterklasse, die Bauernschaft, das städtische Kleinbürgertum und die nationale Bourgeoisie zusammenschließen, unter Führung der Arbeiterklasse eine Einheitsfront bilden und einen von der Arbeiterklasse geführten, auf dem Bündnis der Arbeiter und Bauern beruhenden Staat der demokratischen Diktatur des Volkes gründen.

Barack Obama: "Wir werden als ein Volk stehen oder fallen"

Das bedrohte Volk

Aus Lafontaine, Oskar, "Privatisierung bringt keine Freiheit", in: FR, 23.9.2006 (S. 9)
Das Volk wird durch die Privatisierung öffentlichen Eigentums enteignet ...

Text von Max Brym zur sog. Unabhängigkeit des Kosovo am 18.2.2008 auf Indymedia
Der Rauschzustand muss tatsächlich verfliegen, denn das was als „Unabhängigkeit“ verkauft wird ist nichts anderes als organisierter Volksbetrug.

Volk als Kollektivsubjekt (z.B. der Souverän)

Aus: Informationen für politische Bildung Nr. 216 "Recht" (Neudruck 1991, S. 10)
Volkssouveränität
Im demokratischen Staat der Gegenwart liegt einer der Geltungsgründe des positiven Rechts (nicht der einzige, wie wir noch sehen werden) in der Idee der Volkssouveränität. Das Recht soll gelten, weil es sich auf den Willen des Volkes zurückführen läßt.

Aus Hobbes "Leviathan", Kapitel XVI (zitiert und ergänzt von Altvater, Elmar (2005): "Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen", Westfälisches Dampfboot in Münster (S. 201)
A multitude of men are made one person when they are by one man, or one person, represented.
Daran schließt Altvater an:
In der Repräsentation darf nicht die Verschiedenheit verschwinden. Doch eine Vereinheitlichung von Zielen und Formen der Auseinandersetzungen ist notwendig ...

Aus Hans Vorländer, Wege zur modernen Demokratie, in: Informationen zur politischen Bildung 284 (S. 16)*
Eine demokratische Revolution alleine hätte das Problem der Souveränität noch nicht lösen können. Denn trat der Demos an die Stelle des Monarchen, dann wurde zwar der Träger der Herrschaft ausgewechselt, das Problem der Bindungen und Beschränkungen aber blieb bestehen. Politische Souveränitätsausübung musste jedoch generell beschränkt werden, um zu verhindern, dass sie zur Despotie entartete.

Aus der Präambel des Grundgesetzes der BRD
Die Deutschen in den Ländern Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen haben in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands vollendet. Damit gilt dieses Grundge-setz für das gesamte Deutsche Volk.

Neben dem Kollektivsubjekt existiert eine Kollektividentität, die über Symbole des Gemeinsamen und Diskurse über kollektive Bestimmungen und Überzeugungen hergestellt wird.

Aus Forndran, Erhard (2002), "Demokratie und demokratischer Staat in der Krise?", Nomos in Baden-Baden (S. 76)*
Verfassungen beinhalten den ordnungspolitischen Grundbestand einer Gesellschaft. Sie halten die gemeinsamen, bei aller Pluralität bestehenden, Gemeinschaft bildenden Werte fest und symbolisieren sie. Neben Fahne, Hymne und Feiertagen stellen sie die geistige Einheit einer Gesellschaft her und drücken durch das je spezifische Ordnungsmodell die Eigenstaatlichkeit einer Gesellschaft aus. Neben der Steuerungsfunktion für politische Prozesse symbolisieren sie die kollektive Identität einer Gesellschaft. In ihnen spiegelt sich das jeweilige Menschenbild wider und in ihrem Wertgehalt beinhalten sie moralische Implikationen. Die Vorstellungen von einer guten Ordnung der Politik - seien sie nun durch das Naturrecht, Common sense oder andere Wurzeln von Wertpositionen begründet - führen zu einem normativen Regelwerk, das freilich erst durch seine Annahme von seiten der Bürger Einheit stiftet. ... Patriotismus und vor allem Verfassungspatriotismus ermöglichen offene Gesellschaften, weil sie individuelle Sicherheit zum unbefangenen Umgang mit dem Fremden erlauben. ...
Zusammenfassend läßt sich demnach festhalten: Verfassungen regeln nicht nur die Beziehungen zwischen Individuen und gesellschaftlichen Gruppen sowie zwischen Staatsorganen, sie beschreiben nicht nur die Freiheitsrechte des Einzelnen, sie formulieren in der Regel auch einen Grundkonsens der - dem Anspruch nach - für alle Angehörigen einer Nation geltenden Wertvorstellungen. In der politischen Praxis werden diese durch politische Eliten oder höchstens durch Mehrheitsbeschluß gefaßt, theoretisch aber verlangen sie die dauerhafte und grundsätzliche Zustimmung aller Bürger, soll aus ihnen eine Gemeinschaft begründet und das Gemeinwohl bestimmt werden.

Aus Hardt, Michael/Negri, Antonio (2004): „Multitude“, Campus Verlag in Frankfurt (S. 268 f., mehr Auszüge ...)
Viele der großen revolutionären Denker des 18. Jahrhunderts nämlich standen der Demokratie nicht nur reserviert gegenüber, sie fürchteten und bekämpften sie sogar ganz explizit und konkret. Repräsentation diente ihnen als eine Art Schutzimpfung gegen die Gefahren absoluter Demokratie; damit gibt man dem sozialen Körper eine kleine, wohl bemessene Dosis Volksherrschaft, und gleichzeitig impft man ihn gegen die gefürchteten Exzesse der Multitude. Häufig verwenden diese Autoren des 18. Jahrhunderts deshalb den Begriff Republikanismus, um diese Distanz gegenüber der Demokratie deutlich zu machen. ...
Das Volk ist für Rousseau nur dann souverän, wenn es einheitlich, homogen ist. Das Volk, so erklärt er, entsteht dadurch, dass es gemeinsame Verhaltensweisen, Sitten und Ansichten auf eine Weise bewahrt oder schafft, dass die Bevölkerung mit einer Stimme spricht und mit einem Willen handelt. Differenz ist ein Feind des Volkes. Eine Bevölkerung kann jedoch Differenz niemals vollständig eliminieren und mit einer Stimme sprechen. Die Einheit des Volkes lässt sich nur durch einen Vorgang der Repräsentation herstellen, der es von der Multitude trennt. Trotz der Tatsache, dass das Volk in eigener Person zusammenkommt, um seine Souveränität auszuüben, ist dabei die Multitude nicht präsent; sie wird lediglich vom Volk repräsentiert. Die Herrschaft aller wird bei Rousseau also paradoxer-, aber gleichwohl notwendigerweise auf die Herrschaft eines Einzelnen durch den Mechanismus der Repräsentation reduziert.

Aus Besson, W./Jasper, G. (1966), "Das Leitbild der modernen Demokratie", Paul List Verlag München (herausgegeben von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, S. 14)
Auch muß klar sein, daß es letztlich die Gesellschaft selbst ist, die sich durch das Medium des Staates diese Spielregeln setzt, deren Ziel die freiheitliche Ordnung des sozialen Lebens ist. Ordnung bedeutet deshalb hier immer nur Ordnung für die Freiheit, nie Ordnung um ihrer selbst willen.

Aus Le Guin, Ursula K. (1974), "Planet der Habenichtse", Wilhelm Heyne Verlag in München (S. 9 f.)
Da sie Mitglieder einer Gemeinschaft waren und nicht Elemente einer Masse, waren sie auch nicht von Kollektivgefühlen beherrscht; es gab so viele verschiedene Gefühle hier, wie es Menschen gab.

Richter, Emanuel (2004): "Republikanische Politik", Rowohlt in Reinbek (S. 11, 45)
Der Republikanismus ruft die natürliche Bindung des Individuums an das kollektive Leben in Erinnerung und verlängert diese Einsichten zu normativ schlüssigen Grundsätzen kollektiven Handelns. Die einzelnen Subjekte werden als soziale Elemente des kollektiven Lebens in den Mittelpunkt der Begründung von Politik gerückt. Die republikanische Grundsatzreflexion ruf nachdrücklich die Ausgangsposition des kollektiven Hanelns in Erinnerung: Politik ist ein strategisches Erfordernis des kollektiven Regelungsbedarfs zwischen interagierenden Individuen, aber sie ist auch ein Element der Sinnstiftung und Selbsterfüllung jeder Person durch die Einbindung in die kollektiven Entscheidungsprozesse. ...
Demokratie als Legitimationsform bedeutet die Rückführung aller politischen Herrschaft auf die kooperative Grundstruktur menschlicher Existenz und auf den kollektiv vermittelten Willen der Bürger. ... Die Volkssouveränität bringt die Soziabilität der je eigenen Existenz im öffentlichen Leben zum Ausdruck. Die Demokratie muss sich darin ausweisen, dass sie für alle Mitglieder eines Kollektivs die Erfahrung der Kooperation ermöglicht. Auf diese Weise stärkt die Demokratie den Zusammenhalt des Kollektivs, denn alle Bürger erleben im Rahmen eines territorial begrenzten Verbandes die gleichen politsichen Prozesse und Institutionen als eine Verkörperung ihrer jeweiligen kooperativen Bindungen. Aus dieser Hervorhebung kollektiver Bindungen reultiert die klassische republikanische Nähe zum Patrotismus, der affektiven Bindung der Bürger an das eigene Kollektiv.

Aus Elizabeth Heger Boyle/John W. Meyer, „Das moderne Recht als säkularisiertes globales Modell: Konsequenzen für die Rechtssoziologie“ in: Meyer, John W. (2005), "Weltkultur", Suhrkamp Verlag in Frankfurt (S. 184, der gesamte Text ...)
Der moderne Staat und seine Zwecke erlangen ihre Zentralstellung unter dem behaupteten kulturellen Dach des (vormals göttlichen) Rechts, das sich inzwischen in Wissenschaft und "Natur"recht verwandelt hat (obwohl auch heute die direkte Erwähnung spiritueller Kräfte keine Seltenheit ist). Souveränität ist ein höchst eigenartiger Anspruch: Beansprucht wird autonome Entscheidungsgewalt, aber gemäß externen, universellen Prinzipien und gerichtet an ein externes, oft universell gedachtes Publikum. Der Gedanke der Souveränität selbst entspringt nicht aus den einzelnen Nationen, sondern aus der globalen Anerkennung der Nationalstaatsform. ...
Als Legitimationsgrundlage für ihre Autorität behaupten moderne Staaten, von anderen Elementen als nur von der gesetzgebenden Instanz konstituiert zu sein: Die "Gesellschaft" wird entdeckt, und die Individuen erscheinen als »Bürger«. Hier werden wieder in großem Stil ältere religiöse Prinzipien der Gleichheit vor Gott übernommen, die jetzt säkularisiert und mit Hilfe von Prinzipien des wissenschaftlichen und des Naturrechts definiert werden. Die gewaltige Mobilisierungskraft des modernen Staates (Tilly 1975; 1990), aber auch eine Form kultureller Abhängigkeit, stammt aus seinem Anspruch und seiner Fähigkeit, sich Gesellschaft und Individuen in seine Struktur einzuverleiben.

Aus Marti, Urs (2006), "Demokratie - das uneingelöste Versprechen", Rotpunkt in Zürich (S. 124)
Die Idee der Volkssouveränität steht für den Anspruch auf Selbstbestimmung, den eine Gruppe von Menschen erhebt, die sich - im Sinne der Theorie - als Volk, das heißt als politisches Gemeinwesen, konstitutiert hat, oder - wie es in der realen Politik häufig der Fall ist - als Volk, das heißt als Gemeinschaft von Menschen, die sich nicht fremd sind, fühlt.

Aus einem Interview mit dem ehemaligen venezolanischen Außenminister Ali Rodriguez Araque, in: Junge Welt, 10.3.2007 (Beilage)
Ebenso müssen wir auf politischer Ebene die Macht neu organisieren. Wir befinden uns in einer Revolution, die vom Volk getragen wird. Dazu müssen wir neue Entwicklungen anstoßen. U.a. müssen wir diese Volksmacht institutionalisieren.

Aus einem Interview mit Radim Gonda, stellvertretender Vorsitzender des Kommunistischen Jugendverbandes Tschechiens (KSM), in: Junge Welt, 5.5.2007 (Beilage)
Der Streit um das Referendum und um direkte Demokratie ist äußerst aussagekräftig bei der Beantwortung der Frage, wer tatsächlich für die Volkssouveränität kämpft, und wer zwar oft das Wort »Demokratie« benutzt, aber zugleich jeden Versuch bekämpft, den Menschen reelle Macht in die Hände zu geben.

Selbst Wahlen (!) sind zu individuell ...
Aus Michael R. Krätke, "Eine andere Demokratie für eine andere Wirtschaft", in: Widerspruch 55 (2/2008, S. 11)
Das Volk, das arbeitende wie das nichtarbeitende, weiß auch bei hinreichender Allgemeinbildung keineswegs immer schon, was es will. Kollektive Entscheidungen lassen sich eben nicht, wie nach (neo)liberaler Phantasievorstellung, bruchlos in individuelle Entscheidungen auflösen. Kollektive und individuelle Entscheidungen haben unterschiedliche Zeithorizonte und unterschiedliche Reichweite. Kollektive Entscheidungen über gemeinsame, gesellschaftliche Angelegenheiten, im einzelnen Betrieb ebenso wie in der Gesamtwirtschaft, müssen vorbereitet, ermöglicht werden; ein kollektiver, politischer Wille muss geformt werden. ... Gerade wenn der gegenwärtige Vorrang individueller Wahlakte vor kollektiven Entscheidungen durchbrochen wird, wird es umso wichtiger, die Verbindlichkeit und die Verantwortlichkeit kollektiver Entscheidungen zu organisieren.

Wie entsteht ein Volk und wie kommt mensch da rein?

Kinder als Zwangsmitglieder

Aus Mill, John Stuart, "Über die Freiheit", übersetzt von B. Lemke, hg. von M. Schlenke 1974, Reclam Stuttgart (S. 5-23), zitiert in: Weber-Fas, Rudolf (2003): Staatsdenker der Moderne, UTB Mohr Siebeck in Tübingen (S. 294 f.)
Um die schwächeren Glieder der Gemeinschaft davor zu schützen, von unzähligen Geiern aufgefressen zu werden, war es notwendig, daß es ein Raubtier gab, das stärker als die übrigen war und das den Auftrag hatte, jene niederzuhalten. Aber da der König der Geier nicht weniger darauf ausgehen würde, die Herde zu berauben, als einer der kleineren Raubvögel, war es unumgänglich, in einer dauernden Verteidigungsstellung gegen seinen Schnabel und seine Klauen zu verharren. Daher war es das Ziel der Patrioten, Grenzen zu setzen gegen die Macht, welche der Herrscher erlaubterweise über die Gemeinschaft ausübte, und diese Grenzziehung war es, was man unter Freiheit verstand.

Positiver Bezug auf eigene Unterdrückung

Unterwerfung ... das Volk als Schafherde
Aus Agnoli, Johannes/Brückner, Peter (1967), "Die Transformation der Demokratie", Voltaire Verlag in Berlin (S. 21, 47)
Auf lange Sicht soll der einseitige Verzicht auf die Macht dazu führen, daß gerade die Abhängigen das System nicht nur akzeptieren, sondern auch verteidigen, das sie in Abhängigkeit hält. ...
Der Staatsbürger - zumal der staatsbürgerkundlich gebildete - weiß, daß er sich nicht mit allen Maßnahmen der Politik und mit allen Politikern zufrieden zu geben braucht. Er verfügt gegenüber der öffentlich Gewalt und deren Polizeivollzugsbeamten über ein "bestimmtes Maß an Würde". Er besitzt das kostbare Recht, personelle Veränderungen vorzunehmen - sofern diese von den Führungsgruppen selbst vorgeschlagen werden. Und all dies macht gerade seine Unmündigkeit aus: er stellt die Fragenach dem cui bono einzelner Gesetze und Verfügungen; ärgert sich über Ungerechtigkeiten des Ausgleichs, über Mißgriffe der Verwaltung (gegen die er verwaltungsgerichtlich vorgehen kann); er präsentiert auch seine Quittung. Die Frage nach der sozialen Funktion der Staates und nach dem cui bono der staatlichen Institute stellt er nicht. So schwindet die gesellschaftliche Qualität und die Parteilichkeit der als "eigenen" empfundenen Staatsorgane aus dem Blick.

Aus dem Buch "Die Welle"
Andere behaupteten, ihnen gefiele das Demokratische an dieser "Idee": die Tatsache, daß sie jetzt alle gleich seien.

Nationaler Stolz

Kollektive Identität ... das "Wir"

Aus Junge Linke, "Proud to be... so what? - Überlegungen über das Verhältnis von Emanzipation und kollektiven Identitäten" (Quelle)
Sagt man über einen Menschen, er habe eine Identität, dann kann das vernünftigerweise meinen, dass er sich als denkendes Wesen in einem Körper weiß, dass dieses Wesen in dieser Einheit einiges mitzumachen hat und dies auch bereits getan hat, ehe es so recht angefangen hat, begrifflich zu denken. Menschen wird aber noch eine andere Art Identität zugeschrieben: "Wir brauchen die emotionale Intelligenz der Frauen" (Heiner Geissler), "Der Inhaber dieses Passes ist Deutscher" (der Staat), "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?" (Kinderspiel), "Das schwule U-Boot in den sicheren Hafen der Ehe einlaufen lassen" (Volker Beck) Usw. Usf. Bei diesen und anderen Beispielen ist Gewalt im Spiel.
Menschen werden als Gruppen zusammengefasst: Als Geschlechter, Völker, Rassen, Hetero- oder Homosexuelle und noch einiges mehr. Und das ist mehr als die harmlose Angabe, welche physischen Eigenschaften ein Mensch hat, wie stark pigmentiert seine/ihre Haut ist, wo er/sie lebt und in wen er/sie sich verliebt. An diesen Sortierungen entscheidet sich einiges an materiellen Umständen und psychischen Zustände und auch der Dauer der eigenen Existenz. ...
Stehen diese "Wesensurteile" einmal im Raum, muss die Gruppe, auf die sie sich beziehen, darauf reagieren: Die Urteile werden zurückgewiesen, positiv oder negativ aufgenommen, oder auch kritisiert. Oder sie spalten sich in Unterkollektive anhand der Debatte über die ,Antwortstrategie'. ...
Und das ist die eine Crux jeder Bestätigungspolitik, d.h. eine Politik die darauf abzielt, eine unterdrückte Gruppe dadurch zu emanzipieren, dass sie ihre Mitglieder in ihrer kollektiven Identität bestätigt und bestärkt: Die beste Bestätigung verschafft allemal die Integration in die bestehende Mehrheitsgesellschaft, das, was man platt die "Integration in den Mainstream" nennen könnte - außer natürlich man gründet selber eine Mehrheitsgesellschaft. Die Herausbildung von Konteridentitäten pflegt deswegen begleitet zu werden von der Aufforderung sowohl zur anpasslerischen Identitätsveränderung als auch zur Akzeptanz von Teilen der eigenen Gruppe, die dies bereits vollzogen haben. Dementsprechend sind Vertreter der ,Community' häufig groß darin, selbstkritisch die Anforderungen der Mehrheitsgesellschaft als Voraussetzung für die Integration anzuerkennen.
Die zweite Crux besteht in der repressiven Tendenz der subkulturellen Homogenisierung. Anders ausgedrückt: Auch abweichendes Verhalten kann eine Norm werden, vom Kleiderkult bei den Autonomen bis zum Verratsvorwurf bei einer heterosexuellen Liebelei. Nicht zu reden von der positiven Besetzung der Essentialisierung: Auch die VertreterInnen unterdrückter Gruppen halten oft ihre ,Identität' für einen Nachvollzug ihrer Natur. "Ich bin, was ich bin, weil ich so bin". ...
Darum ist die Anpassung an die bürgerliche Gesellschaft im Regelfall kein Mittel für die eigene Emanzipation.

Aus einem Interview mit Stefan Leber (Dozent für Waldorfpädagogik) in: Flensburger Hefte Nr. 63 (IV/98, S. 83)
"Der Geist ist wesentlich Individuum; aber in dem Elemente der Weltgeschichte haben wir es nicht mit einzelnen oder mit partikularer Individualität zu tun. Der Geist in der Geschichte ist ein Individuum, das allgemeiner Natur, dabei aber ein bestimmtes ist, d.h. ein Volk Überhaupt; und der Geist, mit dem wir es zu tun haben, ist der Volksgeist. Die Volksgeister aber unterscheiden sich wieder in der Vorstellung, die sie sich von sich selber machen [ ... ]. Was der Geist von sich weiß, davon hängt das Bewußtsein des Volkes ab. [ ... ] Das Bewußtsein der Geister ist das Substantielle, auch wenn die Individuen es nicht wissen. [ ... ] Kein Individuum kann über diese Substanz hinaus, es kann sich wohl vom einzelnen Individuum unterscheiden, nicht aber vom Volksgeist. «
Damit wird deutlich, daß auch die Volksgemeinschaft als etwas gesehen werden kann, was der Entwicklung unterliegt. Dann schaue ich nicht auf den einzelnen, sondern auf das Soziale, die Gemeinschaft, das Kollektiv. Da kann ich anders werten als gegenüber dem einzelnen. Diese Blickrichtung ergreift Steiner in seinen Bemerkungen, wenn er über Volks- oder Rassenzugehörige spricht. Er meint da niemals den einen, konkreten Menschen.
Ich zitierte Hegels "Philosophie der Geschichte". Ob dieser Kontext denen, die als progressive Anthroposophen meinen, sich von Steiner distanzieren zu sollen, bewußt ist, bezweifle ich. Hegel weiter: "Der Geist eines Volkes ist also so zu betrachten als die Entwicklung des Prinzips, das in der Form eines dunklen Triebes eingehüllt ist, der sich herausarbeitet, sich objektiv zu machen strebt. Ein solcher Volksgeist ist ein bestimmter Geist. Er muß in seiner Bestimmtheit erkannt werden. Weil er Geist ist, läßt er sich nur geistig durch den Gedanken fassen. Der Geist ist lebendig und wirkend." (Hegels Gesammelte Werke, Frankfurt a.M. 1979 ff, Bd. 12, S.42, oben S.36 f)

Aus der Rede von Hugo Chavez, Staatschef von Venezuela, vor der UN-Vollversammlung, dokumentiert in: Junge Welt, 23.9.2006 (S. 3)
... was passiert, ist, daß die Welt erwacht und überall wir, die Völker, uns erheben. ... ich kenne den größten Teil der Seele dieser Völker, der Völker des Südens, der angegriffenen Völker.

Das "Wir" in allen Kollektivsubjekten

Aus Gölitzer, Susanne, "Wir und die Anderen", in: FR, 18.11.2006 (S. 9)
Christen, Frauen, Deutsche - wer mit Begriffen eingesperrt wird, verliert an Selbstbestimmung
Politiker und manche Medien benutzen es häufig: Das große "Wir". Damit wird eine falsche Gemeinsamkeit hergestellt, denn weder sind die mit "Wir" Gemeinten eine einheitliche Gruppe noch sind die "Anderen", sprachlich Ausgeschlossenen, so viel anders. ...
Dieses "Wir" setzt immer ein "Ihr" voraus, es ist ein großgeschriebenes "Wir". Ein solches "Wir" kann nur in Abgrenzung gedacht werden: wir Christen, wir Deutsche, wir Frauen und die Anderen. Im Feuilleton der Zeitungen, im Polit- und Kultursegment des Fernsehens schlagen sich die Themen mit Wir-Gefühl gegenseitig ab. Dieses "Wir sind anders als die Anderen" gehört zum kulturellen Ein- und Ausschließungsspiel dazu. Wer das Spiel gewinnt, gewinnt Verteilungskämpfe, kann Geltungsansprüche durchsetzen und emanzipatorische Kräfte aller Couleur unter Kontrolle halten. Das scheint auch nötig, denn Emanzipation kann man als die begründete Ablehnung aller kategorischen Ausgrenzung verstehen. ...
Also: Schluss mit dem großgeschriebenen "Wir und die Anderen", sehen wir uns lieber genauer an, was verschiedene Menschen wollen und brauchen, um in Deutschland selbstbestimmt und nicht gleichgültig anderen gegenüber leben zu können.

Wo Autonomie verschwindet, das Ich im Ganzen aufgeht und das Kollektiv entsteht - da wird alles gut
Aus einem Bericht auf der Sportseite zum von "Linken" gehypten Club FC St. Pauli, in: Junge Welt, 13.82.007 (S. 16)
Teamchef Holger Stanislawski schlich noch bis zehn Minuten vor dem Anpfiff schweren Schrittes allein über die Baustelle der Südtribühne und qualmte eine. Er muß sich eigentlich keine Sorgen machen, denn die Mannschaft wird mit dem Abstieg nichts zu tun haben. Sie ist ein echtes Kollektiv.

Innen und außen

Aus Marti, Urs (2006), "Demokratie - das uneingelöste Versprechen", Rotpunkt in Zürich (S. 122 ff.)
Die geschichtliche Entwicklung hat indes, wie Arendt darlegt, gelehrt, dass keine politische Autorität fähig oder bereit ist, Rechte von Menschen zu schützen, die nicht zu einer politischen Gemeinschaft gehören und darin ihre Staatsbürgerrechte wahrnehmen können. Die Erfahrungen massenhafter Flucht und Staatenlosigkeit haben die Welt mit der Frage konfrontiert, ob es überhaupt unveräußerliche Menschenrechte gibt, die nicht von einem besonderen politischen Status abhängig sind. Erst aus der Lage der Rechtlosen lässt sich erkennen, welches Recht so elementar ist, dass sein Verlust absolute Rechtlosigkeit bewirkt. Für Arendt ist dies das Recht auf Zugehörigkeit zu einer politischen Gemeinschaft. Der Verlust der Menschenrechte findet somit statt, »wenn der Mensch den Standort in der Welt verliert, durch den allein er überhaupt Rechte haben kann und der die Bedingung dafür bildet, dass seine Meinungen Gewicht haben und seine Handlungen von Belang sind« (Arendt 1986, 461f). ...
Es ist in diesem Zusammenhang daran zu erinnern, dass sich das Prinzip der staatlichen Souveränität - dies wird gerade in der gegenwärtigen Periode der Globalisierung deutlich - als ambivalent erweist. Einerseits steht es für eine politische Institution, die über die Kompetenz verfügt, Rechtsgleichheit durchzusetzen, andererseits für einen Mechanismus der Inklusion und der Exklusion, der einigen Menschen Rechte zuspricht, die er anderen abspricht. Wer nicht Bürger eines Staats ist, kann mit den Bürgern dieses Staats nicht alle Rechte teilen, insbesondere nicht die Staatsbürgerrechte. Das tönt zunächst trivial, stellt aber sowohl angesichts der globalen Migration wie auch vor dem Hintergrund des bisher Gesagten ein Problem dar. Wenn das Menschenrecht ein Recht ist, das prinzipiell allen Menschen als Menschen zukommt, praktisch aber, wie Arendt meint, nur von jenen genutzt werden kann, die Staatsbürgerrechte besitzen und in eine politische Gemeinschaft integriert sind, können heute zahllose Menschen die Menschenrechte nicht in Anspruch nehmen.

Aus Marti, Urs (2006), "Demokratie - das uneingelöste Versprechen", Rotpunkt in Zürich (S. 129)
Die Trennung der Menschen in höher- und minderwertige Teile ist für das vormoderne politische Denken elementar gewesen, zu denken ist etwa an die Unterscheidung zwischen Griechen und Barbaren oder zwischen Adligen und Gemeinen. In der Neuzeit kommt dann der Aufteilung der Menschheit in Rassen immer stärkere Bedeutung zu, wobei rassistische Ideologien sowohl der Rechtfertigung der Unterwerfung außereuropäischer Völker sowie des Sklavenhandels als auch der Diskreditierung der Demokratie dienen.

Der Untergang analytischen Denkens im Kollektiv

Aus Mark Winter: " " (leider ist die Quelle verlorengegangen - wer sie kennt, bitte melden)
In erster Linie sind es jedoch die psychologischen Experimente zum Gruppenverhalten, die das Modell vom rationalen Menschen auf eine harte Probe stellen. Denn in der Gruppe vertraut der Mensch besonders gern auf sein Gefühl und folgt kollektiven Verhaltensmustern, die von außen betrachtet den Anschein erwecken, als seien sie von unsichtbarer Hand gesteuert. Kollektive Phänomene gibt es indes auch in der Natur. Und sie werden im Rahmen der Theorie der Selbstorganisation mitunter so gut beschrieben, dass ihr Verhalten in Grenzen vorhersagbar ist. Manche Wissenschaftler sind daher geneigt, mit dieser Theorie auch soziale Prozesse zu untersuchen. Ein solches Vorgehen habe sich in einigen Fällen als durchaus sinnvoll erwiesen, meint der amerikanische Physiker Mark Buchanan, der in einem ebenso provokanten wie anregenden Buch »Neue Erkenntnisse aus der Sozialphysik« vorstellt. Warum sind Aktienmärkte so unberechenbar? Wie entstehen Staus auf Autobahnen? Warum gelingen manche Revolutionen und andere nicht? So lauten nur einige der Fragen, die Sozialphysiker derzeit zu beantworten versuchen. Mit welchen Mitteln und Methoden sie das tun, sei hier kurz am Beispiel der Schwarmbildung erläutert. Ein Schwarm ist ein Kollektiv, das sich geordnet auf ein Ziel zu- bewegt, ohne dafür einen Befehlsgeber zu benötigen. Stattdessen genügen ein paar simple Verhaltensregeln, so haben Ethologen der Universität Leeds am Computer herausgefunden, um eine lose Menschenmenge in einen Schwarm zu verwandeln. Diese Regeln könnten für den Einzelnen etwa so aussehen: Bewege dich immerfort! Bleibe in der Gruppe! Halte kurzen Abstand zu deinem Nachbarn! Das WDR-Wissenschaftsmagazin »Quarks & Co.« hat die Voraussagen der britischen Forscher in einem einzigartigen Großexperiment getestet. 200 Freiwillige aus Köln bewegten sich in einer Halle streng nach den oben genannten Regeln. Ergebnis: In kurzer Zeit schon formte sich aus einem wahllosen Gedränge von Menschen ein Schwarm. 200 Frauen und Männer bewegten sich geordnet im Kreis, obwohl niemand dies zuvor beabsichtigt hatte. Ein Schwarm, so könnte man folgern, entwickelt seine eigene Intelligenz, welche die Einzelnen befähigt, sich ohne Kollisionen zu bewegen. Weiter wollten die Forscher wissen, wie vieler »Anführer« es bedarf, um eine derart effizient organisierte Menschenmenge zu manipulieren. Eine Person, so ergab der Versuch, war hierzu nicht in der Lage. Sobald jedoch zehn Personen (oder fünf Prozent aller Individuen) forsch ein neues Ziel anstrebten, zogen sie den Schwarm gleichsam magisch hinter sich her. An die Stelle der rationalen Entscheidung, meint Buchanan, tritt in der Gruppe oftmals die Nachahmung. Nicht wir selbst, sondern Angehörige, Freunde oder Kollegen entscheiden dann, was wir anziehen, was wir essen, was wir tun. Wie weit diese Unterwerfung gehen kann, demonstrierte schon vor Jahren und auf erschreckende Weise der Sozialpsychologe Solomon Asch. Auf einem großen Blatt Papier präsentierte er seinen Versuchspersonen eine vertikale Musterlinie und dazu drei Vergleichslinien, von denen eine genauso lang war wie die Musterlinie. Die beiden anderen fielen hingegen deutlich länger bzw. kürzer aus. Asch fragte nun: Welche der drei Vergleichslinien stimmt mit der Musterlinie überein? Gewiss eine kinderleichte Aufgabe, die alle Probanden mithin auch mühelos bewältigten. Dann jedoch änderte Asch die Versuchsbedingungen. Von jeweils zehn Probanden waren jetzt neun seine »Komplizen«, und diese gaben nacheinander dieselbe falsche Antwort. Erst dann kam die »echte« Versuchsperson an die Reihe. Was würde diese tun? In mehr als der Hälfte aller Fälle, so das Ergebnis, schloss sie sich der offenkundig falschen Meinung der Mehrheit an! Doch es kommt noch besser: Als man das Experiment unlängst wiederholte, wurde die Gehirnaktivität der Probanden gemessen, um herauszufinden, ob diese wider besseres Wissen eine falsche Antwort gaben. Denn dabei hätte ihr Vorderhirn, das für Planungen und Problemlösungen zuständig ist, in höchste Aktivität geraten müssen. Was aber nicht geschah. Stattdessen stieg die Aktivität im Bereich des räumlichen Vorstellungsvermögens ungewöhnlich stark an. Das lässt vermuten, dass die betreffende Versuchsperson, um nicht als Außenseiter zu gelten, die Antwort der anderen gleichsam objektiviert hatte. Oder, wie Buchanan es ausdrückt: Das soziale Umfeld verändert die individuelle Wahrnehmung der Welt.

Aus "Die Fähigkeit, frei zu sein" (Gerhard Wagner über Le Bons "Psychologie der Massen"), in: Junge Welt, 7.1.2008 (S. 10)
Der einzelne, selbst der Angehörige sogenannter gebildeter Schichten, verliert, so eine von Le Bons Grundthesen, in der zumeist großstädtischen »Masse« der Arbeiter- und Angestelltenheere, unter dem Einfluß ihrer »Herrschsucht und Unduldsamkeit«, ihrer »Beharrungsinstinkte« und ihrer Fixiertheit auf »äußerliche Dinge« seine kritische Distanz, seine Fähigkeit zur selbständigen Entscheidung. Er wird unter dem Druck der massenhaften wechselseitigen Identifikationen emotional labil und verhält sich affektiv und demonstrativ, zum Teil primitiv-barbarisch. Er wird »leichtgläubig« und unterliegt der »Ansteckung« durch »Nachahmung, Suggestion und Identifikation«, neigt zu intellektuellem Gehemmtsein und »geistiger Angleichung«, indem er die Massenphantasien und »Stimmungen« für seine eigenen hält. Er wird vom Individuum zum bloßen Massenglied, das Fremdzwang in Selbstzwang verwandelt. In der »Masse«, die bei Le Bon oft als eine Art kollektiver Amok-Läufer erscheint, überlagert also eine primitive Tiefendimension die rationale Struktur des zivilisierten Bewußtseins.
Deshalb sei die »Masse« durch Führerpersönlichkeiten nicht nur mittels »Brot und Spielen«, sondern auch mittels »energischer Behauptungen«, »Bezauberung« durch »Wunderbares« und »Schmeicheln niedriger Instinkte« leicht zu lenken: »Die Kunst, die Einbildungskraft der Massen zu erregen, ist die Kunst, sie zu regieren.« Die herrschaftsstrategisch eingesetzte »Volksphantasie« erscheint hier als eine wesentliche Machtstütze. ...
Denn »Einseitigkeit der Ideen, Erregbarkeit, Beeinflußbarkeit, Überschwenglichkeit der Gefühle, überwiegender Einfluß der Führer« – das waren und blieben für Le
Bon die wesentlichen Kennzeichen der »Masse«. ... »Gerade das heutige Deutschland bietet den stärksten Beweis dafür, daß eine Massenbewegung besonders wertvolle Kräfte zutage fördern kann, da ein verantwortungsbewußter und von sittlichem Wollen beseelter Führer der Masse zum bewußten Erleben ihrer tieferen, ewigen und unwandelbaren Gemeinsamkeit des Blutes, der Rasse und der Verbundenheit mit dem Heimatboden verhilft.« Dogmatisch schließt Moede hier »Freiheit« und »Führer-Willen« kurz, hebt die Spielräume des Individuums zwischen Distanz und Anpassung in der biologistisch begriffenen »Volksgemeinschaft« auf, die zur »völkisch«-nationalen Wiedergeburt führe: »Als eine organische Einheit, die mit ihrem Führer durch die Gemeinsamkeit des Blutes im Denken, Fühlen und Wollen zutiefst verbunden ist, handelt sie frei und selbstverständlich nach seinem Willen. Die Anschauungen Le Bons haben für sie keine Gültigkeit mehr.«

Emma Goldman
Als Masse wird es immer der Vernichter der Individualität, der freien Initiative, der Originalität sein.

Aus Cantzen, Rolf (1995): "Weniger Staat - mehr Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau
Eine Integration in die staatlich organisierte Gesellschaft halten auch - oder gerade - Demokraten für eine Bürgerpflicht, die gegebenenfalls von der Staatsgewalt auch gegen den Willen der Betroffenen durchgesetzt wird. Man denke an die Wehr- oder Schulpflicht. Die so oft gegenüber dem »Kommunismus« hervorgehobenen Freiheiten meinen keinesfalls die individuelle Selbstbestimmung. ...
Goldman gelangte so zu einer Massenverachtung und zu einer entschiedenen Ablehnung des „Märchens von der Tugend der Mehrheit“: »jawohl, Autorität, Zwang und Abhängigkeit beruhen auf der Masse, aber nie die Freiheit, nie die freie Entfaltung des Individuums, nie die Geburt einer freien Gesellschaft ... das Volk als kompakte Masse... hat die Stimme des Menschen unterdrückt, den Geist des Menschen unterjocht, den Leib des Menschen gefesselt. Als Masse ist sein Ziel immer gewesen, das Leben gleichförmig, grau und eintönig wie die Wüste zu machen. Als Masse wird es immer der Vernichter der Individualität, der freien Initiative, der Originalität sein.« (1972, 190f.)
Goldman hofft nicht auf Veränderungen, die von der Masse oder von demokratischen Mehrheiten ausgehen, sondern setzt ihr Vertrauen auf »intelligente Minoritäten« und freie Individuen: »Die Zivilisation ist ein ständiger Kampf des Individuums oder von Gruppen von Individuen gegen... die Mehrheit, die durch den Staat und die Staatsverehrung unterdrückt und hypnotisiert wird.« (1977, 65) Die Kritik an der Masse und an der »Mehrheits-Demokratie« vieler Anarchisten ist also durchaus elitär - elitär allerdings nicht im Sinne eines Herrschaftsanspruchs einer Elite über die Mehrheit, sondern im Sinne einer Selbstbehauptung und Weigerung, die Vertretung ihres Anspruchs auf individuelle Selbstbestimmung Mehrheitsentscheidungen zu überlassen. ...
(S. 144 ff.)
Vorausschauend kritisiert Kropotkin um die Jahrhundertwende den Sozialstaat als Mitverursacher an der Zerstörung traditioneller Formen (»gesellschaftlicher«) gegenseitiger sozialer Hilfe und konkreter Gemeinschaftlichkeit: »Der Staat allein und die Staatskirche dürfen sich um öffentliche Angelegenheiten kümmern, während die Untertanen lose Haufen von Individuen vorstellen müssen, die keine besondere Verbindung untereinander haben und verpflichtet sind, sich jederzeit, wenn sie eine gemeinsame Not empfinden, an die Regierung zu wenden.« (1975, 208) ...
(S. 170)

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"Was Identität ausmacht", von Bischof Martin Hein, in: Hessenkurier, Zeitschrift der CDU, März 2007 (S. 29)
Der Brockhaus bietet als Antwort eine anspruchsvolle Definition: Kulturelle Identität sei eine"Bezeichnung für das im kulturhistorischen Zusammenhang erworbene (gelernte) Selbstverständnis eines Individuums, einer Gruppe oder einer Nation im Hinblick auf Werte, Fähigkeiten oder Gewohnheiten".
Was mag dann eine"deutsche Identität" sein? Zunächst: Es wäre verfehlt, mit Identität etwas Unverrückbares oder gar Ewiges zu verbinden. Identitäten sind ge _ schichtlich geworden und verändern sich. Die deutsche Geschichte ist hierfür ein gutes Beispiel: Nach ihrer Identität gefragt, hätten Deutsche zu Beginn des Wilhelminischen Kaiserreiches etwas anderes gesagt als nach den verlorenem Ersten Weltkrieg 1918 und 1945 wiederum etwas anderes als nach dem Fall der Mauer. Mit anderen Worten: Die unwandelbare deutsche Identität gibt es nicht.
Wohl aber lohnt es sich, nach identitätsstiftenden Faktoren Ausschau zu halten: Dabei ist gewiss die Geschichte als ein gemeinsamer Erfahrungshorizont zu nennen. Dieser gemeinsame Horizont entfaltet sich nicht nur anlässlich der großen geschichtlichen Zäsuren wie Kriege oder Revolutionen. Es kann auch ein mentalitätsgeschichtlicher Wandel sein, der die Identität einer Gemeinschaft oder zumindest Gruppen in ihr prägt: Unabhängig von einer inhaltlichen Bewertung ist es offenkundig, dass etwa das Jahr 1968 und seine Folgen unser Land geprägt haben -freilich durch Ereignisse und eine geistige Strömungen, die sich nicht allein auf Deutschland beschränken lassen. Auch gemeinsame Erlebnisse wie die hinter uns liegenden Fußball und Handballweltmeisterschaften hierzulande haben - glaubt man den schwarz-rot-goldenen Fahnen an Autos und Fassaden - zumindest für kurze Zeit eine "deutsche Identität" geschaffen.
Ein substantiellerer identitätsstiftender Faktor ist die Sprache. Nicht allein aus evangelischer Perspektive ist die deutsche Bibelübersetzung Martin Luthers ein Ereignis, das Denken, Sprache und Glauben bis heute nachhaltig prägt. Wer die Sprache eines Landes nicht beherrscht, bleibt kulturell draußen - und das beginnt im Schul- und Arbeitsalltag. Deshalb ist die Sprachförderung von Migranten, aber auch von Spätaussiedlern von Kindesbeinen an eine unserer wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben. Trotzdem ist auch nicht die Sprache allein identitätsstiftend. Österreicher und die Mehrzahl der Schweizer sprechen deutsch, werden sich aber kaum unter dem Etikett "Deutsche" subsumieren lassen wollen.
So können es schließlich gemeinsame Werte sein, die eine Nation verbinden. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ist hierfür ein großartiges Beispiel. Es formuliert die Werte und Ziele staatlichen Handelns, zugleich die Rechte jedes einzelnen Staatsbürgers. Umgekehrt gilt: Wer dem Grundgesetz nicht zustimmen kann, steht außerhalb der Identität unserer Landes. Die Begegnung mit dem Fremden und mit konkurrierenden Wertvorstellungen können wiederum hierzulande das Bewusstsein für die eigene Identität schärfen.
Dabei vermag der christliche Glaube kulturelle und nationale Identitäten zu würdigen und zu achten - und doch sind sie für ihn letztlich vorläufiger Natur. Die Kirche ist für alle Menschen offen; das Evangelium gilt allen ohne Unterschied:"Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Jesus Christus", stellt der Apostel Paulus fest.
Wie steht es um Identitäten in der Zukunft? Die Globalisierung stellt die Frage nach der nationalen Identität vor noch größere Herausforderungen. Der Streit um eine Europäische Verfassung in vielen Mitgliedstaaten der EU belegt, dass der Gedanke an eine nationale Identität auch in einem vereinten Europa durchaus präsent ist. Ob sich so etwas wie eine"europäische Identität" überhaupt entwickeln wird? Gegenwärtig ist eher zu beobachten, dass in einer Zeit wachsender Unübersichtsichtlichkeit und Verunsicherung regionale Identitäten wiederentdeckt werden: von Katalonien über Okzitanien bis nach Franken, von Hessen bis in die Bretagne. Und es ließen sich noch viel mehr Beispiele nennen!
Die Frage nach der Identität bleibt also aktuell und offen, sie bleibt in Bewegung. Dies aber ist das Beste, was ihr geschehen kann.

Der Autor ist seit September 2000 Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck.
Kollektivität und Individualisierung passen zusammen

Aus Kühnl, Reinhard (1971): "Formen bürgerlicher Herrschaft", Rowohlt Taschenbuchverlag in Reinbek (S. 85 f., 89)
Hinzu kommt, daß Nationalismus und Volksgemeinschaftsideologie gewissermaßen natürlichen Bedürfnissen entgegenkommen. Der Wunsch, in einer solidarischen Gemeinschaft sicher aufgehoben zu sein, ist gerade angesichts der allgemeinen sozialen Unsicherheit leicht verständlich, und die Neigung, sich mit der Macht und dem Erfolg der eigenen Nation zu identifizieren, tritt gerade bei denen auf, die im gesellschaftlichen leben keine einflußreichen Positionen und keine Erfolgserlebnisse haben. ...
Die Psychoanalyse hat gezeigt, daß autoritäre Mentalität und Begeisterung für das Führerprinzip nicht immer unmittelbar aus konkreten sozialen Interessen herstammen müssen, sondern auch in einem allgemeineren Sinne gesellschaftlich vermittelt sein können: Die Undurchsichtigkeit der kapitalistischen Industriegesellschaft und die Erfahrung der eigenen Machtlosigkeit, des Ausgeliefertseins an anonyme Gewalten produzieren Angst, die nach einem festen Halt sucht. Das Ich kann sich unter diesen Bedingungen nicht zu einer selbstbewußten Instanz entwickeln, sondern sucht seine Rettung in der Unterwerfung unter eine starke Autorität. Das kann sich in der Identifizierung entweder mit einem mächtigen Kollektiv - dem Staat, der Nation, dem Unternehmen - oder mit einer Führerpersönlichkeit äußern ...
Hinweis: In der Liste der Kolletive fehlen als heute bedeutsame Identifikations-Kollektive Vereine und Verbände.

Le Bon, Gustave 1895, Psychologie der Massen, Stuttgart 1951, S. 16, zitiert in: Hardt, Michael/Negri, Antonio (2004): „Multitude“, Campus Verlag in Frankfurt (S. 288, mehr Auszüge ...)
In der Menge, so Le Bon, "versinkt das Ungleichartige ... im Gleichartigen, und die unbewussten Eigenschaften überwiegen"

Hegel will anfangs noch den Staat abschaffen
Zitat von Hegel in "Ältestes Systemprogramm", zitiert in: Gebhardt, Jürgen/Münkler, Herfried (1993), "Bürgerschaft und
Herrschaft", Nomos in Baden-Baden (S. 194)
Denn jeder Staat muß freie Menschen als mechanisches Räderwerk behandeln; und das soll er nicht; also soll er aufhören.

Wir sind Papst. (Bild-Zeitung)
Deutschland wird Papst. (Frankfurter Rundschau, Internet-Jahresrückblick am 31.12.2005)

Matthäus 25, Vers 31 bis 35
Wenn aber des Menschen Sohn kommen wird in seiner Herrlichkeit ... werden vor ihm alle Völker versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden gleich als ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.

Integration und Kanalisierung

Eine der entscheidenden Stärken der Demokratie aus der Sicht derer, die Herrschaftsformationen aufrechterhalten wollen, ist die Fülle von Mechanismen zum "Dampf ablassen". Wer unzufrieden ist, hat derartig viele Möglichkeiten, dass es kaum möglich ist, alle auszuschöpfen. Das allein führt bereits häufig zum Vorwurf des Nörgler, wenn jemand die Vielzahl von Rechten, Kritik zu üben, nicht nutzt. Bei näherem Hinsehen aber sind alle Instrumente nicht rechtlich bindend, es gibt keine Garantie, dass eine Beschwerde auch da ankommt, wo sie hingehört: Zu den Ursachen dessen, was stört. Der demokratische Rechtsstaat bietet seinen Bürgis an: Petitionsrecht, d.h. das mühselige Briefeschreiben an die Parlamente. Den Rechtsweg, d.h. das finanziell oft riskante Bemühen von Gerichten - bei unkalkulierbarem Ausgang und oft langen Verfahrenswegen, während derer sich die Sache selbst oft erledigt hat. Das Demonstrationsrecht, d.h. die geordnete, in enge Bahnen und vom Staat formulierte Spielregeln gelenkte öffentliche Meinungsäußerung. Bürgeranfragen, d.h. die meist schriftliche Form der Anfrage an Parlamente. Die Gründung einer Partei oder das Beitreten in eine bestehende, aber immer unter Akzeptanz derer Satzungen und der Parteigesetze, die enge Anforderungen an den einem herrschaftsförmigen Staat angepaßten Parteiaufbau stellen. Schließlich werden, gerade in den letzten Jahrzehnten demokratischer Modernisierung, immer neue Gremien geschaffen, die Partizipation suggerieren, aber nicht tatsächlich bieten, z.B. die umfangreichen Agenda-21-Runden ab Mitte der 90er Jahre. Diese und noch viel mehr Mittel können kritische Menschen auf Trab halten, sie beschäftigen und ihnen beim Kampf gegen die Windmühlen den Eindruck lassen, dass doch viele Möglichkeiten bestehen und sich das Engagement lohnt. Dass die Mitwirkung nicht tatsächlich und vor allem nicht an den wirklich interessanten Punkten von Planung und Entscheidungsfindung in dieser Gesellschaft stattfindet, fällt kaum noch auf. Verschleiert wird seit ca. 1990 zudem ein massiver Abbau formaler Beteiligungsrechte, die in Fachgesetzen wie Bau- und Verkehrsrecht oder in den Verwaltungsverfahrensgesetzen vorgesehen waren und Stück für Stück demontiert wurden im Rahmen der Beschleunigungsgesetze allerorten.

Aus Besson, W./Jasper, G. (1966), "Das Leitbild der modernen Demokratie", Paul List Verlag München (herausgegeben von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, S. 56)
Die Aussicht freilich, nach den nächsten Wahlen tatsächlich an die Macht zu kommen, veranlaßt die Opposition jedoch, in der Kritik und in den eigenen Gegenvorschlägen maßvoll zu sein.

Aus Agnoli, Johannes (1967), "Die Transformation der Demokratie", Voltaire Verlag in Berlin (S. 64 f.)
Es sind vor allem zwei klassische Einrichtungen, die als Mittel der Kritik am Parlament und der Intervention des Volkes gedacht worden sind und staatsbürgerkundlich propagiert werden, in Wirklichkeit vorzüglich als Auffanginstrument sich eignen: die Interpellation und die Petition. Da das Petitionsrecht eine, wenn man so will, uralte Sehnsucht der Abhängigen stillt, sich bei den Mächtigen Gehör zu verschaffen, kann es in seiner manipulativen Bedeutsamkeit nicht hoch genug eingeschätzt werden: ein noch so radikaler Protest gegen Willkür und Machtmißbrauch wird in eine Anerkennung der bestehenden Ordnung umgemünzt, wenn er sich in eine Petition umsetzen läßt.

Aus Heinrichs, Johannes (2003), „Revolution der Demokratie“, Maas Verlag in Berlin (S. 18 und 21, mehr Auszüge ...)
Die dynamische Identität von Regierten und Regierenden und darin die Selbstbezüglichkeit der Gemeinschaft machen gerade die Pointe von Demokratie oder Selbstregierung aus. ...
Demokratie hat entweder etwas mit dem Glück der Vergemeinschaftung, auch als staatliche Rechtsgemeinschaft, zu tun - oder ihre Sache ist vertan. Vielleicht ist das die eigentliche Alternative: Untätigkeit oder Mitgestaltung von Gemeinschaft?

Umgang mit Kritik

Das Schlechte an der Demokratie ist immer woanders ...
Aus D@dalos-Lexikon zu "Demokratie"
... besteht die Gefahr, dass die Beauftragten der Wähler, also die Abgeordneten und Parteien, die Verbindung zu ihren Wählern verlieren. Dann kann es zu einer Elitenherrschaft über das Volk, eventuell im Namen des Volkes kommen. In der DDR und den anderen Staaten des ehemaligen Ostblocks gab es eine solche Form der "Volksdemokratie" die in Wirklichkeit eine Herrschaft der Parteibürokratie war.

Volk, sozialer Organismus ... bei AnarchistInnen und MarxistInnen

Aus Gassner, Marcus, "Emanzipation als Maßstab für jegliche Organisation" in: Grundrisse 2/2002 (S. 36)
“Das bewusste Wollen des Reiches der Freiheit kann also nur das bewusste Tun jener Schritte bedeuten, die diesem tatsächlich entgegenführen. Und in der Einsicht, dass individuelle Freiheit in der heutigen bürgerlichen Gesellschaft nur ein korruptes und korrumpierendes, weil auf die Unfreiheit der anderen unsolidarisch basiertes Privileg sein kann, bedeutet es gerade: den Verzicht auf individuelle Freiheit. Es bedeutet das bewusste Sich-unterordnen jenem Gesamtwillen, der die wirkliche Freiheit wirklich ins Leben zu rufen bestimmt ist...” (Georg Lukacs, Geschichte und Klassenbewußtsein, S. 318)
In diesen Worten Lukacs erkennt man unschwer einen jüdisch-christlichen Entsagungs- und Aufopferungsgeist. Emanzipation wird auf ein Endziel reduziert. Genau so kann aber Emanzipation nicht funktionieren. Eine Bewegung, die auf der Arbeitsteilung von Kopf- und Handarbeit beruht, wird auch wieder nur eine Gesellschaft hervorbringen, die auf Arbeitsteilung basiert. Alles andere zu glauben, würde bestenfalls Dummheit voraussetzen, schlimmstenfalls wäre es einfach nur reaktionär. - Ein Kampf gegen die kapitalistische Gesellschaft bedeutet gleichzeitig ein Kampf gegen die Organisationen, gegen die TrägerInnen der Unterdrückung in der Bewegung selbst. Verzicht auf individuelle Freiheit bringt niemals ein mehr an Freiheit, auch wenn dies noch so “dialektisch” erklärt wird.

Im Namen des Volkes ... bei der RAF (Quelle)
Wenn wir auch die Aktionen der RAF nicht von vornherein verdammt haben, so ist doch ihre Praxis vom anarchistischen Standpunkt aus anzugreifen. Die RAF entfernte sich im Laufe der Jahre immer mehr von der gesamten linken Bewegung und betrachtet sich als eine Avantgarde, als eine Elite, die danach strebt, dem Volk die „Befreiung" nach staatssozialistischem Muster aufzuzwingen. Sie entwickelte in ihren Pamphleten und Aktionen eine diktatorische, stalinistische Sprache. Wenn sie sagen: „Das Schwein wurde im Namen des Volkes erschossen", so fragen wir uns: In wessen Volkes Namen?

Forderungen für eine anarchistische Praxis bei AnarchistInnen (Quelle)
Für die Phase des Kampfes sind sie durch revolutionäre Volksarmeen und -patrouillen ohne hierarchische Struktur zu ersetzen.

Kritik

Aus Gölitzer, Susanne: "Wir und die Anderen", in: FR, 18.11.2006 (S. 9)
Politiker und manche Medien  benutzen es häufig: Das große "Wir". Damit wird eine falsche Gemeinsamkeit hergestellt, denn weder sind die mit "Wir" Gemeinten eine einheitliche Gruppe noch sind die "Anderen", sprachlich Ausgeschlossenen, so viel anders.  ...
Dieses "Wir" setzt immer ein "Ihr" voraus, es ist ein großgeschriebenes "Wir". Ein solches "Wir" kann nur in Abgrenzung gedacht werden: wir Christen, wir Deutsche, wir Frauen und die Anderen. Im Feuilleton der Zeitungen, im Polit- und Kultursegment schlagen sich die Themen mit Wir-Gefühl gegenseitig ab. ...
Also: Schluss mit dem großgeschriebenen "Wir und die Anderen", sehen wir uns lieber genauer an, was verschiedene Menschen wollen und brauchen, um in Deutschland selbstbestimmt und nicht gleichgültig anderen gegenüber leben zu können.

Volk und Führer

Internationales

In der Mache: Das Volk Europa

Ein interessantes Beispiel der Konstruktion von Volk ist das Europa der Jahre nach 2000. Hier werden alle Tricks und Diskurse gebastelt, die dazu führen, dass das Empfinden, ein Volk zu sein, in die Köpfe kommt. Beispiele:

Hinderlich ist die Konkurrenz der Volksidentitäten. Das Volk Europa bedroht das Denken in den bisherigen nationalen Volksbegriffen.

EU-Identitätsstiftung und -Entstehung durch das Konstrukt eines Außen
Aus Widmann, Arno: "Europa ist viel zu klein", in: FR, 22.3.2007 (S. 17)
Die Einigung Westeuropas kam zustande, weil es ein unter der Sowjetunion geeintes Osteuropa gab. Es war nicht Kriegsmüdigkeit, die die Westeuropäer verband, sondern die Bereitschaft, die Notwendigkeit, sich gegen den Osten zusammenzutun.

Aus Merkel, Angela, "Europa ist auf dem richtigen Weg" (Rede beim 50-Jahres-Jubiläum der EU 2007), dokumentiert in: FR, 26.3.2007 (S. 7)
Meine Damen und Herren, feiern können wir dieses Fest heute gerade hier in Berlin auch deshalb, weil sich vor einem halben Jahrhundert ein paar Politiker Europas auf den Weg gemacht haben, ein europäisches Friedenswerk ohne Beispiel zu begründen. ...
Und ob es eines Tages mehr als das sein wird, ob am 25. März 2057 der 100. Geburtstag der Römischen Verträge auch wieder in einem Europa von Frieden und Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit gefeiert werden kann? Wir wissen es nicht. ...
Das Zeitalter der Globalisierung macht uns immer mehr klar: Die Entscheidung für Europa war und ist auch eine Entscheidung für eine bestimmte Art zu leben. Sie war und ist eine Entscheidung für unser europäisches Lebensmodell. Es vereint wirtschaftlichen Erfolg und soziale Verantwortung. Nur gemeinsam können wir unser europäische Gesellschaftsideal auch in Zukunft bewahren.

Völkerrecht

Definition von "Völkerrecht" von der Kinder-Demokratieseite der Bundeszentrale für politische Bildung (www.hanisauland.de, Quelle für "Völkerrecht")
In einer Gemeinschaft gibt es Regeln, an die sich alle Mitglieder dieser Gemeinschaft halten sollten, damit es keine Streitigkeiten gibt. Jeder von uns kennt solche Regeln aus der eigenen Familie, aus der Schule, aber auch aus anderen Gemeinschaften, zum Beispiel aus Pfadfindergruppen, Sportvereinen oder Arbeitsgruppen.
Staaten bilden auch Gemeinschaften. Eine davon ist die Völkerrechtsgemeinschaft, die ihre Regeln im Völkerrecht festgelegt hat. Das Völkerrecht besteht aus einer ganzen Reihe von Verträgen und wird unterteilt in Friedensrecht und Kriegsrecht. Hier ist genau beschrieben, welche Rechte und Pflichten die Staaten im Frieden und im Krieg haben. Im Mittelpunkt stehen dabei die Verfassung der Vereinten Nationen von 1945 (UN-Charta) und die Menschenrechte. Alle Länder, die zur Völkerrechtsgemeinschaft gehören wollen, haben diese Verträge unterschrieben.
Der Gedanke eines gemeinsamen Rechtes für Völker ist schon sehr alt. Als erster hat ihn Hugo Grotius (1583-1645) aufgeschrieben. Daher gilt er als Gründer des Völkerrechts.

Hauptsache Völkerrecht ... dann sind auch Kriege o.k.
Aus Rose, Jürgen, "Die Linke und das Völkerrecht" in: Freitag, 2.12.2005 (S. 6)
Denn den archimedischen Punkt einer linken Position bildet die Verpflichtung auf das Völkerrecht. Daraus erst folgt - auf Grund des völkerrechtlich verankerten Gewaltverbots nämlich - die Ablehnung von Krieg als eines Mittels der Politik, um beliebige Interessen nach Gutdünken durchzusetzen. Zugleich aber resultiert aus der völkerrechtlichen Fundierung die Pflicht, an der Verrechtlichung des internationalen Systems aktiv mitzuwirken in vollem Umfang, wie es die UN-Charta vorsieht. Demzufolge hat bei ihrem UN-Beitritt die Bundesrepublik (und notabene auch die DDR) vorbehaltlos alle aus der Charta erwachsenden Verpflichtungen akzeptiert und sich mit Signatur der Beitrittsurkunde »feierlich verpflichtet«, diese zu erfüllen.

Die Teile des Ganzes

Zwar ist das Volk als Totalität gedacht, in der es - soweit von "Volk" geredet und gedacht wird - keine Unterschiede mehr gibt. Wird aber die Totalität nicht gedacht, so setzt sich die Logik der Bildung von Einheiten auch innerhalb des Volkes fort - so wie sich ja global auch das internationale Ganze als Nebeneinander der trennbaren Völker darstellt. Die Einheiten innerhalb eines Volkes sind wie das Volk selbst als gedankliche Konstrukte entwickelt: Container, in die die Vielfalt der damit erfassten Menschen zu einem Einheitsbrei hineingefüllt wird. Die Menschen sortieren sich diesen Kategorien nicht selbst zu - sie existieren in ihrer Unterschiedlichkeit gar nicht. Solche Kategorien sind: Männer - Frauen. Kinder - Jugendliche - Erwachsene. Arbeiter - Arbeitslose. Kapitalbesitzer - Arbeiter. Heteros - Homos.

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