| Utopisches Gießen: Lust und Laune statt Law and Order! | @ |
Kurz zusammengefaßt: Im Frühjahr 2003 entstand die Idee, inmitten
von Gießen eine Art "Gegenstadt" aufzubauen - ohne ChefInnen, kooperatives Miteinander
vieler bunter Bausteine, offensives Einbinden der Menschen am Platz, in den
Wohnungen drumherum. Aber auch aktiv, widerständig gegen die Law-and-Order-Politik
der Stadt. In der Vorbereitungsphase entstanden viele Ideen vom Umsonstladen
und -essen, einem Umsonst-Frisörsalon und der offenen Bühne, Infozelten und
Direct-Action-Plattform, Filmnacht und Kinder-Chaos"zone" ... und viel, viel
mehr. Leider mußten wir feststellen, daß viele politische Gruppen, deren Arbeitsstil
mehr an "Normalitäten" wie Gremienarbeit oder Demos angelehnt ist, Stück für
Stück ausstiegen oder nie richtig dazukamen trotz formulierten Interesses. Ganz
überraschend kam das nicht: Utopien sind nicht etwas für "die anderen", sondern
kreative, visionäre Politik fehlt gerade in "linken" Zusammenhängen. Das Camp
führte zu einem abenteuerlichen Tauziehen mit der Staatsmacht. Nach langem Hinhalten
hagelte es kurz vor Beginn ein schmuckes Verbot seitens des Ordnungsamtes, an
dem die politische Führung in Gießen sicher nicht unbeteiligt war (http://de.indymedia.org/2003/08/60207.shtml).
Trotz Verbot und Mega-Polizeiaufgebot für eine überschaubare Anzahl UtopiecamperInnen
wurde einfach losgelegt (Die ersten Tage: http://www.de.indymedia.org/2003/08/60391.shtml)
Skurile Pavillon-Umzüge tags und nachts, Workshops in der FußgängerInnenzone,
jeden Tag um 19 Uhr Umsonstessen am Rand des Kirchenplatzes, durchgeknallte
Polizei-Angriffe, Antiwahlaktionen und eine NachtTanzDemo prägten die nächsten
Tage. An einem Tag konnte am Marktplatz sogar den ganzen Tag über ein Teil des
UtopieCamps stehen, weil die PassantInnen offensiv zur Unterstützung gegen die
Staatsmacht aufgerufen wurden und selbige dann die Räumung nicht mehr wagte.
So gab es einen sehr schönen Tag mit vielen Kontakten zu Menschen rund um den
Umsonstladen, Frisörsalon und mehr. So gingen die ersten Tage herum, bis - unglaublich
- am vierten Tag ein Verwaltungsgerichtsurteil das Verbot einfach aufhob und
das UtopieCamp in begrenztem Umfang stattfinden durfte. (Aufhebung des Verbots
und weitere Berichte: http://www.de.indymedia.org/2003/08/60509.shtml)!
Um 0 Uhr am Sonntag wurde die Fläche dann "erobert". Bis dahin hatten Polizeiwannen
den Kirchenplatz rund um die Uhr bewacht - und auch sonst patroullierte ein
unglaubliches Aufgebot an Sicherheitskräften durch die Stadt. Das machte das
Bild besonders krass - um kurz vor Mitternacht rückte die Staatsstreitmacht
ab und ein buntes Leben begann auf dem Platz. So sah es auch den Sonntag über
aus. Doch das Ordnungsamt und die Polit-Eliten blieben am Ball: Am 01.09 folgte
eine erneute Räumung (http://de.indymedia.org//2003/09/60698.shtml).
Die Polizei baute ein Zelt ab und räumte den Umsonstladen und das gerade gekochte
Essen komplett ab - Gemüse, Klamotten, Kochtöpfe ... alles verschwand im großen
LKW. Ein zweiter Zug vor's Verwaltungsgericht führte aber zur erneuten Aufhebung
der Räumung und der Legalisierung von Umsonst-Laden, -Essen, Lernort. Die Stadt
trickste zwar herum, in dem sie nun behauptete, nicht zu wissen, wo der ganze
Kram sei - aber am nächsten Morgen sorgte doch ein Besuch beim Fuhramt für Aufklärung.
So brachen dann bei gutem Wetter noch zwei schöne Tage an und sehr, sehr deutlich
präsentierte sich der Unterschied zwischen Bullenstadt und UtopieCamp. Rundherum
gab es einige direkte Aktionen, manchmal auch die eine oder andere Verhaftung,
bis alles zuende war und kurz vor Mitternacht am Mittwoch in einer sehr bewegenden
Verabschiedung von einigen AnwohnerInnen und BerberInnen Zelte, Kochutensilien
usw. abgefahren wurden (http://www.de.indymedia.org/2003/09/60895.shtml).
Ein Mitwirkender beschrieb seinen Eindruck von Sinn und Unsinn des
UtopieCamps so: "Meine Wahrnehmung ist, dass das Zelt mit den einzelnen Umsonst-Elementen
und dem Gesamt-Ambiente, die witzigen Pavillon-Aktionen zu Beginn und die tatkräftige
"Unterstützung" durch den absurden Polizeieinsatzes und viele Einzelaktionen
der Cops (Räumung inklusive Essen und Umsonstladen), die auch BürgerInnen zum
Kopfschütteln brachten, das Klima (wenn es überhaupt ein einheitliches Klima
gibt) eher zum positiven für kreativ-utopischen Widerstand gewandelt hat. Nach
der Medien-Kampagne um den Gülle-Schlag (Anm.: die grüne Bürgermeisterkandidatin
schlug einem Polititaktivistin einige Tage vor dem Utopiecamp unter dem Jubel
von Grünen und CDUlern und späterer Unterstützungsartikel in den Tageszeitungen
mit der Faust ins Gesicht, siehe http://www.de.indymedia.org/2003/08/60237.shtml)
waren Jubel-Rufe über kassierte Prügel ja beim Auftakt des Camps relativ häufig.
Leider konnte das eigentliche Camp ja nur zweieinhalb Tage auf dem Kirchplatz
stehen und wahrscheinlich nur ansatzweise die Wirkung und Kontinuität ausstrahlen,
die ich mir gewünscht hätte. Gerade deshalb finde ich es erstaunlich, dass es
in kurzer Zeit auf einige Menschen nachhaltigen Eindruck gemacht hat, darunter
wenige AnwohnerInnen, PassantInnen, aber vor allem bei einigen BerberInnen,
denen das Camp nach eigenen Aussagen viel Kraft und Mut gegeben hat: Ein spürbar
bewegter Berber führte as Utopiecamp mit Umsonstessen symbolisch zwei Tage fort.
Inzwischen hat er die drei Schwätzer Skulptur leicht verändert und dort einen
Mini-Umsonstladen aufgebaut. Seit Tagen wird er morgens von PolizistInnen geweckt,
da er ganz offensiv in der Stadtmitte schläft ... wow. Beteiligte des Camps
berichten davon, immer wieder in der Stadt auf das Utopie-Zelt angesprochen
zu werden. Das darf nicht darüber hinweg täuschen, dass das Utopiecamp insgesamt
sicher wenig bewirkt hat bzw. all das kaum "überprüfbar" ist.
Aber nicht nur mir scheint das Lust zu machen auf weitere konkret-utopische
Aktionen und Projekte und neue Versuche, nächstes Jahr wieder so etwas wie ein
Utopie-Zelt umzusetzen, das mehr Wellen schlagen könnte. Nun, als ich heute
Nacht über den Kirchplatz fuhr, fand ich ihn irgendwie leer, es fehlte was ...
Schöne Erinnerungen verbinde ich mit Phasen, wo viele, unterschiedliche Leute
(von berberInnen über Arbeitlose, AnwohnerInnen, Jugendliche usw.) das Camp
aufsuchten, herum standen, sich mit dem Umsonstladen und -Essen beschäftigten
und es viele kleine, intensive Gespräche über die Ideen gab, die sich dahinter
verbergen. Es gibt da wenig zu beschönigen oder zu verklären, aber ein Flair
von Offenheit war da schon spürbar, den ich gerne ausbauen würde. Also Ideen
und konkrete Schritte, um Abgrenzungsgehabe und identitäre Grüppchen aufzubrechen,
mit denen Menschen entzweit und in Konkurrenz miteinander gesetzt werden.
Gefallen hat mir, dass es trotz der Menge an zivilen und normalen Einsatzkräften
plus einer streckenweise sehr hohen Polizeifrequenz offenbar einige freche Aktionen
gab (Copyarts an Bushaltestellen, bunte Schulen mit schulkritischen Grafittis,
Enzäunungsaktion, nächtliche Pavillon-Karawanen und veränderte Wahlplakate).
Eine der wichtigsten und mitunter persönlich tiefgehenden Erfahrungen war und
ist der Kontakt zu den BerberInnen in Gießen - also dass, was eigentlich schon
seit langer Zeit immer wieder in Plena zerlabert wurde (als es los ging mit
der Abwehr-der-Ordnung) und erst jetzt in die Gänge kommt. Den will ich nicht
abbrechen lassen. Wichtig wäre mir dabei, Formen zu finden bzw. darauf hinzuarbeiten,
dass dabei nicht so was wie nicht-staatliche, aber dennoch hierarchische Sozialarbeit
entsteht, d.h. "wir" Umsonstessen für die BerberInnen organisieren. Sondern
dass solche Projekte eben auch von den BerberInnen und Ausgegrenzten getragen
werden bzw. sie selbst darin gestärkt und unterstützt werden, eigene Ideen umzusetzen.
Das Ganze hat für mich auch neue Ansatzpunkte offen gelegt, wo Widerstand gegen
die Stadtpoltik möglich ist, und auch einige Ideen und Lust, den Reigen von
Innenstadtaktionen im letzten Jahr nicht versiegen zu lassen. Die Entzäunung
bzw. Öffnung des Löbau-Hofes (Abgesperrter BerberInnen-Treffpunkt, siehe:
http://www.de.indymedia.org/2003/09/60895.shtml) fand ich vor diesem Hintergrund
sehr cool."
Internetseite zu Law and Order gegen herrschaftsfreie Utopien: www.abwehr-der-ordnung.de.vu.
(Quelle: FUI - Freches Umwelt Info 4/03)
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