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Argumente

Gentechnik und Herrschaft
Eine Kritik aus emanzipatorischer Perspektive

Warum emanzipatorisch? ++ Die Kritikpunkte ++ Patentmacht ++ Zukunft, Technik, Herrschaft ++ Perspektiven ++ Links

Gentechnik ist eine Technologie, die aus dem Interesse an Profit und Kontrolle heraus vorangetrieben wird. Geforscht wird an Kombinationsmöglichkeiten mit profitablen Spritzmitteln oder am sog. Terminator-Gen, das verhindert, dass LandwirtInnen das Saatgut selbst weitervermehren können. Solche Techniken dienen nicht den Menschen, sondern Konzerninteressen. Es gibt keinen Grund, die „Biosicherheit“ solcher Genmanipulationen zu erforschen, weil die ganze Technologie bei solchem Vorzeichen dem Leben und den Menschen nicht hilft. Doch obwohl das so ist, wird sie mit den Mitteln des autoritären Staats durchgesetzt: Sofortvollzug und Polizeibewachung. Wo aber das Leben und die Selbstbestimmung der Menschen unter die Interessen von Profit und Macht gestellt werden, da ist es wichtig, aufzustehen und „Nein“ zu sagen! Und nicht nur das: Auch das „Nein!“ zu einer Praxis des Lebens zu machen – einem Leben jenseits von Anpassung, Ducken und Gleichgültigkeit. Meinen Kopf und meine Hände habt Ihr noch nicht unter Kontrolle – Ihr könnt sie nur einsperren!
Jörg Bergstedt zu seiner Beteiligung an der Feldbefreiung 2006 in Gießen (Quelle)

Hat man die Kontrolle über Öl, beherrscht man ein Land; kontrolliert man die Nahrungsmittel, beherrscht man das Volk. H. Kissinger, US-Außenminister, 1970*
*Nur zur Klarstellung: Kissinger wird vor allem in Europa als toller Politiker gehypt!

Vorspiel: Für eine erweiterte Kritik der Gentechnik

Gefahren und Nutzen - eine gefährliche Debattenlogik

Glaubt mensch den Umfragen, so sind 70, zeitweise sogar 80 Prozent der Menschen in Deutschland skeptisch bis ablehnend gegenüber Gentechnik im Agrar- und Lebensmittelbereich. Einen wesentlichen Anteil an dieser breiten Mobilisierung von Öffentlichkeit hatten zwar die oft mit herrschaftskritischen Positionen verbundenen Feldbesetzungen der 90er Jahre, doch unter der anschließenden Führungsrolle von Umweltverbänden mit ihren politischen und PR-Interessen verschoben sich die Begründungen. Nun stehen schon seit längerem gesundheitliche und ökologische Risiken im Mittelpunkt formulierter Ängste und Kritiken. Die sind oft nachvollziehbar und wichtig. Aber sie sind ein Ausschnitt – und zwar der, der im gehobenen BildungsbürgerInnentum und damit in der Zielgruppe der oft sehr klientelorientierten Umweltverbände im Vordergrund steht. Diese Verkürzung war und ist gefährlich.

Verkürzung der Argumentation
Wer Risiken in den Vordergrund stellt (bzw.: Gefahren), behauptet selbst, dass die Gentechnik unproblematisch sein kann - nämlich dann, wenn die Risiken einschätzbar und zu bewältigen wären. Das sei zwar nicht der Fall, wird dargestellt, aber es stärkt immer diejenigen, die genau deshalb die weitere Erforschung der Gentechnik einfordern. Außerdem kann es der Gentechniklobby dann gelingen, für Einzelfälle Behauptungen aufzustellen, in diesem und jenen konkreten Fall seien die Risiken bereits sehr gut erforscht und handhabbar. Als Gegenargumentation bleibt dann durch die Schlacht mit Fachausdrücken, Untersuchungen usw. - eine Debatte, bei der viele BeobachterInnen schnell aussteigen und dazu neigen, der Personen mit dem höheren wissenschaftlichen Grad (z.B. Prof., Fachbehördenleiter ...) mehr Glauben zu schenken.
Die Gentechniklobby geht hier bereits geschickter vor und behauptet, dass die Gentechnik Vorteile bringen würde (also bereits realisierbarer Nutzen) - und dem nur Gefahren (also mögliche Schäden) entgegenstehen.

Wissenschaftliche Sprache
Denn in der Folge wandelte sich die Auseinandersetzungsform. Die in den Risikodebatten auf wissenschaftliche Sprache trainierten GenpfuscherInnen konnten sich hier gut bewegen und als „Wissenschaftler“ inszenieren, denen es vermeintlich nur um die Sache ging. Ständig warfen sie mit irgendwelchen Gutachten um sich und schüchterten die KritikerInnen ein, die nicht so viele Quellen und chemische Formeln herunterbeten konnten – oder schlicht nicht gewohnt waren, so dreist zu lügen und irgendwelche sog. wissenschaftlichen Erkenntnisse zu zitieren, die es zum Teil überhaupt nicht gab.

Stärkt eine Problemwahrnehmung, die genau solche Lösungen einfordert, die Gentech-MacherInnen anbieten
Absurd: Wird Gentechnik als gefährlich eingestuft, ruft die Debatte über die Größe der Gefahren das Verlangen nach mehr Klarheit im Sinne von Risikoabschätzung hervor. Gefragt sind dann vermeintliche Wissenschaftlichkeit ("jetzt bleibt mal sachlich") und Menschen mit Anspruch auf fachliche Versiertheit. Das aber sind im Normalfall wieder genau die MacherInnen der Gentechnik, sie sich und ihre Methoden als RetterInnen inszenieren für Probleme, die ohne sie gar nicht bestehen würden.

Risiken und Nebenwirkungen

Es gibt eine weitere Schwäche der Risikodebatte – nämlich die, dass es eben um Risiken, also nur mögliche Nachteile, geht. So können GentechnikbefürworterInnen unwidersprochen formulieren, dass zwischen Vorteilen und Risiken abzuwägen ist. Das aber ist schon tendenziös, denn es besagt, dass Gentechnik das Positive tatsächlich schafft, das Negative aber nur entstehen könnte. Oft bleibt es unbemerkt, dass sich die BefürworterInnen so einen argumentativen Vorteil verschaffen.

Die emanzipatorische Perspektive: Herrschaftkritik und Gentechnik

Emanzipatorisch heißt, die Befreiung und Selbstentfaltung des Menschen (als Individuum und als Gruppe, die aber aus freier Selbstbestimmung gewählt wird – also nicht Kategorien wie Nation, Volk, Frau, Mann, Minderjährig, Behindert ...) in den Mittelpunkt zu stellen und immer vom Menschen her zu denken und nicht in vermeintlich über ihm stehenden Zielen. Wer die Heimat, die Schöpfung, das Volk u.ä. beschützen will, denkt nicht vom Menschen, sondern von über dem Menschen eingeordneten Einheiten her. Insofern ist eine emanzipatorische Kritik der Gentechnik nicht nur eine Beschreibung von "Nebenwirkungen" (also nicht nur Gefahren, sondern tatsächlichen Nachteilen), sondern schafft auch Immunität gegen anti-emanzipatorische Strömungen und Wertungen - seien sie religiös, rechts, esoterisch oder verschwörungstheoretischer Art.

Durch die Herrschaftsbrille: Kritikpunkte an der Gentechnik

Daher ist eine Erweiterung und Zuspitzung der politischen Begründungen auf weitere gesellschaftliche Fragen notwendig. Denn durch die „Herrschaftsbrille“, d.h. mit herrschaftsdemaskierendem Blick, hat die aktuell entwickelte Gentechnik bereits deutlich erkennbare Nachteile. Diese lassen sich auch nicht durch weitere „Sicherheitsforschung“ abschaffen – daher kippt auch das Argument der heute propagandistisch fast immer als Sicherheitsforschung deklarierten Gentec-Versuche. Im Folgenden sollen Kritikpunkte gegen Gentechnik benannt werden, die im System dieser Technik verankert sind und innerhalb der herrschenden Verhältnisse antiemanzipatorische Tendenzen stärken:

Verschärfung von Abhängigkeiten

Bereits häufiger in die Diskussion eingebracht wurde der Hinweis auf steigende Abhängigkeiten der VerbraucherInnen und der LandwirtInnen. Die Entwicklung der Gentechnik bei Profit- und Machtorientierung soll die KundInnen an die Produkte der Firma ketten durch Knebelverträge, Kombinationen von Saatgut und Spritzmittel sowie Patentierungen. Hier gibt es bereits eine Vielzahl von Entwicklungen, d.h. die Probleme bestehen bereits - weitere können hinzukommen (und werden, wenn Verwertungslogik weiterhin die Ökonomie dieser Welt bestimmt).

Aus dem Positionspapier des BfN (2009), "Welternährung, Biodiversität und Gentechnik" (S. 12)
Die hohen Forschungs- und Entwicklungskosten haben zu einer Marktkonzentration bei den Saatgutherstellern geführt und zudem eine Konzentration auf wenige Pflanzenarten bewirkt, die insbesondere für den globalen Futtermittelmarkt (Soja, Mais) oder als nachwachsende Rohstoffe (Baumwolle, Raps) von Bedeutung sind.
Die bestehenden Patente und anfallende Lizenzgebühren sind für Kleinbauern eine hohe Markthürde und führen zu großen Abhängigkeiten und Verschuldungen.

Beispiele:

Ausdehnung von Profit und Macht in neue Lebensbereiche

Neue Profit- und Machtsphären entstehen durch die Ausdehnung der Verwertungslogik auf bisher nicht erfasste Lebensbereiche, z.B. die Patentierung von Tieren und Pflanzen, Gensequenzen usw. Hierdurch werden die Spielräume für eine selbstbestimmte Entwicklung eingeschränkt, da die patentierten Organismen und Sequenzen für selbstorganisierte Ökonomien verloren gehen. Wissen und Möglichkeiten der Nahrungsmittelversorgung, der Bekämpfung von Krankheiten und Verletzungen oder anderer lebenswichtiger Technologien sind nicht für alle Menschen gleich verfügbar, sondern werden von profitorientierten Unternehmen gehortet. Da Konzerne aufgrund der Regel der ständigen Verwertung und des Marktes immer alle Möglichkeiten ausnutzen, sich Profit, Monopol und Macht zu sichern, ist das Patent auf Leben keine Spitze des Eisberges, sondern ein Grundmuster, dass unter Herrschaftsverhältnissen zur Gentechnik dazugehören wird.

Patentierung als Voraussetzung für diese Ausdehnung
Patente auf Leben könnten auch ohne Gentechnik angemeldet werden - viele konventionell gezüchtete Sorten stehen unter Lizenzen. Allerdings erlaubt die gentechnische Veränderung zum einen die erstmalige Möglichkeit, Sequenzen zu patentieren, die dann separat unter diese Kontrolle gestellt werden können und somit auch Sorten erfassen, wo sie als ein Baustein vorkommen. Zum anderen ermöglicht erst diese Patentierung von Gensequenzen, auch "natürliche" Ressourcen unter Lizenzrecht zu stellen und verwertbar zu machen, wenn dort die Gensequenz eingebaut ist (womit das Lebewesen nicht mehr natürlich wäre - aber das ist der Firma wirtschaftlich egal).

In einem internen Papier bewirbt Uwe Schrader (Chef von InnoPlanta) die Gentechnik wegen der Patentchancen:
Neben den für die Unternehmen aus den initiierten Entwicklungsarbeiten resultierenden direkten Erlösen - Produktumsätze mit Saatgut und biotechnologische F&E-Dienstleistungen - sind die aus der Internationalisierung der Ergebnisse zu erzielenden Lizenzeinkünfte zu verzeichnen. Im Falle der wissenschaftlichen Institute kann das Vorhaben zu einer wesentlichen Verbesserung der Verwertungseffizienz ftihren, da erst durch die Zusammenarbeit mit Saatzüchtern und Biotechnologieunternehmen die für den Lizenzerfolg von know-how und Schutzrechten entscheidenden Voraussetzungen - proof of concept bzw. Kommerzialisierung - geschaffen werden. ...
Desgleichen verspricht das Projekt eine wesentliche Erhöhung des Anteils an kommerzialisierbaren Forschungsergebnissen der wissenschaftlichen Einrichtungen und somit einen deutlich verbesserten direkten bzw. indirekten Rückfluß der langjährigen Vorinvestitionen des Bundes und des Landes in diese Institutionen.

Auszüge aus der BVL-Broschüre "Die Grüne Gentechnik" (S. 17 f.)
Fortschritte in der Pflanzenzüchtung sind nur dann zu erwarten, wenn sich die Aufwendungen lohnen und ein gewisser Schutz der Neuerungen (Erfindungen) vor Nachahmung besteht. ...
Da das nationale Patentrecht in europäische und internationale Abkommen eingebunden ist und Patentrechtsfragen auch andere auf internationaler Ebene behandelte Fragen wie z.B. Fragen des Zugangs zu genetischen Ressourcen oder des internationalen Handels und der Entwicklung berühren, werden diese nicht nur auf nationaler Ebene, sondern zunehmend auch in internationalen Gremien diskutiert. So verpflichtet das Abkommen über handelsbezogene Aspekte des geistigen Eigentums im Rahmen der WTO die Vertragsstaaten zur Einführung von Patentschutz auf allen Gebieten der Technik, einschließlich der Biotechnologie.

Patentierung auch der schon frei lebenden Tier- und Pflanzenwelt
Es gibt Bemühungen, auch Tiere und Pflanzen unter Patent zu stellen, z.B. durch die ErstentdeckerInnen neu gefundener Arten bzw. die ErstanmelderInnen nach diesem Fund. Es ist jedoch zweifelhaft, ob das vor Gerichten langfristig Bestand haben wird, denn eine solche Patentanmeldung ist selbst unter kapitalistischen Logiken formal höchst zweifelhaft. Einfacher ist es daher, eine patentgeschützte Gensequenz einzukreuzen und dann die so veränderte Art anzumelden. Sollte die so veränderte Art Ausgangspunkt neuer Zuchtlinien werden, würde da Lizenzrecht greifen.
Diese Verwertungsmöglichkeit unterscheidet sich von konventioneller Züchtung. Es ist denkbar, völlig belanglose Gensequenzen einzubauen. Einziges Ziel wäre dann die Patentierung des Lebewesens.

Noch schlimmer: Auskreuzung als globaler Siegeszug der Verwertbarkeit von Lebewesen
Bereits die übliche Ausdehnung der Gentechnik durch aktive Manipulation von Genen und deren Patentierung verläuft rücksichtslos. Fatal ist aber die absurde Logik, dass gerade der Super-Gau, nämlich die unkontrollierte Auskreuzung von Gensequenzen, für die patentinhabenden Firmen wirtschaftlich hochattraktiv wäre. Dann nämlich wäre ihre Gensequenz überall verbreitet und die Verseuchung der freilebenden Tiere und/oder Pflanzen wäre genau die Grundlage für deren nun plötzlich mögliche Anmeldung zum Patent. Schadensersatz dagegen wäre kaum zu leisten, denn vorher (!) gehörten die Lebewesen niemandem, d.h. niemand könnte einen Schaden sicher nachweisen.
Daraus resultiert, dass es für Gentechnikfirmen eine erfolgversprechende Strategie wäre, die Auskreuzung nicht nur grob fahrlässig in Kauf nehmen, sondern gezielt die Abläufe so zu manipulieren und zu steuern, dass eine freie Wahl zwischen gentechnisch veränderten und gentechnikfreien Sektoren in der Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung nicht mehr möglich ist. Fahrlässigkeit und fehlendes Risikobewusstsein sind zwar bei der Hetze nach Profiten und Monopolen deutlich sichtbar, aber reichen als Erklärungsmodell nicht aus.

Beispiel:

Damit nicht der Eindruck entsteht, hier seien ausgewählt böse Einzelmenschen am Werk: Die Ausdehnung von Verwertungslogiken ist eine systemimmanente Krisenbewältigungsstrategie des Kapitalismus. Die ständige und notwendige Erhöhung von Profiten und Kapital ist über verstärkte Ausbeutung von Mensch und Natur nur begrenzt und vor allem nicht gesichert zu machen. Demgegenüber ist die Ausdehnung von Verwertbarkeit auf bisher nicht monetarisier- und akkumulierbare Bereiche eine sichere Quelle von gesteigertem Profit. Die Gentechnik ist hier in "bester" Gesellschaft mit anderen Eroberungsfeldzüge kapitalitischer Verwertung. Das Wasser wird zur Zeit in großen Teilen der Welt in Privateigentum überführt - vorher gehörte es niemandem. Per Klimaschutzpropaganda wird durch das Protokoll von Kyoto die Verwertbarkeit der bislang eigentumslosen Luft und Atmosphäre durchgesetzt. Hier wird nicht die Luft selbst handelbar, sondern das Recht, sie zu benutzen - das aber kommt genau auf das gleiche heraus: Ein phantastischer Trick der Krake "Kapitalismus"! Die blöden Ökos, in ihrer Geschichte fast durchgängig blind gegenüber der Frage von Herrschaft, sind voll drauf reingefallen und haben intensiv dafür gekämpft, dass jetzt Profite und Monopolbildung auch mit der Luft möglich sind.

Gentechnik im Kapitalismus wird Hunger und Armut verstärken

Patente: Medizin und Nahrung nur noch mit großen Scheinen
In einer Gesellschaft, in der es vor allem um Profite geht, folgt auch die Gentechnik diesem Ziel. Die Technologie ist nicht nur ein unkalkulierbares Risiko, sondern wird immer öfter gezielt gegen Menschen eingesetzt. Dazu gehört die Anmeldung von Genen als Patente. Große Firmen sichern sich den Zugriff auf Tier- und Pflanzenarten, aber auch auf menschliche Gene. Gelingt es ihnen, ein Patent zu erwerben, so kontrollieren sie alle Anwendungen mit diesen Lebensformen. Patentiert werden inzwischen nicht nur gentechnische Veränderungen, sondern auch von Natur aus vorkommende Gene. Der Trick der Konzerne: Sie entwickeln Methoden, mit denen diese Gene untersucht werden könnten - und lassen sich dann alles patentieren, was dann untersucht wurde. Das aber ist dann das unveränderte Gen selbst bzw. das damit lebende Wesen. Die Folgen: Mehr Profit für den Konzern, weniger Lebensqualität für Mensch, Tier oder Pflanze. Ein Beispiel sind Gensequenzen, die Brustkrebs fördern. Die Firma Myriad Genetics hat die Untersuchungsmethode patentieren lassen. Nun verbietet die US-Firma per Gesetz allen andern For­schungslabors, solche oder ähnliche Brustkrebs-Gentests zu entwickeln. Infolge der marktbeherrschenden Stellung durch den Patentschutz hat Myriad Genetics die Preise von Tests für BRCA1- und BRCA-2-Gene erhöht, in manchen Ländern sogar um das Zwei- bis Dreifache. Das können sich viele Menschen nicht mehr leisten und es zeigt sich, was es bedeutet, wenn eine Firma im medizinischen Bereich Genpatente erhält. Den Patienten hilft das nicht, sondern schadet ihm.

Weitere Verschärfung von Hunger und Elend durch künstliche Verknappung

Selbst dort, wo die Ausdehnung von Elend, Ausbeutung, Armut und Hunger sehr offensichtlich dem Zweck der Profitmaximierung dient, ist die Forschung und Entwicklung sofort dabei. Dass Firmen und EntwicklerInnen dann bewusst den Weg über Leichen wählen, ist wieder kein Zufall oder eine Entartung kapitalistischer Wirtschaft, sondern folgt schlicht deren Grundlogiken.

Beispiele:


Die Realitäten: Mehr Nahrungsmittel und mehr Hunger gleichzeitig! FR, 15.10.2008 (S. 16)

Die Macht des Faktischen

Wer in der Lage ist, zu handeln und damit die Ausgangsposition der Debatte zu definieren, gewinnt (oft bedeutsam) an Macht. In der Debatte um Gentechnik stützt vor allem der Staat die gentechnikbefürwortende Seite durch die Genehmigung von Anwendungen der Gentechnik. Diese führt nämlich dazu, dass die Gentechnik vorhanden ist - und die Debatte darum geht, ob sie wieder wegkommt. Das ist eine entscheidende Veränderung. Würde nämlich erst diskutiert und dann gehandelt, wären die BefürworterInnen der Gentechnik in einer deutlich schlechteren Lage.
Hinzu kommt, dass der Staat die formalisierte Macht des Faktischen mit seinen Durchsetzungsarmeen (Behörden, Polizei, Gerichte) absichert.

Beispiele:

Ingenieursdenken statt Sozialpolitik oder soziale Prozesse

Gentechnik ist vom Ansatz her ein Reparieren an Natur und Mensch – zumal mit technischen Mitteln, d.h. es lenkt den Blick vom Sozialen auf das Technische. Die Ziele der Gentechnik aber sind fast ausnahmslos soziale: Gesundheit, Lebensmittelverteilung (nicht deren vermehrte Erzeugung, denn die Menge ist nicht das Problem!), Überwachung, Eugenik bis Euthanasie. Somit fördert die Gentechnik prinzipiell die Ausdehnung des Ingenieursdenkens auf soziale Fragen. Die Gesellschaft und die in ihr lebenden Menschen werden immer stärker zu einem Gegenstand des Sezierens in Laboren und Fabriken. Die gesellschaftliche Debatte verlagert sich immer weiter auf das ohnehin in Sozialpolitik, Bildung und Erziehung, Strafwesen und Medienpolitik bereits prägende Optimieren von Menschen für bestimmte Interessen und definierte Anforderungen statt einer Veränderung der Lebensbedingungen nach den Bedürfnissen der Menschen.

Forschung für Profit und Macht (Monopole, Kontrolle usw.)

Aus Profit- und Machtinteressen kombinieren die Konzerne und Institutionen der Gentechnik ihre gentechnischen Veränderungen mit Kontroll- und Steuerungsmechanismen. Damit verfolgen sie nicht Ziele des Umweltschutzes, der sicheren Nahrungsmittelversorgung oder der Hilfe für LandwirtInnen, wie sie in ihrer Werbung stets als Grund für Gentechnik angeben. Sondern sie wollen die Weiterverwendung des Saatgutes, ja selbst die Verbesserung des Saatgutes durch Weiterzüchtung unterbinden, wenn sie ihnen keinen Profit bringt, und vereinfachte Nachweismöglichkeiten für (z.B. aus der puren Not heraus entstandene) Weiterverwendungen haben. Zudem wollen sie den Einsatz und die Wirkungen besser steuern können. So entwickeln Konzerne zur Zeit gentechnische Schaltersequenzen, die bestimmte Wirkungen der Pflanze bei Kontakt mit bestimmten chemischen Substanzen auslösen. Dadurch ist nicht nur der Kombinationsverkauf z.B. mit Pestiziden garantiert, sondern es lassen sich auch ganz andere Anwendungsfälle vorstellen, deren von Machtinteressen angetriebene Erforschung längst läuft: Beispielsweise die Möglichkeit, in Konfliktfällen durch das Besprühen ganzer Landschaften gezielt Hungersnöte auszulösen.

Gentechnik als Waffe
Überall dort, wo die Ausdehnung von Macht und Kontrolle vorangetrieben wird, sind die GentechnikerInnen längst dabei.

Beispiele:

Zur Frage, wieweit Gentechnik auch technisch durch Einzelne jenseits von Verwertungszwängen angewendet werden kann, siehe diesen Text des Technology Review am 13.11.2009 ...

Überlegene Diskurssteuerung

Die überlegene Macht zur Steuerung von Diskursen verschärft das vorhandene materiellen Gefälle, d.h. die unterschiedlichen Handlungspotentiale. So können die Ziele wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Aktivitäten verfälscht und z.B. Änste geschürt werden, um damit dann scheinbare Lösungen für erfundene Probleme zu verkaufen. Ein prägnantes Beispiel ist der behauptete Hunger durch das Bevölkerungswachstum. Hier ist nicht nur erfunden, dass Agro-Gentechnik überhaupt hilfreich wäre, sondern auch das Problem selbst ist frei erfunden. Denn nicht die Menge der Menschen, sondern die Art von Wirtschaft und Regierung sind die Ursache des Hungers. Dadurch, dass es gelingt, die Diskurse zu steuern, lassen sich auch Lösungsmöglichkeiten bewerben.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Unter den bestehenden gesellschaftlichen Bedingungen dienen Forschung und Anwendung der Gentechnik prinzipiell Profit- und Machtinteressen. Das gilt auch für andere Forschungs- und Technikbereiche. Daher ist mit der Kritik an der Gentechnik auch die Kritik an den Herrschaftsstrukturen in der Gesellschaft zu benennen. Die anderen, zur Zeit im Vordergrund stehenden, gesundheitlichen und ökologischen Argumente gegen die Agro-Gentechnik bestehen darüber hinaus weiter.

UN-Menschenrechtsausschuss rügt Gentechnik als Menschenrechtsverletzung
Der UN-Menschenrechtsausschuss hat am gestrigen Montag nach 3-wöchiger Sitzung die concluding observations - die Aufforderungen an die indische Regierung, Menschenrechtsverletzungen sofort zu beenden - ins Internet gestellt. Auszüge:
29) Das Komitee ist tief besorgt, dass die exteme Not, die die Farmer erleiden müssen, zu einer steigenden Häufigkeit von Farmer-Selbstmorden über die vergangene Dekade geführt hat. Das Komitee ist besonders besorgt, dass die extreme Armut unter den Kleinbauern, verursacht durch den Mangel an Land, Zugang zu Krediten und adäquaten ländlichen Infrastrukturen, durch die Einführung von genetisch verändertem Saatgut durch multinationale Konzerne und die daraus resultierende Preiseskalation bei Saatgut, Dünger und Pestiziden, vor allem in der Baumwollindustrie, verschlimmert wurde.
68) Das Komitee fordert die Regierung auf ... dringende Maßnahmen gegen die Armut und die Nahrungsmittelunsicherheit zu ergreifen. ...
69) Das Komitee drängt die Regierung ... alle nötigen Maßnahmen zu ergreifen gegen die extreme Armut unter Kleinbauern und die landwirtschaftliche Produktion als eine wichtige Angelegenheit zu steigern ... finanzielle und andere Hilfsformen für Familien von Suizid-Opfern zur Verfügung zu stellen ... staatliche Unterstützung bereitzustellen, damit die Farmer vermehrungsfähiges Saatgut, dass sie wiederverwenden können, kaufen können mit dem Ziel, ihre Abhängigkeit von multinationalen Konzernen zu beseitigen.
(Englischer Originaltext)

Blick in eine bessere Zukunft?

Solange die Gesellschaft durch die in ihr durchgesetzten Regeln auf Sicherung und Ausbau von Macht und Profit ausgerichtet ist, werden alle technischen Entwicklungen ebenso wie das praktische Handeln in Politik und Wirtschaft auch diesen Zielen dienen. Umgekehrt heißt das: In einer herrschaftsfreien Welt fallen die Motive des Herrschaftsausbaus (zu diesem Zweck entwickelte Kontroll- und Durchsetzungsmittel, Waffen usw.) weg. Es würde ‚nur’ noch geforscht nach dem, was aus der Sicht der Menschen selbst von Vorteil ist. Und das ist vieles, wovon so einiges zur Zeit kaum verfolgt wird, weil es eben keinen Profit und keine Machtausdehnung bringt. Kleine, hocheffiziente Windräder für jedes Hausdach oder Mini-Blockheizkraftwerke mit automatischer Faulschlammgärung aus Vakuumtoiletten der umgebenden Wohnungen zum Beispiel: Die würden den Strommarkt überflüssig machen und damit den Ort, wo der Profit realisiert werden kann. Kloputzautomaten, bessere direkte Kommunikationsmethoden in Straßenzügen, im Kiez oder im Dorf.

Exkurs zur Frage von Herrschaft und Technik
Technikentwicklung und Projektrealisierung finden auch in herrschaftsfreien Zeiten statt. Sie nehmen aber eine andere Richtung, weil sie auf anderen Logiken basieren. Realisiert wird, an was Menschen interessiert sind – und zwar von sich aus, nicht aus dem Zwang zur Verwertung oder dem Willen zur Beherrschung heraus. Weil sie ihr Wissen nicht von anderen abschotten können, ist jede Erfindung oder Entwicklung potentiell für alle gut. Und weil das unmittelbar einleuchtend ist, wird auch das Interesse steigen, dass Wissen sich austauscht und verbreitet – was wiederum fördert, dass horizontale Kommunikationssysteme entstehen. Denn: Nur unter Profit- und Machtgesichtspunkten ist es vorteilhaft, wenn Wissen gehortet, patentiert oder geheimgehalten wird. Das steigert den Preis oder Herrschaftsnutzen. Wo aber die Verwertungslogik fehlt, kann einE ErfinderIn nur alles für sich behalten, Konstruktionspläne verbrennen oder was auch immer. Davon hat sie/er nichts. Ist das Wissen aber frei, wird jedeR ErfinderIn schnell Verbesserungsvorschläge erfahren und wiederum bei anderen abgucken können. Es ist besser für jede Person, wenn sich jede andere Person auch voll entfalten und maximal viele gute eigene Gedanken entwickeln kann.
Was herauskommt, wäre ein grandioser Schub an Technikentwicklung für ein besseres Leben. Und das schnelle Ende der Entwicklung von Technik für mehr Profite. Statt großen, zentralen Kraftwerken oder Windparks, die ja wegen des dann erzwungenen Stromvertriebs über den Markt vor allem aus Profitinteressen entstehen, wird es viele kleine, oft technisch sehr fortschrittliche Lösungen geben, deren Ziel es ist, dass die Menschen es gut haben: Warm in den Räumen, schlaue Geräte am Stromnetz, arbeitssparende und hoch-effiziente Entsorgung von Fäkalien und Abfällen usw. Um Totalausfälle zu vermeiden, lohnt sich ein Verbund zwischen den verschiedenen Organisationseinheiten, deren Grenzen ohnehin nicht scharf gezogen sind – warum sollte daran jemand Interesse haben?
Alles basiert in einer herrschaftsfreien Welt auf Interessen der Menschen selbst. Sie werden eine Mobilität entwickeln, die ihren Wünschen entspricht: Reisen zu können (viele Menschen haben Lust auf Mobilität, daher werden Methoden des Vorankommens entstehen), ohne Lebensqualität zu verlieren (viele Menschen werden Lust auf lärm- und gestankarmes Leben haben, Kinder und Erwachsene wollen vor der Haustür spielen, daher wird die heutige Form der mit Zwang durchgesetzten Auto-Mobilität keine Chance haben). Was wird entstehen? Schwebebahnen? Das ist schwer vorherzusagen. Wir sind von dieser Welt weit entfernt. Nur eines dürfte klar sein: Eine herrschaftsfreie Welt ist keine anti-technische Welt. Ganz im Gegenteil: Die Produktivkraft wird extrem steigen, wenn die Menschen für ein besseres Leben tätig werden. Auch wenn sie (was zu erwarten ist) viel mehr das bessere Leben auch genießen werden – sie werden viel produktiver, einfallsreicher und kommunikativer agieren. Weil es ihnen hilft! Der Egoismus in Form des Willens zu einem besseren Leben, treibt die Produktivität und den Erfindungsreichtum der Einzelnen an, führt aber ebenso zu viel Kooperation und zum Wunsch, dass sich andere auch entfalten, weil ich das von ihnen Erschaffene nutzen, kopieren oder weiterentwickeln kann.

Aus einem Interview mit Alexander Schwerin vom Gen-ethischen Netzwerk, in: Junge Welt, 15.2.2008 (S. 2)
Da geht es um sehr viel Geld. Und natürlich wäre die Freigabe weiterer importierter Stammlinien für die Forschung ein Einstieg in die weitere Ökonomisierung und Verwertung menschlicher Körpermaterialien.

Perspektiven I: Ziele entwickeln und benennen

Zur Organisierung gehört auch die bewusste Auswahl und Weiterentwicklung inhaltlicher Positionen. Die Tat ersetzt keinen Inhalt. Umgekehrt aber auch nicht.

Klare und weitgehende Positionen

Es gibt viele Begründungen für eine Kritik an der Gentechnik im Allgemeinen und der Anwendung im Agrar- und Lebensmittelbereich im Besonderen. Ziel einer emanzipatorischen Gentechnikkritik ist nicht, anderen Begründungen die Berechtigung abzusprechen, sondern für einen herrschaftskritischen Standpunkt einzutreten und diesen, wo es möglich ist, mit anderen Begründungen zu verknüpfen. Ökologische und gesundheitliche Bedenken sind ebenso mit einer Herrschaftskritik verbindbar wie der kritische Blick auf agrarstrukturelle Veränderungen oder die neoliberale Organisierung der Weltwirtschaft. Nicht verträglich mit einer herrschaftskritischen Sicht sind hingegen alle Begründungen, die selbst wiederum eine Zunahme von Macht bedeuten, denn nach herrschaftstheoretischen Überlegungen würde genau das zumindest verzögert wiederum die Durchsetzung der Gentechnik erleichtern. Folglich sind vermehrte Überwachung, erweiterte Befugnisse nationaler Institutionen (Stichworte: Reregulierung, nationale Souveränität) oder gar der Auf- und Ausbau weltweiter Herrschaft ebenso wenig mit einer herrschaftskritischen Sichtweise verbindbar wie religiöse, esoterische oder aus dem Schutz einer halluzinierten naturbelassenen Heimat, einer national bestimmbaren DNA u.ä. abgeleitete Motive.

Nach den durch sehr offensive Aktionsformen (Besetzungen, Zerstörungen, Go-ins, Veranstaltungsstörungen usw.) geprägten Jahren ab 1992 dominierten ab Jahrtausendwende eher zurückhaltende, weitgehend auf sanfte appellierende Aktionsformen beschränkte Kritiken der Gentechnik. Auch der Inhalt wandelte sich von einer grundlegenden Orientierung auf die Betonung von ökologischen und gesundheitlichen Risiken. Aus emanzipatorischer Sicht wäre wünschenswert, die herrschaftskritische Note verstärkt selbst einzubringen und dafür zu werben, dass Umweltverbände, Netzwerke, Aktionsgruppen usw. wieder weitergehende Forderungen aufnehmen bzw. neu formulieren. Die fortgeschrittene Monopolisierung der Wirtschaftsabläufe geben allen Grund, gerade die herrschaftskritischen Seiten der Gentechnik zu betonen - und auch dafür zu werben, diese blinden Flecken zu füllen, wenn sie bestehen.

Die Machtfrage stellen: Ernährungssouveränität

Wenn die Machtfrage zum Gegenstand der Betrachtung wird, geht es immer um die Selbstbestimmung der Menschen. Das heißt, es wird nicht eine neue richtige Ordnung verkündet, sondern die Bedingungen sollen so verändert werden, dass die Menschen mehr und freier entscheiden können, mehr Möglichkeiten haben und mehr Wirkung erzielen.

Aus Gregor Samsa, "Über die Notwendigkeit einer Wiederentdeckung", in: analyse&kritik, 20.1.2006
Ausgangspunkt jeder Auseinandersetzung mit globaler Landwirtschaft sollte das Recht auf Ernährungssouveränität sein. Die Forderung stammt ursprünglich von via campesina, einem weltweiten Zusammenschluss von Kleinbauern und -bäuerinnen, LandarbeiterInnnen und Landlosen mit ca. 200 Mio. Mitgliedern. Ernährungssouveränität umfasst mehr als das Recht auf freien Zugang zu einer ausreichenden Menge gesunder, nahrhafter und kulturell üblicher Lebensmittel; vielmehr ist auch das Recht gemeint, Nahrung in bäuerlicher, d.h. nicht-industrialisierter Produktion herstellen zu können und somit das Recht, über die hierfür erforderlichen Produktionsmittel zu verfügen, insbesondere Land, Wasser und Saatgut. Grundlegende Eigentums- und Verteilungsfragen sind demnach durch das Recht auf Ernährungssouveränität ebenfalls adressiert.

Mut zu Utopien

Die Entwicklung der Gentechnik und die Zunahme von Herrschaftspotentialen in diesem Bereich, aber auch durch dieser Technik steht nicht isoliert von ähnlichen und weiteren Entwicklungen in der Gesellschaft. Es ist naheliegend, über die Grenzen der gedanklichen Insel "Gentechnik" hinaus zu konkreten Forderungen und Zukunftsentwürfen zu kommen, die insgesamt die Orientierung auf Profit- und Herrschaftsmaximierung überwinden oder zumindest in Frage stellen. Die immer wieder vorgebrachten Bedenken, utopische Positionen könnten der Glaubwürdigkeit im Hier & Jetzt Schaden anhaben, basieren auf keinerlei belastbaren Beobachtungen. Vielmehr zeigt die Erfahrung vieler Jahrzehnte politischer Widerständigkeit und auch der Blick über die Grenzen hinaus, dass alles eher für das Umgekehrte steht. Wo weitgehende Forderungen und utopische Zukunftsentwürfe gegen das Bitte-keine-Veränderungen-Palaver der RealpolitikerInnen und ihrer Schergen in Institutionen und Medien gestellt wurden, waren soziale Bewegungen viel häufiger erfolgreich. So resultiert die gesellschaftliche Breite der Umweltverbände nicht aus ihren aktuellen Orientierungen auf Lobbyarbeit und Appelle an die Mächtigen per Unterschriftensammlung und Postkarten/Email-Aufrufe, sondern aus der kämpferischen Phase in den 70er und 80er Jahren. Selbst für eine im Zentrum meist minimalreformistische Organisation wie Attac gilt: Sie wurde groß, weil ihr visionäre Ziele jahrelang nachgesagt wurden. Das war immer ein Irrtum, aber es zog an statt abzuschrecken.

Die Angst vor Glaubwürdigkeitsverlusten durch utopische Ziele ist nicht nur unnötig, sondern auch erwünscht - von Seiten der Regierenden und Wirtschaftseliten, die aus naheliegenden Gründen am Status quo festhalten wollen.

Ganz nebenbei: Immunität gegen anti-emanzipatorische Gentech-Kritik

Die Ausweitung der Gentechnikkritik durch die Herrschaftsbrille und das offensive Formulieren einer Zukunft, in der nicht die Zunahme von Kontrolle, Macht und Reglementierung, sondern deren Verschwinden die menschliche Produktivkraft für ein bessere Leben nutzbar macht, hat noch einen kleinen, aber in der politischen Praxis wertvollen Nebenaspekt. Es entsteht eine deutliche Abgrenzung gegenüber antiemanzipatorischen Blickwinkeln. Solange nämlich nur Gesundheit und Umweltschutz die Kritik ausmachen, können sich Rechtsextreme, AnbeterInnen fremder Mächte (von kosmischer Energie bis zu irgendwelchen Göttern, deren Willen zu befolgen sei oder deren Werke mit der Gentechnik besudelt würden) oder FreundInnen entfesselter Regulierungswut durch immer neue Gesetze und Ordnungstruppen (Kameras an allen Feldern?) problemlos einreihen. Die Unterschiede würden nicht auffallen. Sie wären im Kern ja auch gar nicht vorhanden. Wo aber eine emanzipatorische Orientierung sichtbar wird, entspannt sich die Lage. Wer sich um die Machtfülle von Staaten oder Göttern, die Reinheit von Völkern oder die Unversehrtheit von Heimat sorgt, steht dann im Widerspruch dazu. Ausgrenzungen sind gar nicht mehr nötig, weil der Unterschied sichtbar ist.

Beispiele

Ein beliebtes Buch in der gentechnikkritischen Szene ist "Saat der Zerstörung" von F.W. Engdahl. Das Buch strotzt vor Anti-Amerikanismus und erschien im rechten und überall Verschwörung witternden Kopp-Verlag. Schon die Werbung für das Buch spricht für sich. Auszug: "Damit soll sichergestellt werden, dass Saatgut jedes Jahr neu erworben werden muss – ein Geschäft, das der Teufel nicht hätte besser erfinden können. Wird diese Entwicklung nicht aufgehalten, entsteht eine neue, bislang nicht für möglich gehaltene Form der Leibeigenschaft. Drei der vier privaten Unternehmen, die heute gentechnisch verändertes Saatgut anbieten, weisen eine unheilvolle jahrzehntelange Verbindung zur USKriegsmaschinerie des Pentagon auf. Einst produzierten sie »Agent Orange«, das Zehntausende in Vietnam tötete und selbst heute noch Folgeschäden verursacht. Zur Zeit üben diese Firmen in Zusammenarbeit mit der US-Regierung einen enormen Druck auf Europa aus, damit auch hier alle Schranken gegen genmanipuliertes Saatgut fallen. Dies ist keine Geschichte über Profitgier. Es ist vielmehr eine Geschichte über die dunkle Seite der Macht. In den 1970er Jahren erklärte Henry Kissinger: »Wer das Öl kontrolliert, ist in der Lage, ganze Nationen zu kontrollieren; wer die Nahrung kontrolliert, kontrolliert die Menschen.« Das Buch dokumentiert, dass die amerikanische Rockefeller-Stiftung der treibende Motor hinter dieser Entwicklung ist. Zusammen mit privaten Forschungsinstituten und in Mittäterschaft der US-Regierung versucht eine kleine mächtige Elite »Gott zu spielen« – mit erschreckenden Folgen für die Völker der Welt. Die vorliegende Arbeit dokumentiert eine gigantische Verschwörung. Diese ist aber leider keine Theorie oder Spekulation, sondern vielmehr rasant voranschreitende Realität."

Herrschaftskritische Warnung

Aus der Idee von Unbestimmtheit der Zukunft folgt aus herrschaftskritischer Sicht eine Position, die manch radikalem/r GentechnikgegnerIn vielleicht zunächst aufstößt: Es ist nie emanzipatorisch, die Zukunft festschreiben zu wollen. Über das Geschehen in einigen Jahren, Jahrzehnten oder Jahrhunderten entscheiden nicht die Menschen jetzt, sondern dann. Deshalb ist es problematisch, nicht rückholbare Veränderungen vorzunehmen. Zwar ist Wandel auch immer ein Teil von Natur und Kultur (die ohnehin nicht trennbar sind), aber dennoch müssen grundlegende Eingriffe besonders gut überlegt und begründet werden. Das ist ein wichtiges Argument gegen Gentechnik. Allerdings folgt daraus nicht, dass auch unter gewandelten, z.B. herrschaftsfreien Verhältnissen jede Gentechnik abzulehnen ist. Denn diese Situation ist aus der heutigen heraus nicht wirklich plan- und vorstellbar. Daher wäre eine Festlegung ein anti-emanzipatorischer Akt, weil es Menschen der Zukunft Handlungsschranken auferlegen will. Daher sollte eine emanzipatorische Kritik der Gentechnik immer die konkreten Formen dieser Technik benennen und die Rahmenbedingungen, unter denen sie steht. Daraus kann eine grundlegende Ablehnung der Gentechnik folgen, denn alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens unterliegen aktuell sowohl der Profit- wie auch der Machtmaximierung, z.B. auch die Medizin. Es ist sogar sehr naheliegend, die Gentechnik unter aktuellen Bedingungen ganz abzulehnen. Aber eben nicht für immer, weil es grundsätzlich nicht sinnvoll ist, für Situationen etwas festlegen zu wollen, die mensch nicht kennt. Jedenfalls aus herrschaftskritischem Blick wäre das fatal. Denn die radikal herrschaftskritische Perspektive ist dort aufgehoben, wo aus politischen Positionen, die aus aktuellen emanzipatorischen Überlegungen resultieren, feststehende, nicht mehr hinterfragbare Dogmen werden. Herrschaftsfreiheit kennt keine Klarheiten außer der, das immer die Menschen selbst der Ausgangspunkt sind. Nicht steht höher als sie - keine Religion, Moral, kein Gesetz und keine Ideologie, auch wenn alle die das immer von sich so behaupten und mit Macht durchsetzen.

Perspektiven II: Organisierung

Anti- oder fehlende emanzipatorische Orientierungen finden sich nicht nur in Positionen vieler politischer Gruppen, unter anderem in der Gentechnikkritik. Sie spiegeln sich ebenso in der Organisierungspraxis von Protest. Dort dominieren Intransparenz, Anbiederung an herrschende Strukturen und kollektive Identitätsbildung der handelnden Zusammenhänge. Dabei sind (aus emanzipatorischer Sicht) sogar Rückentwicklungen zu vermelden: So haben staatsbefürwortende Verbände wie BUND und Greenpeace die Meinungsführerschaft in der Debatte übernommen. Gleichzeitig wandelte sich das aus staatskritisch-autonomen Zusammenhängen entstandene und Mitte der 90er Jahre die laufenden Feldbesetzungen unterstützende Gen-ethische Netzwerk (GeN) zu einer sich selbst als seriös-wissenschaftliche Beraterorganisation inszenierenden Organisation mit ständigem Bedürfnis, sich von direkten Aktionen zu distanzieren oder diese in ihren Schriften (z.B. GiD) zu verschweigen. Moderne Kampagnen, die Protest als PR-Show inszenieren, wuchsen aus dem Boden nachlassender Inhaltlichkeit - so etwas Campact. Erst die seit 2005 wieder spürbare Zunahme direkter Aktion durch kleine Basisgruppen und die Aktion "Gendreck weg!" schaffte kleinste Veränderungen. Die Aktion Gendreck-weg schaffte sogar wieder den Sprung in eine Ausgabe des GiD. Anderes aber blieb bei Umweltverbänden & Co. verborgen: Der erste Feldbesetzungsversuch seit Jahren im April in Groß Lüsewitz, ebenso die Aktionen der mit deutlich emanzipatorischem Anspruch auftretenden FeldbefreierInnen und –besetzerInnen in Gießen, Oberboihingen oder anderswo.
Eher den eingefahrenen Mustern folgten andere Aktivitäten. Der G8-Landwirtschaftsaktionstag am 3. Juni rund um Rostock vermittelte neben fehlender Bissigkeit und normierten Aktionsformn vor allem eines: Die Betriebsblindheit für alles, was außerhalb des sorgsam konstruierten „Wir“ stand. Fast beklemmend, wie bei Ankündigung und Durchführung zum Aktionstag in Groß Lüsewitz die Aktionen anderer dort unerwähnt blieben. Die weiterführende Aktivität wurde auf das krampfhafte Fortbestehen nicht irgendwelcher Aktionen (was sollte das auch sein?), sondern der entwickelten kollektiven Identität gelegt - eine Anpassung an übliche Strategien politischer Bewegung. Organisierung wird als Selbstzweck betrieben und die bloße Existenz als Erfolg gefeiert.
Offen für Kooperation und eine Organisierung über Grenzen hinweg zeigt sich nur die Aktion "Gendreck-weg". Doch auch hier gilt das nur teilweise. Eine ständige Orientierung auf Selbsterhalt in den internen Debatten führt latent zur Gefahr, das Ziel der Sache gegen den Erhalt des Selbst zu tauschen.

Es ist daher angemessen, sich Gedanken zu machen über eine Praxis der Organisierung jenseits der Grenzen, des Innen und Außen, der kollektiven Identitäten und der Orientierung an geltenden Normen bei gleichzeitiger Angst vor allem, was radikal daherkommt. Die folgenden Absätze sollen einzelne Aspekte einer widerständigen und horizontalen Bewegungskultur benennen. Weder Vollständigkeit ist garantiert noch sollten die Gedanken kritiklos aufgenommen werden. Nach der Hochphase inmitten der 90er Jahren und der Etablierungs- plus Anpassungszeit mit massiven Abbrüchen in der öffentlichen Gestaltungskraft um die Jahrtausendwende steht eine Renaissance widerständiger Gentechnikkritik mit emanzipatorischen Zielen - wenn überhaupt - erst wieder neu zur Debatte. Kleine Anfänge sind gemacht. Um eine Wiederholung vergangener Zeit geht es nicht, sondern um etwas Neues, dass das Bestehende aber hinter sich lässt.

Der Staat ist bei all dem kein Verbündeter emanzipatorischer Technikkritik, da er zum einen autoritäre Mittel einsetzt oder zumindest damit droht, was der Idee von Befreiung und Selbstbestimmung zuwiderläuft. Zum anderen sind es gerade die bei einer staatlichen Umsetzung angerufenen Instrument zur Durchsetzung des vermeintlich "Guten", die gerade die Chance zur Durchsetzung von Interessen gegen Menschen bieten. Was also von Staatsseite aus Gentechnik verhindern könnte, ist genau die Struktur, die sie durchsetzt.

Horizontale Kooperation selbständiger Projekte und Gruppen

Grundlage emanzipatorischer Organisierungen ist immer das sich entfaltende Individuum in den selbstgewählten Kooperationsstrukturen, seien es überregionale Projekte oder lokale Gruppen, konkret vereinbarte Zusammenarbeit oder kontinuierliche Zusammenhänge. Aneignung von theoretischem und praktischem Wissen sowie Zugang zu Hilfsmitteln für die eigene Aktivitäten unterstützen diese Selbstentfaltung. Zwischen den unterschiedlichen, selbstorganisierten Teilen widerständiger Bewegung bedarf es keiner übergeordneter Zentralität, keiner Steuerung, keiner Privilegien und keiner Zugangsbeschränkungen zu Wissens- und Materialressourcen. Wo diese bestehen oder eingeführt werden, sinkt die Orientierung auf Stärkung der Organisierungsfähigkeit vieler Teile, während kollektive Mitmachaktionen dominieren. Versuche von Massen-Events ohne eigenes Nachdenken dominieren zur Zeit. Bei den entmündigenden Postkarten- und Luftballonaktionen von BUND, Greenpeace oder Campact ist das deutlich zu sehen - mensch lässt machen, wird zum Rädchen in einem professionellen Protestmanagement. Überregional wird dem aktuell nichts entgegengesetzt. Nur "Gendreck weg!" überspringt die Klippe der regionalen Beschränkung - begrenzt aber aufdie Mobilisierung zu einem Mitmach-Aktionstag, während eine Aktivierung über dieses Event hinaus weitgehend ins Leere läuft. Hier wäre eine Weiterentwicklung wünschenswert hin zu einem Netz vieler Teile, die eigenständig bleiben, aber in den vereinbarten Kooperation echte Schlagkräftigkeit zeigen.

Propaganda visionärer Projekte im Hier & Jetzt

Konkrete Forderungen und weitergehende Utopien müssen nicht zusammenhangslos nebeneinander stehen, sondern können ineinander greifen. So können Kritiken mit Vorschlägen bis zu Utopien verbunden werden. Wer Gentechnik im Agrarbereich kritisiert, kann ökologischen Landbau (konkrete Forderung), eine Umverteilung des Landes und die Selbstbestimmung der Menschen (konkrete Utopie), aber auch eine Gesellschaft ohne Verwertungs- und Eigentumslogik (Utopie) fordern.

Ebenso können konkrete Projekte an weitergehenden Forderungen orientiert werden. Das ist unter herrschaftstheoretischen Überlegungen sogar notwendig, denn ohne eine weitergehende Kritik laufen konkrete Positionen immer Gefahr, nur im Detail hilfreich, im Ganzen aber kontraproduktiv zu sein. Das gilt z.B. für den weitverbreiteten Wunsch nach verstärkter Kontrolle, nach Umweltpolizei, schärferen Gesetzen usw. Wo staatliche Macht ausgebaut wird, entsteht genau die Handlungsstärke, die u.a. Gentechnik durchsetzen kann selbst dort, wo kaum ein Mensch sie will. Statt also an autoritäre Konzepte anzudocken, könnte die Kritik an der Gentechnik besser mit anderen und weiterergehenden Ideen verbunden werden, die emanzipatorische Züge tragen. So kann Gentechnik sogar Teil von Kampagnen sein, die über den Bezug auf einen Punkt hinausgehen.

Beispiele:

Propaganda der Tat

Die emanzipatorische Kritik der Gentechnik ersetzt weder andere Argumente noch die Propaganda der Tat. Erstrebenswert wäre eine Kombination, denn die Vision einer herrschaftsfreien Welt und die konkrete Kritik der Gentechnik entfalten ihre größte Wirkung, wenn sie den Erregungskorridor füllen, der durch die praktische Widerstandshandlung entsteht – sei es die Feldbefreiung oder –besetzung, die subversive Aktion gegen die Propaganda der Konzerne, eine symbolische Aktion an den Zentren der Macht oder die Blockade bzw. Sabotage des laufenden Betriebs gentechnischer Manipulation.

Bei der Auswahl der Methoden von Aktionen bietet sich das Spektrum von Direct Action an, also von selbstbestimmten Handlungen, die öffentliche Erregung hervorrufen, Kommunikation erzeugen und damit Debatten um politische Kritik und Ziele ermöglichen (Aktionsbeispiele zu Gentechnik). Verbunden ist dieser Eingriff in die gesellschaftliche Debatte, in Normen und Diskurse, mit einem Verzicht verbunden, ausgerechnet an diejenigen zu appellieren, die die Ausbreitung der Gentechnik bis heute organisiert haben. Denn das verschafft Regierungen, Institutionen und Firmen nicht nur zusätzliche Legitimation, sondern ist auch herrschaftstheoretisch unsinnig: Solange die Rahmenbedingungen so sind, dass Machterhalt und -ausbau sowie Profit als Ziele geradezu erzwungen, weil alternativlos sind, ist die weitere Entwicklung der Gentechnik nicht eine Frage der jeweils herrschenden Parteien oder Gesichter, sondern wird sich unabhängig von diesen in der vorgezeichneten Art durchsetzen. Wenn in einer solchen Lage mit Aktionen auch politische Forderungen verbunden werden, dann müssen sie genau auf diese Abhängigkeiten und Zwänge eingehen und deren Überwindung, nicht deren Nutzung für die eigenen Interessen fordern.

Wünsche ...

Es ist bedenklich, wenn viele AktivistInnen, vor allem FunktionärInnen von ganz oben bis in die regionalen Strukturen bei Papi Staat arbeiten, zu Parteien gute Kontakte haben und nicht einmal das Gespräch mit der Gentech-Lobby scheuen - aber auf Schritt und Tritt darauf achten, nicht mit Menschen zusammen gesehen oder verwechselt zu werden, die radikaler als sie selbst die Ausweitung der Gentechnik entgegentreten. Veränderungen in der Welt werden kaum möglich sein, wenn nur solche Aktivitäten erwünscht sind, die niemanden stören, und die politischen AkteurInnen bei ihrem Willen, die Welt zu verändern, vor allem eines nicht wollen: Das es jemand merkt.

Weiterführene und ergänzende Texte

Buch "Autonomie und Kooperation"

2006 erschien das Buch "Autonomie und Kooperation" (Titel siehe rechts) - wie kann herrschaftsfreie Gesellschaft aussehen ... Extraseite zum Buch! ++ Bestellseite