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Argumente

Gentechnik und Herrschaft
Eine Kritik aus emanzipatorischer Perspektive

Worum geht es? ++ Kritik der Kritik ++ Emanzip. Kritik ++ Patentmacht ++ Zukunft, Technik, Herrschaft ++ Perspektiven ++ Links

Gentechnik ist eine Technologie, die aus dem Interesse an Profit und Kontrolle heraus vorangetrieben wird. Geforscht wird an Kombinationsmöglichkeiten mit profitablen Spritzmitteln oder am sog. Terminator-Gen, das verhindert, dass Landwirt_innen das Saatgut selbst weitervermehren können. Solche Techniken dienen nicht den Menschen, sondern Konzerninteressen. Es gibt keinen Grund, die „Biosicherheit“ solcher Genmanipulationen zu erforschen, weil die ganze Technologie bei solchem Vorzeichen dem Leben und den Menschen nicht hilft. Doch obwohl das so ist, wird sie mit den Mitteln des autoritären Staats durchgesetzt: Sofortvollzug und Polizeibewachung. Wo aber das Leben und die Selbstbestimmung der Menschen unter die Interessen von Profit und Macht gestellt werden, da ist es wichtig, aufzustehen und „Nein“ zu sagen! Und nicht nur das: Auch das „Nein!“ zu einer Praxis des Lebens zu machen – einem Leben jenseits von Anpassung, Ducken und Gleichgültigkeit. Meinen Kopf und meine Hände habt Ihr noch nicht unter Kontrolle – Ihr könnt sie nur einsperren!
Jörg Bergstedt zu seiner Beteiligung an der Feldbefreiung 2006 in Gießen (Quelle)

Hat man die Kontrolle über Öl, beherrscht man ein Land; kontrolliert man die Nahrungsmittel, beherrscht man das Volk. Ein Zitat, welches (unwidersprochen) Henry Kissinger, Ex-US-Außenminister, für 1970 zugeschrieben wird.*
*Nur zur Klarstellung: Kissinger wird vor allem in Europa als toller Politiker gehypt!

Für eine erweiterte Kritik der Gentechnik!
Gentechnik war lange in aller Munde, die Angst vor dem manipulierten Leben beherrschte Medien, politische Debatten und die spendenorientierten Flyer bzw. Kampagnen von NGOs, Grünen und anderen Akteur_innen. Doch worum ging und geht es dabei?

Agrogentechnik - eine kleine Einführung

Die Auseinandersetzungen nach 2000 drehten sich fast nur noch um die Anwendung der Gentechnik in der Landwirtschaft. Diese Beschränkung ist neu. Tatsächlich wird Gentechnik in vielen weiteren Bereichen angewendet. Durchgesetzt hat sich eine Benennung nach Farben:

Im Folgenden soll, weil aktuell umstritten, vor allem die grüne Gentechnik im Mittelpunkt stehen. Manch eine_n wird vielleicht schon überraschen, dass fast alle gentechnisch angebauten Pflanzen nur der Vernichtung in Tierställen oder Biogasanlagen dienen. Immerhin fließen seit über zwei Jahrzehnten Millionen in die Propaganda mit der Behauptung, dass - zumindest: auch - verbesserte Inhaltsstoffe in Lebensmitteln das Ziel seien. Das zwar leicht widerlegbare, aber dennoch immer wieder vorgetragene Argument, Gentechnik könne gegen den Hunger helfen, ist schon von daher absurd. Denn eine Technik, die dem Trog und Tank statt dem Teller dient, kann per se die Ernährungslage nicht verbessern. Welchen Sinn die Agrogentechnik überhaupt haben soll, können die Befürworter_innen auch nicht schlüssig erklären. Regelmäßig landen sie nach einem Stottern auf kritische Fragen beim Hungerargument. Das ist ihre letzte Rückzugsebene, die aber eben leicht widerlegbar ist.

Wie und was wird manipuliert?

Diese Frage ist für die Abschätzung von Risiken und Nebenwirkungen wichtig. Daher sollen die verschiedenen Ziele und Anwendungsgebiete hier kurz aufgelistet werden. Neben ihnen existieren noch kleine Sonderbereiche, in denen sich Spezialist_innen an der Manipulation von Erbgut versuchen.

Die Liste der Anwendungen klingt lang und vielfältig. Die Wirklichkeit sieht anders aus - nämlich ziemlich trostlos. Zwei gv-Konstrukte dominieren den weltweiten Anbau: Die Toleranz gegen Totalherbizide und die Erhöhung der Widerstandskraft gegen einzelne Fressfeinde von Nutzpflanzen. In allen Fällen geht es um Futtermittel (Mais, Soja), Energiepflanzen (Raps) oder Baumwolle. Zudem schwächeln beide Systeme. Beim ersten Typ dominierte bislang, dass Pflanzen künstlich gegen den Wirkstoff Glyphosat immun gemacht wurden. Doch erstens ist Glyphosat ein Gift mit Wirkungen auf Umwelt und menschliche Gesundheit. Dass nun mehr und länger gespritzt werden konnte, hat zu Folgeerscheinungen geführt, die seit einigen Jahren kontrovers diskutiert werden. Immer mehr spricht dafür, dass die Schädlichkeit von Glyphosat unterschätzt oder vertuscht wurde, solange mit diesem Mittel noch ordentlich Gewinn zu machen war. Jetzt, wo der Patentschutz gefallen ist, greifen sogar Behörden die Kritik auf. Sie werden damit aber nur anderen Totalherbiziden und der Kombination mit gv-Pflanzen den Weg ebnen, z.B. der LL-Kombination aus dem Hause Bayer CropScience. So oder so nehmen Resistenzen und in der Folge die eingesetzten Giftmengen zu statt ab. Das war auch von Anfang an das Ziel. Uwe Schrader, Cheflobbyist u.a. bei InnoPlanta, schrieb 1999: "Die Aussicht, in dem stagnierenden Pflanzenschutzmittelmarkt durch Anwendung der Pflanzenbiotechnologie Positionsverbesserungen zu erzielen, erklärt die für das Marktvolumen und die Profitabilität der Branche unerwartet hohe interne und externe F&E- Intensität." (F&E = Forschung und Entwicklung) Das hat geklappt. Die Grafiken zeigen, dass deutlich mehr Glyphosat in den USA eingesetzt wurden seit Einführung der Gentechnik (rechts aus dem Spiegel Nr. 25 am 20.6.2011, unten aus einem Vortrag, erstellt aus dem Report "13 Jahre" von Charles Benbroock, siehe dort S. 5):

In der Forschung ist die Lage noch etwas anders. Denn an den Agrarinstituten dominiert die "Forschung in der Gentechnik, weil es dafür Geld gibt“, wie die Rostocker Agrobiotechnologie-Professorin Inge Broer 2006 in der WDR-Sendung "Immer Ärger mit Linda" freimütig einräumte. Das bestätigte sich in etlichen weiteren Aussagen der Forschung und gilt nicht nur für die Gentechnik: Wissenschaft ist heute ein Geschäft. Der aggressive Kapitalismus hat - wie zu erwarten war - auch diesen Bereich erobert. Studien entstehen, wenn sie von Geldgebern in Auftrag gegeben werden. Unter dem Druck, rentabel sein zu müssen, sind sie immer auch eine Empfehlung für den nächsten Auftrag - und deshalb an dem orientiert, was die Geldgeber hören wollen. Das ist keine Verschwörung und keine böse Absicht, sondern schlicht das System. Insofern haben Wissenschaft und Forschung immer seltener eigene Zielsetzungen, sondern sind Opportunist_innen des Geldes.

Und was ist mit Tieren? Die meisten Ziele der gv-Pflanzen lassen sich auch auf Tiere übertragen. Geforscht wird bereits an verschiedenen Tierarten und mit verschiedenen Zielen. Auch hier geht es um Geld - und so rückt die Patentierbarkeit in den Mittelpunkt des Interesses.

Hohe Ablehnung, schlechter Start, viel Macht und Geld

Glaubt mensch den Umfragen, so sind 70, zeitweise sogar 80 Prozent der Menschen in Deutschland skeptisch bis ablehnend gegenüber der Gentechnik im Agrar- und Lebensmittelbereich. Einen wesentlichen Anteil an dieser breiten Mobilisierung von Öffentlichkeit hatten sowohl die militanten Widerstandsgruppen gegen die Gentechnik im Allgemeinen und gegen biomedizinische Kontrolle im Besonderen (z.B. Rote Zora) als auch die oft mit herrschaftskritischen Positionen verbundenen Feldbesetzungen der 90er Jahre. Außerdem glückte der Start nicht besonders gut ...

Im Original: Für und gegen Agrogentechnik ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus "Landwirtschaftsministerium: Veröffentlicht Umfrage", auf: GABOT, 23.01.2014
Die Befragung zeigt auch, dass die Lebensmittelerzeuger unter einem hohen Erwartungsdruck seitens der Verbraucher stehen. So gehört die Produktion von qualitativ hochwertigen (95% Zustimmung) und sicheren Lebensmitteln (93%) zu den wichtigsten Verbraucherforderungen an die Lebensmittelerzeuger. Ebenso bedeutsam sind den Verbrauchern die Einhaltung von Tierschutz- und Umweltkriterien (90 bzw. 88%) sowie die Pflege der Kulturlandschaften (84%). Ein weiteres relevantes Thema ist der Verzicht auf Gentechnik. So erwarten 83% der Befragten, dass die Landwirtschaft keine Gentechnik einsetzt, davon teilen 61% diese Erwartung "voll und ganz". Zudem wünschen sich die Verbraucher, dass die Landwirtschaft zur Versorgung mit nachwachsenden Rohstoffen beiträgt (79%) und für Arbeitsplätze auf dem Land sorgt (67%). ...
Knapp sechs von zehn Befragten (57%) geben an, beim Einkauf zumindest "häufig" Wert auf die Herkunft der gekauften Lebensmittel zu legen unter Frauen sind es sogar noch mehr (64%). Damit ist Regionalität das wichtigste Merkmal beim Lebensmitteleinkauf. Jeweils knapp die Hälfte der Verbraucher berichtet, häufig auf Merkmale wie Tierschutz (44%), Nachhaltigkeit (43%) und biologische Anbauverfahren (41%) zu achten.

Doch trotzdem gab es - von kleinen Pausen abgesehen - ständig neue Felder und Fördermittel … warum??? Es gibt mehrere Gründe - so wie im gesellschaftspolitischen Raum fast immer komplexe Ursachenzusammenhänge wirken (Kritik an vereinfachten Erklärungen). Die wichtigsten sollen hier benannt werden:

Die Liste ist sicherlich nicht vollständig, sollte aber reichen, um den gewünschten Eindruck zu vermitteln, dass hier mehrere Einflüsse zusammen wirken.

Kritik der Kritik

Es gibt noch einen weiteren Grund dafür, warum die Agrogentechnik sich trotz der klaren Ablehnung quer durch die Bevölkerung viele Jahre entwickeln konnte und auch heute noch in den Startlöchern steht: Die Schwäche der Kritik.

Die Fallstricke der üblichen Gentechnikkritik

Die Schwerpunktsetzung auf Risikofragen schuf etliche Probleme.

Ständig mit eigener Experise Risiken nachweisen zu wollen, war zudem überflüssig. Denn dass die Gentechnik unkontrollierbar, dazu nutzlos war und eine Auskreuzung nicht zu verhindern ist, wissen die Gentechnikanwender_innen nachweislich selbst. Mensch braucht nur bei ihnen nachzulesen. Ein Beispiel ist die oben schon zitierte Aussage des Gentechniklobbyisten Schrader, dass die Hoffnung auf mehr Pestizidverkauf die Gentechnik vorantreibt. Zur Auskreuzung stellte der Bundesverband Deutscher Pflanzezüchter (BDP) fest: "Ein Null-Prozent-Schwellenwert ist ebenso wie eine 100%ige Produktreinheit unerreichbar." Joachim Schiemann vom Julius-Kühn-Institut (JKI) meinte: "Eine gentechnikfreie Produktion mit Nulltoleranz ist nicht praktikabel." Der Ex-Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Ernst-Ludwig Winnacker, geißelte sogar das Gerede von Koexistenz: "Absurd sind auch die Abstandsregelungen für Versuchsfelder etwa von MON810, denn der Maispollen fliegt kilometerweit." Und selbst die Monsanto-Europachefin Ursula Lüttmer-Ouazane räumte ein: "Die Vermischung muss minimiert werden. Ausschließen kann man so etwas nie. Schließlich befinden wir uns in freier Natur und nicht in einem klinisch sauberen Raum." Alle Genannten sind stramme Gentechnikbefürworter_innen. Ohnehin ... Monsanto: Die formulierten einen bemerkenswerten Text in einen Patentantrag für eine gentechnisch unveränderte Pflanze - als Begründung, warum auch Nicht-GVO patentiert werden sollten: "Die Möglichkeiten, eine Pflanze durch gentechnische Veränderungen zu verbessern, sind gering. Dies ist einer Reihe von Ursachen geschuldet. So lassen sich die Effekte eines spezifischen Gens auf das Wachstum der Pflanze, deren Entwicklung und Reaktionen auf die Umwelt nicht genau vorhersagen. Dazu kommt die geringe Erfolgsrate bei der gentechnischen Manipulation, der Mangel an präziser Kontrolle über das Gen, sobald es in das Genom eingebaut worden ist, und andere ungewollte Effekte, die mit dem Geschehen bei der Gentransformation und dem Verfahren der Zellkultur zusammenhängen." Noch Fragen? Um es deutlich zu wiederholen: Der Text stammt von Monsanto selbst! Worüber muss nach solchen Zitaten eigentlich noch gestritten werden?

Dass dennoch dieses Thema im Vordergrund stand und steht, liegt an einer absurden Win-Win-Situation. Über Risiken zu debattieren, half Gentechnikkritiker_innen und -befürworter_innen gleichermaßen. Denn wenn eine Debatte ergibt, dass etwas unklar und unsicher ist, entsteht daraus der Wunsch nach mehr Wissen. Das bedeutet neue Aufträge für GentechnikerInnen - denn sie sind es, die forschen. Gleichzeitig aber bedeutet es mehr Spenden für NGOs, ebenso Wahlstimmen für Grüne, ÖDP und andere. Schließlicht traut die kritische Öffentlichkeit denen, die die Forschung beauftragen oder betreiben, aus guten Gründen nicht. Also sollen starke Gegenmächte alles begleiten und das Schlimmste verhindern - bei der Forschung, die sie selbst mit vorangetrieben haben …

Weitere problematische Argumentationsstränge gegen die Agrogentechnik sind der Bezug auf Konsum und Verbraucher_innen (end-of-the-pipe-Strategien, Reduzierung der Rolle von Menschen im Kapitalismus auf ihre Kaufkraft), der positive Bezug auf den inhaltsleeren Begriff Nachhaltigkeit und die Fixierung aller Kritik auf den US-amerikanischen Konzern Monsanto als Feindbild.

Aus "Studien zur Gefahr von Gentech-Soja sind gefälscht", in: SZ, 21.1.2016
Damit bleibt von den italienischen Studien nur die Erkenntnis, dass sich die Gegner Grüner Gentechnologie keinen Gefallen tun, wenn sie sich auf wissenschaftlich fragwürdige Arbeiten stützen. Es gibt ohnehin bessere Gründe, die genetische Manipulation von Nahrungspflanzen kritisch zu sehen. Der wichtigste ist, dass die Technik bislang nur der Industrie einen Dienst erwiesen hat.

Hinzu kam die Ausblendung von Machtfragen. Dabei böten diese wesentlich stabilere Argumente. Sie sind unter breiter Beteiligung diskutierbar, benötigen überwiegend kein Expert_innenwissen und können mit solchem auch nicht dominiert werden. Ein weiterer, ganz pragmatischer Vorteil dieser Argumente. Sie sie kaum widerlegbar. Die Gentechnikbefürworter_innen versuchen daher, ihnen auszuweichen. Sie wissen um diese Probleme der Gentechnik und probieren daher immer, die Debatte wieder auf die Risikofrage zu lenken. Dort fühlen sie sich zuhause und können nur gewinnen (siehe oben). Grüne, Umwelt-NGOs usw. haben ihnen in den vergangenen Jahren den Gefallen getan, auch aus Eigennutz. Die "besseren" Argumente im Überblick:

Wer derart die Gentechnik kritisiert, provoziert Gegenwehr. Doch die immer gleichen Abwehrmechanismen der Gentechniklobby-/profiteure zeigen nur, dass sie hier in die Enge getrieben werden. Sie titulieren die ihnen unangenehme Debatte als ideologisch und fordern mehr Sachlichkeit - am liebsten ihr Gewinnerthema Risikodebatte. „Fakten statt Ideologie“ hing als Spruchband über einer Tagung der Gentechnikbefürworter_innen 2009, auf der dann - wie absurd - asugerechnet Wolfgang Clement die Festrede hielt und den gemeinsamen Kampf gegen den Untergang Deutschlands beschwor. Standortchauvinismus ist aber nichts Anderes als reine Ideologie. Was zum Vorteil von Deutschland ist, hilft nicht automatisch auch irgendwelchen Menschen. Meist verschlimmert es die Lage - jedenfalls für die Meisten.
Die Durchsetzungsstärke der Kritik an Gentechnik als machtförmige Waffe ist ein Grund, sie stärker zu nutzen. Ein weiterer liegt noch auf der Hand: Sie fördert weder direkt noch indirekt neue Versuche und Forschungsgelder.

Aus all diesen Gründen sollte die bisher vordergründige Risikodebatte eher vermieden werden. Denn sie führt zu:.

Außerdem blendet sie wichtige Fragen aus. Denn auf dieser Weise entsteht "gentechnikfrei" als Qualitätssiegel. Doch giftig sind in der industriellen Landwirtschaft vor allem die Agrochemikalien. Gentechnikfreies Soja zerstört den Regenwald und führt zur Vertreibung von Menschen. Gentechnikfreie (Massen-)Tierhaltungen sind keine Perspektive. Die Beschränkung auf "gentechnikfrei" kann daher propagandistisch schnell für andere Zerstörungs- und Unterdrückungsformen genutzt werden - ein Beitrag zur Begrünung des Kapitalismus.

Durch die Herrschaftsbrille: Emanzipatorische Kritikpunkte an der Agrogentechnik

All allem folgt: Eine emanzipatorische Perspektive ist nötig. Herrschaftskritik und Gentechnik müssen zusammen gedacht werden. Emanzipatorisch heißt, die Befreiung und Selbstentfaltung des Menschen (als Individuum und ihrer frei gewählten Zusammenhänge, zu denen Kategorien wie "Nation", "Volk", "Frau", "Mann", "Minderjährig", "Behindert" usw. nicht gehören) in den Mittelpunkt zu stellen. Alles wird vom Menschen her betrachtet. Wer " Heimat", die Schöpfung, "Europa" oder Ähnliches beschützen will, denkt so nicht, sondern von den über dem Menschen stehenden Einheiten her. Insofern ist eine emanzipatorische Kritik der Gentechnik nicht nur eine Auseinandersetzung mit deren sozialen "Nebenwirkungen", sondern schafft auch Immunität gegen anti-emanzipatorische Strömungen und Wertungen - seien sie religiös, rechts, esoterisch oder verschwörungstheoretischer Art.

Im Folgenden sollen Kritikpunkte gegen Gentechnik benannt werden, die im System dieser Technik verankert sind und innerhalb der herrschenden Verhältnisse antiemanzipatorische Tendenzen stärken.

Rechts: Das Bild stammt aus einer Ausstellung über das 3. Reich in Prora

Verschärfung von Abhängigkeiten

Die Entwicklung der Gentechnik unter dem Regime von Profit und Macht soll Landwirt_innen an die Produkte einer Firma ketten durch Knebelverträge, Kombinationen von Saatgut und Spritzmittel sowie Patentierungen. Hier gibt es bereits eine Vielzahl von Entwicklungen, d.h. die Probleme bestehen bereits - weitere können hinzukommen (und werden, wenn Verwertungslogik weiterhin die Ökonomie dieser Welt bestimmt). Da gentechnische Veränderungen für jede Sorte und Linie neu vorgenommen werden, steigt der Druck auf eine weltweite Vereinheitlichung des Saatgutes.

Aus dem Positionspapier des BfN (2009), "Welternährung, Biodiversität und Gentechnik" (S. 12)
Die hohen Forschungs- und Entwicklungskosten haben zu einer Marktkonzentration bei den Saatgutherstellern geführt und zudem eine Konzentration auf wenige Pflanzenarten bewirkt, die insbesondere für den globalen Futtermittelmarkt (Soja, Mais) oder als nachwachsende Rohstoffe (Baumwolle, Raps) von Bedeutung sind.
Die bestehenden Patente und anfallende Lizenzgebühren sind für Kleinbauern eine hohe Markthürde und führen zu großen Abhängigkeiten und Verschuldungen.

Beispiele:

Ausdehnung von Profit und Macht in neue Lebensbereiche

Mit der Verschärfung bestehender Abhängigkeiten ist es nicht getan. Neue Profit- und Machtsphären entstehen durch die Ausdehnung der Verwertungslogik auf bisher nicht erfasste Lebensbereiche, z.B. die Patentierung von Tieren und Pflanzen, Gensequenzen usw. Hierdurch werden die Spielräume für eine selbstbestimmte Entwicklung eingeschränkt, denn die patentierten Organismen und Sequenzen gehen für selbstorganisierte Ökonomien verloren. Wissen und Möglichkeiten der Nahrungsmittelversorgung, der Bekämpfung von Krankheiten und Verletzungen oder anderer lebenswichtiger Technologien sind nicht für alle Menschen gleich verfügbar, sondern werden von profitorientierten Unternehmen gehortet. Da Konzerne aufgrund des kapitalistischen Zwangs zur ständigen Verwertung aller Werte immer alle Möglichkeiten ausnutzen, sich Profit, Monopol und Macht zu sichern, ist das Patent auf Leben keine Spitze des Eisberges, sondern ein Grundmuster, dass unter Herrschaftsverhältnissen untrennbar zur Gentechnik dazugehören wird.

Gentechnik als Voraussetzung für diese Ausdehnung kraft Patentierung
Patente auf Leben könnten auch ohne Gentechnik angemeldet werden. In vielen Teilen der Welt, so auch in Europa, ist das ein politisch scharf umkämpfter Bereich. Viele konventionell gezüchtete Sorten stehen bereits unter Lizenzen, was oft in Bezug auf die konkrete Pflanze ähnliche Wirkung haben kann. Allerdings erlaubt die gentechnische Veränderung zum einen die erstmalige Möglichkeit, Sequenzen zu patentieren. Somit wären nicht nur einzelnen Sorten betroffen, sondern alle Pflanzen oder Tiere, in denen sie als ein Baustein vorkommen. Zum anderen ermöglicht voraussichtlich erst die gentechnische Veränderung eine Patentierung - und zwar von den veränderten Gensequenzen selbst einschließlich aller Lebewesen, in die dann die Gensequenz eingebaut ist. Aber wahrscheinlich auch anderer, unveränderter Gene, wenn mit gentechnischen Analysemethoden gearbeitet wird. Das ist aber zur Zeit noch umstritten.

Im Original: Profit durch Patente ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
In einem Papier bewarb Uwe Schrader (heute Chef von InnoPlanta) 1999 die Gentechnik wegen der Patentchancen
Neben den für die Unternehmen aus den initiierten Entwicklungsarbeiten resultierenden direkten Erlösen - Produktumsätze mit Saatgut und biotechnologische F&E-Dienstleistungen - sind die aus der Internationalisierung der Ergebnisse zu erzielenden Lizenzeinkünfte zu verzeichnen. Im Falle der wissenschaftlichen Institute kann das Vorhaben zu einer wesentlichen Verbesserung der Verwertungseffizienz ftihren, da erst durch die Zusammenarbeit mit Saatzüchtern und Biotechnologieunternehmen die für den Lizenzerfolg von Know-how und Schutzrechten entscheidenden Voraussetzungen - proof of concept bzw. Kommerzialisierung - geschaffen werden. ...
Desgleichen verspricht das Projekt eine wesentliche Erhöhung des Anteils an kommerzialisierbaren Forschungsergebnissen der wissenschaftlichen Einrichtungen und somit einen deutlich verbesserten direkten bzw. indirekten Rückfluß der langjährigen Vorinvestitionen des Bundes und des Landes in diese Institutionen.

Aus der BVL-Broschüre "Die Grüne Gentechnik" (S. 17 f.)
Fortschritte in der Pflanzenzüchtung sind nur dann zu erwarten, wenn sich die Aufwendungen lohnen und ein gewisser Schutz der Neuerungen (Erfindungen) vor Nachahmung besteht. ...
Da das nationale Patentrecht in europäische und internationale Abkommen eingebunden ist und Patentrechtsfragen auch andere auf internationaler Ebene behandelte Fragen wie z.B. Fragen des Zugangs zu genetischen Ressourcen oder des internationalen Handels und der Entwicklung berühren, werden diese nicht nur auf nationaler Ebene, sondern zunehmend auch in internationalen Gremien diskutiert. So verpflichtet das Abkommen über handelsbezogene Aspekte des geistigen Eigentums im Rahmen der WTO die Vertragsstaaten zur Einführung von Patentschutz auf allen Gebieten der Technik, einschließlich der Biotechnologie.

Patentierung auch der schon frei lebenden Tier- und Pflanzenwelt
Es gibt Bemühungen, auch Tiere und Pflanzen unter Patent zu stellen, die gar nicht genmanipuliert wurden. Das könnte z.B. durch die Erstentdecker_innen neu gefundener Arten ode die Erstanmelder_innen nach diesem Fund geschehen. Intensiver bemühen sich Lobbyist_innen und Firmen um Patente auf Arten oder Sorten, bei denen besondere Eigenschaften auf Genen gespeichert sind und sie die Analysemethode entwickelt haben, mit der die Gensequenz gefunden werden kann (so z.B. beim Smart Breeding = Präzisionszucht). Es ist jedoch zweifelhaft, ob das vor Gerichten Bestand haben wird, denn eine solche Patentanmeldung ist selbst unter kapitalistischen Logiken formal zweifelhaft. Sicherer wäre da der Weg, eine patentgeschützte Gensequenz einzukreuzen und dann die so veränderte Art anzumelden. Sollte die so veränderte Art Ausgangspunkt neuer Zuchtlinien werden, würde zusätzlich das Lizenzrecht greifen.
Durch diese Verwertungsmöglichkeit unterscheidet sich Gentechnik kommerziell von konventioneller Züchtung. Es ist denkbar, völlig belanglose Gensequenzen einzubauen. Einziges Ziel wäre dann die Patentierung des Lebewesens zwecks des dadurch erreichbaren Zusatzprofits. Vor diesem Hintergrund war auch die parlamentarische Initiative im Bundestag, die Patentierung auf Tiere und Pflanzen aus konventioneller Züchtung zu verbieten, ein mehrschneidiges Schwert. Denn zwar würde dem Patentierungswahn an einer Stelle die Grundlage entzogen. Aber zum einen blieben viele Ausnahmen. Zum anderen aber, und das blieb auch in den - wieder mal peinlichen - Jubelgesängen von NGOs (Beispiele: Greenpeace ++ Kein Patent auf Leben) unbenannt, könnte das Verbot die Gentechnik sogar fördern. Denn jede_r Züchter_in, die nun etwas Neues patentieren lassen will, muss noch eine veränderte Gensequenz einbauen - im Zweifel einfach nur so.

Schlimmes Szenario: Auskreuzung als globaler Siegeszug der Verwertbarkeit von Lebewesen
Bereits die übliche Ausdehnung der Gentechnik durch aktive Manipulation von Genen und deren Patentierung verläuft rücksichtslos. Fatal ist aber die absurde Logik, dass gerade das Versagen, nämlich die unkontrollierte Auskreuzung von Gensequenzen, für die patentinhabenden Firmen wirtschaftlich hochattraktiv ist. Dann nämlich wäre ihre Gensequenz überall verbreitet und die Verseuchung der freilebenden Tiere und/oder Pflanzen wäre genau die Grundlage für deren nun plötzlich mögliche Anmeldung zum Patent. Ebenso könnten von Landwirt_innen Gebühren verlangt werden, wenn Pflanzen oder Tiere bei ihnen die geschützten Gene aufweisen würden. Schadensersatz dagegen wäre kaum zu leisten, denn vorher (!) gehörten die Lebewesen niemandem, d.h. niemand könnte einen Schaden sicher nachweisen.
Daraus resultiert, dass es für Gentechnikfirmen eine erfolgversprechende Strategie wäre, die Auskreuzung nicht nur grob fahrlässig in Kauf nehmen, sondern gezielt zu fördern. Dann wäre die freie Wahl zwischen gentechnisch veränderten und gentechnikfreien Sektoren in der Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung nicht mehr möglich - auch für die politische Debatte ein Pluspunkt. Könnte es also sein, dass die Ausbreitungen von Gensequenzen in der Umwelt längst absichtlich geschieht? Ein Blick auf die Saatgutbanken legt diesen Verdacht nahe ...

Saatgutbanken sollen die Vielfalt des Saatgutes erhalten und dafür sorgen, dass auch solches Saatgut unverändert oder zumindest sortenrein erhalten bleibt, das zur Zeit nicht in der Landwirtschaft eingesetzt wird. Schließlich ist nicht vorhersagbar, welche Eigenschaften einer Pflanze in der Zukunft wichtig sein könnten. Wäre das passende Saatgut verschwunden, könnte es weder direkt noch für Züchtungen genutzt werden. Darum wird viel Geld ausgegeben, um Saatgutbanken zu betreiben. Da sich Saatgut nur 10, 20 oder 30 Jahre aufbewahren lässt, ohne die Keimfähigkeit zu verlieren, kann es nur dadurch erhalten werden, dass es regelmäßig ausgesät und die Samen neu geerntet werden. Dabei muss darauf geachtet werden, dass die Sortenreinheit durch Einkreuzung anderer Sorten nicht verloren geht. Es wäre folglich fatal, wenn gerade in der Nähe solche Flächen, die der Saatgutsicherung dienen, Felder mit gentechnisch veränderten Pflanzen entstehen - vor allem, wenn sie von derselben Art stammen. Doch genau das geschah in der Vergangenheit immer wieder: Exakt dort, wo die fünf offiziellen Saatgutbanken in Deutschland bestehen (Siebeldingen, Dresden-Pillnitz, Gatersleben, Malchow und Groß Lüsewitz), sind Agro-Gentechnik-Versuchsflächen angelegt worden. Und zwar genau zugeordnet: Gv-Wein (bis 2004) neben der Weinsorten-Sicherungsstelle in Siebeldingen, manipulierte Apfelbäume (bis 2009) neben der Obstbaum-Saatgutbank in Pillnitz, gentechnischer Weizen und Erbsen neben den Saatgutbanken für Getreide und Hülsenfrüchte in Gatersleben, gentechnisch veränderte Kartoffeln neben den Flächen der Saatgutbank-Außenstelle für Kartoffeln in Groß Lüsewitz sowie gentechnisch manipulierter Raps neben den Ölpflanzen-Saatgutbanken in Malchow auf der Insel Poel. Kann so etwas Zufall sein? Wahrscheinlicher ist, dass hier entweder extrem fahrlässig die Verseuchung allen Saatguts mit Gentechnik in Kauf genommen wurde oder genau dies sogar das Ziel war. Denn dann wäre die Debatte um Gentechnik beendet. Es gäbe kein Saatgut ohne Gentechnik mehr - ökonomisch und machtpolitisch attraktiv: Menschen würden systematisch die Handlungsalternativen genommen. Mehr auf der Koexistenz-Seite ...

Damit nicht der Eindruck entsteht, hier seien ausgewählt böse Einzelmenschen am Werk: Die Ausdehnung von Verwertungslogiken ist eine systemimmanente Krisenbewältigungsstrategie des Kapitalismus. Die ständige und notwendige Erhöhung von Profiten und Kapital ist über verstärkte Ausbeutung von Mensch und Natur nur begrenzt und vor allem nicht gesichert zu machen. Demgegenüber ist die Ausdehnung von Verwertbarkeit auf bisher nicht monetarisier- und akkumulierbare Bereiche eine sichere Quelle von gesteigertem Profit. Die Gentechnik ist hier in "bester" Gesellschaft mit anderen Eroberungsfeldzüge kapitalitischer Verwertung. Das Wasser wird zur Zeit in großen Teilen der Welt in Privateigentum überführt - vorher gehörte es niemandem. Per Klimaschutzpropaganda wurde durch das Protokoll von Kyoto die Verwertbarkeit der bislang eigentumslosen Luft und Atmosphäre durchgesetzt. Jetzt ist zwar nicht die Luft selbst handelbar (was technische Probleme aufwerfen würde), sondern das Recht, sie zu benutzen. Das aber kommt genau auf das Gleiche heraus: Ein phantastischer Trick der Krake "Kapitalismus"! Die blöden Ökos, in ihrer Geschichte fast durchgängig blind gegenüber der Frage von Herrschaft, sind voll drauf reingefallen und haben intensiv mit dafür gekämpft, dass jetzt Profite und Monopolbildung auch mit der Luft möglich sind.

Weitere Formen kapitalistischer Lebensmittelproduktion:

Gentechnik im Kapitalismus wird Hunger und Armut verstärken

Patente: Medizin und Nahrung nur noch mit großen Scheinen
In einer Gesellschaft, in der es vor allem um Profite geht, folgt auch die Gentechnik diesem Ziel. Die Technologie birgt nicht nur unkalkulierbare Risiken, sondern wird längst gegen Menschen eingesetzt. Dazu gehört die Anmeldung von Genen als Patente. Große Firmen sichern sich den Zugriff auf Tier- und Pflanzenarten, aber auch auf menschliche Gene. Gelingt es ihnen, ein Patent zu erwerben, so kontrollieren sie alle Anwendungen mit diesen Lebensformen. Die Folgen: Mehr Profit für den Konzern, weniger Lebensqualität für Mensch, Tier oder Pflanze.

Auch in der Gentechnik-Medizin wären solche Ergebnisse zu erwarten. Würde beispielsweise ein wirksameres AIDS-Medikament entwickelt, so würde der Patentschutz auf dieses eine Verbreitung nicht nach Bedürfnissen von Menschen, sondern nach Profitinteressen steuern. Es wäre zu erwarten, dass gerade diejenigen, die ein solches Medikament besonders brauchen, es nicht bekommen können - oder in große Abhängigkeiten (Verschuldung) getrieben würden. Wenn dann, was beim Auftauchen eines solchen Medikamentes schnell folgen kann, andere Hilfsprogramme zurückgefahren werden, wäre ein absurdes Ergebnis wahrscheinlich: Der Durchbruch gegen AIDS würde das Elend vergrößern. Das aber wäre keine Überraschung, sondern Kapitalismus - ein profitorientiertes, lebens- und umweltfeindliches Wirtschaftssystem auf Basis der Gewaltmonopole standortkonkurrierender Nationalstaaten. halt
Ein ähnliches Beispiel dafür, was in Folge von Patente geschieht, ist bereits geschehen. Die Firma Myriad Genetics hat eine Untersuchungsmethode auf Gensequenzen, die Brustkrebs fördern, patentieren lassen. Dann verbot die US-Firma per Gesetz allen andern Forschungslabors, solche oder ähnliche Brustkrebs-Gentests zu entwickeln. Infolge der marktbeherrschenden Stellung durch den Patentschutz konnte Myriad Genetics die Preise von Tests für BRCA1- und BRCA-2-Gene erhöhen, in manchen Ländern sogar um das Zwei- bis Dreifache. Das konnten sich viele Menschen nicht mehr leisten und es zeigte sich also auch für den medizinischen Bereich (rote Gentechnik), wie schädlich Patente sind.

Im Original: Patente, Profit und Elend ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Hartmann, Kathrin (2009): "Ende der Märchenstunde" (S. 178)
Neben dem Freihandelsabkommen (GATT) gibt es auch das TRIPS-Abkommen über geistige Eigentumsrechte, das die Patentierung von Saatgut, technischen Innovationen oder Medikamentenwirkstoffen weltweit rechtlich bindend macht, so dass jeder, der das Wissen anwendet, dem Konzern, der die Patentrechte hält, sehr viel Geld bezahlen muss. Das gilt auch für Saatgut, Pflanzen und Heilpflanzenwirkstoffe, die zuvor niemandem gehört haben - man nennt das dann Bio­Piraterie.

Aus: Hünemörder, Katrin/Moldenhauer, Oliver: "Patente gefährden die Versorgung mit Medikamenten", in: Helfrich, Silke und Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg., 2009): "Wem gehört die Welt?", Ökom in München (S. 167 f.)
Die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen stoßen häufig an (ihre) Grenzen. Die internationale Projektarbeit wird vielfach dadurch behindert, dass für Krankheiten, die hauptsächlich in ärmeren Ländern auftreten, keine hinreichenden Behandlungsmöglichkeiten vorhanden sind. Medikamente, Diagnostika und Impfstoffe fehlen, weil die Erforschung zahlreicher Krankheiten einschließlich Malaria und Tuberkulose nicht profitabel ist. Denn sie treten hauptsächlich in ärmeren Ländern auf, und es lassen sich daher mit ihnen keine hohen Monopolpreise für Medikamente erzielen.
Gleichzeitig gibt es gegen viele tödliche Krankheiten Medikamente, die für die meisten Menschen nicht verfügbar sind. Die Medikamente sind sowohl für die Menschen als auch für die öffentlichen Gesundheitssysteme in den ärmeren Ländern sowie für internationale Hilfsorganisationen zu teuer.
In beiden Fällen ist die Ursache die gleiche: Der Teil der Forschung, der von den großen Pharmafirmen geleistet wird, soll durch hohe Medikamentenpreise refinanziert werden. Patentbasierte Monopole ermöglichen dabei den Pharmafirmen Preise, die deutlich über den Produktionskosten liegen. Dieser Anreiz funktioniert natürlich nicht bei Krankheiten, die (fast) ausschließlich Menschen betreffen, die sich keine teuren Medikamente leisten können. Das ist einer der Gründe, warum die Entwicklung neuer Produkte zur Bekämpfung der Tuberkulose mehr als zwei Jahrzehnte praktisch eingestellt war.
Die Ökonomen beschreiben das Phänomen nüchtern so, dass Monopole zu Unterproduktion und zu übermäßig hohen Preisen führen. In der Realität bedeuten fehlende Forschung und teure Medikamente für viele Menschen in Entwicklungsländern einen frühen und unnötigen Tod. ...
An der (fehlenden) Behandlung für Millionen HIV-Infizierte in ärmeren Ländern wird besonders deutlich, weiche massiven Nachteile das aktuelle Patentsystem hat. Eine HIVInfektion ist derzeit nicht heilbar, aber dank lebensverlängernder sogenannter antiretroviraler Medikamente kann die Krankheit aufgehalten werden. Diese antiretroviralen Medikamente finden einen Markt in den reichen Ländern, so dass es für die Industrie einen Anreiz gibt, sich dort zu engagieren. Hinzu kommen noch substantielle öffentliche Forschungsmittel. Die Weiterentwicklung von HIV/Aids-Medikamenten ist daher weitgehend gesichert. Das Problem bei der Behandlung von HIV/Aids ist also weniger mangelnde Forschung als vielmehr der Zugang zu bereits existierenden und erprobten Medikamenten, Ein Zugang, der im Zuge der Verschärfung des Patentrechts aufgrund internationaler Handelsabkommen immer schwerer wird.
Verschärfung von Hunger und Elend durch künstliche Verknappung

Selbst wenn die Ausdehnung von Elend, Ausbeutung, Armut und Hunger offensichtlich dem Zweck der Profitmaximierung dient, ist die Forschung und Entwicklung sofort dabei. Dass Firmen und Entwickler_innen dabei wissentlich über Leichen gehen, ist erneut weder Zufall noch persönliche Boshaftigkeit der handelnden Personen. Es ist auch keine Entartung kapitalistischer Wirtschaft, die durch gute Gesetze (Regulierung) eingehegt werden müsse. Sondern alles folgt schlicht den Grundlogiken, die im Kapitalismus herrschen. Dort bringt Mangel mehr Profit. Hunger ist lukrativ.

Beispiele:


Die Realitäten: Mehr Nahrungsmittel und mehr Hunger gleichzeitig! FR, 15.10.2008 (S. 16)

Wie intensiv die Agrarmärkte der Industrienationen die der ärmeren Länder beeinflussen, zeigt die Fleischindustrie. Obwohl Europa der am dichten besiedelte Kontinent ist, steigt die Exportquote an Nahrungsmitteln an - innerhalb von zehn Jahren von 17 auf 26,4 Prozent (Quelle: Kritischer Agrarbericht 2011, S. 82). Wichtigste Exportschlage sind Fleisch und Fleischwaren, Milchprodukte und Süßwaren. Wer nun daraus schließt, dass Europa eine Überproduktion hat und die Welt ernährt, irrt. Denn gleichzeitig muss die EU die Eiweißfuttermittel für das viele Vieh, welches hier in industriellen Massentieranlagen gehalten und gemästet wird, zu 80 Prozent importieren.
Das bedeutet also: Europa kauft die Flächen, die der Nahrungsmittelproduktion dienen könnten oder auf denen Regenwälder stehen. Die Landwirt_innen werden von ihren Flächen vertrieben oder müssen für geringen Lohn bei der Futtermittelproduktion für die Industrieländer schuften. Dann werden Soja und andere Produkte in Europa "veredelt", wie die tierquälerische Mästung, Geflügel- und Milchviehhaltung im industriellen Agrarjargon heißen, um als Fertigprodukt die armen Länder wieder zu überschwemmen, die damit zum zweiten Mal in ihrer Selbstversorgungsfähigkeit bedroht werden.
Warum sollte sich diese Lage für die Menschen verbessern, wenn die Futtermittel (vor allem Soja) nun gentechnisch verändert sind? Wobei nicht übersehen werden darf: Auch umgekehrt gilt dieses Logik: Den vertriebenen Menschen und dem zerstörten Regenwald ist es egal, ob sie für gentechnisch verändertes oder gentechnikfreies Soja sterben.

Aus einem Interview mit Jean Ziegler, in: Junge Welt, 16.11.2012 (S. 3)
Der »World Food Report« der UN sagt: Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren, 57000 Menschen jeden Tag. Von den sieben Milliarden Menschen, die es heute auf der Welt gibt, ist ein Siebtel permanent schwerstens unterernährt. Zugleich stellt der Report aber fest, daß die Weltlandwirtschaft nach dem heutigen Stand der Produktivkräfte problemlos zwölf Milliarden Menschen ernähren kann. Anders als noch vor wenigen Jahrzehnten gibt es heute keinen objektiven Mangel mehr – das Problem ist nicht die Produktion, sondern der Zugang zur Nahrung. Und der hängt von der Kaufkraft ab – jedes Kind wird ermordet, das während unseres Gesprächs verhungert.
Wer also sind die Herren dieser kannibalischen Weltordnung? Da möchte ich zunächst die zehn größten multinationalen Konzerne nennen, die 85 Prozent der weltweit gehandelten Lebensmittel kontrollieren – sie entscheiden jeden Tag, wer ißt und lebt, wer hungert und stirbt. Ihre Strategie ist die Profitmaximierung.

Die Macht des Faktischen

Wer in der Lage ist, bereits vor einer Debatte oder Entscheidungsfindung zu handeln, gewinnt (oft bedeutsam) an Macht. Denn dadurch werden nciht nur Fakten geschaffen, sondern auch die Ausgangsposition einer dann möglicherweise nachgeschalteten Debatte zu definieren. Bei der Durchsetzung der Agrogentechnik schuf vor allem der Staat durch die Genehmigung von Anwendungen der Gentechnik eine Ausgangslage, dass immer die Kritiker_innen der Entwicklung hinterherlaufen mussten. Die gentechnikbefürwortende Seite konnte nicht nur die Diskussionen von der Warte der bereits Handelnden führen, sondern die Debatte selbst einfordern. Denn solange debattiert wird, können sie ihre Pflanzen entwickeln und Felder anlegen. Gentechnik wird durch debattenloses Einfach-machen zur Realität - und die Diskussion geht plötzlich nur noch darum, ob sie wieder wegkommt. Das ist eine entscheidende Veränderung. Würde nämlich erst diskutiert und dann gehandelt, befänden sich die Befürworter_innen der Gentechnik in einer deutlich schlechteren Lage.
Hinzu kommt, dass der Staat die formalisierte Macht des Faktischen mit seinen Durchsetzungsarmeen (Behörden, Polizei, Gerichte) auch nach der Anlage der Felder absichert.

Beispiele:

Ingenieursdenken statt Sozialpolitik oder soziale Prozesse

Gentechnik ist vom Ansatz her ein Reparieren an Natur und Mensch – zumal mit technischen Mitteln, d.h. es lenkt den Blick vom Sozialen auf das Technische. Die behaupteten oder tatsächlichen Ziele der Gentechnik aber sind fast ausnahmslos soziale: Gesundheit, Lebensmittelverteilung (nicht deren vermehrte Erzeugung, denn die Menge ist nicht das Problem!), Überwachung und Eugenik. Wenn für solche Fragen eine Technik als Lösung vorgeschlagen wird, fördert das die Ausdehnung des Ingenieursdenkens auf soziale Fragen. Die Gesellschaft und die in ihr lebenden Menschen werden immer stärker zu einem Gegenstand des Sezierens in Laboren und Fabriken. Politik und alle anderen Formen gesellschaftlicher Gestaltung sich immer weiter auf das in Sozialpolitik, Bildung und Erziehung, Strafwesen und Medienpolitik ohnehin bereits prägende Optimieren von Menschen für bestimmte Interessen und definierte Anforderungen statt einer Veränderung der Lebensbedingungen nach den Bedürfnissen der Menschen.

Forschung für Profit und Macht (Monopole, Kontrolle usw.)

Aus Profit- und Machtinteressen kombinieren die Konzerne und Institutionen der Gentechnik ihre gentechnischen Veränderungen mit Kontroll- und Steuerungsmechanismen. Damit verfolgen sie nicht Ziele des Umweltschutzes, der sicheren Nahrungsmittelversorgung oder der Hilfe für Landwirt_innen, auch wenn sie das in ihrer Werbung als Grund für Gentechnik angeben. Sondern sie wollen die Weiterverwendung und die Verbesserung des Saatgutes durch Weiterzüchtung zumindest bei Dritten unterbinden. Solche Barrieren wollen sie auch für diejenigen, die das nicht (wie sie selbst oder konkurrierende Firmen) aus Profitinteressen machen, sondern für das eigene Überleben. Zudem wollen sie den Einsatz und die Wirkungen besser steuern können. So entwickeln Konzerne zur Zeit gentechnische Schaltersequenzen, die bestimmte Wirkungen der Pflanze bei Kontakt mit bestimmten chemischen Substanzen auslösen. Dadurch der Kombinationsverkauf z.B. mit Pestiziden möglich, der die eigentlich wichtigen Einnahmequellen generiert. Zudem lassen sich weitergehende Anwendungsfälle vorstellen, deren von Machtinteressen angetriebene Erforschung längst läuft. Dazu gehört die Möglichkeit, in Konfliktfällen durch das Besprühen ganzer Landschaften gezielt Hungersnöte auszulösen. Macht- und Profitorientierung werden, solange sie existieren, die Technik auch in solche Anwendungen drängen.

Ein anderer Anwendungsfall dient den ohnehin von anti-emanzipatorischen Überlegungen angetriebenen Steuerungsversuchen von Bevölkerungszahlen und -zusammensetzung. Heirfür sind z.B. Nahrungsmittel entwickelt worden, die Fruchtbarkeit beeinflussen, also unfruchtbar machen oder wie ein Verhütungsmittel wirken. Dieses geschieht unmerklich. Wenn gleichzeitig Verhältnisse geschaffen werden, in denen Menschen von externen Nahrungsmittellieferungen abhängig sind, lassen sich so ganze Regionen kontrollieren. Da bekommt Hungerhilfe plötzlich eine ganz neue Dimension - und das Interesse an der Existenz von Hunger und Abhängigkeit ebenfalls!

Die Überbevölkerung ist frei erfunden. Für was ist oder wird die Zahl der Menschen zu hoch? Meist wird die Nahrungsmittelversorgung benannt. Doch es gibt  viel mehr Essen als für alle nötig wäre. Würde die Verfütterung an Tiere wegfallen, könnten fast doppelt soviele Menschen versorgt werden. Sie hungern, weil ihnen das Land und die Lebensmittel genommen werden, weil sie vertrieben, bombardiert, versklavt, vergewaltigt werden. Welche Gentechnik soll da helfen?
Aber der Trick ist gut: Die Menschen erscheinen als Problem, die Technik als Retter. Dabei ist es zumindest in diesem Fall eher umgekehrt. Die Stärkung von Abhängigkeiten und Monopolen durch die Gentechnik wird den Hunger verschärfen.

Überlegene Diskurssteuerung

Die überlegene Macht zur Steuerung von Diskursen verschärft die unterschiedlichen Handlungspotentiale, die bereits aufgrund des materiellen Gefälles vorhanden sind. So können die Ziele wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Aktivitäten verfälscht und z.B. Ängste geschürt werden, um damit dann scheinbare Lösungen für erfundene Probleme zu verkaufen. Ein prägnantes Beispiel ist der behauptete Hunger durch das Bevölkerungswachstum. Hier ist nicht nur erfunden, dass Agrogentechnik hilfreich sein könnte. Sondern auch das Problem selbst ist frei erfunden. Denn nicht die Menge der Menschen, sondern die Art von Wirtschaft und Regierung sind die Ursache des Hungers. Dadurch, dass es gelingt, die Diskurse zu steuern, lassen sich dann die Lösungsmöglichkeiten bewerben. Typisch ist auch, bereits laufende öffentliche Debatten so umzuinterpretieren, dass die gewollte Entwicklung als Lösung erscheint. So wird die Agrogentechnik nicht mehr nur als Hoffnung gegen den Hunger inszeniert, sondern soll gegen die Folgen des Klimawandels helfen oder die Umwelt schütze.

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Künstliche Organismen gegen Klimawandel
J. Craig Venter, einer der bekanntesten Genforscher, rechtfertigte die Herstellung künstlicher Lebewesen mit modernen Themen. Aus der FR, 9.10.2007 (S. 13):
Seine Firma "J. Craig Venter Institute" in Rockville im US-Bundesstaat Maryland ist auf dem Weg zum künstlichen Leben.
Dazu erzeugte seine Forschergruppe ein künstliches Chromosom, das das Erbgut im Zellkern eines Lebewesens darstellt. Ein Team von 20 Wissenschaftlern - darunter Medizin-Nobelpreisträger Hamilton Smith - entschlüsselte zunächst das Erbgut des einfachen Bakteriums "Mycoplasma genitalium". Dann wurden alle Gene abgeschaltet, die nicht für das Überleben notwendig sind. Heraus kam ein einfaches Chromosom mit 381 Genen. Es wurde dann künstlich aus fast 600 000 Basenpaaren zusammengesetzt. ...
"Wir fühlen uns zu dieser Forschung verpflichtet", sagte Craig Venter. "Wir sind fest überzeugt, dass solche künstlich erzeugten Gene dabei helfen könne, den Klimawandel zu stoppen oder neue Energiequellen zu erschließen." In der britischen Zeitschrift Guardian sprach er gar von einem "sehr wichtigen philosophischen Schritt in der Geschichte der Menschheit". Er sei sich absolut sicher, dass das Kunstwesen leben werde. "Wir gehen vom Lesen des genetischen Codes zu der Möglichkeit über, ihn selbst zu schreiben." ...
Venter ist mit seinem künstlichen Bakterium immer noch nahe an der Natur. Genforscher Lehrach ist sich sicher, dass in geheimen Militärlabors mit herkömmlicher Gentechnik an viel "abenteuerlicheren Organismen" gearbeitet wird. "Wir können nur hoffen, dass die niemals rauskommen."
(Text über Craig Venter und seine Sprüche)

Kommentar dazu von Christian Schlüter in der FR, 9.10.2007 (Auszug)
Bequemt sich die westliche Welt gerade sehr widerwillig unter dem verharmlosenden Titel Klimawandel zu der Einsicht, dass in den nächsten zwanzig Jahren keineswegs nur das Wetter ein bisschen sonniger wird, sondern die Zerstörung der Erdatmosphäre zu sozialen, ökonomischen und politischen Verwerfungen ungeahnten Ausmaßes führen wird, präsentiert Venter nun werbewirksam die allemal lichtere Perspektive: Seine Bakterien sollen dereinst CO2 aus der Atmosphäre aufnehmen oder Bio-Sprit aus Pflanzenabfällen herstellen.

Biosicherheitsforschung
Die meisten Gentechnikversuche von 2006 bis 2012 in Deutschland wurden als Umweltbegleit- und Risikoforschung deklariert. Das war zum einen notwendig, weil die rot-grüne Regierung die Forschungsförderung stark an diesen Begriff gehängt hatte, um ihre z.T. gentechnikkritischen Wähler_innen darüber hinwegtäuschen zu können, dass die Gentechnik trotz anderer Versprechen weiter vorangetrieben wurde. Wer Geld haben wollte, musste die bisher wirtschaftlichen Zielen dienenden Versuche jetzt propagandistischüberarbeiten. Zum anderen aber schuf das Vorgaukeln der Sicherheitsforschung Akzeptanz. So wurde der Versuch mit transgener Gerste in Gießen im Frühjahr 2006 vom redegewandten, in SPD-Kreisen gern als Experte hofierten Prof. Kogel geschickt als Beitrag zu höherer Sicherheit der Gentechnik zelebriert. Der Trick gelang - von Umweltverbänden bis zu Grünen und Linkspartei verfielen alle in Tiefschlaf und stimmten im Stadtparlament Gießen sogar für diesen Versuch! Dass Kogel bei allem noch gelogen hatte und ganz andere als die angegebenen Ziele untersucht, ist nur die Spitze des Eisbergs an vernebelnder Propaganda.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Unter den bestehenden gesellschaftlichen Bedingungen dienen Forschung und Anwendung der Gentechnik prinzipiell Profit- und Machtinteressen. Das gilt auch für andere Forschungs- und Technikbereiche. Auch die Durchsetzung erfolgt mittels überlegener Steuerungsmöglichkeiten der öffentlichen Meinung, der formalen und der finanziellen Rahmenbedingungen. Um mit dem Protest gegen die Gentechnik erfolgreich sein zu können, ist deshalb die Kritik an den Herrschaftsverhältnissen in der Gesellschaft unumgänglich. Die anderen, zur Zeit im Vordergrund stehenden, gesundheitlichen und ökologischen Argumente gegen die Agro-Gentechnik bestehen darüber hinaus weiter, sie aber aus verschiedenen Gründen nicht ausreichend wirkungsmächtig oder können sogar kontraproduktiv sein.

Aus einem Interview mit Alexander Schwerin vom Gen-ethischen Netzwerk, in: Junge Welt, 15.2.2008 (S. 2)
Da geht es um sehr viel Geld. Und natürlich wäre die Freigabe weiterer importierter Stammlinien für die Forschung ein Einstieg in die weitere Ökonomisierung und Verwertung menschlicher Körpermaterialien.

UN-Menschenrechtsausschuss rügt Gentechnik als Menschenrechtsverletzung
Der UN-Menschenrechtsausschuss hat am gestrigen Montag nach 3-wöchiger Sitzung die concluding observations - die Aufforderungen an die indische Regierung, Menschenrechtsverletzungen sofort zu beenden - ins Internet gestellt. Auszüge:
29) Das Komitee ist tief besorgt, dass die exteme Not, die die Farmer erleiden müssen, zu einer steigenden Häufigkeit von Farmer-Selbstmorden über die vergangene Dekade geführt hat. Das Komitee ist besonders besorgt, dass die extreme Armut unter den Kleinbauern, verursacht durch den Mangel an Land, Zugang zu Krediten und adäquaten ländlichen Infrastrukturen, durch die Einführung von genetisch verändertem Saatgut durch multinationale Konzerne und die daraus resultierende Preiseskalation bei Saatgut, Dünger und Pestiziden, vor allem in der Baumwollindustrie, verschlimmert wurde.
68) Das Komitee fordert die Regierung auf ... dringende Maßnahmen gegen die Armut und die Nahrungsmittelunsicherheit zu ergreifen. ...
69) Das Komitee drängt die Regierung ... alle nötigen Maßnahmen zu ergreifen gegen die extreme Armut unter Kleinbauern und die landwirtschaftliche Produktion als eine wichtige Angelegenheit zu steigern ... finanzielle und andere Hilfsformen für Familien von Suizid-Opfern zur Verfügung zu stellen ... staatliche Unterstützung bereitzustellen, damit die Farmer vermehrungsfähiges Saatgut, dass sie wiederverwenden können, kaufen können mit dem Ziel, ihre Abhängigkeit von multinationalen Konzernen zu beseitigen.
(Englischer Originaltext)

Blick in eine bessere Zukunft?

Solange die Gesellschaft durch entsprechende Regeln auf Sicherung und Ausbau von Macht und Profit ausgerichtet ist, werden alle technischen Entwicklungen ebenso wie das praktische Handeln in Politik und Wirtschaft auch diesen Zielen dienen. Nur in einer herrschaftsfreien Welt können die Motive des Herrschaftsausbaus und deren Mittel wie Diskurssteuerung, Kontroll- und Durchsetzungsmittel, Waffen usw. wegfallen. Es würde ‚nur’ noch geforscht nach dem, was aus der Sicht der Menschen von Vorteil ist. Was zur Zeit Herrschaft und Profit dient, fällt weg. Dafür wird an vielem Interesse entstehen, was zur Zeit kaum verfolgt wird, weil es eben keinen Profit und keine Machtausdehnung bringt. Kleine, hocheffiziente Windräder für jedes Hausdach oder Mini-Blockheizkraftwerke mit automatischer Faulschlammgärung aus Vakuumtoiletten der umgebenden Wohnungen zum Beispiel: Die würden den Strommarkt überflüssig machen und damit den Ort, wo der Profit realisiert werden kann. Kloputzautomaten, bessere direkte Kommunikationsmethoden in Wohnblöcken, auf der Straße, im Kiez oder im Dorf. Bessere Umgangsformen mit Konflikten. Mobilitätssysteme ohne die riesigen Schäden des Autowahns. Usw.

Exkurs zur Frage von Herrschaft und Technik
Technikentwicklung und Projektrealisierung finden auch in herrschaftsfreien Zeiten statt. Sie nehmen aber eine andere Richtung, weil sie auf anderen Logiken basieren. Realisiert wird, an was Menschen interessiert sind – und zwar von sich aus, nicht aus dem Zwang zur Verwertung oder dem Willen zur Beherrschung heraus. Weil sie ihr Wissen nicht von anderen abschotten können, ist jede Erfindung oder Entwicklung potentiell für alle gut. Und weil das unmittelbar einleuchtend ist, wird auch das Interesse steigen, dass Wissen sich austauscht und verbreitet – was wiederum fördert, dass horizontale Kommunikationssysteme entstehen. Denn: Nur unter Profit- und Machtgesichtspunkten ist es vorteilhaft, wenn Wissen gehortet, patentiert oder geheimgehalten wird. Das steigert den Preis oder Herrschaftsnutzen. Wo aber die Verwertungslogik fehlt, kann einE ErfinderIn nur alles für sich behalten, Konstruktionspläne verbrennen oder was auch immer. Davon hat sie/er nichts. Ist das Wissen aber frei, wird jedeR ErfinderIn schnell Verbesserungsvorschläge erfahren und wiederum bei anderen abgucken können. Es ist besser für jede Person, wenn sich jede andere Person auch voll entfalten und maximal viele gute eigene Gedanken entwickeln kann.
Was herauskäme, wäre ein grandioser Schub an Technikentwicklung für ein besseres Leben. Und das schnelle Ende der Entwicklung von Technik für mehr Profite. Statt großen, zentralen Kraftwerken oder Windparks, die ja wegen des dann erzwungenen Stromvertriebs über den Markt vor allem aus Profitinteressen entstehen, wird es viele kleine, oft technisch sehr fortschrittliche Lösungen geben, deren Ziel es ist, dass die Menschen es gut haben: Warm in den Räumen, schlaue Geräte am Stromnetz, arbeitssparende und hoch-effiziente Entsorgung von Fäkalien und Abfällen usw. Um Totalausfälle zu vermeiden, lohnt sich ein Verbund zwischen den verschiedenen Organisationseinheiten, deren Grenzen ohnehin nicht scharf gezogen sind – warum sollte daran jemand Interesse haben?
Alles basiert in einer herrschaftsfreien Welt auf Interessen der Menschen selbst. Sie werden eine Mobilität entwickeln, die ihren Wünschen entspricht: Reisen zu können (viele Menschen haben Lust auf Mobilität, daher werden Methoden des Vorankommens entstehen), ohne Lebensqualität zu verlieren (viele Menschen werden Lust auf lärm- und gestankarmes Leben haben, Kinder und Erwachsene wollen vor der Haustür spielen, daher wird die heutige Form der mit Zwang durchgesetzten Auto-Mobilität keine Chance haben). Was wird entstehen? Schwebebahnen? Das ist schwer vorherzusagen. Wir sind von dieser Welt weit entfernt. Nur eines dürfte klar sein: Eine herrschaftsfreie Welt ist keine anti-technische Welt. Ganz im Gegenteil: Die Produktivkraft wird extrem steigen, wenn die Menschen für ein besseres Leben tätig werden. Auch wenn sie (was zu erwarten ist) viel mehr das bessere Leben auch genießen werden – sie werden viel produktiver, einfallsreicher und kommunikativer agieren. Weil es ihnen hilft! Der Egoismus in Form des Willens zu einem besseren Leben, treibt die Produktivität und den Erfindungsreichtum der Einzelnen an, führt aber ebenso zu viel Kooperation und zum Wunsch, dass sich andere auch entfalten, weil ich das von ihnen Erschaffene nutzen, kopieren oder weiterentwickeln kann.

Im Original: Markt, Macht, Wissenschaft ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Bookchin, Murray (1992): "Die Neugestaltung der Gesellschaft", Trotzdem-Verlag in Grafenau (mehr Auszüge)
Es ist wichtig, die Entwicklung einer Technik, die die moderne Angst vor dem Mangel beseitigen kann, eine Nach-Knappheits-Technik sozusagen, zum Bestandteil des revolutionären Projektes zu machen. Eine solche Technologie muss jedoch in den Kontext einer sozialen Entwicklung gestellt werden und darf nicht als "Vorbedingung" menschlicher Emanzipation unter allen Bedingungen und für alle Zeiten aufgefaßt werden. (S. 134 f.) ...
Soll die Technik natürliche Zyklen ablösen, die das Verhältnis von atmosphärischem Kohlendioxyd und Sauerstoff regeln, soll sie einen Ersatz für die sich zersetzende, das Leben vor tödlicher Sonnenstrahlung schützende Ozonschicht bieten; soll sie den Boden durch hydroponische Lösungen ersetzen? Alles dies, wenn es denn möglich wäre, würde ein hoch diszipliniertes System gesellschaftlichen Managements erfordern, das mit Demokratie und politischer Mitwirkung des Volkes völlig unvereinbar wäre. (S. 169 f.)

Aus Niels Boeing, "Rip, Mix & Fabricate" in: "Anarchistische Welten" (2012, Nautilus in Hamburg)
Die geschlossene Technosphäre ist eine wachsende Ansammlung von Blackboxes, die wir nicht durchschauen sollen. ...
Wir müssen uns die Technik, auch in ihrer Gestalt als Technosphäre, aneignen und vom Kapitalismus ablösen und können umgekehrt durch ihre Aneignung sogar dazu beitragen, den Kapitalismus auszuhöhlen. Wir können diese Aneignung forcieren, wenn wir ein analytisches Werkzeug finden, das uns den systematischen Zugang zur Technik so erweitert, dass sich daraus neue, konkrete Handlungsmöglichkeiten ergeben. ... (S. 191f.)
Hingegen Technik als Verschwörung des Kapitals oder Ausgeburt menschlicher Gewalttätigkeit zu begreifen und deshalb abzublocken, überlässt die Umgestaltung der Welt weiterhin den Technokraten. Die übernehmen wir besser selbst. (S. 197f.)

Aus Richter, Horst-Eberhard: "Niederlage des Intellekts", in: Freitag, 23.7.2004 (S. 3)
Schon Francis Bacon hatte zum Anbeginn der neuzeitlichen Naturwissenschaft als deren Ziel die grenzenlose Herrschaft des Menschen genannt. Ein Fortschritt der Erkenntnis bis zu dessen Selbstvergöttlichung hatte Descartes vorgeschwebt. In puncto Allmacht hat dieser Fortschritt dem Menschen nunmehr die furchtbare Chance vermittelt, seine Herrschaft als grenzenlose atomare Zerstörung der Natur und des eigenen Geschlechtes auszuüben.
Das ist zustande gekommen, weil sich die westliche Menschheit dem geheimen Machtwillen der Naturwissenschaft wie einer neuen Religion unterworfen hat. Die gläubige Ergebenheit des Mittelalters ist also nicht - wie oft behauptet - einer aufgeklärten Mündigkeit gewichen, sie hat vielmehr in einer mit der Naturwissenschaft eng verbundenen Ersatzreligion neuen Halt gesucht und gefunden. Das hat der Computer-Wissenschaftler Joseph Weizenbaum so prägnant wie kein anderer beschrieben: "Ich meine wirklich, dass die Naturwissenschaft, in den westlichen Ländern jedenfalls, heute alle Merkmale einer organisierten Religion hat. Da gibt es Novizen, das sind die Studenten an den Universitäten. Da gibt es Priester, das sind die jungen Professoren. Dann gibt es Monsignores, das sind die älteren. Es gibt Bischöfe und Kardinäle, und es gibt Kathedralen. Meine eigene Universität, das Massachusetts Institute of Technology (MIT), ist eine Kathedrale in der Naturwissenschaft. Es gibt sogar Päpste, und auch - das ist sehr wichtig - Häretiker. Die Häretiker werden bestraft, genau so wie die Häretiker einer alten Religion. Sie werden ausgestoßen. Und wenn man schließlich als Häretiker anerkannt ist, dann wird auch behauptet: Der war doch nie ein richtiger Wissenschaftler! Das alles gibt es. Und dann gibt es die große Masse der Gläubigen. In diesem Sinn besteht überhaupt kein Unterschied zwischen Naturwissenschaftsglauben und dem Glauben an die Lehre der katholischen Kirchen im Mittelalter."
Von der Masse ihrer Gläubigen bestärkt, sind Naturwissenschaftler und Ingenieure nun unentwegt dabei, alles Machbare auch zu machen beziehungsweise machen zu lassen. Max Born, Freund Einsteins und wie dieser Physik-Nobelpreisträger, erklärt unumwunden: "Die politischen und militärischen Schrecken sowie der vollständige Zusammenbruch der Ethik, deren Zeuge ich während meines Lebens geworden bin, sind kein Symptom einer vorübergehenden sozialen Schwäche, sondern notwendige Folge des naturwissenschaftlichen Aufstiegs - der an sich eine der größten intellektuellen Leistungen der Menschheit ist."

Aus Thilo Bode (2003): "Die Demokratie verrät ihre Kinder" (S. 146 ff.)
Es wird entscheidend für die Zukunft der Menschheit sein, ob Konzerne Technologien entwickeln, die zur Lösung der großen globalen Probleme beitragen. Die aktuell entwickelten und vorangetriebenen Technologien sind jedoch nicht problemorientiert, sondern profitorientiert. Technischer Fortschritt ist kein autonomer Prozeß, er ist ein Resultat von Marktanreizen und politischen Entscheidungen. Welches Risiko einer neuen Technologie dabei eine Gesellschaft zu tragen bereit ist, kann nicht wissenschaftlich, sondern muß politisch entschieden werden.
Unternehmen entwickeln neue Technologien und Produkte, die mit kaufkräftiger Nachfrage auf entsprechenden Märkten rechnen können. Andernfalls lohnen sich die Entwicklungs und Investitionskosten nicht. Deshalb entwickeln die bedeutenden Pharmakonzerne keinen Impfstoff gegen Malaria, obwohl diese Impfung Hunderten Millionen von Menschen in tropischen Ländern das Leben retten würde, sondern erforschen bevorzugt neue Potenzmittel für Kundschaft in den Industrieländern. Dort ist Kaufkraft, in Malariagebieten nicht. Anders bei Alds. Obwohl sich über 30 Mil110nen HIV Infizierte in der Dritten Welt teure Medikamente zur Behandlung der Infektion nicht leisten können, reicht die kaufkräftige Nachfrage in der Ersten Welt aus, um die Entwicklungskosten zu decken.
Die Marktlogik fördert Technologien, die sich in der Gestalt von Produkten, Waren oder handelbaren Dienstleistungen niederschlagen, also verkauft werden können. Kostengünstige Alternativen, etwa Prozesse, die sich aus bereits bekannten, nicht patentierbaren Verfahren zusammensetzen und nicht »verkauft« werden können, also nicht marktfähig sind, kommen dadurch nicht zur Anwendung. Biologische Schädlingsbekämpfung in der Landwirtschaft kann als Alternative zu schädlingsresistentem, gentechnologisch manipuliertem Saatgut ebenso wirkungsvoll sein, zugleich ohne die schädlichen Umweltbelastungen und zu geringeren Kosten für die Landwirte. Derartige Methoden sind für Konzerne Jedoch nicht attraktiv sie versprechen keinen Markt. Gemäß dieser Logik versuchen die Saatgutkonzerne mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, die sogenannte Grüne Gentechnologie in der Landwirtschaft der Dritten Welt durchzusetzen.
Die Produkte der Grünen Gentechnologie bestehen aus transgenem, patentiertem Saatgut, das entweder durch ein in die Erbanlagen eingebautes Bakterium gegen Schädlinge resistent ist oder durch Erbgutveränderung unempfindlich gegen bestimmte chemische Unkrautvernichtungsmittel gemacht wurde. Ein derartiges Saatgut ist zwar marktfähig, weil es sich als >~Produkt« verkaufen läßt, ist jedoch mitnichten das beste Mittel, die Landwirtschaft in der Dritten Welt zu entwickeln. Diese Technologie setzt nicht am Kernproblem der bäuerlichen Landwirtschaft in armen Ländern an. Diese hat keinen Mangel an geeignetem Saatgut; im Gegenteil, Bauern in der Dritten Welt haben über Jahrhunderte besonders gut angepaßte Sorten entwickelt. Die Hindernisse für eine Entwicklung der Landwirtschaft liegen in zu niedrigen Erzeugerpreisen, den Bodenbesitzverhältnissen, mangelnder Infrastruktur und auch mangelndem Know how. Diese Ursache anzugehen wäre die richtige Strategie. Doch den Saatgutkonzernen gelingt es, mehr und mehr EU Gelder, die zur Förderung der Landwirtschaft in der Dritten Welt bestimmt sind, für Grüne Gentechnologie abzuzweigen. Die hervorragenden Methoden der Schädlingsbekämpfung in der organisch biologischen Landwirtschaft, die darüber hinaus die Bodenfruchtbarkeit steigern und die Sortenvielfalt erhalten, sind aber für das Agro Business nicht rentabel. Mit der unseriösen Behauptung von der Notwendigkeit der Grünen Gentechnologie im Kampf gegen den Welthunger ködert die Industrie lokale Politiker und die Entwicklungshilfeinstitutionen der Industrieländer. Die Finanzstärke der Konzerne und die Anfälligkeit lokaler und nationaler Administrationen für Geldzuwendungen tun das ihrige, um traditionellen und mindestens ebenbürtigen Technologien wenig Durchsetzungschancen zu lassen.
Die Grüne Gentechnologie ist in Industrieländern attraktiv, weil sie die Kosten der Schädlings und Unkrautbekämpfung reduziert. Sie ist jedoch keine zukunftsfähige Technologie, weil sie die Probleme der hochindustrialisierten Landwirtschaft eskaliert: den hohen Energieverbrauch und damit die Emission von Treibhausgasen, die um 50 Prozent höher als in der ökologischen Landwirtschaft liegen, die Verarmung der Arten und Sortenvielfalt, die Verschmutzung des Grundwassers mit Pestiziden und die Oberdüngung von Ober-flächengewässern durch Phosphateinträge. Ein Patentrecht, das die Patentierung von Gensequenzen untersagt, Energiepreise, die die Kosten der globalen Erwärmung reflektieren, das Verbot von Massentierhaltung, die Reinhaltung des Grundwassers, und ein den Regenwald nicht zerstörender Futtermittelanbau würden ein unterschiedliches Modell der Landwirtschaft hervorbringen. Die grüne Gentechnologie bräuchte man unter diesen Voraussetzungen nicht.
Ihre Existenz zeigt kraß, daß der Markt nicht die für die Problemlösung besten Technologien hervorbringt, sondern diejenigen, die den Rahmenbedingungen am besten entsprechen. Und das sind meistens nur die zweit oder drittbesten Lösungen. Besonders schlimm ist, daß der Staat, der nicht der Marktlogik gehorchen müßte, keine anderen Anreize setzt. Anstelle Forschung und Entwicklung nicht unmittelbar marktfähiger, aber besserer Alternativen zu fördern, belohnt er auch noch die Konzerne. Der Bund fördert wissenschaftliche Forschungsvorhaben mit rund zwei Milliarden Euro pro Jahr. Davon gehen 750 Millionen in den Bereich »Lebenswissenschaften«. Ein Drittel davon ist der grünen Gentechnologie gewidmet. Auf Forschungsvorhaben der ökologischen Landwirtschaft entfallen nur 0,5 Prozent des Budgets, etwa vier Millionen Euro.

Perspektiven I: Ziele entwickeln und benennen

Die Tat oder jeder Protestakt ersetzen keinen Inhalt. Umgekehrt gilt das ebenso. Deshalb sollen hier einige organisatorische bis strategische Überlegungen für einen emanzipatorischen Protest folgen. Zuerst zur den inhaltlichen Positionen, dann zu den Aktionsformen.

Klare und weitgehende Positionen

Es gibt viele Begründungen für eine Kritik an der Gentechnik im Allgemeinen und der Anwendung im Agrar- und Lebensmittelbereich im Besonderen. Ziel einer emanzipatorischen Gentechnikkritik ist nicht, anderen Begründungen die Berechtigung abzusprechen, sondern für einen herrschaftskritischen Standpunkt einzutreten und diesen, wo es möglich ist, eigenständig zu benennen oder mit anderen Begründungen zu verknüpfen. Es wäre allerdings fatal, weiterhin ökologische und gesundheitliche Bedenken ohne herrschaftskritische Blickwinkel zu vertreten. Denn diese sind sehr anfällig dafür, letztlich selbst der weiteren Erforschung und Entwicklung Vorschub zu leisten. Gut verbindbar sind der kritische Blick auf agrarstrukturelle Veränderungen und die neoliberale Organisierung der Welt(land)wirtschaft. Nicht verträglich mit einer herrschaftskritischen Sicht sind hingegen alle Begründungen, die eine Zunahme von Macht fordern. Denn das, auch wenn es gut gemeint wäre, würde genau die Durchsetzung der Gentechnik erleichtern - mitunter nur zeitlich verzögert. Folglich sind vermehrte Überwachung, erweiterte Befugnisse nationaler Institutionen (Stichworte: Reregulierung, nationale Souveränität), Verschärfung der Grenzregimes oder gar der Auf- und Ausbau weltweiter Herrschaft ebenso wenig mit einer herrschaftskritischen Sichtweise verbindbar wie religiöse, esoterische oder solche Motive, die für den Schutz einer halluzinierten naturbelassenen Heimat oder einer besonderen nationalen DNA eintreten.

Nach den durch sehr offensive Aktionsformen (Besetzungen, Zerstörungen, Go-ins, Veranstaltungsstörungen usw.) geprägten Jahren ab 1992 dominierten rund um die Jahrtausendwende eher zurückhaltende, weitgehend auf sanfte appellierende Aktionsformen beschränkte Kritiken der Gentechnik. Auch der Inhalt wandelte sich von einer grundlegenden Orientierung auf die Betonung von ökologischen und gesundheitlichen Risiken. Aus emanzipatorischer Sicht wäre wünschenswert, die herrschaftskritische Note verstärkt einzubringen und dafür zu werben, dass Umweltverbände, Netzwerke, Aktionsgruppen usw. mutigere, über die Frage der Gentechnikfreiheit hinausgehende Forderungen aufnehmen bzw. neu formulieren. Die fortgeschrittene Monopolisierung der Wirtschaftsabläufe geben allen Grund, gerade die herrschaftskritischen Seiten der Gentechnik zu betonen - und auch dafür zu werben, diese blinden Flecken zu füllen, wenn sie bestehen. Initiativen wie "Kein Patent auf Leben" oder "Wir haben es satt!" haben hier Anfänge gesetzt, die es aber weiterzuentwickeln gilt. Sind waren erst ein Anfang. Mehr ist nötig.

Die Machtfrage stellen: Ernährungssouveränität

Wenn die Machtfrage zum Gegenstand der Betrachtung wird, geht es immer um die Selbstbestimmung der Menschen. Das heißt, es wird nicht eine neue richtige Ordnung verkündet, sondern die Bedingungen sollen so verändert werden, dass die Menschen mehr und freier entscheiden können, mehr Möglichkeiten haben und mehr Wirkung erzielen.

Aus Gregor Samsa, "Über die Notwendigkeit einer Wiederentdeckung", in: analyse&kritik, 20.1.2006
Ausgangspunkt jeder Auseinandersetzung mit globaler Landwirtschaft sollte das Recht auf Ernährungssouveränität sein. Die Forderung stammt ursprünglich von via campesina, einem weltweiten Zusammenschluss von Kleinbauern und -bäuerinnen, LandarbeiterInnnen und Landlosen mit ca. 200 Mio. Mitgliedern. Ernährungssouveränität umfasst mehr als das Recht auf freien Zugang zu einer ausreichenden Menge gesunder, nahrhafter und kulturell üblicher Lebensmittel; vielmehr ist auch das Recht gemeint, Nahrung in bäuerlicher, d.h. nicht-industrialisierter Produktion herstellen zu können und somit das Recht, über die hierfür erforderlichen Produktionsmittel zu verfügen, insbesondere Land, Wasser und Saatgut. Grundlegende Eigentums- und Verteilungsfragen sind demnach durch das Recht auf Ernährungssouveränität ebenfalls adressiert.

Mut zu Utopien und Experimenten

Die Entwicklung der Gentechnik und die Zunahme von Beherrschungsmöglichkeiten durch diese Technik geschehen nicht isoliert von ähnlichen, weiteren Entwicklungen in der Gesellschaft. Es ist naheliegend, über die Grenzen der gedanklichen Insel "Gentechnik" hinaus zu konkreten Forderungen und Zukunftsentwürfen zu kommen, die insgesamt die Orientierung auf Profit- und Herrschaftsmaximierung überwinden oder zumindest in Frage stellen. Die immer wieder vorgebrachten Bedenken, utopische Positionen könnten der Glaubwürdigkeit im Hier & Jetzt Schaden anhaben, basieren auf keinerlei belastbaren Beobachtungen. Vielmehr zeigt die Erfahrung vieler Jahrzehnte politischer Widerständigkeit und auch der Blick über die Grenzen hinaus, dass eher das Umgekehrte gilt. Wo weitgehende Forderungen und utopische Zukunftsentwürfe gegen das Bitte-keine-Veränderungen-Palaver der Realpolitiker_innen und ihrer Schergen in Institutionen und Medien gestellt wurden, waren soziale Bewegungen viel häufiger erfolgreich. So resultiert die gesellschaftliche Breite der Umweltverbände nicht aus ihren aktuellen Orientierungen auf Lobbyarbeit und Appelle an die Mächtigen per Unterschriftensammlung und Postkarten/Email-Aufrufe, sondern aus der kämpferischen Phase in den 70er und 80er Jahren. Selbst für eine im Zentrum meist minimalreformistische Organisation wie Attac gilt: Sie wurde groß, weil ihr jahrelang visionäre Ziele nachgesagt wurden. Das war immer ein Irrtum, aber es zog an statt abzuschrecken.

Die Angst vor Glaubwürdigkeitsverlusten durch utopische Ziele ist nicht nur unnötig, sondern auch erwünscht - von Seiten der Regierenden und Wirtschaftseliten, die aus naheliegenden Gründen am Status quo festhalten wollen.

Für die Landwirtschaft bedeutet ein solches Experimentieren vor allem das Überwinden der Verbindung von Nahrungsmittelproduktion und Verwertung. Bauernhöfe und Lebensmittelverarbeitung müssen raus aus den Klauen der Märkte, des ewigen Konkurrenzkampfes. Ein Ansatz (unter mehreren!) dafür sind Formen eines gleichberechtigten, nicht-kommerziellen Umgangs mit landwirtschaftlichen Höfen und Flächen, oft benannt als Community Supported Agriculture (CSA) oder solidarische Landwirtschaft. Etlich Höfe arbeiten laut Liste in Deutschland bereits so - und es werden mehr. Deutschland ist dabei (wie so oft bei emanzipatorischen Projekten) eher ein Nachzügler. Aber besser spät als nie!

Ganz nebenbei: Immunität gegen anti-emanzipatorische Gentech-Kritik

Die Ausweitung der bisherigen Gentechnikkritik auf Herrschaftsfragen und das offensive Formulieren einer Zukunft, in der nicht die Zunahme von Kontrolle, Macht und Reglementierung, sondern deren Verschwinden die menschliche Produktivkraft für ein besseres Leben nutzbar macht, hat noch einen kleinen, aber in der politischen Praxis wertvollen Nebenaspekt. Es entsteht eine deutliche Abgrenzung gegenüber antiemanzipatorischen Blickwinkeln. Solange nämlich nur Gesundheit und Umweltschutz die Kritik ausmachen oder sogar anti-amerikanische Ressentiments die Sache dominieren, können sich Rechtsextreme, Anbeter_innen fremder Mächte (von kosmischer Energie bis zu irgendwelchen Göttern, deren Willen zu befolgen sei oder deren Werke mit der Gentechnik besudelt würden) oder Freund_innen entfesselter Regulierungswut (neue Gesetze, Ordnungstruppen, vielleicht Kameras an allen Feldern?) problemlos einreihen. Die Unterschiede fallen nicht auf. Sie wären im Kern ja auch gar nicht vorhanden. Wo aber eine emanzipatorische Orientierung sichtbar wird, entspannt sich die Lage. Wer sich um die Machtfülle von Staaten oder Göttern, die Reinheit von Völkern oder die Unversehrtheit von Heimat sorgt, steht dann im Widerspruch dazu. Ausgrenzungen sind gar nicht mehr nötig. Je stärker der emanzipatorische Gehalt, desto klarer ist der Unterschied sichtbar.

Beispiele für rechtslastige oder andockfähige Argumentationen

Ein beliebtes Buch in der gentechnikkritischen Szene ist "Saat der Zerstörung" von F.W. Engdahl. Das Buch strotzt vor Anti-Amerikanismus und erschien im rechten und überall Verschwörung witternden Kopp-Verlag. Die Werbung für das Buch sprach für sich.

Auszug Buchwerbung: "Damit soll sichergestellt werden, dass Saatgut jedes Jahr neu erworben werden muss – ein Geschäft, das der Teufel nicht hätte besser erfinden können. Wird diese Entwicklung nicht aufgehalten, entsteht eine neue, bislang nicht für möglich gehaltene Form der Leibeigenschaft. Drei der vier privaten Unternehmen, die heute gentechnisch verändertes Saatgut anbieten, weisen eine unheilvolle jahrzehntelange Verbindung zur US-Kriegsmaschinerie des Pentagon auf. Einst produzierten sie »Agent Orange«, das Zehntausende in Vietnam tötete und selbst heute noch Folgeschäden verursacht. Zur Zeit üben diese Firmen in Zusammenarbeit mit der US-Regierung einen enormen Druck auf Europa aus, damit auch hier alle Schranken gegen genmanipuliertes Saatgut fallen. Dies ist keine Geschichte über Profitgier. Es ist vielmehr eine Geschichte über die dunkle Seite der Macht. In den 1970er Jahren erklärte Henry Kissinger: »Wer das Öl kontrolliert, ist in der Lage, ganze Nationen zu kontrollieren; wer die Nahrung kontrolliert, kontrolliert die Menschen.« Das Buch dokumentiert, dass die amerikanische Rockefeller-Stiftung der treibende Motor hinter dieser Entwicklung ist. Zusammen mit privaten Forschungsinstituten und in Mittäterschaft der US-Regierung versucht eine kleine mächtige Elite »Gott zu spielen« – mit erschreckenden Folgen für die Völker der Welt. Die vorliegende Arbeit dokumentiert eine gigantische Verschwörung. Diese ist aber leider keine Theorie oder Spekulation, sondern vielmehr rasant voranschreitende Realität."

Herrschaftskritische Warnung

Zukunft ist immer unbestimmt. Daraus folgt bei herrschaftskritischer Sichtweise eine Position, die manch radikalem/r GentechnikgegnerIn vielleicht zunächst aufstößt. Aber das hilft nichts: Es ist nie emanzipatorisch, die Zukunft festschreiben zu wollen. Über das Geschehen in einigen Jahren, Jahrzehnten oder Jahrhunderten entscheiden nicht die Menschen jetzt, sondern die, die dann leben. Deshalb ist es problematisch, nicht rückholbare Veränderungen vorzunehmen. Zwar ist Wandel auch immer ein Teil von Natur und Kultur (die ohnehin nicht trennbar sind), aber dennoch müssen grundlegende Eingriffe besonders gut überlegt und begründet werden. Das war und ist ein wichtiges Argument gegen Gentechnik und viele andere Ausbeutungsökonomien. Allerdings folgt daraus nicht, dass auch unter gewandelten, z.B. herrschaftsfreien Verhältnissen jede Gentechnik abzulehnen wäre. Denn diese Situation ist aus der heutigen heraus nicht wirklich plan- und vorstellbar. Vieles spricht sogar dafür, dass nicht die Technik als solches, sondern die Rahmenbedingungen schuld sind daran, dass ForscherInnen und Firmen vor allem auf Verknappung, Saatgutkontrolle usw. setzen. Möglicherweise wäre mit der Technik auch Anderes möglich - aber der Systemzwang besteht, profitabel zu sein. Nicht gut.
Das muss nicht so sein. Viele andere, bessere Welten sind möglich! Daher wäre eine dogmatische Festlegung heute ein anti-emanzipatorischer Akt, wenn es den Menschen der Zukunft Handlungsschranken auferlegen will. Eine emanzipatorische Kritik der Gentechnik sollte die konkreten Formen dieser Technik benennen und die Rahmenbedingungen, unter denen sie stehen. Daraus kann für die heutige Zeit eine grundlegende Ablehnung der Gentechnik folgen, denn alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens unterliegen aktuell sowohl der Profit- wie auch der Machtmaximierung. Es ist sogar sehr naheliegend, die Gentechnik unter aktuellen Bedingungen ganz abzulehnen. Denn keine Forschung oder Entwicklung kann sich den Systemzwängen entziehen. Aber das gilt eben nicht für immer, weil es grundsätzlich nicht sinnvoll ist, für Situationen etwas festlegen zu wollen, die mensch nicht kennt. Jede radikal herrschaftskritische Perspektive hebt sich selbst auf, wenn aus politischen Positionen, die aktuellen emanzipatorischen Überlegungen folgen, feststehende, nicht mehr hinterfragbare Dogmen werden. Herrschaftsfreiheit kennt keine Klarheiten außer der, dass immer die Menschen selbst der Ausgangspunkt sind. Nichts steht höher als sie - keine Religion, Moral, kein Gesetz und keine Ideologie, auch wenn viele das behaupten oder mit Macht durchsetzen.

Das, was für die Utopie sowieso gilt, könnte auch schon heute für Teilbereiche die Frage einer grundsätzlichen Ablehnung neu beleuchten. Seit einigen Jahren zeigen sich kleine Anfänge einer nicht aus Macht- und Profitinteressen heraus organisierten, finanzierten und kontrollierten Gentechnik. In Garagen, Küchen oder Werkstätten basteln Amateur_innen, Selbstlernende und Profis im Feierabend an biotechnologischen Experimenten. Erstmals systematisch zusammengetragen wurde das Geschehen 2012 im Buch "Biohacking", Ende 2013 widmete der Gen-ethische Informationsdienst dem Phänomen einen Schwerpunkt

Im Original: Biohacking ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Sascha Karberg/Richard Friebe/Hanno Charisius, "Occupy Biology", in: GID Dez. 2013 (S. 15)
Ein aufgeklärtes Bio-Bürgertum sollte zumindest eines der Ziele der Biopolitik der kommenden Jahre und Jahrzehnte sein - als Gegenstück und kompetente Kontrollinstanz zu den Bio-Eliten im akademischen, privatwirtschaftlichen und Verwaltungs-Sektor. Wie man mit den ersten umgeht, die heute bereits eine solche „Biological Citizenship" für sich einfordern, wird wegweisend sein. Vorbeugende Verbote, ein alle Freizeit-Biotech-Freaks einschließender kollektiver Generalverdacht, ein von Angst bestimmtes Klima, in dem Forscherneugier außerhalb des Forscherestablishments per se als suspekt oder gar gefährlich gilt, all das wäre sicher der falsche Weg. Die durchaus auch individuell gemeinte Forschungsfreiheit im Grundgesetz sollte auch in der Praxis für alle gelten.
Wenn in Deutschland etwa offene Labore, in denen Laien mit Profis zusammenarbeiten und sich austauschen können, entstehen und auch unterstützt werden, zum Beispiel vom Staat oder von Stiftungen oder Spendern, dann wird es wahrscheinlich nicht nur weniger versteckte, unregulierbare Küchen-, Kleiderschrank- oder Garagenlabore geben. Diese Labore, wie es sie in New York, im Silicon Valley, in Amsterdam, Paris, Manchester und so weiter schon gibt und die besser ausgestattet sind als es sich die meisten daheim in der Garage leisten können, sind Kristallisationspunkte für Leute, die ansonsten einsam und abgeschottet basteln würden. Solche Gemeinschaftslabore stellen schon jetzt zumindest teilweise sicher, dass Laien arbeiten können, ohne sich selbst oder andere oder die Umwelt zu gefährden. Damit einher geht eine stetig steigende Kompetenz solcher Laien und damit auch eine in die Breite gehende spezifische Bildung und Fähigkeit zur Meinungsbildung angesichts anstehender wissenschafts- und biopolitischer Entscheidungen. Außerdem können dann die kreativen Impulse und Improvisationskünste der DIY-Bewegung positiv begleitet werden - mit gesellschaftlichem Mehrwert.
Damit das geschieht, müssen Profi-Forscher ihre nicht universal, aber doch weit verbreitete Nur-Gucken-Aber-Nicht-Anfassen-Attitüde bezüglich ihrer eigenen Forschung ändern. Wenn eine solche Öffnung bewusst und respektvoll geschieht, gezielt und mit echtem Einsatz jenseits der einmal im Jahr stattfindenden „Langen Nacht der Wissenschaften", kann vielleicht auch mehr herausspringen als nur ein durch PR-Arbeit und ein wenig Volksbildung beruhigtes Gewissen gegenüber den Steuerzahlern, die nach wie vor den Hauptanteil der Forschungsfinanzierung tragen. Eine motivierte DIY-Biologin kann einer Uni-Arbeitsgruppe vielleicht auch nützlicher sein als ein Student, der nur irgendwie seine Laborpflicht abarbeitet. Warum muss jemand, der forscht, einen Uni-Abschluss haben? Forscher wird man nicht durch ein Dokument. Forscher ist, wer Fragen stellt und dann mit wissenschaftlicher Methodik nach Wegen sucht, sie zu beantworten.
Laien (griechisch: laikos: „zum Volke gehörig"), die Zeit, Bildung und Möglichkeiten genug haben, sich an Wissenschaft zu beteiligen, gibt es heute zahlenmäßig, aber auch relativ zur Gesamtbevölkerung, wahrscheinlich mehr als je zuvor. Sie sind, wenn man als Professor oder Laborleiterin ein wenig Mühe und immer mal wieder ein paar lobende Worte oder Erwähnungen in einer Veröffentlichung zu investieren bereit ist, eine viel versprechende Ressource und kein gesetzloser Bio-Mob.


Aus Arnold Sauter, "Frickler, Gründer, Bürgerforscher?", in: GID Dez. 2013 (S. 15)
Ist Biohacking eher ein nerdiges Hobby oder aber Vorbote einer neuen Qualität der aktiven Bürgerwissenschaft, der „Citizen Science"? Drohen unkontrollierbare Gefahren aus geheimen Genklitschen, oder entsteht an kreativen Orten der biotechnologischen Maker das „transformative Design" nachhaltiger Technik? Wird die Reaktion eine schärfere Regulierung und Überwachung sein, oder wird die DIY-Bio-Bewegung Keimzelle und Katalysator einer neuen Dimension der verteilten Verantwortung und gesellschaftlichen Akzeptanz für Anwendungen der Gentechnik? ...
Allerdings: Die Erforschung und Entwicklung der Biotechnologien selbst blieb in den allermeisten Fällen in der Hand von naturwissenschaftlichen Experten, sowohl in privaten als auch in öffentlichen Forschungseinrichtungen. Zwar drangen in Einzelfällen Kultur- beziehungsweise Wissenschaftsanthropologen als moderne Ethnologen zur teilnehmenden Beobachtung in die Labore vor - aber ansonsten beschränkte sich der Beitrag der Geistes-, Rechts-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler_innen auf die Mitarbeit in den erwähnten TA-Projekten, Ethikräten et cetera. Hier prägen sie auch durchaus den interdisziplinären Austausch - eine direkte Auswirkung auf Forschungsrichtungen oder projekte der Natur- und Ingenieurswissenschaften dürfte jedoch nur in Ausnahmen nachzuweisen sein. Ob die in jüngster Zeit zunehmend unterstützte Beteiligung „normaler" Bürgerinnen und Bürger, die als zukünftige Konsumenten oder Patienten ja die eigentliche Zielgruppe vieler der neuen Entwicklungen darstellen, an der Rahmung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts (zum Beispiel bei Bürgerdialogen beziehungsweise Bürgerkonferenzen des Bundesforschungsministeriums) die Ausrichtung von Forschungs- und Entwicklungsvorhaben substanziell beeinflussen kann, bleibt abzuwarten, ist aber nicht Thema der folgenden Überlegungen. Diese drehen sich vielmehr um die Frage, ob die Do-it-yourself-Biologie das Potenzial besitzt, eine neue und relevante Form der Teilhabe von Nicht-Profis an der Gestaltung zukünftiger
Biotechnologien darzustellen. ...
DN-Biologie wird per Definition von ganz unterschiedlichen Menschen betrieben, über viele Orte verteilt und motiviert durch ganz unterschiedliche Interessen und Antriebe. Hierzu gehören das Frickeln, das Experimentieren, das Forschen, der Wunsch nach Wissen und Teilhabe oder auch die mögliche Absicht einer späteren Professionalisierung beziehungsweise Ausgründung. Wie die oben genannte Studie des Wilson Centers zeigt, arbeiten in den meisten Hackerspaces ausgebildete Biologlnnen in irgendeiner Form mit. Die Zukunft der DN-Biologie ist von vielen Faktoren abhängig, die kaum zu quantifizieren sind. Beispielsweise dürfte es auf absehbare Zeit keine millionenschweren Förderprogramme wie in anderen Bereichen von Biomedizin und Biotechnologie geben, da die kleinteiligen DIY-Aktivitäten wenig zum etablierten Forschungssystem passen. Aber es erscheint überhaupt nicht ausgeschlossen, dass Politik und Privatwirtschaft sowohl den Bildungsaspekt als auch das Innovationspotenzial aufgreifen und fördern. Die weitere Entwicklung dürfte auch davon abhängen, welchen soziokulturellen Stellenwert die DIY- oder Makerbewegung auf Dauer erlangen kann, ob beispielsweise das Crowdfunding sich zur etablierten Form der Risikokapitalbeschaffung entwickelt, so dass auch größere Forschungs- und Entwicklungsvorhaben finanziert werden können, ohne dass Fördereinrichtungen oder reiche Einzelmäzene beteiligt werden müssen. Einen ersten konkreten Hinweis auf das Veränderungspotenzial im Bereich der Bio- und Gentechnik hat das Kickstarterprojekt zur Produktion von selbstleuchtenden Zierpflanzen gegeben, aufgrund dessen vielen Beteiligten erst eine Regulierungslücke in den USA auffiel: Die dortigen Landwirtschaftsbehörden kontrollieren lediglich solche transgenen Pflanzen, die in Verbindung mit Pflanzenkrankheiten gebracht werden können (beispielsweise herbizid- oder insektenresistente Sorten), und die Lebens- und Arzneimittelbehörde FDA (Food & Drug Administration) gemäß ihrem Namen nur solche, die als Nahrungsmittel oder Medikament eingesetzt werden sollen. Gerade für die skeptische „europäische Haltung" gegenüber der Herstellung und Nutzung von gentechnisch veränderten Organismen konnte die DIY-Biologie auf Iängeres Sicht eine ganz schöne Herausforderung darstellen - und zwar nicht so sehr aus Sicherheitsgründen (auch wenn Biosafety- und Biosecurity-Bedenken sicher eine wichtige Rolle spielen müssen), sondern vielmehr dann, wenn sich in den Aktivitäten der Biohacker ein ernstzunehmender Wunsch ausdrückt, die Möglichkeiten der Biotechnologie dezentral und individuell nutzen zu können. Kritiker der Gentechnik müssten sich dann mit anderen Akteuren als transnationalen Konzernen oder Vertretern der „Mainstream-Wissenschaft" auseinandersetzen, aber auch die Gentechnikbefürworter und -entwickler aus der etablierten Forschung werden sich nicht automatisch für eine unabhängige Biotechnologie-Off-Szene erwärmen. Selbst wenn die konkreten Impulse der DIY-Biologie für Forschung und Entwicklung in den Biowissenschaften marginal bleiben, könnte der Einfluss auf die gesellschaftliche Debatte und damit die Zukunft der Bio- und Gentechnik durchaus beträchtlich werden.

Perspektiven II: Organisierung

Anti- oder fehlende emanzipatorische Orientierungen finden sich nicht nur in Positionen vieler politischer Gruppen zur Gentechnik (und auch bei anderen Themen). Sie spiegeln sich ebenso in der Organisierungspraxis von Protest. Dort dominieren Intransparenz, Anbiederung an herrschende Strukturen, kollektive Identitätsbildung der handelnden Zusammenhänge und die Ausrichtung auf Spendeneinnahmen und Medienpräsenz. Dabei sind (aus emanzipatorischer Sicht) sogar Rückentwicklungen zu vermelden: So übernahmen staatsbefürwortende Verbände wie BUND und Greenpeace die Meinungsführerschaft in der Debatte. Gleichzeitig wandelten sich solche Netzwerke, die zu Beginn direkte Aktionen und radikalere Positionen unterstützen, zu sich selbst als seriös-wissenschaftliche Beraterorganisation inszenierenden Organisationen. Das betraf selbst das aus staatskritisch-autonomen Zusammenhängen entstandene und Mitte der 90er Jahre die laufenden Feldbesetzungen unterstützende Gen-ethische Netzwerk (GeN), welches sich von einigen direkten Aktionen distanzierte - allerdings blieb es auch weiterhin die Ausnahme auf der Bildfläche der Gentechnikkritik und verbreitete in der seine Zeitschrift "Gen-ethischer Informationsdienst" (GiD) auch emanzipatorische Positionen und kritische Texte. Andere PR- und Beratungsbüros ehemaliger Aktivist_innen oder Verbandsfunktionär_innen blieben von Beginn an auf Distanz und suchten stets die Nähe zu geldschweren Organisationen (z.B. BioTechTest zu denGrünen). Moderne Kampagnen, die Protest als PR-Show inszenieren, wuchsen aus dem Boden nachlassender Inhaltlichkeit. Den Anfang in Deutschland machte Campact, international agierte AVAAZ so. Erst die seit 2005 wieder spürbare Zunahme direkter Aktion durch kleine Basisgruppen und die Aktion "Gendreck weg!" schaffte Veränderungen. Die Aktion Gendreck-weg schaffte sogar wieder den Sprung in eine Ausgabe des GiD, dem weitere Berichte dort folgten. Umweltverbände,Grüne & Co. zogen auf Bundesebene und in den meisten Bundesländern hingegen eindeutige Grenzlinien: Der erste Feldbesetzungsversuch seit Jahren im April in Groß Lüsewitz und selbst das beeindruckende Erfolgsjahr 2008 für die mit deutlich emanzipatorischem Anspruch auftretenden Feldbefreier_innen und –besetzer_innen überall in Deutschland blieb komplett unbenannt. Das galt sogar für den "Kritischen Agrarbericht", in dem Verbandsfunktionär_innen von BUND und NABU jährlich einen Rückblick auf den Gentechnikprotest - und nur ihre Lobby- und PR-Arbeit erwähnen. Selbst im Rückblick auf 2008, wo sieben Feldbesetzungen und etliche Feldbefreiungen den Protest stark prägten, fanden diese keine Erwähnung. Hier schlägt eine Art spendenorientiertes Ausgrenzungs- und Totschweigekartell zu. Eine deutliche Schwächung des Protestes.

Ebenfalls recht eingefahrenen Mustern folgten Aktivitäten aus dem linken politischen Spektrum. Der Landwirtschaftsaktionstag am 3. Juni 2007 rund um Rostock aus Anlass des G8-Gipfels vermittelte neben fehlender Bissigkeit und normierten Aktionsformn vor allem eines: Die Betriebsblindheit für alles, was außerhalb des sorgsam konstruierten „Wir“ stand. Fast beklemmend, dass bei Ankündigung und Durchführung zum Aktionstag in Groß Lüsewitz die Aktionen Anderer am gleichen Ort unerwähnt blieben. Protestorganisierung wird als Selbstzweck betrieben, die bloße Existenz zum Erfolg und dessen Gradmesser die Spendeneinnahmen und Medienerwähnungen.
Offen für Kooperation und eine Organisierung über Grenzen hinweg zeigt sich teilweise die Aktion "Gendreck-weg". Leider brach das Engagement mit dem Verbot von MON810 schnell ab. Es folgte eine Orientierung auf Selbsterhalt, der viel Zeit und Kraft kostete. 2011 startete erstmals im Januar die Demo "Wir haben es satt!" aus dem Bündnis "Meine Landwirtschaft". Das schien ein Hoffnungsschimmer, wurden hier doch weiterführende Forderungen einer anderen Landwirtschaft erhoben und mehrere Proteststränge zusammengeknüpft. Doch auch dieses Projekt kam schnell unter die Räder kommerzialisierter Protestkultur. Schon ab der ersten Wiederholung tendierte die Veranstaltung mehr oder mehr zum inhaltsleeren Event, der dem Erhalt eines neu entstandenen Hauptamtlichenapparates diente. Weitere Aktivitäten zeigten das deutlicher, während die Jahresdemo zu einer jahrmarktsähnlichen Inszenierung mit Hüpfspielchen vor dem leeren Kanzleramt, Musik und Fressbuden verkam. Kapitalismus und Herrschaftsstrukturen erobern sich schnell alle emporkommenden Protestbereiche und zeigen damit, dass sie mit ihren Wirkungsmechanismen auch in Krisendiskurszeiten seine Kritiker_innen noch lässig entschärfen können, in dem sie sie einfach aufsaugen in die eigenen Sphären.

All das nimmt dem Protest Schärfe und Handlungsfähigkeit. Es ist daher angemessen, sich Gedanken zu machen über die vorherrschende Praxis von Organisierung. Sind nicht auch Modelle möglich jenseits der ständigen Grenzziehung zwischen Organisationen, des Innen und Außen kollektiver Identitäten und der Orientierung an geltenden Normen bei gleichzeitiger Angst vor allem, was radikal daherkommt? Muss alles so organisiert werden, dass binnen kurzer Zeit durch den Aufbau abgehobener Hauptamtlichenapparate ein großer Bedarf an ständigem Geld entsteht? Ist die Basis nur das Fußvolk zum Mailsverschicken, Spendensammeln und Busfahren zu vorgekauten Zentraldemos? Die folgenden Absätze sollen einzelne Aspekte einer widerständigen und horizontalen Bewegungskultur benennen. Sie sind weder vollständig noch sollten die Gedanken kritiklos aufgenommen werden. Nach der Hochphase inmitten der 90er Jahren und der Etablierungs- plus Anpassungszeit mit massiven Abbrüchen in der öffentlichen Gestaltungskraft um die Jahrtausendwende erfolgte ab 2005 immerhin eine Renaissance widerständiger Gentechnikkritik mit emanzipatorischen Zielen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Direkte Aktionen, eine Kampagne zu den Seilschaften in der Agrogentechnik und die herkömmlichen Protestformen der Verbände und Parteien ergaben eine Mischung, die 2012 zum Ende der beiden wichtigsten Infrastruktureinrichtungen in Deutschland und zum Aus einiger Förderprogramme führten. Das Ergebnis war ein Jahr später offensichtlich: Deutschlandweit gab es kein Feld mit gentechnisch veränderten Pflanzen.

Der Staat ist bei all dem kein Verbündeter emanzipatorischer Technikkritik, da er zum einen autoritäre Mittel einsetzt oder zumindest damit droht, was der Idee von Befreiung und Selbstbestimmung zuwiderläuft. Zum anderen sind es gerade die bei einer staatlichen Umsetzung angerufenen Instrumente zur Durchsetzung des vermeintlich "Guten", die der Durchsetzung von Interessen gegen Menschen bieten. Was also von Staatsseite aus Gentechnik verhindern könnte, ist genau die Struktur, die sie durchsetzt. Wer sie legitimiert, in dem er_sie ihnen eigene Ziele anvertraut, macht sie stärker.

Horizontale Kooperation selbständiger Projekte und Gruppen

Grundlage emanzipatorischer Organisierungen ist immer das sich entfaltende Individuum in den selbstgewählten Kooperationsstrukturen, seien es überregionale Projekte oder lokale Gruppen, jeweils einzeln und konkret vereinbarte Zusammenarbeit oder kontinuierliche Zusammenhänge. Aneignung von theoretischem und praktischem Wissen sowie Zugang zu Hilfsmitteln für die eigene Aktivitäten unterstützen diese Selbstentfaltung. Zwischen den unterschiedlichen, selbstorganisierten Teilen widerständiger Bewegung bedarf es keiner übergeordneter Zentralität, keiner Steuerung, keiner Privilegien und keiner Zugangsbeschränkungen zu Wissens- und Materialressourcen. Wo diese bestehen oder eingeführt werden, sinkt die Orientierung auf Stärkung der Organisierungsfähigkeit vieler Teile, während kollektive Mitmachaktionen dominieren. Massen-Events ohne eigenes Nachdenken dominieren zur Zeit. Bei den entmündigenden Postkarten- und Luftballonaktionen, La-Ola-Wellen und Massenmailkampagnen von BUND, AVAAZ, Greenpeace oder Campact ist das deutlich zu sehen - mensch lässt machen, wird zum Rädchen in einem professionellen Protestmanagement. Überregional wurde dem wenig entgegengesetzt. "Gendreck weg!" übersprang zeitweise die Klippe der regionalen Beschränkung - begrenzt aber auf die Mobilisierung zu einem Mitmach-Aktionstag ohne weitere Aktivierung über dieses Event hinaus. Eine kontinuierliche Kampagne schafften unabhängige Aktivist_innen mit der Verbindung direkter Aktion (Feldbesetzung, Feldbefreiung usw.), der Kooperation mit örtlichem Protest (Anwohner_innen, Landwirt_innen usw.) und der Kampagne gegen die deutschen Gentechnikseilschaften.

Propaganda visionärer Projekte im Hier & Jetzt

Konkrete Forderungen und weitergehende Utopien müssen nicht zusammenhangslos nebeneinander stehen, sondern können ineinander greifen. So können Kritiken mit Vorschlägen oder sogar Utopien verbunden werden. Wer Gentechnik im Agrarbereich kritisiert, kann ökologischen Landbau (konkrete Forderung), eine Umverteilung des Landes, bedürfnisorientierten und regionalen Anbau oder die Selbstbestimmung der Menschen (konkrete Utopie), aber auch eine Gesellschaft ganz ohne Verwertungs- und Eigentumslogik (Utopie) fordern.
Ebenso können konkrete Projekte an weitergehenden Forderungen orientiert werden. Das ist unter herrschaftstheoretischen Überlegungen sogar notwendig, denn ohne eine perspektische Kritik laufen konkrete Positionen immer Gefahr, nur im Detail hilfreich, im Ganzen aber kontraproduktiv zu sein. Das gilt z.B. für den weitverbreiteten Wunsch nach verstärkter Kontrolle, nach Umweltpolizei, schärferen Gesetzen usw. Wo staatliche Macht ausgebaut wird, entsteht genau die Handlungsstärke, die Gentechnik und andere Ausbeutungswirtschaften durchsetzen kann. Das gelingt dann selbst dort, wo kaum ein Mensch sie will. Statt also an autoritäre Konzepte anzudocken, sollte die Kritik an der Gentechnik besser mit emanzipatorischen Ideen verbunden werden. Dann kann sie sogar Teil von Kampagnen sein, die über den Bezug auf einen Punkt hinausgehen.

Beispiele:

Propaganda der Tat

So wichtig eine emanzipatorische Orientierung der Gentechnikkritik ist - sie ersetzt weder andere Argumente noch die Propaganda der Tat. Erstrebenswert wäre eine Kombination, denn sowohl die Vision einer herrschaftsfreien Welt als auch die konkretere Kritik an der Gentechnik entfalten ihre größte Wirkung, wenn sie Erregungskorridore füllen, der praktische Widerstandshandlungen in die öffentliche Wahrnehmung schlagen – seien es Feldbefreiungen oder –besetzungen, subversive Aktionen gegen die Propaganda der Konzerne, eine symbolische Aktion an den Zentren der Macht oder die Blockade bzw. Sabotage des laufenden Betriebs gentechnischer Manipulation.

Bei der Auswahl der Methoden von Aktionen bietet sich das ganze Spektrum von Direct Action an, also von selbstbestimmten Handlungen, die öffentliche Erregung hervorrufen, Kommunikation erzeugen und damit Debatten um politische Kritik und Ziele ermöglichen (Aktionsbeispiele zu Gentechnik). Bei dieser Art Intervention Eingriff in gesellschaftliche Debatte, Normen und Diskurse wird vermieden, ausgerechnet an diejenigen zu appellieren, die die Ausbreitung der Gentechnik bis heute organisiert haben: Regierungen, Institutionen und Firmen. Denn das würde ihnen nicht nur zusätzliche Legitimation verschaffen, sondern ist auch herrschaftstheoretisch unsinnig: Solange die Rahmenbedingungen so sind, dass Machterhalt und -ausbau sowie Profit als Ziele geradezu erzwungen, weil alternativlos sind, ist die weitere Entwicklung der Gentechnik nicht eine Frage der jeweils herrschenden Parteien oder Gesichter, sondern wird sich unabhängig von diesen in der vorgezeichneten Art durchsetzen. Werden in einer solchen Lage mit Aktionen auch politische Forderungen verbunden, dann müssen sie genau auf diese Abhängigkeiten und Zwänge eingehen und deren Überwindung, nicht deren Nutzung für die eigenen Interessen fordern.

Wünsche für die Zukunft widerständiger Organisierungskultur

Die hier aufgezählten Wünsche können und sollten noch um viele ergänzt werden. Sie sollten nicht schon wieder die Begierde nach zentraler Steuerung und einer großen, (schein-)leistungsfähigen Organisation wecken, sondern bei vielen Menschen die Idee, einfach etwas aus der großen Menge von Möglichkeiten zu entwickeln, es umzusetzen und offensiv den Kontakt mit anderen zu suchen, um Teil eines horizontalen Netzes von Aktionsgruppen, Projekten, Events, fachlicher Beratung, Medienprojekten usw. zu sein.

Weiterführene und ergänzende Texte

Buch "Gentechnik und Macht"

Ein kleines Büchlein mit Texten und Zitaten zum Zusammenhang von Herrschaft und gentechnischer Manipulation an Nutztieren und -pflanzen. Im Mittelpunkt steht die Kritik an Saatgutkontrolle, Patenten und Ingenieursmethoden im Sozialen. Ebenso beleuchtet werden die spendenorientierten Strategien von Umweltverbänden, Grünen und anderen, die auf Herrschaftsanalyse und deshalb in gefährliche Argumentationen abrutschen. 64 S., quadratisch, 3 Euro, ISBN 978-3-86747-065-0 ++ bestellen!

Rezension von Christof Potthof in: GID Oktober 2014 (S. 41)
Gentechnik und Macht
Was selten, vielleicht zu selten in der Gentechnik-Debatte explizit genannt wird, findet sich bei Jörg Bergstedt gleich im Titel: Es geht in dieser Auseinandersetzung - nicht zuletzt auch - um Macht. Bergstedt schreibt in seinem kleinen Büchlein aus der Reihe „praktisch, quadratisch, theoriestark“, dass dieses „Programm der Steigerung von Profit und Macht“ seit vielen Jahren laufe. Das Programm, von dem Bergstedt schreibt, ist die Entwicklung, in der Bauernhöfe zu den verlängerten Werkbänken der Industrie gemacht werden. Nebenbei macht sich Bergstedt auch über „problematische Argumentationsstränge“ her. Dazu zählen nach Bergstedt „end-ofthe-pipe-Strategien“, „Reduzierung der Rolle von Menschen im Kapitalismus auf ihre Kaufkraft“ und andere. Zu diesen problematischen Argumentationssträngen gehört auch die Fokussierung auf die Risikodebatte, zu der Bergstedt nicht zu unrecht feststellt, dass wer Risiken in den Vordergrund stellt, selbst behauptet, dass die Gentechnik unproblematisch sein könne. Allerdings nimmt Bergstedt die genannte Fokussierung - mindestens teilweise - selbst vor. Damit liegt in diesem Teil zugleich die Stärke wie die Schwäche seiner Darstellungen: Die Kritik der Kritik ist notwendig, Bergstedt schießt allerdings u¨bers Ziel hinaus. Trotzdem ist die Lektüre seines kleinen Bändchens absolut empfehlenswert.

Buch "Autonomie und Kooperation"

2006 erschien das Buch "Autonomie und Kooperation" (Titel siehe rechts) - wie kann herrschaftsfreie Gesellschaft aussehen ... Extraseite zum Buch ++ Bestellseite

Buch "Freie Menschen in freien Vereinbarungen"

Eine noch umfassender Grundlegung herrschaftsfreier Gesellschaft bietet "Freie Menschen in freien Vereinbarungen. ++ Bestellseite

Eine Kurzfassung mit Thesen zur Herrschaftsfreiheit enthält das Büchlein "Herrschaft" aus der Theorie-Pocketreihe. ++ Bestellseite

Erstmals erstellt: 2006 ++ Letzte Überarbeitung: 2014 ++ Ergänzt: 2014