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Forschung und Forschungsförderung
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Annette Schavan am 20. Juli 2007 in Ehingen: Es darf doch in Deutschland nicht so weit kommen, dass man einem Landwirt mehr glaubt als einem Forscher.

Das Folgende ist ein Rückblick auf Zeiten, in denen noch eine Hand der Gentechnik-Seilschaften die andre mit Geld wusch. Das ist vorbei - dank eines intensiven Widerstandes. Das Ergebnis ist deutlich, wie selbst der Befürworter_innen, nämlich im Text "EU: Kaum neue Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen", auf www.transgen.de am 31.7.2014, vermeldet wurde: "In der EU sind 2014 nur noch zehn Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen neu angemeldet worden. Damit setzt sich die Tendenz der Vorjahre fort: Seit 2009 ging die Zahl der bei der zuständigen Stelle in Brüssel registrierten Freisetzungen um 90 Prozent zurück. Einige Versuche, die sich über mehrere Anbauperioden erstrecken und bereits in den Vorjahren gemeldet wurden, werden auch 2014 fortgeführt. Wie schon 2013 gibt es in Deutschland auch in diesem Jahr keinen Freilandversuch mit gentechnisch veränderten Pflanzen."

Beschweren können sie sich eigentlich nicht, die Firmen und Forscher_innen der Agro-Gentechnik. Obwohl kaum jemand ihre "Erfindungen" will, im Gegenteil fast alle fordern, dass sie aufhören mit ihren riskanten Experimenten und sich im Wahlkampf die meisten Parteien kritisch zu dieser als "Wissenschaft" getarnten Entwicklung neuer Produkte und Profitmöglichkeiten (Patente) äußern (um gewählt zu werden), müssen sie nicht darben. Und das, obwohl selbst die gentechnikfreundliche Regierungs- und Lobbypropaganda gerechte Verteilung verspricht: "Es darf nie darum gehen, eine Anbauform zu bevorzugen. Alle Anbausysteme müssen ein gleichberechtigtes Existenzrecht haben." (Kommunikationskonzept der Landesregierung Sachsen-Anhalt, Entwurf 4.2.2004) Die Praxis sieht anders aus. Die Agro-Gentechnik wird mit staatlichen Geldern aufgepäppelt, dass es sich Forscher_innen und ihre Institute gut gehen lassen können. Ein Vergleich aus dem Jahr 2008 zeigt das sehr deutlich: 7 Mio. € erhielten damals Forschungsprojekte zum ökologischen Landbau, während 165 Mio. € allein aus dem Forschungsministerium in die Biotechnologie flossen. Gelder des Landwirtschaftsministeriums, u.a. aus dem Forschungstopf für Energiepfanzenforschung (Biosprit vom Acker), und aus nichtstaatlichen Förderungen waren hierbei noch gar nicht mitgerechnet. Bereits diese Geldmittelvergabe zeigt, wie einseitig auf die Gentechnik gesetzt wird. Diese Millionen treiben den Umbau der Landwirtschaft zur industriellen Lebensmittelproduktion weiter voran. Gleichzeitig sind sie Schmiermittel im Wandel universitärer Forschung. Agrarwissenschaften und Biologie sind an den meisten Hochschulen zu reinen Biotechnologie-Laboratorien und Public-Relations(PR)-Agenturen verkommen. Eine selbstbestimmte und umweltverträgliche Bewirtschaftung von Äckern, Wiesen und Weiden rückt immer mehr in das Reich profitkritischer Romantik.

Im Original: Fördermillionen und ihre Wirkung ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Prof. Inge Broer auf Frage des WDR in der Sendung "Immer Ärger mit Linda" (2006, auf Youtube in 5 Teilen):
Im Moment ist es hauptsächlich Forschung in der Gentechnik, weil es dafür Geld gibt.


Aus einer Pressemittelung des BÖLW am 26.1.2009
„Zwar konnten mit im Schnitt jährlich ca. 7 Mio. € aus Mitteln des Bundesprogramms Ökologischer Landbau wichtige Praxisfragen beforscht werden“, lobte Prof. Jürgen Heß von der Universität Kassel, „aber für notwendige Grundlagenforschung und um den Ökolandbau als innovatives System für eine nachhaltige Entwicklung der Landwirtschaft weiterzuentwickeln, gibt es kein Geld.“ Den Mitteln für die Ökolandbauforschung stehen jährlich allein 165 Mio. € für Biotechnologieforschung durch das Bundesforschungsministerium und 26 Mio. € für die Erforschung nachwachsender Rohstoffe gegenüber: „Das ist eine eklatante Ungleichstellung der verschiedenen Ansätze innerhalb der Agrarforschung“, so Felix Prinz zu Löwenstein, Vorstandsvorsitzender des BÖLW. Zusätzlich wird die Agro-Gentechnik-Forschung von der Privatwirtschaft finanziert, BASF investiert jährlich allein 133 Mio. € in diesem Bereich.

Das gilt international: Rhonda Janke, Professorin für umweltverträgliche Landwirtschaft, Universität Kansas (mehr)
Nur eine verschwindend geringe Geldmenge geht an umweltverträgliche oder Biolandwirtschaft. Verglichen mit den Unmengen, die zum Beispiel in die Genforschung gesteckt wird, ist das ein winziger Betrag. Selbst wenn sich niemand in Kansas für Genweizen interessierte, würden in dem Gebäude, in dem ich arbeite, mindestens drei oder vier Leute daran arbeiten - nur weil da das Geld steckt. Irgendjemand in der Regierung glaubt, dass Genforschung wichtig ist, deshalb ist dafür Geld da.

Was geschieht nun mit diesen Forschungsmillionen? Wie sieht sie auch, die hochgelobte Freisetzungsforschung in Deutschland? Werfen wir zunächst einen Blick in den wichtigsten Freisetzungsstandort dieses Landes ...

Das Kapitel zur Forschung im Buch "Monsanto auf Deutsch" als PDF-Download!

Hinter den Kulissen der Forschungsfelder: Das Beispiel AgroBioTechnikum

Zum AgroBioTechnikum findet sich ein
Text ab Seite 12 der Broschüre "Organisierte
Unverantwortlichkeit" (Infoseite ++ PDF)

Wer von Rostock aus nach Osten auf der hier schnurgerade verlaufende B 110 fährt, passiert einige Kilometer nach Brodertorf, dem Verwaltungssitz des Amtes Carbäk, ein kleines Waldstück. Danach weitet sich die Landschaft und landwirtschaftliche Flächen werden sichtbar, auf denen Pflanzenzüchtung Tradition hat. Hier wird seit langem vor allem an Kartoffeln geforscht. Bedeutende Saatgutkonzerne für diese Pflanze, wie Norika, und eine Saatgutbank für Kartoffeln sind hier zur finden. Just in diesem empfindlichen Raum entstand das zur Zeit größte Freiland-Forschungszentrum für Agrobiotechnologie - mit der Hauptforschungspflanze Kartoffel. Warum sich Saatgutbank und -firmen nicht energisch wehren, blieb über die Jahre immer recht unklar. Die erkennbaren Verflechtungen mit der Gentechnikbranche lassen aber nur trübe Gedanken aufkommen. Norika zeigt nur seine Angst vor den Gentechnikgegner_innen offen. Auf Schildern am Ackerrand weist das Unternehmen darauf hin, seine Pflanzen nicht gentechnisch verändert zu haben, damit Feldbefreier_innen nicht versehentlich das falsche Gelände attackieren. Ganz unverdient wäre das aber auch nicht, denn Norika sitzt genauso wie andere Kartoffelzüchter am Ort selbst in den Gremien der Einrichtung, die die Gentechnik nach Groß Lüsewitz brachte: Das AgroBioTechnikum.

Es ist das zweite deutsche Zentrum für Firmengründungen in der Agro-Gentechnik, ein sogenannter BioPark. Älter ist nur das Firmenensemble am IPK in Gatersleben. Es entstand in direkter Nachbarschaft zu anderen Pflanzenzüchtern und einer Saatgutbank - das schlechte Beispiel machte also Karriere, als östlich von Rostock gv-Pflanzen direkt neben der dortigen Kartoffel-Saatgutbank in die Erde kamen. Besonderes Interesse an der Gründung des AgroBioTechnikum, erbaut 2004 und 2005 im Dorf Groß Lüsewitz hatte ein befreundetes Tandem aus einer Agrobiotechnologie-Professorin der Uni Rostock und einer sich mit ihrer selbstgegründeten Kleinfirma BioMath GmbH durchschlagenden Mathematikerin, Inge Broer und Kerstin Schmidt. Sie gründeten 1999 einen gemeinnützigen Verein mit klangvollem Namen: "Verein zur Förderung innovativer und nachhaltiger Agrobiotechnologie", abgekürt FINAB e.V. Der stieß eine Kampagne für die Errichtung eines Agro-Gentechnikzentrums in Mecklenburg-Vorpommern an und fand Befürworter in der rot-roten (!) Landesregierung - allen voran den immer nach PR-Effekte suchenden SPD-Landwirtschaftsminister Till Backhaus. Diese "fruchtbare und vertrauensvolle Kooperation zwischen unterschiedlichen Ministerien, Forschungseinrichtungen und Agrarbetrieben" war der Schlüssel zum Erfolg - so jedenfalls umschrieb der Agro-Gentechnikpropagandist Thomas Deichmann das enge Geflecht.
Dass alles dem Firmenaufbau und der Propaganda diente, räumten die Initiator_innen des AgroBioTechnikums freimütig ein. Auf der Internetseite von FINAB57, der bis heute von Prof. Inge Broer geleitet wird, während Schatzmeisterin Kerstin Schmidt 2008 aus dem Vorstand ausschied, hieß es über einen Rapsversuch der Anfangsjahre 2004 bis 2006: „Diese Freisetzung dient einerseits der Etablierung von notwendigem Know-how für die Beantragung und Durchführung von Freisetzungen am Standort Groß Lüsewitz, andererseits als politisches Signal und Präsentation des Dienstleistungsangebotes im AgroBioTechnikum. Gemeinsam mit der Universität Rostock wird an der Etablierung von Analyseverfahren zur Identifizierung und Quantifizierung von gentechnisch veränderten Pflanzen gearbeitet. Diese Verfahren sollen als Standarddienstleistungen im Zentrum angeboten werden.“ Im Klartext: Ein wissenschaftliches Ziel bestand gar nicht. Trotz dieser offen eingeräumten Ausrichtung auf Firmengründung und Werbezwecke strich dieser Versuch eine hohe Förderung durch das Wirtschaftsministerium von Mecklenburg-Vorpommern ein, nämlich 80% Förderung bei einem Gesamtvolumen von 628.198 €. Weitere Gelder flossen aus dem BioSicherheitsprogramm. Mit solch hoher staatlicher Subventionierung starteten die ersten Versuchsanlagen - bei hohem Risiko, denn der zunächst angebaute Raps ist die auskreuzungs- und durchwuchsintensivste Art unter den bisher freigesetzten transgenen Pflanzen. Wo sie angebaut wurde, lassen sich meist bis heute gv-Bestandteile in der Landschaft nachweisen.

Dass hier ein neuer, gut geförderter und bewachter Spielplatz für Gentechnikexperimente entstand, interessierte weitere Protagonist_innen dieser Branche. Joachim Schiemann klopfte an, dem bei einem Freisetzungsexperimente gerade die Versuchsleitung entzogen worden war - wegen Interessenskollision, da er gleichzeitig als unabhängiger Begutachter in Genehmigungsverfahren mitwirkte. Schiemann engagierte sich als Gründungsmitglied am Aufbau von FINAB und des Agro BioTechnikums. Ein Schelm, der Böses dabei denkt, dass der ihm entzogene Versuch dann dort weiter betrieben wurde ...
Schiemann war insgesamt ein nützlicher Partner im Geflecht von Groß Lüsewitz. Denn dass er im staatlichen JKI seit 2005 selbst an Versuchen mitwirkte56, dieses Julius-Kühn-Institut als Teil des in AgroBioTechnikum wichtigsten Firmenverbundes BioOK gelistet wurde und Schiemann persönlich zuständig war für die JKI-Stellungnahmen bei Genehmigungen von Feldversuchen, war ebenso praktisch wie Sitz und Stimme, die er in der passenden Arbeitsgruppe bei der europäischen Genehmigungsbehörde EFSA innehatte.

Im Original: Ziele ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Auf der Homepage von FINAB zu den Zielen des AgroBioTechnikums
In seinem Gesamtkonzept bildet das Kompetenz- und Gründerzentrum eine Einheit, die durch das synergetische Zusammenwirken der einzelnen Einheiten geprägt ist:
  • Es ist eine Einrichtung zum Transfer wissenschaftlicher Forschung in wirtschaftliche Tätigkeit, in der mit Hilfe der grünen Biotechnologie neue Verfahren, beginnend bei der Züchtung über die Landwirtschaft und Verarbeitung bis hin zum Verbraucherschutz, erforscht und entwickelt werden sollen (FINAB e.V.).
  • Es nutzt als Dienstleistungseinrichtung diese Verfahren im Auftrag anderer Wirtschaftspartner (biovativ GmbH).
  • Es stellt mit dem Technikum europaweit dringend benötigte Kapazitäten zur Verfügung, um die effektive Isolierung wertvoller Inhaltsstoffe gentechnisch oder züchterisch veränderter Organismen in mittlerem Maßstab zu entwickeln und durchzuführen.
  • Gleichzeitig bietet es als Gründerzentrum Raum und Unterstützung für die Ausgründung junger Unternehmen um eine effiziente Überführung innovativer Entwicklungen in die Praxis zu gewährleisten (BVC mbH).
  • Es ist eine Einrichtung zur Verknüpfung von Kompetenzen im Bereich der grünen Biotechnologie und zu anderen Bereichen der Biotechnologie durch FINAB und BioCon Valley.
Für die Gewährleistung der Erreichung der Ziele sorgt ein Beirat aus Landwirtschaftsministerium und Wirtschaftsministerium MV, der Gemeinde Sanitz, dem Betreiber und dem Verein FINAB.

Zur Geschichte auf www.finab.de (Eingangsseite):
Der gemeinnützige Verein FINAB e.V. wurde 1999 mit dem Ziel der Förderung der Agrobiotechnologie in MV gegründet. Wichtiger Meilenstein hierfür war die Errichtung eines Kompetenz- und Gründerzentrums für Agrobiotechnologie. Das AgroBioTechnikum Groß Lüsewitz konnte im November 2004 eröffnet werden. Zeitnah gründete FINAB Ende 2003 seine 100%ige Tochterfirma biovativ GmbH, die am 01.07.2004 ihre Geschäftstätigkeit aufnahm. FINAB und biovativ nutzen seit Beginn 2005 das AgroBioTechnikum für ihre Forschungs- bzw. Dienstleistungstätigkeiten.

Propagandist der Agro-Gentechnik begrüßte Mitwirkung Schiemann und enge Verflechtungen!
Aus Thomas Deichmann, "Gentechnikgegner verunglimpfen deutsche Forscher" (Quelle: www.gruene-biotechnologie.de*)
Dr. Schiemann wurde vorgeworfen, sich einem "Verein zur Förderung der AgroBiotechnologie" angeschlossen zu haben. In Wirklichkeit wurde dieser, der ED-Redaktion bekannte "Verein zur Förderung Innovativer und Nachhaltiger Agrobiotechnologie in Mecklenburg-Vorpommern" (FINAB e.V.) 1999 mit der Idee der "Vernetzung der agrarwissenschaftlichen und wirtschaftlichen Kräfte im traditionell landwirtschaftlich orientierten Nordosten Deutschlands gegründet". Der Verein erhält Unterstützung der SPD-geführten Landesregierung und genießt hohes Ansehen. Er widmet sich, eigenen Angaben zufolge, klassischen, ökologischen wie modernen biotechnologischen Verfahren in der Landwirtschaft.
*Träger: Hessen-Media, eine Einrichtung der CDU-Landesregierung von Hessen. Seit 2007 eingestellt.

Aus Thomas Deichmann (2009): "Warum Angst vor Grüner Gentechnik?" (S. 78 ff.)
... Bundesland Mecklenburg Vorpommern, dessen sozialdemokratischer Landwirtschaftsminister Till Backhaus die Grüne Gentechnik ebenfalls fördert und zumindest in diesem Punkt mehr mit seinen ostdeutschen Landeskollegen der Union gemein hat als mit der grünen Landwirtschaftsministerin des Bundes. Auf einer Tagung des Vereins zur Förderung Innovativer und Nachhaltiger Agrobiotechnologien (FINAB e.V.) im vergangenen Mai bezeichnete er die Verweigerungshaltung Berlins hinsichtlich der Pflanzenbiowissenschaften als "falschen Weg", der sich im globalen Welthandel ohnehin nicht einhalten ließe. Backhaus fungierte als Schirmherr der Tagung, die auf dem Gelände der Internationalen Gartenbauausstellung (IGA) in Rostock abgehalten wurde. Sein Ministerium misst den Aktivitäten von FINAB e.V. große Bedeutung zu.
Der Verein wurde im April 1999 gegründet mit dem Ziel, die agrarwissenschaftlichen und wirtschaftlichen Kräfte im traditionell landwirtschaftlich orientierten Nordosten Deutschlands zu vernetzen und die Tier und Pflanzenzucht im Sinne einer naturschonenden Landwirtschaft in Mecklenburg Vorpommern zu entwickeln. Dabei werden alle verfügbaren Technologien, von der Grünen Gentechnik bis hin zum ökologischen Landbau, vorurteilsfrei einbezogen und das im Westen der Republik politisch heiß diskutierte Konzept der gleichberechtigten Koexistenz verschiedener Anbausysteme in die Praxis umgesetzt. Augenfällig ist auch in Mecklenburg Vorpommern die fruchtbare und vertrauensvolle Kooperation zwischen unterschiedlichen Ministerien, Forschungseinrichtungen und Agrarbetrieben, was maßgeblich auf das unermüdliche Engagement zweier Frauen zurückgeht: der FINAB Vorsitzenden Inge Broer, Agrarökologin an der Universität Rostock, und einer ihrer Stellvertreterinnen, Kerstin Schmidt von der BioMath GmbH in Rostock.
In Sachen Infrastruktur ist Mecklenburg Vorpommern einen Schritt weiter als Sachsen Anhalt. Bereits im März 2002 erfolgte der erste Spatenstich für ein großzügiges Kompetenz- und Gründerzentrum für biogene Ressourcen in Groß Lüsewitz etwa zehn Kilometer vor Rostock. Das Kompetenzzentrum soll 30 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche umfassen, dazu werden Gewächshäuser und im angegliederten Gründerzentrum Büro und Laborgebäude errichtet. Bei der Grundsteinlegung des "Bioaktiv" getauften Projekts im September letzten Jahres überreichte Landwirtschaftsminister Backhaus einen Zuwendungsbescheld der Landesregierung über 5,34 Mio. Euro, die in den Bau des Zentrums fließen sollen.


Aus der Studie von Lorch/Then zum AgroBioTechnikum (Stand: 2008)
Aus Antje Lorch und Christoph Then (2008): "Kontrolle oder Kollaboration? Agro-Gentechnik und die Rolle der Behörden"
Ingesamt scheint in Groß Lüsewitz/Sanitz ein günstiges Klima für die Freisetzung von gv-Pflanzen zu herschen: Seit 2003 fanden hier auch Freisetzungen von gv-Raps durch die Bundesforschungsanstalt für Züchtungsforschung an Kulturpflanzen Quedlingburg (jetzt Teil des JKI), von gv-Kartoffeln durch BASF und von herbizid-tolerantem Mais durch Monsanto statt.
Die Firma biovativ wiederum wurde 2003 als 100%ige Tochter des Vereins FINAB gegründet, mit der Aufgabe das Gewächshaus und die Äcker des von FINAB initiierten AgroBioTechnikum zu betreuen.
Wie bereits festgestellt, ist Kerstin Schmidt die Geschäftsführerin von biovativ. Laut Handelsregister hat die biovativ GmbH nur einen Mitarbeiter. Da Kerstin Schmidt gleichzeitig auch Geschäftsführerin von BioMath und BioOK und im Vorstand von FINAB e.V. ist - und all diese Betriebe und der Verein unter der gleichen Adresse und teilweise unter der gleichen Telefonnummer zu erreichen sind -, drängt sich der Verdacht auf, dass es sich hier gar nicht um separate Einheiten handelt, sondern das Konglomerat von Firmen eher dazu dient, die kommerziellen Interessen im Umfeld des Vereins FINAB möglichst undurchsichtig zu gestalten. ...
BioOK GmbH, bei der Kerstin Schmidt ebenfalls Geschäftsführerin ist, soll zukünftig als allgemeine Dachmarke des Konglomerats, bzw. des „Wachstumskern BioOK“ aufgebaut werden: “Der Wachstumskern 'BioOK' etabliert die Ostseeküstenregion Rostock-Schwerin - insbesondere um das AgroBioTechnikum Groß Lüsewitz - als europäisches Kompetenzzentrum für die Analyse, Bewertung und Überwachung von agrobiotechnologischen Produkten und Verfahren. Partner aus Wirtschaft und Wissenschaft wirken zusammen, um aus Kompetenzen und Erfahrungen in der biologischen Sicherheitsforschung neue, effektivere und kostengünstigere Analyse- und Bewertungsverfahren zu entwickeln und über die BioOK GmbH in einer One-Stop-Agency zu vermarkten.“ (Quelle)
„One-Stop-Agency“ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Zulassung und das Monitoring gentechnisch veränderter Pflanzen für die Industrie vereinfacht und verbilligt werden soll. Gefördert wird dies von 2005 bis 2008 mit 4 Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). FINAB ist dabei untrennbar mit einem Dienstleister verflochten, der daran interessiert sein muss, dass im Sinne seiner Auftraggeber möglichst wenig umfangreiche und daher kostengünstige Überwachungspläne für den Anbau von gv-Saaten entwickelt werden.
Mit Kenntnis dieses – zugegebenermaßen komplizierten - Netzwerkes um die Firmen BioOK, biovativ und Biomath, um den Verein FINAB und der Tatsache, dass ausgerechnet Joachim Schiemann (Leiter der BBA-Abteilung Gentechnik und Biologische Sicherheit und EFSA-Mitglied) 1999 zu den Gründungsmitgliedern von FINAB gehört – erscheint die Art und Weise, wie der Fragebogen für die Firma Monsanto entwickelt wurde, etwas nachvollziehbarer. ...
(S. 27 f.)
So wird die Politik zum Opfer ihrer eigenen Fehler: Sie ist umschlungen von einem fast undurchdringbaren Geflecht von Experten, Consulting-Firmen, Spezialagenturen, Arbeitsgruppen, Initiativen und den vielfältigen Aktivitäten ihrer Beamten, die gemeinsam mit der Industrie sowohl die Risikobewertung als auch die Risikokommunikation organisieren und dabei Politik und Öffentlichkeit zu ihrem Spielball machen.
Im Zentrum des Geflechts findet man dabei selten die großen Firmen selbst, sondern eher „Spezialagenturen“ mit exzellenten Kontakten zu Behörden, Politik, Medien und Konzernen. Sie arbeiten als Tarnkappenstrategen der Industrie, finanziert sowohl durch die öffentliche Hand als auch durch die Wirtschaft, sie haben Netzwerke, Seilschaften und Klüngelrunden auf allen relevanten Ebenen organisiert, die Institutionen der EU-Mitgliedsstaaten infiltriert und eine weitgehende Definitionsmacht errungen. ...
(S. 37)

Geschichte: Bau 2003 - 05. Nutzung seit 2005. Initiiert durch FINAB e.V.
Wissenschaftliche Betreuung durch biovativ GmbH. Besitzerin: Gemeinde Sanitz.
Betreiberin: BioConValley. Beirat: Landwirtschafts- und Wirtschaftsministerien Meck.-Vorpommern, Gemeinde Sanitz, BioConValley und FINAB.
Aktivitäten/Teilnahme an Forschungsprojekten: 260 ha landwirtschaftliche Nutzfläche für Freilandversuche, 1000m2 Gewächshausfläche und Lagerhalle für Saat- und Erntegut; 14 Mitarbeiter. Betreuung von Freilandversuchen mit zusätzlichen Serviceleistungen.
Sitz von verschiedenen Laboren und Betrieben. u.a. Labore von biovativ und FINAB, Firmensitz von BioConValley. 2006: Freisetzung zum Studium von Auskreuzungsraten von gv-Raps.
Teilnahme an Lobbyorganisationen: Initierung durch FINAB. Firmensitz von BioConValley.
Finanzierung: durch das Land Meck.-Vorpommern (Landwirtschafts- und Wirtschaftsministerien: 5,43 Mio. Euro), EU und BMBF. Gesamtkosten vermutlich 10 Mio. Euro.

Schaubild mit Verflechtungen der Institutionen im deutschen Gentechnikfilz (Studie von Then/Lorch, S. 32)


Aus Umweltinstitut München, "Gentechnik-Verflechtungen in Mecklenburg-Vorpommern":
Der Verein FINAB ist ein wichtiges Element des Gentechnik-Netzwerks in Mecklenburg-Vorpommern. Ein Blick in die Mitgliederliste des Vereins zeigt deutlich die Verquickung zwischen Wissenschaft, staatlichen Einrichtungen und Industrie. ...
Ziel des Bündnisses BioOK ist es, führender Dienstleister für die Prüfung und Zulassung von gentechnisch veränderten Nutzpflanzen in Europa zu werden. Gefördert wird das Projekt BioOK vom Bundesforschungsministerium mit über vier Millionen Euro. Frau Prof. Broer ist sowohl Gesellschafterin von BioOK als auch Gesellschaftervorsitzende der biovativ GmbH, dem kommerziellen Arm des Vereins FINAB, dessen Vorsitzende wiederum Prof. Broer ist. ...
Länderübergreifend, aber ebenfalls an die selben Personen gebunden ist auch ein für 2008 bis 2010 geplanter Freisetzungsversuch mit genmanipuliertem Weizen (siehe dazu www.umweltinstitut.org/genweizen2008) Als Projektleiterin wird im Antrag der Universität Rostock Frau Prof. Broer genannt. An der Freisetzung ist offenbar wiederum die FINAB-Tochter biovativ GmbH beteiligt. Rätselhaft ist dies insbesondere, als biovativ im Antrag der Universität überhaupt nicht genannt wird. Die biovativ GmbH ist das kommerzielle Tochterunternehmen des Gentechnik-Lobbyvereins FINAB. Vorsitzende des Vereins: Frau Prof. Broer, die auch als Gesellschafterin von biovativ fungiert. Allem Anschein dienen auch hier Projektgelder dafür, die eigene Firma mit Aufträgen zu bedienen. ...

Antje Lorch und Christoph Then vermuten in ihrer Studie zum Gentechnikfilz intransparente Geldflüsse im Lüsewitz-Rostocker Geflecht:58Die Firma biovativ wiederum wurde 2003 als 100%ige Tochter des Vereins FINAB gegründet mit der Aufgabe, das Gewächshaus und die Äcker des von FINAB initiierten AgroBioTechnikum zu betreuen. Wie bereits festgestellt, ist Kerstin Schmidt die Geschäftsführerin von biovativ. Laut Handelsregister hat die biovativ GmbH nur einen Mitarbeiter. Da Kerstin Schmidt gleichzeitig auch Geschäftsführerin von BioMath und BioOK und im Vorstand von FINAB e.V. ist - und all diese Betriebe und der Verein unter der gleichen Adresse und teilweise unter der gleichen Telefonnummer zu erreichen sind - drängt sich der Verdacht auf, dass es sich hier gar nicht um separate Einheiten handelt, sondern das Konglomerat von Firmen eher dazu dient, die kommerziellen Interessen im Umfeld des Vereins FINAB möglichst undurchsichtig zu gestalten.
Wenig seriös wirkt die fachliche Qualifikation der Hauptperson: Kerstin Schmidt ist als Mathematikerin Drahtzieherin beim Aufbau der Infrastruktur und in der Durchführung von Versuchen an den zwei wichtigsten Freisetzungsstandorten deutscher Gentechnik - dem AgroBioTechnikum und der BioTechFarm in Üplingen (siehe S. 15).59 Für Letztere registrierte sie am 28.3.2007 die Internetadresse und arbeitet seit April 2008 als Geschäftsführerin Seite an Seite mit der einflussreichen Gentechlobby Sachsen-Anhalts um den FDP-Politiker und Lobbyisten Uwe Schrader.
Nicht wirtschaftlicher Erfolg, sondern Förderungen aus staatlicher Hand ermöglichten den Aufbau des AgroBioTechnikums. Die Gesamthöhe der öffentlichen Zuschüsse für die Errichtung der Gebäude und Infrastruktur betrug 9,1 Mio. Euro60, die meisten Mittel stellte das Land Mecklenburg-Vorpommern. Wie gut müssen dorthin die Kontakte gewesen sein, um 2.103.459 € aus dem Topf „Zukunft für die Jugend in MV“ für Forschungsgewächshaus und Mehrzweckhalle umzuleiten?
Zusätzlich flossen laufende Zuschüsse. Im AgroBioTechnikum siedelten etliche Firmen, viele davon allerdings mit dem gleichen Personal. Kerstin Schmidt ist immer dabei: Sie ist Geschäftsführerin der biovativ GmbH und bietet dort gentechnische Arbeiten als Dienstleistung für andere an. Bis 2008 fungierte sie als Schatzmeisterin beim Verein FINAB, der lange als Antragsteller und politisches Sprachrohr diente. Und sie ist Geschäftsführerin beim regionalen Zusammenschluss von Firmen und Institute der Agro-Gentechnik namens BioOK. Von 2005 bis 2008 wurde dieser BioOK-Verbund durch das BMBF mit 4,383 Mio. € gefördert, um „neue, effektivere und kostengünstigere Analyse- und Bewertungsverfahren“ zu entwickeln. Allein Inge Broer bzw. die Uni Rostock erhielten 1.876.490 € über diese Förderung62.

Im Original: Geldflüsse aus staatlichen Töpfen ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus dem Artikel "Leere Labore "im Spiegel am 6.10.2008 mit vielen weiteren Hintergrundinformationen
2004 ging es dann auch in Mecklenburg-Vorpommern los - der Lobbyverein "zur Förderung innovativer und nachhaltiger Agrobiotechnologie" (Finab), dem Broer vorsitzt, hatte immer wieder angetrieben. Für zehn Millionen Euro wurde in Groß Lüsewitz östlich von Rostock ein Agrobiotechnikum gebaut - mit einem Schülerlabor für Gentechnik. 260 Hektar Fläche gehören zum Groß Lüsewitzer Anwesen.

Ausgewählte Investitonszuschüsse aus Landes- und Bundesprogrammen60:
  • „Zukunft für die Jugend in MV“ für Forschungsgewächshaus und Mehrzweckhalle: 2.103.459 €.
  • Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ für „Planungsleistungen Gründerzentrum für biogene Ressourcen Groß Lüsewitz“ 21.533 € und für das „Kompetenz- und Gründerzentrum Groß Lüsewitz“: 5.189.200 €.
  • Bundesministerium für Bildung und Forschung: 983.498,01 € an den Verein zur Förderung innovativer und nachhaltiger Agrobiotechnologie (FINAB e.V.) zur Anschaffung von Geräten.61
Zuschüsse für BioOK, aufgeschlüsselt nach Empfänger_innen im Firmenverbund (siehe auch Abbildung rechts aus der Bundestagsdrucksache 16/6208, S. 3 f. ++ Ausschnitt größer durch Klick):
  • Entwicklung von standardisierten Analyseschemata und Zulassungsdossiers für gentechnisch veränderte Pflanzen: biovativ GmbH, 130.152 €.
  • Pflanzenspezifische Analyseschemata und Zulassungsdossiers: BioMath, 158.619 €.63
  • Optimierung von Anbauverfahren für gentechnisch veränderte Nutzpflanzen - zur Produktion von Pflanzenmaterial mit einheitlichen Inhaltsstoffen - unter Vermeidung von messbarem Pollenflug: biovativ GmbH, 207.204 €.
  • Analytischer Nachweis von Summenparametern und Einzelkomponenten, Teilprojekt 1: Uni Rostock, 677.765 €.
  • Analytischer Nachweis von Summenparametern und Einzelkomponenten, Teilprojekt 2: BIOSERV GmbH, 261.347 €.64
  • Entwicklung eines schnellen in vivo Verfahrens zur Detektion geringer Einflüsse transgenkodierter Proteine auf Mikroorganismen und Stoffflüsse im Boden, Teilprojekt 1: Uni Rostock, 270.838 €.
  • Entwicklung eines schnellen in vivo Verfahrens zur Detektion geringer Einflüsse transgenkodierter Proteine auf Mikroorganismen und Stoffflüsse im Boden, Teilprojekt 2: Steinbeis Transferzentrum, 245.461 €.
  • Entwicklung eines standardisierten Labortests für Dungkäfer zur Prüfung der Umweltverträglichkeit von verfütterten transgenen Pflanzen, BTL GmbH, 155.009 €.65
  • Entwicklung einer Methode zur Detektion des Einflusses transgener Pflanzen auf Ökosysteme auf der Basis von Veränderungen des Genoms responsiver Viren sowohl in Pflanzenmaterial als auch ihren Vektoren. Teilprojekt 1: BTL GmbH, 247.102 €.
  • Entwicklung einer Methode zur Detektion des Einflusses transgener Pflanzen auf Ökosysteme auf der Basis von Veränderungen des Genoms responsiver Viren sowohl in Pflanzenmaterial als auch ihren Vektoren. Teilprojekt 2: BAZ Quedlinburg (jetzt JKI), 238.058 €.
  • Entwicklung einer in-vitro-Methode zur Simulation von Verdauung und Resorption: Broer/Uni Rostock, 927.887 €.
  • Entwicklung von Anreicherungsverfahren und Testsystemen zum quantitativen Nachweis von Substanzen in transgenen Pflanzen: BIOSERV GmbH, 224.600 €.
  • Entwicklung von Analyseverfahren zur Toxizität von gv-Pflanzen: Primacyt GmbH, 77.110 €.
  • Entwicklung von Analyse- und Bewertungssystemen zur Ermittlung einer potenziellen Allergenität von gv-Pflanzen: BIOSERV GmbH, 414.218 €.
  • Entwicklung und Umsetzung von Modellen zur Unterstützung bei der Erstellung von Freisetzungsanträgen und Überwachungsplänen für ein anbaubegleitendes Monitoring von gv-Pflanzen: BioMath GmbH, 150.237 €.
  • Polymerenproduktion in transgenen Kartoffelknollen (2007-08). Teilprojekt 1: Broer/Uni Rostock (263.853 €), Teilprojekt 2: biovativ (94.369 €). Weitere Projektpartner: Uni Bielefeld, Eberhard-Karls-Uni Tübingen, Norika Nordring-Kartoffelzucht und VermehrungsGmbH. Gesamt: 693.783 €.66
Neben diesen Steuergeldern fließen Mittel der Gentechnikkonzerne nach Groß Lüsewitz. Die BASF engagierte sich auch direkt und schützte 2009 die Versuchsfelder durch eine beauftragte Wachfirma. Deren Bedienstete verwiesen bei Nachfrage auf die Firma BASF als Auftraggeber und verteilten deren Propaganda.


Abb.: Bundestagsdrucksache 16/6208, S. 3: Gesamtsumme und biovativ als Koordinator. Weitere

Aus einem Interview mit Inge Broer, in: Volksstimme am 4.8.2009:
Volksstimme: Was haben Ihre Kartoffelversuche bisher gekostet und wer bezahlt sie ?
Broer: In die Entwicklung der Biopolymer-Kartoffel zur Biopolymerproduktion sind bisher etwa zwei Millionen Euro geflossen. Für die beiden anderen Linien waren es jeweils geringere Beträge. Die Gelder kamen zum größten Teil vom Bundesforschungsministerium, außerdem vom Bundesministerium für Landwirtschaft und Verbraucherschutz.


Aus der Landtagsdrucksache 06/1673 vom 11.8.2008 (Hinweis: Die Anfrage stammte von NPD, die keine emanzipatorische Gentechnikkritik vertritt. Im folgenden wird aus der Antwort der Landesregierung zitiert, also nicht aus dem Text der NPD)
Eine finanzielle Unterstützung durch die Landesregierung erfolgte im Rahmen der Errichtung des Kompetenz- und Gründerzentrums für biogene Ressourcen Groß Lüsewitz (jetzt AgroBioTechnikum).
Die Errichtung des Teilobjektes Gründerzentrum wurde im Jahr 2002 mit einer Zuweisung an die Gemeinde Sanitz aus Kapitel 1102 Titel 883.08 des Landeshaushaltsplanes 2002/2003 in einer Höhe von 604.568 € unterstützt.
Aus dem Fonds „Zukunft für die Jugend in MV“, Kapitel 0802 Titel 883.07, wurden für das Teilprojekt Kompetenzzentrum (Forschungsgewächshaus und Mehrzweckhalle) in den Jahren 2002 - 2004 insgesamt 2.103.459 € bewilligt und ausgezahlt.
Auf der Grundlage der Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“ wurden die Vorhaben „Planungsleistungen Gründerzentrum für biogene Ressourcen Groß Lüsewitz“ im Jahr 2001 mit 21.533 € und „Kompetenz- und Gründerzentrum Groß Lüsewitz“ im Jahr 2002 mit 5.189.200 € gefördert.
Der Landesregierung ist darüber hinaus bekannt, dass durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen der Errichtung des Kompetenz- und Gründerzentrums dem Verein zur Förderung innovativer und nachhaltiger Agrobiotechnologie (FINAB e. V.) im Jahr 2001 983.498,01 € zur Anschaffung von Geräten bewilligt und ausgezahlt wurden, die jetzt im AgroBioTechnikum genutzt werden.

Und noch eine Finanzquelle sponsort das El Dorado für Gentechnikfirmen und Fördermittelempfang: Obwohl es sich wohl kaum um einen landwirtschaftlichen Berieb handelt, kassiert die FINAB-Tocher biovativ 74.166.46 € an Flächenprämien, also als allgemeine Agrarförderung.


Aus dem Register der Agrarsubventionen für 2008

Geld ist das Hauptmotiv für die Aktivitäten am AgroBioTechnikum: „Im Moment ist es hauptsächlich Forschung in der Gentechnik, weil es dafür Geld gibt“, räumte Inge Broer 2006 in der WDR-Sendung "Immer Ärger mit Linda" freimütig ein. Minister Backhaus nannte weitere Gründe: „Gute Ergebnisse in diesem Bereich sind für die Landesregierung und für mich als Minister für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz die besten Argumente sowohl gegenüber dem Bund als auch innerhalb des Landes, mich für den Erhalt der Agrarwissenschaften in der Universität Rostock, aber auch ganz aktuell für den Erhalt zumindest eines Teils der Bundesforschungsanstalt hier in Groß Lüsewitz einzusetzen.60
Broer, Schmidt und Umfeld träumten seit 2007 von einer großen europäischen Agentur für Biotechnologie, die der Region um Rostock den Glanz eines bedeutenden Forschungsstandortes verleihen soll. Ebenso auch Minister Backhaus: „Der Wachstumskern ,BioOK' soll sich in der Küstenregion Rostock-Schwerin - insbesondere um das AgroBioTechnikum Groß Lüsewitz - als ein europäisches Kompetenzzentrum für die Analyse, Bewertung und Überwachung von agrobiotechnologischen Produkten und Verfahren etablieren“.68 Was BioOK tatsächlich ist, wird im Kapitel zu Agro-Gentechnikfirmen aufgeklärt.

Das Wohl der Menschen vor Ort spielt in den abenteuerlichen und teuren Phantasien des Standortpokers keine Rolle. Ganz im Gegenteil: So einige Bemerkungen weckten Erinnerungen an den autoritären Bayernführer Franz-Josef Strauß, der vor vielen Jahren eine atomare Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf für durchsetzbar hielt, weil "der Standort Wackersdorf in einem Raum mit industriegewohnter Bevölkerung liegt". In einer Regierungsbroschüre zur 'BioRegion' im Nordosten wird ähnlich argumentiert und das ablehnende Votum der Gemeinde Thulendorf schlicht übergangen mit der Behauptung: "Die Bürger Mecklenburg-Vorpommerns stehen den wachsenden Chancen und neuen Entwicklungen äußerst offen gegenüber." Dass in der Genehmigungsbehörde geschummelt wird und die durchwinkenden Beamten mit der Industrie verfilzt sind, mutiert zum Standortvorteil für Mecklenburg-Vorpommern: "Deshalb sind die Genehmigungsverfahren nach dem Gentechnikgesetz äußerst kurz."

Im Original: Bevölkerung für blöd verkauft ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Wird Mecklenburg-Vorpommern aufgrund unkritischer Bevölkerung zum Gentechnik-Musterland?
Aus: BioRegionen in Deutschland. Bundesministerium für Forschung und Bildung, Berlin 2004
BioCon Valley® ist das fruchtbare Milieu einer innovativen Biotechnologie- und Wissenskultur. Die Bürger Mecklenburg-Vorpommerns stehen den wachsenden Chancen und neuen Entwicklungen äußerst offen gegenüber. Sie begleiten sie kritisch, aber unvoreingenommen. Deshalb sind die Genehmigungsverfahren nach dem Gentechnikgesetz äußerst kurz.

Kritik an Agro-Gentechnik bleibt unberücksichtigt: Universität Rostock und Biotechfirmen legen auch 2010 Felder an
Aus " Gen-Pflanzen: Forscher lassen die Proteste kalt", in: Ostseezeitung, 24.4.2010:
Die Kritik an Gentechnik auf Äckern in Mecklenburg-Vorpommern wird schärfer – die Universität Rostock will aber trotzdem auch in diesem Jahr wieder Freisetzungs-Versuche starten. Nach Angaben des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit wurden den Rostocker Genforschern Genehmigungen für den Anbau von genveränderten Kartoffeln, Weizen und Petunien erteilt. ...
Die befürchtete Verbreitung von genveränderten Pflanzen ist längst Alltag, melden der Öko-Bauerverband Bioland und Greenpeace. Die Zukunft des Bio-Anbaus sei dadurch gefährdet. Bei staatlichen Kontrollen von importiertem Saatgut für den Maisanbau dieses Frühjahrs seien in sieben von 13 Bundesländern gentechnisch verunreinigte Proben festgestellt worden. Mecklenburg-Vorpommern gehört mit Niedersachsen und Sachsen-Anhalt zu den einzigen Ländern, die diese Angaben geheim halten, so Bioland-Sprecher Gerald Wehde. Warum das so ist, konnte das Schweriner Landwirtschaftsministerium gestern nicht erklären. Der zuständige Mitarbeiter sei auf Dienstreise.
Bioland wirft Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) Totschweigen vor. 2007 bauten Bauern aus MV auf 800 Hektar gentechnisch verunreinigten Raps an. Ohne es zu wissen, sie hatten das Saatgut in gutem Glauben gekauft. Auch andere Länder waren betroffen. Backhaus weigere sich, mitzuteilen, um welche Flächen es sich handelt, so Bioland. Der Öko-Verband klagte auf Bekanntgabe und gewann. Der Erfolg lässt aber auf sich warten. „Wir warten immer noch auf die Daten“, sagt der Bioland-Sprecher.

2009 erwärmte sich auch Bundesforschungsministerin Annette Schavan für den Größenwahn an Uni Rostock und AgroBioTechnikum: „In Groß Lüsewitz bei Rostock arbeitet eine Arbeitsgemeinschaft von Wissenschaftlern und regionalen Unternehmen in dem Projektverbund BioOK an der Standardisierung von Zulassungsverfahren für gentechnisch veränderte Pflanzen und könnte dabei auf dem Gebiet der Sicherheitsforschung zum Weltmarktführer avancieren. ... Die beiden Alpha-Frauen Schawan und Broer tragen somit entscheidend dazu bei, dem strukturschwachen Agrarland Mecklenburg-Vorpommern eine neue Perspektive als Forschungsstandort zu verschaffen.69 BioOK wurde in den ersten Jahren vom BMBF zu 75% gefördert, die Folgefinanzierung betrug 50% der Kosten.
Die großen Summen an Fördergeldern für die Firmengeflechte mögen für Propaganda, beteiligte Personen und 'klamme' Uni-Institute nützlich gewesen sein. Dem geldfressenden AgroBioTechnikum selbst reichten sie nicht. Schon drei Jahre nach dem Start geriet es in eine wirtschaftliche Schieflage. Ein Großteil der Labore und Büroflächen stand 2008 leer.30 Der Träger BioCon Valley70 zog sich aus Groß Lüsewitz zurück. Daraufhin übernahm die vom Land Mecklenburg-Vorpommern getragene Landgesellschaft M-V die Trägerschaft. Erneut sprang der Staat der bei den meisten Menschen unerwünschten Gentechnik zur Seite, die sich nun auch finanziell zum Fass ohne Boden wandelte.71 Wirkung hinterließen die Förderungen nur bei der Ausbreitung der gv-Pflanzen in der Natur und im kleinen Geflecht der Firmen von Kerstin Schmidt, während für die Region sonst kaum Impulse in Form dauerhafter Investitionen oder Arbeitsplätze heraussprangen.
Parallel stieg der Druck von Aktivist_innen, Umweltgruppen, Anwohner_innen und den politischen Gremien aus der Nachbargemeinde Thulendorf, auf deren Gebiet die meisten der Versuchsfelder lagen. Der dortige Gemeinderat sprach sich schließlich einstimmig gegen die Versuchsfelder und für die Kündigung des Pachtvertrages zumindest seiner Flächen aus. Anwohner_innen beteiligten sich zunehmend an Protesten gegen die Freisetzungen, die bis an die Gärten des Ortes Sagerheide heranreichten. Lange Zeit setzte aber der mecklenburg-vorpommersche SPD-Landwirtschaftsminister Backhaus auf das von ihm unterstützte AgroBioTechnikum, ruderte aber ab 2010 unter dem Eindruck der Proteste Stück für Stück zurück. Die wirtschaftlichen und politischen Probleme der Gentechnik-Seilschaften sind inzwischen trotz Steuergeldern, 74.144,46 € landwirtschaftlicher Flächenprämie und anlagensichernder Polizeitruppen groß. Gelder versickern in den dubiosen Firmengeflechten, während sich die Standorte kaum lange halten können. Doch Broer und Schmidt baden ihre Hände in Unschuld: „Den Vorwurf einer Interessenkollision weisen beide von sich. Bei der EFSA hätten sie nur beratende Funktion. Sicher profitiere sie von Förderung, so Kerstin Schmidt. ,Aber daraus habe ich in den letzten drei Jahren mehr als 20 Arbeitsplätze geschaffen.' Inge Broer sagt, die entstandenen Netzwerke seien notwendig, aber ,kein Filz'. Vom Forschungsministerium gebe es nur Geld, wenn die Industrie beteiligt sei.30 Doch wer genauer hinschaut, erfährt das Gegenteilt. Selbst vor Ort funktioniert der Filz, denn die widerspenstige Gemeinde Thulendorf wird bei ihren Beschlüssen vom eigenen Verwaltungsamt Carbäk ausgebremst. Deren Chef, Dr. Ernst Schmidt, befürwortet als SPD-Fraktionschef im Kreistag die Gentechnik. Nachdem das IPK in Gatersleben als Freisetzungsfläche verlorenging und der politische Druck auch am AgroBioTechnikum zunahm, wurde zwar der Firmenverbund BioOK zum neuen Stern am Himmel deutscher Gentechnik auserkoren. Andererseits fanden die Seilschaften einschließlich Kerstin Schmidt einen neuen Ort für ihre riskanten Freisetzungen: Das Stiftsgut Üplingen in der Magdeburger Börde beherbergte bereits 2009 mit neun Versuchen die größte Zahl solcher Freisetzungen.

Was wird geforscht? Mais, Kartoffel, Petunie und mehr am AgroBioTechnikum

Was passiert mit all dem Geld? Neben dem Aufbau von Infrastruktur fließt es vor allem in die Versuchsfelder. Waren die anfangs noch auf verschiedene Äcker rund um Sagerheide und im nördlichen Gemarkungsgebiet von Lüsewitz verteilt, so wurden sie aus Sicherheitsgründen immer mehr auf eine großbewachte Fläche zusammengelegt, bis ab 2010 alle Versuchsfelder am nordöstlichen Ortsrand des kleinen Dorfes Sagerheide lagen (siehe rechts die Karte der Felder: Rot unterlegt wurde der Ort Sagerheide, gelb die Ackerflächen mit dem schraffierten Versuchsgelände, grün ist Wald). Der Gemeinderat dort hatte sich zwar einstimmig gegen die Experimente ausgesprochen, aber die Meinung der Menschen vor Ort interessierte die Agro-Gentechniker_innen noch nie. So standen dort mehrere Felder mit sehr unterschiedlichen Pflanzen. "In allen Fällen geht es um Sicherheits- und Begleitforschung", verkündete die Internetseite der Betreiberfirma biovativ.
Das bedeutet dreierlei: Erstens geht es um richtig viel Geld, denn die Förderungen aus dem Biosicherheitsprogramm liegen immer bei einigen Hunderttausend Euro. Da jedes Jahr mehrere Felder auf dem Versuchsgelände liegen, kommt schon ein beachtlicher Jahresetat zusammen. Zweitens sind die Felder überwiegend schlicht Betrug bzw. Unterschlagung. Denn laut biovativ sei bis auf eine Ausnahme "bei keiner dieser Pflanzen daran gedacht, sie in den nächsten Jahren als Produkte auf den Markt zu bringen." Genau das fordert die Förderrichtlinie des Programms aber: "Freisetzungsbegleitende Untersuchungen sollen sich ausschließlich auf gentechnisch veränderte Pflanzen beziehen, deren Anwendung in Deutschland erwartet wird bzw. deren Freisetzung bereits erfolgt." Drittens sind Sicherheitsversuche die riskantesten Felder in Deutschland. Die Begründung ist einfach: Hier werden bislang unbekannte Genkonstrukture in die Umwelt ausgebracht. Für diese liegen bislang keinerlei Daten über ihre Wirkung in der freien Natur vor noch sind überhaupt Nachweismethoden entwickelt worden. Während z.B. zum Bt-Mais MON810 inzwischen viele Studien vorliegen und ein einfacher Nachweis-Teststreifen für 5 € zu haben ist (was die Pflanze nicht ungefährlicher macht), so laufen viele der Biosicherheitsversuche mit mehrfach veränderten Pflanzen. So stehen auf den Versuchsfeldern am AgroBioTechnikum jedes Jahre mehrere Pflanzenarten mit sehr verschiedenen gentechnischen Veränderungen - z.B. über 500 veränderte, unterschiedliche Kartoffelsorten und -linien der Firma BASF. Sie verschwinden nach der Testserie meist wieder aus den Laboren. Die Entwicklung einer Nachweismethode lohnt daher nicht. Ob sie sich allerdings während bzw. nach der Freisetzungsperiode draußen in die freie Natur hinausgemogelt haben und sich dort nun munter weiter verbreiten, bleibt unbekannt. Der LL601-Reis, der es von Versuchsstandorten in die Supermarktregale der ganzen Welt schaffte, wurde nur durch Zufall eines Tages entdeckt. Ob das eine oder andere Bier, das mensch trinkt, bereits die Erlanger-Gießener-Genkonstrukte enthält oder in irgendeinem Kartoffelsack ein Rostocker oder BASF-Konstrukt enthalten ist, werden wir voraussichtlich nie erfahren! Das 2010 selbst auf BASF-Versuchsfeldern in Nordschweden die falsche Kartoffelsorte gefunden wurde, lässt aufhorchen: Wenn die Durchmischung schon beim Hersteller vorkommt, wo und wie soll sie dann verhinderbar sein?
So oder so stand also eine bunte Vielfalt von Versuchsfelder in der Landschaft östlich von Rostock. Wie die Tabelle über Freisetzungsversuche östliche von Rostock in den Jahren 2005 bis 2008 zeigte, war die Vielfalt der angebauten gv-Pflanzen hoch. Können eine Forscherin und ein kleines Firmengeflecht an so vielen Pflanzen gleichzeitig forschen? Nun - zumindest tun sie es nicht. Die Felder stehen überwiegend unberührt herum. Aussaat und Ernte - das war's bei den meisten Feldern, Wachschutz und Nachbar_innen übereinstimmend berichteten. Besucht werden sie höchstens von Wahlkampftouren der Gentechnikfans im Bundestag oder von Menschen, die geschickt und nächstens der Bewachung ein Schnippchen schlagen, um die Versuchsflächen von ihrer gentechnisch veränderten Pflanzendecke befreien. Gibt es diese Forschung überhaupt? Der Verdacht bestätigt sich beim Versuch, Ergebnisse der Forschungen herauszubekommen. Es ist nämlich übliche wissenschaftliche Praxis, Forschungsergebnisse in renommierten Fachzeitschriften zu veröffentlichen, um die Erkenntnisse zugänglich zu machen und einer kritischen Analyse zu unterwerfen. Um jedoch etwas zu Versuchsergebnissen bei Uni Rostock, FINAB & Co. zu finden, hilft alles Wühlen in Magazinen, Internet oder Bibliotheken nichts: Es gibt keine - außer dem für die Forschungsmittel erforderlichen Endbericht an die Mittelvergabestelle. Die gentechnische Forschung am AgroBioTechnikum ist Show und Betrug. Es gibt sie nicht. Warum aber stehen dann die Felder da? Das soll das folgende Kapitel klären - mit bedrückenden Erkenntnisse.

Im Original: Versuchsfelder am AgroBioTechnikum ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Auf der Internetseite der die Versuche ausführenden Firma biovativ (Geschäftsführung: Kerstin Schmidt) heißt es:
In 2009 sind in Groß Lüsewitz mehrere Freisetzungsversuche geplant. Bei den gentechnisch veränderten Pflanzen handelt es sich um Prototypen, bei denen verschiedene Fragestellungen untersucht werden sollen. In allen Fällen geht es um Sicherheits- und Begleitforschung. Bis auf eine gentechnisch veränderte Kartoffel ist bei keiner dieser Pflanzen daran gedacht, sie in den nächsten Jahren als Produkte auf den Markt zu bringen. Einige dieser Versuche werden vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen des Programms "Biologische Sicherheitsforschung" gefördert.


Freisetzungsregister aller 2010 möglichen Felder (durchgestrichen: MON810, da verboten) ++ größer: Anklicke
Unten: Hinweisschild am Feld 2010 - danach sind es deutlich weniger Versuchsfelder.
Am 1.4.2010 wurde ein weiterer Versuch mit gv-Kartoffeln genehmigt.


Zu den Versuchsfeldern 2009:
2009er-Schild (von Unbekannten mit neuem Titel versehen)
Der Umgang mit Kritik

"Alles Lüge" sagte Prof. Inge Broer einem Nachbar der Versuchsfelder, der ihr die Broschüre "Organisierte Unverantwortlichkeit" entgegenstreckte. Eine Feldbesetzung wurde 2009 geräumt, Aktivist_innen mit gerichtlichen Verfügungen und Strafverfahren überzogen. Stramm an der Seite der Gentechnik-Seilschaften standen und stehen Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte in Rostock. Kritiker_innen werden drangsaliert, die Feldbetreiber_innen hingegen geschont. Auch Meinungsfreiheit scheinen die Gentechniker_innen nicht besonders zu schätzen. Ein kritischer Vortrag über Seilschaften an der Universität Rostock wurde verboten. An einen anderem Ort verlegt, besuchten ihn über 20 Studierende und Hauptamtliche der Uni den Vortrag und versuchten, diesen durch ständiges Nachfragen und Pöbeln zu verhindern - was nicht gelangt, aber den Ablauf um 1,5 Stunden verzögerte. Der Versuchsleiter des Feldes mit zur Überwinterung eingegrabenen gv-Kartoffeln, bezeichnete Biolandwirte dort als "Hobbybauern", Student_innen mit abweichender Meinung mehrfach als "dreimal dumm" und beleidigte schließlich den Referenten, bei ihm seinen wohl die „Synapsen durchgebrannt“.

Im Original: Störung bei kritischem Vortrag ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Foto: Kurz vor dem Beginn - es kamen noch etliche mehr

Doch Vielfalt und Intensität der Proteste begannen schließlich doch, Wirkung zu zeigen. 2010 verabschiedete ein Parteitag der SPD in Mecklenburg-Vorpommern erstmals eine klare Position gegen die Agro-Gentechnik - und zwar gegen alle Felder. Und auch Landwirtschaftsminister Backhaus, der genau dieser Partei angehört, verzichtete auf weitere Unterstützungserklärungen für das AgroBioTechnikum.

Im Original: Wachsende Ablehnung der Agro-Gentechnik in der SPD ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus der Ostseezeitung vom 26.4.2010
In der anschließenden Diskussion wurden einige Änderungen an dem vom Parteivorstand eingebrachten Leitantrag vorgenommen. ... Auch die Ablehnung des Anbaus gentechnisch veränderter Pflanzen wurde eingefügt.

Till Backhaus im Nordkurier am 24.7.2010
Für das Gesundheitsland MV, für diesen wichtigen Agrarstandort, brauchen wir die Gentechnik eigentlich nicht.
Doch dann wieder das immer gleiche Spiel: Obwohl niemand sie braucht, sollen ihre Wirkungen erforscht werden:
Wir haben es mit Ideologie zu tun. Die einen sagen, Gentechnik ist das heilsbringende, die anderen sagen, das ist Teufelszeug. Ich komme immer mehr zu der Erkenntnis, dass bei einem großflächigen Anbau die Frage der Koexistenz nicht zu lösen ist. Die Wahlfreiheit für Erzeuger wie Konsumenten, gentechnikfreie Produkte zu erzeugen bzw. zu konsumieren, kann somit kaum durchgesetzt werden. Aber wir müssen forschen dürfen. Denn, wie sich die Gentechnik langfristig auswirkt, da gibt es viele offene Fragen.
Im Original: Krasse Polemik, Vergleich mit verfolgen Juden ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus dem Gen-ethischen Informationsdienst Juni 2011 (S. 40f.)
Zwei Milliarden für den Protest
Ende Mai fand in Berlin ein bemerkenswertes Pressegespräch statt. Sein Titel: „Nutzung der Grünen Gentechnik ist ethisch geboten!“ Warum sich aus diesem Anlass nicht einmal ganz unvoreingenommen folgende Frage stellen: Wenn die Gentechnik hilft, den Welthunger zu besiegen, dann sollte man sie doch auch anwenden, oder?
Von Birgit Peuker
Im Mai des Jahres 2009 einigten sich auf einer Studienwoche an der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften in Vatikanstadt 40 Wissenschaftler auf eine politische Stellungnahme zur Grünen Gentechnik. Die 40 Wissenschaftler kamen aus unterschiedlichen Ländern, zum größten Teil aber aus den USA, Großbritannien und Deutschland. Nach der Diskussion wissenschaftlicher Beiträge aus unterschiedlichen Disziplinen zu Gentechnik und Ernährungssicherung waren sie zu der Erkenntnis gelangt, dass die Anwendung der Gentechnik ethisch geboten sei. Die Mehrzahl von ihnen waren Naturwissenschaftler aus dem Bereich der Pflanzenbiotechnologie. Wer hätte gedacht, dass so viele Naturwissenschaftler sich in der philosophischen Disziplin der Ethik auskennen?
Die 40 Wissenschaftler hatte der Vater des Goldenen Reis (1), Ingo Potrykus, ausgewählt. Nun aber, zwei Jahre nach dieser Tagung, war im Mai 2011 in der Landesvertretung Sachsen-Anhalt in Berlin zu einem Pressegespräch eingeladen worden, um die erstmalige Veröffentlichung der Zusammenfassung und die Stellungnahme der 40 ausgewählten Wissenschaftler in deutscher Sprache vorzustellen.(2)
Potrykus, emeritierter Professor der Pflanzenbiotechnologie, war gemeinsam mit seinem ebenfalls mittlerweile emeritierten Kollegen Klaus Ammann anwesend. In Anbetracht so viel wissenschaftlicher Kompetenz konnte man gespannt sein, welche neuen und originellen Argumente hervorgebracht werden würden.
Doch wer gedacht hatte, dass nun nüchterne und sachliche wissenschaftliche Argumente vorgetragen würden, wurde in ein - nun, wie soll man es ausdrücken? - gewisses Erstaunen versetzt. Denn das geheime Ziel der Veranstaltung schien eher gewesen zu sein, so viele Leute wie möglich zu beleidigen. Gleich zu Beginn seines Vortrages beklagte sich Potrykus über die Ignoranz, welche Politiker und Medien den Ergebnissen der Tagung in Rom entgegengebracht hatten. Dabei habe man doch ein überraschendes Resultat erzielt: Die Anwendung der Gentechnik ist ethisch geboten. Dies hätte doch - so die Meinung der engagierten Professoren - zu einem Aufschrei in der Öffentlichkeit führen müssen!
Oje, hat Potrykus sich etwa vorgestellt, dass eine einzige wissenschaftliche Konferenz, welche diese nicht besonders neue Behauptung unterstützt, sofort dazu führt, dass alle Leute aufschauen, sich verwundert ansehen und sagen: „Ach was, Gentechnik ist ethisch geboten? Das haben wir nicht gewusst, lasst uns gleich gentechnisch veränderte Samen in den Garten werfen.“ Welche anderen Wissenschaftler erwarten eine vergleichbare Wirkung von ihren Konferenzen?
Der Unmut von Potrykus richtete sich sodann gegen eine ganze Reihe von Gruppen: neben den Politikern auch die Medien und die großen Konzerne. Aber zuerst waren natürlich die Gentechnikkritiker_innen dran: Diese würden falsche Argumente in der armen unwissenden Bevölkerung verbreiten, beispielsweise über sogenannte „Risiken“ gentechnisch veränderter Pflanzen. Argumente, die schon längst wissenschaftlich widerlegt worden seien und zwar peer-review't!(3)
Eine ganze „Protestindustrie“ habe sich gebildet. Ein riesiges Budget stehe den gentechnikkritischen Gruppen zur Verfügung, ungefähr zwei Milliarden Euro. Dagegen seien die Budgets der großen Konzerne, die mit der Gentechnik ihre Geschäfte machen, „Peanuts“. Und apropos große Konzerne: Die hätten den Markt monopolisiert und ließen kleinere mittelständische Unternehmen, die ihrerseits ihre Geschäfte mit der Gentechnik machen wollen, nicht hochkommen. Das Geld für die Gentechnikkritiker stamme hauptsächlich von der Regierung und die Medien würden - unwissend wie sie seien - die Argumente der Kritiker unhinterfragt aufnehmen und verbreiten. Ausserdem, so Potrykus weiter, drücke sich die öffentliche Hand vor der Verantwortung gegenüber Landwirten, die verbessertes Saatgut bräuchten. Die Regierung stecke ihr ganzes Forschungsbudget nur in die Sicherheitsforschung, obwohl schon seit Jahren bewiesen sei, dass es keine Risiken gebe. Damit sei es verlorenes und unnütz ausgegebenes Geld.

„Ökofaschisten” und „Genjuden”
Ammann hieb in seiner Rede in die gleiche Kerbe. Die Studien, welche die Kritiker zur Untermauerung ihrer Argumente anführten - zum Beispiel, dass Glyphosat giftig sei (4) - seien äußerst schludrig. Überhaupt hätten Gentechnikkritiker generell kein Fachwissen - wie übrigens die Medienleute und die Leute von der Regierung auch nicht. Die Debatte werde viel zu emotional geführt. Gentechnikkritiker hätten ideologische Positionen. Mit Gentechnikkritikern könne man nicht sprechen. Gentechnikkritiker behaupteten, dass man mit ihm, Ammann, nicht sprechen könne. Ammann könne das nur eine „ökofaschistische Grundhaltung“ nennen und er fühle sich, da häufig attackiert und denunziert, als „Genjude“. Ups, das hat er gesagt. Wenn das nicht emotional war, was war es dann? Waren das gerade sachliche Argumente gewesen für eine Überwindung des Welthungers mittels der Gentechnik? Kann es sein, dass Herr Ammann unter „emotional“ und „sachlich“ etwas ganz anderes versteht als allgemein üblich?
Die eingeladenen Medien- und Regierungsvertreter waren kräftig vor den Kopf gestoßen, waren sie doch alle quasi als Dummköpfe und Handlanger der „Protestindustrie“ bezeichnet worden. Ihren Ärger darüber brachten sie deutlich zum Ausdruck.
Im letzten Teil der Veranstaltung wurde versucht, das zerschlagene Porzellan wieder zu kitten: Beleidigen habe man niemanden wollen, allerdings müsse man doch mal deutliche Worte gebrauchen dürfen; sogar sie selbst wüssten nicht immer alles - auch wenn sie Professoren gewesen seien und in vielen Bereichen gearbeitet haben; man könne sich doch nur in einem kleinen spezialisierten Bereich seines Forschungsgebietes ein fundiertes Urteil erlauben; das, was gesagt worden sei, sei nur die Sichtweise, die sich ihnen auf Grund ihrer Lebenserfahrung darstelle ... Ammann und Potrykus versuchten, die Leute von den Ministerien mit Lobeshymnen auf die Ministerien und die Medienmenschen mit Lobeshymnen auf ihre Artikel zu besänftigen und fühlten sich - wie sollte es auch anders sein - vor allem unverstanden.

Nicht grün - ohne Vernunft
Eingeladen zu der Veranstaltung hatte das „Forum Grüne Vernunft“. Das „grün“ im Namen ist - man ahnt es schon - dabei weder mit der Partei Bündnis 90/Die Grünen noch mit dem „Grünen Punkt“ zu verwechseln. „Grün“ spielt eher auf das Grün der Pflanzen an, die durch den Einsatz der Gentechnik „verbessert“ werden sollen.
Nach der Veranstaltung hatte man den Eindruck, dass auch der Begriff „Vernunft“ im Namen dieses Forums nicht unbedingt das bedeuten muss, was üblicherweise damit gemeint ist: nämlich sich seiner Geisteskräfte zu bedienen, um Beschränkungen der eigenen Sichtweise erkennen zu können.
Man konnte die Veranstaltung nur mit einem mitleidigen Herzen für alle anderen Gentechnikbefürworter verlassen. Solche Mitstreiter haben selbst sie nicht
verdient.
Birgit Peuker ist Techniksoziologin. Sie lebt in Berlin.

Fußnoten:
(1) Als Goldener Reis wird eine gentechnisch veränderte Reis-Varietät bezeichnet, der ein Gen für die Produktion des Provitamin A (ein Vorläufer-Molekül des Vitamin A) eingesetzt wurde. Mit diesem Reis sollen die Folgen der Vitamin A-Mangelernährung bekämpft werden. Ingo Potrykus hat ihn gemeinsam mit Peter Beyer von der Universität Freiburg entwickelt. Siehe dazu auch den Beitrag „Goldenen Reis überprüfen“ von Christoph Then im GID 192, Februar 2009 (www.gen-ethisches-netzwerk.de).
(2) Die Zusammenfassung ist nur wenige Seiten lang. Vollständig können die Beiträge zu der Tagung unter folgendem Link eingesehen werden: www.sciencedirect.com/science/issue/43660-2010-999729994-2699796.
(3) Im Peer-Review-Verfahren werden zum Beispiel Artikel der Fachzeitschriften von Kolleg_innen der Autor_innen auf Richtigkeit, Plausibilität und wissenschaftliche Methodik geprüft.
(4) Gerade in den letzten Jahren mehren sich die Hinweise, dass der Herbizidwirkstoff Glyphosat beziehungsweise die Unkrautvernichtungsmittel, in denen es zum Einsatz gebracht wird, sehr viel giftiger - und damit schädlicher für die Umwelt - sind, als bisher angenommen. Zuletzt erschienen Berichte von den Nichtregierungsorganisationen NABU und Testbiotech. Siehe dazu im Magazin dieser Ausgabe unter Materialien und unter „Landwirtschaft und Lebensmittel - Kurz notiert”.

Warum gibt es die Versuchsfelder?
  Vier Gründe, warum Millionen Euro rein- und Millionen Pollen rausgehen ...

Nur auf dem bundeseigenen Versuchsfeld in Braunschweig entsprechen die beobachteten Handlungen von Wissenschaftler_innen zumindest teilweise den behaupteten Forschungszielen. Andernorts hingegen finden andere Experimente statt, als im Genehmigungs- und Fördermittelantrag angegeben wurden. Und noch häufiger liegen die Felder das ganze Jahre zwar bewacht, aber unbeachtet herum. Was sind die Motive, solche Felder anzulegen, die kaum jemand will und niemand braucht?

1. Felder anlegen oder Taxi fahren - Forscher_innen als Fahne im Wind des Geldes

Ein Grund für die Aussaat ist schon genannt: Geld. Aber es klingt noch ein wenig schöner, wenn es aus dem Mund der Gentechniker_innen selbst kommt. Broer wurde schon zitiert, dass sie zur Gentechnik forscht, "weil es dafür Geld gibt" (hier der Ausschnitt aus dem Film). Drei Jahre später wurde sie befragt, ob sie nicht auch zu anderen Formen der Landwirtschaft forschen würde. Ja, das würde sie gern, antwortete sie 2009, doch "bis jetzt erhalten wir aber leider nur Mittel für Versuche an gentechnisch veränderten Pfanzen." Das ist Klartext, und nicht die einzige Bemerkung dieser Art. Stefan Rauschen, das Pendant von Inge Broer als Versuchsleiter an der RWTH Aachen und InnoPlanta-Preisträger 2010, benannte 2009 als Alternative, was er ohne die Fördermittel für sein Institut machen würde: "ein neues Thema suchen, oder auswandern. Oder Taxi fahren."
Das zeigt deutlich, dass Forschungsfreiheit vor allem die Freiheit zur finanziellen Abhängigkeit ist. Forscher_innen der Agro-Gentechnik sind nichs als Opportunist_innen des Geldes. Agrarhuren nannte mensch solches Gebaren früher - eine unzulässige Beleidigung von Prostituierten, die Geist und Körper verkaufen wie Lehrer_innen, Mauerer_innen oder Anwält_innen auch, aber ihre Orientierung auf Geld nicht als Freiheit verklären. Die die Aura unabhängiger Forschung ist nichts als Lüge - auch wenn Rauschen trotz Angst vor dem Schicksal als Taxifahrer naiv fragte, "wie man unabhängiger sein soll, als wir? Vom Steuerzahler bezahlt, im öffentlichen Auftrag? Und wie man kritischer sein können soll, als wir?".

Falsch ist die Ansicht, dass vor allem Firmengelder die Agro-Gentechnik an Universitäten und in Forschungsinstituten schmieren. Es ist bei der Agro-Gentechnik der Staat, der Grundfinanzierungen zurückgefahren und zweckgebundene Förderprogramme ausgebaut hat. "Alle Mitglieder meiner Arbeitsgruppe, inklusive mir selbst, werden also durch Forschungsmittel finanziert, die letztlich aus dem Steueraufkommen des Bundes stammen", so Stefan Rauschen. So sind es die Regierungen selbst, die die Reste von Unabhängigkeit in der Wissenschaft zerschlagen haben, um diese dann ökonomisch zu dem zwingen zu können, was sie als nationale Standortpolitik für richtig hielten und halten. Die Gentechnikindustrie stöhnte über zurückgehende Förderungen aus der Industrie: "Lediglich der Anteil an öffentlichen Fördermitteln ist seit vier Jahren konstant geblieben." Auf den Staat und seine Unterstützung der ansonsten offenbar nicht attraktiven Technik ist also Verlass - zum Ärger nur sehr weniger Politiker_innen, z.B. Ulrich Kelber (SPD): "Technologieoffene Forschung kann nicht heißen, dass im Haushalt von Frau Schavan 90 Prozent der Mittel für die Lösung bestimmter Probleme in der Züchtung in die Grüne Gentechnik und keine 10 Prozent in alternative Technologien gehen."

Im Original: Jagd nach Geld statt freier Forschung ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus einem Interview mit Inge Broer, in: Volksstimme am 4.8.2009
Der Verein FINAB will sich mit der Sicherheit aller neuartigen Lösungen in der Landwirtschaft befassen. Bis jetzt erhalten wir aber leider nur Mittel für Versuche an gentechnisch veränderten Pflanzen.

Vom Öko-Interesse zur Propaganda der Agro-Gentechnik - das Geld macht's!
Stefan Rauschen im Interview (2009):
So besuchte ich dann entsprechend viele Veranstaltungen am Institut für Ökologie, darunter auch ein Seminar zu den "Ökologischen Aspekten der Landwirtschaft". Das war sehr interessant. Als ich mir am Ende des Semesters den Schein für das Seminar abholen wollte, fragte mich der Post-Doc, ob ich nicht Interesse an einem HiWi Job hätte. Sie hatten gerade ein Projekt mit gentechnisch-verändertem Mais angefangen, und suchten nach HiWis, die Spaß an Insekten hatten. Da habe ich zugesagt und dann kam der Rest mehr oder weniger von selbst. ...
Die Forschung, die wir seit fast 10 Jahren an verschiedenen gentechnisch veränderten Pflanzen und Maissorten durchführen, wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in einem Rahmenprogramm zur Pflanzen-Biotechnologie gefördert.
Alle Mitglieder meiner Arbeitsgruppe, inklusive mir selbst, werden also durch Forschungsmittel finanziert, die letztlich aus dem Steueraufkommen des Bundes stammen. ...
Die Leute haben eine sehr romantische Vorstellung davon, wie Landwirtschaft betrieben wird, oder wenigstens betrieben werden sollte. Sie wissen relativ wenig über die wirklichen Zustände und Zusammenhänge in Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion.
Sie wissen wenig über Gefahren und Risiken, die konventionellen Methoden in sich bergen. Es mangelt auch an einem wissenschaftlichen Verständnis für Umwelt und Natur. ...
Ich persönlich finde, dass es dem Ansehen des Wissenschaftsstandortes Deutschland schadet. Nützen tut das keinem. ...
Solange es eine Regierung gibt, die davon überzeugt ist, dass die Erforschung von gentechnisch veränderten Pflanzen sinnvoll und notwendig ist, solange wird meine Arbeitsgruppe und ich wohl noch eine Chance darauf haben, in unserem Themengebiet zu arbeiten. Sollten sich aber bestimmte Strömungen und Forderungen durchsetzen, sehe ich schwarz. Dann können wir uns ein neues Thema suchen, oder auswandern. Oder Taxi fahren.

Geld abgreifen ... Staatliche Förderung lässt Firmenneugründungen sprießen
Aus der Studie "Zukunftsfelder in Ostdeutschland" der Uni Rostock im Januar 2008:
Die Biotechnologie hat sich innerhalb weniger Jahre in Deutschland zu einer Boom-Branche entwickelt, was sich an der wachsenden Zahl innovativer Firmengründungen ablesen lässt. In keinem anderen europäischen Land gibt es derzeit vergleichbar viele Standorte, an denen sich Biotechnologie-Unternehmen angesiedelt haben, wie in Deutschland. Die Gründe liegen ähnlich wie in anderen europäischen Regionen u.a. in der staatlichen Förderung, mit der finanzielle Schwierigkeiten in der Anfangsphase der Unternehmen abgefangen werden können. Positiv hat sich ferner ausgewirkt, dass die Lücke zwischen wissenschaftlicher Forschung und wirtschaftlicher Anwendung spürbar verkleinert werden konnte. (vgl. BMWi 2007)

Nur die Staatskohle schafft die Basis der Agro-Gentechnik
Peter Heinrich, Chef von BIO Mitteldeutschland in der Verbandszeitschrift transkript
Seit 2005 sind die privatwirtschaftlichen Investitionen in die Biotechnologie kontinuierlich gesunken. Lediglich der Anteil an öffentlichen Fördermitteln ist seit vier Jahren konstant geblieben.

Aus einer Evaluierungsstudie des BMBF
Der Anteil des Staates an der Finanzierung von Biotech-Unternehmen hat sich in den letzten Jahren verdoppelt. Lag er 2005 noch bei ca. 8 % waren es 2009 bereits etwa 17 %.


Ulrich Kelber (SPD) in einer Bundestagsdebatte am 26.3.2009 zum Antrag der Grünen, den gv-Mais MON810 zu verbieten:
Technologieoffene Forschung kann nicht heißen, dass im Haushalt von Frau Schavan 90 Prozent der Mittel für die Lösung bestimmter Probleme in der Züchtung in die Grüne Gentechnik und keine 10 Prozent in alternative Technologien gehen.

Aus "Leere Labore", in: Spiegel 41/2008 (S. 93 f.)
Bereits im Jahr 2000 hatte Sachsen den Fünfjahresplan „Biosaxony“ aufgelegt: Über 200 Millionen Euro an Lockmitteln stellte die Staatsregierung bereit. 2003 zog Sachsen-Anhalt mit der „Biotechnologie-Offensive“ nach und spendierte knapp 150 Millionen Euro bis 2008. „Das war damals der Trend, die Technologie war im Aufwind, es gab Hungersnöte“, sagt der heutige sachsen-anhaltische Wirtschaftsminister Reiner Haseloff (CDU). ...
Mit mehreren Millionen Euro hielt die landeseigene Investitionsbank IBG jahrelang eine Firma am Leben, die eine Antikörper produzierende Freilanderbse gegen Schweinedurchfall entwickelt hatte, die keiner haben wollte. „Geld verdienen wir mit Q-Cells“, sagt Haseloff leicht sarkastisch, einer inzwischen weltbekannten Solarfirma, die das Land mitgegründet hat.

Ernst-Ludwig Winnacker in der Zeit am 12.11.2011
Diese Auflagen machen die Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen praktisch unmöglich. Die wenigen Freilandversuche konnten nur stattfinden, weil hinter ihnen überzeugte Förderer aus der Saatgutbranche stehen. Universitäten und Forschungseinrichtungen können sich den mit den Versuchen verbundenen Aufwand – zum Beispiel aufwändige Umzäunungen und die Bewachung der Felder rund um die Uhr – nicht leisten. Sie weichen daher nach Kanada oder in die USA aus. Von Koexistenz oder einem »verträglichen Miteinander«, wie es im Urteil des Bundesverfassungsgerichts heißt, gibt es keine Spur.

Aus einer Presseinformation der Grünen-MdB Cornelia Behm am 15.6.2011
58 Mio. Euro an Drittmitteln haben die Agrarforschungsinstitute des Bundes in den vergangenen 3 Jahren eingeworben. Für Forschungsprojekte im Rahmen des Ökolandbaus standen davon aber nur 120 Tausend Euro zur Verfügung.
Den 2,4 Mrd. Euro, die die Bundesregierung in den nächsten 6 Jahren im Rahmen ihrer Bioökonomiestrategie vordringlich in die grüne Gentechnik investieren will, stehen 8 Mio. Euro aus dem Bundesprogramm für den Ökolandbau jährlich gegenüber.
Welche Eigenmittel die Bundesregierung darüber hinaus für die Agrarforschung jenseits des Ökolandbaus zur Verfügung stellt, konnten die Beamten des Landwirtschaftsministeriums nicht beantworten. Es dürften weitere Millionen im zwei- oder dreistelligen Bereich sein.
  • Studie des Nabu zur Verwendung von Forschungsgeldern vor allem für die Gentechnik

Trotz der Förderung vor allem aus staatlichen Quellen weisen Forscher_innen eine hohe Nähe zu Konzernen auf: Sie verbinden sich mit ihnen zur Patentanmeldung und sitzen immer wieder mit ihnen in den zahlreichen Gremien der Seilschaften zusammen. Die personelle Durchlässigkeit zwischen Instituten und Firmen ist hoch.

Im Original: Wachsende Ablehnung der Agro-Gentechnik in der SPD ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus einem Interview mit der EFSA-Chefin Catherine Geslain-Lanélle, in: taz vom 4.1.2011 (S. 4)
Wir sind sehr auf Experten angewiesen, die nicht bei der Efsa angestellt sind, sondern von Universitäten und Forschungsorganisationen kommen. Sie bewerten in unserem Auftrag die Risiken einer gentechnisch veränderten Pflanze für Mensch und Umwelt. Und wir wissen, dass diese experten mehr und mehr mit der Industrie zusammenarbeiten. Die europäische Forschungspolitik ermutigt Wissenschaftler öffentlicher Institutionen sogar, mit der Industrie zusammenzuarbeiten. ...
Ja, aber fast alle Wissenschaftler arbeiten heutzutage auf die eine oder ander Weise mit der Industrie zusammen.

Wie im AgroBioTechnikum läuft es vielerorts trotz der Staatsmillionen schlecht. Firmenkonkurse, Aufkäufe und Zahlungsschwierigkeiten prägen das Geschehen. Der Hunger nach immer neuen Zuschüssen wächst - und wird gestillt von Regierungen, die nach dem absurden Motto handeln, dass es nach Misserfolgen trotz hoher Förderungen nur eine Konsequenz geben sollte: Noch mehr Geld. 2010 stellte eine Evaluierungsstudie des BMBF selbst fest, dass die Fördermittel in die Agro-Gentechnik weitgehend verpufften. Konsequenz: Aufstockung der Mittel! "Das Bundesforschungsministerium möchte die Forschung in der Pflanzenbiotechnologie in den nächsten Jahren mit zusätzlich 50 Millionen Euro fördern". Wer viel und wirkungslos verschwendet, bekommt mehr.

Im Original: Trotz Millionen kein wirtschaftlicher Durchbruch ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Forschungsgelder stützen marode Technologie
Presseinformation des BÖLW am 27.4.2010, zu finden auch auf dem Informationsdienst Gentechnik
Nach einer Studie des Bundesforschungsministeriums schrumpft die Agro-Gentechnik-Industrie in Deutschland. Das Forschungsministerium nimmt dies zum Anlass, weitere Millionen in die umstrittene Technologie zu stecken, während erfolgversprechendere Ansätze für eine nachhaltige Landwirtschaft vernachlässigt werden.
Nach der Studie des BMBF, die dieser Tage veröffentlicht wurde, waren bundesweit 2009 24 Biotech-Unternehmen mit Pflanzen-Gentechnik befasst, zwei weniger als noch 2008. Die Erlöse der Unternehmen lagen 2009 bei 39 Mio €. Im Vorjahr waren es 49 Mio €. „Es ist nicht zu verstehen, weshalb das Schavan-Ministerium jetzt ankündigt, zusätzliche Millionen in den schrumpfenden Sektor der Pflanzen-Biotechnologie zu stecken“, kommentierte Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft. „Dafür dann auch noch das Arbeitsplatzargument heran zu ziehen, ist absurd.“ Je nach Betrachtungsweise – ob man nur die reinen Agro-Biotechnologie-Unternehmen zählt oder zusätzlich die mit Agro-Gentechnik befassten Abteilungen großer Chemiekonzerne – sind der Agro-Gentechnik etwa 650 bis 1400 Arbeitsplätze zuzuordnen.
Der Anteil des Staates an der Finanzierung von Biotech-Unternehmen hat sich in den letzten Jahren verdoppelt. Lag er 2005 noch bei ca. 8 % waren es 2009 bereits etwa 17 %. In diesem Zeitraum haben sich die Mittel von Wagniskapitalgebern und Erlöse durch Börsengänge mehr als halbiert.
Im Gegensatz zur Agro-Gentechnik wächst die Ökologische Lebensmittelwirtschaft seit Jahren ungebrochen. Sie hat seit 2005 ihren Umsatz um 50 % auf 5,8 Mrd. € gesteigert. In den zahlreichen mittelständischen Unternehmen des Öko-Bereichs konnten weit mehr als 160.000 Arbeitsplätze aufgebaut werden. Sie sind durch die Agro-Gentechnik gefährdet, denn die beträchtlichen Folgekosten der Gentechnik bleiben durch eine fehlende Verursacherhaftung bei denen hängen, die diese Technologie nicht einsetzen.
Zahlreiche Untersuchungen, so u.a. der Weltagrarbericht und Studien der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD), sehen ökologische Anbauverfahren als Schlüsseltechnologien zur Bekämpfung des Hungers. Löwenstein fordert Ministerin Schavan auf, die Leistungen und Potenziale des Öko-Landbaus bei der Lösung der globalen Herausforderungen im Agrarbereich anzuerkennen und diesen in den Fokus der Forschungspolitik des BMBF zu rücken. Auch solle sie sich für die Umsetzung der Verursacherhaftung in der Gentechnik einsetzen, so Löwenstein.

100 Millionen Euro in die Gentechnikforschung!
Aus einem Bericht des Informationsdienst Gentechnik zum Runden Tisch am 8.6.2010
Die Ministerin setzt auf gentechnisch veränderte Pflanzen, um den Herausforderungen der Landwirtschaft zu begegnen. Trotz der bisherigen leeren Versprechungen der Gentechnik-Industrie ist Schavan davon überzeugt, das Gentechnik-Pflanzen eine Lösung für den Welthunger bieten und dem Klimawandel etwas entgegensetzen können. Das Budget für das neue Forschungsrahmenprogramm liegt bei über 100 Millionen Euro.

Aus GM-Watch: 1 Prozent der britischen Forschung im Bereich Agroökologie, 15 Prozent im Bereich Gentech-Pflanzen
Gentech-Pflanzen werden im Vereinigten Königreich bei der Förderung nachhaltiger Agrarforschung vorgezogen, obwohl es dort gar keinen Markt für Gentechnik gibt. Im Gegensatz dazu hat die französische Behörde für Entwicklung neue Prinzipien für nachhaltige Entwicklung und Schutzmaßnahmen eingeführt, welche das Nichtfördern von Gentech-Pflanzen und eine Priorisierung kleiner familiengeführter Landwirtschaft beinhalten.

Die großen deutschen Fördertöpfe, aus denen staatliche Gelder in die Agro-Gentechnik fließen, sind das Biosicherheitsprogramm, das Programm "Genomanalyse im biologischen System Pflanze" (GABI) und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mit ihren Fördergeldern. Alle diese Programme überlebten die rot-grüne Regierungszeit und wurden auch von CSU-Regierungsmitgliedern nie in Frage gestellt. Für CDU und FDP gilt das ohnehin. Alle akzeptierten zudem die Verflechtungen, wegen der die Gelder von den Nutznießern selbst und ohne jegliche öffentliche Kontrolle zugewiesen und verwendet wurden. Der zuständige Abteilungsleiter im BMBF, Dr. Peter Lange, räumte in einem Streitgepräch ein, noch nie eine geförderte Maßnahme überprüft zu haben. Im Lenkungsgremium des GABI-Programms sitzen mit Vertreter_innen von KWS, Bayer, Max-Planck-Institut und den Leibniz-Instituten für Pflanzenbiochemie mehrheitlich die Geldempfänger - neben zwei Ministeriums- und einem DFG-VertreterIn, die ebenfalls die Gentechnik befürworten. Auch im wissenschaftlichen Beirat sind Konzerne und gentechnikanwendende Institute weitgehend unter sich.

Fördermittel an die großen Gentechnikorte und -seilschaften:

Damit keine Missverständnisse entstehen: Dass Forschung geldabhängig und auf Geldgeber fixiert, also immer "gekauft" und bestechlich ist, gilt nicht nur in der Agro-Gentechnik, sondern schlicht überall. Je länger ein Forschungszweig und seine Anwendungen im Produktverkauf bestehen bzw. je größer die Verkaufserfolge werden, desto intensiver werden Filz und Steuerung über Geld. Wird ein Geschäftsbereich lukrativer, dominieren Geldgeber aus der Wirtschaft. Bei der Agro-Gentechnik ist es jedoch der Staat, der das Anlaufen der Profitmaschine Jahr für Jahr mit Millionen schmiert - wie lange noch?

Im Original: Gekaufte Wissenschaft überall ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Interessengeleitete Wissenschaft pro Atom
Aus "Geheime Order von ganz oben", in: FR, 10.9.2009 (S. 4)
Neue Aktenfunde erhärten den Vorwurf, dass die Bundesregierung von Helmut Kohl (CDU) die Auswahl des Standorts Gorleben für ein mögliches Atom-Endlager gegen Bedenken von Wissenschaftlern vorschnell durchgedrückt hat. Die beiden zuständigen Ministerien ließen ein Gutachten zur Gorleben-Eignung umschreiben und gaben den Experten sogar Formulierungshilfen. Das geht aus einem vom Forschungsressort verfassten Telex vom 13. Mai 1983 hervor.

Der ehemalie Forschungsminister Riesenhuber fand das auch in der Rückschau ganz normal ...

Aus einem Interview in der FR, 10.9.2009
Frage: Herr Riesenhuber, neu aufgetauchte Akten aus dem Jahr 1983 belegen, dass Gutachten zum Atomendlager-Projekt Gorleben auf Druck der Politik geschönt werden mussten. Wie bewerten Sie das?
Ich sehe nicht, dass die Politik im Kern der Sache anders entschieden hat als die Wissenschaftler. In den Gutachten ging es darum zu klären, ob irgendetwas Wesentliches gegen die Eignung von Gorleben spricht. Die Experten haben festgestellt: Das ist nicht der Fall. Und das ist ja sogar 17 Jahre später, im Atomkonsens der Regierung Schröder, so festgestellt worden. ... In Gorleben sind bereits 1,5 Milliarden Euro investiert worden. Da ist es doch vernünftig, die gestoppte Erkundung wieder aufzunehmen, um Klarheit zu schaffen. ...
Frage: Gabriel will eine Standortsuche, wie sie heute international üblich ist, etwa auch im der Schweiz: Alle geeigneten Standorte ins Visier nehmen und den am besten geeigneten auswählen.
Das kann man nicht nachvollziehen. Stellen Sie sich vor, Sie wollen heiraten und sagen: Ich heirate nur, wenn ich die bestmögliche Frau finde. Da suchen Sie vermutlich die nächsten 50 Jahre, und dann ist das Leben vorbei. So lange kann man mit dem Endlager nicht warten.

Aus "Die Kommerzialisierung akademischer Forschung", in: Torsten Wilholt (2012), „Die Freiheit der Forschung“, Suhrkamp in Berlin (S. 328ff. ++ ganzes Kapitel als .rtf)
Über diese Eigeninteressen beider Seiten hinaus hat auch die Politik gezielte Maßnahmen ergriffen, um eine stärkere Verschränkung von Wirtschaft und Wissenschaft zu bewirken. Ziel ist es dabei, wissenschaftliche Erkenntnisse schneller, häufiger und erfolgreicher in neue oder verbesserte Produkte und Leistungen und somit in wirtschaftlichen Erfolg zu verwandeln. Die wissenschaftspolitische Auffassung, dass dazu gezielte Maßnahmen erforderlich sind, verrät das verlorengegangene Vertrauen in das »lineare Modell“ dem zufolge wissenschaftliche Innovationen auf Grundlagenebene über Zwischenschritte mit einer gewissen Zwangsläufigkeit zu technischem Fortschritt führen sollten. Die konkreten politi-schen Maßnahmen umfassen Änderungen im Patentrecht, um den Hochschulen und anderen akademischen Instituten die Verwertung von aus ihrer Forschung entspringendem geistigen Eigentum zu erleichtern und sie so selbst zu mehr unternehmerischer Aktivität zu motivieren, die Gründung von Transferstellen, Patent und Verwertungsagenturen, die Professoren unter anderem bei der Anmeldung von Patenten und der Gründung eigener Unternehmen (Start ups) helfen sollen, die Einrichtung von Technologiezentren (wie beispielsweise dem Technologiepark Berlin Adlershof), in de-nen öffentliche Forschungseinrichtungen und private Unternehmen gemeinsam angesiedelt werden, und die gezielte Auflage von Förderprogrammen, in deren Rahmen Forschungskooperationen von akademischen Institutionen mit der Wirtschaft aus öffentlichen Mitteln unterstützt werden (wie zuletzt etwa bei den Exzellenzclustern im Rahmen der Exzellenzinitiative und bei den »Innovationsallianzen« des Bundesforschungsministeriums).
Man darf insgesamt vermuten, dass der Einfluss wirtschaftlicher Interessen auf die akademische Forschung größer ist, als etwa die 14,1 prozentige finanzielle Beteiligung an der deutschen Universitätsforschung es nahelegen würde. Die politischen Maßnahmen zur Förderung des Wissenstransfers machen deutlich, dass auch öffentliche Mittel in ihrer Verwendung gezielt auf wirtschaftliche Interessen ausgerichtet werden. Überdies bewirkt bereits die Aussicht auf lukrative Kooperationen und die Einsicht in deren politische Erwünschtheit vielfach eine Orientierung der Forschungsagenda öffentlicher Einrichtungen an den (realen oder vermuteten) Interessen der Industrie. Von dieser Beeinflussung sind allerdings bei weitem nicht alle Bereiche der wissenschaftlichen Forschung in gleichem Maße betroffen. Berührt sind in besonderer Weise die Ingenieurswissenschaften, die Biowissenschaften einschließlich der Medizin und, in etwas geringerem Maße und auf einige Teilgebiete beschränkt, die physikalischen Wissenschaften.
Der wachsende Einfluss wirtschaftlicher Interessen auf die Wissenschaft, der aus den geschilderten Entwicklungen resultiert, ist in vielerlei Hinsicht kritisiert worden: weil die Gesamttagesordnung der Forschung durch sie verzerrt und die Grundlagenforschung ebenso schleichend marginalisiert werde wie manches anwendungsorientierte Forschungsgebiet, das sich für die wirtschaftliche Ausbeutung über Patente nicht eignet; weil sie zu Interessenkonflikten und zum Verlust der Unparteilichkeit der Wissenschaft führe (beispielsweise bei der Beurteilung der Wirksamkeit und Unschädlichkeit neuartiger Therapien); weil sie die Kultur der offenen Kommunikation der Wissenschaften bedrohe, indem Geheimhaltung und intellektuelle Eigentumsrechte im Forschungsalltag mehr und mehr Bedeutung erlangten; weil sie einzelnen Akteuren erlaubten, öffentliche Güter für private Zwecke zu appropriieren; weil sie die epistemischen Ambitionen der Wissenschaften dämpfe, die im Hinblick auf konkrete Anwendungen nur noch nach Erkenntnissen suchen würden, die sich in bestimmten, durch die beabsichtigte Anwendung definierten Kontexten verlässlich replizieren ließen, und nicht mehr nach übergreifenden Erklärungen und Generalisierungen. ...
Im Allgemeinen erwachsen ja auch aus dem Engagement wirtschaftlicher Unternehmen in der Forschung ob in der unternehmenseigenen oder der akademischen dem Einzelnen keine Hindernisse, aus eigenen Mitteln nach Erkenntnissen zu streben, die für ihn bedeutsam sind. Die aus Autonomiegründen begründbare Freiheit der Ziele ist also prima facie nicht betroffen. ...
Diese neuen Patente stellen prinzipiell nicht nur eine Begrenzung der Freiheit der Mittel, sondern auch der Freiheit der Ziele dar, und schränken damit theoretisch auch die durch das Argument aus Autonomiegründen geschützte kognitive Selbständigkeit ein. Denn sie erlauben es den Eigentümern, andere von der freien Nutzung ihres intellektuellen Eigentums und somit von der Durchführung bestimmter Experimente und Studien auszuschließen. Zwar gab es eine gewisse Tradition, bei akademischer Forschung (ohne kommerzielle Interessen) von der Durchsetzung intellektueller Eigentumsrechte abzusehen, und es gibt Hinweise darauf, dass nicht wenige Forscher in ihrer Praxis regelmäßig den Patentschutz für bestimmte Forschungsmittel einfach ignorieren. Doch sind in jüngerer Zeit wegen patentgeschützter Forschungsmittel auch gegen akademische Forscher bereits Maßnahmen bis hin zur Strafverfolgung ergriffen worden. ...
Diese Einschränkungen der Forschungsfreiheit und die damit vermutlich einhergehende Reduzierung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse sind der Logik des neuen Patentregimes zufolge in Kauf zu nehmen, weil sich dadurch andererseits eine schnellere und effizientere Umsetzung der wissenschaftlichen Erkenntnisse in ökonomisch erfolgreiche Produkte ergibt. Weniger Wissen, aber trotzdem mehr baconischer Nutzen, ist demnach das Versprechen der Privatisierung von Forschungsmitteln. ... Überdies wäre dieser Vorteil nur dann gegen eine Einschränkung der Forschungsfreiheit abwägbar, wenn die vermehrte Bereitstellung neuer oder verbesserter Produkte sich auch als merklicher Vorteil für die politische Gemeinschaft insgesamt erweist, die im Gegenzug auf ein Stück Forschungsfreiheit verzichtet. Besonders bei der Patentierung von Genen ist gerade dies sehr fraglich, weil sie nicht nur Einschränkungen bei der Forschung mit sich bringt, sondern selbst im Fall, dass am Ende verbesserte therapeutische oder diagnostische Methoden bis zur Marktreife entwickelt werden, die starke Monopolstellung der Anbietet für das Gesundheitswesen stark erhöhte Kosten und in einigen Fällen begrenzte Verfügbarkeit bedeutet. ...
Zusätzlich ist die offene akademische Kommunikation in Fällen eingeschränkt, in denen das Öffentlichwerden von Informationen den kommerziellen Interessen eines Sponsors zuwiderläuft. ...
In Bereichen der kommerzialisierten akademischen Forschung, die sich mit der Herstellung von Regulierungswissen befassen (und dies betrifft erhebliche Bereiche der von der Kommerzialisierung berührten Wissenschaften), kann man daher mit guten Gründen von einer Bedrohung der politisch begründbaren Forschungsfreiheit sprechen. Die Antwort muss auch hier darin bestehen, öffentlichen Forschungseinrichtungen (wieder) eine Forschungsagenda zu geben, die sich am öffentlichen Interesse orientiert. In zumindest einigen Bereichen sind die Einseitigkeiten bereits so stark, dass dafür zunächst, eine gründliche Entflechtung von Forschung und Wirtschaft stattfinden müsste.

Wissenschaftsskepsis nimmt zu – eine Ursachenforschung
Der Grund, warum immer mehr Menschen der Wissenschaft misstrauen, hat nichts mit einer antiwissenschaftlichen Einstellung und irrationalen Ängsten zu tun, sondern damit, dass die Wissenschaft wirtschaftlichen Interessen untergeordnet wird, schreibt Colin Todhunter.
(aus: GM-Watch)
2. Produkt- und Methodenentwicklung

Es gibt einige Felder, bei denen geforscht wird. Allerdings ist aus dem sonstigen Verhalten der Forscher_innen, veröffentlichten Ergebnissen (z.B. Patente) oder auf andere Art erkennbar, dass es sich in der Regeln nicht um Sicherheitsforschung handelt (obwohl oft Gelder aus dem Programm bezogen werden), sondern um Entwicklung neuer Sorten mit kommerzieller Perspektiven oder die Verbesserung gentechnischer Verfahren.

Auszug aus dem Verfassungsgerichtsurteil vom 24.11.2010 (1 BvF 2/05), Rdnr. 309
Die Forschung im Bereich der "grünen" Gentechnik, sei es Sicherheitsforschung, Entwicklungsforschung oder Begleitforschung, ist zudem von hoher Bedeutung für das Gemeinwohl und dient regelmäßig dem Schutz wesentlicher Belange wie der menschlichen Gesundheit und der Umwelt. Die absichtliche Freisetzung von gentechnisch veränderten Organismen ist in den meisten Fällen ein notwendiger Schritt auf dem Weg zur Entwicklung neuer Produkte, die von solchen Organismen abgeleitet sind oder diese enthalten (vgl. Erwägungsgrund Nr. 23 der Richtlinie 2001/18/EG).

3. Forschungsfelder als Auskreuzungsquellen

Der zweite Grund für die Anlage von Forschungsfeldern ist noch erschreckender. Denn diese wurden mehrfach und mit einer erkennbaren Systematik neben Saatgutbanken angelegt. Dort aber stellten sie ein besonders großes Risiko dar, einen verheerenden Schaden im bislang gentechnikfreien Saatgut anzurichten und die Debatte um die Gentechnikfreiheit zu beenden. Diese erübrigt sich nämlich einfach, wenn Auskreuzung überall hin stattgefunden hat. Von bisherigen Auskreuzungsskandalen, vor allem dem LL601-Reis, der als Selbstbestäuber nur auf Versuchsfeldern angebaut wurde und dennoch weltweit im Ladenregal landete, wussten auch Forscher_innen und Konzerne . Kann es sein, dass sie Felder anlegten, um Auskreuzung zu erzeugen und so die Debatte durch die Macht des Faktischen zu gewinnen? Beweisbar ist das nicht, aber vieles spricht dafür - siehe auch im Kapitel zur Koexistenz.

Im Original: Saatgutbanken und Genversuchsfelder ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Die fünf Saatgutbanken in Deutschland:

Neben allen fünf Saatgutbanken liegen oder lagen Felder mit gentechnisch veränderten Pflanzen - genau passend zu den Pflanzenarten der Saatgutbanken. Das Risiko der Auskreuzung und der Vernichtung gentechnikfreier Saat wurde also maximiert. Zufall?
4. Simulation von Forschung als Legitimation für politisch erwünschte Festlegungen

Versuchsfelder werden angelegt, um einen wissenschaftlichen Hintergrund für politische Entscheidungen zu behaupten. Tatsächlich sind die Beschlüsse aber willkürlich und im Interesse der Gentechniklobby festgelegt worden. Dafür gibt es bislang zwei Beispiele. Beide hängen mit der Koexistenz zusammen, also der (unsinnigen) Behauptung, gentechnikfreie und gentechnik-verwendende Landwirtschaft seien nebeneinander möglich. Biologisch ist das ausgeschlossen, aber formal wurde mit Tricks die Koexistenz herbeiphantasiert. Untermauert wurde das mit kruden Versuchsfelder, an denen tatsächlich keines der dann geltenden Ergebnisse abgeleitet wurde.

5. Werbung, Firmenaufbau und Standortpolitik

Bleibt ein dritter Grund, der eher platt ist: Felder dienen schlicht der Propaganda oder als Referenz- und Übungsfläche ifürn Firmen oder Universitäten. Der seit 2009 größte Gentechnikstandort - zumindest von der Zahl der Felder her gerechnet - ist ein reiner Schaugarten und versteht sich auch als solcher. Prospekte und Internetseite laden zu Kaffeefahrten ein, "wenn Sie sich einmal 'echte' Freilandversuche anschauen wollen". Über diesen Gentechnik-Streichelzoo inmitten der empfindlichen Saatzuchtregion Börde berichtet ein gesondertes Kapitel.

Am AgroBioTechnikum geht es weniger um Öffentlichkeitsarbeit, auch wenn im Bundestagswahlkampf 2009 schon mal die FDP-Bundestagsabgeordnete Christel Happach-Kasan einen Bus voll Einwohner_innen aus ihrem Wahlkreis auf das Feld schleppte. Gedacht war das durchaus mal anders. Der Verein FINAB legte sein erstes Versuchsfeld mit gv-Raps an "als politisches Signal und Präsentation des Dienstleistungsangebotes". Unglaublich - eine ganze Landschaft wurde der Versuchung mit dem stark auskreuzenden Raps ausgesetzt, um ein "politisches Signal" zu setzen! Außerdem ging es um die "Etablierung von notwendigem Know-how für die Beantragung und Durchführung von Freisetzungen" - Firmenaufbau auf Kosten der Landwirtschaft zumindest einer ganzen Region.

So bleibt schon als Antwort auf die Frage, warum Versuchsfelder angelegt werden, wenig übrig als die Feststellung unfassbarer Jämmerlichkeit: Diese titelbehangenen Wissenschaftler_innen, die Gentechnikritik als emotional, unsachlich oder "Bodensatz der Gesellschaft" beschimpfen, sind einfach nur Opportunist_innen des Geldes. Sie reden über Forschungsfreiheit und meinen die pure Ausrichtung allen Denkens und Forschens auf den schnöden Mammon. Ihre Propaganda ist die der Sicherheitsforschung, doch ihr Handel das organisierte Verseuchen der Welt mit gentechnisch veränderten Konstrukten. Welch ein Abgrund tut sich hier auf? Und ist das nur dort so, wo mit jedes Beet Geld bringt? Schauen wir von den Niederungen der praktischen Anwendung hinauf zu den großen wissenschaftlichen Debatten und Organisationen. Umlernen müssen wir nicht, denn was dort als Wissenschaftlichkeit verkauft wird, ist nicht besser, sondern zumeist platte bis polemische PR für die eigene Sache, Buhlen um frisches Geld oder schlichte Machtpolitik.

6. Versuchsfelder als kriminalistische Fallen

Es gehört sicherlich nicht ganz auf diese Seite, aber es hat mindestens 2012 ein Feld dieser Kategorie gegeben. Forschende sind allerdings weder Naturwissenschaftler_innen noch Firmen, sondern die Polizei. Das Landeskriminalamt in Sachsen-Anhalt betreute 2012 mindestens ein Feld mit gv-Kartoffeln, welches mit "Fallen" (O-Ton LKA) präpariert war, um bei einem Angriff die Feldbefreier_innen zu identifizieren. Dumm für LKA und Gentechniklobby: Das Feld wurde angegriffen, zerstört, aber keine Falle funktionierte.

Kampf und Krampf: Forschung zwischen Geld, PR-Zielen und Machtpolitik

Soweit Dokumente aus der Vergangenheit (z.B. Pressezitate) aus dokumentarischen Gründen auf dieser Seite enthalten oder verlinkt sind, sei klargestellt, dass die Kritik an Veruntreuung, Betrug oder Geldwäsche im Zusammenhang mit Fördergeldern nicht gegen Uwe Schrader oder Kerstin Schmidt gerichtet ist. Die sind stets nur als Dienstleister_innen, Unterstützer_innen oder Bereitsteller_innen von Infrastruktur für die betrügerischen Feldversuche tätig gewesen.

Interview mit der amerikanischen Wissenschaftshistorikerin Kay in der taz vom 4.9.2000:
Heutzutage sind Wissenschaftler Politiker, sie sind Aktienhändler, sie haben ihre eigenen Biotech-Unternehmen und sitzen nicht länger nur in ihren Laboratorien herum. In den USA sind mindestens 80 Prozent der Molekularbiologen an eigenen kommerziellen Biotech-Unternehmen beteiligt. Das ist also nicht länger ein rein akademisches Problem, und daher ist es auch nicht nur ein Problem der Medien. Die Wissenschaftler sind massiv an der sozialen und politischen Verbreitung ihrer Arbeit beteiligt.

Nicht alle sagen so deutlich, um was es bei der Gentechnik geht, wie die Tübinger Nobelpreisträgerin und Biologin Christiane Nüsslein-Volhard in einem Interview (auf: SWR, 25.3.2015): "Die zusätzlichen Gene, die da drin sind, haben nichts mit Nahrung zu tun, also die sind eigentlich nur, um die ganze Geschichte wirtschaftlicher zu machen ... Verbessert heißt: Wirtschaftlicher, also der Anbau ist wirtschaftlicher. Das ist das verbesserte daran." Ähnlich ehrlich ist Hubert Markl, Ex-Chef der Deutschen Forschungsgemeinschaft - hinsichtlich der Idee von totaler Naturbeherrschung: "Dass dabei die Schöpfung manipuliert wird, ist richtig. Dass dies notwendig und sittlich geradezu geboten ist, um eben diese Schöpfung vor völliger Zerstörung zu retten, ist jedoch ebenfalls richtig."

Im Original: Gentechnik als Beherrschungtechnik ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Dürr, Hans-Peter (2010): „Warum es ums Ganze geht“, Ökom in München (S. 80 f.)
Der so forsch daherkommende und sich fundamentalistisch gebärdende wissenschaftlich﷓industrielle Komplex will nun darüber hinaus auch noch ein ganz neues Instrument für die globalen Managementaufgaben anbieten: die Gentechnik . Auch hier gebrauchte Markl in seinem SPIEGEL-Essay die erschreckende Sprache des Unmaßes: "Dass dabei [bei der Gentechnik] die Schöpfung manipuliert wird, ist richtig. Dass dies notwendig und sittlich geradezu geboten ist, um eben diese Schöpfung vor völliger Zerstörung zu retten, ist jedoch ebenfalls richtig."

Dennoch ist die Agro-Gentechnik immer ein beliebtes Thema für grundsatzpolitische Aussagen über Forschung und Forschungsförderung. Da werfen sich auch die edelsten Akademien, Nobelpreisträger_innen und andere in den Ring, um ihre Sicht der Dinge darzustellen. Doch was herauskommt, ist selten Expertise, eher hingegen schlichte Forderungen nach mehr Geld und weniger öffentliche Kontrolle und ideologisch aufgeladene Polemiken. Einen Spitzenplatz nimmt dabei das Papier der Nationalen Wissenschaftsakademien ein, die am 13.10.2009 mit einem Papier in die Koalitionsverhandlungen zwischen FPD, CDU und CSU eingreifen wollen, dass jedes neoliberale Kampfpapier aus FDP-Kreisen in den Schatten stellt. Wütend wird zwar eingeräumt, dass die Akzeptanz der in Forscher_innenaugen weltrettenden Technologie sehr klein ist: "Demokratische Politik kann die Meinung der Wähler nicht ignorieren". Doch daraus abzuleiten, auf die Agro-Gentechnik zu verzichten, fällt ihnen nicht ein. Im Gegenteil - sie fordern von den Politiker_innen die große Umerziehung. Diese seien "dafür mitverantwortlich, dass die Wähler Fakten zur Kenntnis nehmen." So "muss dem Verbraucher vermittelt werden, dass die Grüne Gentechnik ... Möglichkeiten bietet", einfach alles besser zu machen und selbst die "Artenvielfalt zu fördern". Wie das? Neue Arten aus dem Genlabor? Jeder/m einigermaßen reflektierten WissenschaftlerIn muss sich angesichts solcher Formulierung der Magen umdrehen, wie platt die hochbezahlten Titelträger_innen hier zu plumpen Propagandist_innen mutieren. Das geben sie sogar offen zu, schließlich sollte nach ihren Worten auch die "Wissenschaft ... bemüht sein, ... um Akzeptanz für eine wichtige Forschungsrichtung mit großem Zukunftspotenzial zu werben."

Forscher_innen sind also PR-Agenturen. Die Agro-Gentechnik zu erforschen, scheint da gar nicht mehr nötig. Prof. Kogel, Versuchsleiter beim umkämpften Gengerstenfeld in Gießen, beschrieb die Aufgabe von "uns Wissenschaftlern" ziemlich eindeutig: "Wir müssen zeigen, dass diese Technik, die wir einführen wollen, große Vorteile hat". Es geht also darum, dass ein feststehendes Ergebnis ("große Vorteile hat") beworben wird ("müssen zeigen"). Wissenschaft hat nicht die Erforschung, sondern die politische Durchsetzung ("Technik, die wir einführen wollen") zum Ziel. Obwohl das bereits unmissverständlich ist, setzt Kogel noch hinterher: "Unsere Aufgabe ist es, stetig und mit viel Geduld Überzeugungsarbeit zu leisten." Mit solchen Positionen zeigen die Agro-Gentechniker_innen zwar deutlich die aktuell vorherrschende Ausrichtung der Wissenschaft auf Standortinteressen und Geldquellen; in der wissenschaftlichen Debatte hinken sie damit aber weit hinterher. Denn als Stand der Debatte darf gelten, dass es eine interessenlose Wissenschaft nicht gibt. Dann aber müsste der Blick kritischer ausfallen - wie etwas bei Maria Weimer vom Europäischen Hochschulinstitut Florenz: "Wissenschaftliche Untersuchungen und die dabei gefundenen Ergebnisse sind nicht rein objektiv, sondern auch geprägt von Werten und Glaubenseinstellungen der Wissenschaftler und von dem Auftrag, den die Wissenschaftler von der Politik bekommen haben. Die Wissenschaft liefert keine so harte und objektive Grundlage, wie man es gerne haben möchte."

Im Original: Forschung als PR-Agenturen ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Forschung = Akzeptanzbeschaffung und Wissenschaftler_innen als PR-Agenturen
Selbstverständnis von Forschung im Forderungspapier der führenden Forschungsakademien am 13.10.2009
In Deutschland ist noch nicht hinreichend akzeptiert, dass die Anwendung der Gentechnik in der Pflanzenzüchtung ein noch unausgeschöpftes Potential für den ökologischen Landbau, für verbesserten Umweltschutz, die Erhaltung der Artenvielfalt und die Gesundheit bietet. ...
Demokratische Politik kann die Meinung der Wähler nicht ignorieren. Sie ist aber auch dafür mitverantwortlich, dass die Wähler Fakten zur Kenntnis nehmen. ...
Es muss dem Verbraucher vermittelt werden, dass die Grüne Gentechnik nicht nur für die Herstellung von Nahrungsmitteln Anwendung findet, sondern dass sie vielfältige andere Möglichkeiten bietet, beispielsweise den ökologischen Wachstumsbereich unserer Kulturpflanzen zu erweitern und Artenvielfalt zu fördern. Wissenschaft und Politik sollten gleichermaßen bemüht sein, in einem Diskurs diese Zusammenhänge zu erklären und um Akzeptanz für eine wichtige Forschungsrichtung mit großem Zukunftspotenzial zu werben.


Ohne Argumente, aber einseitig die Gentechnik voraussetzend
Aus der Stellungnahme der führenden Wissenschaftsverbände und -einrichtungen zum Runden Tisch Gentechnik, 20.5.2009:
Die Allianz fordert dabei mehr Rationalität in der Debatte, so dürfe die Gentechnik nicht pauschal verurteilt werden. "Die deutschen Wissenschaftsorganisationen setzen sich ausdrücklich dafür ein, nicht nur Forschung sondern auch Anwendungen der Grünen Gentechnik in Deutschland zu ermöglichen", sagt Prof. Dr. Jürgen Mlynek, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft und zurzeit Sprecher der Allianz. Dies schließt auch weitere Untersuchungen von Sicherheitsfragen und möglichen Risiken ein. ...
Mögliche negative Auswirkungen auf die Umwelt sind nicht durch die Methode Gentechnik bedingt ... "Wir unterstützen ausdrücklich die Haltung von Forschungsministerin Schavan zur Grünen Gentechnik und begrüßen die geplante Fortsetzung des heute gestarteten Dialogs. Das wird zu einer Versachlichung der Diskussion führen und verlässliche Rahmenbedingungen für die Forschung und wissenschaftliche Begleitung der Nutzung der Grünen Gentechnik schaffen", betont Mlynek.


Unis behaupten selbst den Unsinn vom Sieg über Hunger und Klimaveränderung durch Gentechnik
Stellungnahme der Landesrektorenkonferenz Baden-Württemberg am 20.6.2009:
Die bayerischen und baden-württembergischen Universitäten unterstützen nachdrücklich die Position von Forschungsministerin Annette Schavan und den deutschen Wissenschaftsorganisationen: "Es darf keine Forschungsverbote bei der grünen Gentechnik geben" sagten die Vorstände der beiden Rektorenkonferenzen, der Karlsruher Rektor Horst Hippler und der Erlanger Rektor Karl-Dieter Grüske anlässlich eines Treffens mit Frau Ministerin Schavan am 19.06.2009 auf Schloss Reisensburg bei Ulm. Es gehe hier um die Verantwortung für die künftige Ernährung der Weltbevölkerung, die vorurteilsfrei und ohne unternehmerische Eigeninteressen betrieben werden müsse. Dies könne nur eine unabhängige Wissenschaft garantieren, die auch die Auswirkungen der Landwirtschaft auf das globale Klima berücksichtige. Dabei müsse möglichst ressourcenschonend produziert werden, um den CO2-Ausstoß zu minimieren, betonen die Universitäten. Dies sei ohne Gentechnik nicht zu leisten.

Zitate von Prof. Kogel, Uni Gießen (Extraseite zu Kogel)
In einem Interview auf www.biosicherheit.de:
Wir müssen auch die möglichen Konsequenzen und Gefahren deutlich machen, die darin liegen, wenn wir nicht handeln.
Aus einem weiteren Interview dort (Quelle: Biosicherheitsforschung):
Die Skepsis, auf die wir treffen, ist Ausdruck eines erklärbaren, ja notwendigen Schutzmechanismus, der ja auch aus evolutionsbiologischer Sicht sinnvoll ist. Für uns Wissenschaftler heißt das: Wir müssen zeigen, dass diese Technik, die wir einführen wollen, große Vorteile hat – und dass diese Vorteile begreifbar werden. Erst dann, glaube ich, kann man die Bevölkerung wirklich überzeugen. Unsere Aufgabe ist es, stetig und mit viel Geduld Überzeugungsarbeit zu leisten.

Genforscher Andreas Schier (FH Nürtingen) im Interview mit Spiegel Online am 2.3.2009:
Die Angst vor dem Unbekannten ist ein bekanntes und auch nachvollziehbares Phänomen, vor allem, wenn diese Angst noch geschürt wird. Neutrale und sachliche Aufklärungsarbeit tut Not, das zeigt schon die Tatsache, dass immer noch fast 40 Prozent der Deutschen meinen, nur gentechnisch veränderte Tomaten hätten Gene.

Uwe Sonnewald, Uni Erlangen, auf der Preisverleihung "Land der Ideen" an FOR PLANTA (16.11.2011, Erlangen)
"For Planta ein Muss ist, um in diesen Szenarien überleben zu können"
Zu nachwachsenden Rohstoffen: "Wir brauchen immer mehr von unserer Fläche tatsächlich jetzt nicht für die Ernährung, sondern für die Produktion."
"Der Klimawandel macht viele Flächen unnutzbar ... unsere Produktion ist massiv gefährdet ... das Wasser wird knapp ... das führt dazu, dass wir mehr Landfläche brauchen ... wenn wir das tatsächlich machen, was dann passiert ist, wir müssen Waldrodungen machen, um unsere Flächen, die zur Verfügung stehen, zu erweitern. Das führt dazu, dass wir nochmal CO2 produzieren ... wir sind hier tatsächlich in einem Teufelskreis drin, den wir nur durchbrechen können, dass wir Pflanzen züchten, die mit den Gegebenheiten besser umgehen können"
"Darüberhinaus ist die grüne Gentechnik hier ein Problem: Wir betrachten im Wesentlichen die Risiken und wenn man das weltweit anschaut, wird im Wesentlichen der Nutzen gesehen."

Christian Jung, Uni Kiel, auf der Preisverleihung "Land der Ideen" an FOR PLANTA (16.11.2011, Erlangen)
"Allein die Getreideproduktion muss zwischen 2000 und 2020 verdoppelt werden laut FAO ... wir müssen also die Flächenerträge erhöhen"
"Was ist in der Pipeline, was ist marktreif: ... Fischölqualität aus Raps"
"Was können wir erwarten an gentechnisch veränderten Pflanzen? Eine Aufstellung, was zur Zeit vorhanden ist: 37 GVO, die kommerziell angebaut werden - hauptsächlich Insektentoleranz und Herbizidtoleranz. Aber eine Reihe von neuen GVO, die in der Pipeline. D.h. wir können also bis zum Jahr 2015 etwa 152 GVO erwarten. ... ich bin sicher, dass sie in der Landwirtschaft auf großes Interesse stoßen werden."
"7 Millarden Menschen sind ohne moderne Technologien nicht zu ernähren. Es wäre fahrlässig, unverantwortlich, auf ein wesentliches Werkzeug der Pflanzenzüchtung, nämlich die Gentechnologie, zu verzichten."



Forschung ist nie neutral

Maria Weimer, Juristin am Europäischen Hochschulinstitut Florenz, im Interview mit dem Forum „bioSicherheit.de“
„bioSicherheit“: „Ein anderer Vorschlag ist, bei der Zulassung von GVO nicht nur nach wissenschaftlichen Kriterien zu entscheiden, sondern auch soziökonomische Kriterien mit einzubeziehen. Besteht nicht die Gefahr, dass solche "weichen" Kriterien willkürlich angewandt werden?“
Maria Weimer: „So wie Sie die Frage formulieren, steckt dahinter die Vorstellung, dass nur das, was wissenschaftlich begründet ist, sozusagen handfest ist. Wenn etwas nach anderen Kriterien entschieden wird, dann ist es "soft" und willkürlich. Ich halte das für etwas vereinfacht. Aus der soziologischen Forschung wissen wir: Auch der wissenschaftliche Prozess ist ein sozialer Prozess. Wissenschaftliche Untersuchungen und die dabei gefundenen Ergebnisse sind nicht rein objektiv, sondern auch geprägt von Werten und Glaubenseinstellungen der Wissenschaftler und von dem Auftrag, den die Wissenschaftler von der Politik bekommen haben. Die Wissenschaft liefert keine so harte und objektive Grundlage, wie man es gerne haben möchte. … Es wäre ganz wichtig, dass man sich bei der Reform des GVO-Zulassungsverfahrens offen darüber verständigt, welche Überlegungen neben den Risiken für Umwelt und Gesundheit und ihrer wissenschaftlichen Bewertung noch in den Entscheidungsprozess einfließen dürfen. Und man müsste diese gegebenenfalls deutlich formulieren und zusätzlich für Verfahrensgarantien sorgen, damit ihre Berücksichtigung in einer transparenten Art und Weise geschieht. Das ist auch deswegen so wichtig, weil die Wissenschaft nicht alle Entscheidungen für die Gesellschaft treffen kann.“
Wahr = einzig zulässige Meinung ist: Gentechnik ist ungefährlich

Mit der Autorität ihrer Titel und Stellungen versuchen nun die Wissenschaftler_innen, ihre Sicht als Maß aller Dinge durchzusetzen. Auf allen Kanälen verkünden sie, dass "alle Wissenschaftsorganisation in Deutschland" die Agro-Gentechnik für sinnvoll hielten, ja für "risikoärmer und sauberer für die Umwelt". Das hätten zahlreiche Gutachten gezeigt. Doch präzise Quellenangaben sind rar, Aussagen ungenau: "Ich kann summierend sagen, dass wir keine Effekte auf Nichtzielorganismen gefunden haben." Prof. Kogel glänzte sogar in einem Interview mit der Ausführung, dass der Pollenflug keine Wirkung auf andere Pflanzen habe. Wie erklärt sich dieser Spitzenforscher eigentlich die Fortpflanzung?
Die Liste wissenschaftlicher Mythen ist inzwischen lang - so lang, dass ihnen und ihrer Entzauberung eingesondertes Kapitel gewidmet ist.

Im Original: Harmlose Gentechnik ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Interview mit Prof. Kogel im Deutschlandfunk am 24.6.2009 auf die Frage "Sehen Sie auch Gefahren?"
Ich hab ein großes Problem in der Diskussion hier, dass es den Hörern erscheinen könnte, dass naturwissenschaftliche Ergebnisse beliebig produziert werden. Das ist nicht der Fall. Es gibt einen begutachteten Reviewprozess in naturwissenschaftlichen Veröffentlichungen - und da kommt die Wahrheit zutage in der wissenschaftlichen Community. Natürlich muss man gucken, wer die Untersuchungen macht. Kommen die Untersuchungen aus bestimmten Industriebetrieben, dann ist klar, dass man die anders einschätzen muss als sonst. Aber es gibt Hochschulforschung weltweit, die ist normalerweise nicht abhängig. Und das geht in Begutachtungsprozesse rein, die dann sozusagen die Wahrheit an den Tag bringen.

Der Koordinator der Sicherheitsforschung und Kopf der Aachener-Biologen-Seilschaft, Ingolf Schuphan, im Dokumentionsfilm zur Biosicherheitsforschungs-Tagung 2008 über alle bisherigen Forschungsprogramme:
Ich kann summierend sagen, dass wir keine Effekte auf Nichtzielorganismen gefunden haben.

Kogel im Interview bei HR-Info am 23.4.2009
Wir haben eine klare Pestizidreduktion im Anbau bei gentechnischen Pflanzen. ... die sind dadurch, dass weniger Pestizide eingesetzt werden müssen, im Grunde risikoärmer und sauberer für die Umwelt. Das ist unbestritten, so argumentieren ja auch im Grunde alle Wissenschaftsorganisation in Deutschland im Moment.

Abbildung rechts (aus der Presse):
Realität im Umgang mit Gefahren ... Nichts wissen, aber trotzdem alles ungefährlich!

Gekaufte Forschung
Aus einer Übersetzung aus: Scientific American August 2009 "Do Seed Companies Control GM Crop Research?" (übersetzt: Kontrollieren Saatgutfirmen die gv-Saatgutforschung?)
Wissenschaftler müssen die Gentech-Konzerne um Erlaubnis fragen, bevor sie unabhängige Forschungsergebnisse über deren genetisch veränderte Pflanzen veröffentlichen wollen. Das regelt eine Verfügung der Saatgutkonzerne, die von den Forschern im Vorfeld einer Studie unterschrieben werden muss, berichtet das Wissenschaftsmagazin Scientific American in seiner August-Ausgabe. ...
Für den Kauf gentechnisch veränderten Saatguts zu Forschungszwecken mussten die Kunden schon immer eine Vereinbarung unterzeichnen, die genau festlegt, was geforscht werden darf und was nicht. Diese Vereinbarungen galten dem Schutz „des geistigen Eigentums“ eines Unternehmens, sie sollten vor allem mögliche Replikationen der veränderten Erbinformationen, also die unerlaubte Nachzucht, verhindern, so die Begründung.

Broers Aussagen in: Norddeutsche Neueste Nachrichten am 19.5.2009:
Bei der umstrittenen Zulassung genveränderter Pflanzen für die Landwirtschaft sollte die Politik nach Ansicht der Biologin Inge Broer häufiger dem Urteil von Experten vertrauen. "Der politische Wille muss noch kommen, in der Risikobewertung mehr auf Wissenschaft statt auf politische Meinungen zu setzen", sagte die Professorin für Agrobiotechnologie der Uni Rostock.

Das Gebaren der Institute und Wissenschaftler_innen führt in einen Teufelskreis. Denn auch wenn Aussagen von Leuten wie Kogel, alle Wissenschaftler_innen würden die Gentechnik als umweltfreundlich und ungefährlich einstufen, schnell als Lüge enttarnt werden können, so fällt doch auf, dass der Anteil von Befürworter_innen im Umfeld der entsprechenden Studiengänge überdurchschnittlich hoch ist. Ist, wer die Wirkungsmechanismen der DNA und der biochemischen Codierung von Ausstattungsmerkmalen bei Tieren und Pflanzen genauer kennt, der Möglichkeit von Manipulationen dieser Abläufe positiver eingstellt? Oder ist die Befürwortung der Agro-Gentechnik eher eine Folge einer einseitigen, industriefreundlichen und tendenziösen Ausrichtung von Studieninhalten plus der schlichten Tatsache, dass angesichts der riesigen Fördermittel für diese Technik Studienarbeiten, -abschlüsse und spätere Jobchancen nur bekommt, wer auf dieses Thema setzt? So einiges spricht für das Zweite:

Die Steigerung ist das Kaltstellen und Ausgrenzen kritischer Forscher_innen. Immer wieder kommt es zu "Hetzjagden auf die Autoren" kritischer Studien, wie Christof Potthof und Christoph Then 2009 berichteten. Untersuchungen würden behindert, "indem Zugang zu geeignetem Untersuchungsmaterial verweigert wird". Ebenso "haben viele Wissenschaftler auch dann Probleme, wenn es um die Veröffentlichung ihrer Forschungsergebnisse geht".

Im Original: Ausgrenzung kritischer Forschung ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Potthof/Then (2009): "risk reloaded" (S. 29):
Auch von Wissenschaftlern in Europa war in der jüngeren Vergangenheit immer wieder zu hören, dass Untersuchungen behindert werden, indem Zugang zu geeignetem Untersuchungsmaterial verweigert wird. Bei gentechnisch veränderten Pflanzen kann einerseits der Zugang zur Pflanze selbst, u.a. durch das Patentrecht, verwehrt werden. Noch schwerer zu bekommen ist für kritische Forscher jedoch oft das Vergleichsmaterial, das heißt die nicht gentechnisch veränderte Pflanze, die der transgenen Pflanze genetisch möglichst ähnlich ist. Diese sogenannten „isogenen Linien“ sind meist nicht mehr auf dem Markt erhältlich, aber für Vergleichsstudien oft unabdingbar.
Während der Zugang zu geeignetem Untersuchungsmaterial oft erschwert wird, haben viele Wissenschaftler auch dann Probleme, wenn es um die Veröffentlichung ihrer Forschungsergebnisse geht. Erheblich behindert wurde beispielsweise die Publikation von Studien, die in den Ursprungsregionen des Mais in Mexiko Verunreinigungen mit transgenen Pflanzen nachwiesen. Bereits 2001 wurden entsprechende Befunde aus Regionen Mexikos veröffentlicht, in denen regionale Sorten vermehrt werden (Qist&Chapela, 2001) . Diese Befunde wurden von verschiedenen Seiten in Frage gestellt, doch 2008 wurden erneut Verunreinigungen gefunden. Die Zeitschrift ‘Proceedings of the National Academy of Sciences’ lehnte es ab, die neuen Ergebnisse zu veröffentlichen, weil dadurch politische Diskussionen ausgelöst werden könnten (Dalton, 2008). Alison Snow von der Universität des US-Bundesstaates Columbus berichtet in einem Beitrag für die Fachzeitschrift ‘Molecular Biology’: „Außerdem erschwerte es die politisch sensible Natur des Inhaltes den Wissenschaftlern, ihre Ergebnisse zu veröffentlichen.“ (übersetzt durch testbiotech)
Der Fall steht für eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Publikationen, durch die regelrechte Hetzjagden auf die Autoren ausgelöst werden, weil in ihnen Risiken gentechnisch veränderter Pflanzen beschrieben werden. Im September 2009 berichtete Nature beispielsweise über den Fall der Wissenschaftlerin Rosi-Marshall, die zur Zielscheibe einer Kampagne wurde, nur weil sie Auswirkungen von Bt-Pflanzen auf Wasserorganismen beschrieben hatte (Rosi-Marshall et al., 2007): „Hinter diesen Attacken stehen Wissenschaftler, die es sich zum Ziel gesetzt haben, zu verhindern, dass Publikationen, die nach ihrer Ansicht wissenschaftliche Mängel haben, wissenschaftliche Entscheidungsträger zu beeinflussen. Wenn eine Publikation erscheint, die ihnen problematisch erscheint, reagieren sie schnell, kritisieren die Arbeit in öffentlichen Foren, schreiben zurückweisende Briefe und senden diese an Politiker, Geldgeber und Herausgeber von Zeitungen.“ (Übersetzung testbiotech)
Für ihre skrupellosen Machenschaften würden die Herren Kogel, Friedt, Hormuth und andere gern die Freiheit der Wissenschaft für sich reklamieren. Wenn es darum geht, kritische Meinungen zu unterdrücken, sieht das ganz anders aus. An Rechnern der Universität Gießen wurden in den ersten Tagen der Feldbesetzung 2008 Seiten mit kritischen Informationen zu den Gentechnikversuchen der Uni und zu den Versuchsleitern gesperrt. Wer www.gendreck-giessen.de.vu, www.gendreck-weg oder andere kritische Seiten aufrufen wollte, fand dies auf dem Bildschirm:


Mitte April erhielt ein Gentechnikkritiker ein Hausverbot für die gesamte Universität Gießen - das ist ein erheblicher Teil der Stadt Gießen (Hausverbot als PDF). Hintergrund waren Recherchen, unter anderem für dieses Buch, die im IFZ ganz harmlos aus der Prüfung und einen Fotografien von Auslagen und Aushängen in den Institutsgängen bestanden. Kogels Stellvertreter, Prof. Imani, versuchte gleich mit körperlicher Gewalt durchzusetzen. Nach dem Scheitern folgte das formale Hausverbot. Offenbar soll der kritische Blick auf das Treiben in den steuermittelfinanzierten Trakten der Agro-Gentechniker_innen verhindert werden.

Es ist folglich kein Wunder, dass viele Student_innen eine gentechnik-befürwortende Position haben, wenn die Lehrinhalte derart einseitig oder gar manipuliert sind. Hinzu kommen die hohen Fördermittel für Gentechnikforschung an den Universitäten und für Gentechnikfirmen. Das führt dazu, dass studieninterne Abläufe stark auf Gentechnik ausgerichtet sind, dort besser Studienarbeiten zu erledigen sind und auch die Hoffnung auf einen späteren Arbeitsplatz wächst, wenn eine Orientierung auf die hochsubventionierte Gentechnik besteht.

Im Original: Einseitige Lehre ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Gehirnwäsche unter Decknamen "Landwirtschaft - Heute und MorGEN. Ist die grüne Gentechnik in Europa am Ende?"
An der Uni Jena wurde eine Vortragsreihe organisiert, die sich scheinbar kritisch gibt. Im Text wurde die "Versachlichung der Debatte" als Ziel angegeben. Eingeladen wurden aber nur Propagandist_innen der Gentechnik! Aus dem Text mit kompletter Referent_innennennung:
Die Vorträge und anschließenden Diskussionen sollen, so hoffen die Veranstalter vom CEJ, zur Versachlichung der besonders in diesem Jahr wieder leidenschaftlich geführten Debatte zwischen Befürwortern und Gegnern der grünen Gentechnik beitragen.
Prof. Dr. Klaus Dieter Jany, Wissenschaftlerkreis Grüne Gentechnik und ehemaliger Leiter des Molekularbiologischen Zentrums der Bundesforschungsanstalt für Ernährung, Karlsruhe, wird sich mit der Frage der Sicherheit bereits auf dem Markt vorhandener gentechnisch veränderter Lebensmittel auseinandersetzen und dabei unter anderem einen Überblick über die weltweite Verwendung transgener Nutzpflanzen geben.
Prof. Dr. Inge Broer, Lehrstuhl für Agrobiotechnologie der Universität Rostock, wird im Detail erklären, wie Biosicherheitsforschung an transgenen Nutzpflanzen im Freiland erfolgt und zu welchen Resultaten diese Experimente führen.
Über welche natürlichen und effektiven Abwehrkräfte Pflanzen verfügen und wie diese für die Landwirtschaft heute und in Zukunft genutzt werden könnten, wird der Direktor der Abteilung Molekulare Phytopathologie des Max-Planck-Instituts für Züchtungsforschung, Köln, Prof. Dr. Paul Schulze-Lefert berichten.
Abgeschlossen wird die Vortragsreihe von Prof. Dr. Peter Kunzmann, Friedrich-Schiller-Universität Jena, Leiter der Forschungsgruppe "Würde in der Gentechnologie" am Lehrstuhl für Angewandte Ethik. Vor dem Hintergrund der Philosophie Hans Jonas' und dessen Definition einer Verantwortungsethik des Menschen im Umgang sowohl mit der Natur als auch mit neuen Technologien, beispielsweise der Biomedizin oder grünen Gentechnik, beschäftigt sich Prof. Kunzmann mit der Frage, ob sich die Gentechnik an der Würde, dem Eigenwert oder der Integrität von Tieren und Pflanzen vergreift oder ob es Eingriffe gibt, die im Einklang mit dem Respekt vor Lebewesen stehen.

Der Kampf um die echte, wahre und unabhängige Wissenschaft ist bizarr. Fast jedes neue Gutachten - egal von welcher Seite - erscheint geräuschvoll auf der Bühne. Begleitet ist es von einem Donnerwetter gegen die abhängigen, einseitigen oder irgendwie anders unqualifizierten Wissenschaftler_innen, die die jeweils andere Meinung vertreten. Demgegenüber ist die eigene Meinung seriös und die eigene Forschung selbstverständlich unabhängig und nur an wissenschaftlichen Kriterien ausgerichtet. Das geht in alle Richtungen.
Ein lustiges Beispiel: Stefan Rauschen gehört zu den Befürwortern der Gentechnik. Er ist einer der wenigen unter denen, die Versuchsfelder anlegen und die Förderprogramme anzapfen, der noch Aufmerksamkeit für Argumente seiner Kritiker_innen hat und zuhören kann. So besuchte er Ende Juni 2010 eine Tagung der Grünen zur Sicherheitsforschung in der Agro-Gentechnik. Danach schrieb er: "Unter dem Titel 'Gen-Pflanzen: Alle sicher? – Risikoforschung und politische Verantwortung' hatte Frau Höfken nach Berlin eingeladen. Dort sollten 'unabhängige, kritische' Wissenschaftler, welche die 'Gegen-Expertise' zum Mainstream darstellen, darüber informieren, was aus ihrer Sicht in der Sicherheitsforschung gemacht werden sollte. Und sie sollten Gelegenheit bekommen, zu erklären, warum sie das derzeit nicht machen können. Die Argumentation war ein wenig so: es gibt einen Mainstream an Wissenschaftlern, der von der Industrie abhängig ist. Nur ein kleines Dorf gallischer Wissenschaftler, repräsentiert durch die eingeladenen Plenumvertreter, ist in der Lage, Widerstand zu leisten. Darf aber natürlich keine wirkliche Wissenschaft betreiben, weil sie ja von den anderen gedisst werden und keinen Zugang zu Forschungsmaterial und -geld haben. Das alles müsse sich ändern, denn schließlich sei ja allen klar, dass gentechnisch veränderte Pflanzen schrecklich gefährlich und schrecklich und gefährlich sind. Nur zeigen könnten sie das halt nicht so richtig. Und wenn sie es versuchten, dann würden sie persönlich angegriffen, ihr Ruf ruiniert und überhaupt ginge man ganz schlimm mit ihnen um." Es folgten Angaben zum Inhalt eines Vortrages, um daran seine Kritik festzumachen.
Das Spannende: Rauschen hatte völlig recht. Die Tagung der Grünen war eine peinlich handverlesene Nabelschau der eng zusammenarbeitenden Apparate von Grünen, Umweltverbänden und einigen Einzelpersonen. Viele von ihnen hängen am Geldtropf der Grünen oder staatlicher Fördertöpfe. Wer von seiner wissenschaftlichen Tätigkeit lebt und für Grüne oder Greenpeace Studien schreibt, wird Ergebnisse liefern, die den Auftraggeber_innen gefallen oder zumindest ermöglichen, nochmal mit einem brauchbar dotierten Auftrag bedacht zu werden. Wissenschaft im Kapitalismus ist immer abhängig und käuflich. Unabhängigkeit ist kaum möglich und nur denkbar außerhalb ökonomischer Verwertung - also wer aus Idealismus forscht und entweder anderweitig Geld erhält oder solches nicht braucht. An dieser Stelle war die Tagung der Grünen sogar skandalös in ihrer Handverlesenheit: Da waren nicht nur keine Gentechnikanwender_innen geladen, sondern auch Gentechnikkritiker_innen unerwünscht, die ohne finanzielle Interesse die Versuchsfelder in Deutschland analysieren und dortige Forschungen evaluieren. Alle Referent_innen waren so ausgesucht, dass sie zwar grünennah waren, aber von den konkreten Feldern keine Ahnung hatten. Insofern hätte Stefan Rauschen für sein Feld in Braunschweig auch keine Ansprechpartner_innen auf der Tagung gefunden, denn die Funktionär_innen der Grünen und der NGOs aus den Metropolbüros kennen sich da draußen an den Feldern nicht aus. Und die sich auskannten, sollten nicht kommen.
Also: Soweit hatte Rauschen recht. Die Hauptamtlichen der Grünen und Verbände sowie die ihnen zuarbeitenden Wissenschaftler_innen bilden genauso eine Seilschaft wie die Befürworter_innen der Gentechnik. Aber genau darin liegt dann auch der Denkfehler von Rauschen. Denn so, wie sich die grünen- und NGO-nahen Apparatschiks selbst bejammern und als seriös gegenüber den Forscher_innen mit anderer Meinung abgrenzen, macht es auch Rauschen: "Leider konnten, wegen der Struktur der Veranstaltung, die kritischen, unabhängigen Wissenschaftler wie ich nicht zu Wort kommen. Vielmehr war das eine Selbst-Beweihräucherung erster Kategorie der 'wahren' kritischen, unabhängigen Wissenschaftler. Eine Chance, der ganzen Schwurbelei zu widersprechen, konnte ich daher leider nicht wahrnehmen. ... Während wir uns aus der BMBF geförderten Sicherheitsforschung immer anhören müssen, wir seien ja gar nicht unabhängig und “kritisch”. Wobei ich mich immer frage, wie man unabhängiger sein soll, als wir? Vom Steuerzahler bezahlt, im öffentlichen Auftrag? Und wie man kritischer sein können soll, als wir?" Hier kämpfen die Platzhirsche einer ideologischen Debatte um ihre Rangordnung, mehr nicht.

Im Original: Glaube an unabhängige Wissenschaft bei Kritiker_innen ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus GM-Watch Rückblick Nr. 333 vom 6.8.2013
Eine Menge von unabhängigen Wissenschaftlern steht für Expertenausschüsse zur Verfügung
Seit Jahren haben Interessensgruppen die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) dafür kritisiert, dass diese Wissenschaftler mit Interessenskonflikten mit der Industrie für ihre Expertenausschüsse beschäftigt, die wissenschaftliche Stellungnahmen zu Risikoprodukten wie GVO abgeben. Als Antwort behauptete die EFSA, dass Experten ohne Verbindungen mit der Industrie schwer zu finden seien. Aber eine in den USA durchgeführte Umfrage unter Forschern aus dem Life Science-Sektor, wo die öffentliche Forschung vermutlich noch mehr von der Industrie dominiert wird als in Europa, besagt, dass dies nicht wahr ist. Fast die Hälfte (47,2 %) der Teilnehmer an der Befragung meldeten keine Beziehungen zur Industrie.
Forschungsbetriebe als Lobbyisten, PR-Agenturen und Wegbereiter der Konzerne

Die deutschen Wissenschaftsakademien, insbesondere wenn sie sich gemeinsam öffentlich äußern, treten als Sprachrohr geballter Wissenschaftskompetenz auf. Am 13.10.2009 veröffentlichten sie ein Grundsatzpapier zur Grünen Gentechnik. Wer hier fachliche Expertise erwartete, wurde jedoch enttäuscht. Das Pamphlet forderte eine Freibrief für Forschung und Pannen aller Art. Danach sollten "gentechnisch veränderte Sorten ... in haftungsrechtlicher Hinsicht nicht anders behandelt werden als sonstiges Saat- und Pflanzgut." Verärgert zeigen sich die Wissenschaftler_innen über die Uneinsichtigkeit der Bevölkerung, die ihre Meinung einfach nicht übernehmen will. Daher fordern sie staatliche Umerziehung: "Demokratische Politik kann die Meinung der Wähler nicht ignorieren. Sie ist aber auch dafür mitverantwortlich, dass die Wähler Fakten zur Kenntnis nehmen." Ganz offen wird aus Politik und Wissenschaft die "wirtschaftsnahe Forschung und Entwicklung neuer Produkte", also die Orientierung der Wissenschaft an wirtschaftlichen Zielen gefordert. Dieser Wunsch ist längst Wirklichkeit.

Im Original: Forschung und Industrie Hand in Hand ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Horst Rehberger: "Unterwegs" (2009, S. 224):
Trotz ihrer auf Rückführung von Haushaltsansätzen abzielenden Politik hat die CDU/FDP-Koalition von Sachsen-Anhalt deshalb seit 2002 die Mittel für die Förderung der wirtschaftsnahen Forschung und Entwicklung neuer Produkte und Verfahren auf Vorschlag des Wirtschaftsministers drastisch erhöht.
Universitäten forschen für Produkteinführung (gleiche Quelle, S. 227):
Im Bereich der Grünen Biotechnologie wurde ein bundesweiter Erprobungsanbau für gentechnisch verbesserten Mais (Bt-Mais) realisiert. Mit großem Erfolg. Die Federführung dafür lag beim InnoPlanta e.V. Die wissenschaftliche Betreuung bei der Landwirtschaftlichen Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Aus dem Forderungspapier der führenden Forschungsakademien am 13.10.2009 (verantwortliche Kontaktperson: Prof. em. Dr. Widmar Tanner von der Uni Regensburg (Vorsitzender der Arbeitsgruppe Grüne Gentechnik der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften)
Wiederholt haben die Wissenschaftsorganisationen (siehe Gemeinsame Erklärung aller großen Wissenschaftsorganisationen Deutschlands vom 16.4.2009) der Bundesrepublik Deutschland an die Bundesregierung appelliert, „nicht nur die Forschung, sondern auch Anwendungen der Grünen Gentechnik in Deutschland zu ermöglichen.“ Die Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard bringt die Meinung der Wissenschaftsgemeinschaft auf den Punkt, wenn sie ausführt: „In Deutschland ist noch nicht hinreichend akzeptiert, dass die Anwendung der Gentechnik in der Pflanzenzüchtung ein noch unausgeschöpftes Potential für den ökologischen Landbau, für verbesserten Umweltschutz, die Erhaltung der Artenvielfalt und die Gesundheit bietet. ... Die Wissenschaft plädiert für einen wohl überlegten und sinnvollen Einsatz der Grünen Gentechnik, in Kombination mit anderen Verfahren der Pflanzenzüchtung und abhängig von lokalen Gegebenheiten. ...

Für die Warenkette muss ein praktikabler rechtlicher Rahmen geschaffen werden, der sich an den weltweiten Entwicklungen der Grünen Gentechnik, an gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen und am internationalen Handel orientiert. Daher sind neben dem in Europa geltenden Schwellenwert von 0,9% für die Kennzeichnung von Nahrungs- und Futtermitteln verbindliche und praktikable Schwellenwerte für zufällige, technisch unvermeidbare Beimischungen von genetisch veränderten Organismen (GVO) in konventionellem Saatgut unerlässlich. Ferner ist ein Schwellenwert für geringfügige Beimischungen von nicht in der EU angemeldeten bzw. zugelassenen, bzw. in den EU-Ländern asynchron zugelassenen GVO in Lebens- und Futtermitteln notwendig. ...

Gentechnisch veränderte Sorten, die zur Aussaat genehmigt sind, dürfen in haftungsrechtlicher Hinsicht nicht anders behandelt werden als sonstiges Saat- und Pflanzgut. ...

Die gültigen Regelungen zum Standortregister, insbesondere die jedermann zugänglichen flurstücksgenauen Angaben und die Aufnahme personenbezogener Daten, verletzen Grundrechte. Die Daten werden in hohem Maße missbräuchlich verwendet und haben zu einer Vielzahl von Feldzerstörungen beigetragen. Die Dreimonatsfrist für die Registeranmeldung ist nicht praxistauglich und sollte auf einen Monat begrenzt werden. Die geltenden Abstandsregelungen bei Mais (150 m zu Feldern mit konventionell gezüchtetem Mais bzw. 300 m zu Maisfeldern im ökologischen Anbau) haben weder eine wissenschaftliche noch eine praxisrelevante Rechtfertigung und sind zukünftig unter Berücksichtigung wissenschaftlicher Erkenntnisse vorzunehmen und zu reduzieren. ...

Demokratische Politik kann die Meinung der Wähler nicht ignorieren. Sie ist aber auch dafür mitverantwortlich, dass die Wähler Fakten zur Kenntnis nehmen. Sie hat eine Aufklärungsaufgabe, bei der die Wissenschaft sie unterstützen muss. ... Es muss dem Verbraucher vermittelt werden, dass die Grüne Gentechnik nicht nur für die Herstellung von Nahrungsmitteln Anwendung findet, sondern dass sie vielfältige andere Möglichkeiten bietet, beispielsweise den ökologischen Wachstumsbereich unserer Kulturpflanzen zu erweitern und Artenvielfalt zu fördern. Wissenschaft und Politik sollten gleichermaßen bemüht sein, in einem Diskurs diese Zusammenhänge zu erklären und um Akzeptanz für eine wichtige Forschungsrichtung mit großem Zukunftspotenzial zu werben. Durch entsprechende Weichenstellungen haben die politischen Gremien die Chance, die Gesetzgebung in einem Bereich mit weitreichenden und langfristigen Konsequenzen auf eine wissens- und evidenzbasierte Grundlage zu stellen.
Jammern auf hohem Niveau bei der Akademie der Wissenschaften: Fast nichts geht, doch alles klappt???
Aus "Gute und schlechte Gene" in: Tagesspiegel vom 04.11.2009
Strenge Gesetze und die Skepsis in der Bevölkerung machen den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen in Deutschland nahezu unmöglich. Dieses aus Sicht der Pflanzenforschung ernüchternde Fazit ziehen die Autoren des zweiten Gentechnologieberichts der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Trotzdem entwickelte sich die Forschung zur grünen Gentechnik rasch weiter ...

Aus GM-Watch Nr. 93 vom 26.6.2011
KOMMERZIELLE INTERESSEN BEEINFLUSSEN WISSENSCHAFTLICHE STUDIEN ZUR GENTECHNIK
Eine in führenden wissenschaftlichen Zeitungen veröffentlichte Forschungsarbeit kommt zum Schluss, dass kommerzielle Interessen von Experten begutachtete Artikel über gesundheitliche Risiken genmanipulierter Pflanzen beeinflussen. Die Untersuchung zeigt, dass Studien, die von der Industrie finanziert oder unter Mitarbeit von in der Industrie beschäfigten Wissenschaftlern im Gegensatz zu unabhängigen Untersuchungen mit fast an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Ergebnisse zugunsten der Kommerzialisierung der Produkte hervorbringen.

Die Untersuchung zeigt, dass mehr als die Hälfte (52%) der 94 analysierten Beiträge keinen Hinweis auf die Quelle der Forschungsgelder enthielten. Bei ebendiesen Beiträgen dominierte die Mitarbeit wenigstens eines Autors mit Beziehungen zur Industrie (73%). In 83% der Fälle in denen die Forschungsmittel offengelegt wurden, unterhielt keiner der Autoren direkte Beziehungen zur Industrie. Es überraschte daher nicht, dass relativ mehr Beiträge ohne Deklaration der Forschungsgelder zu für die industrie günstigen Schlussfolgerungen kamen.

Bleibt noch die absurdeste Begründung für deutsche Agro-Gentechnikforschung. Wenn gar nichts mehr hilft, alle Argumente widerlegt sind, aber die Ideologie zum Festhalten an der Agro-Gentechnik zwingt, dann kann vielleicht der CDU-Politiker Peter Stein ein Vorbild sein: "Ich habe dabei überdies mehr Vertrauen in eigene Forschungsergebnisse als in fremde. " (MVticker vom 18.6.2009).

In einer Art Geschichtsbuch der Umweltbewegung erinnert Joachim Radkau bezüglich der Atomkraft an die ersten Jahre. Auch dort waren es nicht die Konzerne, sondern der Staat und vor allem die Wissenschaft, die die Sache vorantrieb. Die Konzerne kamen erst hinzu, als das Ganze wirtschaftlich lukrativ wurde. Bei der Agrogentechnik wiederholt sich das nun - und die Protestbewegung schläft überwiegend ...

Aus Radkau, Joachim (2011): "Die Ära der Ökologie", C.H. Beck in München (S. 382)
Wer jedoch die Geschichte kannte, musste wissen, dass gerade der größte deutsche Stromproduzent, RWE, bis in die späten 1960er Jahre den Einstieg in die Kernenergie eher gebremt hatte, und zwar in einer Weise, die in der Bundesregierung Ärger auslöste. Historisch betrachtet, stand am Anfang der Kernenergieentwicklung die Wissenschaft, nicht die Energiewirtschaft. Erfahrene Kraftwerksingenieure standen der Kerntechnik lange Zeit zurückhaltender gegenüber als die Theoretiker der Atomphysik, die nicht zu verantworten hatten. Hauptakteur war in den 70er Jahren offensichtlich eine "Community", die sich quer durch Wirtschaft, Wissenschaft und Staatsverwaltung zog.

Matin Qaim ... 2010/2011 als letzte Hoffnung immer wieder zitiert. Danach war es aus ...

Den sich als unabhängige Wissenschaftler_innen inszenierenden Jäger_innen nach Fördergeldern können ihre finanziellen Interessen und meist auch ihre Verflechtungen in Lobby- und Kontrollstrukturen kaum verbergen. So herrscht Ebbe, wenn nach klangvollen Namen gesucht wird für eine möglichst unangreifbare Position pro Agro-Gentechnik. Nicht dass sich die Janys, Jacobsens und Kogels dieser Welt deswegen zurückhalten würden - aber ihre Interessenlage und Einbettung in die Seilschaften ist offensichtlich. 2010 tauchte ein neuer Name auf: Matin Qaim. Er legte eine Studie auf, wie sie die Befürworter_innen unbedingt brauchten: Internationaler Flair verbunden mit scheinbar belastbare Zahlen über den Segen der Agro-Gentechnik gerade in armen Regionen der Welt. War er ein neuer Hoffnungsträger? Viele Lobbyverbände und Medien bezogen sich bei ihren Jubelarien auf Qaim. Er hatte wieder öffentliche Auftritte und wurde in den Beirat beim Landwirtschaftsministerium berufen. Auf dem Save-our-Seeds-Blog wurde er wegen solcher Auftritte als "einer der vehementesten Gentechnik-Streiter in Deutschland" bezeichnet. Ein Blick in Texte von und über ihn zeigt denn auch den typisch fanatischen Wissenschaftsgläubigen, der schon 2003 verbreitete, dass "der Einsatz von Bt-Baumwolle den Ertrag um mehr als 80 Prozent steigerte, die Pflanzen jedoch bis zu 70 Prozent weniger Insektizide benötigten". Er glaubte, "dass eine Technologie wie Bt-Baumwolle tatsächlich auch von Klein- und Kleinstbauern angewendet wird und dass sie im Kleinbauernsektor deutlich höhere Erträge ermöglicht als konventionelle Baumwolle", und beobachtete "einen enormen Einkommensschub". Ein Patent ist für ihn "zunächst mal ein Anreiz, Forschung zu betreiben." Auch zu den Seilschaften der Agro-Gentechnik steckte Qaim seine Fühler aus. Er ist unter anderem Mitglied im Kuratorium des International Maize and Wheat Improvement Center (CIMMYT) und im Golden Rice Humanitarian Board. Zudem nahm er an der Päpstlichen Akademie im Vatikan teil und reiste zum wichtigsten deutschen Vernetzungstreffen, dem InnoPlanta-Forum 2010 in Üplingen.

Im Original: Von über über Matin Qaim ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Artikel in der Ernährungs Umschau 05/09 (S. 294)
Special: Grüne Gentechnik und Welternährung
Um die wachsende Weltbevölkerung längerfristig ernähren zu können, muss die Agrarproduktion weiter stark gesteigert werden. Hierzu müssen auch neue Technologien wie die Gentechnik als Ergänzung zu konventionellen Methoden zum Einsatz kommen. Schon heute zeigen insektenresistente transgene Pflanzen signifikante Ertragsvorteile. Hunger ist aber nicht nur ein Produktions-, sondern auch ein Verteilungsproblem. Viele Menschen sind schlichtweg zu arm, um sich ausreichend zu ernähren. Auch hier bietet die Gentechnik Potenziale, da ein Großteil der Armutsbevölkerung von der Landwirtschaft abhängig ist.


Aus: Julia Bidder, "Der Boom der Zaubersamen", in: FOCUS, 20.10.2007
Der Anbau genetisch veränderter Baumwolle soll indische Bauern in den Selbstmord getrieben haben. Stimmt nicht, sagen Wissenschaftler – und verweisen darauf, dass Jahr für Jahr mehr Inder zur teuren Gen-Saat greifen.
Die Schlagzeilen klangen dramatisch: „Es wäre humaner, das Land zu bombardieren“, „Gen-Saat treibt Bauern in den Selbstmord“, hieß es 2006 in deutschen Medien. Tatsächlich hatten sich im vergangenen Jahr über tausend indische Bauern das Leben genommen. Aufgrund von schlechten Ernten saßen sie in einer Schuldenfalle. Laut Medienberichten hatten sie teures, gentechnisch verändertes Saatgut – sogenannte Bt-Baumwolle – gekauft. Die Aussicht auf reiche Ernte ließ die Bauern tief in die Tasche greifen: Bis zu dreimal so viel wie für konventionelles Saatgut bezahlten sie für die „Zaubersamen“, die den gefürchteten Baumwollkapselwürmern Einhalt gebieten sollten. Das gefräßige Getier kehrte dennoch zurück. Oder die Pflanzen verdorrten. Aber waren wirklich die gentechnisch veränderten Baumwollpflanzen von Unternehmen wie Monsanto & Co. schuld?
Agrarwissenschaftler wie Qaim sind skeptisch. „Das traurige Phänomen, dass sich verschuldete Bauern das Leben nehmen, ist in Indien leider seit den 90er-Jahren bekannt – schon lange vor dem Anbau der Gen-Baumwolle“, sagt der Professor für Welternährungswirtschaft und Rurale Entwicklung an der Universität Göttingen. „Es gibt kein Anzeichen dafür, dass sich die Zahl seit dem Anbau der Bt-Varianten erhöht hat.“
Bakteriengift tötet Schädlinge
Bt-Baumwolle hat den Markt längst erobert. Anders als bei Nahrungsmitteln klebt auf Kleidung kein Etikett, wenn sie von genmanipulierten Pflanzen stammt. „Wir alle tragen Hemden und T-Shirts aus gentechnisch veränderter Baumwolle“, sagt Qaim. Weltweit wächst auf mindestens 13,4 Millionen Hektar Bt-Baumwolle, Hauptanbaugebiete sind China, die USA und Indien. Bt steht für das Bakterium Bacillus thuringiensis. Diese Mikrobe produziert ein Gift, das bestimmte Schädlinge wie den Baumwollkapselwurm oder den Maiszünsler tötet. Farmer nutzen es schon lange als Insektenschutzmittel – auch Ökobauern. Weil es sich um eine natürlicherweise vorkommende Substanz handelt, die für den Menschen harmlos ist, dürfen auch sie den Stoff auf ihren Feldern ausbringen. Mais, Soja oder Baumwolle mit der Vorsilbe „Bt“ produzieren das Bakterientoxin hingegen selbst. Gentechniker schleusten ihnen dazu Teile der Erbinformation der Mikroben ein. Der Vorteil: Man braucht weniger Insektizide, um Schädlinge fernzuhalten. Ganz darauf verzichten kann man trotz der „genetischen Keule“ aber nicht, da Bt nicht gegen alle hungrigen Insekten wirkt.
Laut wissenschaftlichen Studien sind die Genpflanzen ein voller Erfolg: Qaim beispielsweise kam 2003 gemeinsam mit Kollegen zu dem Schluss, dass der Einsatz von Bt-Baumwolle den Ertrag um mehr als 80 Prozent steigerte, die Pflanzen jedoch bis zu 70 Prozent weniger Insektizide benötigten. Auch zwei aktuelle Studien kommen zu dem Ergebnis, dass Bauern, die auf Genpflanzen setzten, etwa 50 Prozent mehr Ernte einfuhren als Farmer mit konventionellem Anbau. Für 2007/2008 rechnet Indien mit einer Rekordernte dank der Genpflanzen: Über 31 Millionen Ballen Baumwolle sollen es werden, in der Saison 2006/2007 waren es 28 Millionen.


Aus einem Interview mit Matin Qaim auf www.biosicherheit.de
Prof Dr. Matin Qaim leitet den Arbeitsbereich Welternährung und Rurale Entwicklung an der Fakultät für Agrarwissenschaften der Universität Göttingen. Seit 2000 beschäftigt er sich mit den ökonomischen Auswirkungen des Anbaus gentechnisch veränderter Nutzpflanzen. Er ist unter anderem Mitglied im Kuratorium des International Maize and Wheat Improvement Center (CIMMYT) und im Golden Rice Humanitarian Board.
bioSicherheit: Nach Aussagen der FAO muss die globale Nahrungsmittelproduktion bis 2050 um 70 Prozent gesteigert werden, um dann schätzungsweise neun Milliarden Menschen zu ernähren. Wie kann dieses Ziel erreicht werden?
Matin Qaim: Das nötige Produktionswachstum kann nicht immer weiter auf Kosten natürlicher Ressourcen – vor allem Land, Wasser und Biodiversität - gehen. Das heißt, wir müssen Wege und Möglichkeiten finden, mit weniger Ressourcenverbrauch mehr zu produzieren. Das erfordert die Ausnutzung moderner Wissenschaft und Technologie, vor allem im Bereich der Züchtungsforschung. Chemische Technologien sind weitgehend ausgereizt, aber genetische Verbesserung birgt nach wie vor ein großes Potenzial. Dieses muss durch konventionelle und biotechnologische Züchtungsmethoden ausgenutzt werden, was höhere Investitionen in die Agrarforschung voraussetzt.
bioSicherheit: Kann man mit gentechnisch veränderten Pflanzen höhere Erträge erzielen als mit konventionell gezüchteten Pflanzen? Können solche Pflanzen einen signifikanten Beitrag dazu leisten, die Produktion von Grundnahrungsmitteln in Entwicklungsländern zu steigern?
Matin Qaim: Ja, aus meiner Sicht ist das ganz klar. Zwar ist es bisher mit der Gentechnik noch nicht gelungen, das Ertragspotenzial von Pflanzen zu steigern. Aber erst einmal muss ja das Ertragspotenzial der heute verfügbaren Nutzpflanzen erreicht werden. Und davon sind wir an den meisten Standorten der Welt weit entfernt, weil teilweise über fünfzig Prozent der Erträge ausfällt durch Schädlingsbefall, durch Pflanzenkrankheiten, durch Wassermangel und durch andere Stressfaktoren. Bei der Resistenz gegen solche Stressfaktoren gibt es bereits heute mit der Gentechnik beachtliche Erfolge. Insektenresistente Bt-Pflanzen beispielsweise reduzieren den Insektenfraß, so dass wir bei Bt-Baumwolle, aber auch bei Bt-Mais gerade in Entwicklungsländern Ertragsvorteile von dreißig, vierzig Prozent beobachten. Ähnliche Effekte sind auch für andere Kulturarten und Resistenzmerkmale zu erwarten.
bioSicherheit: Sie untersuchen in Ihren eigenen Forschungsarbeiten, welche ökonomischen Auswirkungen der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen für Kleinbauern in Entwicklungsländern hat. Dabei haben Sie sich vor allem mit dem Anbau von Bt-Baumwolle in Indien befasst. Was sind Ihre wichtigsten Ergebnisse?
Matin Qaim: Wichtig ist, dass eine Technologie wie Bt-Baumwolle tatsächlich auch von Klein- und Kleinstbauern angewendet wird und dass sie im Kleinbauernsektor deutlich höhere Erträge ermöglicht als konventionelle Baumwolle. Wir beobachten in Indien inzwischen über sieben Jahre hinweg durchschnittliche Ertragsvorteile von etwa 35 Prozent und eine Reduktion des Pestizideinsatzes um etwa 40 Prozent. Der Gewinn, der den Bauern bleibt, hat sich im Durchschnitt um 135 US-Dollar pro Hektar erhöht und das ist viel Geld für diese Kleinbauernfamilien. Das sind Daten, die ich zusammen mit Kollegen und Mitarbeitern selber erhoben habe und die repräsentativ für Indien sind. Wir haben jetzt gerade eine umfangreiche neue Studie vorgelegt, in der wir über diese Feldbeobachtungen hinausgehen und analysieren, was diese Technologie in breiterem Maßstab in der lokalen Volkswirtschaft an Effekten auslöst. Wir beobachten einen enormen Einkommensschub. Das Haushaltseinkommen von ländlichen Familien ist beim Anbau von Bt-Baumwolle im Vergleich zu konventioneller Baumwolle um fast achtzig Prozent erhöht und interessanterweise trifft das nicht nur auf die Baumwollbauern zu, sondern beispielsweise auch auf landlose Arbeiter oder Beschäftigte in anderen Sektoren wie Transport und Handel. Der Großteil – etwa sechzig Prozent – dieser Einkommenssteigerungen entfällt auf Haushalte mit weniger als zwei US-Dollar Tageseinkommen, also solche, die von der Weltbank als arm definiert werden. Dies trägt indirekt ebenfalls zur Bekämpfung des Hungers bei, weil höheres Einkommen besseren Zugang zu Nahrung bedeutet.
bioSicherheit: Was sagen Sie zu dem immer wieder geäußerten Vorwurf, gentechnisch veränderte Pflanzen wären nur für die industrialisierte Landwirtschaft entwickelt worden und Kleinbauern in Entwicklungsländern müssten sich für diese teure Technologie verschulden?
Matin Qaim: Das liegt natürlich weniger an der Technologie selbst als daran, wer sie unter welchen Vorzeichen entwickelt. Bisher – und das ist ein Stück weit beklagenswert – haben fast ausschließlich große private Firmen Technologien entwickelt und auf den Markt gebracht, die inzwischen weit verbreitet auch von Kleinbauern in Entwicklungsländern angewendet werden, die aber sicherlich nicht primär für den Kleinbauernsektor entwickelt wurden. Diese Technologien können dort Nutzen stiften, aber es gibt eine ganze Reihe von Bereichen, die von den privaten Firmen nicht abgedeckt werden. Insofern würde ich mir wünschen, dass mehr öffentliche Forschung stattfindet, die gezielt auf die Belange von Kleinbauern in Entwicklungsländern ausgerichtet ist. Die Saatgutpreise werden natürlich durch Patente erhöht, was den Zugang erschwert. Bisher ist es aber so, dass die Patente, die in den USA oder auch in Europa gelten, zum allergrößten Teil in den Entwicklungsländern nicht gelten. Es gibt Verschuldungsprobleme bei Kleinbauern in Entwicklungsländern, aber der Grund dafür liegt nicht bei gentechnisch verändertem Saatgut. Dennoch: Ich würde mir wünschen, dass mehr öffentlich geforscht und auch auf den Markt gebracht wird, ergänzend zu den Aktivitäten der privaten Firmen.
bioSicherheit: Werden denn schon gentechnisch veränderte Nutzpflanzen im Rahmen öffentlicher Forschung entwickelt? Es werden ja immer wieder Befürchtungen geäußert, dass die Konzerne in Zukunft die gesamte Saatgutproduktion kontrollieren und eben nicht das entwickeln, was in Entwicklungsländern gebraucht wird.
Matin Qaim: Es findet eine ganze Menge öffentliche Forschung statt. Die öffentliche Forschung sieht sich aber verschiedenen Problemen gegenüber. Zum einen ist sie natürlich abhängig von Steuergeldern und insbesondere im europäischen Kontext hat sich die Politik bisher schwer getan, gentechnische Forschung explizit öffentlich zu fordern, weil die öffentliche Meinung dagegen steht. Ein anderes, mindestens ebenso wichtiges Problem ist der Umstand, dass der öffentliche Sektor bisher so gut wie gar nichts bis zur Marktreife gebracht hat. Der Grund dafür ist die Regulierung, die inzwischen sehr komplex und vielschichtig ist. Die Regulierungskosten sind um ein Vielfaches höher als die eigentlichen Forschungskosten und das sind Kosten, die bisher nur große multinationale Konzerne stemmen konnten. Das heißt, dass öffentliche Forschung es immer schwerer hat, aber dass auch kleinere Unternehmen mit weniger Finanzkraft es immer schwerer haben. Die hohe Regulierungsdichte trägt in diesem Fall mit zu einer Konzentration, zu einer Monopolisierung bei und da sollte gegengesteuert werden. Ich bin der Überzeugung, dass auch große Konzerne Technologien entwickeln, die in Entwicklungsländern Nutzen stiften können, wie zum Beispiel die Bt-Baumwolle, aber das wird nicht reichen. Eine Firma wie Monsanto wird sich nicht um Hirse, Sorghum oder Maniok kümmern, alles wichtige Grundnahrungsmittelpflanzen in Entwicklungsländern, wird sich auch nicht um Merkmale kümmern wie vielleicht höherer Vitamin A-Gehalt oder höherer Eisengehalt in diesen Pflanzen. Es gibt Bereiche, von denen können wir nicht erwarten, dass sie von privaten Konzernen erforscht werden und genau das muss durch öffentliche Forschung ergänzt und abgedeckt werden.
bioSicherheit: Selbst wenn die Regulierungskosten niedriger wären, ist eine solche Hochtechnologie immer noch teuer in der Entwicklung. Es wird immer wieder kritisiert, dass hier viel Geld ausgegeben wird, das dann anderswo in der Entwicklungshilfe fehlt und dass man lieber kostengünstigere Alternativen verfolgen sollte. In Afrika wurde zum Beispiel zur Bekämpfung des Maisstängelbohrers – gegen den man ja auch mit Hilfe der Bt-Technologie vorgehen kann - eine sehr erfolgreiche biologische Methode entwickelt, die „Push-Pull“-Methode. Gibt es Untersuchungen zu der ökonomischen Wirksamkeit solcher alternativer Vorgehensweisen?
Matin Qaim: Grundsätzlich dürfen die Gentechnik oder auch andere Hochtechnologien nicht als Ersatz für andere Maßnahmen der Entwicklungshilfe gesehen werden. Dieser Kostenvergleich, den Sie ansprechen, Hochtechnologie ist teuer, andere Methoden sind billig, ist aus meiner Sicht aber viel zu kurzsichtig. Man muss die Kosten umfassender betrachten. Bei der Entwicklung einer gentechnisch veränderten Sorte hat man eine relativ hohe Anfangsinvestition, aber man muss ja bedenken, dass diese Technologie für die Bauern leicht anzuwenden ist und die Kosten nachher sehr gering sind, jedenfalls wenn sie das Saatgut selber weitervermehren können. Zu Methoden zur biologischen Schädlingsbekämpfung gibt es auch ökonomische Studien, aber diese Studien schauen sich in der Regel nur in einer ganz kleinen Pilotregion an, wie Bauern bei einer intensiven Betreuung und Beratung so etwas erfolgreich umsetzen können. Und dann heißt es, das ist günstig für die Bauern. Aber die Kosten, die durch die Beratungsleistungen verursacht werden, und der höhere Arbeitsaufwand, den die Bauernfamilien erbringen müssen, werden nicht gegengerechnet. Das ist realitätsfern. Und so erfolgreich bisher Methoden der biologischen Schädlingsbekämpfung an einigen lokalen Standorten sind, im Rahmen kleiner Projekte, ich kenne bisher kein Beispiel aus Entwicklungsländern, wo das so genannte „Upscaling“ erfolgreich war, das heißt also, aus dem Pilotcharakter heraus eine weitere Verbreitung zu finden. Das ist bei der Gentechnik anders. Ich will damit überhaupt nicht sagen, dass Gentechnik besser ist als biologische Schädlingsbekämpfung. Sie würden hervorragend zusammenpassen, denn die Gentechnik kann ja mit dazu beitragen, den chemischen Pestizideinsatz zu reduzieren. Eine Kombination wäre für mich durchaus wünschenswert. Wir sind, weil die ganze Diskussion ideologisch geprägt ist, noch weit davon entfernt, aber ich wäre der letzte, der sagt, dass biologische Schädlingsbekämpfung keine Rolle spielt. Nur: die Erfahrung zeigt, dass neue Saatguttechnologien sich sehr viel schneller und weiter verbreiten, weil es den Bauern einfach erscheint und weil es sehr viel weniger Input in Beratung und Training kostet. Deshalb sind moderne Saatguttechnologien insgesamt mitnichten teurer als Low-Tech Alternativen.


Aus Ulli Kulke, "Bio kann die Welt nicht retten", in: Die Welt, 13.5.2008
Die Bevölkerung wächst ungebremst: Mehr als 800 Millionen Menschen hungern. Ernteerträge leiden unter Krankheiten, Schädlingen, Dürre oder Kälte. Deshalb müssen wir widerstandsfähige Pflanzen züchten mit speziellen Merkmalen, meint der Agrarforscher Matin Qaim – und erklärt gegenüber WELT ONLINE, warum an der Gentechnik kein Weg vorbeiführt.
WELT ONLINE: Warum hat die Pflanzenforschung in den letzten 20 oder 30 Jahren keine nennenswerten Ertragssteigerungen mehr bei Nahrungspflanzen erreicht?
Matin Qaim: Es gab schon kontinuierliche Erfolge...
WELT ONLINE: ... die aber nicht zu vergleichen sind mit den großen Sprüngen bei der Grünen Revolution in den 60er-Jahren.
Qaim: Europa kennt effiziente Züchtungsarbeit seit etwa 100 Jahren, in den Entwicklungsländern blieb es bis zur Grünen Revolution vor 40 Jahren bei den traditionellen Landsorten, erst da entwickelte man gezielt Hochertragssorten, die Erträge steigerten sich um das Zwei- und Dreifache in ein, zwei Jahrzehnten. Das war natürlich spektakulär. Heute haben wir etwa ein oder eineinhalb Prozent pro Jahr. Die Frage ist, ob mit konventionellen Züchtungsmethoden noch Steigerungen möglich sind. Es wird immer schwieriger, immer kostenintensiver.
WELT ONLINE: Fühlen sich die Biologen durch den jüngsten Alarm zum Welthunger herausgefordert?
Qaim: Pflanzenzüchtung läuft langfristig. Heutiger Alarm schafft nicht morgen schon neue Sorten oder Technologien. Wir müssen zehn, 15 Jahre vorausdenken. Doch die Forschung ist in den letzten Jahrzehnten deutlich verringert worden, auch weil man in den reichen Ländern denkt, der Welthunger sei nur ein Verteilungsproblem. Das ist falsch. Die Weltbevölkerung wächst. Höhere Einkommen heizen die Nachfrage zusätzlich an.
WELT ONLINE: Es gibt noch Brachflächen, etwa in Osteuropa.
Qaim: Stimmt, auch in Teilen Südamerikas. Aber die sind unerschlossen, Infrastruktur fehlt, Eigentumsfragen sind ungeklärt. Und gleichzeitig fallen viele Flächen weg, jährlich zehn Millionen Hektar durch Erosion, Versalzung, durch das Wachstum der Städte. Wir können nicht mit weltweitem Flächenzuwachs rechnen.
WELT ONLINE: Wie wichtig ist die Gentechnik wirklich für die Linderung des Welthungers?
Qaim: Da müssen wir trennen zwischen der Steigerung des Ertragspotenzials, also dem, was die Pflanze unter optimalen Bedingungen hergibt, und der Steigerung des tatsächlichen Ertrags. Beim ersten, also grob vereinfacht gesagt bei der Größe der Ähre, werden normale Züchtungsverfahren, Selektion und Kreuzung, weiter ausschlaggebend sein, weil das Ertragspotenzial einer Pflanze ein genetisch sehr komplexes Phänomen ist, von mehr als zwei oder drei Genen codiert. Hier sind wir vom Einsatz der Gentechnik noch weit entfernt. Das Potenzial einer Pflanze wird aber fast nirgends ausgeschöpft, der tatsächliche Ertrag leidet unter Krankheiten, Schädlingen, Salz, Dürre oder Kälte. Deshalb müssen wir widerstandsfähige Pflanzen züchten mit speziellen Merkmalen, damit sie all dem widerstehen können. Hier kann Gentechnik hilfreich sein, weil gezielt einzelne Gene eingesetzt werden können. Schädlinge bringen weltweit Verluste von 50 Prozent, da können wir viel erreichen. Gentechnik ersetzt klassische Züchtung nicht, sondern ergänzt sie.
WELT ONLINE: Können sie nicht höhere Nährwerte in die Pflanzen einbauen, um den Hunger zu lindern?
Qaim: Hunger ist nicht nur chronischer Kalorienmangel, sondern auch eine unzulängliche Versorgung mit Nährstoffen, vor allem Mikronährstoffen wie Eisen, Zink oder VitaminA. Besonders bei Armen, die sich kein Obst, Gemüse, Fleisch oder Fisch leisten können. Man kann Grundnahrungsmittel wie Reis oder Weizen so verändern, dass sie einen höheren Anteil solcher Mikronährstoffe enthalten. Grundsätzlich auch mit konventioneller Züchtung. Sie suchen Wildsorten, die mehr davon enthalten, und kreuzen sie ein. VitaminA, also das dafür nötige Beta-Karotin, suchen Sie in Reissorten aber vergeblich. Nur mithilfe von Gentechnik können Sie es aus anderen Pflanzen übertragen wie beim Golden Rice.
WELT ONLINE: Die Rede ist dabei immer nur vom Golden Rice, gibt es keine weiteren Fälle?
Qaim: Beim internationalen „Harvest Plus Programme“ will man Zink, Eisen und VitaminA in Grundnahrungsmittel wie Reis, Weizen, Maniok, Bohnen oder Mais einbauen. So weit es geht auf konventionelle Art, auch weil die Akzeptanz dann größer ist...
WELT ONLINE: ... was aber länger dauert.
Qaim: Gentechnik könnte technisch gesehen zwar schneller ans Ziel kommen. Der Erfolg verzögert sich aber sehr durch die langen und teuren Zulassungsverfahren. Die Idee des Golden Rice gibt es seit zehn Jahren – er ist heute noch nicht zugelassen.
WELT ONLINE: Das liegt nur am Zulassungsverfahren?
Qaim: Nun gut, es stehen auch noch Feldversuche aus, doch da hakt es wieder an den Genehmigungen. So wird der technisch mögliche Zeitgewinn wieder zunichte gemacht. Natürlich bringen neue Technologien gewisse Risiken mit sich. Risikoabschätzungen, Zulassungsverfahren sind nötig. In den letzten Jahren aber haben das Akzeptanzproblem sowie immer neue behördliche Hürden die Forschung zunehmend behindert. Weltweit wird keine Technologie so stark reguliert wie die Grüne Gentechnik, obwohl ernsthafte Probleme oder Risiken nirgendwo sichtbar sind.
WELT ONLINE: Die öffentliche Abneigung macht die Beschränkungen für die Politik populär.
Qaim: Man kann es auch umgekehrt sehen. Die starke Regulierung verschärft das Akzeptanzproblem, lässt die Technologie zwangsläufig hochgefährlich erscheinen. Das Wechselspiel aus Angst und Überregulierung hat eine weitere fatale Folge: Um eine gentechnische Neuerung auf den Markt zu bringen, braucht man einen langen Atem und viel Geld – ein Problem für Entwicklungsländer, öffentliche Organisationen, kleinere Firmen. Im Geschäft bleiben nur die großen multinationalen Firmen...
WELT ONLINE: ... und so tritt genau das ein, was die Kritiker der Gentechnik vorhalten: die Konzentration, das Geschäft der Multis.
Qaim: Das ist nicht nur ein Imageproblem. Private Großkonzerne können manches. Aber gerade für die Bedürfnisse der Kleinbauern in den Entwicklungsländern gäbe es hohen Forschungsbedarf, an dem die Monsantos oder Syngentas der Welt wenig Interesse haben. Hier ist öffentliche Forschung gefragt, die aber aus besagten Gründen nicht entsprechend vorankommt.
WELT ONLINE: Der sogenannte Weltagrarrat, ein Projekt der UN, fordert weniger Düngerverbrauch und mehr traditionelle Landwirtschaft.
Qaim: So interpretieren manche Interessierte den Agrarrat, zum Beispiel die Umweltverbände. Ich sehe in dem neuen Report des Rates kein Plädoyer gegen intensivere Landwirtschaft. Der Rat ist aber auch nicht repräsentativ von Forschern besetzt, seine Entscheidungsfindung war ein politisierter Prozess. Den Einsatz von weniger Düngemittel zum Beispiel für Afrika zu fordern wäre auch ein schlechter Witz. Im Durchschnitt landen dort weniger als zehn Kilo Dünger auf einen Hektar. Afrika benötigt dringend mehr Dünger. Allein sein Einsatz könnte dort zu einer Grünen Revolution führen, aber da fehlt die nötige Infrastruktur, ohne die der Dünger den Bauern nicht erreicht. Auch Know-how und Vermarktungschancen fehlen.
WELT ONLINE: Manche sehen die Rettung in der weltweiten Umstellung auf Biolandbau. Gäbe es dafür überhaupt genug Fläche?
Qaim: Im Durchschnitt sind die Erträge im Biolandbau um 30 oder 40 Prozent geringer, entsprechend höher wäre der Flächenbedarf. Nur wo der Schädlingsdruck sehr niedrig ist, käme die ökologische Landwirtschaft näher an die Ergebnisse der konventionellen. Was übersehen wird: Hierzulande fließt in den Biolandbau meist bestes Wissen und Management ein. Sie müssen genau die Schadstellen erkennen, exakt die Fruchtfolgen einhalten und erkennen, welche Zwischenkulturen wo genau am besten sind. Unsere Verhältnisse auf alle Welt zu übertragen wäre utopisch.
WELT ONLINE: So etwas wie die Grüne Revolution ist für die Vertreter des Ökolandbaus ein rotes Tuch, auch wenn sie vor 40 Jahren entscheidend zur Linderung des Hungers beitrug. Sie nutze nur den Großen und schade den Kleinbauern, hieß es. Erinnert Sie die heutige Diskussion über die Grüne Gentechnik an damals?
Qaim: Es ist heute ähnlich, allerdings auch verschärft. Eben weil damals öffentliche Institute die Forschung dominierten, heute dagegen multinationale Konzerne. Allein dies schon führt zu mangelnder Akzeptanz. Ansonsten sind es ähnliche Argumente. Zum Beispiel dass die Kleinbauern von all den Neuerungen keinen Nutzen hätten. Das stimmte so pauschal damals nicht und stimmt heute nicht.
WELT ONLINE: Kritik kam auch auf, weil die Agrokonzerne den Bauern mit Vorliebe Paketlösungen anboten: Saatgut, das im nächsten Jahr nicht der eigenen Ernte wieder entnommen werden kann, sondern neu gekauft werden muss, sogenannte Hybridsorten. Und dazu passend nur Dünger und Pestizide aus demselben Haus.
Qaim: Da ging vieles durcheinander. Die Sorten wurden damals von öffentlichen Instituten entwickelt, es waren auch keine Hybriden. Die Bauern konnten sie durchaus nachbauen. Aber erst diese Sorten reagierten einfach viel stärker auf chemische Inputs, vor allem auf Stickstoff und besser auch auf Bewässerungstechniken. Nun erst lohnte sich der Dünger, eine Handvoll steigerte plötzlich den Ertrag um 50 oder 100 Prozent. Beim Pflanzenschutz war es ähnlich. Andererseits stimmt es auch, dass die ersten Sorten bei der Grünen Revolution damals nicht sehr widerstandsfähig waren. Hier und da kam es zur Übernutzung von Pflanzenschutz – ein Prozess, aus dem wir inzwischen gelernt haben.
WELT ONLINE: Die Bauern mussten aber plötzlich Patentgebühren bezahlen.
Qaim: Auch hier wird vieles verwechselt. Die Debatte über Patente kam erst in den 80er-Jahren auf, während der Grünen Revolution zahlte niemand für Patente auf Sorten. Heute ist das, ausgehend von den USA, anders.
WELT ONLINE: Zum Schaden der Kleinbauern?
Qaim: Ein Patent ist zunächst mal ein Anreiz, Forschung zu betreiben. Führt es zu Monopolen, kann es natürlich den Preis verfälschen. Ein Patent ist aber nationales Recht. Wenn Monsanto auf ein Getreide in den USA ein Patent hat, gilt dies noch lange nicht in China oder Indien, es sei denn, der Konzern hat dort ebenfalls ein Patent angemeldet und erhalten. Tatsache ist, dass die meisten gentechnisch veränderten Sorten in den Entwicklungsländern nicht patentiert sind. Das ist auch der Grund dafür, dass die Saatgutpreise günstig sind.
WELT ONLINE: Was ist an dem Argument, die Grüne Revolution habe nur zur Landkonzentration geführt.
Qaim: Wenn es um Technologien geht, die vor allem Großbauern nutzen, wie zum Beispiel einen Traktor, so kann dies die Landkonzentration fördern. Aber das muss nicht so sein. Ein Forschungsprojekt in Indien, das wir gerade abschließen, zeigt, dass die gentechnisch veränderte Baumwolle viele Arbeitsplätze schaffte. Sie wird von Hand geerntet, und die höheren Erträge bringen Beschäftigung.
WELT ONLINE: Leidet die Artenvielfalt unter den neuen Sorten?
Qaim: Manche befürchten, dass ausgebrachte gentechnisch veränderte Pflanzen in der Natur andere Arten verdrängen. Das halte ich für weit hergeholt. Was allerdings beachtet werden muss: Entwickele ich neue, ertragreichere Sorten, gentechnisch oder traditionell, kann es passieren, dass die Bauern sich stärker auf diese Sorte konzentrieren und die anderen zurückgedrängt werden. Dann werden zum Beispiel Sojabohnen in Monokultur angebaut, zulasten der Artenvielfalt. Das hat aber nichts Spezielles mit der Gentechnik zu tun.
WELT ONLINE: Eine Folge der Effizienzsteigerung.
Qaim: Ja. Bei der damaligen Grünen Revolution hatte das zur Folge, dass Hunderte oder Tausende traditioneller Landsorten durch einige wenige Hochertragssorten ersetzt wurden. Ob die Grüne Gentechnik so etwas verstärkt, ist eine ganz andere Frage. Bei ihr geht es um einzelne Merkmale, gerade nicht um neue Sorten. Diese Merkmale – Resistenzen gegen Schädlinge, Dürre oder Salz – kann man leicht in alle Sorten einbauen, die die Landwirte haben wollen. In den USA wurde so eine Herbizidresistenz in über 1500 Sojasorten eingebaut, die nun alle einen tatsächlichen höheren Ertrag aufweisen. Anders als bei einer herkömmlichen Züchtung, die sich auf weniger neue Sorten konzentriert, können diese Arten so weiterhin mithalten und bleiben so im Anbau.
WELT ONLINE: Alle wollen hohe Artenvielfalt. Aber warum soll ein Kleinbauer eine alte Landsorte anbauen, wenn eine neu entwickelte ihm höheren Ertrag verspricht?
Qaim: Stimmt. Deshalb bekommen manche Bauern für den Erhalt von Artenvielfalt Ausgleichszahlungen.
WELT ONLINE: Wie auch der Biolandbau stärker gefördert wird.
Qaim: Ja, genau. Wobei beim Biolandbau die Sortenvielfalt nicht unbedingt größer ist.
WELT ONLINE: Eigentlich kann man doch heutzutage alle Arten in Genbanken konservieren.
Qaim: Grundsätzlich ja. Genetische Vielfalt bedeutet aber auch stetige Anpassung an sich ändernde natürliche Gegebenheiten. Die funktioniert nicht in der Genbank. Deshalb ist ein Erhalt auf bestimmten Flächen auch erwünscht, dafür reichen wohl aber kleine Areale.
WELT ONLINE: Woher kommt die Abneigung gegen Gentechnik?
Qaim: Zum einen, weil sie sofort mit den multinationalen Konzernen in Verbindung gebracht wird. Gegen die herrscht breite Abneigung. Auch die Globalisierungskritik spielt eine Rolle. Leider stellen die Medien in ihrer Berichterstattung die Risiken um ein Vielfaches stärker dar als die Vorteile. Der Eingriff in ein Genom ist für den, der nicht viel davon versteht, eine unheimliche Vorstellung. Und Kritik daran ist politisch korrekt, auch deshalb ist sie so populär.
WELT ONLINE: Sind unter Ihren Studenten auch Fundamentalkritiker?
Qaim: Ja. Im studentischen Alter ist man besonders kritisch, und das ist auch gut so. Viele denken später anders, wenn sie mehr darüber erfahren. Wie ich selbst auch. Als ich mich 1996 an meine Dissertation setzte über die sozioökonomischen Auswirkungen von gentechnisch veränderten Pflanzen, ging ich mit einer ablehnenden Haltung daran. Das hat sich nun geändert. Auch wenn ich heute weit davon entfernt bin zu sagen: Gentechnik allein könnte die Welt retten.


Aus "Schwellenländer setzen auf gentechnisch veränderte Pflanzen", in: Neue Zürcher Zeitung, 18.6. 2009
Matin Qaim, Professor für Welternährungswirtschaft an der Universität Göttingen, ist nach eigenen Untersuchungen in Indien überzeugt, dass nach anfänglichen Schwierigkeiten die Bt-Baumwolle für Bauern in Indien gewinnbringend ist. Die Missernten in den ersten Jahren seien nur in manchen Gegenden Indiens aufgetreten. Dort seien nämlich für die dortigen klimatischen Bedingungen ungeeignete Bt-Baumwoll-Sorten angepflanzt worden. Dies sei allerdings kein Verschulden der Bauern gewesen, vielmehr habe es zunächst nur sehr wenige und nur für bestimmte Regionen geeignete Bt-Baumwoll-Sorten gegeben – die trotzdem überall propagiert worden seien.

Zu Qaims Studie: Presseinfo "Anbau gentechnisch veränderter Baumwolle reduziert Armut", 25.9.2009
Der Göttinger Agrarökonom Prof. Dr. Matin Qaim und sein Forscherteam belegen in einer Studie, dass gentechnisch veränderte Baumwolle zur Armutsminderung beitragen kann. So kann der Anbau von schädlingsresistenter Bt-Baumwolle in Indien die Einkommen ländlicher Armutshaushalte beträchtlich steigern. Bei der Bt-Baumwolle wurde ein Gen des Bakterium Bacillus thuringiensis eingefügt. Es produziert ein Gift gegen Fraßschädlinge, das jedoch als unschädlich für Menschen gilt. Die Ergebnisse der Studie sind in der September-Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Nature Biotechnology" erschienen.
Der Nutzen von gentechnisch verändertem Saatgut wird in Deutschland und Europa kontrovers diskutiert. Der Göttinger Agrarökonom Prof. Dr. Matin Qaim und sein Forscherteam belegen in einer Studie, dass gentechnisch veränderte Baumwolle zur Armutsminderung beitragen kann. So kann der Anbau von schädlingsresistenter Bt-Baumwolle in Indien die Einkommen ländlicher Armutshaushalte beträchtlich steigern. Bei der Bt-Baumwolle wurde ein Gen des Bakterium Bacillus thuringiensis eingefügt. Es produziert ein Gift gegen Fraßschädlinge, das jedoch als unschädlich für Menschen gilt. Die Ergebnisse der Studie sind in der September-Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Nature Biotechnology" erschienen.
"In den vergangenen Jahren haben zahlreiche unabhängige Studien gezeigt, dass insektenresistente Pflanzen mit eingebauten Bt-Genen den chemischen Pestizid-Einsatz erheblich reduzieren und gleichzeitig die Erntemengen steigern, vor allem auch bei Kleinbauern in einigen Entwicklungsländern", so Prof. Qaim. Wissenschaftliche Publikationen hätten sich bisher vor allem auf die unmittelbaren Auswirkungen auf dem Feld konzentriert. Die nun von dem Forscherteam vorgelegte Studie berücksichtigt auch soziale und wirtschaftliche Aspekte. Bt-Baumwolle wurde 2002 in Indien kommerzialisiert und 2008 von mehr als fünf Millionen Kleinbauern angebaut. Mehrere repräsentative Umfragen ergaben, dass Kleinbauern, die Bt-Baumwolle anbauen, im Schnitt 41 Prozent weniger Pestizide benötigten und 37 Prozent höhere Ernteerträge erzielen. Finanziell bedeutet das einen Mehrgewinn von 135 Dollar pro Hektar.
Für die 7,6 Millionen Hektar Bt-Baumwolle in Indien ergibt es insgesamt zusätzlich 1 Millliarde Dollar direkten Gewinn für die Bauern. Der indirekte Gewinn berücksichtigt darüber hinaus das Mehreinkommen für die von der Baumwollproduktion abhängigen Landarbeiter sowie für die Beschäftigten in anderen Sektoren wie Transport und Handel. Zudem fließt in die Berechnung der mit dem höheren Einkommen zusammenhängende Schub für andere lokale Branchen ein. Direkter und indirekter Gewinn zusammen belaufen sich in Indien auf 1,87 Milliarden Dollar pro Jahr. 60 Prozent dieser Einkommenssteigerung entfällt auf Haushalte unterhalb der Armutsgrenze, für die sich die Lebenssituation entscheidend verbessert. Von den positiven Beschäftigungseffekten, insbesondere für Frauen, profitieren auch Haushalte von Landarbeitern.
Originalveröffentlichung: "Commercialized GM crops and yield", Nature Biotechnology, September 2009, Volume 27, No 9, pp 803-804

Kontaktadresse:
Prof. Dr. Matin Qaim
Georg-August-Universität Göttingen
Fakultät für Agrarwissenschaften
Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung
Telefon (0551) 39-4806
E-Mail: mqaim@uni-goettingen.de
Internet: http://www.uni-goettingen.de/de/18500.html


Tillmann Elliesen, "Der fruchtlose Streit um die Gentechnik", in: Zeitschrift für Entwicklung und Zusammenarbeit 5/2003
In der Zeitschrift „Science“ erschien am 7. Februar ein Beitrag von Matin Qaim vom Bonner Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) und David Zilberman von der University of California über Feldversuche in Süd- und Zentralindien mit einer Baumwollhybride, in die ein Gen des insektiziden Bakteriums Bacillus thuringiensis (Bt) eingebaut wurde. Dies soll die Pflanze gegen den größten Baumwollschädling schützen, den Kapselwurm.1 (Hybride sind gezüchtete Pflanzensorten, aus denen die Bauern nicht mehr ihr eigenes Saatgut gewinnen können; sie müssen dies jedes Jahr neu kaufen.) Die Feldversuche waren vom indischen Saatguthersteller Mahyco im Rahmen des Genehmigungsverfahrens für die Bt-Baumwolle durchgeführt worden. Auf drei Versuchsfeldern waren Bt-Baumwolle, die gleiche Hybride ohne Genveränderung und eine lokal populäre Sorte gepflanzt worden. Qaim und Zilberman befragten im Frühjahr 2002 nach der Ernte 157 Bauern, die sich an den Versuchen beteiligt hatten, zu den Erträgen. Ergebnis: Im Vergleich zu der nicht genveränderten Mahyco-Hybride habe die Bt-Baumwolle durchschnittlich um 80 Prozent höhere Ernteerträge gebracht, verglichen mit den lokal populären Sorten sogar 87 Prozent mehr.

Text "Gen-Baumwolle in Indien um achtzig Prozent ertragreicher", auf: wissenschaft.de, 7.2.03
Vor allem in den Tropen und Subtropen könnten sich schädlingsresistenten Pflanzen lohnen
Genmanipulierte, schädlingsresistente Baumwolle kann die Erträge im Vergleich zu herkömmlichen Pflanzen erheblich steigern. Das hat ein deutsch-amerikanisches Forscherteam bei Feldversuchen in Indien herausgefunden. Vor allem in den Tropen und Subtropen könnten Bauern von den schädlingsresistenten Pflanzen profitieren, berichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift "Science" (Bd. 299, S. 900).
Matin Qaim von der Universität Bonn und seine Kollegen baten knapp vierhundert indische Farmer, drei verschiedene Baumwollsorten auf benachbarten Feldern anzubauen: die gentechnisch hergestellte Bt-Baumwolle, die dank eines Bakteriengens ein Insektizid gegen den Baumwollkapselwurm produziert, die gleiche Baumwolle ohne das Bakteriengen und eine in Indien sehr beliebte Baumwollsorte.
Die Erträge der Bt-Baumwolle waren um 80 Prozent höher als die der verwandten Sorte und um 87 Prozent höher als die der indischen Baumwolle. Zudem mussten bei der gentechnisch veränderten Baumwolle 70 Prozent weniger Pestizide eingesetzt werden, fanden die Wissenschaftler.
Das Ergebnis ist überraschend, da bisherige Versuche in den USA, China oder Argentinien diese enorme Ertragssteigerung bei weitem nicht erreichen konnten. Teilweise brachten die Genpflanzen sogar weniger ein. In diesen Ländern ist der Schädlingsdruck jedoch nicht so hoch wie in Indien, sagen die Forscher. Zudem nutzen die dortigen Bauern weit mehr Pestizide. Während in Indien mehr als fünfzig Prozent der Ernte Schädlingen zum Opfer fällt, sind es in den USA beispielsweise lediglich etwa 12 Prozent.
Ein weiterer Vorteil der Bt-Baumwolle sei, dass sie nicht nur umweltfreundlicher, sondern auch in der Anwendung wesentlich einfacher sei als Pestizide, sagen die Forscher. Insektenvernichtungsmittel müssen genau zum richtigen Zeitpunkt angewandt werden, um zu wirken, während bei der Genpflanze lediglich die Samen ausgetauscht werden. Qaim plädiert dennoch dafür, mögliche Risiken der Gentechnologie ernst zu nehmen: "In allen bisherigen Studien hat sich Bt-Baumwolle als unbedenklich für Mensch und Umwelt erwiesen; das sollten wir aber für jede neue Anwendung individuell testen."

Folien von Matin Qaim im Vortrag auf dem InnoPlanta-Forum am 6.9.2010



Was ist von Qaims Zahlen über gutgehende Gentech-Landwirtwirtschaft in Indien zu halten?
Aus "Bt-Baumwolle: Schlechte Wahl für Bauern in Süd-Indien", in: Pestizid-Brief Juli/August 2010 (S. 5)
Die Kosten für den Anbau sind für die Bt-Bauern fast doppelt so hoch wie für die Bio-Bauern. Gleichzeitig gibt es keine signifikanten Unterschiede bei den Ernteerträgen. .. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Bauern, die in ökologisch und in ökonomisch effiziente, diversifizierte Anbausysteme investieren und mehr auf ihre Dorfgemeinschaft setzen, bessere Ergebnisse erzielen.

Aus der Rede von Matin Qaim auf dem InnoPlanta-Forum am 6.9.2010 in Üplingen (Abschrift Tonbandmitschnitt)
„Die Diskussion ist heute mindestens ebenso kontrovers wie sie damals war ... Herr Leimbach hatte darauf hingewiesen, dass wir auch den Nutzen aufzeigen müssen – und das ist das, was wir versuchen, in unserer Forschungsarbeit zu tun“
„Glyphosat wird zwar in großen Mengen angewendet, ist sehr viel umweltverträglicher als viele andere Herbizide“
„Gentechnik nicht zu nutzen, wäre sicherlich unverantwortlich“
„Vorteile für Bauern in den Entwicklungsländern noch größer sind als in den Industrieländern“


Später in der Diskussion auf die Frage, warum die Zulassung für BT-Auberginen in Indien wieder zurückgezogen wurde:
Qaim sinngemäß: Indische zuständige Behörde hatte Ja-Wort gegeben. Umweltministerium hat sich dann eingeschaltet ... „Die Mehrheit der Bevölkerung, was immer das heißen mag, möchte diese Techniken nicht“ ... Moratorium „dass das Umweltministerium seine Rolle überschreitet“ ... „die Diskussion in Indien ist eigentlich nicht so ganz anders wie das, was wir hier vorfinden“ ... „der Wissensstand ist sehr, sehr begrenzt“
Die besondere Frage: Bio-Hacking

Zocken, Vertuschen, Fälschen: Die Universitäten

Hauptort wissenschaftlicher Diskursbildung und praktischer Wissenschaft sind die Hochschulen. Wer sich einen Eindruck von der Lage in den biologischen und agrarwissenschaftlichen Fakultäten, en Hauptorten agro-gentechischer Forschung und Lehre, machen will, dem sei empfohlen, doch einfach mal in so eine Universität hineinzuspazieren. Wenn Sie nicht gerade als KritikerIn der Agro-Gentechnik bekannt sind, wird mensch Sie nicht aufhalten. Schlendern Sie durch die Flure und schauen Sie, was Sie da so finden: Werbesprospekte, Firmenplakate, Jobangebote, einseitige Lehrveranstaltungen. Das ist an den meisten Orten beeindruckend und am Beispiel des IFZ in Gießen und der dort arbeitenden Genversuchsleiter Kogel und Friedt dokumentiert (siehe Kapitel zum Gengerstefeld und die Internetseite zum IFZ, Friedt und Kogel).
Natürlich sind die Gießener Agro-Gentechniker kein Einzelfall. Im Gegenteil: Uni-Profs sind heute überall "Kleinmanager, der seine eigene Arbeitseinheit verwaltet und sich ständig duch das Nachliefern von Drittmittelprojekten versorgt" - PR-Agent_innen und Lobbyist_innen auf der Suche nach frischem Geld.

Aus einem Interview mit Axel Honneth, Direktor des Instituts für Sozialforschung, in: Freitag, 3.8.2007 (S. 11)
Es wird sich ein neuer Typus von Professor herausbilden: Der Kleinmanager, der seine eigene Arbeitseinheit verwaltet und sich ständig duch das Nachliefern von Drittmittelprojekten versorgt. Dieser Kleinmanager wird zu eigener, autonomer Forschung gar nicht mehr in der Lage sein, weil dazu der geregelte Rückzug aus dem administrativen Geschäft der Universtität gehört. Er wird immer mit einem Auge auf die Drittmittelchancen achten und sich selber nicht mehr die Zeit für intensive Foschung nehmen können.
Wissenschaft

Ein wichtiger Knotenpunkt der deutschen Gentechnikseilschaften ist die Biologie der RWTH Aachen. An der dortigen Uni gibt gar keine landwirschaftliche Fakultät, aber dennoch prägt ein Clan von Leuten aus der RWTH das behördlich-staatliche Geschehen zur Gentechnik in Deutschland. Ziehvater ist Prof. Ingolf Schuphan, der auch wichtige staatliche Forschungsprogramme zur Gentechnik koordiniert, u.a. die Auskreuzungsforschung. Das ist schon allein fragwürdig, weil es für ihn da nichts zu forschen gibt - seine Meinung pro Gentechnik stand von Anfang an fest. Folglich ergaben alle Forschungen in diesem Bereich aus seiner Sicht auch immer das gleiche Ergebnis.

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Aus einem Interview auf www.biosicherheit.de:
Schuphan: Zunächst einmal: Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass ein Monitoring eigentlich nicht nötig ist, da eben keine schädlichen Auswirkungen des Bt-Mais nachweisbar waren. ...
Wenn es Bt-Effekte auf die Agro-Biodiversität geben sollte, dann sind sie zufallsbedingt und am Rande der Nachweisgrenze.


Aus einem Interview auf www.biosicherheit.de:
Ingolf Schuphan: Das in Bt-Mais produzierte Bt-Protein wirkt spezifisch gegen Schmetterlingslarven. Ausgeschaltet werden jedoch nur die Larven des Maiszünslers, da nur sie an der Maispflanze fressen. Andere Schmetterlingslarven fressen nicht an Mais. ...
Aus vielen Untersuchungen wissen wir, dass außerhalb von Maisfeldern die Konzentration von Maispollen sehr gering ist. ...
Alle nationalen und internationalen Literaturdaten belegen eindeutig, dass außerhalb von Feldern mit Bt-Mais MON810 und eines Randstreifens von höchsten zehn Metern keine Bt-MON810-Pollenkonzentrationen erreicht werden, die Schmetterlingspopulationen schädigen könnten. ...
Im Herbst, wenn sich die Kraniche vor dem Wegzug sammeln, ist es denkbar, dass einzelne Kraniche auf abgeernteten Feldern auch Maiskörner aufnehmen. Dies ist schon wegen der geringen Menge ohne Bedeutung. Außerdem ist aus Fütterungsversuchen bekannt, dass Bt-Protein keine Wirkung auf Vögel hat. ...
Unsere Forschungsergebnisse zeigen ganz klar, dass der Anbau von Bt-Mais MON810 keine nachteiligen Wirkungen auf den Naturhaushalt hat. Abstandsflächen zu Naturschutzgebieten sind nicht nötig. Die im Gentechnik-Gesetz vorgeschrieben Mindestabstände von 150 bzw. 300 Metern dienen ausschließlich dazu, Auskreuzungen in benachbarte konventionelle Maisbestände zu minimieren.

Seit 2008 führt die RWTH Aachen auf dem Gelände der Ex-FAL westlich von Braunschweig (Bundesallee, dort sitzt auch das JKI) Versuche zur Wirkung von gentechnisch verändertem Mais auf verschiedene Tiere durch. Leiter war Dr. Stefan Rauschen, der die Aachener Gentechnik-Protagonisten Schuphan und Bartsch (siehe unten) als seine ehemaligen Chefs bezeichnete (Beitrag am 6.9.2010 in Üplingen) und seit 2010 beim internationalen Lobbyverband PRRI dabei ist und schnell dessen "Executiv Director" wurde. Mit dem Forum Bio- und Gentechnologie betrieb er auch einen eigenen Lobbyverband.
Das Ergebnis stand in den Köpfen der Versuchsleiter offenbar schon vorher fest (siehe im Abschnitt über die Biosicherheitsforschung). Deutlich wurde die Pro-Gentechnik-Einstellung auch, als Rauschen und Schuphan vorschlugen, Äcker zur Energiegewinnung zu nutzen - und zwar auch gleich mit Gentechnik (Stefan Rauschen/ Ingolf Schuphan, 2006, "Bt-Mais in die Biogasanlage? Nach der Vergärung nur noch Spuren des transgenen Proteins vorhanden", in: Mais 33, 126-127). Rauschen räumte 2009 freimütig ein, zur Gentechnikforschung keine Alternative zu haben - aus finanziellen Gründen.
Aus dem Aachener Dunstkreis sind etliche Personen, meist Zögliche von Schuphan, in die Welt gezogen und haben andernorts wichtige Posten in der Agro-Gentechnik übernommen. Darunter sind Detlev Bartsch, stellvertetender Chef der Gentechnikbehörde am BVL sowie Gutachter an der EFSA, und Achim Gathmann, jetzt auch am BVL tätig. Die beiden zentralen Personen der Gerstenversuche in Gießen, Prof. Kogel und Dr. Gregor Langen, waren beide an der RWTH tätig. Neben Schuphan und Rauschen ist Rainer Fischer eine zentrale Person im Aachener Gentechnik-Filz.

Nicht besser: Die Uni Mainz. Zusammen mit der FDP-Stiftung führt sie eine Veranstaltung durch unter dem Titel "Grüne Gentechnik: Chance oder Risiko?". Der Mediziner Prof. Dr. Theodor Junginger lud ein, der Theologe Prof. Dr. theol. Gerhard Kruip vom Lehrstuhl für Anthropologie und Sozialethik gab als williger Moderator einer völlig einseitigen Veranstaltung einen Geruch von Scheindebatten. Doch als Diskutanten waren ausschließlich Gentechnikbefürworter und -anwender anwesend: Prof. em. Dr. rer. nat. Heinz Saedler und Dr. Stefan Marcinowski. Ersterer arbeitet als Direktor der Abteilung "Molekulare Pflanzengenetik" am Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung in Köln, deren Schwerpunkte die Mechanismen der Mutationsentstehung bei Bakterien durch Insertionselemente und bei Pflanzen durch Transposons, sog. „springende Gene“, sind. Das Institut führte den ersten Freilandversuch in Deutschland mit transgenen Petunienpflanzen durch. Der zweite Diskutant ist Mitglied des Vorstands der BASF in Ludwigshafen und trägt die Verantwortung im Vorstand u.a. für die Bereiche Pflanzenschutz, Pflanzenbiotechnologie und Coatings. Er ist zudem - wie praktisch bei diesem Podium - Vizepräsident der Max-Planck-Gesellschaft.

An der Martin-Luther-Universität Halle wird nicht nur im Namen eine äußerst dubiose Persönlichkeit geehrt, sondern ein Wissenschaftscampus mit einem bemerkenswerten "wissenschaftlichen" Beirat betreiben. Das geben sich die Gentechnik-Seilschaften die Klinke in die Hand ...

Einer der lautesten Protagonisten der Agrogentechnik sitzt an der Uni Magdeburg. Ende Sommer 2010 schrieb Reinhard Szibor einen Leserbrief in seiner Stammzeitung "Volksstimme" unter dem Motto "Wer Gentechnik verhindert, gibt Schlüsseltechnologie aus der Hand". Darin warf er Gentechnikkritiker_innen vor, sie nähmen bewusst den Tod von einer Million Kindern in der dritten Welt in Kauf. In einem späteren Leserbrief (Volksstimme im Juli 2011) behauptete er, selbstverständlich frei erfunden: "Alle deutschen Wissenschaftsgesellschaften weisen darauf hin, dass die wachsende Weltbevölkerung ohne Anwendung der Biotechnologien nicht ernährt werden kann." Es dürfte keine Frage sein, dass Szibor die Lage besser kennt - auch wenn er rein fachlich aus einer ganz anderen Richtung kommt, nämlich aus der Medizin. Ob er sich mit landwirtschaftlichen Themen auskennt, ist unbekannt - seine bisherigen Äußerungen belegen das eher nicht, obwohl seine Biographie immerhin eine lange zurück-, vor dem Abitur liegende Gärtnerlehre aufweist.
Doch obwohl Szibor fachlich gar nicht im eigentlichen Thema unterwegs ist, tritt er als selbsternannter und von Lobbygruppen benannter Experte auf, so zusammen mit dem sachsen-anhaltinischen Landwirtschaftsminister und Gentechnik-Hardliner Hermann-Otto Aikens auf einer Tagung der - festhalten! - Gesellschaft für Wehr - und Sicherheitspolitik e.V. am 17.5.2011 in Magdeburg. Unter dem Titel "Grüne Gentechnik – Schlüsseltechnologie zur Hungerbeseitigung und Friedensförderung" gab Szibor seine bekannten wirren Thesen über die Ursachen von Hunger und die Möglichkeiten der Bekämpfung zum Besten. Wahrscheinlich hat das die Bundeswehrfans wenig erschüttert, denn in der bewaffneten Truppe (die GFW gibt Reservisten- und Bundesverband als wichtige Partner an) gelten auch Angriffskriege und militäre Eroberung als humanitäre Interventionen - da passt Gentechnik als Mittel gegen den Hunger bestens in die Denklogik.
Sogenannte unabhängige Forschung und ideologisch einseitige Lobbyarbeiten schließen sich offenbar auch nicht aus. Szibor ist Mitglied des Lobbyverbandes "Forum Grüne Vernunft". Am 26.1.2011 überbrachte er Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner im Rahmen der Grünen Woche einen Brief des FGV zusammen mit durch Gentechnik umgefärbten, blauen Nelken - und formulierte dazu: „Seit Jahren befindet sich die gesellschaftliche Diskussion zur Grünen Gentechnik in einer Sackgasse, in der wissenschaftliche Erkenntnisse kaum wahrgenommen werden und die Bürger durch einseitige Berichterstattungen vermeintlicher Umwelt- und Verbraucherschützer zunehmend verunsichert werden". Ob sich Aigner überzeugen ließ oder die Nelken eher blau schillernd für das zentrale Problem der Agrogentechnik standen, nur nutzlose Dinge zu hervorzubringen, ist nicht bekannt.
Was Szibor aber perfekt beherrscht, ist das fundamentalistisch ideologische Beschimpfen seiner Kritiker_innen. Feldbefreier_innen seiten "Terroristen", alle anderen Gentechnikkritiker_innen betreiben "terrorismusfördernde Hasskampagnen". Wie andere sogenannte Wissenschaftler_innen scheut auch Szibor keine Vergleiche mit dem Nationalsozialismus. So bringt er die Kritik an der Gentechnik ebenso mit den Bücherverbrennungen im Dritten Reich in Zusammenhang wie die Karrieresprünge deutscher Professor_innen auf US-amerikanische Lehrstühle mit der erzwungenen Emigration von Einstein, Oppenheimer & Co. Jubeltruppen stehen für solche Entgleisungen parat: "Als Mitglied des Verein Forum Grüne Vernunft engagiert er sich persönlich gegen populistische Angstszenarien", kommentiert der Biederitzer Buschfunk im März 2011 auf Seite 9 (Szibor wohnt in Biederitz) seine Erfindungen über den Hunger. Seine Hetztexte gegen Andersdenkende werden dort zu "sachlich fundierten Leserbriefen".

Diese Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen. Das Problem sind jedoch nicht die Einzelfälle, sondern das zugrundeliegende System. Es geht um die Frage, welchen Zielen Forschung dienen soll. Viele spektakuläre Erfindungen der Vergangenheit stammen aus der Kreativität von Menschen, um für ihr Leben Verbesserungen oder gegen von ihnen erkannte oder direkt erlebte Probleme Lösungen zu erreichen. Erste Ideen können von anderen weiterentwickelt und stets verbessert werden, wenn keine Interessen zur wirtschaftlichen Verwertung den Zugriff auf das Erfundene verbauen. Entwicklergeist, der danach beurteilt wird, Profit oder Macht zu steigern, tickt anders. Hier zählt nicht der Sinn der Erfindung für ein besseres Leben oder konkrete Menschen, sondern der Nutzen für Monopole und Profite. Das aber steht menschlichen Bedürfnissen und dem Schutz der Natur fast immer konträr entgegen, denn die Ausbeutung menschlicher Arbeits- und Kaufkraft sowie die geldsparende Ausnutzung der natürlichen Ressourcen sind die zentralen Quellen des Profits. Folglich werden Erfindungen und technischer Fortschritt, der dem Anhäufen von - im günstigsten Falle monopolisierten - Kapital und Gewinnen dient, regelmäßig Mensch und Natur schaden. Das ist kein böser Wille forschender Menschen, sondern System! Entwickler_innen in Firmen sind dem genauso unterworfen wie die Forscher_innen an Universitäten, die durch ihre Abhängigkeit von Förder- und Firmengeldern nur noch ein Rädchen in dieser Logik sind. Da können sie von Forschungsfreiheit reden, soviel sie wollen. Diese gibt es in einer solchen Forschungslandschaft nicht. Schlimmer: Die sich als frei und unabhängige gebärdenden Wissenschaftler_innen sind nichts als willige Vollstrecker_innen in der großen Maschine von Profit und Macht. Sie ahnen es - und umso deutlicher ist ihr Gezeter um die Freiheit der Forschung das sprichwörtliche Pfeifen im Walde.

Im Original: Gedanken zu emanzipatorischer Forschung ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus der Internetseite zu emanzipatorischer Gentechnikkritik:
Herrschaft und Technik
Technikentwicklung und Projektrealisierung finden auch in herrschaftsfreien Zeiten statt. Sie nehmen aber eine andere Richtung, weil sie auf anderen Logiken basieren. Realisiert wird, an was Menschen interessiert sind – und zwar von sich aus, nicht aus dem Zwang zur Verwertung oder dem Willen zur Beherrschung heraus. Weil sie ihr Wissen nicht von anderen abschotten können, ist jede Erfindung oder Entwicklung potentiell für alle gut. Und weil das unmittelbar einleuchtend ist, wird auch das Interesse steigen, dass Wissen sich austauscht und verbreitet – was wiederum fördert, dass horizontale Kommunikationssysteme entstehen. Denn: Nur unter Profit- und Machtgesichtspunkten ist es vorteilhaft, wenn Wissen gehortet, patentiert oder geheimgehalten wird. Das steigert den Preis oder Herrschaftsnutzen. ... Ist das Wissen aber frei, wird jedeR ErfinderIn schnell Verbesserungsvorschläge erfahren und wiederum bei anderen abgucken können. Es ist besser für jede Person, wenn sich jede andere Person auch voll entfalten und maximal viele gute eigene Gedanken entwickeln kann.
Was herauskäme, wäre ein grandioser Schub an Technikentwicklung für ein besseres Leben. Und das schnelle Ende der Entwicklung von Technik für mehr Profite. Statt großen, zentralen Kraftwerken oder Windparks, die ja wegen des dann erzwungenen Stromvertriebs über den Markt vor allem aus Profitinteressen entstehen, wird es viele kleine, oft technisch sehr fortschrittliche Lösungen geben, deren Ziel es ist, dass die Menschen es gut haben: Warm in den Räumen, schlaue Geräte am Stromnetz, arbeitssparende und hoch-effiziente Entsorgung von Fäkalien und Abfällen usw. Um Totalausfälle zu vermeiden, lohnt sich ein Verbund zwischen den verschiedenen Organisationseinheiten, deren Grenzen ohnehin nicht scharf gezogen sind – warum sollte daran jemand Interesse haben?
Alles basiert in einer herrschaftsfreien Welt auf Interessen der Menschen selbst. Sie werden eine Mobilität entwickeln, die ihren Wünschen entspricht: Reisen zu können (viele Menschen haben Lust auf Mobilität, daher werden Methoden des Vorankommens entstehen), ohne Lebensqualität zu verlieren (viele Menschen werden Lust auf lärm- und gestankarmes Leben haben, Kinder und Erwachsene wollen vor der Haustür spielen, daher wird die heutige Form der mit Zwang durchgesetzten Auto-Mobilität keine Chance haben). Was wird entstehen? Schwebebahnen? Das ist schwer vorherzusagen. Wir sind von dieser Welt weit entfernt. Nur eines dürfte klar sein: Eine herrschaftsfreie Welt ist keine anti-technische Welt. Ganz im Gegenteil: Die Produktivkraft wird extrem steigen, wenn die Menschen für ein besseres Leben tätig werden. Auch wenn sie (was zu erwarten ist) viel mehr das bessere Leben auch genießen werden – sie werden viel produktiver, einfallsreicher und kommunikativer agieren. Weil es ihnen hilft! Der Egoismus in Form des Willens zu einem besseren Leben, treibt die Produktivität und den Erfindungsreichtum der Einzelnen an, führt aber ebenso zu viel Kooperation und zum Wunsch, dass sich andere auch entfalten, weil ich das von ihnen Erschaffene nutzen, kopieren oder weiterentwickeln kann.

Hinzukommt die vielfältige persönliche Verstrickung der Wissenschaftler_innen in den Netzwerken der Agro-Gentechnik.

Illegale Felder

Fast alle Forschungsfelder werden mit falschen Angaben beantragt und genehmigt - sowohl bei der Genehmigungsbehörde wie auch bei der Förderung. Reine Propagandafelder werden zu Forschungsarbeiten umdeklariert, Methoden- und Produktentwicklung als Umweltbegleitforschung ausgegeben, um an den wichtigen Geldtopf "Biosicherheit" heranzukommen. Mitunter werden Felder sogar komplett illegal, d.h. ohne Genehmigung angelegt, so ein Reserve-Gengerstenfeld der Uni Gießen im Jahr 2009 und ein Feld der Universitäten Würzburg und Graz im Jahr 2011.

ETH Zürich

Aus dieser Elite-Hochschule stammen einige bekannte Gentechnik-Befürworter wie der Golden-Rice-„Erfinder“ Potrykus, der in den deutschsprachigen Seilschaften immer mal wieder mitspielt. Präsident des Stiftungsrates der ETH Zürich Foundation ist laut Wikipeda Jürgen Dormann, vorher Chef von Aventis, als die noch einen Schwerpunkt in der Agrogentechnik hatten (inzwischen an Bayer als CropScience abgegeben).

Wissenschaft ist immer gekauft

Es wäre ein Missverständnis, überhaupt davon auszugehen, dass Wissenschaft im Kapitalismus unabhängig sein kann. Es mag Nischen geben, in denen Einzelne verwertungsfrei recherchieren, analysieren und experimentieren (diese Rechercheseiten zum Gentechnikfilz und zu Versuchsabläufen ist auch unabhängig und ohne jegliche Verbindung mit Geldzahlungen zustandegekommen!). In der Regel aber sucht alles immerwährend nach Verwertung: Jedes Wissen, jedes Produktionsmittel, jedes Kapital und jeder Mensch mit seinen Fähigkeiten. Wer für eine Firma forscht, hofft auf Folgeaufträge - will sich also empfehlen. Das geht am besten, wenn die Ergebnisse gebracht werden, die als Wunsch dem Auftraggeber abgelesen werden kann, was meist nicht schwer ist. Das gilt für jedeN WissenschaftlerIn, dier für einen Umweltverband oder die Grünen arbeitet, genauso (deshalb finden z.B. andere, die in den Gentechnikseilschaften recherchieren, die Skandale von Renate Künast in ihrer Amtszeit immer nicht heraus - sie sind von den Grünen bezahlt!).

Insofern verkündet der Max-Planck-Wissenschaftler Diethard Tautz im Magazin "MaxPlanckForschung 4/12" auf S. 15 Binsenwahrheiten, als er eine Studie von Seralini zu Versuchen mit Ratten kritisierte: "Außerdem verletzten die Forscher grundlegende statistische Regeln zum Versuchsdesign und interpretierten ihre Daten falsch. Einen Tag später erschienen Stellungnahmen von unabhängigen Wissenschaftlern, die auf die wesentlichen Schwachpunkte der Arbeit hinweisen. Doch da war es schon zu spät. Schließlich stellte es sich heraus, dass die Arbeiten von einer Anti-Gentechnik-Organisation finanziert wurden und der Autor der Arbeiten mediale Aufmerksamkeit für ein neues Buch brauchte." Der entscheidende Denkfehler des MPG-Mannes ist schlicht, dass er hier das Normale ausdrückt - und wie die andere Seite auch glaubt, selbst einschließlich seines Umfeldes von dem verschont zu sein, was im Kapitalismus überall gilt. Auch er phantasiert - wie vor ihm Grüne, Greenpeace und andere - unabhängige Wissenschafler herbei, und regt sich auf über das, was schlicht überall normal ist. Insofern zeigt sein Text keinen kritisch-wissenschaftlichen Blick, sondern beweist seine eigenen Scheuklappen: Die des Wissenschaftlers, der sich als Träger der Wahrheit und unabhängig forschend sieht, aber doch nur Spielball der Verhältnisse und Fördertöpfe ist.

Forschungszentren, Institute und andere Seilschaften

Bleiben noch die großen Forschungsinstitute und -gemeinschaften des Landes - überwiegend mit dunkelster (Nazi-)Vergangenheit. Ihre Forscher_innen sitzen in Lobbyverbänden, kassieren Steuergelder in Millionenhöhe und haben sich immer wieder als skrupellose Geschäftemacher und Vertuscher gezeigt. Oft sind sie Teil der Seilschaften und geben der Gentechnik einen pseudo-wissenschaftlichen Anstrich. Durch ihre Beratungstätigkeit erscheinen Genehmigungen seriös und neutral. Aus der Fülle der Verstrickungen und ideologischen Äußerungen seien Beispiele herausgegriffen:

Bleibt noch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), der große Sponsor der deutschen Forschung mit nationalen Standortinteressen. Besetzt ist sie ebenso einseitig wie ZKBS und BVL. So sind auch hier Mitglieder der Senatskommission für Grundsatzfragen der Genforschung ein Spiegelbild der Gentechnikseilschaften: Prof. Dr. Christopher Baum (Medizinische Hochschule Hannover, Abteilung Experimentelle Hämatologie), Prof. Dr. Thomas Braun (Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung, Abteilung für Entwicklung und Umbau des Herzens), Prof. Dr. Bärbel Friedrich (Humboldt-Universität zu Berlin, Vorsitzende des Instituts für Biologie), Prof. Dr. Jörg Hinrich Hacker (Robert Koch-Institut), Prof. Dr. Christian Katzenmeier (Universität zu Köln, Institut für Medizinrecht), Prof. Dr. Klaus-Peter Koller (Sanofi-Aventis Deutschland GmbH, S&MA, General Affairs, Valorisation & Innovation), Prof. Dr. Barbara Reinhold-Hurek (Universität Bremen, Laboratorium für Allgemeine Mikrobiologie), Prof. Dr. Uwe Sonnewald (Universität Erlangen-Nürnberg, Lehrstuhl für Biochemie), Prof. Dr. Klaus Tanner (Universität Heidelberg, Theologische Fakultät), Prof. Dr. Angelika Vallbracht (Universität Bremen, Zentrum für Umweltforschung und Umwelttechnologie), Prof. Dr. Eckhard Wolf (Universität München, Genzentrum-Laboratorium für molekulare Biologie) und als ständiger Gast Prof. Dr. Gerd Utermann (Institut für Medizinische Biologie und Humangenetik).

Im Original: Zur DFG ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
DFG-Projekte zur Agro-Gentechnik
Aus der Akte der Versuchsleitung zum Gengerstenfeld bei der Uni Gießen (IPAZ)
Protokoll über das Fachgespräch "Schwellenwerte für Produkte aus gentechnisch veränderten Pflanzen" der DFG (30.+31. August in Bonn)
Mitglieder und ständige Gäste der Senatskommission: 4 Leute, davon 2 aus GI: Prof. H.G. Frede (Vors.), Prof. Kogel
Weitere Gäste: Mehrere, u.a. Buhk, Bartsch, Jany, Schiemann. Kommissionssekretariat: Dr. L. Breuer, GI.
Handschriftliche Vermerke von Prof. Kogel auf Konferenzunterlagen: "Sehr niedrige Schwellenwerte würden Forschung behindern", "Steht Aufwand für Kennzeichnung in vernünftiger Relation zum Nutzen".


Zur DFG auf "Save our Seeds" (taz-Blog):
Die DFG ist die “Selbstverwaltungseinrichtung” der Wissenschaften, die rund 2 Milliarden Euro jährlich an öffentlichen Mitteln vergibt, ein Herren-Club der alten Schule (an Frauen gehen in den “Lebenswissenschaften” Biologie, Medizin und Landwirtschaft ganze 20%, in den restlichen Naturwissenschaften 7,4% der Mittel), in dessen Struktur man vergebens nach irgendeiner Beteiligung der Zivilgesellschaft an der Formulierung von Forschungszielen und Schwerpunkten sucht. Folgerichtig sucht man in ihren Förderschwerpunkten für den ohnehin sträflich unterbelichteten Landwirtschaftsbereich auch vergebens nach anderem als … Gentechnik. Methoden des ökologischen Landbaus gelten hier nach wie vor wohl als unwissenschaftlich.

Aus Wiegand, Niklas M., (2011): "Beobachtungen organisationalen Wandels", Carl Auer in Heidelberg (FFO = Forschungsförderungsorganisationen)
Heute organisiert sich Wissenschaft einerseits selbst, was sich primär in Form der wissenschaftseigenen Begutachtungsverfahren für Förderungsanträge zeigt (...). Andererseits wirken aber auch politische Interessen auf die FFO ein, die sich qua finanzieller Abhängigkeit geltend machen können und oftmals sogar zur direkten Beteiligung von politischen Akteuren bis in die Organisationsstrukturen der FFO führen. ... (S. 10)
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gilt heute als die zentrale Organisation zur Förderung universitärer und außeruniversitärer Forschungsvorhaben in Deutschland. Auch wenn die Wirtschaft und der Staat jährlich 50 Milliarden in Forscung und Entwicklung investieren, stellen die rund 2 Milliarden Euro (Stand 2011) der DFG insbesondere für die Grundlagenforscung und vor allem für die Geisteswissenschaften die wichtigste Finanzierungsgrundlage dar (...). ... (S. 57)
"Gute Forschung ist, was gute Forscher (mehrheitlich) für gute Forschung halten" (Lübbert 2006: 9) ... (S. 63)
Einen Antrag auf Forschungsförderung kann grundsätzlich jeder promovierte Wissenschaftler stellen ... (S. 64)
Die Arbeit der Gutachter wird ehrenamtlich vorgenommen, da vom Prinzip der Gegenseitigkeit ausgegangen wird. Demzufolge profitiert jeder Gutachter dadurch, dass auch seine eigenen Anträge begutachtet werden. ... (S. 66)
Dass die DFG eine Monopolstellung inne hat [FN: "Mit der schrittweisen Reduzierung des Grundfinanzierungs-Anteils der Hochschulen duch die Bundesländer und der immer stärkeren Bedeutung von Projektförderung und Drittmittel-Einwerbung hat die DFG in den letzten Jahren und Jahrzehnten ein immer größeres Gewicht bekommen (Lübbert 2006: 15)] und nach dem Prinzip "Wer viel hat, dem wird gegeben" (Böttcher/Gaide 2008) Forschungsgelder verteilt, sind weitere Diskussionspunkte. ... (S. 67 f.)

Die Gremien der DFG sind nicht nur ein Selbstbedienungsladen der Forscher_innen nach dem Motto "Eine Hand wäscht die andere" (GutachterIn A befürwortet Geldvergabe an B, B die an C und C wiederum die an A), sondern auch hochverfilzt.

Rechts: Übersicht über Mitglieder der SKLM der DFG, die von möglichen Interessenkonflikten betroffen und/oder an Bundesforschungsinstituten tätig sind (aus Christoph Then/Andreas Bauer-Panskus (2012): "Schlecht beraten: Gentechnik-Lobbyisten dominieren Expertengremium", S. 29)
Graue Färbung: Relevant für Bewertung von Interessenkonflikten; BfR: Bundesinstitut für Risikobewertung; BLL: Bund
für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde; EFSA: Europäische Lebensmittelbehörde; ILSI: International Life Science
Institute; ISIC: Institute for Scientific Information on Coffee; MRI: Max Rubner-Institut (staatlich); ZKBS: Zentrale Kommission
für Biologische Sicherheit.

Sicherheitsforschung: Versuchsfelder unter grünem Deckmantel

Über Auskreuzungs- und Sicherheitsforschung
findet sich ein Text ab Seite 24 in der Broschüre
"Organisierte Unverantwortlichkeit" (Infoseite ++ PDF)

Die biologische Sicherheitsforschung ist der Schwerpunkt des Förderungsprogramms landwirtschaftlicher Gentechnik durch das BMBF. Viele Genversuche haben sich in den vergangenen Jahren unter dieses Dach gemogelt, weil unter der rot-grünen Bundesregierung vor allem hier Gelder bereitgestellt wurden. Die grüne Landwirtschafts- und Verbraucherministerin Renate Künast akzeptierte das Programm, dessen Name die tatsächlichen Interessen besser verschleierte. Ein Blick in den Koalitionsvertrag von 2002 zeigte schon vorher deutlich, dass es darum ging, „das Potenzial der Biotechnologie zu nutzen und die Wettbewerbsfähigkeit des Biotechnologiestandortes Deutschland zu sichern und auszubauen.“ Im Ergebnis kam es zu vielen Umdeklarationen. Auch Versuche zur Entwicklung neuer Produkte und Methoden wurden als Sicherheitsforschung bezeichnet, um Akzeptanz für die Gentechnik und Zugänge zu den Fördermitteln zu schaffen. Genaue Zahlen zu Förderhöhen sind schwierig, da in vielen Projekten die Grenze zwischen Forschung zur Sicherheit von gv-Pflanzen einerseits und der Produkt- oder sogar Methodenentwicklung andererseits fließend verläuft. 2005 bis 2008 wurden nach Angaben der Bundesregierung110 24 Forschungsprojekte mit gv-Pflanzen gefördert. 21,5 Mio. € kamen vom BMBF und 3,7 Mio. € vom BMELV. Ein Anteil von 3,3 Mio. Euro ging ungeschminkt in Pflanzenentwicklung111.

Schon in dieser Fördermittelverteilung wurde als Schwerpunkt die Propaganda erkennbar. Teile der Förderungen gingen direkt an forschungsbegleitende Internetportale. Die Webseite www.biosicherheit.de112 besteht seit 2001 und wurde 2004 bis 2010 durch das BMBF als Kommunikationsprojekt mit 1,8 Mio. Euro gefördert.113 Auf ihr werden vor allem Ergebnisse von BMBF-Projekten zur Gentechnikforschung und Ergebnisse des EU-Projekts BIOSAFENET (Schiemann) sowie aktuelle Nachrichten und Hintergrundberichte dargestellt. Das redaktionelle Team besteht aus Kristina Sinemus, Klaus Minol und weiteren Mitarbeiter_innen der Firma Genius, Gerd Spelsberg und weiteren Angestellten bei TransGen sowie zwei Bediensteten des TÜV NORD. Alle drei Firmen bzw. Organisationen sprechen sich mehr oder weniger offen für die Gentechnik aus und haben ein finanzielles Interesse an der Anwendung von Gentechnik, weil sie an der Begleitarbeit verdienen. So sind Genius und TÜV NORD Mitglied des Wirtschaftsverbandes BIO Deutschland.114 Der TÜV NORD bietet Serviceleistungen bei der Betreuung gentechnischer Anlagen und der Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen sowie Hilfe bei der Planung, Vermittlung und Durchführung freisetzungsbegleitender Sicherheitsforschung oder zum Monitoring an. Hier betreiben also die Anwender_innen der Gentechnik die Vermittlung von Ergebnissen aus der Sicherheitsforschung und die Propaganda über die Sicherheit solcher Produkte.
Die Ausbildung von Versuchsleiter_innen und Beauftragten für biologische Sicherheit übernehmen wiederum Firmen und Organisationen, die völlig einseitig pro Gentechnik stehen. Eine davon ist DECHEMA. Deren Vorsitzender sagte in einer Rede: „Wenn sich Politiker zu nachwachsenden Rohstoffen bekennen und gleichzeitig die Anwendung der Grünen Gentechnik blockieren, dann ist das entweder Dummheit oder Verantwortungslosigkeit. Beides ist nicht tolerabel.“ Er fügte dann über die vermeintliche „Blockade der Grünen Gentechnik“ in Deutschland an: „Länder wie China und Indien, die zusammen die halbe Weltbevölkerung stellen und diese ernähren müssen, können und werden es sich nicht leisten, fahrlässig auf die Chancen der Grünen Gentechnik zu verzichten. Verantwortung wahrnehmen hieße deshalb für uns, in der Entwicklung und Anwendung einer sicheren Grünen Gentechnik eine Vorreiterrolle zu besetzen und dieses Wissen anderen Ländern zur Verfügung zu stellen.115
Die als Sicherheitsforschung deklarierten Versuche diene der Produktentwicklung und damit am Ende den Konzernen. So beantragte Monsanto eine Freisetzung von 2009-2012 in Üplingen mit dem gleichen Maishybrid MON 89034 x MON 88017, den auch die RWTH Aachen auf einem aus dem Sicherheitsprogramm finanzierten Feldversuch (2008-2010) in Braunschweig ausbrachte. Monsanto: „Im Rahmen der beantragten Freisetzung sollen die agronomischen Eigenschaften der gentechnisch veränderten Maislinien MON 89034 x MON 88017 und MON 89034 x NK603 sowie der zu Grunde liegenden Elternlinien geprüft und mit denen anderer konventioneller und gentechnisch veränderter Hybriden verglichen werden.“ Monsantos Ziel, „zulassungsrelevante Daten und Anwendungsempfehlungen zum Einsatz glyphosathaltiger Pflanzenschutzmittel für die Anwendung“ im Freilandversuch zu erarbeiten, verfolgten auch die RWTH Aachen und das vTI. Das half dem Konzern, blieb aber riskant für Mensch und Umwelt, denn beim RWTH-Versuch sei „ein Eintrag von gentechnischen Veränderungen in konventionelle Sorten eine mit der Freisetzung in Kauf genommene und genehmigte Folge einer Freisetzungsgenehmigung“.116
Alle Versuche zur Biosicherheit werden von Forscher_innen durchgeführt, die vorher schon das Ergebnis kannten - nämlich, dass ihre untersuchte Pflanze sicher ist. Beim geschilderten Maisversuch im Westen Braunschweigs verkündete Versuchsleiter Stefan Rauschen per Brief schon am 13.3.2009 als vor dem zweiten Versuchsjahr: „MON810 ist wiederholt in seiner Sicherheit bewertet worden. Danach ist Pollen von MON810 im Honig genauso unbedenklich, wie der von jeder anderen zugelassenen Maissorte auch. Ich finde es in diesem Zusammenhang unredlich, davon zu sprechen, von diesem Pollen könne eine Gefahr für den Verbraucher ausgehen. Das ist abwegig.“ Die Einseitigkeit sogenannter Sicherheitsforschung entpuppte sich auch auf dem Abschlusspodium des dreijährigen EU-Sicherheitsprogramm für Gentechnik am 29.6.2009 in Berlin (Aus dem Programm siehe Abb.). Geworben wurde mit dem Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Doch wer auf das Programm schaute, erkannte schnell, dass für die Teilnehmer_innen mal wieder nur die Rolle der Fragenden übrig bleiben sollte. Dass eine Quoten-Gegnerin vom NABU mit auf dem Podium saß, entsprang eher der üblichen Neigung bei Umweltverbänden, bei jeder noch so sinnlosen Möglichkeit auf den Bühnen und an den Tischen der Eliten dabei sein zu wollen. Zudem hatte der NABU ohnehin immer die Notwendigkeit von Sicherheitsforschung für notwendig befunden, lag also gar nicht auf Gegenkurs zu den Veranstalter_innen.
Prof. Michael Krawinkel von der Fakultät Ernährungswissenschaften der Uni Gießen war da deutlicher: Er bezeichnete die Risikoforschung in einem Vortrag am 13.7.2010 als falsche Schwerpunktsetzung in der Forschung. Für eine sichere Nahrungsmittelversorgung sei es viel effizienter, z.B. Methoden zu entwickeln, um die hohen Nachernteverluste zu minimieren. Riesige Forschungskapazitäten in die Agro-Gentechnik zu stecken, helfe nur den Konzernen, nicht aber der Ernährungssicherheit.

Im Original: Millionen für Scheinversuche ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
3,3 Mio. Euro aus Sicherheitsforschung für Pflanzenentwicklung!
Aus einem Text des Informationsdienst Gentechnik vom 25.5.2009:
Welche Signale die Ministerin schon in Millionenhöhe an die Forschung setzt, macht nun die Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Grünen deutlich: Allein rund 5 Millionen Euro gehen an die Privatindustrie für die Entwicklung von gentechnisch veränderten Pflanzen. Unter den Empfängerfirmen ist beispielsweise BASF, die mit über einer Millionen Euro pilzresistenten Weizen entwickelt. Auch aus dem Budget der "Biologischen Sicherheitsforschung" gehen 3,3 Millionen Euro an Projekte, bei denen Gentechnik-Pflanzen entwickelt werden. Das "Kommunikationsmanagement in der biologischen Sicherheitsforschung" ist der Regierung rund 2 Millionen Euro wert. Die Grünen fordern eine unabhängige Sicherheitsforschung. "Die knappen Gelder für die wichtige Biologische Sicherheitsforschung werden an Unternehmen gezahlt, die nachweislich eng mit der Agro-Gentechnik-Lobby verbunden sind und eine Deregulierung der Schutzvorschriften bei der Agro-Gentechnik anstreben", so Ulrike Höfken, verbraucherpolitische Sprecherin der Grünen.

Aus der Bundestagsdrucksache 16/6208 (Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen zur Geldvergabe für Gentechnik, S. 5):
Zielsetzung der Fördermaßnahmen des BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung) ist die Verwertung von Projektergebnissen. Somit gehören zu den langfristigen Zielen der Projekte auch die Produktentwicklungen für den Markt. Jedoch sind mit Ausnahme von dem Vorhaben „BioChancePLUS; Reinigung des Medikamentes rh1.3 aus transgener Gerste; Teilprojekt A“ die in den aufgeführten Projekten entwickelten, gentechnisch veränderten Pflanzen in der entwickelten Form weder für eine direkte Vermarktung vorgesehen noch geeignet. Im Rahmen der Fördermaßnahme Biologische Sicherheit und BioOK stehen Fragen zur Sicherheit gentechnisch veränderter Pflanzen im Forschungsfokus. Es werden keine gentechnisch veränderten Pflanzen entwickelt und vermarktet. Aus einem Schreiben von Dr. Stefan Rauschen, verantwortlicher Beteiligter an den Versuchen, am 12.3.2009:
Solange gilt, was auch die EU Kommission in ihrer Rechtsauffassung ausdrückt: Honig muss in keinem Fall gekennzeichnet werden, wenn er Pollen von MON810 enthält. Ich kann verstehen, wenn Imker es grundsätzlich ablehnen, Pollen von MON810 in ihrem Honig zu haben. Ich muss aber auch feststellen, dass dies nichts mit der Sicherheit von MON810 Pollen zu tun hat, sondern ein Alleinstellungsmerkmal der Imker unter dem „gentechnikfrei"-Siegel bringen soll. MON810 ist wiederholt in seiner Sicherheit bewertet worden. Danach ist Pollen von MON810 im Honig genauso unbedenklich, wie der von jeder anderen zugelassenen Maissorte auch. Ich finde es in diesem Zusammenhang unredlich, davon zu sprechen, von diesem Pollen könne eine Gefahr für den Verbraucher ausgehen. Das ist abwegig. ...
Experimentelle Freisetzungen sind meiner Auffassung nach wichtig, denn sie liefern Grundlagen für die Sicherheitsbewertung dieser Pflanzen. Werden Feldversuche zerstört, die die möglichen Auswirkungen von gentechnisch veränderten Pflanzen erforschen sollen, so läuft das dem eigentlichen Ziel, die Umwelt zu schützen, direkt entgegen. Mit unserer Forschung wollen wir ja Erkenntnisse sammeln, mit denen die Umwelt vor unerwarteten negativen Auswirkungen geschützt werden kann.


Forschungsgelder einseitig und umweltunverträglich verteilt
Aus der BÖLW-Pressemitteilung vom 26.1.2009:
„Zwar konnten mit im Schnitt jährlich ca. 7 Mio. € aus Mitteln des Bundesprogramms Ökologischer Landbau wichtige Praxisfragen beforscht werden“, lobte Prof. Jürgen Heß von der Universität Kassel, „aber für notwendige Grundlagenforschung und um den Ökolandbau als innovatives System für eine nachhaltige Entwicklung der Landwirtschaft weiterzuentwickeln, gibt es kein Geld.“ Den Mitteln für die Ökolandbauforschung stehen jährlich allein 165 Mio. € für Biotechnologieforschung durch das Bundesforschungsministerium und 26 Mio. € für die Erforschung nachwachsender Rohstoffe gegenüber: „Das ist eine eklatante Ungleichstellung der verschiedenen Ansätze innerhalb der Agrarforschung“, so Felix Prinz zu Löwenstein, Vorstandsvorsitzender des BÖLW.
Zusätzlich wird die Agro-Gentechnik-Forschung von der Privatwirtschaft finanziert, BASF investiert jährlich allein 133 Mio. € in diesem Bereich. „Gerade weil der Ökolandbau keine patentierbaren Produkte, hinter denen privatwirtschaftliche Interesse stehen, hervorbringt, muss der Staat hier Forschungs- und Entwicklungsvorhaben verstärkt fördern und fordern“, so Felix Prinz zu Löwenstein.


Bundesforschungsministerium selbst zur BioSicherheits-Forschung im Internet (Auszug):
Die Agrar- und Ernährungsforschung nimmt seit jeher einen zentralen Schwerpunkt in der Förderpolitik der Bundesregierung ein und ist als "Innovationsfeld Pflanze" in der Hightech-Strategie verankert. In Absprache mit dem BMELV konzentriert sich das BMBF neben Maßnahmen der Struktur- und Kompetenzbildung in den Agrar- und Ernährungswissenschaften auf die Förderung neuer Ansätze in der molekularbiologischen Forschung sowie deren begleitender Sicherheitsforschung. Das BMELV setzt seinen Schwerpunkt hingegen über die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) auf die Themengebiete Energiepflanzen, Erforschung industrieller Werkstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen sowie Nutzung von Bioenergie. Ferner setzt sich das BMELV im Rahmen der Ressortforschung, wie z.B. am Julius-Kühn-Institut oder im Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), intensiv mit den aktuellen Themen der Agrar- und Ernährungsforschung auseinander. ...
Seit Anfang der 80er Jahren werden die Forschungsarbeiten zur biologischen Sicherheit vom BMBF unterstützt. Bis heute wurden mehr als 300 Vorhaben in Höhe von 93 Millionen Euro gefördert. Die letzte Bekanntmachung erfolgte Mitte 2007 mit einem Fördervolumen von 10 Millionen Euro. Hiermit werden aktuell 29 Forschungsprojekte der biologischen Sicherheitsforschung zur Grünen Gentechnik unterstützt.

Sicherheitsforschung als wichtige Finanzierungsquelle der Seilschaften und PR-Arbeit
Aus dem Diskussionspapier des BMBF (Annette Schavan) zum Runden Tisch Gentechnik (Treffen vom 22.7.2009):
Bis heute wurden mit mehr als 100 Millionen Euro über 300 Vorhaben vom BMBF im Bereich der biologischen Sicherheitsforschung gefördert. Die Auswahl der Projekte erfolgt - unter Anlegung hoher wissenschaftlicher Qualitätsstandards - durch unabhängige, renommierte nationale und internationale Experten. Insgesamt haben sich über 60 Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen beteiligt. ...
Allerdings fließen die Ergebnisse der Biologischen Sicherheitsforschung noch immer nicht ausreichend in die öffentliche Diskussion und Bewertung der Grünen Gentechnik ein. Hier müssen neue, vertrauensbildende Maßnahmen entwickelt werden.

Aus "Ticker", Beilage zur "Stichwort Bayer" 2/09, S. 10 f.:
Fragwürdige Sicherheitsforschung

BAYER & Co. interessieren sich nicht groß für die Risiken und Nebenwirkungen der Gentechnik und scheuen die entsprechenden Investitionen. Forschungsprojekte dieser Art lassen sich sich vielmehr vom Staat finanzieren. So spendierte das Bundesforschungsministerium (BMBF) unlängst acht Millionen Euro für solche Projekte. Und wo Sicherheitsforschung draufsteht, ist oftmals etwas ganz anderes drin, wie eine Anfrage der Bundestagsabgeordneten Kirsten Tackmann (Die Linke) enthüllte. "Die kleine Anfrage hat ergeben, dass die Biosicherheitsforschung nicht hält, was sie verspricht. Einige der in der aktuell bis 2011 laufenden Förderperiode finanzierten Projekte dienen nicht dem Interesse der Allgemeinheit. Nicht Umweltschutz, sondern ein 'Beitrag zur Methodenentwicklung' steht im Fokus", stellt Tackmann fest. So widmet sich beispielsweise kein einziges Forschungsvorhaben den von schon zugelassenen Gen-Pflanzen ausgehenden Gefahren. Mit Dr. Inge Broer zählt auch eine alte Bekannte BAYERs zu den Nutznießer_innen der Subventionen (Ticker 2/07). Die Biologin von der Universität Rostock, die in der Vergangenheit gemeinsam mit dem Leverkusener Multi sechs Proteine und gentechnische Verfahren zum Patent anmeldete, erhielt 316.000 Euro vom BMBF. Damit will Broer die Auswirkungen von kunststoff-produzierenden Genkartoffeln auf die Umwelt erforschen.

Aus der Bundestagsdrucksache 16/10751 vom 3.11.2008
Die Förderung erfolgt als direkte Projektförderung und nicht in Form einer Auftragsvergabe. Alle Projekte werden mit 100 Prozent der Ausgaben an nicht- industrielle Einrichtungen gefördert. Die geförderten Arbeitsgruppen beurteilen die Projekte unabhängig und sind nur der wissenschaftlichen Wahrheit verpflichtet. ...

Sicherheitsforschung ist Produktentwicklung
Aus dem Diskussionspapier des BMBF (Annette Schavan) zum Runden Tisch Gentechnik (Treffen vom 22.7.2009):
Die Erweiterung des Wissens über das Verhalten gentechnisch veränderter Pflanzen unter Freilandbedingungen und die Beobachtung der Auswirkungen ihrer Anwendungen sind wichtige Beiträge zu einer verantwortlichen, am Vorsorgeprinzip orientierten Nutzung der Grünen Gentechnik. ...

Kritik von Renate Künast, die als Ministerin das Biosicherheitsprogramm immer toleriert und auch in ihrem Ministerium die deutsche Agro-Gentechnik vorangebracht hatte, als Kommentar in Financial Times Deutschland, 27.7.2009:
"Färbt uns grün!" - das war vor rund 20 Jahren der Auftrag der Agro-Gentechnikindustrie an diverse PR-Berater, um das angeschlagene Image aufzupolieren. Fortan nannten sie es "grüne" Gentechnologie - genutzt hat es der Branche wenig. ... Es geht Schavan mit ihren Runden Tischen zur Grünen Gentechnik gar nicht um eine ergebnisoffene Diskussion und die Suche nach Lösungen für globale Herausforderungen. Es geht ihr allein um die Beförderung der Agro-Gentechnik. So ließ sie beim letzten Runden Tisch in der vergangenen Woche keinen Zweifel daran, dass sie nicht nur Forschung zur Gentechnik, sondern auch deren Anwendung wolle - unabhängig von den Ergebnissen der biologischen Sicherheitsforschung.
Im Original: Aus der Lorch/Then-Studie ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Biologische Sicherheitsforschung
  • Finanzierung: Es ist schwierig genaue Zahlen zur Förderung von Biologischer Sicherheitsforschung zu finden, da in vielen Projekten die Grenze zwischen Forschung zur (grundlegenden Sicherheit) von gv-Pflanzen und einer sicheren Produktentwicklung sehr fließend verläuft.
    Aus eine Kleinen Anfrage lassen sich jedoch andere Zahlen entnehmen: Es werden derzeit 24 Forschungsprojekte mit gentechnisch veränderten Pflanzen mit Bundesmitteln gefördert. Die Höhe der Bundesmittel für diese Projekte beträgt insgesamt rund 25,2 Mill. Euro (BMBF: 21,5 Mill. Euro; BMELV: 3,7 Mill. Euro). 2007 wurden Forschungsprojekte mit gentechnisch veränderten Pflanzen mit rund 7,8 Mill. Euro gefördert. Einige der Forschungsprojekte im Bereich der Agro-Gentechnikforschung befassen sich zwar mit Fragen zur biologischen Sicherheit, mit Fragen zur Sicherung der Koexistenz oder zum Anbau begleitenden Monitoring, aber in anderen Fällen, ist die Grenze zwischen Forschung zur Sicherheit und zur Entwicklung sicherer Produkte undeutlich.
  • Eine Auswertung der einer Kleinen Anfrage ergibt:
    1. Es werden 8 Projekte zur Biologischen Sicherheitsforschung gefördert mit einem Gesamtvolumen von 14.792.000 Euro (Förderung von 7 Projekten durch das BMBF; 1 Projekt durch das BMELV).
    2. Noch laufende Projekte zur Biologischen Sicherheitsforschung laufen 2008 aus, und es wurden keine weiteren bzw. neuen Forschungsprojekte zur Biologischen Sicherheitsforschung initiiert.
    3. Es werden keine Bundesmittel für Fragen zum flächendeckenden Auskreuzungsmonitoring zur Verfügung oder zur Untersuchung der Wirkung von Gentech-Pflanzen auf Bienen sowie deren Ausbreitung durch Bienen bereitgestellt.
    4. Das Projekt „Kommunikationsmanagement in der biologischen Sicherheitsforschung“ mit einem Gesamtbetrag in Höhe von 1.858.000 Euro wird ebenfalls aus dem Topf „Biologische Sicherheitsforschung“ finanziert. Davon gehen allein 1.230.000 Euro an die Firma Genius (und in Unteraufträgen an TransGen e.V. und TÜV Nord.
biosicherheit.de und GMO-Compass
  • biosicherheit.de: Die Webseite biosicherheit.de, bzw. ihre englische Übersetzung gmosafety.eu) besteht seit 2001 und wird z.Z. (2004-2010) durch das BMBF als Kommunikationsprojekt gefördert. Auf biosicherheit.de werden vor allem Ergebnisse von BMBF-Projekten zur Gentechnikforschung und Ergebnisse des EU-Projekts BIOSAFENET (Schiemann), sowie aktuelle Nachrichten und Hintergrundberichte dargestellt. Das redaktionelle Team besteht aus Mitarbeitern der Firma Genius, (u.a. Kristina Sinemus und Klaus Minol), TransGen (Gerd Spelsberg) und dem TÜV Nord. Alle drei Firmen bzw. Organisationen sprechen sich mehr oder weniger explizit für die Gentechnik aus. So sind z.B. Genius und TÜV Nord sind Mitglied der Lobbyorganisation Bio Deutschland. Der TÜV Nord bietet u.a. Serviceleistungen bei der Betreuung gentechnischer Anlagen und der Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen sowie Hilfe bei der Planung, Vermittlung und Durchführung freisetzungsbegleitender Sicherheitsforschung oder zum Monitoring an.
  • GMO-Compass: Die Webseite gmo-compass.org wird ebenfalls durch Genius und TransGen betreut. Die Finanzierung erfolgte 2005-06 als EU-Projekt „GMO-Compass-GMO Communication and safety evaluation platform“ mit 460.000 Euro. Nach Ablauf wurde die Finanzierung 2007 durch EuropaBio und 2007/08 durch das BMELV übernommen. Die Webseite baut v.a. auf der TransGen-Webseite auf, die seit 1997 aus verschiedenen Quellen finanziert wird (Ministerien/Behörden, Gentechnik-Industrie, InnoPlanta). Zu den Beiratsmitglieder des GMO-Compass gehören u.a. Joachim Schiemann und Vertreter von BEUC und EuropaBio.
  • Webseiten: www.biosicherheit.de, www.gmo-safety.eu, www.gmo-compass.org
Betrug Biosicherheitsforschung: Gefälschte Anträge, Bewilligungen außerhalb der Förderrichtlinie

Etliche Millionen an Fördermitteln werden über das staatliche Förderprogramm zur Biosicherheit in Deutschland verteilt.1 Die Folge: Versuchsbetreiber_innen stürzen sich auf diese Geldquelle deklarieren dafür auch schnell mal Versuche um. Tatsächlich wurde in den vergangenen Jahren auf mehreren Versuchsfeldern, die als Sicherheitsforschung angemeldet und bezuschusst wurden, tatsächlich an neuen Produkten oder Methoden geforscht. Förderanträge zu fälschen, ist Betrug und ein Fall für die Staatsanwaltschaft. Gleiches gilt für bewusst falsche Angaben über Versuchsziele im Genehmigungsverfahren. Das wäre noch gravierender, denn wenn die realen Felder ganz anderen Zwecken dienen als im Antrag an das BVL, waren sie von der Genehmigung nicht gedeckt und folglich illegal. Das ist zudem ebenfalls eine Straftat - diesmal nach dem Gentechnikgesetz. Doch Robenträger_innen werden nicht vom Staat bezahlt, um solche Skandale aufzudecken, in die die staatlichen Geldvergabestellen selbst verwickelt sind. Alle Strafanzeigen in diese Richtung wurden ohne Ermittlungen eingestellt.
Noch ein zweiter Betrug lauert hinter den meisten Versuchsfeldern. Denn von den Förderrichtlinien her waren die meisten der bisherigen Versuche zur Biosicherheit gar nicht zulässig. Nach dem Wortlaut im Biosicherheitsprogramms dürfen nur in begründeten Ausnahmefällen Forschungen mit Pflanzen bezuschusst werden, die nicht für eine Markteinführung bestimmt sind: "Freisetzungsbegleitende Untersuchungen sollen sich ausschließlich auf gentechnisch veränderte Pflanzen beziehen, deren Anwendung in Deutschland erwartet wird bzw. deren Freisetzung bereits erfolgt." Das aber ist fast nirgends der Fall. Auf der eigenen Internetseite sagt die durchführende Firma Biovativ selbst: "Bis auf eine gentechnisch veränderte Kartoffel ist bei keiner dieser Pflanzen daran gedacht, sie in den nächsten Jahren als Produkte auf den Markt zu bringen." Inge Broer bestätigte das in einem Interview mit dem Laborjournal am 18.10.2011: "Der Weizen, den wir als Modell zur Überprüfung unserer Verfahren an Getreide genutzt haben, ist nicht für den Markt gedacht." Es ist also leicht zu erkennen, dass Steuergelder zweckentfremdet ausgegeben wurden und werden. Das gilt auch für das Gießener Gengerstefeld. Auch dessen Gelder stammen aus dem Sicherheitsforschungsetat. Doch die Internetseite des BMBF sagt auch hier klar: "Eine kommerzielle Nutzung gentechnisch veränderter Gerste ist - zumindest in Europa - vorerst nicht zu erwarten."

Im Original: Förderrichtlinie und Realität ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Missbrauch von Steuergeldern
Aus Förderrichtlinien zur BioSicherheitsforschung (BMBF):
Laut Förderrichtlinie des Programms zur biologischen Sicherheitsforschung "sollen die Arbeiten zur Erhöhung der biologischen Sicherheit gentechnisch veränderter Pflanzen (...) an Kulturpflanzen bzw. für die Anwendung vorgesehenen Pflanzen durchgeführt werden und nur in begründeten Ausnahmefällen an Modellpflanzen. Freisetzungsbegleitende Untersuchungen sollen sich ausschließlich auf gentechnisch veränderte Pflanzen beziehen, deren Anwendung in Deutschland erwartet wird bzw. deren Freisetzung bereits erfolgt."

Dann ein Blick auf die Internetseite der Firma biovativ:
In 2009 sind in Groß Lüsewitz mehrere Freisetzungsversuche geplant. Bei den gentechnisch veränderten Pflanzen handelt es sich um Prototypen, bei denen verschiedene Fragestellungen untersucht werden sollen. In allen Fällen geht es um Sicherheits- und Begleitforschung. Bis auf eine gentechnisch veränderte Kartoffel ist bei keiner dieser Pflanzen daran gedacht, sie in den nächsten Jahren als Produkte auf den Markt zu bringen. Einige dieser Versuche werden vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen des Programms "Biologische Sicherheitsforschung" gefördert.

Zur transgene Gerste steht solches auch auf der Seite des BMBF (Geldgeber):

Das Ministerium weiß also, dass die Versuche den Förderrichtlinien nicht entsprechen!

Sehr genau beobachteten GentechnikkritikerInen das aus dem Biosicherheitsprogramm geförderte Feld mit gv-Gerste der Universitäten Gießen und Erlangen. 352.000 Euro erhielten die Antragsteller aus der Justus-von-Liebig-Universität für ein auf drei Jahre angesetztes Freilandexperiment. Nach eigenen Angaben wollten sie „die Frage klären, ob sich die gentechnisch veränderten Pflanzen negativ auf die für die Pflanzen wichtigen Bodenpilze, die Mykorrhiza, auswirken“ (Gießener Anzeiger, 25.4.2006). Doch seltsam: Das Bodenleben interessierte sie gar nicht. Stattdessen konnten Kritiker_innen nachweisen, dass Versuchsleiter Prof. Kogel an ganz anderen Dingen arbeitet: „Die Ergebnisse versprechen neue Möglichkeiten der Ertragssteigerung sowie eine Verbesserung der Widerstandskraft von Nutzpflanzen.“ Das Label Sicherheitsforschung war nur vorgeschoben, um die Fördergelder zu kassieren. Sicherheitsforschung fand nicht statt - und um Sicherheitsfragen kümmerten sich die Forscher_innen auch bei der Umsetzung ihres Versuchs wenig. Der Mäuseschutz wurde ganz weggelassen - und in beiden Jahren mit Aussaat (das letzte, 2008, fiel wegen einer Feldbesetzung aus) wuchs Gerste durch Schlampigkeit und Verstöße gegen die Sicherheitsauflagen unkontrolliert außerhalb der Sicherungen. Trotzdem fördere das BMBF den Versuch ein zweites Mal, diesmal mit 301.000 €. Das BVL erteilte eine neue Genehmigung - business as usual. Anzeigen gegen die Versuchsleitung wegen Fördermittelmissbrauchs und Verstößen gegen Sicherheitsauflagen und ein illegales Zweitfeld im Jahr 2009 wurden von Behörden und Staatsanwaltschaften ohne jegliche Prüfung verworfen.
Der Betrug mit Steuergelder, die Falschangaben im Genehmigungsantrag und die Abweichungen von den Sicherheitsauflagen wurden den dafür zuständigen Behörden - vom BVL bis zu Staatsanwaltschaften und Rechnungshof - gemeldet. Außer bemerkenswerter Phantasie, das Offensichtliche zu Vertuschen, hat keine dieser Institutionen irgendwelche Aktivitäten entwickelt, die Hinweise auch nur zu überprüfen. "Wir unterstellen zunächst mal Wissenschaftlern ganz generell, dass sie redlich sind und ein Interesse haben, möglichst gute Experimente zu machen und damit verantwortlungsvoll umgeben ", sagte der Abteilungsleiter Lebenswissenschaften im BMBF Ende 2009. Sie wollen wohl auch nicht hingucken, um sich ihren treudummen Glauben zu erhalten ... (mehr im Kapitel zum Gengerstefeld).

Im Juli 2011 wurde ein Feld der Uni Rostock mit gv-Weizen am AgroBioTechnikum und im Schaugarten Üplingen zerstört. Der Versuch war als Biosicherheitsforschung deklariert und wurde aus diesem Programm bezahlt. Doch spannend: Als die Felder zerstört wurde, berichtete die Basler Zeitung darüber, dass ein ETH-Zürich-Versuch zerstört wurde. Offenbar hatte die Uni Rostock den Versuch als vermeintliches Umweltforschungsfeld im deutschen Biosicherheitsprogramm beantragt - und zusätzlich von der ETH Zürich Geld kassiert ... für einen ganz anderen Versuch. Betrug ist also auf Gentechnik-Forschungsfeldern Alltag (das ist nicht neu, aber nun wieder mal neu bewiesen).

Auszüge aus der Basler Zeitung vom 22.7.2011
Das ETH-Projekt in Norddeutschland lief seit vier Jahren. Die Versuche wurden von der ETH Zürich mit rund 50 000 Franken unterstützt. Der wissenschaftliche Projektleiter Christof Sautter weilt derzeit ausser Landes und war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Laut Wilhelm Gruissem, der als Leiter der Gruppe für Pflanzenbiotechnologie für die Versuche mitverantwortlich ist, handelt es sich um die Weizenlinien, die Christof Sautter bereits 2004 auf einem acht Quadratmeter grossen Versuchsfeld auf dem ETH-Versuchsgelände in Lindau bei Effretikon getestet hatte.
Die ETH hatte die Weizenlinien danach der deutschen Gentechforscherin Inge Broer von der Universität Rostock zur Verfügung gestellt. Broer betrieb damit im Auftrag des Bundesforschungsministeriums sogenannte Begleitforschung mit dem Ziel, die Zulassungsverfahren für Gentechpflanzen zu verbessern. Im Rahmen dieser Feldexperimente habe die ETH die Gelegenheit erhalten, die früheren Arbeiten zu vertiefen.

Im Original: Thesen von Inge Broer und Joachim Schiemann ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aufgabe der Sicherheitsforschung ist es, sicherheitsrelevante Fragen der Interaktion von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) mit Ziel- und Nicht-Zielorganismen sowie der Umwelt wissenschaftlich zu beantworten. ...
Experimentelle Freisetzungen sind für die biologische Sicherheitsforschung unverzichtbar, etwa dann, wenn Fragestellungen unter Containment-Bedingungen nicht zu beantworten sind. Wenn für eine bestimmten GVO in Labor- oder Gewächshausexperimenten nachgewiesen wurde, dass auch bei einem großflächigen Anbau keine Gefährdung zu erwarten ist, kann auf eine weitere Überprüfung im Freiland verzichtet werden;
Bei der Interpretation der Ergebnisse ist zwischen Hazard – einer schädlichen Wirkung, die ein Stoff oder ein GVO etwa auf andere Organismen ausübt – und Risk – dem Produkt von Hazard und der tatsächlichen Exposition des gefährdeten Organismus unter natürlichen Bedingungen – zu unterscheiden. Für die Sicherheitsbewertung eines GVO reicht es nicht aus, in standardisierten Laborversuchen ein Gefährdungspotential (Hazard) zu bestimmen. Um einzuschätzen, ob tatsächlich ein Risiko besteht, müssen Expositionsdaten im Freiland erhoben werden, aus denen hervorgeht, ob und wie der gefährdete Organismus unter natürlichen Bedingungen mit dem zu bewertenden GVO in Kontakt kommt; ...
Bei der Untersuchung möglicher Wirkungen eines GVO auf andere Organismen oder „die Umwelt in ihrem Wirkungsgefüge“ (§1 GenTG) sollte sich das Versuchsdesign zunächst auf den ersten Schritt einer möglichen Wirkungskette konzentrieren. Nur, wenn sich dabei Hinweise auf eine Gefährdung ergeben, sollten weitere Schritte der Wirkungskette untersucht werden;
Sicherheitsforschung sollte für bestimmte Schutzziele wissenschaftlich fundierte „Schwellenwerte“ ermitteln, unterhalb derer mögliche negative Effekte vernachlässigbar sind oder toleriert werden können; ...

Identifizierung relevanter Forschungsthemen ...
Auswirkungen des Anbaus und der Nutzung von Pflanzen als nachwachsende Rohstoffe oder als Produzenten von Pharmazeutika; ...

Kontinuierliche Maßnahmen zur Integration von biologischer Sicherheitsforschung im Bildungssystem:
- Etablierung von Sommerschulen zur biologischen Sicherheitsforschung als gemeinsames Projekt mehrerer Universitäten und Forschungseinrichtungen, die sich wissenschaftlich mit der Thematik auseinandersetzen und Studenten aller biologischen und agrarwissenschaftlichen Fakultäten zur Verfügung stehen;
- Einbeziehung dieser Sommerschulen in die Biologielehrerausbildung;
- Etablierung eines Netzwerks von Universitäten und Forschungseinrichtungen zur Freisetzung von GVO, das von einer professionell organisierten gemeinsamen Öffentlichkeitsarbeit begleitet wird;
· Etablierung der Grundlagen der biologischen Sicherheitsforschung bzw. der Technikfolgenabschätzung im Allgemeinen in den Lehrplänen der Schulen.

Zusätzliche Kommunikationsmaßnahmen für die breite Öffentlichkeit:
- Initiierung konzertierter Öffentlichkeitsmaßnahmen des BMBF und relevanter wissenschaftlicher Einrichtungen. Ziel ist es, durch gemeinsames Auftreten das Thema Sicherheitsforschung in die Öffentlichkeit und Medien zu bringen (z.B. eine „Woche der Sicherheitsforschung“ mit Maßnahmen wie ein wissenschaftliches Symposium zu „20 Jahre biologische Sicherheitsforschung in Deutschland“ , Pressekonferenz, Ausstellungen, Journalisten- und Schülerpraktika an den Forschungsstätten, Mitmachaktionen wie Schülerzeitungswettbewerbe zum Thema biologische Sicherheitsforschung);
- Lehrmaterialien/Filmdokumentation zur biologische Sicherheitsforschung (für Schulen und andere Bildungsträger);
- Fortführung und Ausbau von Informationsplattformen wie bioSicherheit.de.

Auskreuzungs- und Grenzwertforschung: Täuschung auf wissenschaftliche Grundlagen

Über Auskreuzungsforschung
findet sich ein Text ab Seite 25 in der Broschüre
"Organisierte Unverantwortlichkeit" (Infoseite ++ PDF)

Seit Beginn der Freisetzungen nimmt das Thema Auskreuzung einen wichtigen Raum in der Debatte um die Gefahren der Gentechnik ein. Dabei geht es um die Frage, wieweit die gentechnischen Veränderungen auf gleiche Pflanzenarten übergreifen, in die Umwelt oder in Lebensmittel gelangen oder sich auch auf andere Lebewesen übertragen könnten. Erst bemerkenswert spät aber wurde diese Frage Gegenstand von Untersuchungen. Schon allein das erregte den Verdacht, dass auch den Befürworter_innen der Gentechnik von Beginn an klar war, dass Auskreuzung stattfindet und nicht zu kontrollieren ist. Forschung hätte das nur bestätigt. Da war es Gentechnikbefürworter_innen offenbar lieber, gar nicht darüber zu reden. Niemand bestritt, auch Konzerne und Lobbyist_innen nicht, dass die Gentechnik früher oder später überall hingelangen würde. So konzentrierten sie sich darauf, den Menschen die Angst vor dieser Ausbreitung zu nehmen.
Doch mit den aktuellen Gentechnikgesetzen wurde die Klärung der Koexistenzfrage notwendig. Im § 1 des Gentechnikgesetzes ist festgelegt, dass eine gentechnikfreie Landwirtschaft - konventionell wie biologisch - möglich bleiben muss. Nur: Wie das gelingen kann, dafür gibt es keine wissenschaftlich fundierten Vorschläge. Erfahrungen aus langjährigem Anbau in Nord- und Südamerika sowie Indien zeigen recht deutlich, dass es nicht möglich ist, die Verbreitung der gv-Pflanzen mittel- und langfristig zu begrenzen. Inzwischen geben auch deutsche Wissenschaftler offen zu, dass Gentechnik nicht kontrollierbar ist. Die Reihenfolge der Geschehnisse in Deutschland war folglich höchst seltsam: Erst wurde die Gentechnik in die Landschaft gebracht, anschließend wurde ein Gesetz erlassen, dass diese Gentechnik nicht überall hin auskreuzen darf, und erst dann liefen die wissenschaftlichen Untersuchungen an, ob das überhaupt geht. Alle diese Forschungen haben mindestens sechs grundsätzliche Schwächen:

  1. Auskreuzung kann nicht verhindert werden. Untersucht wird daher nur, wie schnell und wie weit Auskreuzung stattfindet. Ziel ist die Festlegung von Grenzwerten unter denen Produkte noch als gentechnikfrei bezeichnet werden können. Es ist allen Beteiligten klar, dass es technisch nicht mehr möglich ist, eine Verunreinigung im Landbau zu verhindern, wenn erst einmal gv-Pflanzen in der Umwelt sind. Daher geht es, obwohl gesetzlich vorgeschrieben, gar nicht mehr um die Koexistenz von gentechnischer und gentechnikfreier Landwirtschaft, sondern nur noch um die Festlegung und ständige Erhöhung von Grenzwerten bei faktischer Akzeptanz der Auskreuzung als Tatsache. Zur Zeit liegen die Grenzwerte für gentechnikfreie konventionelle Landwirtschaft bei 0,9 Prozent. Dabei wird es nicht bleiben, weil die Verunreinigung selbständig steigt. Joachim Schiemann vom staatlichen JKI forscht angeblich zu Grenzwerten, aber fordert längst höhere - ähnlich wie die Konzerne, Forscher_innen und andere Behörden. Dass Koexistenz nur mit der Grenzwertlüge möglich ist, gibt Schiemann offen zu: „Eine gentechnikfreie Produktion mit Nulltoleranz ist nicht praktikabel. Selbst bei einem völligen Verzicht wären Schwellenwerte für unbeabsichtigte Anteile von GVO in Importwaren unabdingbar. Werden geeignete Schwellenwerte vereinbart, ist eine Koexistenz möglich. Für den Saatgutbereich bedeutet das einen Schwellenwert von mindestens einem Prozent für unbeabsichtigte gv-Beimengungen.“118
  2. Untersucht wird nur die Auskreuzung durch den Wind (Pollenflug), also die passive Verbreitung der gentechnisch veränderten Pflanzen. Es gibt aber mindestens zwei weitere Wege aktiver Übertragung: Zum einen durch Insekten, vor allem Bienen. Diese fliegen aus eigener Kraft von Pflanze zu Pflanze. Das geschieht ab der ersten Blüte einer neu ausgebrachten Züchtung und über lange Distanzen (6 bis 10 Kilometer). Langfristig transportieren Insekten die Gensequenzen im Zusammenhang mit Wanderbewegungen auch über unbegrenzbar lange Wege. Zum anderen ist inzwischen gesichert, dass es einen horizontalen Gentransfer über Artgrenzen hinweg gibt. Wenn dieser stattfindet, ist eine Rückverfolgung nicht mehr möglich, weil niemand mehr nachvollziehen kann, wo welcher Gentransfer abläuft.
  3. Hinzu kommt die übliche Streuung durch das Versagen von Mensch oder Maschine. Viele Getreide- und Rapspflanzen an Wegrändern wuchsen aus herausfallenden Körnern von Transportwagen oder aus aufgerissenen Saatgutsäcken. Nicht zu verhindern ist die Vermischung bei Nutzung der gleichen Anhänger und Maschinen, Abfüll- und Reinigungsanlagen. Behälter können verwechselt oder falsch deklariert werden. In der recht jungen Geschichte der grünen Gentechnik ist das alles schon mehrfach passiert. Hoffnung auf Besserung besteht nicht, denn selbst bei den besser gesicherten radioaktiven Stoffen oder Massenvernichtungswaffen sind Schwund und Verwechselung alltäglich.
  4. Alle als wissenschaftliche Untersuchungen zur Auskreuzungsforschung dargestellten Feldversuche werden von genau den Seilschaften durchgeführt, die in diesem Buch vorgestellt wurden. Sie haben als Patentinhaber_innen, Dienstleister für Versuchsdurchführung oder Handelnde in Konzernen ein berufliches, politisches oder propagandistisches Interesse an Ergebnissen, die eine spätere Anwendung der Gentechnik nicht behindern. Hier findet folglich gerichtete, d.h. an Interessen orientierte und nicht ergebnisoffene Wissenschaft statt.
  5. Angesichts der auch von Gentechnikbefürworter_innen erkannten grundsätzlichen Unmöglichkeit der Verhinderung von Auskreuzung in der Umwelt ist zudem als neues Argument bereits vorbereitet worden, dass diese Verhinderung allein kein einklagbares Ziel sei. Ausgerechnet das BVL stellte am 23.4.2009 vor dem Verwaltungsgericht klar, dass die Koexistenzgarantie des § 1 GenTG, Satz 2 keine Rolle spiele: „Die Möglichkeit von Auskreuzungen, die auch bei Anordnung eines deutlich größeren Isolationsabstandes im Freiland nie vollständig ausgeschlossen werden könne, stehe der Erteilung der von der Beigeladenen beantragten Genehmigung nicht entgegen. Auskreuzungen seien nur dann als schädliche Einwirkungen im Sinne des § 1 Nr. 1 GenTG anzusehen, wenn sie die betroffenen Pflanzen nachteilig veränderten, indem sie etwa zur Ausbildung schädlicher Eigenschaften führten, was bei den streitgegenständlichen transgenen Maispflanzen nach der Bewertung der ZKBS nicht zu erwarten sei“. Zudem könne bei konkreten Nachteilen, „vor denen allein das Gentechnikgesetz schütze“, höchstens Schadenersatz, nicht jedoch das Ende des Genversuchs verlangt werden.119 Das Gericht schloss sich dieser Auffassung an, die Koexistenzgarantie und Verursacherprinzip praktisch abschaffte.
  6. Jeder Auskreuzungsversuch hat Auskreuzung zur Folge (das ist ja im Versuch angelegt), schafft also die Gefahr, die er zu untersuchen vorgibt, selbst. Auch hier gilt wieder, dass die Sicherheitsforschung selbst besondere Gefahren schafft - je nachdem, welche Pflanzen genutzt werden. Bislang wurden vor allem die kommerziell zugelassenen Sorten wie MON810 als Forschungsgegenstand gewählt. Damit waren die Gefahren nicht größer als bei landwirtschaftlichen Flächen - aber auch nicht kleiner.

Auskreuzungsforschung dient der Produktentwicklung, weil sie keine offenen Fragen der Gentechnik untersucht oder mögliche Gefahren bei Zulassungen prüft, sondern selbst die Grundlage für die Zulassung schafft, z.B. die gesetzlichen Grenzwerte, unterhalb derer ein Futter- oder Lebensmittel als gentechnikfrei gilt - ohne es zu sein. Der oberste Kontrolleur der Gentechnik in Deutschland, BVL-Gentechnikchef Hans-Jörg Buhk, warnte folgerichtig vor „Schwellenwerten, deren Überschreitung künftig die Kennzeichnungspflicht nach Richtlinie 2001/18/EG beziehungsweise der EU-Verordnung auslösen werden.“ Solche zu niedrigen Grenzwerte hätten Folgen, die „mit erheblichem zeitlichen, administrativen und finanziellen Aufwand verbunden“ sein könnten.120
Zum Vergleich: Eine Forschung an Atomkraftwerken, ab welchem Abstand von den Kraftwerken ein Wohnhaus als strahlungsfrei bezeichnet werden darf, weil es ,nur' eine bestimmte Menge an Radioaktivität abbekommt, würden nur wenige als Sicherheitsforschung begreifen, sondern als Beitrag dazu, Atomkraftnutzung handhabbar zu machen. Sie wäre eine die Atomkraft vorantreibende Forschung. So verhält es sich auch mit der Sicherheitsforschung in der Gentechnik: Sie dient der Durchsetzung von gentechnischen Produkten auf dem Markt, indem sie Regeln für deren Verbreitung schafft. Die Forschung hilft dabei, solche Regeln zu finden, die den Gentechnikanbietern genügend Spielraum geben und allen anderen die Möglichkeit nehmen, eine Markteinführung zu verhindern, weil ja nun alles legal ist. Grenzwerte in Gesetzen werden an die Bedürfnisse der Konzerne angepasst, nicht umgekehrt.
Die ersten Auskreuzungsversuche mit transgenen Maissorten liefen 2005-08. Projektpartner waren u.a. die RWTH Aachen, die BBA in Braunschweig und Darmstadt (jetzt JKI) und das BioTestLabor (BTL GmbH) aus den Seilschaften am AgroBioTechnikum. Die Summe der Fördergelder betrug 3,27 Mio €.121
Im Jahr 2008 befanden sich wichtige Felder der Auskreuzungsforschung in Rheinstetten-Forchheim (Versuch der Technischen Landeszentrale in Baden-Württemberg), in Braunschweig (RWTH Aachen) und in Sickte nahe Wolfenbüttel (Versuch des JKI). Fragwürdig war bereits, dass sich alle drei Versuchsbetreiber klar pro Gentechnik positionierten, d.h. die Folgen- und Sicherheitsforschung an der Gentechnik führten Instituten und Personen durch, die schon vorher behaupteten, dass es keine nachteiligen Wirkungen der Gentechnik gab. 2009 sollte dann der Sickter Versuch, weil er 55.000 Euro Bewachungskosten verursachte, mit dem Forschungsfeld der RWTH Aachen auf dem Gelände der ehemaligen FAL in Braunschweig (Bundesallee) zusammengelegt werden, fiel aber dem MON810-Verbot zum Opfer.
An der Aachener Uni gibt es keine landwirtschaftliche Fakultät. Die Seilschaft aus Aachen (u.a. Schuphan, die BVL-Vertreter Bartsch und Gathmann sowie Kogel und Langen, heute Uni Gießen) besteht aus Biologen. Sie arbeiten an verschiedenen Orten als Genforscher oder in den Genehmigungsbehörden. Bartsch führte in seiner Zeit in Aachen (1992-2000) selbst Freisetzungsversuche durch, u.a. mit gv-Zuckerrüben der Firma KWS. Schuphan, bei dem Bartsch als wissenschaftlicher Mitarbeiter arbeitete, war Leiter verschiedener BMBF-Projekte zur Biologischen Sicherheitsforschung, obwohl er diese für überflüssig hielt: „Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass ein Monitoring eigentlich nicht nötig ist, da eben keine schädlichen Auswirkungen des Bt-Mais nachweisbar waren.122 und „Unsere Forschungsergebnisse zeigen ganz klar, dass der Anbau von Bt-Mais MON810 keine nachteiligen Wirkungen auf den Naturhaushalt hat. Abstandsflächen zu Naturschutzgebieten sind nicht nötig.“123 Seit 2004 ist Bartsch im BVL für Koexistenz und GVO-Monitoring zuständig - der Ausführende von Freisetzungen ist nun also selbst der Kontrolleur. Auch der Ex-RWTHler Achim Gathmann arbeitet dort seit 2006.124 So kontrolliert eine Clique, die früher selbst Gentechnik angewendet hat und zudem Kontrolle für überflüssig hält. Lustlose Böcke spielen Gärtner ...

Monitoring: "Schönforschen" des Auskreuzungsdesasters

Über Monitoring und dazugehörige Forschung
findet sich ein Text ab Seite 27 in der Broschüre
"Organisierte Unverantwortlichkeit" (Infoseite ++ PDF)

Der Begriff 'Monitoring' bezeichnet das anbaubegleitende Beobachten von Umweltauswirkungen. Etwas sarkastisch ließe sich formulieren: Durch Monitoring kann besser dokumentiert werden, dass alles schiefgeht. Monitoring dient nicht der Verhinderung von Auskreuzung oder von Schäden an Umwelt und Gesundheit. Verschärfend zu den ohnehin mächtigen Seilschaften in der Gentechnik wurde nun auch in der Monitorings-Arbeitsgruppe dieselben Kreise zusammengebracht, die die zu beobachtenden gv-Pflanzen entwickeln, vertreiben, anbauen und daher ein Interesse an ihrer Verbreitung haben.
Praktische Bedeutung hatte das Monitoring der gv-Pflanzen in Deutschland bisher nur, weil es fehlte - und zwar bei der einzigen kommerziell genutzten Pflanze, dem MON810. Was folgte, war ein beeindruckendes Drama, ausgelöst durch ein Verbot aller Maissorten mit dem Genkonstrukt MON810 am 27.4.2007 - gegen den Protest ausgerechnet des Leiters der Gentechnik-Abteilung beim Bundesamt für Verbraucherschutz, Buhk.16 Dabei war das Verbot eigentlich sogar überflüssig, denn die vorläufige Genehmigung von MON810 war ohnehin im Oktober des Vorjahres abgelaufen. Ab diesem Zeitpunkt hätte ein Monitoringplan vorgelegt werden müssen.
Doch Monsanto und die MON810 verwendenden Saatgutzüchter (z.B. KWS) setzten auf Schludrigkeit und Wohlwollen der Kontrollbehörden - mit Erfolg. Die teilte erst dann das Aus für den Bt-Mais mit, als alle Saaten in der Erde waren. So wuchs einen Sommer lang verbotener Mais auf Hunderten von Feldern. Gleichzeitig wurde hinter den Kulissen um eine neue Genehmigung gefeilscht. Notwendig dafür war immer noch ein Monitoringplan, denn Monsanto hatte nie die Auflage erfüllt, die Umweltauswirkungen langfristig beobachten zu lassen. In Windeseile entstand nun ein solcher Plan. Er hatte wenig Substanz, zeigte aber, wie sattelfest die Seilschaften der Gentechnik saßen, und führte am 6.12.2008 zur Wiederzulassung von MON810. Für den Plan verwies Monsanto einfach auf bestehende Überwachungssysteme z.B. bei Bienen, deren ausführende Stellen dazu aber nie befragt wurden. Zudem wurde ein veralteter Monitoring-Entwurf aus dem Jahr 2004 neu belebt.125 Dessen Autor_innen bildeten eine seltsame Mischung: Drei Behördenmitarbeiter zusammen mit zwei Lobbyist_innen und Nutznießer_innen der Gentechnik (Kerstin Schmidt und Jörg Schmidtke aus dem Filz des AgroBioTechnikums in Groß Lüsewitz). Mit im Boot waren die Konzerne. In der Veröffentlichung bedankten sich die Autor_innen für die Unterstützung durch Bayer CropScience, KWS, Monsanto, Pioneer und Syngenta. Eine wichtige Klammer könnte Joachim Schiemann gebildet haben, denn er war als Gründungsmitglied dabei, als das AgroBioTechnikum entstand. Hier kommen erneut Kontrolltätigkeit als Behörde, eigene Versuchsaktivitäten und die Unterstützung von Lobbyarbeit und Freisetzung in einer Person zusammen.126 Auch die konkrete Ausformulierung des dann akzeptierten Monitoringplanes blieb in der „Familie“: Zunächst schlug das BVL der Firma Monsanto eine Liste mit über 30 potenziellen Beobachtungssystemen vor. Kerstin Schmidt verfasste daraufhin im Auftrag des Konzernseinen schriftlichen Vorschlag für die genauere Auswahl vor. Dieser Vorschlag ihrer Firma BioMath wurde wiederum von Monsanto beim BVL eingereicht - mit Erfolg.127 Bei einer solchen Hintergrundabsicherung im Zusammenspiel mit einer einseitig pro Gentechnik denkenden Kontrollbehörde - eben dem BVL - war es nicht überraschend, dass es am Ende hieß: „Der von der Firma Monsanto vorgelegte Plan zur Beobachtung der Umweltwirkungen des Genmais MON810 erfüllt die gestellten Anforderungen in vollem Umfang. Dies stellte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) heute in Berlin noch einmal klar.“128
Wie bei der Auskreuzungs- und Sicherheitsforschung auch, beginnt das Problem in den undurchdringlichen Seilschaften. In der zuständigen Arbeitsgruppe „Anbaubegleitendes Monitoring gentechnisch veränderter Pflanzen im Agrarökosystem“ sitzen wieder die gleichen Seilschafter_innen:32 Die Leitung hat Joachim Schiemann. Mit dabei sind auch Bartsch/BVL, Broer/Uni Rostock, Gathmann/RWTH Aachen (jetzt BVL), Schmidt/BioMath, außerdem Behördenvertreter von Landes- und Bundesfachstellen und -ministerien wie BMELV, RKI/BVL, LLG Sachsen-Anhalt, Landesamt für Verbraucherschutz und Landwirtschaft, LWK Hannover, LWK Westfalen-Lippe, LWK Rheinland, LWK Weser-Ems, LUFA Nord-West, Landespflanzenschutzamt Mecklenburg-Vorpommern, Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft, Niedersächsisches Landesamt für Ökologie, UBA, Bayerisches Landesamt für Bodenkultur und Pflanzenbau, FAL, Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft, Bundessortenamt und Vertreter von ZALF, BBA sowie der Universitäten Bielefeld, Göttingen und Oldenburg. Sie befinden sich in guter Gesellschaft mit der Industrie. Bayer CropScience, Pioneer Hi-Bred, KWS Saat, Syngenta, Monsanto und der Industrieverband Agrar fehlen ebenso wenig wie der Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter und die PR-Agentur Genius.130
Nur einmal klappte es nicht mit der Verfilzung: 2005 lehnte die damalige Landwirtschaftsministerin Renate Künast die staatliche finanzielle Unterstützung für Forschungsprojekte von Schiemann (BBA) ab, bei denen gentechnisch veränderte Pflanzen entwickelt werden sollten. Schiemann war damals gleichzeitig sowohl auf EU-Ebene als auch auf nationaler Ebene an der Bewertung von gentechnisch veränderten Pflanzen in Zulassungsverfahren beteiligt. Das Rauschen im Blätterwald war groß: Künast sei forschungsfeindlich, sie würde sogar biologische Sicherheitsforschung verhindern, so der Tenor. Die grüne Argumentation in der Bundestagsdebatte am 7. März 2005: „Es soll aber nicht so sein, dass dieselben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die produktnah forschen, nachher eine unabhängige Expertise darüber erstellen, ob diese Produkte den allgemeinen Sicherheitsstandards hinsichtlich der Verbraucherinnen und Verbraucher und der Biodiversität entsprechen.“131

Wieder da: Terminatortechnologie - im grünen Mäntelchen der Sicherheitsforschung

Mehrere Förderprojekte im Biosicherheitsprogramm laufen unter dem Begriff Confinement. Das klingt unverdächtig, doch dahinter verbirgt sich nichts anderes als die weltweit geächtete Terminator-Technologie. Sie war schon früh entwickelt worden und sollte bewirken, dass Pflanzen sich selbst sterilisieren. Ziel war es, Landwirt_innen daran zu hindern, eigenes Saatgut zu gewinnen, und stattdessen dazu zu zwingen, jedes Jahr neues Saatgut bei den großen Firmen einzukaufen. Genau das wird nun als Umweltschutz propagiert, weil das Elend der Bäuer_innen ein klein wenig der Umwelt nutzen soll. Terminatorpflanzen würden sich nämlich langsamer in der Natur ausbreiten. Aber hatten die gleichen Wissenschaftler_innen nicht erklärt, diese Ausbreitung beinhalte gar keine Gefahren? Logen sie dort oder erschlichen sie jetzt Gelder unter dem Vorwand, etwas verhindern zu wollen, was sie selbst unproblematisch fanden? Wie auch immer - in Deutschland wird Confinment nun mit einem hohen Anteil aus den Biosicherheitsmitteln gefördert. Damit wird die Technologie mit Hochdruck entwickelt, die - flankiert von passenden Gesetzen - am Ende die totale Kontrolle des Saatgutes und die Ausschaltung des selbständigen Ackerbaus bewirken soll.

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Auf der Internetseite bioSicherheit.de findet sich im Lexikon unter dem Buchstaben c das Stichwort Confinement. Dort steht:
... bei Pflanzen: Biologische Maßnahmen zur Begrenzung der Ausbreitungsfähigkeit von gentechnisch veränderten Pflanzen
Neben gentechnisch veränderten Pflanzen, deren landwirtschaftliche Eigenschaften (z.B. Schädlingsresistenzen) verändert wurden, sind auch transgene Pflanzen mit neuen bzw. veränderten Inhaltsstoffen in der Entwicklung. Sie liefern beispielsweise industriell nutzbare oder pharmazeutische Substanzen. Die Ausbreitungsfähigkeit dieser gentechnisch veränderten Pflanzen sollte möglichst auf ein Minimum begrenzt werden. Das kann z.B. durch eine Unterdrückung der Fortpflanzung erreicht werden (biologisches Confinement). Mit konventioneller Züchtung und mit Hilfe der Gentechnik können Pflanzen hergestellt werden,
  • die nicht mehr in der Lage sind, Pollen zu produzieren
  • die keine Blüten ausbilden
  • oder deren Samen steril sind.
Um die Ausbreitung von Transgenen zu begrenzen, wird auch an einer gentechnischen Methode gearbeitet, bei der das Erbgut der Plastiden verändert wird. Plastiden sind Einheiten in der Pflanzenzelle, die über eigene DNA verfügen. Die meisten landwirtschaftlichen Nutzpflanzen vererben die Plastiden-DNA nur mütterlicherseits, d.h. nicht über den Pollen. Bei einer gentechnischen Veränderung der Plastiden finden sich die neuen Gensequenzen wegen der besonderen Vererbung also nicht in den Pollen wieder.

Aus der Selbstdarstellung des PTJ, Redakteurin: Claudia Möhring (FAZ, Beirat im JKI):
Im Schwerpunkt „Forschungsansätze für die freisetzungsbegleitende Sicherheitsforschung“ sollen Strategien zur Erhöhung der Sicherheit gentechnisch veränderter Pflanzen entwickelt werden. Dazu zählen zum Beispiel eine möglichst enge Begrenzung der zu übertragenden Gensequenzen oder Methoden, die verhindern, dass gentechnisch veränderte Pflanzen sich ausbreiten können.

Aus der Bundestagsdrucksache zum Biosicherheitsprogramm 2008-2011


Weitere neue Anwendungsbereiche

Sicherheitsforschung - tatsächlich besonders riskant

Doch es geht nicht nur um Geld. Der Deckmantel einer Forschung über Umweltauswirkungen verhüllt auch, dass hier die gefährlichsten Felder stehen. Das haben die bisherigen Fälle unkontrollierter und zum Teil weltweite Auskreuzung gezeigt. Dafür reichen kleine Flächen aus, wie sie für Forschungsfelder typisch sind. Der LL601-Skandal zeigte das eindrucksvoll. Gegenüber dem kommerziellen Anbau stehen auf den Versuchsfelder namlich mehr Pflanzenarten und -sorten mit teilweise mehreren gentechnisch veränderten Konstrukten. So hatte der Gengersteversuch 2006 bis 2009 vier Manipulationen, je zwei in zwei Gerstenlinien, in die Landschaft gebracht - und auf dem Kartoffelfeld der BASF 2010 am AgroBioTechnikum waren es sogar 538 verschiedene gv-Kartoffelsorten. Ob diese sich verbreiten oder nicht, wird mensch zudem nur selten erfahren, denn für die hochspeziellen Pflanzen und Konstrukte, die bei Freisetzungen überwiegend in die Erde kommen, lohnt sich der Aufwand nicht, Nachweismethoden zu entwickeln und auf den Markt zu bringen.
Ob IhrE NachbarIn gv-Mais anbaut, können sie inzwischen mit Teststäbchen zum Stückpreis von 5 € selbst überpürfen. Bei den Pflanzen der Versuchsfelder werden sie jedoch vergeblich nach Nachweisverfahren suchen. Es gibt sie nicht. Die LL601-Vermischung wurde eher zufällig entdeckt.
Ob das Bier, dass Sie vielleicht gerade stemmen, schon gv-Bestandteile hat, kann Ihnen also niemand sagen. Das wird auch so bleiben, denn für die Pflanze dieser drei kläglichen Versuchsjahre wird niemand Nachweismethoden auf den Markt bringen. Die schleichende Verseuchung geht vor allem von Versuchsfeldern aus, weil hier viel mehr verschiedene Manipulationen ausgebracht werden. Auch die Saatgutverunreinigungen 2010 beim Mais stammten nach den bisherigen Verlautbarungen von Versuchsfeldern. Aber sicher weiß das noch nicht einmal jemand. Wie so oft bei dieser ach so sicheren Technologie.

Den Forscher_innen ist nicht nur das klar. Sie wissen auch, dass ihr Projekt Teil der Durchsetzung von Agro-Gentechnik ist. Sicherheitsforschung liefert Daten für die Zulassungsanträge der Firmen. "Sicherheitsforschung sollte für bestimmte Schutzziele wissenschaftlich fundierte 'Schwellenwerte' ermitteln, unterhalb derer mögliche negative Effekte vernachlässigbar sind oder toleriert werden können", sagen die Forscher_innen selbst - mal wieder in einem gemeinsamen Forderungspapier von Bundeskontrollbehörden und Gentechnikanwender_innen, hier Joachim Schiemann (JKI) und Inge Broer (AgroBioTechnikum) im Duett. Negative Effekte sollen also sogar "vernachlässigbar" sein dürfen. Sicherheitsforschung will "Auswirkungen des Anbaus und der Nutzung von Pflanzen als nachwachsende Rohstoffe" prüfen und unterstützt damit diese Form der Ackernutzung. Dass Sicherheitsforschung zur Propaganda verkommt, zeigt das Papier mit Vorschlägen wie "Integration von biologischer Sicherheitsforschung im Bildungssystem" und "Schülerpraktika an den Forschungsstätten, Mitmachaktionen wie Schülerzeitungswettbewerbe zum Thema biologische Sicherheitsforschung".

Im Original: Gefährliche Sicherheitsforschung ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus dem Standortregister zum gv-Kartoffelversuch 2010 der BASF am AgroBioTechnikum


Thesenpapier
„Biologische Sicherheitsforschung an gentechnisch veränderten Pflanzen“ von Inge Broer, AgroBioTechnikum, und Joachim Schiemann, Julius-Kühn-Institut (Oktober 2009):
Aufgabe der Sicherheitsforschung ist es, sicherheitsrelevante Fragen der Interaktion von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) mit Ziel- und Nicht-Zielorganismen sowie der Umwelt wissenschaftlich zu beantworten. ... (S. 2)
Experimentelle Freisetzungen sind für die biologische Sicherheitsforschung unverzichtbar, etwa dann, wenn Fragestellungen unter Containment-Bedingungen nicht zu beantworten sind. Wenn für einen bestimmten GVO in Labor- oder Gewächshausexperimenten nachgewiesen wurde, dass auch bei einem großflächigen Anbau keine Gefährdung zu erwarten ist, kann auf eine weitere Überprüfung im Freiland verzichtet werden;
Bei der Interpretation der Ergebnisse ist zwischen Hazard – einer schädlichen Wirkung, die ein Stoff oder ein GVO etwa auf andere Organismen ausübt – und Risk – dem Produkt von Hazard und der tatsächlichen Exposition des gefährdeten Organismus unter natürlichen Bedingungen – zu unterscheiden. Für die Sicherheitsbewertung eines GVO reicht es nicht aus, in standardisierten Laborversuchen ein Gefährdungspotential (Hazard) zu bestimmen. Um einzuschätzen, ob tatsächlich ein Risiko besteht, müssen Expositionsdaten im Freiland erhoben werden, aus denen hervorgeht, ob und wie der gefährdete Organismus unter natürlichen Bedingungen mit dem zu bewertenden GVO in Kontakt kommt;
Statistik und Methodik der Versuchsdurchführung müssen der Variabilität im Freiland gerecht werden; ...
(S. 3)
Bei der Untersuchung möglicher Wirkungen eines GVO auf andere Organismen oder „die Umwelt in ihrem Wirkungsgefüge“ (§1 GenTG) sollte sich das Versuchsdesign zunächst auf den ersten Schritt einer möglichen Wirkungskette konzentrieren. Nur, wenn sich dabei Hinweise auf eine Gefährdung ergeben, sollten weitere Schritte der Wirkungskette untersucht werden;
Sicherheitsforschung sollte für bestimmte Schutzziele wissenschaftlich fundierte „Schwellenwerte“ ermitteln, unterhalb derer mögliche negative Effekte vernachlässigbar sind oder toleriert werden können; ...
Bei der Untersuchung möglicher Wirkungen eines GVO auf andere Organismen oder „die Umwelt in ihrem Wirkungsgefüge“ (§1 GenTG) sollte sich das Versuchsdesign zunächst auf den ersten Schritt einer möglichen Wirkungskette konzentrieren. Nur, wenn sich dabei Hinweise auf eine Gefährdung ergeben, sollten weitere Schritte der Wirkungskette untersucht werden;
Sicherheitsforschung sollte für bestimmte Schutzziele wissenschaftlich fundierte „Schwellenwerte“ ermitteln, unterhalb derer mögliche negative Effekte vernachlässigbar sind oder toleriert werden können; ...
(S. 4)
Auswirkungen des Anbaus und der Nutzung von Pflanzen als nachwachsende Rohstoffe oder als Produzenten von Pharmazeutika; ...
Kontinuierliche Maßnahmen zur Integration von biologischer Sicherheitsforschung im Bildungssystem:
  • Etablierung von Sommerschulen zur biologischen Sicherheitsforschung als gemeinsames Projekt mehrerer Universitäten und Forschungseinrichtungen, die sich wissenschaftlich mit der Thematik auseinandersetzen und Studenten aller biologischen und agrarwissenschaftlichen Fakultäten zur Verfügung stehen;
  • Einbeziehung dieser Sommerschulen in die Biologielehrerausbildung;
  • Etablierung eines Netzwerks von Universitäten und Forschungseinrichtungen zur Freisetzung von GVO, das von einer professionell organisierten gemeinsamen Öffentlichkeitsarbeit begleitet wird;
  • Etablierung der Grundlagen der biologischen Sicherheitsforschung bzw. der Technikfolgenabschätzung im Allgemeinen in den Lehrplänen der Schulen.
Zusätzliche Kommunikationsmaßnahmen für die breite Öffentlichkeit:
  • Initiierung konzertierter Öffentlichkeitsmaßnahmen des BMBF und relevanter wissenschaftlicher Einrichtungen. Ziel ist es, durch gemeinsames Auftreten das Thema Sicherheitsforschung in die Öffentlichkeit und Medien zu bringen (z.B. eine „Woche der Sicherheitsforschung“ mit Maßnahmen wie ein wissenschaftliches Symposium zu „20 Jahre biologische Sicherheitsforschung in Deutschland“ , Pressekonferenz, Ausstellungen, Journalisten- und Schülerpraktika an den Forschungsstätten, Mitmachaktionen wie Schülerzeitungswettbewerbe zum Thema biologische Sicherheitsforschung);
  • Lehrmaterialien/Filmdokumentation zur biologischen Sicherheitsforschung (für Schulen und andere Bildungsträger);
  • Fortführung und Ausbau von Informationsplattformen wie bioSicherheit.de. (S. 6)

Hinter den harmlos anmutenden Begriff der Sicherheitsforschung, dem Blick auf Folgen für gentechnikfreie Landwirtschaft, Umwelt und Gesundheit steckt also nicht nur Betrug und Verschleierung, sondern auch die gefährlichste Anwendung der Agro-Gentechnik mit weitgehend unbekannten gv-Konstrukten. Der schöne Begriff dient Täuschung und Fälschung, oft genug schnödem Betrug. Die gewünschte Wirkung aber wird erzielt. Ein unfassbarer, treudummer Glaube an das Gute in der Sicherheitsforschung herrscht bei vielen vor, selbst bei Gentechnikgegner_innen wie Umweltverbänden, Kirchen, Grünen und sogar den Biolandwirtschaftsverbänden. Es ist daher nötig, auch den diesen Kritiker_innen der Agro-Gentechnik und ihren strategien ein Kapitel zu widmen.

Auszug aus dem Verfassungsgerichtsurteil vom 24.11.2010 (1 BvF 2/05), Rdnr. 310
Zugunsten der kollidierenden Rechtsgüter von Verfassungsrang - Eigentum und Berufsfreiheit, menschliches Leben, Gesundheit und Umwelt - ist in die Abwägung einzustellen, dass die Forschung an gentechnisch veränderten Organismen sie gefährden kann. Insbesondere die Sicherheits- und Entwicklungsforschung vor der Marktzulassung eines gentechnisch veränderten Organismus kann ein hohes Risikopotential bergen, da noch unklar sein kann, wie dieser Organismus funktioniert und welche Schäden er für Menschen, Pflanzen, Tiere und Biodiversität verursacht. Der Erprobungsanbau von verkehrszugelassenen gentechnisch veränderten Organismen kann das verträgliche Nebeneinander der verschiedenen landwirtschaftlichen Produktionsformen einerseits durch die Erlangung von Daten zur Koexistenz fördern, andererseits durch Auskreuzungen oder andere Einträge dieser Organismen auf benachbarte Flächen die kollidierenden Belange (insbesondere Art. 12 Abs. 1, Art. 14 Abs. 1, Art. 20a GG) beeinträchtigen. Für jeden Forschungsbereich gilt, dass einmal in die Umwelt absichtlich eingebrachte oder durch einen Störfall freigesetzte Organismen unter Umständen nicht mehr zurückgeholt werden und Beeinträchtigungen oder Schäden an Rechtsgütern Dritter oder der Umwelt damit irreversibel sein können.


Am 31.12.2012 war Schluss ... aber nicht mit der Agrogentechnikförderung insgesamt. Neue Programme liegen an ...

Rechtsbruch Akteneinsicht

Damit nicht genug, der Skandal fand und findet nicht nur auf dem Acker statt, sondern auch in den beteiligten Institutionen. Denn wie alle anderen Bundesbehörden und Vergabestellen von Fördermitteln des Bundes verweigerte auch das für die Biosicherheitsförderung zuständige Forschungszentrum Jülich rechtswidrig die Akteneinsicht nach dem Umweltinformationsgesetz.117 Das PTJ ist von der Bundesregierung mit der Geldmittelvergabe, auch bei anderen Programmen wie z.B. GABI, beauftragt worden. Es ist dabei keine neutrale, sondern eine ideologisch einseitige Vergabestelle, wie die Selbstdarstellung zeigt: "Durch die Förderung der Bio- und Gentechnologie setzt die Bundesregierung Impulse für die Grundlagenforschung, für Firmengründungen und für Kompetenzbildung zugunsten der Entwicklung einer modernen und 'nachhaltigen' Biotechnologie."
Ein Akteneinsichtgesuch aus dem Jahr 2009 wurde zunächst durch unsinnige Nachfragen verzögert und dann abgelehnt. In einem weiteren Antrag erfolgte ebenfalls die Absage. Der Antragsteller reichte inzwischen Klage beim Verwaltungsgericht Gießen ein (Az.1 K 1690/10.GI). Auch diesem fortwährenden Rechtsbruch im Umgang mit der Akteneinsicht durch Bundesbehörden ist eine Extra-Seite im Internet gewidmet.

Im Original: Projektträger Jülich und die Akteneinsicht ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus der Selbstdarstellung des PTJ, Redakteurin: Claudia Möhring (FAZ, Beirat JKI)
Darüber hinaus können die modernen Biowissenschaften helfen, landwirtschaftliche Produkte qualitativ zu verbessern und ihre Ausbeute zu erhöhen. (S. 17)
Durch die Förderung der Bio- und Gentechnologie setzt die Bundesregierung Impulse für die Grundlagenforschung, für Firmengründungen und für Kompetenzbildung zugunsten der Entwicklung einer modernen und „nachhaltigen“ Biotechnologie. (S. 18)
Die so genannte „grüne Gentechnik“, die Anwendung der Gen-Technologie auf Pflanzen und ihre Kompartimente, birgt große Chancen – auch für die Wirtschaft. Mit ihrer Hilfe will man die Versorgung mit Nahrungsmitteln verbessern und interessante Rohstoffe für chemische Prozesse heranwachsen lassen. Längst hat freilich auch ein internationaler Konkurrenzkampf um die Aufklärung wirtschaftlich bedeutsamer Pflanzengenome, die patentrechtliche Absicherung der Ergebnisse und die dadurch mögliche Verbesserung der Marktposition für neue Pflanzensorten mit spezifischen Eigenschaften begonnen. Um die Chancen, die sich daraus ergeben, für Deutschland intensiver nutzen zu können und einen Beitrag zur Standortsicherung zu leisten, hat das BMBF die Initiative „Genomanalyse im biologischen System Pflanze – GABI“ ins Leben gerufen. (S. 19)
Ein Anliegen von GABI ist es zudem, die Kooperation zwischen Wirtschaft und Wissenschaft zu vertiefen und bereits bestehende Kontakte auszuweiten. (S. 20)
Im Schwerpunkt „Forschungsansätze für die freisetzungsbegleitende Sicherheitsforschung“ sollen Strategien zur Erhöhung der Sicherheit gentechnisch veränderter Pflanzen entwickelt werden. Dazu zählen zum Beispiel eine möglichst enge Begrenzung der zu übertragenden Gensequenzen oder Methoden, die verhindern, dass gentechnisch veränderte Pflanzen sich ausbreiten können. Forschungsbedarf besteht auch im Hinblick auf die Entwicklung und Standardisierung von Verfahren zum Nachweis übertragener Gene. Gefördert werden zudem Arbeiten an Pflanzen, deren Freisetzung in Deutschland zu erwarten ist – wie Raps, Zuckerrüben, Kartoffeln, Mais, Getreide, Weinreben, Obst und Forstgehölze. ...
Die Ergebnisse der biologischen Sicherheitsforschung sind eine wichtige Grundlage für die Tätigkeit von Genehmigungsbehörden und eine ausgewogene öffentliche Diskussion. Das Förderkonzept sieht daher auch ein Projekt
„Kommunikationsmanagement in der biologischen Sicherheitsforschung“ vor. Seine Aufgabe besteht vor allem darin, die Ergebnisse der Sicherheitsforschung bekannt zu machen und die Zugänglichkeit der Daten zu gewährleisten. Auf solcher Grundlage sollte die öffentliche Diskussion der „Grünen Gentechnik“ sachlicher zu führen sein.
(S. 35)

Begründung der Ablehnung des Akteneinsichtsgesuchs (Brief des Forschungszentrum Jülich vom 30.6.2009)

Der gesamte Ablauf des Streits um Akteneinsicht (auch bei anderen Behörden)

Links

Zu Seilschaften und Filz in der Gentechnik