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Gentec in GI Gerste Betrügereien 2009 Maisfeld Stadtpolitik Uni Prof. Kogel&IFZ
Argumente

Versuchsfeld mit transgener Gerste:
Können die Agro-Gentechnik-ForscherInnen Landwirtschaft?

Lage ++ Forscher ++ Vorphase ++ Anbau 2006 und 2007 ++ 2008: Abgesagt ++ 2009: Verlegt ++ Zusatzinfos ++ Links

Mit Geld umgehen, Anträge fälschen und Strippen ziehen können sie, die AkteurInnen der Agro-Gentechnik. Das dürfte nach den Darstellungen zum Gentechnikfilz zwischen Behörden, Parteien, Firmen, Forschung und Lobbyverbänden deutlich. Doch können sie auch das, was sie eigentlich vorgeben, in der Hauptsache zu erforschen und dafür anzuwenden? Können sie ... Landwirtschaft?
Alles im Griff - das signalisieren sie seit Jahren. Machen wir den Test. Dabei sind wir nicht fies, sonst würden wir die Aufgabe stellen, ein paar Hektar gentechnisch veränderten Raps anzubauen, um danach zu schauen, ob der Raps sich via Bienen oder Samenkörnern weiter vermehrt. Das wäre eine ziemlich aussichtslose Lage für die, die das versuchten. Forscher, die mit gv-Raps arbeiten, haben zwar oft die dicke Lippe riskiert und solche Behauptungen aufgestellt, dass sie sogar Raps bändigen könnten, aber das diente wohl eher der politischen Durchsetzung mit den üblichen Lügen und Beruhigungspillen als dass sie das selbst glaubten.
Nein, wir sind gar nicht so und stellen eine leichte Aufgabe: Uns reicht ein kleines Beet. Schön übersichtlich, sagen wir: 9,6 Quadratmeter. Und dann nehmen wir eine Pflanze, die kaum eine Tendenz hat, sich selbst zu verbreiten - nur wenig Pollenflug, kein starker Durchwuchs über herausfallende Körner. Sommergerste. Ab 2006 wollten die Unis Gießen und Erlangen im Forschungsverbund mit international weiteren Universitäten ein solches kleines Beet mitten in Gießen, gleich neben der Universitätsbibliothek anlegen. Schauen wir mal, ob es ihnen gelungen ist - oder ob auch diese leichte Aufgabe zu viel war und die Gerste unkontrolliert in der Landschaft herumstand.

Das Beet, die Uni und die Stadt

Sehen wir uns als ersten einmal den Versuchsstandort an. "Mitten in der Stadt" ist nicht übertrieben. Direkt neben dem Feld steht die Universitätsbibliothek. An zwei weiteren Seiten finden sich vielbefahrene Straßen, die Rathenaustraße und der Alte Steinbacher Weg. Die vierte Seite, im Südwesten, wird durch die Parkplätze des Phil I, einem der Uni-Campusgelände, begrenzt. Voller urbaner Raum also - und Lieblingsstandort einer der wenigen wilden Gerstearten, die als Kreuzungspartner der gv-Gerste in Frage kämen, nämlich der Mäusegerste. Aber dazu später ...
Die Adresse: Alter Steinbacher Weg 44. Dort stehen auch die Gebäude des Instituts für Phytopathologie und Angewandte Zoologie (IPAZ). Chef ist unter anderem Prof. Karl-Heinz Kogel - und er ist der nach Gentechnikgesetz zu bestimmtende Versuchsleiter. Das Feld befand sich zwischen zwei Straßen (Alter Steinbacher Weg und Rathenaustraße), Uni-Parkplätzen und dem Uni-Gebäudetrakt Phil 1 - verborgen unter einem mit grünem Vogelnetz bespannten Holzgerüst. Rundherum legten die WissenschaftlerInnen eine Schwarzbrache ab, also unbewirtschaftete, offene Erde. Das Gesamtgelände war durch einen Maschendrahtzaun umgeben und konnte zu Fuß vollständig umrundet werden. Noch im umzäunten Grundstück befanden sich östlich ein Apfelbaumhain und gegenüber die benannte Ansammlung von Schuppen und Gebäuden des Institut mitsamt Einfahrt vom Alten Steinbacher Weg her (Nordwestecke des Grundstücks).


Im Original: Lagepläne und Links zum Ort des Feldes ... Diese Pläne ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden


Umgebungskarte Gießen-Landkreis (größer per Klick)
  • Das war der Eintrag ins Standortregister im Jahr 2006
  • Download der Genehmigung (gescannt als PDF)
  • Infoseite der Uni zur Versuchsstation am Alten Steinbacher Weg
  • Aktenauszüge als Ablichtungen der Originale mit Abschriften wichtiger weiterer Teile der Akten bei Universität Gießen und Regierungspräsidium Gießen (die Akteneinsicht erfolgt aufgrund des Hessischen Umweltinformationsgesetzes und musste gewährt werden)
Im Original: Rundgang um den Versuchsstandort im Frühjahr 2006... Diese Fotos ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Alle Richtungs-Beschreibungen zu den weiteren Bildern orientieren sich am ersten Bild aus der Uni-Bibliothek
Alle Bilder stammen auf dem Jahr 2006. Einfach Anklicken, um größere, hoch auflösendere Versionen anzusehen!
Bild links: Aufnahme aus der Uni-Bibliothek im Phil 1 mit Blick auf das Gerstenfeld genau in der Bildmittel. Das Feld liegt also unmittelbar neben dem Uni-Campus mit Philosophikum 1 (Phil 1), Mensa und AStA. Um anhand dieser Aufnahme einen ungefähren Eindruck der Lage zu vermitteln: Das eigentliche Versuchsfeld ist sehr klein; es soll von von einem "Randstreifen mit konventioneller Gerste umfasst, der wiederum von Schwarzbrache und einem 25 Meter breitem Streifen Weißklee umschlossen" werden (Gießener Anzeiger, 25.04.2006). Vor dem eigentlichen Genfeld und den dazu gehörenden Flächen liegen, wie zu erkennen ist, einige teilweise sehr marode Schuppen, weiter links ein nachts beleuchtetes Gewächshaus, es folgt ebenfalls links (auf dem Bild nicht sichtbar!) ein vom Feld abgetrennter Hof mit weiteren Schuppen und Gebäuden und einer durch ein Tor begrenzten Einfahrt vom Alten Steinbacher Weg. Der Alte Steibacher Weg (Straße und Fußweg) führt - siehe das weiße Auto - direkt am Gelände vorbei und trifft an dessen hinterem Ende auf die Rathenauer Strasse.
In der Bildecke unten links ist ein Uni-Parkplatz erkennbar, von dem aus ein Wege am Phil 1 vorbei führt Richtung Mensa und AStA.
Hinter dem Feld gibt es einen Apfelbaumhain, der mindestens an einer Stelle einen Zugang zur Versuchsfeld-Fläche besitzt.
Rechts neben dem Gelände befinden sich Uni-Parkplätze und die Rathenauer Strasse, die Phil 1 und Phil 2 von einander trennt und wie der Alte Steinbacher Weg direkt am Testfeld vorbei führt. Der hier auf dem Bild erkennbare Weg führt zu diesem Parkplatz.
Bild rechts: Aufnahme aus gleicher Sichtrichtung wie das erste Bild, allerdings vom Fußweg aus.


Bild links: Blick vom Parkplatz hinter der Uni-Bibliothek auf das Gewächshaus und den kleinen Fußweg, der nach links zum Alten Steinbacher Weg und zur Hofeinfahrt sowie nach rechts zu weiteren Uni-Parkplätzen und zur Rathenauer Strasse führt.
Bild rechts: Aufnahme vom Fußweg nach vor der Uni-Bibliothek zum Feld (Bibliothek im Rücken); sichtbar ist, dass sich zwischen Maschendrahtzaun und Feld keine weiteren Barrieren befinden.


Bild links: Weitere Aufnahme vom Fußweg mit Blickrichtung Alter Steinbacher Weg.
Bild rechts: Aufnahme vom Uni-Parkplatz mit Blick auf den Alten Steinbacher Weg. Zur Orientierung: Links (nicht sichtbar) befinden sich Gewächshaus, weitere Gebäude sowie die Uni-Bibliothek vom Phil 1. Auch hier nur ein einfacher Maschendrahtzaun.


Bild links: Aufnahme vom Fußweg an der Rathenauer Strasse mit Blickrichtung auf das Phil 1; das Gebäude links ist die Uni-Bibliothek, rechts sind Gewächshaus und weitere Gebäude auf dem Versuchsgelände erkennbar. Im Vordergrund: Durchgang zwischen Apfelbaumhain und Versuchsfeld.
Bild rechts: Weitere Aufnahme vom Parkplatz aus mit sehr genauem Einblick in die Struktur des Gersten-Feldes


Bild links: Aufnahme vom Fußweg am Alten Steinbacher Weg, in direkter Nähe zum Hof mit Schuppen und Gebäuden. Der Zaun im Vordergrund trennt Feld und Hofbereich.
Bild rechts: Aufnahme vom Fußweg am Alten Steinbacher Weg; links das Feld, rechts das Gewächshaus. Im Hintergrund ist der Uni-Campus mit den Gebäudetrakten des Phil 1.


Bild links: Blick über das Tor des Hofes. Rechts neben der Garage mit Holzflügeltüren ist das Gengerstenfeld zu sehen.
Bild rechts: Blick auf die Hofeinfahrt mit Tor vom Alten Steinbacher Weg; oben rechts ist die Uni-Bibliothek erkennbar.


Am Ende des Rundgangs; ein Blick vom Parkplatz vor der Uni-Bibliothek auf den Hof und das große Gebäude rechts der Hofeinfahrt.
Genversuch behindert andere  Forschung

Was war denn vorher auf der Fläche? Eine spannende Frage, denn die Agro-GentechnikerInnen rufen ja immer laut nach Forschungsfreiheit, die sie durch die KritikerInnen ihrer Forschungsgeld-gefütterten Beete in Gefahr sehen. In der Betriebsanweisung zum Versuchsfeld findet sich der Hinweis, dass "während der Freisetzung der gentechnisch veränderten Gerste keine weiteren Feldversuche" stattfinden. Die gab es aber vorher - und zwar zuhauf, wie das Foto rechts deutlich zeigt. All diese Felder durften nicht mehr angelegt werden. Wer behindert hier wen? Hat nicht die Gier nach Forschungsmitteln und die Anlage des Gengerstenversuchs die Forschungsfreiheit behindert - in dem er nämlich eine Vielzahl anderer Versuche unmöglich machte? Mal abgesehen von den Geldern, die für die Agro-Gentechnik hinausgepulvert werden und in anderen Forschungsfeldern fehlen ...

Rechts: Archivfoto, größer durch Klick!


Aus der Betriebsanweisung zum Feld (S. 2, Quelle: Akte beim RP)

Auf diesen Flächen wollten Prof. Kogel und sein Team dann 2006 genau 5000 transgene und Vergleichspflanzen ausbringen. Anders als in den Förder- und Genehmigungsanträgen angegeben, war es aber keine neu entworfene Prüfung von Umweltauswirkungen transgener Pflanzen, sondern die Fortsetzung eines jahrelangen Experimentes zur Entwicklung gentechnischer Verfahren und darauf folgenden neuer Produkte. Das geschah vor allem im Labor und trug seinen Teil dazu bei, das Gießener „IFZ für Umweltsicherung“ (welch ein Etikettenschwindel!) zu großen Teilen in lange Flure voller Gentechniklabore zu verwandeln.

Und wer wird da tätig? Kogel, das IFZ und sein Kollege Sonnewald

Versuchsflächen, Gewächshäuser und das kleine Haus mit Institutsräumen sind nur Nebengebäude des Kogel-Instituts. Hauptsitz ist das IFZ, ausgeschrieben: Interdisziplinäres Forschungszentrum für Umweltsicherung. Schon der Bau, ist beeindruckend. Geschichte und heutige Nutzung stehen in einem bizarren Missverhältnis. Was hier geschehen sollte, folgte noch dem früher stärkeren Hang zu Umweltforschung als Querschnittsaufgabe. Der erste Spatenstich erfolgte im Jahr 1997. Als das Gebäude fertig war, hatte der Umweltschutz als wichtiges Gesellschaftsthema wieder abgedankt. Biologie, Ökologie und verwandte Disziplinen wurden in Schulunterricht sowie Forschung und Lehre an Hochschulen ausgedünnt, gelangen dann aber durch den Siegeszug der Biotechnologie zu neuer finanzieller Blüte. Erhebliche Förderungen aus Staatstöpfen und der ebenfalls mit Steuergeldern hantierenden DFG blähten die entsprechenden Institute und Fachbereiche auf. Wer heute auf biotechnologisch orientierte Institute stößt, erlebt überwiegend Reichtum. So auch in Gießen: Das IFZ hat sich zu einem wahren Protzbau der GentechnikerInnen gemausert. Hier reiht sich Gentechniklabor an Gentechniklabor, vor allem in den beiden Stockwerken der Gentechnikprofessoren Kogel und Friedt. Wer hier über die die Gänge schlendert, kann erahnen, welch unbedeutendes Teilelement das Genversuchsfeld am Alten Steinbacher Weg darstellt. Das Herz der Agro-Gentechnik-Maschinerie der Uni Gießen schlägt am Heinrich-Buff-Ring. Ein Spaziergang durchs Gebäude zeigt aber noch anderes: Hier steht nicht ergebnisoffene Forschung im Mittelpunkt oder Lehre von verschiedenen Standpunkten aus. Hier ist alles klar. Auf den Gängen finden sich Auslagen und Aushänge voller Werbung für die Gentechnik. Viele der Schriften stammen direkt von den Konzernen, einige sogar von Lobbyverbänden. Allerdings mögen Instituts- und Universitätsleitung es nicht, wenn Menschen mit kritischem Blick durch diese Hochburg geldfixierter Forschung. Das Foto mit den Werbeprospekten von BDP, KWS und anderen löste einige Auseinandersetzungen aus und führte zum Hausverbot des Fotografen überall in der Uni Gießen für mehrere Jahre. Die Verflechtungen der Gießener Agro-GentechnikerInnen mit Konzernen und Lobbygruppen sind aber auch andernorts deutlich: Kogel hält Patente mit der BASF, sein Stellvertreter Imani sitzt im Arbeitskreis Deutsche In Vitro Kulturen und der Finanzplan des Gerstenversuchs benannte Fahrtkosten zum BDP auf.
Aber zurück zum IFZ: Eigentlich als Forschungszentrum für "Umweltsicherung" gedacht, mutierte es zur High-Tech-Zentrale der Agro-Gentechnik. Zwischen diesen werden einige verbliebene Reste weiterer Institute wie z.B. zur Landschaftsökologie noch geduldet. Die beiden Institutschefs der Gentechniksparten sind überregional bekannt. Seit Jahren experimentieren sie mit der Gentechnik. Prof. Wolfgang Friedt war schon Mitte der 90er Jahre mit Freilandexperimenten an der Versuchsstation in Rauischholzhausen nordöstlich von Gießen aktiv. Begleitende Propaganda war auch damals schon angesagt. Friedt verfasste am 18.4.1997 die berüchtigte Erklärung zum Feldversuch mit gentechnisch gezüchtetem Raps auf dem Gelände des Lehr- und Versuchsbetriebes in Rauischholzhausen, in der er zur Beruhigung der AnwohnerInnen das Blaue vom Himmel herunterlog und jegliche Verbreitung der gv-Konstrukte "wegen nicht gegebener Kreuzbarkeit von Raps mit Kruziferen der hiesigen Flora" ausschloss. Seiner Karriere tat das ebenso wenig Abbruch wie Kogels Fälschungen bei den Fördermittel- und Genehmigungsanträgen hinsichtlich der Versuchsziele und seine Falschaussage vor Gericht, dass Gerstenpollen nicht in die Umwelt gelangen können. "Eiskalte Intelligenz in der Knechtschaft des Kapitals", entfuhr es einem alten Arzt, nachdem er Kogel live erleben konnte. Doch Kogel und sein Agro-Gentechnik-Kollege Friedt sind nicht die einzigen, auf die das zutreffen würde. Gekaufte Wissenschaft als nach staatlichen oder privatwirtschaftlichen Drittmitteln hechelnde Agenten der herrschenden Macht- und Profitinteressen gibt es überall. 1999 warb Prof. Dr. Thomas Eikmann als Sprecher des Umweltforums der Justus-Liebig-Universität Gießen für die Agro-Gentechnik. Eikmann ist Direktor des Institutes für Hygiene und Umweltmedizin der Universität Gießen und einer der wichtigsten Gefälligkeitsgutachter in Auseinandersetzungen um Müllverbrennungsanlagen, Mobilfunkmasten oder Kohlekraftwerke immer wieder in Erscheinung getreten. "Die Belastung bleibt praktisch gleich", so sein ständiges, schon in der Wortwahl unwissenschaftliches Fazit. Eine Nähe zu den Gentechnik-Seilschaften weist Eikmann schon vom Studium her auf, denn er studierte Biologie an der RWTH Aachen. Aber er sitzt seit 2001 Mitglied in der Zentralen Kommission für die Biologische Sicherheit (ZKBS) und ist seit 2002 Vorsitzender des VDI-DIN-Hauptausschusses "Monitoring der Wirkung von gentechnisch veränderten Organismen (GVO)".

Der Freilandversuch mit gentechnisch veränderter Gerste war nicht allein das Werk der ForscherInnen aus dem IFZ. Beteiligt waren zudem die US-amerikanische Washington State University in Pulman und die Universität Erlangen. Der dortige Gentechnik-Professor Uwe Sonnewald war als Co-Projektleiter direkter Partner des Gießeners Kogel. Sonnewalds Vergangenheit liegt bei der Gentechnik des IPK in Gatersleben und bei der BASF-Tochterfirma SunGene. Das passt schon mal: Auch Kogel hat Patente bei dieser Firma. Beide haben ihren Schwerpunkt auf Getreidemanipulation - und Sonnewald bringt für den Versuch noch ein weiteres Faustpfand mit ein. Er sitzt in der ZKBS. Dieses Gremium musste auch über das geplante Gerstenfeld abstimmen - ob es gefährlich sei oder nicht. Und unglaublich: Sonnewald nimmt an der Abstimmung über seinen eigenen Versuch teil. Er stimmt, wie die anderen, mit Ja - zum eigenen Versuch (Quelle: ZKBS-Beschluss im Umlaufverfahren in der Genehmigungsakte).

Trotz vieler Titel und angesehener ForscherInnen: Mit dem Fachwissen haperte er dann doch an erstaunlichen Punkten. Kogel taxierte den üblichen Aussaatzeitpunkt von Gerste auf April (Gießener Anzeiger, 9.2.2006), während der Beauftragten für Biologische Sicherheit, Dr. Gregor Langen, in einer Zeugenaussage vor Gericht auf die Frage des Richters Oehm ganz passen musste, wann Gerste blüht. Das wisse er nicht, er sei ja schließlich kein Landwirt. Ein Genexperiment mit Gerste - durchgeführt von Ahnungslosen ... Richter Oehm zog damals die einzig mögliche Konsequenz, um ein Desaster für die Uni-Eliten zu verhindern: Er verbot alle weiteren Fragen zum Thema an die Zeugen.

Im Original: Aussaatzeitpunkt von Sommergerste ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Verspäteter Aussaatzeitpunkt macht Versuch unbrauchbar!
Aus den
Pflanzenbauliche Basisinformationen auf ProPlanta:
Sommergerste sollte im Frühjahr so früh wie möglich gesät werden. Eine verspätete Aussaat der Braugerste geht zu Lasten der TKM, des Eiweißgehaltes und des Spelzenanteils. Eine Aussaat noch vor Ende März wirkt sich dagegen positiv auf die Bestockungsneigung und Ährchendifferenzierung aus.

Anbautipps der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen
Wie bei allen Sommergetreidearten, muss auch bei der Sommergerste durch eine möglichst frühe Aussaat die ohnehin knappe Vegetationszeit ausgenutzt werden. Insbesondere die noch verfügbare Zeit unter Kurztagsbedingungen, also die Zeitspanne vom Saattermin bis etwa zum 20. April, sorgt für gute Bestockungs- und Bewurzelungsverhältnisse, als Voraussetzung für ausreichend hohe Bestandesdichten bei noch moderaten Aussaatstärken.

Der lange Weg zur Aussaat: Viele Jahre Labor, wenige Monate PR-Kampagne!

Die Freisetzung: Endphase eines langen Methodenversuchs - Sicherheitsforschung nur vorgeschoben

Die Aussaat war nicht der Anfang, auch der Antrag auf Freisetzung nicht. Es ging früher los, viel früher. Denn anders als Kogel und sein Team später behaupten, wollte er mitnichten an den Auswirkungen auf nützliche Bodenpilze forschen. Das behauptete er, um an die Gelder aus dem Programm zur Sicherheitsforschung zu kommen. Tatsächlich war Kogel schon seit vielen Jahren mit der Entwicklung gentechnischer Methoden befasst. Die Gerste nutzte er als Trägerpflanze - die veränderten Pflanzen interessierten ihn sonst nicht weiter. Die Arbeiten verliefen immer mehrgleisig, um ständig zwei oder drei Fördertöpfe anzapfen zu können. So waren sie bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft angesiedelt. Unter der Projektnummer "FOR 343" findet sich ein Teilprojekt "AG Prof. Dr. K.-H. Kogel - Dr. G. Langen". Die dazugehörige Internetseite, erste Quelle zum Forschungsstrang, der 2006 dann in die Freisetzung mündete, liegt auf dem Server der Uni Gießen und wurde mit Word 97 erstellt. Lange her also. DFG und Kogel blieben sich weitere Förderzeiträume treu. 2002 wurden 2,5 Mio. bewilligt für drei weitere Jahre. 2006 erfolgte die nächste Spritze - jetzt als gänzlich neu formuliertes Projekt wurde unter Nummer "FOR 666". Die Projekte wurden ergänzt oder abgewandelt, um die neuen Geldflüsse zu legitimieren.
Parallel zapfte Kogel geschickt weitere Quellen an. 1998 wurde das große und geldschwere Förderprogramm der Bundesregierung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unter dem Namen „Genomanalyse im biologischen System Pflanze – GABI gestartet. Es ließ sich ebenso prima nutzen wie später das ebenfalls vom BMBF betriebene Biosicherheitsprogramm. Kogel und sein Team waren nicht die einzigen, die auch dort ihre Chance witterten. Der laufende Versuch wurde wieder umgeschrieben und unter der Behauptung, plötzlich Umweltauswirkungen gentechnisch veränderter Pflanzen testen zu wollen, angemeldet: 352.000 € für 9,6 qm Fläche waren ein stolzer Batzen Geld, der fast vollständig in die Regelstellen des Instituts floss und dort den Weiterbetrieb sicherte.

Doch Kogels Forschungen lassen sich nicht nur in Geldanträgen und Zuschüssen nachvollziehen. Er trug seine Forschungen einschließlich Zielen und Zwischenergebnissen immer wieder in die Öffentlichkeit. Aus diesen Texten ist noch besser ersichtlich, an was hier geforscht wurde und dass es mit der angeblichen Biosicherheitsforschung nicht weit her ist. Die älteste Meldung stammt vom 12.02.1999. die Universität kündigte die "Entwicklung qualitativ neuartiger Prinzipien des Pflanzenschutzes" an. Fünf Jahre später beschrieb Kogel seine Forschung genauer, auf der letzten Seite nochmals zusammenfassend und unmissverständlich als Methoden- und Produktentwicklung. Zudem kündigte er die "Freilandversuche in Kooperation mit nationalen Saatgutfirmen" an (Spiegel der Forschung Nov. 2004, S. 85). Alle wichtigen Details entsprachen der späteren Lage am Versuchsfeld in Gießen. Es war der Versuch, der 2004 angekündigt wurde - die Sicherheitsforschung war eine Fälschung! 2005 stellt er dann Förder- und Genehmigungsanträge für sein Feld mit transgener Gerste. Doch nun soll es um ganz andere Forschungsziele gehen. Wer das glaubt, muss auch die Frage klären, wo denn die 2004 angekündigten Freisetzungen gelaufen sein sollen oder warum sie plötzlich ausfielen. Viel wahrscheinlicher ist, dass Kogel seine geplanten Forschungen durchzog, aber nach außen zwecks Ausnutzung zusätzlicher Finanzquellen einfach umdeklarierte.

Im Original: Kogels frühere Forschungen und Vorankündigungen ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus Kogel/Jansen: "Das nationale Verbundprojekt GABI-Agrotec", in: Spiegel der Forschung Nov. 2004 (S. 78 ff.)
Sicherung des Ertrags und optimale Qualität von Lebensmitteln – das sind die Kernziele der heutigen Agrar- und Verbraucherschutzpolitik. Doch wie lassen sich diese Ziele unter Einhaltung moderner Umweltschutzbestimmungen und der Prämisse der „Nachhaltigkeit“ erreichen? Die einzig praktikable Lösung scheint in der Entwicklung von Nutzpflanzen zu liegen, die Krankheiten und ungünstigen Umwelteinflüssen trotzen. Die klassische Pflanzenzüchtung stößt hier an ihre Grenzen, da es nicht möglich ist, alle Gene, die an der Ausprägung einer solch komplexen Widerstandsfähigkeit beteiligt sind, durch Kreuzung in einer Sorte zu vereinen. Doch was tun, wenn die klassische Züchtung nicht zum Erfolg führt? Aus Sicht der Wissenschaft liegt die Antwort in der „Grünen Gentechnik“, das heißt in der gezielten Herstellung von Pflanzen, die den modernen Produktionsanforderungen, wie hohe Erträge bei reduziertem Pestizideinsatz und möglichst geringer Belastung des Ernteguts mit toxischen mikrobiellen Stoffwechselprodukten, entsprechen. Die große Herausforderung besteht heute darin, den Verbraucher über die Notwendigkeit dieser Vorgehensweise aufzuklären und so die gesellschaftliche Akzeptanz für eine neue Generation von Nutzpflanzen zu verbessern. ...
Der große Vorteil gegenüber der klassischen Züchtung besteht darin, dass Gene, die an der Ausprägung des gewünschten Merkmals beteiligt sind, gezielt in Pflanzen, z.B. Hochertragssorten, eingebracht werden können. Dabei spielt es im Prinzip keine Rolle, aus welchem Organismus diese Gene stammen. Während man in der klassischen Pflanzenzüchtung darauf angewiesen ist, dass Spender- und Empfängerpflanze sich miteinander kreuzen lassen, können in der Grünen Gentechnik auch Gene aus Bakterien oder artfremden Pflanzen in die gewünschte Zielpflanze eingebracht werden.


S. 85: Im Rahmen der von der DFG geförderten Forschergruppe FOR 343 („Erhöhung des Resistenzpotentials der Gerste“, www.unigiessen.de/ipaz) ist am IPAZ im Jahr 2002 eine Transformationsgruppe etabliert worden, in der stabil transformiertes Getreide hergestellt wird. Das transformierte Getreide wird dann in Infektionsversuchen auf Fusariumresistenz in Wurzeln, Blättern und Ähren untersucht. Bei positiver Evaluierung werden anschließend Freilandversuche in Kooperation mit nationalen Saatgutfirmen und internationalen Forschungsinstituten, wie dem Department of Crop and Soil Sciences (Pullman, USA) und dem Indian Agricultural Research Institute (IARI, New Delhi) erfolgen. Es besteht die große Hoffnung, dass durch die Identifizierung und gezielte Nutzung Resistenz-vermittelnder Gene in Getreide ein wichtiger Beitrag zur Lösung der Fusariumproblematik und damit zur Sicherung der Nahrungsmittelqualität unter Berücksichtigung nachhaltiger und ressourcenschonender Produktionsweisen geleistet werden kann.

Für Versuchsablauf und den rechtlichen Status des Gießener Feldes sind die Abläufe von erheblicher Bedeutung. Hätte das reale Feld einem ganz anderen Zweck gedient als das beantragte, so wäre das nicht nur Fördermittelbetrug und damit eine Straftat. Sondern es wäre auch illegal, nicht durch eine Genehmigung gedeckt. Das hätte Konsequenzen haben müssen - Anklage gegen Kogel und sein Umfeld, zudem der Entzug der Genehmigung. All das ist nicht erfolgt. Staatsanwaltschaften, Bundesrechnungshof und BVL, die alle informiert wurden, deckten die ForscherInnen und stellten die Verfahren ohne Durchführung von Ermittlungen ein. Hinsichtlich des Fördermittelbetrugs diente ausgerechnet ein Brief des mittelvergebenen Forschungszentrums in Jülich als Begründung für die Einstellung. Dabei hatte das Forschungszentrum selbst der Uni noch Tipps für eine dem Förderprogramm angepasste Abfassung der Anträge gegeben - und der Geld- und Auftraggeber aus dem BMBF behauptete öffentlich ebenfalls fälschlicherweise: "Die Arbeit der Forscher dient einzig und allein dazu, sicherheitsrelevante Fragen zu beantworten" (Gießener Allgemeine, 2.6.2006, S. 23 und BMBF). Die Personen dort hätten also eher selbst wegen Beihilfe oder gar Anstiftung zu Straftaten angeklagt werden müssen. Aber nicht in diesem Land, dass seine Eliten mit Geld füttert und aufwendig schützt. Stattdessen hielt sich die Justiz an den KritikerInnen des Feldes schadlos und schickte einen der vier AktivistInnen, die am 2. Juni 2006 das Feld in einer symbolischen (weil offen angekündigten) Aktion beschädigten, für 6 Monate ohne Bewährung in den Knast - ein Abschreckungsurteil! Den Antrag, zu prüfen, ob das Feld überhaupt dem genehmigten Versuch entsprach und damit legal war, fegte das Gericht in der zweiten Instanz neben ca. 300 anderen Anträge pauschal als "ohne Bedeutung" vom Tisch. In der ersten Instanz durften gar keine Fragen zum Thema Gentechnik gestellt werden - und der Angeklagte an seinem eigenen Prozess auch nicht teilnehmen. So wurde die Uni vor Unannehmlichkeiten und der Aufdeckung ihrer Rechtsbrüche geschützt. Legal, illegal, scheiß egal ...
Da konnte Kogel dann ganz beruhigt seine Karten auf den Tisch legen: Am 18.2.2009 verfasste er zusammen mit anderen Beteiligten ein Patent, eingereicht wie üblich mit der BASF. Es ging um Gerste und Kogel ließ sich dort jeweils eine Produktreihe und eine Methodenreihe patentieren. Das ist sicher ein Zufall und hat mit der Freisetzung der Gerste in Gießen gar nichts zu tun, denn da ging es ja nur um Sicherheitsforschung ...

Im Original: Patentanmeldung ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Übersetzung des angemeldeten Patentes vom 18.2.2009
Patentanmeldung: Neue Nukleinsäuresequenzen und ihre Verwendung im Verfahren zum Erreichen einer Pathogenresistenz in Pflanzen
Erfinder: Karl-Heinz Kogel Ralph Hückelhoven Holger Schultheiss Markus Frank
Beauftragte: BASF Plant Science GmbH ...
Die Erfindung bezieht sich auf neuartige RacB cDNA Abschnitte der Gerste und auf Expressionskassetten* und Vektoren, die diese Promotorensequenzen enthalten. Die Erfindung bezieht sich außerdem auf transgene Pflanzen, die mit diesen Expressionskassetten oder Vektoren umgewandelt werden, auf Kulturen, Teile oder transgenes Ausbreitungsmaterial, die aus ihnen gewonnen werden und auf ihrem Gebrauch für die Produktion von Nahrungsmitteln, Futtermitteln, Saatgut, pharmazeutischer Produkte oder Chemikalien. Die Erfindung bezieht außerdem auf Methoden des Erzeugens oder der Erhöhung eines Krankheitserregerwiderstands in den Pflanzen durch das Verringern der Expression des RacB Proteins oder eines Funktionsäquivalents davon. ...
32. Eine Methode des Erzeugens oder der Erhöhung der Widerstandskraft gegen einen mindestens einen Krankheitserreger in einer Pflanze, die enthält: Verringern der Menge, Tätigkeit oder Funktion des RacB Proteins in einer Pflanze oder in Gewebe, Organ, einem Teil oder einer Zelle davon ...
51. Eine Methode des Auswählens einer Pflanzenzelle mit erhöhter Widerstandskraft gegen einen Krankheitserreger ...
57. Eine rekombinante Pflanzenzelle, in der die erzeugte Menge, Tätigkeit oder Funktion des endogenen RacB Proteins durch eine stabile Umwandlung mit einer Nukleinsäure oder einer Expressionskassette, die Nukleinsäure enthält, verringert wird.


*Eine Expressionskassette besteht einem oder mehreren Genen und den Sequenzen, die ihre Expression steuern. Drei Bestandteile sind in einer Ausdruckkassette enthalten: eine Promotorensequenz, ein offener Ableseframe und ein drittens einen unveränderten Bereich. Die Kassette ist ein Teil der Vektor-DNA, die für Klonen und Veränderungen benutzt wird.

Neben der Fälschung bei den Versuchszielen hätte der Antrag aber ohnehin niemals aus dem Biosicherheitsprogramm gefördert werden dürfen. Denn er verstieß gegen die Förderrichtlinien, nach denen das Geld ausgeschüttet wurde. Dort ist als Fördervoraussetzung benannt: "Die Forschungsansätze sollen sich auf gentechnisch veränderte Pflanzen beziehen, deren Anwendung in Deutschland erwartet wird bzw. deren Freisetzung bereits erfolgt." (BMBF-Bekanntmachung der Förderrichtlinien "Biologische Sicherheit gentechnisch veränderter Pflanzen" im Rahmenprogramm "Biotechnologie - Chancen nutzen und gestalten" am 1.12.2003). Die transgene Gerste war aber nicht für spätere Markteinführungen, das gab Versuchsleiter Kogel im Gerichtsverfahren gegen die FeldbefreierInnen an seinem Feld offen zu."Es wird noch eine Weile dauern, bis gentechnisch veränderte Gerstenlinien das Entwicklungsstadium hinter sich lassen und reif für eine Marktzulassung sind", heißt es selbst auf der Internetseite zur Biosicherheitsforschung. Folglich verstieß der Versuch gegen die Förderbestimmungen. Auch dazu stellen die angeklagten GentechnikkritikerInnen Beweisanträge, die aber ebenso als bedeutungslos bewertet wurden. Strafbar ist nur, was dem Staat nicht passt!

Im Original: Strafanzeigen und Einstellungen zum Fördermittelbetrug ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus dem Beratungsbrief des PTJ Jülich an die Uni Gießen vom 14.12.2007


Text der Strafanzeige vom 8.2.2009

Einstellung des Verfahrens mit der absurden Begründung, dass die am Betrug beteiligte PtJ gesagt hätte, alles sei okay. Aus der Einstellung durch die Staatsanwaltschaft Gießen
Kogel PR-Show im Frühjahr 2006 in Gießen ...

Das Gerstefeld war keine heimliche Sache irgendwo draußen in der Landschaft. Das Feld sollte eine Demonstration pro Gentechnik sein: Die gute Forschung entwickelt die guten Pflanzen für das zukünftige Wohl der Menschheit. Bevor die Gerste in den Boden kam, vollzog Kogel eine beeindruckende Kampagne für sein Feld. Er selbst inszenierte sich als differenzierter, kritischer und reflektierter Forscher.

Im Original: Kogel inszeniert sich als kritischer Gentechnikforscher ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus dem Gießener Anzeiger vom 1.6.2006 (S. 15)
Dabei legte Kogel ... großen Wert auf die Feststellung, dass er nicht als grundsätzlicher Befürworter von Gentechnik verstanden werden wolle.

Aus dem Stern, 28.5.2006
Auf die Proteste, die das Projekt von Anfang an begleitet haben, reagiert Kogel mit Information. Das Versuchsfeld ist gekennzeichnet, Besucher werden bereitwillig hingeführt. "Ich bin ja eigentlich kein starker Befürworter der Gentechnik", sagt Kogel.

Kogels Propaganda klappte. Mit besten Kontakten gerade in rot-grüne Kreise und einem bei Umweltverbänden akzeptierten Vokabular gelang es ihm, den für die Weiterentwicklung der Gentechnik sehr bedeutsamen Versuch weitgehend ohne Kritik durchzubringen. Dabei half ihm auch die Dominanz der Uni Gießen in der Stadt. Rechnerisch jedeR zweiter EinwohnerIn der Stadt studiert, ist bei der Uni angestellt oder lebt in einer Familie von Unibediensteten. In Vereinsvorständen dominieren Uni-Leute, da war von Umweltgruppen oder Anderen von Vornherein nicht viel zu erwarten. So blieb die Lage denn auch ruhig - einzig die kleine, aber entschlossene Gruppe der späteren "FeldbefreierInnen" stellte sich der einseitigen PR-Kampagne Kogels entgegen - ignoriert von den Eliten der Stadt. Noch im Herbst 2006 stellten sich alle Fraktionen im Stadtparlament und die grüne Umwelt-Bürgermeisterin auf Kogels Seite. Die SPD, der Kogel angehört, agierte wie Propagandaabteilung für den Versuch. Der damalige regionale und inzwischen zum Landes-SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel befand, dass "Jörg Bergstedt jenseits jeder ernst zu nehmenden Positionierung stehe" (Gießener Allgemeine, Internet 7.6.2006).
Das Hereinfallen auf den Marketingmann Kogel hätte leicht vermieden werden können. Denn soweit was es nicht her mit dem kritischen Wissenschaftler. Das formulierten zum einen die unabhängigen AktivistInnen, die - anders als Grüne und Umweltverbände - die Aussaat kritisierten. Es gab zum anderen aber auch einen Haufen Zitate von Kogel zur Gentechnik - und alle widersprachen seiner im Frühjahr 2006. Schon 1999 behauptete Kogel: "Ein verstärkter Forschungsaufwand zur Entwicklung neuer biotechnologischer Konzepte für eine zukunftsorientierte Landwirtschaft ist angesichts einer schnell wachsenden Weltbevölkerung von heute sechs Milliarden auf über zehn Milliarden im Jahre 2050, begrenzter Anbauflächen und nicht auszuschließender Produktionsverluste durch globale Klimaveränderungen zwingend erforderlich. " 2004 legte er nach: "Doch was tun, wenn die klassische Züchtung nicht zum Erfolg führt? Aus Sicht der Wissenschaft liegt die Antwort in der 'Grünen Gentechnik'.“ Damit nicht genug: Kogel benennt in seinem Beitrag auch das, was er später immer wieder formuliert: WissenschaftlerInnen sollen für die Technik werben (nicht: sie erforschen): "Die große Herausforderung besteht heute darin, den Verbraucher über die Notwendigkeit dieser Vorgehensweise aufzuklären und so die gesellschaftliche Akzeptanz für eine neue Generation von Nutzpflanzen zu verbessern." In diese Kerbe schlug er auch während der Versuchsphase: "Für uns Wissenschaftler heißt das: Wir müssen zeigen, dass diese Technik, die wir einführen wollen, große Vorteile hat – und dass diese Vorteile begreifbar werden. Erst dann, glaube ich, kann man die Bevölkerung wirklich überzeugen. Unsere Aufgabe ist es, stetig und mit viel Geduld Überzeugungsarbeit zu leisten" (Biosicherheit). Genau das tat Kogel, während er dafür war, Grenzwerte zu erhöhen und Kennzeichnungspflichten abzuschwächen, um der Agro-Gentechnik zum Durchbruch zu verhelfen. Entlarvend waren zwei handschriftliche Vermerke auf Unterlagen zu einer Konferenz, an der Kogel am 30/31.8.2006 teilnahm: "Sehr niedrige Schwellenwerte würden Forschung behindern" vermerkte er ebenso wie die Frage "Steht Aufwand für Kennzeichnung in vernünftiger Relation zum Nutzen".

Im Original: Kogel als PR-Agent der Gentechnik (auch vor 2006) ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Text von Kogel aus dem Jahr 1999 (Quelle)
Ein verstärkter Forschungsaufwand zur Entwicklung neuer biotechnologischer Konzepte für eine zukunftsorientierte Landwirtschaft ist angesichts einer schnell wachsenden Weltbevölkerung von heute sechs Milliarden auf über zehn Milliarden im Jahre 2050, begrenzter Anbauflächen und nicht auszuschließender Produktionsverluste durch globale Klimaveränderungen zwingend erforderlich.

Aus Kogel/Jansen: "Das nationale Verbundprojekt GABI-Agrotec", in: Spiegel der Forschung Nov. 2004 (S. 78 ff.)
Doch was tun, wenn die klassische Züchtung nicht zum Erfolg führt? Aus Sicht der Wissenschaft liegt die Antwort in der „Grünen Gentechnik“, das heißt in der gezielten Herstellung von Pflanzen, die den modernen Produktionsanforderungen, wie hohe Erträge bei reduziertem Pestizideinsatz und möglichst geringer Belastung des Ernteguts mit toxischen mikrobiellen Stoffwechselprodukten, entsprechen. Die große Herausforderung besteht heute darin, den Verbraucher über die Notwendigkeit dieser Vorgehensweise aufzuklären und so die gesellschaftliche Akzeptanz für eine neue Generation von Nutzpflanzen zu verbessern.

Gastkommentar in "Das Parlament" Nr. 43 / 22.10.2007
Karl-Heinz Kogel
PRO: GENTECHNIK
Durchaus sinnvoll

Gentechnik zur Produktion gesünderer Pflanzen und damit gesünderer Lebensmittel zu nutzen, ist ein vernünftiges Ziel. Eine gute Sicherheitsforschung ist gleichzeitig ein Muss. Argumente für Gentechnik sind etwa der Klimawandel, Rohstoffverknappung und chronische Unterernährung in weiten Teilen der Welt. Während sich die großen Wissenschaftsorganisationen klar zur Nutzung der neuen Potenziale bekennen, lehnen Verbraucherschützer und Naturschutzverbände sie strikt ab.
Bei der Frage, ob Gentechnik zu gesünderen Lebensmitteln führt, sollte ein Blick auf deren Einsatz in der Medizin zumindest hilfreich sein. Dort zählen gentechnische Verfahren etwa bei der Herstellung von Insulin oder von Faktor VIII für Hämophilie-Patienten inzwischen zur Normalität und helfen bei der Behandlung von Tausenden Patienten.
Auch Gentechnik in Lebensmitteln hat sich, wo sie zu sichereren und hygienischeren Produkten führt, durchgesetzt: Bei der Käseherstellung etwa wird das Labferment weitgehend aus gentechnisch veränderten Mikroorganismen statt aus Rinderpansen gewonnen - ein durchaus humaner Ansatz. Eine andere Grundlage für gesunde Lebensmittel wird bereits auf dem Feld gelegt: Hier geht es auch um natürliche Gifte, die pilzliche Schaderreger an kranken Pflanzen bilden.
Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass der bei uns so umstrittene gentechnisch produzierte Bt-Mais bei Schädlingsbefall weniger Pilztoxine aufweist als ein entsprechend unbehandelter Mais. Dies zeigt zumindest: Das Potenzial für eine Produktion von gesünderen Lebensmitteln ist vorhanden. Das aber muss wissenschaftlich überprüft werden. Das Gleiche gilt auch für mögliche Gefahren. Hierbei betone ich: Deutschland leistet sich eine Biosicherheitsforschung, die weltweit mit am höchsten entwickelt ist. Und das ist gut so.


Zitat von Kogel in noch einem Interview auf www.biosicherheit.de
Frage: Wo sehen Sie denn den Nutzen der Pflanzenbiotechnologie, der in der Gesellschaft überzeugend vermittelt werden kann?
Karl-Heinz Kogel: Aus meiner Sicht ist es immer noch ein wesentliches Ziel, den chronischen Hunger zu überwinden und Pflanzen mit einer besseren Qualität zu entwickeln. Gerade unter der Anforderung der Nachhaltigkeit wird Gentechnik hier zukünftig einen Beitrag leisten. Ein noch größeres Potenzial sehe ich, wenn es darum geht, die Folgen des Klimawandels zu mindern, gerade im Bereich erneuerbarer Energien und nachwachsender Rohstoffe. Wenn man sich die aktuelle Grundlagenforschung anschaut, sind viele Ansätze zu überzeugenden Lösungen zu erkennen.
Wir müssen auch die möglichen Konsequenzen und Gefahren deutlich machen, die darin liegen, wenn wir nicht handeln. In unseren Breiten ist zum Beispiel die Ökobilanz nachwachsender Rohstoffe nicht gut - hier sind neben anderen auch biotechnische Verfahren geeignet, um an das Produktionsverfahren angepasste, effizientere Pflanzen zu entwickeln. Heute glaubt man, ohne Einschränkungen auf diese Technologie verzichten zu können. Doch wenn, wie heute schon in der Medizin, auch bei der Grünen Gentechnik deutlich wird, welche Nachteile die Nicht-Anwendung hat, wird sich die öffentliche Meinung ändern.


Profitzwang erzwingt ungünstige Fruchtfolgen - und das soll Gentechnik ausgleichen!
Aus einem Interview mit Prof. Kogel
Im konventionellen Anbau finden wir im Grunde keine Lösung des Problems, da Fungizide nicht optimal wirken und Fruchtfolgen aus ökonomischen Gründen falsch gestellt werden.

Ökologischer Landbau könnte auch helfen - aber Kogel will Gentechnik
Aus Kogel/Jansen: "Das nationale Verbundprojekt GABI-Agrotec", in: Spiegel der Forschung Nov. 2004 (S. 81)
Die Ursachenforschung nach toxinfördernden Produktionsfaktoren führt allerdings noch zu einer weiteren wichtigen Erkenntnis. Bei einer intensiven Bestandesführung (dichte Fruchtfolgen, Einsatz von Wachstumsregulatoren, hohe Stickstoffdüngung) ist das Risiko des Auftretens von Mykotoxinen höher als unter den Produktionsstrategien im Öko-Landbau, denn Ährenfusariosen entwickeln sich besonders stark unter hohen Stickstoffkonzentrationen, und die Reduktion der Halmlänge durch Wachstumsregulatoren führt im gesamten Bestand zu einem feuchteren Mikroklima, das das Wachstum der Pilze ebenfalls erheblich fördert.

Auf Biosicherheit: ... ob man will oder nicht, Biotechnologie ist weltweit gesehen bereits eine neue Schlüsseltechnologie auch im Bereich der modernen Landwirtschaft.

Ebenfalls auf Biosicherheit: Die Skepsis, auf die wir treffen, ist Ausdruck eines erklärbaren, ja notwendigen Schutzmechanismus, der ja auch aus evolutionsbiologischer Sicht sinnvoll ist. Für uns Wissenschaftler heißt das: Wir müssen zeigen, dass diese Technik, die wir einführen wollen, große Vorteile hat – und dass diese Vorteile begreifbar werden. Erst dann, glaube ich, kann man die Bevölkerung wirklich überzeugen. Unsere Aufgabe ist es, stetig und mit viel Geduld Überzeugungsarbeit zu leisten.

Kogel im Deutschlandfunk am 24.6.2009
Wir als Wissenschaftler sehen, dass diese Technik positive Umweltwirkung hat ... Alle Studien zeigen, wenn wir vergleichen: Gentechnik mit konventionellem Anbau, also Einsatz von Herbiziden, von Pflanzenschutzstoffen, ist diese Technik umweltfreundlicher. Und deshalb läuft auch die Diskussion um die Auskreuzung ein bisschen ins Leere. ... ich sage nur, es gibt halt diese vermuteten Umweltwirkungen nicht.

Die Bilder glichen sich: Kogel inszenierte sich selbst als kritischer Beobachter der Gentechnik - und stellte seinen Versuch als sicher dar. 2x reine PR-Kampagne und in beiden Fällen gelogen. Zur Begründung der vermeintlichen Sicherheit behauptete Kogel am 25.4.2006 in einem Vortrag, Gerste würde gar nicht auskreuzen können: "Dieser Versuch ist explizit ein sehr sicherer Versuch. Das ist auch beim Bescheid des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmitteltechnik ganz klar erläutert worden. Sicher ist dieser Versuch, weil die Gerste nicht auskreuzen kann. Es ist ein Selbstbefruchter. Die Pollenfreisetzung erfolgt bei geschlossenen Blüten, nur die eigene Pflanze wird befruchtet. Das heißt, es gibt keinen Pollenflug auf fremde Pflanzen und damit auch keine Auskreuzung. Gerste ist damit eine optimale Pflanze für die Freisetzung und biologische Sicherheitsforschung."

Im Original: Sicherer Versuch ohne Pollenflug und Kreuzungspartner ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus einer Pressemitteilung der Universität Gießen am 24.4.2006
Eine Auskreuzung kann schon aus biologischen Gründen ausgeschlossen werden.

Aus der Gießener Allgemeine, 29.3.2007 (S. 25)
Negative Folgen für die Umwelt seien nie zu erwarten gewesen. Das gelte insbesondere für die von manchen befürchteten Auskreuzungen mit anderen Pflanzen. "Sie sind nicht möglich, weil die Gerste ein Selbstbestäuber ist. Außerdem gibt es für sie in Mitteleuropa keine Kreuzungspartner", unterstrich Kogel, der auch das Amt des Uni-Vizepräsidenten bekleidet.

Aus dem Stern, 28.5.2006
Dass sich die transgene Gerste über das Versuchsfeld hinaus verbreitet, halten die Wissenschaftler für ausgeschlossen. Gerste sei ein "Selbstbestäuber", das heißt, eine Pflanze werde nur von ihrem eigenen Pollen befruchtet.

Aus einem Interview mit Prof. Kogel von der Internetseite zu Biosicherheit
Außerdem gibt es bei Gerste keine Kreuzungspartner in Europa, mit denen es zu fertilen Nachkommen kommen könnte. Das heißt vom Sicherheitsaspekt her sind gerade diese Getreide geeignet, um als Ergänzung zum normalen Zuchtverfahren auf biotechnologischem Weg verbesserte, d.h. z.B. den heutigen landwirtschaftlichen Produktionsverfahren angepasste oder ökologisch vorteilhafte Eigenschaften zu erzielen. ...

Aus "Militante Gentechnikgegner attackieren Gerstenfeld" von Uni-Pressesprecherin Christel Lauterbach, in: uniforum 3/2006 (S. 2)
Auch gibt es in Europa unter den Wildgräsern keine Kreuzungspartner für Gerste.

Doch wenn Gerste, wie Kogel sagt, keine Pollen aussendet, wieso steht die Pflanzen dann ein allen Pollenflugkalendern? HeuschnupflerInnen wissen, was von Kogels & Co. Lügen zu halten ist - auch dem Gießener Landgericht fiel auf: "Die Behauptung der Wissenschaftler, bei Gerste gäbe es wegen der Selbstbestäubung keinen Pollenflug, stimmt bereits nach den sich aus den einbezogen Akten ergebenden Gründen nicht 100%ig und steht im unauflösbaren Widerspruch zur Warnung vor Gerstenpollen in Pollenflugkalendern für Allergiker" (Urteil vom 9.10.2009).


Aus Süddeutscher Zeitung (oben) und von Schulferien.org (unten)


Aus dem Genehmigungsbescheid des BVL (S. 15 f.)
Gerste ist ein Selbstbestäuber und kleistogam, d.h. in der Regel tritt Selbstbestäubung nach vor der Blütenöffnung ein. In gewissem Umfang, beeinflusst vom Genotyp und den klimatischen Bedingungen zur Blütezeit, ist Fremdbefruchtung möglich. Diese wird mit meist < 2 % angegeben, bei trockener und warmer Witterung kann die Fremdbefruchtung bei manchen Genotypen auch höher sein.

Nicht besser fällt eine Überprüfung von Kogels Behauptung aus, es gäbe keine potentiellen Kreuzungspartner. Auch hier waren offenbar mehr PR-Ziele als Fachwissen die Grundlage. Denn nicht benannt wurde die Mäusegerste, eine Wildgerstenart, die gerade auf städtischen Ruderalflächen, d.h. offenen Böden mit spontaner Vegetationsentwicklung, oft vorkommt. Da das Versuchsfeld innerstädtisch lag, hätte das eine Rolle spielen können. Laut Lexikon zu Nutzpflanzen ist "vermutlich eine Kreuzung von Kultur-Gerste mit anderen Hordeum-Arten und Quecken-Arten (Elymus spec.) möglich, die Wahrscheinlichkeit wird aber als sehr gering angesehen. Wilde Hordeum-Arten sind z.B. die Mäuse-Gerste, die auf Schuttplätzen und an Wegrändern wächst oder die Strand-Gerste der Küstenwiesen." In keiner der Akten finden sich Hinweise, dass deren Vorkommen in der Umgebung des Versuchsfeldes überhaupt überprüft wurde.


So sieht sie aus, die Mäusegerste - eine typische Ruderalpflanze gerade auf kleinen Flächen an Straßen und Plätzen (Aufnahme aus Berlin).

Die gesamten Genehmigungsunterlagen der Universität Gießen zeugen von solchen Schlampereien und fehlendem Willen, tatsächlich die Dinge zu prüfen. So wurde behauptet, dass rundherum 4km Abstand zu weiteren landwirtschaftlichen Flächen bestünden.


Aus der Akte beim RP: Antrag der Uni an das BVL (18.10.2005, S. 8)

Doch das war schlicht gelogen, wie das Amt für länglichen Raum in seiner Stellungnahme am 2.2.2006 (S. 1) feststellte:

Anträge durchgewunken!

Der Weg zu Fördergeldern und Behördengenehmigung war kurz, denn in den Bundesinstituten sitzen ausschließlich sitzen durchgehend BefürworterInnen der Agro-Gentechnik - bereit, jeden Antrag durchzuwinken. Die von Kogel zum Biosicherheitsversuch umdeklarierte Freisetzung erhielt das nötige Geld vom PTJ in Jülich und die erwartete Genehmigung vom BVL. Die Zentrale Kommission für Biologische Sicherheit bescheinigte dem Versuch die erforderliche Unbedenklichkeit - einer der beiden Versuchsleiter stimmte gleich mit über den darüber ab (siehe Kapitel zur Ämtern). Der Text war vom BVL vorformuliert worden - das Verfahren glich genau dem üblichen Ablauf, wie er kurz zuvor auch beim Feld mit gv-Weizen in Gatersleben festgestellt werden konnte. Durch die Anordnung sofortiger Vollziehung sicherte das BVL die Versuchsbetreiber gegen Beschwerden z.B. von NachbarInnen - völlig überflüssig, denn niemand hatte die informiert über das Versuchsfeld in ihrer Nähe.

Im Original: Die offiziellen Unterlagen zum Versuch ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Eintragung ins Standortregister (zuerst die Übersicht, dann "Detailinformationen" (als PDF)

Im Original: Aus dem Genehmigungsbescheid ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Sicherheitsauflagen im Bescheid des BVL vom 30.4.2006 (Az. 6786-01-0168, (S. 6)
II.5. Der Transport vermehrungsfähigen gentechnisch veränderten Pflanzenmaterials auf die und von der Freisetzungsfläche hat in geschlossenen und gekennzeichneten Behältnissen zu erfolgen. Aus der Kennzeichnung der Behältnisse muss die Identität des gentechnisch veränderten Pflanzenmaterials hervorgehen. lnsbesondere ist beim Transport von Samen oder samentragenden Teilen der gentechnisch veränderten Gerste dafür Sorge zu tragen, dass ein Verlust von Samen vermieden wird. Sämaschinen, Erntemaschinen und -geräte und ggf. zur Entsorgung der Gerste verwendete Geräte sind nach Gebrauch auf der Versuchsfläche bzw. am Entsorgungsort gründlich zu reinigen, um eine unbeabsichtigte Verbringung gentechnisch veränderter Samen zu minimieren.
II.6. Eine Lagerung der zur Aussaat vorgesehenen gentechnisch veränderten Gerste sowie eine Zwischenlagerung von Erntegut der gentechnisch veränderten Gerste außerhalb einer gentechnischen Anlage haben in geschlossenen und gekennzeichneten Behältnissen zu erfolgen. Aus der Kennzeichnung der Behältnisse muss die Identität des gentechnisch veränderten Materials hervorgehen. Die zuständige Überwachungsbehörde ist rechtzeitig vor Beginn über den vorgesehenen Ort und voraussichtlichen Zeitraum der Lagerung zu unterrichten.
II.7. Zur Abhaltung von Kleinsäugern sind die Versuchsparzellen mit einem engmaschigen Wildschutzzaun zu umgeben. Zusätzlich sind durch Auslegen eines Vogelnetzes über die Gerste der Parzellen der Versuchsfläche unmittelbar nach der Aussaat und ab Beginn des Ährenschiebens eine Verschleppung und ein Fraß durch Vögel zu vermeiden.
II.8. Zu weiteren Gerstenfeldern ist ein lsolationsabstand von 100m einzuhalten.
II.9. Vor und während der Blühzeit der Gerste sind in einem Umkreis von 35 m um die Freisetzungsfläche potentielle Kreuzungspartner, wie z.B. H. jubatum L. (Mähnen-Gerste), H. murinum L. (Mäuse-Gerste), H. murinum subsp. leporinum Arcang. (Braunrote Mäuse-Gerste), H. secalinum Schreb.(Roggen-Gerste) und H. marinum Huds. (Strand-Gerste), Hordelymus europaeus (Wald-Haargerste), Elymus spec. (Quecke), und Getreidearten zu entfernen. ...
II.11. Nicht benötigte, geerntete gentechnisch veränderte Gerstenkörner sind durch geeignete Maßnahmen (z.B. Verbrennen) zu inaktivieren. Nach der Ernte soll verbleibendes Pflanzenmaterial durch ein nicht-selektives Herbizid abgetötet, zerkleinert und zur Verrottung in den Boden eingearbeitet werden. Das Erntegut der Mantelsaat ist wie die gentechnisch veränderte Gerste zu behandeln. Eine Entsorgung von vermehrungsfähigem gentechnisch verändertem Pflanzenmaterial in einer Verbrennungsanlage außerhalb einer gentechnischen Anlage ist zulässig, wenn die Verbrennung vollständig erfolgt, der Transport zu der Verbrennungsanlage die unter II.5. benannten Auflagen erfüllt und die Überwachungsbehörde über den vorgesehenen Ort und den voraussichtlichen Zeitraum der Verbrennung unterrichtet wird.
II.12. Nach der Ernte sowie im folgenden Frühjahr ist auf der Freisetzungsfläche einschließlich der Fläche der Mantelsaat eine flache Bodenbearbeitung durchzuführen. Gegebenenfalls ist eine Beregnung der Fläche vorzunehmen.
II.13. Nach Beendigung der Freisetzung sind die Freisetzungsfläche und die Fläche der Mantelsaat im Jahr der Freisetzung und im Folgejahr auf das Auftreten von gentechnisch veränderter Gerste zu kontrollieren (Nachkontrolle). Die Kontrollgänge sollen während der Vegetationsperiode im Abstand von höchstens 14 Tagen erfolgen. Ggf. auftretende gentechnisch veränderte Gerste ist spätestens vor der Blüte abzutöten oder zu entfernen. Die Nachkontrolle ist um jeweils ein Jahr zu verlängern, falls im Jahr der letzten Nachkontrolle gentechnisch veränderte Gerste auf der Nachkontrollfläche aufgefunden wird.
II.14. Die Lokalisierbarkeit der Freisetzungsfläche ist auch während der Dauer der Nachkontrolle durch geeignete Maßnahmen sicherzustellen.


Abwägung der Risiken (S. 8)
Mit dieser Formulierung wollte der Gesetzgeber sicherstellen, dass neben der Gefahrenabwehr auch eine „größtmögliche Vorsorge gegen vorhandene oder vermutete Gefahren, die von gentechnischen Verfahren oder Produkten ausgehen können“, getroffen wird (Amtliche Begründung zu § 1 GenTG, BT-Drs. 11/5622, S.22). Die Annahme einer Gefahr hängt maßgeblich von der Wahrscheinlichkeit des Schadenseintritts und der Art und dem Ausmaß des möglichen Schadens ab.
Nach der Rechtsprechung des BverwG müssen bei der Gefahrenvorsorge „auch solche Schadensmöglichkeiten in Betracht gezogen werden , die sich nur deshalb nicht ausschließen lassen, weil nach dem derzeitigen Wissensstand bestimmte Ursachenzusammenhänge weder bejaht noch verneint werden können und daher insoweit noch keine Gefahr besteht (BverwGE 72, 300, 315).
Der Ausschluss jeglicher schädlicher Auswirkungen kann jedoch nicht verlangt werden, worauf auch in der Begründung des Gesetzes hingewiesen wird (vgl. Amtliche Begründung zu § 16 GenTG, BT-Drs. 11/5622, S. 29). Nach der Vorschrift des § 16 Abs. 1 Nr. 3 GenTG kommt es darauf an, dass nach dem Stand der Wissenschaft im Verhältnis zum Zweck der Freisetzung keine unvertretbaren schädlichen Einwirkungen zu erwarten sind. Bei der Freisetzung ist nach der Begründung des GenTG eine Gesamtabwägung der zu erwartenden Wirkungen unter Berücksichtigung der beabsichtigten oder in Kauf genommenen schädlichen Auswirkungen und dem Nutzen des Vorhabens vorzunehmen.
Kommentar: Es ist schon bemerkenswert, wie spitzfindig das BVL die bestehenden Gesetze aushebelt. Wenn der Gesetzestext nicht den Interessen der Antragsteller dient und damit für das Durchwinken der gentechnischen Experimente hilfreich ist, so wird nach Nebenbestimmungen gesucht, die irgendwie herangezogen werden können. Plötzlich soll sogar eine Begründung für einen Gesetzestext den Gesetzestext aufheben können.

Unter Berücksichtigung dieser rechtlichen Vorgaben ist festzustellen, dass - wie im Folgenden begründet wird - nach dem Stand der Wissenschaft keine schädlichen Einwirkungen auf die Schutzgüter des § 1 Nr. 1 GenTG durch das Vorhaben zu erwarten sind. Damit ist zugleich festzustellen, dass unvertretbare Risiken nicht bestehen. Ein solches Risiko wäre auch nicht bei einer möglichen außerplanmäßigen Verbreitung der gentechnisch veränderten Gerste durch eine Auskreuzung und Weitergabe sowie durch eine absichtliche Entnahme und Vermehrung der Pflanzen durch Unbefugte zu erwarten.
Zweck der Freisetzungsversuche ist es nach Angaben der Antragstellerin, unter Verwendung der gentechnisch veränderten Gerste die ökologische Relevanz zweier Gene, von denen eines der Pflanze eine Resistenz gegen pilzliche Schaderreger verleihen und das andere zu einem besseren Abbau von Glukanen im keimenden Korn führen soll, unter dem Aspekt der symbiontischen Interaktion der Pflanzen mit Mycorrhizapilzen zu untersuchen. Ferner soll das Ausmaß von pilzlichen Erkrankungen auf den gentechnisch veränderten Pflanzen epidemiologisch erfasst werden. Dieser Zweck ist hier mangels Anhaltspunkten für Gefahren nicht zu bewerten, und eine Risiko-Nutzen-Abwägung ist dementsprechend nicht vorzunehmen.
Kommentar: Der letzte Absatz ist in seiner rasanten Argumentationslinie schwer zu toppen. Hatte das BVL noch zwei Absätze darüber aus einer krampfhaft herbeizitierten Begründung zu einem Gesetz die Regelungen des Gesetzes auszuhebeln und zu begründen versucht, warum eine Abwägung erfolgen muss, so negiert es nun auch die Notwendigkeit dieser Abwägung. Das geht so: Zuerst wird beschrieben, was der Antragsteller als Ziel des Versuches behauptet. Überprüft wird das natürlich nicht, sondern als Tatsache hingenommen - willige Vollstrecker im Beamtenstatus. Dann wird behauptet, dass es ja gar keine Gefahren der Gentechnik gibt und deshalb "mangels Anhaltspunkten für Gefahren nicht zu bewerten", ob die Ziele sinnvoll sind. Die Abwägung kann deshalb wegfallen. So überprüft das BVL weder die Angaben des Antragsstellers noch prüft Bedenken noch nimmt eine Abwägung vor. Oder zusammenfassend: Ein Genehmigungsverfahren, wie gesetzlich vorgeschrieben, hat für den Gießener Gengersteversuch nie stattgefunden, sondern die Genehmigung ist ohne das vorgeschriebene Verfahren einfach willkürlich erteilt worden. Das war kein Versehen, sondern das BVL hat festgestellt, dass die gesetzlich vorgeschriebene Abwägung nicht nötig ist, weil per definitionem (durch das BVL selbst) keine Gefahren zu erwarten sind. Untersucht hat das BVL das nie.

Zu den Gefahren der einzelnen Genmanipulationen (S. 9 ff.)
(a) Eigentlich wurde zwar noch gar nichts untersucht (S. 10):
Ob als Folge der Chitinaseexperssion in den Pflanzen ggf. auftretende Metabolite Effekte im pflanzlichen oder tierischen Stoffwechsel verursachen, ist bislang nicht untersucht worden.
Aber das Ergebnis ist trotzdem klar: Keine Gefahren und die Fläche ist doch auch nur ganz klein ...
Die hier freizusetzende gentechnisch veränderte Gerste ist jedoch nicht für den Verzehr vorgesehen, das Vorhaben ist sehr klein. ...
Insgesamt lassen sich unter den Bedingungen des vorliegenden Freisetzungsvorhabens aus der Bildung einer chimären Endochitinase in der gentechnisch veränderten Gerste keine Hinweise auf schädlichen Einwirkungen auf die menschliche Gesundheit oder die Umwelt ableiten. ...
(b) Das gleiche Spiel: Es ist nichts bekannt und deshalb keine Gefahr zu erkennen - diesmal steht es sogar so wörtlich da (S. 11 f.):
Ob die hohe Substratspezifität der chimären Glukanase auch die vorwiegend aus 1,3-ß-Glukanen bestehenden Komponenten der pilzlichen Zellwand depolymerisieren kann, ist unklar und Forschungsgegenstand der beantragten Freisetzung. Eine Gefährdung der in § 1 Nr.1 des GenTG genannten Schutzgüter ist daraus nicht abzuleiten.
Es ist bislang nicht untersucht worden, ob als Folge der Glukanaseexpression in den Pflanzen ggf. auftretende Metabolite Effekte im pflanzlichen oder tierischen Stoffwechsel verursachen ...
lnsgesamt sind schädliche Auswirkungen auf die Gesundheit des Menschen und die Umwelt nicht zu erwarten.

(c) Selbst eine Substanz, die einem Herbizid ähnelt, ist unschädlich (S. 12):
Schädliche Einwirkungen der in den gentechnisch veränderten Pflanzen enthaltenen Phosphinothricin-Acetyltransferase wären bei einem Verzehr von Pflanzenteilen durch Tiere oder Menschen ebenfalls nicht zu erwarten. ...

Und nochmal die gleiche Logik: Nichtwissen heißt keine Gefahren (S. 14):
Es ist beim gegenwärtigen Kenntnisstand nicht möglich, aus der Aminosäuresequenz eines Proteins Vorhersagen über eine mögliche allergene Wirkung des Proteins zu machen, wenn dieses keine Homologie zu bereits bekannten Allergenen aufweist. ... Auf Basis zahlreicher
Untersuchungen ist auch für das Genprodukt des eingesetzten Selektionsmarkers (bar) und des Reportergens (sGFP) kein erhöhtes allergenes Potenzial zu erwarten.


Auskreuzung, Ernte und andere Formen der Ausbreitung (S. 14 ff.)
Die Antragstellerin hat vorgesehen, die Ähren der gentechnisch veränderten Gerste und der nicht veränderten Kontrollpflanzen (mit Ausnahme der Mantelsaat) von Hand zu ernten. ...
lm Anschluss an das Freisetzungsvorhaben soll die Versuchsfläche mit einer dikotylen Kultur bestellt werden, um das Erkennen von ggf. auflaufender Gerste zu ermöglichen. Auflaufende Gerstenpflanzen sollen während der Nachkontrolle nach Ende der Freisetzung und im
Folgejahr entfernt werden. Es ist vorgesehen, die Nachkontrolle zu verlängern, falls im Jahr nach der Freisetzung noch Gerstendurchwuchs beobachtet wurde.

Und wie bei allen bisherigen Genversuchen der Vergangenheit heißt es auch hier: Überleben oder Auskreuzung äußerst unwahrscheinlich:
Mit der Entwicklung einer Linie von gentechnisch veränderten Gerstenpflanzen wird die Erwartung verbunden, unter Bedingungen hohen Infektionsdruckes durch bestimmte pilzliche Schaderreger mehr und qualitativ hochwertigere Samen ernten zu können als von pilzsensitiven Pflanzen. Aus dieser Eigenschaft könnte grundsätzlich ein Selektionsvorteil abgeleitet werden. Es gibt jedoch keine Hinweise darauf, dass die generelle Konkurrenzschwäche der landwirtschaftlichen Kulturpflanzen gegenüber Wildpflanzenarten durch diese Eigenschaft verändert würde. Tatsächlich ist die Infektionsanfälligkeit gegenüber anderen pilzlichen Organismen als den Zielorganismen. wie etwa Fusarium, unverändert.
Aus den genannten Gründen ist daher weder eine unkontrollierte Überdauerung der gentechnisch veränderten Pflanzen noch eine Ausbreitung zu erwarten.

Selbstbestäuber mit 2 und mehr Prozent Fremdbestäubung (S. 15 f.)
Gerste ist ein Selbstbestäuber und kleistogam, d.h. in der Regel tritt Selbstbestäubung nach vor der Blütenöffnung ein. In gewissem Umfang, beeinflusst vom Genotyp und den klimatischen Bedingungen zur Blütezeit, ist Fremdbefruchtung möglich. Diese wird mit meist < 2 % angegeben, bei trockener und warmer Witterung kann die Fremdbefruchtung bei manchen Genotypen auch höher sein. ...
Die typischen Worte: "sehr gering", "mit hoher Wahrscheinlichkeit" (S. 16):
Die Möglichkeit des Auftretens von Spontanhybriden unter Freilandbedingungen wird als sehr gering angesehen. ...
Ferner ist vorgesehen, dafür zu sorgen, dass im Umkreis von 35 m um die Freisetzungsfläche herum keine wilden, mit Gerste kreuzbaren Pflanzen vorhanden sind. Auf der Freisetzungsfläche selbst soll das Auftreten von Elymus repens (Quecke) kontrolliert werden. Unter diesen Bedingungen ist nicht zu erwarten, dass es zu einer Ausbreitung der gentechnischen Veränderung auf andere Pflanzen außerhalb der Freisetzungsflächen kommt.
Ggf. dennoch stattgefundene einzelne Bastardierungsereignisse zwischen den gentechnisch veränderten Pflanzen und Wildpflanzen würden mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zu einer Ausbreitung der übertragenen Fremdgene in Wildpflanzenpopulationen führen, da dafür anschließende Rückkreuzungen des Bastards mit der Wildpflanzenart erforderlich wären.


Horizontaler Gentransfer akzeptabel, weil er auch in der Natur vorkommt ... (S. 17):
Soweit anzunehmen ist, dass ein genetischer Austausch zwischen taxonomisch so weit voneinander entfernten Organismen wie Pflanzen und Mikroorganismen tatsächlich stattfindet, wäre zu folgern, dass das Vorkommen eines solchen Austauschs von heterologem Erbmaterial allein betrachtet kein Sicherheitskriterium sein kann, da als Folge eines solchen Austauschs immer die Aufnahme von jedwedem heterologem Erbmaterial, also jedweder pflanzlicher DNA, möglich wäre.

Fazit der Prüfung: Keine Gefahr ... aber welche Prüfung? (S. 20)
Nach dem Ergebnis der Prüfung der Genehmigung ist nicht mit einer Gefahrenlage zu rechnen.

Begründungen für technische Sicherungen (siehe Auszüge oben, S. 20)
Zu II.7. Mit dem Zaun sollen Kleinsäuger vorsorglich von einem Fraß an der gentechnisch veränderten Gerste abgehalten werden. Das Netz soll Vögel vom Fraß und vom Verbringen der gentechnisch veränderten Gerste abhalten ...

Legal - illegal - scheißegal: Koexistenz ist unmöglich und braucht nicht sein (S. 22)
Einwendung Nr. III.2.5: Der gentechnikfreie Anbau gleichartiger Pflanzen wird durch Pollenflug und Saatgutverunreinigung von Genpflanzen erheblich erschwert. Eine vollständige Isolierung wäre nur mit einem unverhältnismäßig großen Aufwand zu gewährleisten, der die Durchführbarkeit des Vorhabens insgesamt in Frage stellen würde. Eine vollständige Isolierung der gentechnisch veränderten Gerste dieses Freisetzungsvorhabens ist jedoch auf Grund des Ergebnisses der Risikobewertung des Antragsgegenstands nicht erforderlich.
Die von der Antragstellerin vorgesehenen Maßnahmen in Verbindung mit den in den Nebenbestimmungen des vorliegenden Genehmigungsbescheids getroffenen Festlegungen sind vor dem Hintergrund der Fortpflanzungseigenschaften von Gerste (kleistogam, selbstbestäubend) nach übereinstimmender Bewertung ausreichend, die Möglichkeit der Übertragung der gentechnischen Veränderung auf verwandte Pflanzenarten über Pollen zu minimieren und das Vorhaben zeitlich und räumlich hinreichend zu begrenzen.



Der entsprechende Aus dem Bescheid des BVL vom 3.4.2006

Grundsätzliche Bedenken zählen eh nicht (S. 23)
Grundsätzliche Einwendungen gegen die Gentechnik können nicht durchgreifen, weil eine Entscheidung über die Zulassung der Gentechnik mit dem Erlass des Gentechnikgesetzes durch den Gesetzgeber gefallen ist. ...

Sofortvollzug (S. 23 f.)
Dem Antrag der Universität Gießen auf Anordnung der sofortigen Vollziehung war stattzugeben, da das lnteresse der Universität Gießen an der sofortigen Vollziehung das Interesse eines etwaigen Klägers an der aufschiebenden Wirkung der Klage überwiegt. ...
Bei der Abwägung der sich gegenüberstehenden Interessen ist zu berücksichtigen, dass etwaige Rechtsbehelfe mit erheblicher Wahrscheinlichkeit erfolglos bleiben werden. ...
Unter Zugrundelegung der Auffassung, dass von dem Vorhaben keine Gefahren ausgehen und auch unter Vorsorgegesichtspunkten die Genehmigung der Freisetzung nicht zu beanstanden ist, würde die Ablehnung der beantragten Anordnung des Soforfvollzuges für die Antragstellerin eine unbillige Härte bedeuten. ...
Zwar bestehen die grundrechtlich geschützten Rechtspositionen der Antragstellerin nicht grenzenlos und haben bei der Kollision mit gleichfalls verfassungsrechtlich geschützten Werten nicht schlechthin Vorrang (BVerfGE 47, 327, 369). Vielmehr ist im Einzelfall eine an den Wertprinzipien der Verfassung orientierte Güterabwägung vorzunehmen. lm vorliegenden Fall kann die Behörde bei der gegebenen Situation davon ausgehen, dass eine Kollision nicht vorliegt, da Grundrechte möglicher Drittbetroffener nicht gefährdet werden. Wie unter llI.1.2 begründet, sind die vorgesehenen Maßnahmen ausreichend, um das Vorhaben gegenüber Dritten hinreichend abzuschirmen.


Aus dem Giessener Anzeiger vom 25.04.2006 mit Versuchsbeschreibung
Es werden zwei gentechnisch veränderte Gerstenlinien auf negative Effekte gegenüber nützlichen Bodenpilzen untersucht. Eine der beiden Gerstenlinien enthalte zusätzlich zu ihren natürlichen Genen ein eingebautes Gen, welches die Information für eine so genannte Endochitinase trage. Dabei handele es sich um ein chitin-abbauendes Enzym. Chitin ist Bestandteil von Pilzen, welche die Gerstenpflanze befallen können. Die Gerste soll dementsprechend widerstandsfähiger gegen Pilzbefall sein. Eine Wirkung gegenüber Insekten, deren Außenhaut ebenfalls teilweise aus Chitin besteht, werde ausgeschlossen, weil diese chemisch verschieden seien. Die Wirkung der Pflanzen auf nützliche Bodenpilze, wie den Mykorrhiza, die in Symbiose mit den Pflanzen leben, soll in diesem Freilandversuch untersucht werden, schilderten die beiden Wissenschaftler.
Die zweite transgene Gerstenlinie enthalte ein bakterielles Kohlenhydratabbauendes Enzym, die so genannte Beta-Glucanase. Diese Gerste besitze keine erhöhte Widerstandsfähigkeit gegen Krankheitserreger, sondern sei wegen ihrer positiven Eigenschaften als Futtermittel für Hühner erzeugt worden, die normale Gerste nur schwer verdauen könnten. Der Einsatz der gentechnisch veränderten Pflanzen bewirke eine Reduzierung von Pestiziden und Arbeitskosten, sagte Kogel. Die transgenen Pflanzen würden nach Abschluss der Forschungen auf jeden Fall vernichtet werden, versicherte er.

Die notwendige Kritik am geplanten Versuch wurde nur von wenigen unabhängigen AktivistInnen im Raum Gießen formuliert. Umweltverbände, Grüne & Co. waren eingebunden in die kommunalpolitischen und universitären Seilschaften und hielten lieber die Klappe. Landwirtschaft gibt es auf dem Stadtgebiet Gießen kaum, aus der Umgebung kam ebenfalls kein Wort. So dominierte die Propaganda der Universität - und die Meinung der Berufsbeschwichtiger: "Das BVL ist seiner Sache dennoch sicher und sieht in dem Forschungsprojekt der Uni Giessen keine Gefahren für Mensch, Tier und Umwelt. Dafür sorgen nach Angaben des Amts verschiedene Sicherheitsbestimmungen. Unter anderem ein Wildschutzzaun, Vogelnetze und die Einhaltung von Isolationsabständen. Zudem muss die Universität gewährleisten, dass nach Versuchsende keine genmanipulierten Pflanzen auf dem Feld zurückbleiben, sie sich mit anderen Pflanzen kreuzen oder benachbarte Felder verunreinigen." (Ökotest vom 28.4.2006) Werfen wir einen Blick auf das Geschehen am Alten Steinbacher Weg ab dem 25. April 2006, dem Tag der Aussaat. Wird es gelingen, die Gerste von der umgebenden Tier- und Pflanzenwelt fernzuhalten durch "Wildschutzzaun, Vogelnetze und die Einhaltung von Isolationsabständen"? Wird "die Universität gewährleisten, dass nach Versuchsende keine genmanipulierten Pflanzen auf dem Feld zurückbleiben"? Um es vorwegzunehmen: Der Versuch "war eine Aneinanderreihung von Pannen bis zum doppelten Gentechnik-GAU: In beiden Aussaatjahren 2006 und 2007 wuchs transgene Gerste außerhalb der kontrollierten Flächen. Die Versuchsleitung verschwieg das, ging aber bewusst weitere Risiken ein. So wurde auflagenwidrig auf einen Mäuseschutz verzichtet." (Flugblatt zur Besetzung des Gerstefeldes der Uni Gießen, damals in die Nähe von Rostock verlegt, am 3. April 2009).

Einblicke in den Versuchsablauf ...

Am 3. April 2006 erhielt die Universität Gießen die Genehmigung - eilig vom BVL mit Vorabfax zugestellt. Da werden keine Kosten und Mühen gescheut, um die Agro-Gentechnik voranzubringen. Ein Sofortvollzug wurde verhängt, damit nicht irgendwelche Einwendungen oder Klagen das Ganze behindern konnten. Dennoch wirft bereits das Genehmigungsdatum einige Fragen auf. Hier sollten - so wurde jedenfalls behauptet - die Umweltauswirkungen von gentechnisch veränderten Pflanzen untersucht werden. Dafür wäre nötig, ungefähr im gleichen Zeitplan zu forschen, wie auch LandwirtInnen die Pflanze ausbringen. Sommergerste kommt als erste Aussaat im Jahreszyklus der Landwirtschaft in die Erde. Da ist der 3. April schon etwas spät - aber gerade noch akzeptabel, zumal es ein kaltes Frühjahr war. Doch am 3.4. kommt ja auch erst die Genehmigung. Ausgesät wird am 25.4., von den Versuchsbetreibern aber in den Folgejahren noch getoppt. Das letzte und einzige auswertbare Jahr lief 2009 mit Aussaat am 27. Mai! Aber es ging ja auch nicht um Sicherheitsforschung, das war nur behauptet, um an die Fördermittel zu gelangen ...
Es kam der 25. April 2006 und Kogel lud zum Medienspektakel "Aussaat". Noch immer sah er sein Feld als PR-Speerspitze der Agro-Gentechnik und verkaufte deshalb sein Treiben offensiv nach draußen. Dann stand das Feld da und Presse, Medien, NachbarInnen und auch die wenigen KritikerInnen des Feldes konnten sehen, was dort jetzt heranwächst. Und wie das geschah. Denn schnell stellte sich heraus, dass da einiges nicht stimmt.

Der Mäuseschutz ...

Wie hieß es noch im Beschwichtigungstext des BVL? Ein "Wildschutzzaun" sollte den Kontakt zu Tieren verhindern. Das wurde auch von politischer Seite verkündet: "Die Verbreitung durch Wildtiere ist ebenfalls unterbunden, da die gesamte Versuchsfläche von einem engmaschigen Vogelnetz umgeben ist. " (hessen biotech News 2/2006, S .15) Ein solcher Schutz war schlicht und ergreifend auch vorgeschrieben - im Punkt II.7 der Sicherheitsauflagen im Genehmigungsbescheid.

Doch vor Ort sah das etwas anders aus. Fand auch die Überwachungsbehörde. Die schaute sich das Feld nach der Errichtung an und meldete sich dann bei der Universität, um den "engmaschigen Wildschutzzaun" zu erörtern. Deren Umgang mit der Meldung immerhin ja der offiziellen Überwachungsbehörde ist aus einem Aktenvermerk der Versuchsdurchführenden (Institut für Phytopathologie, Leiter: Prof. Kogel) zu sehen. Sehen wir dabei mal über die leichten Wissensschwächen auf dem Gebiet der Biologie hinweg ("Abhaltung von Kleinsäugern (z.B. Vögeln, ...") und lesen, was geschah: "Es wurde von Seiten der Überwachungsbehörde (...) die Befürchtung geäußert, dass auf Grund der Maschenweite des Wildschutzzauns von 2,5 cm insbesondere Mäuse nicht vom Versuchsfeld abgehalten werden könnten." In der Tat: Am Versuchsfeld war ein simpler Kaninchendraht angebracht - ein deutlicher Verstoß gegen die klar formulierten Sicherheitsauflagen. Doch selbst jetzt, als die Überwachungsbehörde sich meldet und das Versäumnis anmahnt, denken Kogel und seine Leute nicht daran, sich an die Vorschriften zu halten. Stattdessen intellektualisierten sie das das Problem einfach weg. Augen zu und durch auf wissenschaftlich. Das geht so ... zunächst wird festgestellt, was jedeR weiß: "Grundsätzlich muss angemerkt werden, dass auch ein Zaun mit geringerer Maschenweite kein Abhalten von Mäusen garantieren könnte, da Mäuse auch solche Zäune entlang der Befestigungspfähle überwinden könnten." Klar - deshalb sind im Handel erhältliche Zäune ja auch oben umgebogen. Für die GentechnikerInnen aber reichen die Überlegungen schon. Sie lamentieren noch etwas herum, dass sie noch gar keine Mäuse in der Nähe des Feldes gesehen hätten und ziehen dann ein bemerkenswertes Fazit: "Die ausführende Stelle (Institut für Phytopathologie ...) sieht folglich die Maßnahmen entsprechend der Nebenbestimmungen des BVL ... als erfüllt an." Der Nicht-Mäuseschutzzaun blieb stehen. Und mensch darf sich merken: Ein Mäuseschutzzaun, der kein Mäuseschutzzaun ist, ist doch ein Mäuseschutzzaun, wenn ein anderer Zaun auch keiner ist! Das ist Spitzenwissenschaft!

Im Original: Mäuseschutzzaun: Auflagen und Wirklichkeit ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus dem Antrag der Uni an das BVL (18.10.2005, S. 26 und 46)



Auszüge aus dem Genehmigungsbescheid vom 3.4.2006 (S. 6 und S. 20)



Vermerk der Versuchsbetreiber an der Uni Gießen (aus der Überwachungsakte beim RP)

Spätestens ab diesem Moment war der Feldversuch, für den bei Fördermittel- und Genehmigungsantrag schon geschummelt wurde, auch von der Durchführung her illegal. Aber wen stört das, wenn kommunalpolitisch kein Protest existiert und die Genehmigungsbehörde aus Leuten besteht, die Kontrolle von Agro-Gentechnik gar nicht wollen? Noch schlimmer: Eine Beschwerde beim BVL führte dazu, dass diese offiziell bestätigte, dass ein Wildschutzzaun mit 2,5cm Maschenweite die Bedingungen erfüllt. Per Behörde also definiert, was nicht sein kann. Das Ergebnis: Auch in den Folgejahren und an weiteren Feldern mit gentechnisch verändertem Getreide findet und fand sich immer dieser Mäuseschutz, der keiner ist.
Bewiesen ist damit zwar, dass das Feld nicht, wie angekündigt, von der umgebenden Tierwelt isoliert war. Aber ob das auch zum Austrag von Gerste führte und diese daraufhin unkontrolliert in der Landschaft stand, ist unbekannt. Das aber schafften in beiden Jahren, 2006 und 2007, die ForscherInnen selbst - und das bei einem übersichtlichen 9,6qm-Beet mit einer Pflanzenart, die nicht besonders stark zur selbständigen Ausbreitung neigt!

2006 zum ersten Mal: Gerste in der freien Landschaft

Der Versuch im Jahr 2006 verlief unruhig. Nachdem Kogel und sein Team die Aussaat mit Propagandalügen begleiteten, mit gefälschen Anträgen Genehmigungen und Förderungen ergaunerten, um dann schlampig, z.B. ohne Mäuseschutz das Feld anzulegen, folgte wenige Tage später eine Ankündigung aus den Reihen unabhängiger AktivistInnen: "Wir, die UnterzeichnerInnen, kündigen an, Pfingsten 2006 den Genversuch der Uni Gießen am Alten Steinbacher Weg 44 zu beenden. Veränderte Gene sind aus der Natur nicht mehr rückholbar, die Risiken werden bereits geschaffen, während sie untersucht werden. Konkret betroffen sind alle Menschen, besonders aber LandwirtInnen, GartenbesitzerInnen und alle, die selbst mit dem Boden, Pflanzen und Tieren umgehen. Eine solche Technologie dient nicht den Menschen, sondern vor allem Konzernen, die damit Profite machen wollen. Da auch die Gesetze Eigentum und Profit über die Menschen stellen und gleichberechtigte Beteiligungsmöglichkeiten nicht vorgesehen sind, haben wir uns entschlossen, soziale Notwehr zu leisten und mit einem not-wendigen Akt zivilen Ungehorsams das Feld zu besuchen und den Versuch zu beenden. Sollte unser Handeln von denen kriminalisiert werden, die solche Genversuche schützen und durchsetzen, so werden wir das nutzen, um unsere Motive öffentlich zu benennen." Kogel schimpfte, Forschungsministerin Schavan rief dazu auf, das schöne Feld in Ruhe zu lassen - aber es halt nichts: Am 2. Juni schritten die FeldbefreierInnen zur Tat. Obwohl öffentlich angekündigt und unter den Augen von Medien einschließlich dem Hessischen Fernsehen betraten sie den umgebenden Acker und schließlich das Feld. Viele Gerüchte ranken seitdem um die Frage, warum die informierte und vorbereitete Polizei nicht einschritt. Gab es auch unter Uniformierten GegnerInnen der Gentechnik? Oder hofften, was einige Uniformierte später auch so einräumten, die Polizeichefs darauf, durch teilweises Zulassen der Aktion die ungeliebten AktivistInnen mal hinter Gitter zu kriegen? Für das weitere Geschehen sind diese Fragen gleichgültig. Entscheidend war: Die Versuchsparzelle war erheblich beschädigt - die verzögert eingreifende Polizei zertrampelte einen guten Teil des Feldes selbst. Am 5. Juli brach die Uni den Versuch wegen der erheblichen Beschädigungen vorzeitig ab. Und steuerte auf ein neues Problem mit einer Sicherheitsauflage zu. Denn im Genehmigungsbescheid war klar festgelegt, wie am Ende des Versuchszeitraumes vorzugehen war - nämlich die Ähren "per Hand" und sofort (also auf der Versuchsparzelle) "in entsprechend deklarierte Säcke" hinein. Das stand im Antrag, im Genehmigungsbescheid und die Uni hatte selbst vorher angekündigt: "Nach Beendigung des Versuchs werden alle Gerstenähren per Hand geerntet und in geschlossenen Behältern gelagert." Zudem regelte die mit der Überwachungsbehörde abgestimmte Betriebsanweisungen zum Versuch, es werde "von Hand geerntet". Außerdem musste direkt nach dem Entfernen der Ähren per Einzelabschneiden "verbleibendes Pflanzenmaterial durch ein nicht-selektives Herbizid abgetötet, zerkleiner und zur Verrottung in den Boden eingearbeitet werden".

Im Original: Sicherheitsauflagen zur Erntemethode ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus dem Antrag der Uni an das BVL (18.10.2005, S. 8 und 33)



Auszug Genehmigungsbescheid vom 3.4.2006


Als nun der 5. Juli gekommen war, die Uni den Versuch abbrach und folglich das tun musste, was im Bescheid als "Ernte" gedacht war, fielen Kogel und seinem Team die Auflagen ein. Was sie selbst vorgeschlagen hatten, wollten sie plötzlich nicht mehr. 9,6 Quadratmeter waren zwar nicht viel, aber für laborverwöhnte MitarbeiterInnen einer Uni offenbar zu anstrengend. Also wandte sich das Institut an die Überwachungsbehörde und jammerte: "Die Gerste in noch unreif ..., die Samenkörner können in diesem Stadium nicht auskeimen" usw. Die Überwachungsbehörde ließ sich belabern und die Uni durfte die noch grüne Gerste ohne vorherige Ernte der Ähren einfach in den Boden einarbeiten. So kam es dann auch. Am 5.7.2006 notierte die Versuchsleitung im Tagesprotokoll: "Die Ähre befanden sich im Stadium der Kornfüllungsphase, so dass kein vermehrungsfähiges Kornmaterial vorlag. Daher konnte das gesamte Pflanzenmaterial (inklusive Mantelsaat) als vegetativ bezeichnet werden und wurde mit einer Fräse mehrmals zerkleinert und in den Boden nicht-wendend eingearbeitet." Damit war das Feld für 2006 Geschichte. Der funktionsuntüchtige Mäuseschutzzaun, das Vogelnetz, Flutlicht und Wachschutz verschwanden.

Im Original: Absprachen und Durchführung der Ernte 2006 ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Vermerke der Überwachungsbehörde zur Ernte (5.7.2006, Akte beim RP)

Nach getaner Arbeit verschwanden die GentechnikerInnen in ihren Labors. Zunächst guckten noch - wie vorgeschrieben - MitarbeiterInnen wöchentlich nach, was passiert. Sie stießen auf: Gerste, die neu heranwuchs! Die tollen WissenschaftlerInnen hatten sich geirrt. Doch vor Ort wurde das Ereignis gar nicht weitergemeldet, sondern die verbliebenden MitarbeiterInnen an den Gewächshäusern des Instituts, wo die Fläche in der Nähe lag, bekämpfen das Desaster auf eigene Faust. Die Begehungsprotokolle dieser Zeit lauteten:

Am 2.8. dann schaute die Überwachungsbehörde nochmals vorbei. Ihr Besichtigungsprotokoll ist verheerend: "Bei der heutigen Besichtigung wurde festgestellt, dass auf der gesamten Fläche relativ dicht Gerste aufläuft (ca. 3-10cm hoch), d.h. die Annahmen, das Fräsen allein zu einer Zerstörung aller Gerstenpflanzen führt und dass die Gerste in dem Stadium am 5.07.06 nicht keimfähig war, haben sich als unrichtig herausgestellt!"
Top-Wissenschaftler, Beauftragte für biologische Sicherheit, Leute, die behaupten Sicherheitsforschung an landwirtschaftlichen Pflanzen zu machen - alle völlig ahnungslos zum Objekt ihrer Forschung! Aber statt ihnen endlich ihr Spielzeug aus der Hand zu nehmen, ging es im Folgejahr weiter. Und endete ähnlich!

Im Original: Nach der Ernte - Gerstendurchwuchs unkontrolliert ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus der Akte beim RP: und zum Durchwuchs (unten, 2.8.2006)


Pressefoto in der Gießener Allgemeinen nach der Ernte 2006 (Akte beim RP)

Neben der Tatsache, dass hier eine verheerende Fehleinschätzung der sogenannten Wissenschaftler vorlag, stellt sich die Frage, warum erst die Überwachungsbehörde feststellte, dass Gerstensaat keimte. Denn die Uni hätte eine mindestens wöchentliche Kontrolle durchführen müssen.


Aus dem Schreiben des BVL zur Forderung des Bundesamtes für Naturschutz, mindestens 1x wöchentlich zu kontrollieren. Die "Auflage wird übernommen", also tatsächlich der Uni zur Vorschrift gemacht (Bl. 814 Akte beim BVL).

Als die Überwachungsbehörde vor Ort war, stand die Gerste 3-10cm hoch. Die war da schon länger gewachsen - unbemerkt oder es hat keinen interessiert. Dieser Versuch war eine Aneinanderreihung von Schlamperei und beeindruckender Gleichgültigkeit gegenüber Sicherheitsauflagen. Nach Gentechnikgesetz hätte ein Bußgeld- oder gar Strafverfahren folgen und die Genehmigung wegen Unzuverlässigkeit und mangelnder fachlicher Qualifikation der Versuchsleitung zurückgezogen werden müssen. Doch in Behörden und Justiz gibt es niemanden, der an so etwas Interesse hätte. In solchen Seilschaften hackt keine Krähe der anderen ein Auge aus ...

2007 gleich noch einmal: Gerste diesmal sogar wochenlang frei herumstehend

Nun sollte mensch meinen, Menschen seien Wesen, die aus Fehlern lernen - und so würde sich die Panne mit der unkontrolliert in der Landschaft stehenden Gerste sicher nicht wiederholen. Immerhin gelobten die Versuchsleiter in ihrem Jahresbericht Besserung. So "sollten künftig sämtliche Ähren des Versuchsfeldes und der Mantelsaat abtransportiert" werden. In der Betriebsanweisung für 2007 hieß es genauer: "Die Ernte der Gerste des Versuchsfeldes und der Mantelsaat erfolgt innerhalb eines Tages. Die Ernte beginnt, bevor die Pflanzen die volle Reife erreicht haben, um das Ausfallen von Körnern zu vermeiden." Zu Mantelsaat: "Die Ernte erfolgt ebenfalls bevor die Ähren die volle Reife erreicht haben, um Getreideausfall zu vermeiden." ... "Das noch nicht zerkleinerte bzw. grüne Pflanzenmaterial (Halmbasis und Wurzel)" sollte abgetötet und eingefräst werden. Doch praktisch zeigte die Uni erst einmal Lernfähigkeit an einer ganz anderen Stelle: Den Sicherungsanlagen. Nun wurde das Feld mit einem Drahtkäfig vor FeldbefreierInnen gesichert, rundherum Mantelsaat und Schwarzbrache. Nachts erhellten Scheinwerfe das Geschehen, Wachschützern mit Hunden standen am Feld. Kameras übertrugen das Geschehen ständig Richtung Polizei, Regierungspräsidium und auf einen Monitor im Institutsgebäude neben dem Feld, wo die Wachschützer in einem Raum sitzen konnten.

Im Original: Feldaufbau und Sicherungsanlagen 2007 ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Gute Vorsätze für neue Jahr: Jahresbericht an die EU-Behörden (Schlussfolgerung, S. 28, Akte des RP)


Gengerstenfeld am 25.3.2007. Die Versuchsfläche ist ein kleines Quadrat in der Mitte des gesamten Feldes, also hier am linken Bildrand. Im Hintergrund die Universität-Bibliothek (rechts) mit Gewächshäusern vom Institut davor und dem Uni-Parkplatz (links). Größeres Bild durch Klick auf das Bild.


Protokoll der Ortsbesichtigung am 28.3.2007 (Akte des RP)


Foto des Aufbaus: Drahtkäfig und Natodraht


Nach der Aussaat: Foto vom Alten Steinbacher Weg (Fußweg) aus (größer durch Klick). Der Kern mit den gentechnisch veränderten Pflanzen ist durch Bauzäune gesichert. Seitlich (rechts) befinden sich Kameraüberwachung und Flutlicht (auch tagsüber an). Das Foto entstand bei einer Ortsbesichtigung mit einem auswärtigen Journalisten. Zu diesem Zeitpunkt waren mehrere Polizeiwagen an verschiedenen Seiten des Feldes anwesend.

Am 19.4.2007 sah es im Inneren des Käfigs so aus:

Am 24.4. dann so (oben: ca. 19.30 Uhr, unten kurz vor Mitternacht - Flutlicht und bewacht von Security mit Hund)

Das Feld wuchs und gedeihte. Nur halfen die Sicherungen auch dieses Jahr nichts. Am 13. Juni 2007 war das das Feld platt - fast alles herausgerissen, wie die Presse berichtete. Die Polizei sinnierte (das zeigten ihre Akten später), wie dieser Coup überhaupt gelingen konnte angesichts von Flutlicht, Kameras, Hunden und Wachschützern. Niemand hat die genauen Abläufe je beschrieben - aber es mag ein Zeichen gewesen sein, dass menschliche Kreativität technischen Lösungen mitunter doch ein Schnippchen schlagen kann.


Foto am 19.6.2007 nach der Zerstörung: Links stehen noch ein paar Reihen und hinten rechts ein Quadrat.

Jedenfalls musste die Versuchsleitung zum zweiten Mal vorzeitig ernten. Die Variante vom letzten Jahr fiel weg - 2x das gleiche Desaster wäre dann wohl zu auffällig gewesen. Also mussten die Ähren ab. Danach hätte das Feld, wie in Sicherheitsauflagen und Betriebsanweisung festgelegt (siehe oben), totgespritzt und in den Boden eingearbeitet werden müssen. Was genau wann geschah, ist nicht mehr zu ermitteln. Denn in den nach Umweltinformationsgesetz eingesehenen Akten fehlten die Begehungsprotokolle mehrerer Wochen. Hatte die Uni das geräumte Feld wieder sich selbst überlassen und - rechtswidrig - nicht mehr überwacht? Oder waren die Protokolle vor der Akteneinsicht - rechtswidrig - entfernt worden, weil sie unangenehme Details enthielten? Der letzte Eintrag stammt vom 13.6.2007: "Zerstörung der Versuchsfläche in der Nacht vom 12. auf den 13.6.07 ca. 3.00 Uhr (Information vom Wachdienst). 3 unbekannte Personen wurden auf der Flucht vom Wachdienst gesehen und Polizei sofort benachrichtigt." Der Folgeeintrag in der Akte dann am 1.8.2007: "Reste von nicht zerstörten Parzellen geerntet, gekennzeichnet, in geschlossenen Behältern gelagert. Lagert S1 Gewächshaus. Mähdrescher für Ernte der Mantelsaat steht nicht zur Verfügung. Versuchsfläche gekennzeichnet." Neun Tage später dann schon: "Abbau von Schutznetz, Bauzaun, Hasenschutzdraht. Rücklieferung des Zaunes, Ernte der Randsaat wegen starker Nässe nicht möglich." Die Ernte selbst wird nirgends beschrieben. Das Ergebnis aber war beeindruckend: Am 2. September entdeckten AktivistInnen, dass die zentrale Fläche immer noch vorhanden war. Die bisherigen Sicherungen fehlten zwar, aber das vorgeschriebene sofortige Einarbeiten in den Boden hatte offensichtlich nicht stattgefunden. Da niemand zu sehen war und außer dem äußeren Maschendrahtzaun um das Gesamtgelände nichts mehr am Betreten hinderte, lief ein Gentechnikkritiker zu der Fläche und machte ein aufschlussreiches Foto (siehe rechts: Bilder vom 2.9.2007 mit sichtbaren Gerstenähren auf der Fläche und gepflückt (Feldlage im Kreis; größer durch Klick!).
Im Genehmigungsbescheid des BVL stand klipp und klar: "Nach der Ernte soll verbleibendes Pflanzenmaterial durch ein nicht-selektives Herbizid abgetötet, zerkleinert und zur Verrottung in den Boden eingearbeitet werden." Doch die Realität war eine andere. Auch im zweiten Jahr schaffte es die Versuchsleitung, durch unglaubliche Schlamperei dafür zu sorgen, dass transgene Gerste unkontrolliert in der Landschaft herumstand. Doch wieder wurde der Versuchsleitung die Genehmigung nicht entzogen. Die hatte stattdessen andere Probleme und schickte eine Anfrage an den Genehmigungsbehördenchef Buhk vom BLV, ob es denn rechtmäßig sei, dass der Genehmigungsbescheid im Internet zu finden sei. Kogel, dieser PR-orientierte Typ, der vor Beginn seines Versuches noch alle Transparenz versprach, ärgerte sich jetzt sogar darüber, dass der Genehmigungsbescheid im Netz zu finden und so zu lesen war, welche Rechtsverstöße zum Alltag seines Versuches gehörten. Dabei hätte er sich weiterhin beruhigt zurücklehnen können: Das BVL stärke ihm den Rücken, die Gießener Parteien guckten weiterhin weg, die Medien verbreiteten nur die Meldungen aus der Uni-Pressestelle und das Forschungszentrum Jülich beriet den Versuchsleiter freundlich, wie er einen neuen Antrag fälschen könnte, um einen ordentlichen Geldnachschlag zu erhalten. Beim öffentlich einsehbaren Genehmigungsbescheid konnte das BVL allerdings nicht helfen. Am 28.7.2007 schrieb BVL-Mitarbeiter Leggewie (BVL) an Kogel, dass der Bescheid an alle EinwenderInnen ging, und auch im RP einsehbar war und auch handschriftliche Eintragungen, "von jedermann nach Erhalt des Bescheides nachträglich aufgebracht sein können“.

Was noch geschah ...

2008: Eine Besetzung beendete den Versuch - aber nicht die Lügen!

Das dritte Jahr. Die Uni bereitete sich intensiv vor. Jedoch nicht, um Pannen mit unkontrollierter Gerste in der Landschaft zu vermeiden oder diesmal die Sicherheitsauflagen einzuhalten, sondern um GentechnikgegnerInnen und vor allem FeldbefreierInnen abhalten zu können. Also: Noch mehr Sicherheitsaufwand! Der auffälligste Vorbote war die Obstplantage am Ostrand des Ackers. Die wurde übel ramponiert, um freien Blick in alle Richtungen zu haben.

Im Original: Sicherheitsvorkehrungen 2008 ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Die Obstbaumanlage am Gerstenfeld - nicht mehr viel übrig. Gentechnik dient dem Umweltschutz - sichtbar! Nachfragen bei Obstbaumexperten ergaben folgende Einschätzung (Stellungnahme am 11.2.2008):"Man kann das, denke ich, nur noch als Katastrophen-Schnitt bezeichnen. ... Die meisten Bäume werden das wohl nicht überleben."
Vergrößern der Fotos durch Klick auf die Bilder!

Doch es kam anders. In der Nacht vom 30. auf den 31. März wurde das Feld wird besetzt. Mitten in der Stadt gelang das Kunststück, unbemerkt einen 12m hohen Turm mit Ankettvorrichtung aufzubauen und eine ebenso ausgestattete 800kg Betonpyramide auf die Fläche zu schaffen. Erst nach der Morgendämmerung entdeckten Uni-Bedienstete und Polizei die Aktion. Da hingen schon die ersten Transparente im Wind ...
Die Nerven der Versuchsbetreiber lagen folgenden Morgen blank. Mitarbeiter der Versuchsstation zerstückelten mit Motorsägen das Inventar der Besetzung an. Ein wütend schnaufender Prof. Imani (Stellvertreter des Institutschefs Kogel) filmte stundenlang das Geschehen und schließlich tauchte Kogel selbst auf. Er blieb im sicheren Schutz der am Feld postierten Polizei und beschimpfte die Besetzung als "Kindergarten". Dann folgten drei Wochen Besetzung - mit einer ungeahnten Nervenschlacht rund um die Frage, wer über die Besetzung und den dadurch blockierten Versuch die Deutungshoheit hatte. Vorteil Uni: Der Filz in der Stadt mit Regierenden, Polizei und vielen MedienvertreterInnen. Vorteil BesetzerInnen: Die Präsenz vor Ort, Aktionen plus eigene Veröffentlichungen in der Stadt und Einzelkontakte zur Presse. So herrschte drei Wochen ein absurdes Tauziehen. Startschuss: Die Universität sperrte gentechnischkritische Internetseiten auf allen Rechnern der Uni. Die Sperre währte zwar nicht lange, nachdem Nachfragen von PressevertreterInnen an die Uni gingen, aber der Vorgang ist dennoch bizarr. Hier werden Recherchemöglichkeiten und kritische Blicke zensiert. Was deutsche Medien immer über China oder Russland schreiben - hier ist es längst Realität! Ein anderes kommunikatives Schlachtfeld: Kogel behauptete schnell, der Versuch sei ohnehin nicht mehr geplant gewesen in diesem Jahr und die Besetzung deshalb unsinnig. Das Feld solle stattdessen in den USA angelegt werden. Die Gießener Tagespresse druckte die Versionen des Professors unüberprüft ab. Doch gelogen war alles, wie spätere Recherchen belegten.
Dann die vermeintlich ermordeten Bienen ... tatsächlich hatte ein Anwohner, der die BesetzerInnen immer mal wieder besuchte, auf dem Uni-Gelände (außerhalb der besetzten Fläche) randaliert. Das traf auch einige Bienenstöcke, die dort standen und zum Teil mit überwinternden Bienenvölkern belegt waren. Polizei, Univerwaltung und Wachschutz prüften die Lage vor Ort, kümmerten sich aber nicht um die beschädigten Bienenkästen. Das taten die BesetzerInnen. Als sie erfuhren, dass Bienenstöcke beschädigt wurden, riefen sie eine ihnen bekannte Imkerin, die sofort kam und die Bienenvölker wieder in ihren Überwinterungsplatz setzte. Schon wenige Tage danach - an den ersten warmen Tagen des Jahres - konnten die BesetzerInnen beobachten, wie die Bienen ausschwärmten. Doch vor allem die Gießener Allgemeine nutzte das Ereignis zu einer absurden Hetzjagd auf die FeldbesetzerInnen. Die ganze erste Woche versuchte die Universität, die BesetzerInnen durch immer neue Zaunreparaturen einfach von der Umgebung abzuschneiden, auszuhungern. Doch auch das gelang nicht. Am Ende war klar: Der Gengersteversuch in Gießen war Geschichte - und es war die die Besetzung der Fläche am Alten Steinbacher Weg, die dem Spuk das Ende bereitete.

Im Original: Nervenkriege rund um die Feldbesetzung 2008... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Zensur unter dem Deckmantel der Wissenschaftsfreiheit: Als am 31.3.2008 das Gengerstenfeld besetzt wurde, sperrte der die Universität gentechnikkritische Seiten an Uni-Rechnern, unter anderem www.gendreck-giessen.de.vu und www.gendreck-weg.de.


War 2008 gar keine Aussaat geplant? Die Uni behauptete das ...
  • 30./31.3.2008: Das Gengerstenfeld wird besetzt.
  • 31.3. vormittags: Versuchsleiter Kogel verweigert jegliches Gespräch mit der Presse.
  • 31.3. nachmittags: Uni-Pressestelle und Kogel reden ... und behaupten plötzlich, es sei ohnehin keine Aussaat vorgesehen.
  • 1.4.: Kogel sagt gegenüber der Gießener Allgemeinen, der Versuch werde in den USA fortgesetzt. Das veröffentlicht die Gießener Allgemeine am Folgetag. Am gleichen Tag fragt Dr. Lühs (Uni) bei Frau Kraus (Uni) an, dass Dr. Gerlach von der Überwachungsbehörde (RP) wissen will, was es mit der Behauptung, es würde dieses Jahr nicht ausgesät werden, auf sich hat. Der RP hätte das aus der Presse erfahren. Zwei Tage später geht ein Fax von Lühs an das BVL (3.4.2008): "hiermit teile ich Ihnen im Rahmen ob. Freisetzungsvorhabens mit, dass seit dem 31.03.2008 eine Besetzung der Versuchsfeldfläche der JLU ... erfolgt ist. Im Übrigen teile ich Ihnen gemäß Nebenbestimmung II.3 des Genehmigungsbescheids (...) vom 03.04.2006 mit, dass die Universität in diesem Anbaujahr (Vegetationsperiode) nicht beabsichtigt, von der Freisetzungsgenehmigung Gebrauch zu machen."
  • 10. April: Auf der Seite der Bundesregierung zum Genforschungsprogramm www.biosicherheit.de wird ein Text veröffentlicht, in dem es heißt: "In der Saison 2008 sind keine Freisetzungsversuche mit gv-Gerste geplant. Nun wollen die Aktivisten das Feld so lang besetzt halten, bis das Forschungsprojekt vollständig eingestellt sei und auch in Zukunft auf Freilandversuche mit gv-Gerste verzichtet werde."
    Auch gegenüber der Presse heißt es nun immer: "In diesem Jahr sei nicht geplant gewesen ..." (HNA, 12.4.2008)
    Das würde bedeuten, der Versuch wird 2008 nicht ausgesät, aber möglicherweise später fortgesetzt. Dann hätte die Besetzung eine Pause erzwungen. Mit dem Eintrag im Standortregister und der bewilligten Förderung steht das allerdings nicht im Einklang.
Doch stimmte das? Die im März 2008 vorliegenden und später recherchierten Fakten sprachen eindeutig dagegen:
  • 2005: Die Universität Gießen beantragt die Genehmigung eines Gerstenversuchs für die Jahre 2006, 2007 und 2008
  • 2006: Der Versuch wird genehmigt und ins Standortregister eingetragen. Dort steht:
  • Auch die Mittelbewilligung durch das Bundesministerium für Forschung zeigt die Jahre 2006 bis 2008, für 2008 sind 122.000 Euro bewilligt:
  • 2007: Nach der Zerstörung des Gerstenfeldes kündigt Versuchsleiter Kogel mehrfach öffentlich an, den Versuch 2008 weiterführen zu wollen.
  • Anfang 2008: Die Obstplantage am Feld wird radikal beschnitten. Der Verdacht entsteht, dieses könnte einer besseren Überwachung dienen. Das Flutlicht ist weiter installiert, auch die Bauteile für den Käfig um die Parzelle liegen weiterhin auf dem Hof des Instituts. Nichts deutet darauf hin, dass der Versuch nicht weiter stattfinden soll.
  • Prof. Andreas Schier von der FH Nürtingen gibt bei Welt Online ein Interview, dass am 17.4. veröffentlicht wird. Dort jammert er, zum Abbruch seines Versuchs durch die Feldbesetzung in Oberboihingen gezwungen worden zu sein und vergleicht das mit dem Ablauf in Gießen. Zitat: "In Gießen gab es ebenfalls eine Feldbesetzung. Die Entscheidung zur Teileinstellung der Forschungsarbeiten wurde dann meines Wissens aber immerhin einvernehmlich zwischen Hochschulleitung und dem zuständigen Lehrstuhlinhaber getroffen" (Welt-online, 17.4.2008). Auch das beweist: Der Versuch in Gießen ist durch die Besetzung beendet worden.

Zur Klärung, die sich in den Akten zum Gengersteversuch bei Uni und Überwachungsbehörde fand, veröffentlichten die FeldbesetzerInnen dann später einen zusammenfassenden Text:

Feldbesetzung führte zum Aus für das Gengerstenfeld 2008 (Gießener Zeitung, 11.9.2008)
AktivistInnen von Gießener gentechnikkritischen Gruppen nahmen am vergangenen Mittwoch die nach dem Umweltinformationsgesetz mögliche Akteneinsicht in die Unterlagen zum Gießener Gengersteversuch. Dabei konnten sie feststellen, dass die Informationen der Universität Gießen falsch waren, die am 1.4.2008 in Gießener Zeitungen zu finden waren. Einen Tag nach der spektakulären Besetzung des Versuchsfeldes durch Anti-GentechnikaktivistInnen mit einem 12 Meter hohen Turm, Zelten und Betonblock zum Anketten hatte der Versuchsleiter Prof. Kogel bekannt gegeben, dass ohnehin keine Aussaat geplant gewesen sei. Aus der Akte war nun zu entnehmen, dass erst auf die wegen der Presseveröffentlichung nachfragende, irritierte Überwachungsbehörde eine offizielle Mitteilung erfolgte, dass der Versuch abgebrochen wurde. Am 3. April faxte der zuständige Sachbearbeiter an das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit: "Hiermit teile ich Ihnen im Rahmen ob. Freisetzungsvorhabens mit, dass seit dem 31.03.2008 eine Besetzung der Versuchsfeldfläche der JLU ... erfolgt ist. Im Übrigen teile ich Ihnen gemäß Nebenbestimmung II.3 des Genehmigungsbescheids (Az. ...) vom 03.04.2006 mit, dass die Universität in diesem Anbaujahr (Vegetationsperiode) nicht beabsichtigt, von der Freisetzungsgenehmigung Gebrauch zu machen." Damit ist klargestellt, dass es die Feldbesetzung war, die dafür sorgte, dass keine weitere Ausbringung von gentechnisch veränderten Pflanzen auf dem Stadtgebiet Gießen erfolgte.

Was sonst noch geschah:

Nachschlag 2009: Versuch in Groß Lüsewitz

Kogel gab nicht auf. Die Uni wiederholte ihren Antrag und suchte einen neuen Acker für den Feldversuch. Sie fand ihn 20km östlich Rostock auf den Flächen des dubiosen AgroBiotechnikums. Die Einrichtung steht im Verdacht, systematisch Fördermittel in eigene Firmenkonstruktionen zu leiten. Rund um dieses Gründerzentrum ist ein enger Filz von Gentechnikkonzernen, Kontrollbehörden und Forschungsinstituten entstanden. Dort suchen Kogel & Co. nun ihr neues Heil - neben Weizen-, Mais- und Kartoffelversuchen. Aber wieder stellen sich AktivistInnen ihnen entgegen. Am frühen Morgen des 3. April wurden die Versuchsäcker besetzt!

Laut Genehmigungsantrag ans BVL sollten die gleichen Gerstepflanzen ausgebracht werden wie 2006 und 2007 in Gießen. Die Uni Gießen wollte ihre beiden Versuchsteilziele durchführen.

Die Verschiebung des Versuchs ans AgroBioTechnikum wirkte von Beginn an eher wie ein Handeln mangels Perspektive. Viele 100km lagen nun zwischen Hochschule und Versuchsfeld. Die Folge war deutlich sichtbar: Das Feld wurde kaum von ForscherInnen besucht, wie befragte NachbarInnen und Wachschützer erzählten. Die nach 2009 plötzlich veröffentlichten Ergebnisse stammten aus der Retorte oder freien Phantasie der Versuchsbeteiligten. Doch es dürften ganz andere Motive gewesen sein, die Kogel zur erneuten Auspflanzung motivierten. So hatte er schon nach der Feldzerstörung von 2007 seine Fühler ausgestreckt, um frisches Geld für eine komplette Wiederholung des dreijährigen Versuchs zu erhalten. Dabei hoffte er, 2008 ohne Störung forschen zu können und beantragte eine Verlängerung um zwei Jahre, also 2009 und 2010. Denn landwirtschaftliche Forschungspraxis ist, einen Versuch über drei Jahre durchzuführen, um auch statistisch belastbare Ergebnisse zu haben. Dann klappte 2008 nicht, das Geld aber war bewilligt. Warum es verschenken, wenn es doch als Drittmittel im Institut so dringend nötig ist? Auch am AgroBioTechnikum war der Geldsegen gern gesehen. So beauftragte die Universität Gießen nun die Kleinfirma biovativ mit der Anlage eines Versuchs - als reines Fake, um die Geldmittel nicht zurückzahlen zu müssen.

Im Original: Vorbereitung, Anmeldung, Genehmigungsverfahren... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Ursprünglich vorgesehener Zeitraum: 2008 bis 2010 (aus dem Aufstockungsantrag an das PTJ Jülich)


Gerstenversuch der Uni Gießen
trifft bei Rostock auf breiten Widerstand: Brauereichef gibt Bierpreis zurück! ++ Gießener Zeitung 10.5.09

Rechts: Aus dem Internetregister der Versuchsanträge (B = beantragt) Trotzdem genehmigt und alle Einwände abgetan ++ Aussaat nach 7. Mai ++ Doch kurz danach bereits wieder zerstört ... und neu ausgesät! ++ Klage gegen das Gerstefeld eingereicht!

Beeindruckend war der Umgang der GentechnikerInnen mit einem Saatzuchtbeet des Ulenkrug-Hofes in direkter Nähe. In der Genehmigung des BVL war eigentlich folgende Auflage zu lesen:

Da das Gerstenfeld auf dem Gesamtversuchsgelände bei der Antragsstellung nie präzise lokalisiert wurde, schrieb das BVL in den Bescheid:

Praktisch aber war diese Auflagen so wenig wert wie auch alle Einwendungen und Festlegungen. Denn das Gerstensaat-Beet in unmittelbarer Nähe der Gesamtfläche interessierte niemanden derer, die das Feld anlegten. Die "gesamte beantragte Freisetzungsfläche", die dem Genehmigungsbescheid zugrundlage, reichte mit ihrem Zaun (gelbe Linie im Luftbild rechts) auf ca. 35m an das Gerstensaatbeet (gelber Punkt) heran.

12. Mai: Erste Aussaat und fünf Tage Pause bis zur erste Feldbefreiung

Dann der Start ins landwirtschaftliche Jahr - jedoch gleich recht holprig. Am 3. April wurden die Versuchsflächen besetzt. Nach der sofortigen Räumung erfolgte am 12. Mai die Aussaat der Gerste - für einen Versuch, der von sich behauptet, Umweltauswirkungen der Pflanzen zu untersuchen, bereits jetzt ein absurder Zeitpunkt für Gerste - aber Wissenschaftlichkeit hat diese Wissenschaftler noch nie interessiert. Glück hatten sie aber nicht: Das Feld hielt nicht lange. Unbekannten gelang in der Nacht vom 17. auf den 18. April das Kunststück, trotz Bewachung mehrere der Versuchsfelder zu beschädigen. Das Gerstefeld erwischte es voll. Die Zerstörung wurde zunächst geheimgehalten und eine Neuaussaat vorbereitet. Wachschützer berichteten, dass personelle Konsequenzen aus der Nacht gezogen wurden.


Aus dem Standortregister nach der Zerstörung des Gerstenfeldes.

Doppelt hält besser: Das zweite Gerstenfeld - zu spät und ohne Genehmigung!

Am 24. Mai, so die Auskunft der Überwachungsbehörde, erfolgte eine Neuanlage des Gerstenfeldes. Der Zeitpunkt war völlig absurd. Üblicherweise wird Gerste ab Ende Februar, meist aber im März ausgesät. Der als Sicherheitsforschung deklarierte Versuch startete also 2 bis 3 Monate zu spät. Schon das wirft die Frage nach der Wissenschaftlichkeit des Experimentes auf. Immerhin ist in der Versuchsbeschreibung des parallelen Weizenversuchs auf www.biosicherheit.de zu lesen: "Bis zur geplanten Aussaat Anfang April ist jedoch nicht mit einer Entscheidung zu rechnen. Bei einer späteren Aussaat des KP-4 Weizens ist mit einer weniger feuchten Vegetationsperiode zu rechnen. Unter diesen Umständen sind keine aussagekräftigen Ergebnisse zu Pilzbefall und Resistenzverhalten des Weizens zu gewinnen." Das würde, da Gerste meist noch vor Weizen ausgesät werden, für das Gerstefeld auch gelten. Doch was interessieren solche Überlegungen, wenn es bei dem Versuch um das Waschen von ergaunerten Zuschüssen und das organisierten Ausbringen auskreuzungsfähiger Pflanzen geht. Bemerkenswert: Der Text von www.biosicherheit fand sich auch auf www.biovativ.de - nur ohne Absatz zum Aussaatzeitpunkt. Die wussten schon, was sie da machten ...
Dass für die Neuaussaat gar keine Genehmigung vorlag, war nur der traurige Höhepunkte des Versuchsjahres. Die alte Gerste wurde zunächst nicht entfernt, die Neuanlage geschah auf einer zweiten Fläche einige Meter entfernt. Fast einen Monat standen zwei Felder auf der Gesamt-Versuchsfläche. Genehmigt war jedoch nur eines. Damit begingen Versuchsleiter und BetreiberInnen eine Straftat. Denn: "Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer ... ohne Genehmigung nach § 14 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 gentechnisch veränderte Organismen freisetzt" (§ 39, Abs. 2 des Gentechnikgesetzes).


Fotos vom 9. Juni 2009 - oben: Erstes (zerstörtes) Feld mit Gengerste vorne und rechts hinten unter dem Netz das neue - völlig illegal!
Unten: Die gesamte Anlage - Beschriftung sichtbar, wenn Maus über Bild. Größer durck Klick!

Doch die alarmierte Justiz zeigte nur: Der Staat und seine Institutionen stehen auf der Seite der Gentechnikfirmen und -konzerne. Nach einer Ortsbesichtigung und Klärung der Tatsache, dass zwei Gerstenfelder vorhanden und auch als gentechnische Anlagen markiert sind, schickten zunächst NachbarInnen eine Anzeige an das Landwirtschaftsministerium. Es geschah ... nichts. Beide Felder wuchsen nebeneinander heran - das eine zerzaust zwar, aber auch voller transgener Gerste. Das andere in seiner Startphase - unsichtbar unter einem Vogelnetz.


Aus der Anzeige vom 11.6.2009, gerichtet an das Landwirtschaftsministerium Mecklenburg-Vorpommern

Als am 20. Juni 2009 immer noch nichts geschehen war, stellte ein Gentechnik-Aktivist Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Rostock (mit Kopie an Polizeistation Sanitz, Amtsverwaltung Carbäk und andere). Jetzt erst änderte sich die Lage - jedenfalls scheinbar. Die Staatsanwaltschaft leitete formal ein Ermittlungsverfahren ein (Az. 476 Js 15017/09) und der Versuchsbetreiber spritzte hektisch das erste Gengerstenfeld weg.

Im Original: Berichte und Pressetexte zum illegalen Zweitfeld ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Mehr Hintergründe im Regionalteil der Ostsee-Zeitung am 24.6.2009
Zweites Gen-Gerstenfeld provoziert Anzeige
Neue Runde im Streit um die Gen-Gerste: Ein Aktivist erstattet Anzeige wegen eines zweiten Versuchsfelds. Die Forscher sehen sich im Recht.
Groß Lüsewitz Der Saasener Umweltaktivist Jörg Bergstedt hat am Sonnabend Strafanzeige wegen Verstoßes gegen das Gentechnikgesetz bei der Rostocker Staatsanwaltschaft erstattet. Seiner Ansicht nach wurden durch die Firma biovativ GmbH aus Groß Lüsewitz, die Begleitforschung an Nutzpflanzen vornimmt, zwei gentechnisch veränderte Gerstenfelder angelegt, von denen eines illegal sei. Der Rostocker Oberstaatsanwalt Peter Lückemann bestätigte den Eingang der Anzeige. „Der Sachverhalt wird geprüft“, sagte er, konnte aber noch keine weiteren Angaben machen.
Gerichtet ist die Anzeige unter anderem gegen die biovativ-Geschäftsführerin Kerstin Schmidt und gegen die Vorstandsvorsitzende des Vereins zur Förderung Innovativer und Nachhaltiger AgroBiotechnologie, Inge Broer. Denn die biovativ GmbH ist zu 100 Prozent eine Tochterfirma des Vereins. Inge Broer war für eine Stellungnahme gestern nicht zu erreichen. Geschäftsführerin Kerstin Schmidt sieht der Prüfung ruhig entgegen. „Es ist alles ordnungsgemäß“, sagt sie.
Gen-Aktivist Jörg Bergstedt beruft sich auf Paragraph 39 des Gentechnikgesetzes. „Es ist untersagt, unerlaubt gentechnisch veränderte Organismen freizusetzen“, erläutert er die Anzeige. Bergstedt, der durch Anwohner auf ein zweites Feld aufmerksam gemacht worden war, erklärt, dass nur eine Genehmigung für ein Feld im Standortregister eingetragen worden sei. „Das erste Feld war beschädigt worden, daraufhin wurde ein zweites angelegt“, sagt der Gen-Gegner. Aber statt das erste zu vernichten, hätten die Betreiber neu daneben ausgesät, glaubt er. Bergstedt, der sich Mitte Juli wegen des Vorwurfs einer Feldbesetzung in Gießen vor Gericht verantworten muss, will mit einem rechtlichen Winkelzug weitere Pflanzenforschungen unterbinden. Das im Standortregister als genehmigte Fläche ausgewiesene Feld dürfte nur knapp zehn Quadratmeter groß sein. „Es sind aber zwei Felder zu sehen, wovon eines mindestens illegal sein muss“, sagt er. Sein Vorwurf: Die Pflanzen in der alten Versuchsanordnung wachsen unkontrolliert vor sich her.
„Wir haben den alten Versuch ordnungsgemäß beendet und einen neuen in Abstimmung mit den Behörden angelegt“, erklärte Kerstin Schmidt. „Die alten Pflanzen sind mit einem Herbizid abgespritzt worden.“ Es dauere, bis alle Pflanzen abgestorben seien. Wann genau das Pflanzenvernichtungsmittel ausgebracht wurde, konnte sie aber nicht angeben.

Immer absurder: BVL deckt Gengerstenfeld ... aber weiß nicht ob ein ungenehmigtes Feld illegal ist!
Aus der Ostseezeitung vom 24.6.2009
Die umstrittene erneute Aussaat von gentechnisch veränderter Gerste in Groß Lüsewitz ist aus Sicht des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit „in Ordnung“.
Bei der Behörde sei eine Änderungsmitteilung eingetragen worden, dass auf dem für die erste Aussaat vorgesehenen Flurstück eine erneute Aussaat erfolgte, teilte das Amt am Mittwoch auf Anfrage in Berlin mit. Die erste, offenbar zerstörte Aussaat sei durch ein Herbizid beseitigt worden, hieß es weiter. Die Justiz müsse die Frage beantworten, ob der Vorgang legal oder illegal war, weil eventuell zwei Versuchsfelder gleichzeitig bestanden, obwohl nur eines genehmigt war. Am Dienstag hatte die Staatsanwaltschaft Rostock zwei Strafanzeigen bestätigt, die von Gentechnik-Gegner erstattet worden waren. Sie richtet sich gegen Mitarbeiter der Universitäten Rostock und Gießen sowie der Firma biovativ.


Überwachungs- und Genehmigungsbehörde als Mit-Straftäter?
Auszug eines Zitats zum zweiten Gerstenfeld von Versuchsleiter Kogel, in: FR, 11.7.2009 (Hessen D3)
"Das Feld war mit den Behörden abgesprochen", versichert der Wissenschaftler.

Aber wieder waren Polizei und vor allem die Staatsanwaltschaft Rostock auf der Seite der Agro-GentechnikerInnen. Das Handeln der Ermittlungsbehörden war nicht als ein Trick - und zwar als ein sehr schmutziger. Die Beschuldigten wurden nie angehört, aber die KritikerInnen zum Verhör als ZeugInnen geladen. Der spätere Einblick in die Akten zeigte, dass das Verfahren ausgenutzt wurde, um die GentechnikkritikerInnen auszuspähen. An ernste Ermittlungen zum illegalen Gentechnikfeld hatten Polizei und Staatsanwaltschaft von Beginn an gar nicht gedacht. Zum weiteren Ablauf der Klage:


Reaktion auf die Strafanzeige: Das vordere Gerstenfeld wird totgespritzt (siehe gelbliche Flächen = Pflanzen im Absterben), die Umzäunung entfernt. Die Aufnahme stammt vom 23.6.2009. Es ist völlig klar, dass das Totspritzen erst kurz vor der Aufnahme erfolgte.
Das dahinterliegende neue Gengerstenfeld ist weiter mehrfach abgesichert, das Vogelschutznetz aber inzwischen entfernt.

Peinlich auch der Auftritt der Kontroll- und Genehmigungsbehörden. War nach der ersten Anzeige und auch bei früheren kritischen Anfragen das Motto immer Augen-zu-und-durch, so positionierte sich am 24. Juni dann die Überwachungsbehörde, die eigentlich die ordnungsgemäße Durchführung überwachen sollte und schon längere Zeit vom zweiten Feld wusste, als Retter der Gentechnikseilschaften. Sie verkündete, dass alles abgesprochen und somit rechtens war. Das alte Genfeld sei stehengelassen worden, um sicherzugehen, dass auch alles Gerste aufläuft, um sie dann besser abspritzen zu können. Komisch, dass Kerstin Schmidt das einen Tag vorher, als die Presse anrief, selbst noch nicht wusste. Und dass auch in diesem Fall eine einfache Zweitgenehmigung für das Folgefeld ja möglich gewesen wäre, aber weder beantragt noch erteilt wurde. Somit zeigte sich: Die zuständigen Behörden sind nur willige Helferlein der Gentechnik-Seilschaften. Überwachung findet nicht statt, stattdessen Vertuschung und Verharmlosung. "Können Sie die nicht mal in Ruhe arbeiten lassen", war der erste Satz des zuständigen Abteilungsleiters im Landwirtschafts- und Umweltministerium, Broschewitz, bei einer telefonischen Nachfrage bezüglich der Versuchsfelder im Osten Rostocks. Die Bundesgenehmigungsbehörde verhielt sich ähnlich. Um die Felder kümmerten sie sich nicht, nun aber wussten sie innerhalb von Stunden, dass alles in Ordnung sei. In einem Gespräch mit Journalisten behauptete das BVL bereits am 26. Juni die erste Fläche sei weggespritzt worden. Das hatte die Überwachungsbehörde zu dem Zeitpunkt noch anders dargestellt. Beide versuchten offensichtlich, mit Notlügen der Gentechnik zur Hilfe zu eilen, statt diese zu überwachen. Aber sie sprachen sich nicht ab - und so fiel das besonders leicht auf. Nützte aber nichts, denn das Kartell des Vertuschens zwischen Landes- und Bundesbehörden, Universitäten, Polizei und Justiz stand.

Im Original: Vertuschungsschreiben der Behörden ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden

Aus dem Schreiben der Überwachungsbehörde vom 26.9.2009: Krampfhafte Versuche, eine Erklärung für alles zu finden. Warum das zweite Feld nicht angemeldet wurde und warum ein erstes Feld keines mehr ist, weil es später weggemacht werden soll - auf all das findet sich keine Antwort. Das aber war zu erwarten: Die Behörden sind Handlanger der GentechnikanwenderInnen, sonst nichts. Das der Brief zudem noch schlampig geschrieben wurde und zwei der vier Daten nicht stimmen, spricht für sich.


 
Im Original: Staatsanwalt stellt Verfahren ein ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Am 3.11.2009 war dann auch offiziell das - nie begonnene - Ermittlungsverfahren zuende. Die absurde Logik: Obwohl unstrittig ist, dass ein Feld zu viel da war, sei alles okay, weil das zweite auf dem gleichen Grundstück läge (ob das bei Hausbauten auch so wäre ... mit einer Genehmigung zwei Häuser bauen?):

Tatsächlich dürfte aber alles schlimmer sein: Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren nur betrieben, um unauffällig GentechnikgegnerInnen vernehmen zu können - als ZeugInnen. Denn die Einstellung offenbart: Vorgeladen wurde nur die, während die Beschuldigten unbehelligt blieben. Auch das spricht für ein gerichtetes Verfahren mit Doppelnutzen: Gentechnikseilschaften schützen, die GegnerInnen kriminalisieren!

Nicht besser: Die vorgesetzte Behörde (Generalstaatsanwalt)
Der Anzeigeerstatter legte gegen die Einstellung am 21.11.2009 Widerspruch ein. Doch die nächsthöhere Behörde machte kurzen Prozess und lehnte am 16.12.2009 ab. Die Staatsanwaltschaft hätte alles richtig gemacht. Wer die verfilzten Behörden hinter sich hat, kann auch nicht falsch machen ...:


Das Ganze war dreist gelogen: Im Standortregister sind genau 9,6 qm angemeldet. Doch Justiz ist da, was sie immer ist, nämlich ausgerichtet auf die Interessen der Eliten. Aus dem Standortregister - klar und deutlich steht da 9,6qm:

Der weitere Fortgang des Verfahrens ist schnell erzählt: Alles wurde ohne große Umschweife eingestellt. Das ist Alltag in der deutschen Justiz. Während die GegnerInnen solcher Projekte von offenbar nationalem Interesse mit Strafanzeigen, Maulkörben und Hausverboten, Wohnungsdurchsuchungen und Polizeigewalt auf der Straße bis hin zu sich häufenden Geld- und Gefängnisstrafen überzogen werden, haben die Angehörigen der Eliten nicht einmal eine erste Vernehmung zu befürchten, wenn sie gegen Auflagen, Gesetze oder Richtlinien verstoßen.

Spektakulärer verlief das Jahr aber auf dem Versuchsfeld. Vor allem Anfang Juli. Am 1. Juli luden KritikerInnen zu einer Inspektion und informierten über weitere Verstöße gegen Sicherheitsauflagen (Bericht in Ostseezeitung am 2.7.2009). Mit Fotos wurde die Lage vor Ort dokumentiert. Mit dabei waren NDR und dpa. Die Wachschützer wollten das Fotografieren der illegalen Felder verhindern und griffen den dpa-Fotografen an. Die Inspektionsgruppe stand auf dem öffentlichen Weg außerhalb des Geländes! Ausgewählte Fotos und Ausschnitte:

Im Original: Fotos und Dokumente der Inspektion ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden

Oben: Gerstengarten, neben dem das umstrittene Gerstenfeld angelegt wurde - die Gerste blüht.
Unten: Protestschild am Versuchsgelände - links das zweite Gerstenfeld, rechts der Weizen.


Die beiden Gerstenflächen am 1. Juli 2009: Das erste ist nun untergepflügt (vorne), das zweite wächst kräftig.
Unten (9. Juni und 1. Juli): Sogenannter Mäuseschutz am Weizenfeld - zu große Maschen und ohne Probleme unterwühl- und überkletterbar.





Absurder Kommentar aus einem Schreiben des BLV vom 6.7.2009. Auch hier die Logik: Mäuseschutz existiert nicht, daher alles okay.

Dann in der Nacht nach der Inspektion muss es hoch hergegangen sein. Offenbar wurden mehrere der Versuchsfelder beschädigt oder ganz zerstört. Die Medienberichte aber wurden durch eine ganz andere Nachricht geprägt: Ein Wachmann sei niedergeschlagen und verletzt worden. Sofort hagelte es Distanzierungen - ob von der Linken,die in ihrer Regierungszeit das AgroBioTechnikum mit stützte und danach eher durch peinliches Schweigen zu den Skandalen in Mecklenburg-Vorpommern auffiel, oder aus CDU und SPD. Doch worauf deren Annahmen des nächtlichen Ablaufs und eines verletzten Wachmannes eigentlich basierte, blieb völlig unklar. Linke, BDP, CDU und FDP antworteten auf eine entsprechende Anfrage gar nicht, TransGen verkroch sich sich hinter dem Hinweis auf "übereinstimmende Presseberichte" und die Pressestelle von Minister Backhaus teilte mit: "Unsere Informationen, die der Pressemitteilung zu grunde lagen, haben wir aus dem Lagebericht der Polizei entnommen. Das ist eine seriöse und offizielle Quelle."
In jedem Fall erschien diese neue Story schon recht schnell eher abenteuerlich. Im Nordmagazin (NDR-Fernsehen) wurde noch am 2. Juli 2009 eine Kurzmitteilung verlesen, die sich auf Polizeiangaben stützte. Danach sei ein Wachmann leicht verletzt wurde und die fünf Täter hätten anschließend ein Genfeld mit einer unbekannten Flüssigkeit überschüttet hätten. Es sollten also Personen auf das Feld vorgedrungen sein, zuerst die Wachen angegriffen und dann, während diese mutmaßlich die Polizei riefen, die Felder zerstört haben? Nachfragen vor Ort ergaben schnell ein anderes Bild. Dass nachts Unruhe auf dem Feld war, bestätigten auch NachbarInnen. Polizei und besonders der Krankenwagen ließen sich aber viel Zeit. War die Verletzung erst Stunden später aufgefallen? Oder war sie mehr eine Folge taktischer Absprachen, um eine schlimme Story über böse FeldbesetzerInnen verkaufen zu können? Wollte sich ein Wachschützer selbst schützen, im dem er heldenhafte Gegenwehr simulierte? Unangenehme Erinnerungen wurden wach an das Schauermärchen toter Bienenvölker, die schon ein Jahr zuvor eine Aktion am Gengerstefeld begleitete.

Im Original: Berichte und Spekulation zur Feldbefreiungsnacht ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Erste Meldungen über zerstörte Flächen und am Kopf verletzten Wachmann in Printmedien bzw. deren Internetseiten stellen das Geschehen bereits abweichend vom NDR dar - nämlich dass der Wachmann am 2.7.2009: Ostseezeitung ++ ddp ++ ddp nochmal und nochmal (Zitat: "schlugen sie ihn mit Fäusten und verletzten ihn leicht") ++ Bericht auf "Gesundheitliche Aufklärung"

CDU-Distanzierung lag schnell vor - lustigerweise mit Argumenten wie Rechtswidrigkeit und Eigentumsschutz
Die CDU-Landtagsfraktion hat als Reaktion auf den Angriff die Gentechnik-Gegner aufgefordert, sich von Gewalt zu distanzieren. „Wo Recht und Gesetz gebrochen, fremdes Eigentum geschädigt und Menschen verletzt werden, sind die Freiheitsrechte des Grundgesetzes klar überschritten“, erklärte die agrarpolitische Sprecherin der Fraktion, Beate Schlupp.
Dann kam SPD-Minister Backhaus (Auszug)
"Derartige Übergriffe auf die Gesundheit und das Leben der am Versuchsstandort Beschäftigten sowie die schweren Verwüstungen fremden Eigentums sind strafbar und nicht hinnehmbar. Ich verurteile diese brutale Tat der Gentechnikgegner auf das Schärfste", so der Minister.
"Die Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern unterstützt die Sicherheitsforschung im Bereich der Grünen Gentechnik. Dazu sind Forschungsversuche unbedingt erforderlich." Weiter sagte der Minister, dass "die Wirkung solcher Aktionen weit über den einzelnen Versuch hinaus reicht. Sie verändern das gesellschaftliche Klima, in dem Sicherheitsforschung mit gentechnisch veränderten Pflanzen stattfindet, und machen den von mir gepflegten sachlichen Umgang mit der Technologie fast unmöglich. Ich halte die Vorfälle für eine erschreckende und nicht akzeptable Entwicklung. Ich möchte an dieser Stelle meine Anerkennung und meinen Dank an alle aussprechen, die sich trotz auch persönlicher Angriffe weiterhin der Technologieentwicklung verpflichtet fühlen.

Backhaus legte in einer Telefonfragestunde der Rostocker Zeitung Blitz gleich nach: Wir haben in der vergangenen Nacht gesehen, was mit Unvernunft hier angerichtet wird. Da hat eine maskierte Person den Gentechnikversuch in Groß Lüsewitz zerstört. Der dort beschäftige Wachmann wurde von vier Leuten zusammengeschlagen. Wer so handelt, ist weder verantwortungsvoll noch zukunftsorientiert.
Linke-Landwirtschaftssprecher Tack
phantasierte ebenfalls: Eine kritische Begleitung dürfe jedoch noch lange kein Grund für die Zerstörung von Versuchsfeldern und Übergriffe auf Wachpersonal sein. „Ich verurteile die Ereignisse auf den Versuchsfeldern bei Groß Lüsewitz aufs Schärfste“, sagte Tack. Diese kriminelle und militante Gegnerschaft diskreditiere alle Gentechnikgegner, die sich sachlich mit den Anwendern und Befürwortern dieser Technologie auseinandersetzen wollen. „Zugleich wird die notwendige Grundlagenforschung erschwert, die die Chancen und Risiken der Grünen Gentechnik für Mensch und Natur zu untersuchen hat“, so Tack.

Lobbygruppen stimmen in das Konzert ein - eine Quelle für den Angriff auf den Wachmann nennt niemand
Aus der Presseerklärung des Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter (BDP) am 3.7.2009
Die gewaltsamen Übergriffe von Gentechnikgegnern auf einen Wachmann in Mecklenburg-Vorpommern werden vom Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter e.V. (BDP) aufs Schärfste verurteilt. An dem Exzellenzstandort moderner Züchtungsmethoden in Groß Lüsewitz werden seit Jahren im Rahmen der Biosicherheitsforschung Versuche mit gen-technisch veränderten (gv)Pflanzen durchgeführt.
„Es ist höchste Zeit, die Motive der Täter von Politik und Gesellschaft zu hinterfragen und endlich konsequent durchzugreifen“, sagt Dr. Ferdinand Schmitz, Geschäftsführer des BDP. „Nur zu deutlich geben die Innovationsgegner zu erkennen, dass es ihnen ganz und gar nicht um einen sachlichen Dialog geht, sondern vielmehr um die gewaltsame Verhinderung von technischem Fortschritt in der Pflanzenzüchtung.“ Seit Jahren zerstört eine kriminelle Gruppe von Gentechnikgegnern regelmäßig und mutwillig Flächen, auf denen zugelassene Pflanzen angebaut oder gv-Pflanzen auf ihre Umweltauswirkungen untersucht werden – oftmals ohne rechtliche Konsequenzen. Opfer krimineller Übergriffe sind dabei immer häufiger Einzelper-sonen wie Landwirte, Pflanzenzüchter und Wissenschaftler. „Bei Androhung und Ausübung von Gewalt hört der legale Protest auf. Das Vorgehen ist feige, dumm und kriminell,“ so Dr. Schmitz abschließend.
Abb. rechts: Nochmal dann am 3.7.2009 ein zusammenfassender Artikel in der Ostseezeitung - mit einer ganz neuen Version der Verletzung des Wachmanns. Nun ist sein Finger verletzt ... außerdem hat er offensichtlich selbst angegriffen.

Leserbrief dazu des zitierten Jörg Bergstedt (abgeschickt am 3.7.2009):
Falsch zitiert
Im benannten Artikel bin ich falsch zitiert worden. Meine Aussage, dass ein Angriff auf einen Wachschützer die Falschen trifft, war verbunden mit deutlich geäußerten Zweifeln, ob die Abläufe tatsächlich auch so gewesen sind. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Gentechnik-Mafia dann, wenn sie in Not ist, mit frei erfundenen Horrorgeschichten von ihren eigenen Skandalen und Rechtsverstößen ablenken will. Das habe ich in der Vergangenheit mehrfach selbst überprüft. So erfand die Uni Gießen 2008 während der Besetzung des Gerstenversuchsfeldes in Gießen eine herzzerreißende Story über von den BesetzerInnen getötete Bienenvölker. Daher hatte ich mich vorsichtig geäußert: Sollte es also zu Attacken auf einen Wachmann gekommen sein, so halte ich das für falsch. Aber die Naivität, mit der hier unüberprüfte Behauptungen wiedergegeben werden und sich reflexartig PolitikerInnen entrüstet zeigen, die bei den Straftaten der Gentechnik-Mafia weggucken, finde ich beunruhigend. Dass zudem in den ersten Medienmeldungen über den Angriff auf den Wachmann Zeitpunkt der vermeintlichen Attacke und Art der Verletzung ständig wechselten, steigert meinen Glauben in die Richtigkeit der Story nicht. Zu Beginn las sich alles wie ein Angriff auf den Wachschützer, nun ist die Version immerhin schon so verändert, dass wohl der Wachschützer angegriffen hat und die von ihm attackierte Person sich befreien wollte. Wenn es denn so war: Warum und wie greift ein privater Sicherheitsbediensteter mehrere andere Personen an (in den Medien war von fünf FeldbefreierInnen die Rede)? Hat hier ein Wachmann Angst um seinen Job, weil er das Feld nicht bewacht oder dienstvorschriftswidrig selbst Gewalt angewendet hat? Oder haben Gentechnik-MacherInnen, die wegen des illegal angelegten Gerstenfeldes unter Druck stehen, einen Propaganda-Coup landen wollen und eine komplette Story erfunden?

Und auch der Landesverfassungsschutz (S. 65) stimmte in den Reigen ein, deutete aber an, dass der Wachmann angriff
Der versuchsweise Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen im Land zog 2009 erneut Proteste überwiegend nichtextremistischer Beteiligter an. Jedoch greifen immer wieder auch Linksextremisten das Thema auf und nutzen es für ihre Zwecke. Im Rahmen der Proteste kam es deshalb auch zu so genannten „Feldbesetzungen“ und „Feldbefreiungen“, bei denen regelmäßig Hausfriedensbrüche und Sachbeschädigungen versucht oder begangen wurden, die für die anbauenden Firmen und Institute
Kosten in vier- bis fünfstelliger Höhe verursachten. Vorläufiger Höhepunkt der Anti-Gen-Proteste im Land war die Zerstörung mehrerer Versuchsfelder im Landkreis Bad Doberan in der Nacht zum 2. Juli 2009. Dabei wurde ein Wachmann, der die Zerstörung der Pflanzen verhindern wollte, von mehreren Unbekannten zusammengeschlagen.

So oder so konnten aber in den Folgetagen des 2. Juli die Schaden auf dem Feld beobachtet werden. Das Weizenfeld steckte weiter unter dem Vogelschutznetz, deshalb waren Fotos des Inneren nicht möglich. Laut Medienberichten wurde es aber vollends zerstört. Deutliche Schäden wiesen Gersten- und ein Kartoffelfeld auf.:


Die Gerste mit großen, abgestorbenen Teilen. Der Versuch lief aber weiter - so verkündete es die Uni Gießen.
Ein Kartoffelfeld, deutlich gerupft.

Am 9. September veröffentlichte die Uni das Ende des 2009er-Versuchs. NachbarInnen und Wachschutz bestätigten zwar in etlichen Gesprächen, dass nie Untersuchungen am Feld vorgenommen wurden, doch Prof. Kogel hatte das Ergebnis wieder sofort parat: Alles super und umweltfreundlich! Das wusste er aber ja bekanntlich schon vorher.

Die eigentliche Überraschung folge aber im Frühjahr 2010. Denn eigentlich hätte hier wieder eine Aussaat erfolgen müssen. Die 301.000 € Förderungsnachschlag waren ebenso für dieses Jahr mit bestimmt wie die Genehmigung durch das BVL. Doch plötzlich verkündeten die beiden Versuchsleiter, zuerst Prof. Uwe Sonnewald aus Erlangen, dann Prof. Karl-Heinz Kogel aus Gießen, das Gesamtergebnis des Versuchs. Da landwirtschaftliche Versuche immer drei Jahre brauchen, müssen sie also 2006, 2007 und 2009 voll gezählt haben. In allen drei Jahren waren die Felder aber beschädigt worden, 2007 dabei vollständig. Da aber der Versuch ohnehin eine Fälschung war, mag das tatsächliche Geschehen auf dem Acker ohne Bedeutung gewesen sein. Das Geld für die mit Fördergeldern aufgeblasenen Gentechnikinstitute an den beiden Universitäten war trotzdem geflossen - und das war der Hauptzweck der Übung. Da fällt kaum noch ins Gewicht, dass die im Frühjahr 2010 veröffentlichen Endergebnisse weder mit den Anträgen, noch mit behaupteten oder in den Versuchsjahren geschilderten Forschungszielen Ähnlichkeiten hatten. Kogel wollte plötzlich herausgefunden haben, "dass eine gezielte gentechnische Veränderung Pflanzen weit weniger beeinflusst als klassische Züchtung oder Umwelteinflüsse." Das mag ja etwas gewesen sein, dass gerade politisch zweckmäßig erschien. Aber mit dem Versuch hatte das wenig bis gar nichts zu tun. Denn nach diesen neuesten Angaben "untersuchten sie bei den gv-Pflanzen, wie stark die gentechnische Ausstattung insgesamt zu Veränderungen der Pflanzeninhaltsstoffe und der Genaktivität führt." Ging es nicht eigentlich um den Einfluss auf Mykorrhiza-Pilze?

Im Original: Vermeintliche Ergebnisse des Gerstenversuchs ... Diese Zitate ausblenden ++ Alle Zitate aus / einblenden
Aus "Züchtung hinterlässt stärkere Spuren als Gentechnik", auf: BMBF-Seite vom 9.4.2010
Kritiker der grünen Gentechnik sorgen sich oft um die vermeintlich tiefgreifenden Auswirkungen, die das Einschleusen fremder Gene auf die Eigenschaften von Pflanzen hat. Die konventionelle Pflanzenzüchtung gilt im Vergleich hierzu meist als unbedenklich. Eine Studie von Pflanzenforschern aus Erlangen und Gießen zur Umweltverträglichkeit von gentechnisch veränderten (gv) Gerstensorten liefert neue Belege, die mit diesen Ansichten aufräumen. Wie die Forscher im Fachjournal PNAS (6. April 2010, Bd. 107, S. 6198) berichten, waren in den konventionell gezüchteten Sorten bis zu 1.600 Gene unterschiedlich aktiv, in den gv-Sorten waren es deutlich weniger. Das Fazit der Forscher: Die Züchtung ist der folgenreichere Eingriff. ...
Wie die Forscher im Fachjournal PNAS (6. April 2010, Bd. 107, S. 6198) berichten, untersuchten sie bei den gv-Pflanzen, wie stark die gentechnische Ausstattung insgesamt zu Veränderungen der Pflanzeninhaltsstoffe und der Genaktivität führt. Dieselben Messungen führten die Pflanzenbiologen auch bei zwei konventionell gezüchteten Gerstensorten durch, die die Namen „Golden Promise“ und „Baronesse“ tragen. Ergebnis: In den gv-Pflanzen fanden die Forscher im Vergleich zu nicht veränderten Pflanzen nur sehr wenige Gene mit veränderter Aktivität. In den mit Chitinase-Gen aufgerüsteten Pflanzen zeigten sich keine signifikanten Unterschiede in der Genaktivität, bei den Pflanzen mit dem Glucanase-Gen zeigten 22 Gene ein verändertes An- und Abschaltmuster im Vergleich zu den nicht modifizierten Gerstenpflanzen. Die gemessenen Unterschiede waren also recht gering.

Aus "Pilzresistente Gerste - Keine Auswirkungen auf nützliche Pilze" auf der BioSicherheits-Internetseite
Die Ergebnisse machen deutlich, dass klassische Züchtung und Umwelteinflüsse wie Pilzbefall (z.B. Mykorrhizierung) Kulturpflanzen in erheblich stärkerem Umfang verändern als das gezielte gentechnische Hinzufügen eines einzelnen Gens.

Patentanmeldung u.a. durch Prof. Kogel für Methoden- und Produktentwicklung bei Gerste (Februar 2009)
Patentanmeldung: Neue Nukleinsäuresequenzen und ihre Verwendung im Verfahren zum Erreichen einer Pathogenresistenz in Pflanzen
Erfinder: Karl-Heinz Kogel Ralph Hückelhoven Holger Schultheiss Markus Frank
Beauftragte: BASF Plant Science GmbH
Die Erfindung bezieht sich auf neuartige RacB cDNA Abschnitte der Gerste und auf Expressionskassetten* und Vektoren, die diese Promotorensequenzen enthalten. Die Erfindung bezieht sich außerdem auf transgene Pflanzen, die mit diesen Expressionskassetten oder Vektoren umgewandelt werden, auf Kulturen, Teile oder transgenes Ausbreitungsmaterial, die aus ihnen gewonnen werden und auf ihrem Gebrauch für die Produktion von Nahrungsmitteln, Futtermitteln, Saatgut, pharmazeutischer Produkte oder Chemikalien. Die Erfindung bezieht außerdem auf Methoden des Erzeugens oder der Erhöhung eines Krankheitserregerwiderstands in den Pflanzen durch das Verringern der Expression des RacB Proteins oder eines Funktionsäquivalents davon. ...
32. Eine Methode des Erzeugens oder der Erhöhung der Widerstandskraft gegen einen mindestens einen Krankheitserreger in einer Pflanze, die enthält: Verringern der Menge, Tätigkeit oder Funktion des RacB Proteins in einer Pflanze oder in Gewebe, Organ, einem Teil oder einer Zelle davon ...
51. Eine Methode des Auswählens einer Pflanzenzelle mit erhöhter Widerstandskraft gegen einen Krankheitserreger ...
57. Eine rekombinante Pflanzenzelle, in der die erzeugte Menge, Tätigkeit oder Funktion des endogenen RacB Proteins durch eine stabile Umwandlung mit einer Nukleinsäure oder einer Expressionskassette, die Nukleinsäure enthält, verringert wird.

Zusatzinfos zum Gengerstefeld

Der einzige Versuch in Mitteleuropa


Tabelle der weltweiten Gengerstenversuche (Quelle: TransGen)

Wer steckt hinter dem Versuch?
Aus der Gießener Allgemeine vom 17.6.2006 (S. 28)
Der Freilandversuch in Gießen werde zu 100 Prozent durch das Bundesforschungsministerium finanziert und nicht von Unternehmen.

Aus dem Giessener Anzeiger vom 25.04.2006
Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Projekt "zur biologischen Sicherheit gentechnisch veränderten Getreides" (Biosafety), das rein universitären Charakter habe und nicht von der Wirtschaft unterstützt werde, wird ebenfalls im Rahmen des Biosicherheitsprogramms der Bundesregierung "Biologische Sicherheit gentechnisch veränderter Pflanzen" gefördert. Neben dem Institut für Phytopathologie und angewandter Zoologie der Universität Gießen, ist an diesem Projekt der Lehrstuhl für Biochemie an der Universität Erlangen-Nürnberg beteiligt.

Doch Zweifel schienen angebracht, denn Kogel kündigte 2004 in einem Zeitschriftentext "Freilandversuche in Kooperation mit nationalen Saatgutfirmen" an (Spiegel der Forschung Nov. 2004, S. 85).

Versuchsbetreiber kennen sich mit Gerste nicht aus: Das Tal der Ahnunglosen?


Aus der Akte beim RP: Gießener Anzeiger, 9.2.2006

Die Angabe ist Blödsinn. Sommergerste wird Ende Februar oder im März ausgesät. Das bewies die Uni im Folgejahr auch selbst, als sie Ende März aussäte. Wenn nun schon der Versuchsleiter Prof. Kogel solche Ahnungslosigkeit zeigt, überrascht der Auftritt des Beauftragten für Biologische Sicherheit bei dem Versuch, Dr. Gregor Langen, vor Gericht weniger: Er musste nämlich auf die Frage des Richters Oehm passen, wann Gerste blüht. Das wusste er gar nicht. Ein Genexperiment mit Gerste - durchgeführt von Ahnungslosen ... Richter Oehm zog damals die einzig mögliche Konsequenz, um ein Desaster für die Uni-Eliten zu verhindern: Er verbot weitere Fragen zum Thema an die Zeugen.

Woher stammt die Gerste?

Mitarbeiter von Kogel erforschte Braugerste in den USA
Heute ist er unter Prof Karl-Heinz Kogel Arbeitsgruppenleiter für "Sicherheitsforschung" einer "in den USA entwickelten Braugerste". Diese gentechnisch veränderte Gerste verspricht verbesserte Braueigenschaften und Fütterungsverträglichkeit für Hühner. Von 2004 bis 2005 war er aber bereits selbst an deren Erforschung an der Washington State University in Pullman/USA beteiligt. (Quelle)
Inwiefern Kogel oder seine MitarbeiterInnen im Zuge ihrer "wissenschaftlichen Zusammenarbeit" mit der WSU auch an der Entwicklung der Braugerste (ggf. auch der anderen im Zuge der so genannten Sicherheitsforschung untersuchten Gerstelinie mit Pilzresistenz) beteiligt waren, ist ungeklärt.
Dr. Patrick Schäfer vom Institut für Phytopathologie an der Uni Giessen hat nicht an der Braugerste, sondern an der ein Pilzresistenzgen enthaltenden Gerste geforscht! Bei der WSU in Pullman war Schäfer 2004-2005 direkt an der Weiterentwicklung für die Marktreife beteiligt!

Versuch einer Übersetzung der genannten Seite:
Patrick Schaefer kam aus einer kleinen Stadt im Norden von Giessen/Deutschland zum Department of Plant Pathology. Er arbeitet mit Dr. R. James Cook und Dr. Diter von Wettstein. Seine Forschung konzentriert sich auf die Weiterentwicklung der Gerste, die mit einer Endochitinase von Trichoderma harzianum transformiert wurde. Diese Transformanden zeigen Widerstand gegen die Root-Erreger R. solani und R. oryzae. In einem molekularen Ansatz werden homozygote Pflanzen isoliert und für die Entwicklung von Hochertragssorten mit Resistenz gegen R. solani und R. oryzae verwendet, für den Einsatz in der landwirtschftlichen Praxis der Direktaussaat (??).

Von der benannten Seite war es nur noch ein kurzer Weg bis zum nächsten Link, der den Beweis dafür erbrachte, dass beide von Prof. Karl-Heinz Kogel im Alten Steinbacher Weg in Giessen ausgebrachten Gerstenlinien von der WSU in Pullman/USA kamen.

Das Ganze stand auch ganz beiläufig auf der Seite von www.biosicherheit.de, die offenbar aktualisiert wurde.
Als Pflanzenmaterial stehen zwei transgene Gerstenlinien und ihre nicht-transgenen Elternlinien zur Verfügung. Die transgenen Linien wurden von der Washington State University, USA, entwickelt und bereitgestellt.
Dort gibt es jetzt auch Ergebnisse zu den Kogelschen Versuchen. Außerdem sprechen die nur noch von Versuchen unter Gewächshausbedingungen bis April 2008. Vielleicht ein Indiz dafür, dass Kogel tatsächlich seine Freilandambitionen bereits im Vorfeld aufgegeben hat! Ergänzend erfolgt die Bestätigung, dass die von Dr. Patrick Schäfer begonnene Arbeit an der WSU wohl den erwünschten Erfolg hatte. ...

Laufende Experimente (Herbst 2007). In USA wurden in 2005-2007 durch Kreuzung homozygote transgene Gerstenlinien hergestellt, die gute ackerbauliche Eigenschaften (hohes Resistenzniveau, guter Ertrag, geringer Pestizidbedarf) zeigen und effektive Mengen des Enzyms Chitinase aus den Wurzeln ausscheiden.
Es soll nun bis April 2008 untersucht werden, ob die Pflanzen unter Gewächshausbedingungen durch das Enzym Chitinase wie erwartet gegen Rhizoctonia-Wurzelfäule geschützt werden können ohne das gleichzeitig nützliche Pilze negativ beeinflusst werden.
Verwandt: Weizenversuche

Die Uni Gießen ist auch am umstrittenen Versuch mit transgenem Weizen in Gatersleben beteiligt.

Antibiotika-Resistenzen im manipulierten Weizen
Aus einem dpa-Text, veröffentlicht am 12.2.2008
Das Umweltinstitut München warnte vor Risiken des geplanten Anbaus von gentechnisch verändertem Weizen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Der Weizen, der resistent gegen Weizenflugbrand ist, enthalte auch ein Resistenzgen gegen das Antibiotikum Ampicillin. Der Anbau von Pflanzen mit solchen Resistenz-Genen sei in der Schweiz von 2009 an verboten, weil die entsprechenden Antibiotika durch den Verzehr der genmanipulierten Pflanzen unwirksam werden könnten.

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