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Konstruktion von Wirklichkeit

Wichtig ist, daß auch unser Erkenntnisapparat ein operational geschlossenes System ist, das nicht eine äußere Weit abbildet, sondern eine eigene Wirklichkeit hervorbringt. Unsere Wirklichkeit ist ein Produkt unserer Erkenntnis. Sprachlich kann man unterscheiden zwischen der äußeren Realität und der Wirklichkeit, die in uns "wirkt" und die wir "bewirken", die uns nicht gegenübersteht, sondern durch uns hindurch geht. Erkennen ist also kein rezeptiver oder mechanischer Vorgang, sondern eine aktive Handlung. Wir erkennen, um zu überleben, nicht um Wahrheiten zu entdecken. Andere Lebewesen ﷓ Insekten, Vögel oder Katzen ﷓ verfügen über andere Wahrnehmungsfähigkeiten als der Mensch, weil sie zum Überleben andere Wahrnehmungen benötigen.

Wie wenig objektiv unsere sinnlichen Wahrnehmungen sind, zeigen die vielfältigen optischen Täuschungen. Farbe ist ein Aktivitätszustand unseres Nervensystems."Unsere Erfahrung einer Welt farbiger Objekte ist buchstäblich unabhängig von der Zusammensetzung der Wellenlänge des Lichtes, das von uns beobachteten Objekten ausgeht." (Maturana, Varela 1987, S. 26). Andererseits würden wir ohne diese Objekte auch keine Farben sehen oder besser gesagt: erleben. Wir nehmen eine Welt wahr, nicht wie sie ist, sondern wie sie uns erscheint. Gewiß ist lediglich die Tatsache, daß wir erkennen und daß diese Erkenntnisse uns Orientierungen und "erfolgreiche" Handiungen ermöglichen.

Siebert, Horst (2002): Der Konstruktivismus als pädagogische Weltanschauung. Frankfurt am Main: VAS (S. 21-22)

Herrschaftskritik nötig

Die konstruktivistische Erkenntnistheorie ist m.E. eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für tolerantes, verantwortliches Handeln. Doch es gibt eine andere, "politische" Schwachstelle dieser Erkenntnis- und Handlungstheorie. Die Betonung der subjektiven Erkenntnisprozesse hat eine gewisse "Systemblindheit" zur Folge. So ist zwar von zwischenmenschlicher Koexistenz und von sozialen Übereinkünften die Rede, nicht aber von Macht und Herrschaft, von gerechten oder ungerechten ökonomischen und politischen Systemen. Wessen Sichtweise durchgesetzt wird, ist auch eine Machtfrage. Wir leben nicht in einer Weit "herrschaftsfreier Diskurse", sondern in macht- und profitgesteuerten Systemen und Apparaten. Unsere Gesellschaft besteht nicht nur aus erkennenden und kommunizierenden Subjekten.

Dem konstruktivistischen Handlungsbegriff fehlt eine politische, öffentliche Perspektive. Ein Engagement gegen soziale Ungerechtigkeit ergibt sich nicht ohne weiteres aus konstruktivistischen Zweckmäßigkeitserwägungen. Eine Ethik muß die Schaffung und Veränderung von Strukturen einschließen.

Der Konstruktivismus als "Bewußtseinsphilosophie" stärkt die Autonomie und Selbstverantwortung des Menschen und bestreitet jeglichen Determinismus durch das "System" und die gesellschaftlichen "Verhältnisse". So notwendig eine solche Perspektive auch sein mag, so beinhaltet sie doch die Gefahr, strukturelle Ungerechtigkeiten und Machtverhältnisse zu übersehen und allein den einzelnen und seine Wirklichkeitssicht für seine soziale Lage oder auch für seinen Gesundheitszustand verantwortlich zu machen. Eine solche Schuldzuweisung muß dann den "Opfern" der Systeme - den Arbeitslosen und Behinderten, den Minderheiten und den Betroffenen von Bürgerkriegen - als Zynismus erscheinen.

Siebert, Horst (2002): Der Konstruktivismus als pädagogische Weltanschauung. Frankfurt am Main: VAS (S. 39-40)

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