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Liebe bedeutet, die Individualität eines anderen Wesens erken­nen und schätzen zu können; Freude zu haben am Wachsen des anderen. Aber wie ist das möglich, wenn man selbst im eigenen Wachstum, in seiner Lebendigkeit unterdrückt wurde? Was bedeutet es, von einem so geschädigten Menschen geliebt zu werden? Und wenn wir alle auf verschiedene Weise von unserer Entwicklung zum eigenen Sein abgehalten wurden, sind wir dann nicht alle, unterschiedlich gewiß, geschädigt? Was heißt es dann, daß wir alle Liebe wünschen, alle glauben, geliebt werden zu wollen und auch Liebe geben zu können?

Grün, Arno (2006): Verratene Liebe – Falsche Götter. München: dtv (S. 39)

Aber das Phänomen des Nationalismus läßt erkennen, daß ein wahres Problem existiert, nämlich eine Leere im Selbst vieler Menschen. Der Nationalismus ist ein verzweifelter Versuch, diese Leere durch Symbolik und symbolische Taten zu füllen, ohne sich dieser Leere und ihren Quellen stellen zu müssen.

Diese Leere ist ein Bestandteil aller Menschen überall da, wo sie sich einer halluzinierten Liebe verschreiben mußten, um am Leben zu bleiben. Das Problem, wohl einzigartig unter allen Tierarten, ist unser Sozialisierungsprozeß.

Grün, Arno (2006): Verratene Liebe – Falsche Götter. München: dtv (S. 165)


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