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Performativität?

Während Performanz verstanden als Aufführung oder Vollzug einer Handlung ein handelndes Subjekt vorauszusetzen scheint (das ist auch die Position der Sprechakttheorie), bestreitet der Terminus Performativität gerade die Vorstellung eines autonomen, intentional agierenden Subjekts. Die Performativität einer Äußerung unterstreicht deren Kraft, das Äußerungssubjekt und die Handlung, die sie bezeichnet, in und durch diesen Äußerungsakt allererst hervorzubringen.

Quelle: Gerald Posselt (2003): Performativität. (http://differenzen.univie.ac.at/glossar.php?sp=4)

Geschlecht und Performativiät

Die Behauptung, daß es keine DarstellerIn gibt, die vor dem Dargestellten existiert, daß die Performanz performativ ist, daß sie das Erscheinen eines »Subjekts« als ihren eigenen Effekt erst konstituiert, ist nur schwer zu akzeptieren. Diese Schwierigkeit entsteht durch die Tendenz, Sexualität und Geschlechtsidentität so zu verstehen, als würden sie eine psychische Realität, die ihnen vorausgeht, irgendwie direkt oder indirekt »ausdrücken«. Das Leugnen der Priorität des Subjekts ist jedoch nicht gleichbedeutend mit der Leugnung des Subjekts an sich; vielmehr wird durch die Weigerung, das Subjekt mit der Psyche zu verschmelzen, die Psyche als etwas bezeichnet, das über das Gebiet des bewußten Subjekts hinausgeht. Genau dieser psychische »Überschuß« wird nämlich durch die Vorstellung von einem willensbegabten »Subjekt«, das sich zu gegebener Zeit und an einem gegebenen Ort jeweils aussuchen kann, welche Geschlechtsidentität bzw. Sexualität es sein oder annehmen will, systematisch verleugnet. Es ist dieser Überschuss, der in den Zwischenräumen, in den Pausen zwischen jenen wiederholten Gesten und Akten ausbricht, die die scheinbare Einheitlichkeit heterosexueller Positionalitäten konstruieren, ja der die Wiederholung selbst erst erzwingt und deren ewiges Scheitern garantiert. Innerhalb der heterosexuellen Ökonomie schließt daher der Überschuß die Homosexualität implizit ein, also jene dauernde Bedrohung durch eine Unterbrechung, die durch eine verstärkte Wiederholung überwunden wird. Wenn jedoch Wiederholung der Modus der Macht ist, mit dessen Hilfe die Konstruktion der Illusion einer nahtlosen heterosexuellen Identität bewirkt wird, wenn die Heterosexualität gezwungen wird, sich zu wiederholen, um die Illusion ihrer Kohärenz und Identität herbeizuführen, so ist diese Identität doch ständig gefährdet - denn was passiert, wenn die Wiederholung nicht funktioniert oder wenn die Ausführung der Wiederholung zu einem ganz anderen perforrnativen Zweck eingesetzt wird? Wenn es sozusagen einen Wiederholungszwang gibt, dann erzeugt die Wiederholung die Identität niemals voll und ganz. Die Tatsache, daß es überhaupt eine Notwendigkeit zur Wiederholung gibt, ist schon ein Indiz dafür, daß Identität nicht mit sich selbst identisch ist. Sie muß immer wieder eingerichtet werden, das heißt, sie ist in jeder »Pause« in Gefahr, abgeschafft zu werden.

Was ist also dieser psychische Überschuß, und was kann eine subversive oder abschaffende Wiederholung sein? Zunächst einmal müssen wir uns dessen bewußt sein, daß Sexualität immer über eine gegebene Performanz, Präsentation oder Erzählung hinausschießt, und daher ist es auch nicht möglich, von der gegebenen Präsentation einer Geschlechtsidentität eine bestimmte Sexualität abzuleiten oder »abzulesen«. Und wir können sagen, daß Sexualität jede definitive Erzählung übertrifft. Sie wird in einer Performanz oder Praktik nie vollständig »verwirklicht«. So gibt es zum Beispiel passive wie betont maskuline femmes, betont feminine wie aggressive butches, und am Ende beschreiben all diese Attribute (und andere) anatomisch mehr oder weniger stabile »Männer« und »Frauen«. Zwischen Geschlecht, Geschlechtsidentität und ihrer Präsentation, sexueller Praxis, Phantasie und Sexualität gibt es keine direkten, etwas »ausdrückenden« oder kausalen Verbindungen. Keiner dieser Begriffe kann die übrigen einschließen oder deterrninieren. Ein Teil dessen, was Sexualität konstituiert, ist nämlich genau das, was nicht erscheint und bis , zu einem gewissen Grad auch niemals erscheinen kann. Dies ist vielleicht der elementarste Grund dafür, daß Sexualität in gewisser Hinsicht immer verheimlicht wird, gerade gegenüber denen, die sie durch Akte der Selbstenthüllung verwirklichen wollen. Das, was ausgeschlossen wird, damit eine gegebene Geschlechts-Präsentation »erfolgreich« ist, kann gerade das sein, was sexuell ausgespielt wird; es gibt also eine sozusagen umgekehrte, »invertierte« Beziehung zwischen Geschlechtsidentität und ihrer Präsentation und zwischen dieser Präsentation und der Sexualität. Andererseits ist es möglich, daß die Darstellung der Geschlechtsidentität und die sexuellen Praxen derart übereinstimmen, daß erstere letztere »ausdrückt«, und doch konstituieren sich beide durch eben die sexuellen Möglichkeiten, die sie ausschließen.

Diese Inversionslogik wird interessanterweise in den Versionen der Geschlechter-Stilisierung durch lesbische butches und femmes ausgespielt. Denn eine butch kann sich als fähig, kraftvoll und treusorgend präsentieren, und eine stone butch kann sehr wohl danach streben, ihre Geliebte als den ausschließlichen Schauplatz erotischer Aufmerksamkeit und Genüsse zu konstituieren. Und doch kann sich diese »treusorgende« butch, die zunächst eine gewisse Ehemann-ähnliche Rolle zu wiederholen scheint, am Ende in einer Inversionslogik wiederfinden, durch die sich diese »Fürsorglichkeit« in eine Selbstaufopferung verwandelt, die die butch in die älteste Falle weiblicher Selbstverleugnung gehen läßt. Sie kann sich durchaus in einer akuten Notsituation befinden, derselben Situation, die sie bei ihrer femme-Geliebten finden und beheben wollte. Als Folge davon invertiert die butch zur femme oder bleibt vom Schreckgespenst dieser Inversion gebannt, oder sie genießt es. Andererseits kann auch die femme, die den sexuellen Austausch, wie Amber Hollibaugh es nennt, »orchestriert«, eine gewisse Abhängigkeit in die Erotik einbeziehen, um dann festzustellen, daß gerade ihre Macht, diese Abhängigkeit zu orchestrieren, ihre eigene Macht unbestreitbar enthüllt - und an diesem Punkt invertiert sie zur butcb oder fängt sich im Schreckgespenst der Inversion, oder sie genießt es vielleicht sogar.

(Judith Butler: Imitation und die Aufsässigkeit der Geschlechtsidentität, S. 155-163. In: Andreas Kraß (Hg.) (2003): Queer Denken. Queer Studies. Frankfurt am Main: Suhrkamp.)

Was ist subversive Performanz?

Und wie führen uns diese Gedanken über psychische Identifikation zu der Frage zurück, was eine subversive Wiederholung ist? Wie werden verstörende Identifikationen in kultureller Praxis sichtbar? Wir sollten bedenken, auf welche Weise sich Heterose­xualität durch die Schaffung gewisser Illusionen über die Kontinuität von Geschlecht, Geschlechtsidentität und Begehren naturalisiert. Wenn Aretha Franklin singt: »You make me feel like a natural woman«, so scheint sie zunächst anzudeuten, daß durch ihre Beteiligung an der kulturellen Position »Frau« als Objekt he­terosexueller Anerkennung eine Art natürliches Potential ihres anatomischen Geschlechts verwirklicht wird. Irgend etwas an ih­rem »Geschlecht« wird so durch ihre »Geschlechtsidentität« ausgedrückt, die in der heterosexuellen Szene vollständig bekannt und akzeptiert wird. Es gibt keinen Bruch, keine Diskontinuität zwischen »Geschlecht« (als biologische Tatsache) und Essenz oder zwischen Geschlechtsidentität und Sexualität. Aretha ist zwar offenbar nur froh, ihre Natürlichkeit bestätigt zu bekommen, sie scheint sich paradoxerweise jedoch zugleich der Tatsache bewußt zu sein, daß diese Bestätigung niemals garantiert ist- daß der Effekt der Natürlichkeit nur als Konsequenz jenes Augenblicks der heterosexuellen Anerkennung erreicht werden kann. Immerhin singt Aretha: »You make me feel like a natural woman «, womit sie impliziert, es sei eine Art metaphorischer Ersatz, ein Akt der Hochstapelei, eine Art sublime und vorübergehende Beteiligung an einer ontologischen Illusion, die durch die profane Funktionsweise heterosexueller Travestie produziert wird.

Was aber, wenn Aretha ihr Lied an mich richten würde? Oder wenn sie eine Fummeltunte ansänge, deren Performanz ihre eigene irgendwie bestätigen würde?

Wie erklären wir diese Formen der Identifikation? Es stimmt nicht, daß es eine Art Geschlecht (sex) gibt, das in verschwommener biologischer Form existiert, die sich irgendwie durch den Gang, die Haltung, die Gestik ausdrückt, und daß die Sexualität der betreffenden Person dann diese scheinbare Geschlechtsidentität bzw. jenes mehr oder weniger magisch vorhandene Geschlecht ausdrückt. Wenn Geschlecht gleich Travestie ist und eine Imitation, die regelmäßig das ideal, dem sie nahezukommen sucht, produziert, dann ist es auch eine Performanz, die die Illusion eines inneren Geschlechts, einer Essenz oder eines psychischen Kerns erst produziert. Auf der Oberfläche produziert sie die Illusion einer inneren Tiefe durch Gestik, Bewegung, Gang (jenes Arsenal körperlicher Requisiten also, die wir als Darstellung der Geschlechtsidentität verstehen). Als Folge davon werden Geschlechtsidentitäten naturalisiert, indem sie zum Beispiel als innere psychische oder physische Notwendigkeit konstruiert werden. Trotzdem ist es immer ein Zeichen an der Oberfläche -eine Bezeichnung auf dem und mit dem öffentlich sichtbaren Körper -, das diese Illusion einer inneren Tiefe, Notwendigkeit oder Essenz produziert, die irgendwie magisch und kausal verwirklicht wird.

Wenn wir den Status der Psyche als innere Tiefe bestreiten, bedeutet dies jedoch nicht, daß wir ihre Existenz leugnen. Im Gegenteil: Die Psyche muß als zwanghafte Wiederholung neu gedacht werden, als etwas, das die repetitive Performanz der Identität bedingt und sie zugleich unbrauchbar macht. Wenn sich jede Performanz wiederholt und damit den Effekt der Identität erzeugt, dann benötigt jede Wiederholung auch sozusagen eine Pause zwischen den Akten, in der Gefährdung und psychischer Überschuß die Konstitution der Identität zu stören drohen. Der Überschuß, der jede Performanz erst ermöglicht und sie zugleich anficht und der sich während der Performanz selbst niemals offen zeigt, ist das Unterbewußte. Die Psyche ist nicht »im« Körper, sondern in eben dem Bezeichnungsprozeß, durch den der Körper erst erscheinen kann; sie ist der Fehler bei der Wiederholung und zugleich deren Zwang, sie ist das, was die Performanz leugnen will, und das, was sie von Anfang an erzwingt.

Wenn wir innerhalb dieser Bezeichnungskette die Psyche als Instabilität aller Wiederholbarkeit verorten, so ist das nicht dasselbe wie die Behauptung, sie sei ein innerer Kern, der auf seine vollständige und befreiende Verwirklichung wartet. Im Gegenteil: Die Psyche ist das ständige Scheitern der Verwirklichung, das auch sein Gutes hat, denn es treibt zur Wiederholung an und erzeugt so die Möglichkeit der Störung erneut.

(Judith Butler: Imitation und die Aufsässigkeit der Geschlechtsidentität, S. 165-168. In: Andreas Kraß (Hg.) (2003): Queer Denken. Queer Studies. Frankfurt am Main: Suhrkamp.)