// Startseite: Gender Trouble // Andere Bereiche: Herrschaftskritik // Direct Action // Zum Anfang

Entstehung der romantischen Liebesbeziehung

Häufig scheitert der Ausbruch aus den Mustern der herrschaftsförmigen Gesellschaft schon im Kopf, weil die Allgegenwart des Diskurs noch die Möglichkeit raubt, das andere zu denken. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die romantische Zweierbeziehung eine relativ moderne Erfindung ist, eng verbunden mit der Durchsetzung von Zweigeschlechtlichkeit mitsamt den immer noch bestehenden Rollenlogiken.

Die »Liebesehe« ist eine Schöpfung des aufstrebenden Bürgertums im 18. Jahrhundert. Bis zu diesem Zeitpunkt waren Liebe und Sexualität eher außereheliche Angelegenheiten. Ehen wurden geschlossen, um aristokratische Dynastien abzusichern oder auszubauen. Bei den städtischen wie bäuerlichen Unterschichten blieb die Ehe eine wirtschaftliche Zwangsgemeinschaft. Die Romantik gab dem Bürgertum das Ideal von der Vereinbarkeit von Liebe, Sexualität und der Ehe. Damit verbunden war die Betonung der gutbürgerlichen Sittlichkeit durch das häusliche Ehe- und Familienleben. Die Kleinfamilie stand fortan im Mittelpunkt – einhergehend mit der Reduzierung der Frauen auf ihre reine Hausfrauenrolle und der Disziplinierung der Männer durch die Verpönung von Schankwirtschaft und Prostitution.

Daniela Schmohl: Die Geschichte der Ehe – ein Abriss

Erst Ende des 18. Jahrhunderts bildete sich die »bürgerliche Ehe und Kernfamilie«, wie wir sie kennen, heraus. Dieses Modell der Primärbeziehung kann als schillernde Hybridgestalt zweier Zeitalter gedeutet werden: Mit der freien Gattenwahl und dem Vertragsverhältnis der Ehe trug es die Grundideen des Liberalismus in sich. Zugleich verfestigte sich die Polarisierung der Geschlechter - als Überbleibsel ständischer Gesellschaften. Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung' wurde als naturgegeben, unbezahlte Reproduktionsarbei im »Wesen der Frau« - als »Arbeit aus Liebe« -verankert und zu einem der Stützbeine der kapitalistischindustriellen Produktion und Gesellschaftsorganisation. Sowohl die Norm der Heterosexualität als auch die der Monogamie wurden in das Fundament dieser Lebensform eingeschrieben.

Anders als in England und Frankreich übernahm in Deutschland - angesichts der sich erst zögernd durchsetzenden Industrialisierung - das neuformierte Bildungsbürgertum die tragende Rolle in dieser Entwicklung. Als emotionale Grundlage der Ehe fungierte das Ideal romantischer Liebe. Das Sexuelle wurde in das Intime schlechthin umgedeutet, das gegenüber Dritten unbedingt gewahrt werden müsse. Liebe erhält »Höchstrelevanz«, sie wird zum »Wichtigsten im Leben«, beinhaltet das Versprechen höchster Glücksgüter und ähnelt damit »Erlöserreligionen« und deren Heilsverheißungen. Romantische Liebe wird nicht nur legitim, sondern zur allgemeinen Norm, das Beziehungsduo duldet keine andere Nahbeziehung neben sich. Eine »Wahlverwandtschaft« von Liebe und Eigentum (was einem gehört, kann per se nicht allen anderen gehören) wird von Niklas Luhmann' betont, während feministische Wissenschaftlerinnen darauf verweisen, dass die Monogamie historisch ältere Wurzeln als im bürgerlichen Besitzindividualismus habe. Das Element des Besitzdenkens wird hier in patriarchal strukturierten Gesellschaftsfarmationen gesehen.

Marianne Pieper und Robin Bauer: Polyamory & Mono-Normativität. In: Laura Méritt, Traude Bührmann, Nadja Boris Schefzig (Hg.) (2005): Mehr als eine Liebe. Polyamouröse Beziehungen. Berlin: Orlanda

Historische Bedingungen für die Liebesehe

Die Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft und der Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft veränderte diese erstarrten Verhältnisse und unterwarf sie wie alle anderen Bereiche der Gesellschaft der Dynamik eines umfassenden und tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels. Ideologisch auf protestantisch-pietistische Strömungen des frühen 17. Jahrhunderts zurückgehend entwickelte sich im Bürgertum ein neuartiges Ehe- und Familienideal, das durch die nun einsetzende Trennung von Wohnung und Arbeitplatz maßgeblich bestimmt worden ist. Die wichtigsten Elemente dieses neuen Ehe- und Familienbildes wurden:

Gert Egle: Das Liebes- und Lebenskonzept der bürgerlichen Ehe


Liebesehe an patriarchale Geschlechterbilder gekoppelt

Die Zeit um 1800 hatte die partnerschaftliche Liebe als Grundlage der Ehe und der Eltern Kind Beziehung entwickelt. Darüber bildete sich im frühen 19. Jahrhundert eine ganze Theorie, eine Geschlechtermetaphysik, aus den biologischen Unterschieden der Geschlechter wurden unterschiedliche Rollenmodelle und Lebensprojekte entwickelt und begründet. Die Geschlechter sind gleichwertig, aber ungleich, sie sind anders, sie stehen in einem polaren und in einem kompensatorischen Gegensatz zueinander. Und insofern die Entlastung der Frau von der Berufsarbeit alten Traditionen der oberen Schichten ebenso entsprach wie der neuen Realität der Bürger, in der die Frau, kindergebärend und -aufziehend, ans Haus gebunden war, aus dem die Berufs- und Erwerbsarbeit auswanderte, war solches Rollenkonzept auch ganz ohne Philosophie zum Normalbestand der Lebensinterpretation geworden. [...] Der Mann - so das Modell - ist aktiv, die Frau passiv; der Mann von seinem Tun, die Frau von ihrem Sein her lebend; der Mann gehört in die Leistungswelt, die Frau steht jenseits der Leistungszwänge in einer anderen Welt - der der Freiheit; der Mann lebt von seiner Kultur, die Frau von ihrer Natur, ihrer Geschlechtsrolle; der Mann ist aufs äußere und öffentliche Leben bezogen, auf Markt, Konkurrenz und Macht, auf Arbeit und Politik und auch auf deren Anonymität, die Frau aufs Innere und Private, aufs Intime und auch aufs Personale; der Mann ist bestimmt von Rationalität und Objektivität, die Frau von Emotionalität und Subjektivität. Das ist nicht einfach eine Unterscheidung; vielmehr: Die Frau ist notwendige kompensatorische Ergänzung zur Einseitigkeit des Mannes. Dazu kommt, daß ihre familiale Rolle nicht als eigene ausgreifende Aktivität beschrieben wird, sondern vor allem als aufopfernde, geduldig hinnehmende Liebe. Die Frau ist für andere, für den Mann, für die Kinder da. Und die Frau ist dem Mann gegenüber schutzbedürftig, hilflos - so ist jedenfalls der Stil des Umgangs. Das spitzt sich zu zum Verhältnis von Welt und Heim: auf der einen Seite das Heim, der Ort der Nähe, der Harmonie, des Friedens und der Geborgenheit. Und das war dann eine Beschreibung der Ehe. In ihr besorgt die Frau das Heim, das ist ihre Sphäre, sie bestimmt als liebende Mutter die Familienatmosphäre. Das Heim ist der Ruhepunkt des Mannes, dessen Leben in den Auseinandersetzungen mit und in der Welt abläuft, und es ist der Ort der Bildung der künftigen Generationen; öffentliche Einrichtungen wie Schulen hatten nur Hilfsfunktionen.

Nipperdey Thomas (1990): Deutsche Geschichte 1866-1918, Erster Band: Arbeitswelt und Bürgergeist, München: Verlag C.H. Beck 1990


Christliche Einflüsse auf Liebesehe

Das Christentum gab der europäischen Ehe ihre spezielle Prägung. Im Vordergrund standen Monogamie, Unauflöslichkeit und der eigentliche Zweck der Ehe, die Zeugung von Kindern.

Daniela Schmohl: Die Geschichte der Ehe – ein Abriss

Nicht-monogame Beziehungen gab es zu allen Zeiten an allen Orten. Im Sparta der Antike waren »nebeneheliche« Beziehungen keine Ausnahme und wurden relativ

unabhängig vom Geschlecht mit Wissen und Billigung der PartnerInnen eingegangen. In Athen dagegen behielten es sich hauptsächlich Männer vor, sexuelle Kontakte zu Frauen und Männern außerhalb der Ehe zu unterhalten. Im römischen wie im germanischen Recht gab es verschiedene Lebensformen, die vor allem Männern die Möglichkeit nicht-monogamer Beziehungen einräumten. Erst die christliche Kirche im Mittelalter setzte die lebenslange monogame Ehe durch und verbot auf dem Konzil von Trient 1563 das Konkubinat. Monogamie als sexuelle Ausschließlichkeit war damit festgeschrieben und im Sakrament der Ehe festgelegt.

Marianne Pieper und Robin Bauer: Polyamory & Mono-Normativität. In: Laura Méritt, Traude Bührmann, Nadja Boris Schefzig (Hg.) (2005): Mehr als eine Liebe. Polyamouröse Beziehungen. Berlin: Orlanda


Ähnliche Seiten



// Startseite: Gender Trouble // Andere Bereiche: Herrschaftskritik // Direct Action // Zum Anfang