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Zweigeschlechtlichkeit in Zweierbeziehung eingeschrieben

Das asymmetrisch konstruierte Ideal einer heterosexuellen Paarbeziehung, das durch Machtrelationen bestimmt ist, wurzelt in traditionellen Männlichkeits- und Weiblichkeitsidealen, die durch ihre Verankerung im individuellen Selbst naturalisiert werden und damit als Aspekt individueller Identität in Erscheinung treten. Somit schlagen sich nicht nur die Geschlechterideale, sondern letztlich auch die Geschlechterbeziehungen in der Psyche als unbewußte Sedimente nieder. Das gesellschaftliche Arrangement der Geschlechter wirkt bis in die psychosexuellen Strukturen hinein, indem es das erotische Begehren lenkt und strukturiert.
Durch einen doppelten Eingriff in die "Natur" werden die Geschlechter zunächst durch vielfältige Maßnahmen als grundsätzlich verschiedene Wesen klassifiziert und auseinandergerissen, um dann in der kulturell erwünschten Weise durch das heterosexuelle Arrangement, das heißt auf der Grundlage ihres erotischen Begehrens nach den zuvor zwangsweise abgespaltenen, gesellschaftlich tabuisierten Aspekten ihres eigentlichen Selbst wieder zusammengefügt zu werden. Da diese Prozesse aus dem Bewußtsein verschwinden oder verdrängt werden, erscheint uns dieses Arrangement zwischen heterosexuellen Partnern als eine aus freiem Willen getroffene Übereinkunft zwischen prinzipiell gleichwertigen Individuen auf der Basis ihrer gegenseitigen emotionalen Zuneigung und gemeinsamer wirtschaftlicher Interessen. Die Erkenntnis, daß dieses Arrangement prinzipielle Gleichwertigkeit nicht etabliert, sondern höchstens suggeriert, kommt meist erst beim Versuch seiner gütlichen Auflösung - und damit immer zu spät.
Die Aufrechterhaltung dieses Ideals ungeachtet der sich kontinuierlich verändernden und weiterentwickelnden sozialen Strukturen wird zweifach gesichert: zum einen wie gesagt durch seine tiefe psychologische Verankerung im Selbst, in den persönlichen Identitäten von Frauen und Männern und in der Struktur ihres gegenseitigen erotischen Begehrens. Zum anderen dadurch, daß es ununterbrochen und allenthalben auf ebenfalls weitgehend unbewußte Art und Weise zum Ausdruck gebracht und so fortlaufend verstärkt und immer wieder neu hergestellt wird.

Gitta Mühlen Achs (1998): Geschlecht bewußt gemacht. München: Frauenoffensive (S.15-16)

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