
// Startseite: Gender Trouble // Andere Bereiche: Herrschaftskritik // Direct Action // Zum Anfang
Rezensionen
Dagmar Herzog
Die Politisierung der Lust
(2005, Siedler in München, 432 S., 24,90 €)
Die Autorin wagt in ihrem Buch den streitbaren Versuch, deutsche Geschichte unter Einbeziehung von Sexualität zu beleuchteten – sichtlich beeinflusst von Focaults These, dass Sexualität ein vermachteter Ort ist, an dem ganz andere Dinge „verhandelt“ werden. Ein Schwerpunkt dabei ist die Aufarbeitung von Mythen über das Dritte Reich; vehement widerspricht sie der vorherrschenden Annahme (auch in linken Theorien), der NS-Faschismus sei auf sexuelle Repression gestützt. Herzog sieht Anzeichen dafür, dass das Regime heterosexuelle Aktivitäten „arischer“ Personen sogar gefördert hat. Die nachträgliche Umdefinierung des Dritten Reich’s als sexuell repressiv sei mehr ein Ablenkungsmanöver, um Kontinuitäten nach dem Systemwechsel zu verdecken: Anhand zahlreicher Belege macht die Autorin deutlich, dass eugenische Vorstellung oder die Verfolgung Homosexueller nach dem Ende des Faschismus nahtlos fort gesetzt wurden. Das Buch ist damit zugleich Kritik an Geschichtsschreibung, die je nach politischer Interessenslage ausfällt und verändert werden kann. Kritische Blicke werden auch auf die Rolle der Kirchen geworfen, die sich während des NS-Faschismus mehr über sexuelle Ausschweifungen empörten als über Antisemitismus und Eugenik. Zudem werden auch die Sexualpolitik der DDR und die sexualpolitischen Debatten der 68er kritisch analysiert. Fazit: Ein sehr spannendes Buch mit Thesen, die für interessante Diskussionen sorgen könnten.
Ähnliche Seiten
// Startseite: Gender Trouble // Andere Bereiche: Herrschaftskritik // Direct Action // Zum Anfang