// Startseite: Gender Trouble // Andere Bereiche: Herrschaftskritik // Direct Action // Zum Anfang

Befreite Sexualität?

Im Zuge der 68er Revolte wurde von Teilen dieser Protestbewegung die "Freie Liebe" ausgerufen, die Sexualität sollte befreit werden. Dieser Ansatz war - was sich auch praktisch zeigte - sehr unkritisch gegenüber den patriarchalen Strukturen, die nicht etwa außerhalb der Sexualität liegen, sondern sie im Kern ausmachen. Sexualität ist selbst bereits ein Effekt von Normierungen, Codes und Reglementierungen und wurde erst durch moderne Diskurse hervorgebracht.

Sexualität als Produkt von Diskursen

sexualltät ist ein kulturelles produkt, das ganz und gar von machtverhältnissen durchsetzt Ist. es handelt sich nicht um ein sogenanntes „natürliches“ und ahistorisch gegebenes set an „biologischen“ grundeinstellungen. sondern um ein set an praktiken, techniken, verhalten, sprache, zielchen, die von anfang an sozial sind. sexualität ist von machtverhältnissen durchsetzt. ich wiederhole mich, weil es wichtig ist zu verstehen, dass es hinter dieser zugerichteten form der sexualität keine ursprüngliche oder wahre sexualität gibt, die es zu entdecken gilt. es gibt daher in unserer kultur auch keine sexualität, die außerhalb einer kapitalistischen logik existiert.

Quelle: Things Are Queer (Fanzine). Berlin: Selbstverlag


Sexualität als 'Container'

Einmal angenommen, ‚Sexualität’ - und das, was als ‚natürliche Sexualität’ angesehen wird - kann im Sinne Foucaults als eine historische und machtstrategische Verknüpfung - als ein Dispositiv - aufgefasst werden (vgl. Foucault 1977). Das ‚Sexualitätsdispositiv’ wäre dann eine Ebene von Äquivalenz und Ordnung, innerhalb der beispielsweise von den differenten, aber durch den Begriff ‚Sexualität’ in einem äquivalenten Verhältnis stehenden Elementen Hetero-, Homo- oder Bisexualität gesprochen wird. Innerhalb des gemeinsamen Rahmens von ‚Sexualität’ wird über die so genannte Natürlichkeit dieser verschiedenen Bedeutungen von Sexualität gestritten, nicht jedoch über die Sexualität als solche. Sexualität funktioniert hier als der leere Signifikant, der die Äquivalenzkette und die Vergleichsordnung verschiedener ‚sexuierter Positionen’ sichert. Der Begriff des ‚leeren Signifikanten’ drückt dabei aus, dass er als Signifikant, der eine Identität des Diskurses ausdrückt, besonders ‚bedeutungsvoll’ sein mag, jedoch nur deshalb funktioniert, weil er in zunehmenden Maße der Bedeutung entbehrt.

Stephan Moebius: Diskurs – Ereignis – Subjekt. In: Reiner Keller, Andreas Hirseland, Werner Schneider, Willy Viehöver (Hg.) (2005): Die diskursive Konstruktion von Wirklichkeit. Konstanz: UVK.

Welcher partikulare Signifikant (Heterosexualität zum Beispiel) für eine bestimmte Zeit die Rolle einer universellen Repräsentation erreicht oder - in diesem Falle - als ‚natürliche Sexualität’ erscheint, ist Ergebnis politischer, kultureller und sozialer Artikulationen. Die Elemente des Diskurses sind different bzw. nicht alle gleich (identisch), sondern nur in einer Hinsicht: Sie setzen die Sexualität als ‚leeren Signifikanten’ oder generelles Kommunikationsmedium voraus, was dazu führt, dass sie sich innerhalb des Sexualitätsdispositivs bewegen. Die Äquivalenz besteht also in diesem gemeinsamen Punkt, der quasi als eine Kategorie angesehen wird, die jeglichem Spiel der Differenzen enthoben ist. ‚Sexualität’ dient somit als Projektionsfläche für unterschiedliche Bedeutungen dessen, was als ‚normale Sexualität’ angesehen wird. Innerhalb des ‚leeren’ Raums der Sexualität kann über verschiedene Vorstellungen von Sexualität gestritten werden. Allerdings kann die Formation der Elemente nur funktionieren, wenn ‚Sexualität’ vor Dekonstruktion ‚geschützt’ wird.

Stephan Moebius: Diskurs – Ereignis – Subjekt. In: Reiner Keller, Andreas Hirseland, Werner Schneider, Willy Viehöver (Hg.) (2005): Die diskursive Konstruktion von Wirklichkeit. Konstanz: UVK.

Sexualität: ein- und ausschließend

Dennoch lässt sich dieser Knotenpunkt wiederum selbst in Frage stellen. Es kann also zwischen einer Unentscheidbarkeit innerhalb eines Dispositivs und einer Unentscheidbarkeit zwischen dem gesamten Dispositiv und seinen Außen unterschieden werden. Im letzten Fall steht die gesamte Sexualität auf dem Spiel, denn es geht nicht mehr nur darum, wie der Begriff Sexualität verschieden besetzt wird, sondern um diesen Begriff selbst als Totalität. Ist die Trennung zwischen sexuellem Begehren und Nicht-Sexualität nicht selbst wiederum Ausdruck eines bestimmten Begehrens und einer bestimmten Artikulation?

Stephan Moebius: Diskurs – Ereignis – Subjekt. In: Reiner Keller, Andreas Hirseland, Werner Schneider, Willy Viehöver (Hg.) (2005): Die diskursive Konstruktion von Wirklichkeit. Konstanz: UVK.


Ähnliche Seiten



// Startseite: Gender Trouble // Andere Bereiche: Herrschaftskritik // Direct Action // Zum Anfang