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Judith Butler zu Theorie und Praxis

Und was noch schlimmer ist, ich verstehe den Begriff »Theorie« nicht und habe kein Interesse daran, als deren Verfechterin vereinnahmt zu werden, und noch weniger, als Teil einer elitären Clique schwul-lesbischer Theoretiker und Theoretikerinnen bezeichnet zu werden, die schwul-lesbische Studien in der akademischen Welt legitimieren und domestizieren wollen. Gibt es überhaupt eine vorgegebene Unterscheidung zwischen Theorie, Politik, Kultur und Medien? Welche Rolle spielt diese Trennung bei der Verhinderung intertextuellen Schreibens, das doch ganz andere epistemologische Landkarten hervorbringen könnte? Aber hier und jetzt schreibe ich: Ist es schon zu spät? Kann mein Aufsatz, können sich Texte überhaupt den Bedingungen, unter denen sie in Besitz genommen, appropriiert werden, verweigern, während dieser Stolperstein, dieser Widerstand gleichzeitig von demselben kolonisierenden Diskurs bis zu einem gewissen Grad erst ermöglicht bzw. produziert wird? Wie vereinbare ich diese paradoxe Situation von Abhängigkeit und Verweigerung?

Wenn die politische Aufgabe in dem Nachweis besteht, daß Theorie niemals nur theoria (im Sinne unvoreingenommener Kontemplation) ist und daß sie äußerst politisch (im Sinne von phronesis oder sogar práxis) ist, warum nennen wir diesen Prozeß nicht einfach Politik oder eine notwendige Form derselben?

(Judith Butler: Imitation und die Aufsässigkeit der Geschlechtsidentität, S. 144. In: Andreas Kraß (Hg.) (2003): Queer Denken. Queer Studies. Frankfurt am Main: Suhrkamp.)

 

Was ist hier das Original?

Es folgt eine Art Beichte, die lediglich dazu dienen soll, die Unmöglichkeit der Beichte zu thematisieren: Als junger Mensch habe ich, wie vermutlich viele andere auch, lange Zeit darunter gelitten, daß mir implizit oder explizit zu verstehen gegeben wurde, ein »Sein« sei nur eine Kopie, eine Imitation, ein abgeleitetes Beispiel, ein Schatten des Realen. Die Zwangsheterosexualität setzt sich selbst als das Original, das Wahre, das Authentische. Die Norm, die das Reale bestimmt, impliziert, Lesbisch-»Sein« sei immer eine Art Nachahmung, ein vergeblicher Versuch, an dem unfaßlichen Überfluß naturalisierter Heterosexualität Anteil zu haben, ein Versuch, der immer und in jedem Fall fehlschlagen wird. Und obwohl die Idee der Mimesis nahelegt, daß es zunächst ein Modell geben muß, das kopiert wird, kann die Mimesis auch bewirken, daß dieses a priori vorhandene Modell als rein phantasmagorisch entlarvt wird. So kann ich mich noch genau erinnern, wie ich in Esther Newtons Mother Camp: Female Impersonators in America (1972) zum ersten Mal las, daß Travestie keine Imitation oder Kopie einer a priori existierenden und wahren Geschlechtsidentität ist. Nach Newton inszeniert die Travestie genau jene Struktur der Nachahmung, mit der jede Geschlechtsidentität angenommen wird. Travestie ist nicht das »Übernehmen« einer Geschlechtsidentität, die eigentlich einer anderen Gruppe gehört, das heißt kein Akt der Expropriation oder Appropriation, der voraussetzt, daß Geschlechtsidentität eine rechtmäßige Eigenschaft des Geschlechts ist, daß »maskulin« zu »männlich« und »feminin« zu »weiblich« gehört. Es gibt keine »richtige« Geschlechtsidentität, eine, die zu dem einen statt zu dem anderen Geschlecht gehören würde und die, in welchem Sinn auch immer, dessen kulturelles Eigentum wäre. Wo diese Vorstellung des »Richtigen« operiert, da wird sie immer, und jeweils unricbtigerweise, als Effekt eines Zwangssystems eingesetzt. Die Travestie konstituiert die profane Form, in der Geschlechtsidentitäten appropriiert, theatralisiert und angelegt werden; sie impliziert, daß jedes »Gendering«, jedes Spiel mit der Geschlechtsidentität, eine Form der Darstellung und der Annäherung ist. Wenn das stimmt, so scheint es, dann gibt es keine durch die Travestie imitierte originäre oder primäre Geschlechtsidentität, sondern die Geschlechtstdentität ist eine Imitation, zu der es kein Original gibt; tatsächlich ist sie eine Imitationsform, die als Effekt und Konsequenz der Imitation die Auffassung von der Existenz eines Originals erst produziert. Mit anderen Worten, die naturalistischen Effekte heterosexualsierter Geschlechtsidentitäten werden durch Imitationsstrategien produziert; Objekt der Imitation ist ein phantasmagorisches Ideal heterosexueller Identität, ein Ideal, das durch die Imitation als deren Effekt produziert wird. In diesem Sinne konstituiert sich die »Realität« heterosexueller Identitäten performativ durch eine Imitation, die sich selbst als Original und Grundlage aller Irmtationen setzt. Anders gesagt, die Heterosexualität befindet sich immer im Prozeß der Imitation der phantasmagorischen Idealisierung ihrer selbst und der Annäherung an sie - und sie scheitert daran. Gerade weil sie scheitern muß und doch erfolgreich sein will, wird das Projekt der heterosexuellen Identität in eine endlose Wiederholung seiner selbst getrieben. Tatsächlich muß Heterosexualität, in ihren Versuchen, sich selbst als Original zu naturalisieren, als zwanghafte und obligatorische Wiederholung verstanden werden, die nur den Effekt ihrer Originalität produzieren kann; mit anderen Worten, obligatorische heterosexuelle Identitäten, jene ontologisch gefestigten Phantasmen »Mann« und »Frau« sind theatralisch produzierte Effekte, die als Grundlagen, als Originale, als normatives Maß des Realen posieren

Betrachten wir also den homophoben Vorwurf, Tunten, butches und femmes seien Imitationen des heterosexuellen Realen. Der Begriff »Imitation« wird hier im Sinne von »abgeleitet« oder »sekundär« gebraucht, im Sinne der Kopie eines Originals, das selbst Grundlage aller Kopien ist, aber selbst keine Kopie von etwas ist. Diese Auffassung eines »Originals« ist logisch zweifelhaft, denn wie kann etwas als Original funktionieren, wenn es keine sekundären Konsequenzen gibt, die seine Originalität rückwirkend bestätigen? Das Original braucht seine Ableitungen, um sich als Original zu bestätigen, denn Originale sind nur insoweit sinnvoll, als sie sich von dem unterscheiden, was sie als Ableitungen produzieren. Wenn es also die Vorstellung der Homosexualität als Kopie nicht gäbe, dann hätten wir auch keine Konstruktion von Heterosexualität als Original. Heterosexualität setzt Homosexualltät hier voraus. Und wenn das Homosexuelle als Kopie dem Heterosexuellen als Original vorausgeht, dann ist es nur fair zuzugeben, daß die Kopie vor dem Original kommt und daß Homosexualität daher das Original ist und Heterosexualität die Kopie.

Tatsächlich sind so einfache Umkehrungen nicht möglich. Denn man kann nur sagen, daß Homosexualtät als Kopie der Heterosexualität als Original vorausgeht. Mit anderen Worten, das gesamte Gerüst von Kopie und Original erweist sich als extrem instabil, da jede Position in die andere invertiert, sich umkehrt und damit die Möglichkeit einer stabilen Verortung der zeitlichen oder logischen Priorität einer der beiden Begriffe vereitelt.

Wir wollen diese problematische Inversion jedoch aus einer psychisch-politischen Perspektive heraus betrachten. Wenn die Struktur der Imitation der Geschlechtsidentität so beschaffen ist, daß das Imitierte bis zu einem gewissen Grad durch die Imitation erst produziert - oder besser: reproduziert - wird, dann bedeutet die Behauptung, schwule und lesbische Identitäten seien in heterosexuelle Normen oder in die hegemoniale Kultur allgemein verwickelt, nicht, daß Schwul- oder Lesbisch-Sein vom Hetero-Sein abgeleitet wird. Im Gegenteil, durch Imitation wird nicht kopiert, was bereits vorhanden ist, sondern werden die Begriffe der Priorität und des Abgeleitetseins selbst erst produziert und invertiert. Wenn wir also sagen, lesbische und schwule Identitäten seien in Heterosexualität verwickelt, so ist das nicht dasselbe wie die Behauptung, sie würden von der Heterosexualität determiniert oder seien von ihr abgeleitet, und nicht dasselbe wie die Behauptung, Heterosexualität sei das einzige kulturelle Netzwerk, in das sie verwickelt sind. Es handelt sich dabei im wörtlichen Sinne um invertierte Imitationen, um solche, die die Reihenfolge von Imitiertem und Imitation umkehren und die im Verlauf dieses Prozesses die fundamentale Abhängigkeit des »Originals« von dem, was es als seinen sekundären Effekt zu produzieren behauptet, bloßstellen.

Was folgt also daraus, wenn wir von vornherein einräumen, daß »lesbische und schwule Identitäten« als abgeleitete Inversionen zum Teil mit den Begriffen derselben heterosexuellen Identitäten definiert werden, von denen sie sich unterscheiden? Wenn Heterosexualität eine unmögliche Imitation ihrer selbst ist, eine Imitation, die sich selbst performativ als Original konstituiert, dann ist die imitative Parodie der »Heterosexualität« (falls sie und überall wo sie in schwulen oder lesbischen Kulturen existiert) immer und lediglich die Imitation einer Imitation, die Kopie einer Kopie, von der es kein Original gibt. Anders ausgedrückt, der parodistische oder imitative Effekt lesbischer und schwuler Identitäten bewirkt weder die Kopie noch die Nachahmung der Heterosexualität, sondern vielmehr ihre Bloßstellung als unaufhörliche und überstürzte Imitation ihrer eigenen naturalisierten Idealisierung. Die Tatsache, daß Heterosexualität immer dabei ist, sich selbst zu erklären, ist ein Indiz dafür, daß sie ständig gefährdet ist, das heißt, daß sie um die Möglichkeit des eigenen Kollapses »weiß«: daher ihr Wiederholungszwang, der zugleich ein Verwerfen dessen ist, was ihre Kohärenz bedroht. Daß sie dieses Risiko niemals beseitigen kann, bezeugt ihre tiefgreifende Abhängigkeit von der Homosexualität, die sie völlig auszulöschen versucht (aber nicht auslöschen kann) oder die sie zweitrangig machen will, die jedoch als a priori existierende Möglichkeit immer schon da ist. Dieses Versagen naturalisierter Heterosexualität kann zwar für die Hetero­sexualität selbst auch eine Quelle des Pathos sein - von Theoretikern oft als ihre konstitutive Malaise bezeichnet -, aber es kann auch Anlaß für eine subversive und sich vervielfältigende Parodie der die Geschlechtsidentität betreffenden Normen werden, bei der gezeigt wird, daß gerade der Anspruch auf Originalität und das Reale der Effekt einer bestimmten Form der naturalisierten Mimesis des Geschlechts ist.

Es ist wichtig, daß wir erkennen, auf welche Weise heterosexuelle Normen in schwul-lesbischen Identitäten erscheinen, und daß wir bekräftigen, daß schwule und lesbische Identitäten nicht nur zum Teil von dominanten heterosexuellen Mustern strukturiert werden, sondern daß sie auch von ihnen determmiert werden. Sie stellen außerdem einen ständigen Kommentar jener naturalisierten Positionen dar, sie sind parodistische Wiederaufnahmen und Neubezeichnungen genau solcher heterosexueller Strukturen, die lesbisches bzw. schwules Leben auf die Diskursgeblete der Irrealität und der Undenkbarkeit beschränken wollen. Um es noch einmal zu wiederholen: Daß schwul-lesbische Identitäten zum Teil durch dieselben heterosexuellen Normen konstituiert oder strukturiert werden, die Schwule und Lesben unterdrücken, bedeutet nicht, daß sie von diesen Strukturen beansprucht oder determiniert werden. Und es ist auch nicht notwendig, solche heterosexuellen Konstruktionen als schädliche Einmischung des »Heterogeistes« zu begreifen, die vollständig beseitigt werden muß. Die Anwesenheit heterosexueller Konstrukte und Positionalitäten jeglicher Form in schwulen und lesbischen Identitäten setzt voraus, daß es eine schwule und lesbische Wiederholung des Hetero-Seins, seine Rekapitullerung - die selbst eine Wiederholung und Zusammenfassung seiner eigenen Idealvorstellung ist - in dessen eigener Begrifflichkeit gibt, einen Ort, an dem alle Formen der Neubezeichnung und parodistischen Wiederholung möglich werden. Die parodistische Wiederholung und Neubezeichnung heterosexueller Konstrukte in nicht-heterosexuellen Mustern machen den äußerst konstruierten Status des sogenannten Originals überdeutlich, aber sie zeigen auch, daß sich Heterosexualität nur durch einen überzeugenden Wiederholungsakt als Original konstituiert. je mehr dieser »Akt« enteignet wird, um so deutlicher wird der heterosexuelle Originalitätsanspruch als Illusion bloßgestellt.

Wenn ich mich in den vorangegangenen Ausführungen auch auf die Realitätseffekte von Praxen, Performanzen, Wiederholungen und Nachahmungen der Geschlechtsidentität konzentriert habe, so will ich damit nicht andeuten, Travestie sei eine »Rolle«, die willkürlich angenommen oder abgelegt werden kann. Hinter der Mimesis gibt es kein willensbegabtes Subjekt, das sozusagen beschließt, welche Geschlechtsidentität es heute haben wird. Im Gegenteil erfordert gerade die Möglichkeit, ein intelligibles Subjekt zu werden, daß eine bestimmte Mimesis der Geschlechtsidentität schon im Gange ist. Das »Sein« des Subjekts ist nicht stärker mit sich selbst identisch als das »Sein« einer Geschlechtsidentität; mehr noch: Eine kohärente Geschlechtsidentität, die durch die scheinbare Wiederholung ihrer Selbst erzielt wird, produziert als ihren Effekt die Illusion eines a priori existierenden und willensbegabten Subjekts. In diesem Sinne ist Geschlechtsidentität nicht eine Performanz, die zu vollziehen sich ein vorher bestehendes Subjekt erwählt, sondern sie ist performativ in dem Sinne, daß sie das Subjekt, das sie zu verwirklichen scheint, als ihren eigenen Effekt erst konstituiert. Eine obligatorische Performanz ist sie in dem Sinne-, daß den heterosexuellen Normen zuwiderlaufende Handlungen Ächtung, Bestrafung und Gewalt mit sich bringen - vom Genuß der Übertretung, den eben diese Verbote mit sich bringen, ganz zu schweigen.

Die Behauptung, daß es keine DarstellerIn gibt, die vor dem Dargestellten existiert, daß die Performanz performativ ist, daß sie das Erscheinen eines »Subjekts« als ihren eigenen Effekt erst konstituiert, ist nur schwer zu akzeptieren. Diese Schwierigkeit entsteht durch die Tendenz, Sexualität und Geschlechtsidentität so zu verstehen, als würden sie eine psychische Realität, die ihnen vorausgeht, irgendwie direkt oder indirekt »ausdrücken«. Das Leugnen der Priorität des Subjekts ist jedoch nicht gleichbedeutend mit der Leugnung des Subjekts an sich; vielmehr wird durch die Weigerung, das Subjekt mit der Psyche zu verschmelzen, die Psyche als etwas bezeichnet, das über das Gebiet des bewußten Subjekts hinausgeht. Genau dieser psychische »Überschuß« wird nämlich durch die Vorstellung von einem willensbegabten »Subjekt«, das sich zu gegebener Zeit und an einem gegebenen Ort jeweils aussuchen kann, welche Geschlechtsidentität bzw. Sexualität es sein oder annehmen will, systematisch verleugnet. Es ist dieser Überschuss, der in den Zwischenräumen, in den Pausen zwischen jenen wiederholten Gesten und Akten ausbricht, die die scheinbare Einheitlichkeit heterosexueller Positionalitäten konstruieren, ja der die Wiederholung selbst erst erzwingt und deren ewiges Scheitern garantiert. Innerhalb der heterosexuellen Ökonomie schließt daher der Überschuß die Homosexualität implizit ein, also jene dauernde Bedrohung durch eine Unterbrechung, die durch eine verstärkte Wiederholung überwunden wird. Wenn jedoch Wiederholung der Modus der Macht ist, mit dessen Hilfe die Konstruktion der Illusion einer nahtlosen heterosexuellen Identität bewirkt wird, wenn die Heterosexualität gezwungen wird, sich zu wiederholen, um die Illusion ihrer Kohärenz und Identität herbeizuführen, so ist diese Identität doch ständig gefährdet - denn was passiert, wenn die Wiederholung nicht funktioniert oder wenn die Ausführung der Wiederholung zu einem ganz anderen perforrnativen Zweck eingesetzt wird? Wenn es sozusagen einen Wiederholungszwang gibt, dann erzeugt die Wiederholung die Identität niemals voll und ganz. Die Tatsache, daß es überhaupt eine Notwendigkeit zur Wiederholung gibt, ist schon ein Indiz dafür, daß Identität nicht mit sich selbst identisch ist. Sie muß immer wieder eingerichtet werden, das heißt, sie ist in jeder »Pause« in Gefahr, abgeschafft zu werden.

Was ist also dieser psychische Überschuß, und was kann eine subversive oder abschaffende Wiederholung sein? Zunächst einmal müssen wir uns dessen bewußt sein, daß Sexualität immer über eine gegebene Performanz, Präsentation oder Erzählung hinausschießt, und daher ist es auch nicht möglich, von der gegebenen Präsentation einer Geschlechtsidentität eine bestimmte Sexualität abzuleiten oder »abzulesen«. Und wir können sagen, daß Sexualität jede definitive Erzählung übertrifft. Sie wird in einer Performanz oder Praktik nie vollständig »verwirklicht«. So gibt es zum Beispiel passive wie betont maskuline femmes, betont feminine wie aggressive butches, und am Ende beschreiben all diese Attribute (und andere) anatomisch mehr oder weniger stabile »Männer« und »Frauen«. Zwischen Geschlecht, Geschlechtsidentität und ihrer Präsentation, sexueller Praxis, Phantasie und Sexualität gibt es keine direkten, etwas »ausdrückenden« oder kausalen Verbindungen. Keiner dieser Begriffe kann die übrigen einschließen oder deterrninieren. Ein Teil dessen, was Sexualität konstituiert, ist nämlich genau das, was nicht erscheint und bis , zu einem gewissen Grad auch niemals erscheinen kann. Dies ist vielleicht der elementarste Grund dafür, daß Sexualität in gewisser Hinsicht immer verheimlicht wird, gerade gegenüber denen, die sie durch Akte der Selbstenthüllung verwirklichen wollen. Das, was ausgeschlossen wird, damit eine gegebene Geschlechts-Präsentation »erfolgreich« ist, kann gerade das sein, was sexuell ausgespielt wird; es gibt also eine sozusagen umgekehrte, »invertierte« Beziehung zwischen Geschlechtsidentität und ihrer Präsentation und zwischen dieser Präsentation und der Sexualität. Andererseits ist es möglich, daß die Darstellung der Geschlechtsidentität und die sexuellen Praxen derart übereinstimmen, daß erstere letztere »ausdrückt«, und doch konstituieren sich beide durch eben die sexuellen Möglichkeiten, die sie ausschließen.

Diese Inversionslogik wird interessanterweise in den Versionen der Geschlechter-Stilisierung durch lesbische butches und femmes ausgespielt. Denn eine butch kann sich als fähig, kraftvoll und treusorgend präsentieren, und eine stone butch kann sehr wohl danach streben, ihre Geliebte als den ausschließlichen Schauplatz erotischer Aufmerksamkeit und Genüsse zu konstituieren. Und doch kann sich diese »treusorgende« butch, die zunächst eine gewisse Ehemann-ähnliche Rolle zu wiederholen scheint, am Ende in einer Inversionslogik wiederfinden, durch die sich diese »Fürsorglichkeit« in eine Selbstaufopferung verwandelt, die die butch in die älteste Falle weiblicher Selbstverleugnung gehen läßt. Sie kann sich durchaus in einer akuten Notsituation befinden, derselben Situation, die sie bei ihrer femme-Geliebten finden und beheben wollte. Als Folge davon invertiert die butch zur femme oder bleibt vom Schreckgespenst dieser Inversion gebannt, oder sie genießt es. Andererseits kann auch die femme, die den sexuellen Austausch, wie Amber Hollibaugh es nennt, »orchestriert«, eine gewisse Abhängigkeit in die Erotik einbeziehen, um dann festzustellen, daß gerade ihre Macht, diese Abhängigkeit zu orchestrieren, ihre eigene Macht unbestreitbar enthüllt - und an diesem Punkt invertiert sie zur butcb oder fängt sich im Schreckgespenst der Inversion, oder sie genießt es vielleicht sogar.

(Judith Butler: Imitation und die Aufsässigkeit der Geschlechtsidentität, S. 155-163. In: Andreas Kraß (Hg.) (2003): Queer Denken. Queer Studies. Frankfurt am Main: Suhrkamp.)