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Kategorien sozial gemacht

Die Natur kennt keine Kategorien und bringt auch keine hervor. Kategorien sind immer gesellschaftlich produziert und haben den Zweck, menschliche Erfahrungen zu ordnen und zu organisieren. Um unbestreitbare Unterschiede zwischen individuellen Menschen als Kategorien etablieren zu können - seien es Rassen-, Klassen- oder eben Geschlechterkategorien -, müssen einerseits die zwischen ihnen bestehenden Gemeinsamkeiten weitgehend negiert oder bagatellisiert und andererseits die Unterschiede dramatisiert, in systematischer Weise hervorgehoben, durch Wertungen gewichtet und durch gesellschaftliche Mechanismen forciert werden [...] .

Gitta Mühlen Achs (1998): Geschlecht bewußt gemacht. München: Frauenoffensive (S.17)

Zuschreibungen aus sprachphilosophischer Sicht

Das Kompliment macht Vergnügen, es beruhigt nicht, es schafft keine Ruhe → Ein Kompliment, das man bekommt, enthält zweifellos ein Moment des narzißtischen Kitzels; doch ist diese erste Minute erst einmal (rasch) vorüber, ruft das Kompliment zwar keine Verletzung hervor (wir wollen nicht übertreiben!), aber doch Un­behagen: Das Kompliment legt mir etwas bei, fügt mir etwas zu, nämlich das Schlimmste aller Komplemente: ein Bild (Kompliment = Komplement, Ergänzung). Doch in Bildern gibt es keinen Frieden.

Roland Barthes (2005): Das Neutrum. Frankfurt am Main: Suhrkamp. S. 109

Ein Freund sagt zu mir: »Von jemandem sagen, er sei schön, sperrt ihn in seine Schönheit ein.« Ich sage: ja, das stimmt, aber trotzdem: nicht zu schnell! Seien wir nicht voreilig! Das ist schön, das ist frei, das ist menschlich. Es mag sein, daß wir unser Begehren in den Wind schreiben müssen (wie es uns die Psychoanalyse lehrt), aber tun wir es nicht sofort: Genießen wir das Begehren, das Adjektiv: die »Wahrheit« (wenn es denn eine gibt) soll nicht unmittelbar hereinbrechen: Genießen des Trugbilds: Der Bildhauer Sarrasine ist an der Wahrheit gestorben (Zambinella war nur ein Kastrat), doch er hat das Trugbild genossen (Zambinella war eine anbetungswürdige Frau"'): Ohne das Trugbild, ohne Adjektiv, geschähe nichts. Gewiß, das Adjektiv sperrt (den anderen, mich) stets ein, genauso ist es ja definiert: präzidieren heißt bejahen, also einsperren. Doch die Adjektive abschaffen hieße die Sprache sterilisieren, letztlich zerstören, begraben; vgl. jenen australischen Stamm, der jedesmal, wenn eines seiner Mitglieder gestorben ist, zum Zei­chen der Trauer ein Wort der Sprache unterdrückt. Statt die Sprache keimfrei zu machen: lieber sie auskosten, sie sanft reiben oder meinetwegen striegeln, aber sie nicht »purifizieren« : Wir können das Trugbild der Trauer vorziehen, oder wenigstens können wir anerkennen, daß auch das Trugbild, auch das Adjektiv seine Zeit hat. Vielleicht ist das Neutrum genau das: das Prädikat als Moment, als eine Phase akzeptieren.

Roland Barthes (2005): Das Neutrum. Frankfurt am Main: Suhrkamp. (S. 115)