Dieses Jahr jährt sich in Giessen nicht nur der 66. Jahrestag der Reichspogromnacht, sondern auch der 60. Jahrestag der alliierten Luftangriffe von 1944.
Einen Teil der Giessener Bevölkerung geht es dann wie so vielen Deutschen – nicht um individuelle Trauer, sondern einzig und allein um eine kollektive Opferidentität. So sieht sich ein (groß-) Teil der Deutschen Bevölkerung lieber als die eigentlichen Opfer Hitlers, als unterdrückte Bevölkerung, Ausgebombte, Kriegsgefangne und Heimatvertriebene.
Die eigentlichen Opfer des NS-Regimes müssen jedoch mit internationalen Druck ausstehende Entschädigungen einfordern. Diese geringfügigen Zahlungen an die Opfer des Holocaust werden als erneute ungerechtfertigte Schuldzuweisung verstanden. So titulierte einst Rudolf Augstein (ehemaliger Herausgeber der Zeitschrift „SPIEGEL“) die Anwälte der Zwangsarbeiter als „Haifische im Anwaltsgewand“. Endlich mit der deutschen Vergangenheit abzuschließen und somit wieder mit gutem gewissen Deutscher sein zu können, forderte der Schriftsteller Martin Walser bei seiner „berühmten“ Rede in der Frankfurter Paulskirche vor der selbsternannten geistigen Elite Deutschlands. Walsers Kritik über die „Moralkeule Auschwitz“ wurde mit Standing Ovations von den anwesenden Gästen bedacht – nur zwei von ihnen blieben sitzen: Ida und Ignatz Bubis (damals Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland). Sie mögen geahnt haben, was für ein Geist dort rituell aus der Flasche gelassen wurde: Dass „die Deutschen den Juden Auschwitz nie verzeihen“ würden. (Hendrik Broders).
„german reality”
Das man immer noch nicht bereit ist, die noch wenigen überlebenden Zwangsarbeiter zu entschädigen beweist der Kunstsammler Friedrich Christian Flick mit seiner, von Bundeskanzler Schröder neueröffneten Kunstausstellung in Berlin. Der Grundstock seines Vermögens, was somit auch zur Finanzierung der Ausstellung beigetragen hat stammt aus dem Erbe seines Großvater Friedrich Flick. Jener war einer der wichtigsten Rüstungsproduzenten für Hitler und Nutznießer des Naziregimes. In den Flick-Werken schufteten über 50.000 ZwangsarbeiterInnen. Friedrich Flick wurde zwar als Kriegsverbrecher in Nürnberg verurteilt aber sein Geld verlor er dadurch nicht. Friedrich Christian Flick distanziert sich von den Kriegsverbrechen seines Großvaters, mit denen er auch nichts zu tun haben möchte. Aber das „Blutgeld“ seines Großvaters nahm er dankend an.
<>„no love for the nation“>
In Abwandlung eines Satzes von Max Horkheimer wäre zu konstatieren, dass wer vom Antisemitismus 2004 schweigen will, vom 9. November 1938 nicht reden soll. 66 Jahre nachdem der deutsche Nationalsozialismus in den Pogromen 1938 für die Welt offenkundig zu sich selbst gekommen war, erlebt der Antisemitismus in
„old Europe“ eine ekelhafte Renaissance. Gewandelt haben sich dabei weniger die antisemitischen Wahnprojektionen als vielmehr deren Projektionsfläche: das als Zufluchtsort für die weltweit vom Antisemitismus Verfolgten geschaffene Israel. So hat eine von der EU durchgeführte Umfrage ergeben, dass 59% der
EU-BürgerInnen Israel für die größte Bedrohung des Weltfriedens halten und jeder vierte EU-BürgerInnen möchte(n) nicht neben einem Juden wohnen.
Auch wenn die bekennende Neo-Nazi-Szene längst kein Monopol auf Judenhass besitzt, fällt es dieser leichter an antijüdische Ressentiments anzudocken. So wurde im Juni diesen Jahres zur einer Demonstration gegen den geplanten Synagogenbau in Bochum aufgerufen – dies war seit 1945 wieder der erste Naziaufmarsch für einen antijüdischen Pogrom. Fast schon zum traurigen Alltag gehören die Schändungen von jüdischen Gräbern, Friedhöfen und Gedenkstätten. Nicht selten kommt es vor, dass wegen ihrer Kleidung sichtlich erkennbare (orthodoxe-) Juden verbal und körperlich angegriffen werden, so auch am 31. August diesen Jahres in Frankfurt am Main geschehen.
Deutlicher kann nicht zum erneuten Angriff auf jüdisches Leben in Deutschland geblasen werden – dies gilt es zu verhindern.
Das Gedenken an die Opfer der Reichspogromnacht verbindet sich für uns mit einer Kampfansage gegen jede Form des Antisemitismus und Nationalismus.
Gegen Geschichtsrevisionismus und Antisemitismus – Deutschland abschaffen
Antifa.R4 [refuse.resist.revolt.join the revolution] – November 2004